Eine kritische Analyse zum Gedankenexperiment "Das chinesische Zimmer" von John R. Searle

Über "Programmatic Consciousness" und Künstliche Intelligenz


Hausarbeit, 2019

16 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

II. Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Künstliche Intelligenz

3 Das chinesische Zimmer
3.1 Kontextualer Rahmen und Bedeutung
3.2 Inhaltliche Beschreibung
3.3 Annahmen und Aussagen
3.4 Angriff weiterer Ansätze der KI-Forschung

4 Kritische Analyse
4.1 Wie funktionieren Gedankenexperimente?
4.1.1 Vorstellung unterschiedlicher Positionen
4.1.2 Why Thought Experiments Do Not Transcend Empiricism
4.2 Untersuchung der Tragfähigkeit nach diesem Anspruch
4.3 Chancen kognitionswissenschaftlicher Gedankenexperimente

5 Abschließende Betrachtung und Ausblick

III. Literaturverzeichnis

Fußnoten können sich auf mehrere Sätze oder ganze Abschnitte beziehen. Ausschließlich aus Gründen der leichteren Lesbarkeit wird die männliche Sprach for m bei personenbezogenen Substantiven und Pronomen verwendet.

II. Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 - Bereiche der Kognitionswissenschaften

1 Einleitung

Können künstlich erschaffene Maschinen wie Sie und ich bewusst, und mit dem Zuspruch eines gewissen, menschenähnlichen Maßes der Intelligenz, denken? Diese Frage stellt sich neben dem US-amerikanischen Philosophen John Rodgers Searle auch die Künstliche Intelligenz1 Forschung als Teilbereich der interdisziplinären Kognitionswissenschaften sowie der Informatik, auf der Suche nach immer effizienteren neuronalen Netzen und intelligenteren, lernfähigen Algorithmen. Doch kann durch die Ausführung eines Programmes eine Maschine dem, zugegebenermaßen vage definierten und philosophisch nur äußerst diffus abgegrenzten Begriff der Intelligenz gerecht werden? Als deutliche Position zu dieser wissenschaftlich rätselhaften Fragestellung präsentierte John. R. Searle 1980 erstmalig sein Gedankenexperiment „das chinesische Zimmer“.

Hiermit soll die Frage nach einer möglichen, programmatischen Funktionsweise des Bewusstseins ein für alle Mal verneint werden, da die Ausführung eines Programmes laut Searle nicht zu wirklichem Verständnis bzw. zu Bewusstsein führt. Eine Korrelation zwischen der Existenz eines Bewusstseins und der, in der Informatik grundlegenden, funktionsorientierten Ausführung eines Programmes, ist also nicht gegeben.

Doch können wir über Gedankenexperimente tatsächlich glaubhafte Rückschlüsse auf die Wirklichkeit ziehen? Ist durch John R. Searles Gedankenexperiment widerlegt, dass Maschinen Intelligenz ausbilden können? Diese Fragen sollen als Leitfaden für die folgende Arbeit dienen. Um eine eindrückliche Antwort zu liefern, wird in Kapitel 2 der Gegenstandsbereich der Künstlichen Intelligenz Forschung im Rahmen der Kognitionswissenschaften erörtert. Darauf folgend findet sich in Kapitel 3 die ausgeführte Darstellung des chinesischen Zimmers, wobei neben der kontextualen Einordnung in den geschichtlichen Diskurs grundlegende Prämissen herausgestellt und denkbare Abwandlungen des Gedankenexperiments untersucht werden. Kapitel 4 wird durch eine kurzgefasste, allgemeine Typologie philosophischer Gedankenexperimente eröffnet, worauf die kritische Analyse Searles Gedankenexperiments, hinsichtlich der Aussagekraft und Tragfähigkeit der Konklusionen dieses speziellen mentalen Experiments, folgt. Hier soll mit besonderem Augenmerk die Aussagekraft von Gedankenexperimenten in den empirischen Wissenschaften anhand von John D. Nortons argumentativen Aufsatzes "Why Thought Experiments Do Not Transcend Empiricism“ beurteilt werden. Das Ende dieser Arbeit bildet eine abschließende Betrachtung mit kurzem Ausblick auf zukünftige Entwicklungen.

Die Motivation zum Schreiben dieser Arbeit beruht in meinem, mit dem fachlichen Hintergrund der Wirtschaftsinformatik verbundenen, großen Interesse an der philosophischen Betrachtung des Verhältnisses, der Entwicklung und des Zusammenspiels von Mensch und Technik. Die Implementation von AI stellt einen neuen Meilenstein der kontemporären Digitalisierung dar. Die moralischen und ethischen Einflüsse sind als immens zu erwarten.2 Um die Entwicklung und die möglichen Auswirkungen künstlicher Intelligenzen auf menschliche Gesellschaften philosophisch einschätzen zu können und moralische Richtlinien für die tiefer verzahnte Interaktion mit technischen Systemen zu entwickeln, ist die Ergründung der Aussichten und Grenzen maschineller Intelligenz ausschlaggebend.3

2 Künstliche Intelligenz

Die Vorstellung einer künstlichen Intelligenz fasziniert die unterschiedlichsten Wissenschaften seit langer Zeit, doch erst die, dem Zeitalter der Digitalisierung entsprungene Informatik, brachte Reminiszenzen an kuriose und einstmals kaum vorstellbare Science-Fiction Darstellungen. Die moderne Informatik hat durch realitätsnahe Operationen zur Umsetzung und der alltäglichen Integration künstlicher Intelligenz, wie beispielsweise in selbstfahrenden Autos oder mobilen Sprachassistenten, ein großes gesellschaftliches Interesse geweckt. Die Integration von KI bei der Steuerung absatzrelevanter Prozesse in Unternehmen oder die Möglichkeit eines intelligenten Verbundes an zum Beispiel Robotern, die eigenständig miteinander kommunizieren um ein Produkt zu fertigen, polarisieren die Weltwirtschaft. Eine kaum vorstellbare Fülle an Einsatzzwecken und den damit verbundenen Auswirkungen der KI auf die Menschheit birgt große ethische sowie gesellschaftliche Herausforderungen, ebenso aber auch einen positiven, multiplikativen Effekt für die wachsende Forschung der Kognitionswissenschaften. Ob oder wie weit die Möglichkeiten der Informatik zur Entwicklung von menschenähnlicher Intelligenz wirklich reichen, ist heute noch unklar.

Die Kognitionswissenschaft, als interdisziplinärer Verbund der Philosophie, Psychologie, Neurowissenschaft, Linguistik, Anthropologie und künstlichen Intelligenz als Teilgebiet der Informatik4, strebt nach der Erforschung unbewusster und bewusster kognitiver Vorgänge.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 - Bereiche der Kognitionswissenschaften

Auch wenn die generelle Möglichkeit der Existenz einer künstlich geschaffenen Intelligenz im wissenschaftlichen Diskurs oftmals als plausibel anerkannt wird, so bringt ihre Realisierung Probleme unterschiedlichster perspektivischer Herkunft mit sich. Während die Informatik sich mit der technischen Automatisierung von Prozessen zur Realisierung intelligenten Verhaltens und dem maschinellen Lernen befasst, betrachtet die Kognitionswissenschaft neben der reinen Kognition auch beispielsweise die generelle Frage nach den Bestandteilen menschlicher Intelligenz, wie die Ursache und Wirkung von Emotion und Motivation. Die aktuellen Ansätze der KI-Forschung zur maschinellen Imitation intelligenten Verhaltens sind der Symbolverarbeitungs- ansatz, konnektionistische neuronale Netze und die verhaltensbasierte KI.5

Der Symbolverarbeitungsansatz geht davon aus, dass die Verarbeitung von Symbolen notwendige und hinreichende Bedingung für die Simulierung intelligenten Verhalts ist. Dieser, auch als Good Old-Fashioned (GOFAI) bezeichneter Ansatz, baut auf der komputationalen Theorie des Geistes auf. Diese besagt, dass ein menschliches Gehirn in seiner Funktion auch als logisches Informationsverarbeitungssystem betrachtet werden kann, und abstrahiert in diesem Zuge kognitive Funktionen des Gehirns völlig von ihren biologischen Gegebenheiten. Eine weitere Technik stellt die Programmierung digitaler, neuronaler Netze dar. Hierbei wird weniger von einer Trennung logisch abstrakter Funktionen und dem Gehirn ausgegangen und versucht, künstlich die Funktion von Netzen aus Neuronen im Gehirn nachzubilden. Hier ist besonders die gewichtete Verbindung zwischen zwei Neuronen wichtig, weshalb man auch vom Konnektionismus spricht. Die größte Stärke aktueller Architekturen künstlicher neuronaler Netzte liegt in ihrer effizienten Umsetzung maschinellen Lernens, so eignen sie sich beispielsweise besonders gut zur effizienten Mustererkennung. Ein dritter Ansatz der KI-Forschung bezieht auch die Umwelt und den Körper in die Entwicklung von künstlicher Intelligenz mit ein. Als Embodiment wird eine These betitelt, die ein Kognitionsverständnis beschreibt, wonach das Bewusstsein notwendigerweise einen Körper verlangt. Auch wenn dieser Ansatz in der Robotik erste Erfolge bei der sensomotorischen Steuerung feiern konnte, ist er bislang nicht für die Lösung abstrakter Probleme hilfreich. Die größte Resonanz finden heutzutage, auf Grund ihrer guten Lernfähigkeit, künstliche neuronale Netzte, wobei z.B. Sprachfunktionen auch hier ein großes Problem darstellen. Für den Menschen muss, im Gegensatz zum künstlichen neuronalen Netz, nicht jeder Dialekt einer Sprache gehört und gelernt werden, um eine Sprache zu verstehen.6

Eine weitere, relevante Differenzierung in der Diskussion um die Möglichkeiten künstlicher Intelligenzen, ist die Unterscheidung zwischen schwacher und starker KI. Während starke KI sich zum Ziel gesetzt hat, menschliches Verhalten gänzlich mechanisch zu simulieren, zeichnet sich schwache KI durch ihre starke Situiertheit für konkrete Anwendungsprobleme intelligenten Denkens aus. Für die Umsetzung starker KI stellen Phänomene wie die Existenz eines Bewusstseins oder Qualia bis heute ungelöste Probleme dar.

3 Das chinesische Zimmer

3.1 Kontextualer Rahmen und Bedeutung

John R. Searles publizierte 1980 sein Gedankenexperiment „ Das chinesische Zimmer“ im Rahmen seines Aufsatzes „Minds, Brains, and Programs“ als durchdachtes Argument im wissenschaftlichen Disput um die Frage, ob Maschinen alleine durch die Ausführung eines passenden Programmes ein Bewusstsein ausbilden können.

„ And that is why strong AI has little to tell us about thinking, since it is not about machines but about programs, and no program by itself is sufficient for thinking.” 7

Das Experiment soll zeigen, dass Computer in der Lage sind, regelbasiert Zeichenketten zu verändern, ohne den Inhalt der Zeichen zu verstehen. Eine gewisse Syntax zu befolgen befähigt demnach nicht zur Semantik. Searle argumentiert, dass es in diesem Fall an intrinsischer Intentionalität mangelt.

Intentionalität beschreibt er als die Eigenschaft von mentalen Zuständen und Vorgängen, sich auf reale oder vorgestellte Gegenstände, Eigenschaften oder Sachverhalte der Welt zu beziehen. Für die intrinsische, im Gegensatz zur abgeleiteten Intentionalität, reicht es darüber hinaus nicht aus „[…] Zustände mit einer gewissen Bedeutung zu haben, sondern diese Bedeutung muss auch bewusst sein.“8 Nur mit der Fähigkeit zur Semantik, durch die Existenz intentionaler Zustände, können die Bedingungen für stake KI erfüllt werden.9

Ein weit verbreitetes und häufig diskutiertes Testverfahren für die Feststellung von einem, dem Menschen ebenbürtigen Denkvermögen, veröffentlichte der britische Logiker, Mathematiker und Informatiker Alan M. Turing im Jahr 1950. Der sogenannte Turing-Test klassifiziert eine Maschine als intelligent, wenn sie in einem Dialog, der über eine Tastatur und einen Bildschirm ohne Sicht- oder Hörkontakt geführt wird, nicht von einem menschlichen Chatpartner zu unterscheiden ist.10 Searle entgegnete, dass dies kein ausreichendes Kriterium für die Bestimmung starker KI sei, da der Test auch ohne Vorhandensein von Intentionalität oder eines Bewusstseins bestanden werden kann. Searle stellt damit die komputationale Theorie des Geistes11 in Frage. Sein Gedanken- experiment gilt hierfür als Schlüsselargument.

3.2 Inhaltliche Beschreibung

Der Ablauf des Gedankenexperiments lässt sich wie folgt umschreiben. Man stelle sich ein Zimmer vor, in das Karten mit chinesischen Schriftzeichen hineingegeben werden. Im Zimmer wird die Karte von einer Person entgegengenommen, die kein Chinesisch versteht. Die Person im Zimmer besitzt jedoch eine, in der eigenen Muttersprache formulierte Anleitung zur Übersetzung der verschiedenen Zeichen. Für jedes chinesische Schriftzeichen und für jede gültige Kombination dieser existiert also eine eindeutige Übersetzungsanleitung, sodass die Person die passende Antwort in Form chinesischer Symbole herausgeben kann. Für die Person außerhalb des Zimmers scheint es so, als verstehe das Zimmer die chinesische Sprache.12 Die Person innerhalb des Zimmers sieht jedoch in den chinesischen Symbolen nach wie vor nicht mehr als „[..] meaningless squiggles.”13

[...]


1 Der deutschsprachige Terminus „Künstliche Intelligenz“ (abgekürzt KI) wird in dieser Arbeit gleichbedeutend mit dem englischen „Artificial Intelligence” (abgekürzt AI) verwendet.

2 Vgl. (Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunik & Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelli, 2017, S. 25)

3 Das Positionspapier des Bitkom e.V. und der DFKI (2017) bietet einen zeitgemäßen Überblick der wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, rechtlichen und ethischen Facetten des Einsatzes von künstlicher Intelligenz.

4 Vgl. Abbildung 1 – Bereiche der Kognitionswissenschaften (Miller, 2003, S. 143)

5 Vgl. (Misselhorn, 2018, S. 21-29)

6 Vgl. (Misselhorn, 2018, S. 21-29)

7 S. (Searle, Minds, brains and programs, 1980, S. 417)

8 S. (Misselhorn, 2018, S. 34)

9 Vgl. (Searle, Intentionality: An Essay in the Philosophy of Mind, 1983, S. 1-4)

10 Vgl. (Turing, 1950, S. 433)

11 Hilary Putnam gilt als einer der wichtigsten Denker der Philosophie des Geistes im 21. Jahrhundert und arbeitete bis in die späten 1980er Jahre mit Jerry Fodor, seinem Doktoranden, an der computational theory of mind (CTM). Vgl. (Rescorla, 2017)

12 Vgl. (Searle, Minds, brains and programs, 1980, S. 417-418)

13 S. (Searle, 1980, S. 418)

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Eine kritische Analyse zum Gedankenexperiment "Das chinesische Zimmer" von John R. Searle
Untertitel
Über "Programmatic Consciousness" und Künstliche Intelligenz
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
Gedankenexperimente
Note
2,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
16
Katalognummer
V470168
ISBN (eBook)
9783668952959
ISBN (Buch)
9783668952966
Sprache
Deutsch
Schlagworte
eine, künstliche, consciousness, programmatic, über, searle, john, zimmer, gedankenexperiment, analyse, intelligenz
Arbeit zitieren
Fabian Meiners (Autor), 2019, Eine kritische Analyse zum Gedankenexperiment "Das chinesische Zimmer" von John R. Searle, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/470168

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