E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Das Fräulein von Scuderi“ erschien erstmals 1819 in dem Almanach „Taschenbuch für das Jahr 1820. Der Liebe und Freundschaft gewidmet“ und war einer seiner größten Erfolge beim Lesepublikum. Nach Richard Alewyn hat Hoffmann mit dieser Erzählung sogar die erste Detektivgeschichte geschaffen – eine These, die in der germanistischen Forschung ausführlich diskutiert und mehrheitlich bestritten wurde. Einig ist man sich jedoch darüber, daß das „Fräulein von Scuderi“ deutliche Züge der Kriminalerzählung aufweist, in deren Zentrum zwei Künstlerfiguren stehen. Im Folgenden soll untersucht werden, in welchem Maße es sich um eine Kriminalerzählung handelt und in welcher Verbindung diese zu der Künstlerthematik steht. Der Schwerpunkt der Betrachtung liegt hierbei auf den beiden Protagonisten Scuderi und Cardillac, sowohl hinsichtlich ihrer Einordnung in den Kriminalfall als auch in ihrem Künstlertum.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Kriminalistische Elemente der Erzählung
2.1 Die Verbrechen und ihr Schauplatz
2.2 Rene Cardillac – der „Überverbrecher“
2.3 Olivier Brusson – der unschuldige Verdächtige
2.4 Madame de Scudery – die Detektivin?
2.5 Detektivische Momente bei la Regnie und Miossens
3. Die Künstlerproblematik
3.1 Das Künstlertum Rene Cardillacs
3.2 Das Künstlertum Madame de Scuderis
4. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Das Fräulein von Scuderi“ im Hinblick auf ihre Struktur als Kriminalerzählung und deren funktionale Verbindung zur zentralen Künstlerthematik. Dabei wird analysiert, wie das kriminelle Geschehen als Rahmen dient, um die gegensätzlichen Künstlertypen Cardillac und Scuderi sowie deren gesellschaftliche Rolle zu beleuchten.
- Analyse der kriminalistischen Elemente und ihrer Funktion in der Erzählstruktur.
- Untersuchung der psychologischen Tatmotivation von Rene Cardillac.
- Reflexion der detektivischen Rollen und der Wahrheitsfindung durch die Protagonisten.
- Gegenüberstellung des genial-asozialen und des gesellschaftsbezogenen Künstlertyps.
- Bedeutung der Wechselwirkung zwischen Kunst und Realität in der Novelle.
Auszug aus dem Buch
2.1 Die Verbrechen und ihr Schauplatz
Schauplatz der Erzählung ist die Stadt Paris, der Untertitel „Erzählung aus dem Zeitalter Ludwig des Vierzehnten“ verweist auf die Handlungszeit, welche noch präzisiert wird: „es mochte im Herbste des Jahres 1680 sein“ (H 3). Die Handlung beginnt wie eine echte Detektivgeschichte mit einem unheimlichen und rätselhaften Vorfall: um Mitternacht klopft ein Unbekannter an die Haustür der Hofdichterin Madame de Scuderi, verschafft sich Einlaß und versetzt durch sein bedrohliches Verhalten die Angestellte der Dichterin in Angst und Schrecken; schließlich übergibt er ein geheimnisvolles Kästchen und flieht er vor der nahenden Polizei.
An diese Eingangsszene fügt Hoffmann sogleich eine Beschreibung der Pariser Zustände und erläutert damit die Besorgnisse und den Schrecken der Angestellten der Scuderi über den nächtlichen Besucher: „Gerade zu der Zeit war Paris der Schauplatz der verruchtesten Greueltaten, gerade zu der Zeit bot die teuflischste Erfindung der Hölle die leichtesten Mittel dazu“ (H 8). Dem Gehilfen des deutschen Apothekers Glaser, Exili, gelang die Herstellung eines Giftes, „das ohne Geruch, ohne Geschmack, entweder auf der Stelle oder langsam tötend, durchaus keine Spur im menschlichen Körper zurückläßt [...]“ (H 9). Über den Hauptmann de Sainte Croix gelangt die Marquise de Brinvillier an das Gift, „ein entartetes Weib“ und „Ungeheuer“ (H 9), welche ihre gesamte Familie damit ermordet. Der Leser erfährt, daß „Verbrechen der Art zur unwiderstehlichen Leidenschaft werden“ und „ohne weitern Zweck, aus reiner Lust daran“ verübt werden (H 9), d.h. die Morde entziehen sich sowohl der physischen Nachweisbarkeit als auch der Nachvollziehbarkeit einer psychologischen Motivation. Desgrais, einem Beamten der Marechaussee gelingt es zwar, die Brinvillier durch eine List zu verhaften, doch nach ihrer Hinrichtung beginnt der eigentliche Schrecken – ihre Mordmethode hatte Nachahmer gefunden: „wie ein unsichtbares tückisches Gespenst schlich der Mord sich ein in die engsten Kreise, wie sie Verwandtschaft – Liebe – Freundschaft nur bilden können“, „das grausamste Misstrauen trennte die heiligsten Bande“ (H 11).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in E.T.A. Hoffmanns Erzählung ein, diskutiert ihre literarische Einordnung als Kriminalgeschichte und definiert das Untersuchungsziel hinsichtlich der Künstlerthematik.
2. Kriminalistische Elemente der Erzählung: Hier werden die historischen Hintergründe der Pariser Mordserie sowie die Funktionen der verschiedenen Figuren, vom Verdächtigen bis zur Detektivin, detailliert analysiert.
3. Die Künstlerproblematik: In diesem Kapitel erfolgt die Gegenüberstellung von Cardillac als genial-asozialem Künstler und Madame de Scuderi als gesellschaftlich integriertem Künstlertypus.
4. Fazit: Die Zusammenfassung verdeutlicht, dass Hoffmann Kriminalelemente primär nutzt, um eine tiefere psychologische und künstlerische Problematik zu entfalten, wobei das Kriminalistische zugunsten der Künstlerthematik in den Hintergrund tritt.
Schlüsselwörter
E.T.A. Hoffmann, Das Fräulein von Scuderi, Kriminalerzählung, Künstlerthematik, Rene Cardillac, Madame de Scuderi, Detektivgeschichte, Pränatales Trauma, Literaturanalyse, Genre-Theorie, Romantik, Mordmotiv, Werkbesessenheit, Psychologie, Erzählstruktur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Erzählung „Das Fräulein von Scuderi“ von E.T.A. Hoffmann hinsichtlich ihrer Struktur als Kriminalerzählung und ihrer zentralen Thematik des Künstlertums.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die detektivischen Elemente der Handlung, die Rolle der Kunst in der Gesellschaft sowie die psychologische Auseinandersetzung mit den Protagonisten Cardillac und Scuderi.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist aufzuzeigen, in welchem Maße die Kriminalhandlung als Instrument dient, um die ambivalente Natur des Künstlertums und die gesellschaftliche Zerrissenheit der Künstlerfiguren darzustellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin verwendet eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Primärtext eng auslegt und mit fachspezifischer Forschungsliteratur zur Kriminalistik und zum Künstlermythos in der Literatur abgleicht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung kriminalistischer Aspekte (Verbrechen, Tatmotivation, Detektion) und eine tiefgehende Analyse der Künstlerproblematik anhand der zwei gegensätzlichen Typen Cardillac und Scuderi.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Künstlerthematik, Kriminalerzählung, pränatales Trauma, Werkbesessenheit und Detektivgeschichte.
Warum ist Rene Cardillacs Verhalten als „Überverbrecher“ zu bezeichnen?
Cardillac ist eine außergewöhnliche Täterfigur, da er als angesehener Künstler aus einer tiefen, durch ein pränatales Trauma bedingten Besessenheit handelt, die ihn in eine unauflösbare Doppelexistenz zwischen bürgerlichem Ansehen und mörderischer Tat treibt.
Welche Funktion erfüllt Madame de Scuderi als Detektivin?
Obwohl sie Züge einer Detektivin aufweist, dient ihre Rolle nicht der rationalen Aufklärung des Falles durch Kombinationsgabe, sondern ihrer persönlichen emotionalen Entwicklung und der Rettung der ihr anvertrauten Schützlinge.
Wie beeinflusst das pränatale Trauma die Interpretation der Geschichte?
Das Trauma erklärt die irrationale und dämonische Komponente von Cardillacs Handeln, wodurch der Kriminalfall bewusst der rein analytischen Aufklärung entzogen wird.
- Arbeit zitieren
- Sandra Anger (Autor:in), 2003, E.T.A. Hoffmann: "Das Fräulein von Scuderi" - Kriminalerzählung und Künstlerthematik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/46978