Der Einfluss der Social Media auf die tägliche Identitätsbildung in der Adoleszenz

Zwischen Fremdbestimmung und Selbstdarstellung


Bachelorarbeit, 2019
45 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffliche Annäherung
2.1 Identität
2.2 Adoleszenz
2.3 Medien / Social Media

3 Identitätsarbeit im Jugendalter
3.1 Traditionelle Identitätsbildung nach Erik H. Erikson
3.2 Moderne Identitätsbildung nach Heiner Keupp

4 Mediennutzung in der Identitätsbildung
4.1 Mediennutzung alter & neuer Medien
4.1.1 Einfluss sozialer Netzwerke
4.2 Suche nach Anerkennung

5 Werkzeuge in der Social Media-Nutzung
5.1 Texte
5.2 Fotos
5.2.1 Selfies
5.3 Zwischen Fremdbestimmung und Selbstdarstellung
5.4 Die Angst, etwas zu verpassen
5.5 Risiko von Selbstsozialisation

6 Ausblick

Quellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

„Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen? Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß? [...] Wer bin ich, der oder jener? Bin ich denn heute dieser oder morgen ein anderer? Bin ich beides zugleich? [...] Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“

(Dietrich Bonhoeffer)1

Der Theologe Dietrich Bonhoeffer spiegelte 1944 in seinem Gedicht „Wer bin ich?“ die wesentliche Frage der menschlichen Existenz wider. Die Suche nach Antworten auf den Sinn des Daseins scheint ein unlösbares Rätsel. Dabei stößt der Suchende früher oder später auf sein Selbst und beginnt seinen Standort in der Welt zu suchen. Auf die essentielle Frage „Wer bin ich?“ folgt im nächsten Schritt die Frage „Wie werde ich wahrgenommen?“. Die heutige Lebenswelt bietet besonders Jugendlichen durch Digitalisierung und Globalisierung viel mehr Möglichkeiten sich zu entfalten als vor einhundert Jahren. Medien und das Internet im Besonderen sind dabei neue Einflussfaktoren im Gebiet der Identitätsbildung. Gerade im teilweise orientierungslosen Raum des Jugendendalters hat das Internet eine besondere Rolle. Das Internet bietet Anlaufstelle für persönliche, wissenschaftliche oder berufliche Fragen. Das Wissen über die Handhabung des Internets bleibt aber autodidaktisch, sodass die Jugendlichen auf sich selbst oder die Meinung Gleichaltriger gestellt sind ( DIVSI 2018: 98). Die Vernetzung findet medial in sozialen Netzwerken statt – der Social Media. Der Social Media Bereich, als Teil des Internets ist mittlerweile nicht mehr aus dem Alltag der Jugendlichen wegzudenken. Der Großteil der meistgenutzten Programme auf den Smartphones sind Social Media Angebote (mpfs 2018: 36). Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Gruppe Jugendlicher, die in der Forschung und öffentlichen Wahrnehmung als „Digital Natives“2 bekannt sind (vgl. Spiewack 2017, Riederle 2013). Die fundamentale Fragestellung nach dem Dasein findet im Verlauf der Zeit immer mehr Einzug in den klassischen Sozialisationsinstanzen. So finden sich die Fragen auch bei den Digital Natives und den modernen Medien wieder. Aufgrund der Vielfalt in Wissens-, Kommunikations-, Beziehungs-, und Arbeitsbereichen erfüllt das Internet heute vergleichbare Aufgaben in der Sozialisation von Kindern und Jugendlichen und bildet eine gleichwertige Sozialisationsinstanz, wie die Schule, die Arbeit oder das Elternhaus (vgl. Schorb 2006: 149f.). Jugendliche integrieren die medialen Anwendungen wie selbstverständlich in ihren Alltag und schaffen somit neue Kontexte des Verhältnisses von Mensch und Technik (vgl. Alfert 2015: 75f.). Die Social Media als Teil des sozialen Internets zeichnet sich durch die schier grenzenlosen Optionen der Datenverarbeitung und Selbstdarstellung in der virtuellen Welt aus. Die daraus resultierenden Chancen und Problemfelder machen diese sozialen Angebote zu einem so spannenden und hoch aktuellen Forschungsgegenstand.

Ich untersuche die eigene These, dass die Rahmung und die Werkzeuge moderner Social Media-Angebote einen erheblichen Einfluss auf die tägliche Identitätsbildung von Jugendlichen in der Adoleszenz haben. Der Leser soll durch eine deduktive Gliederung einen kohärenten und strukturierten Eindruck in die Thematik erhalten: Zunächst steht das mehrdimensionale Verständnis von Identität im Allgemeinen und schließlich der spezifische Einfluss von Social Media auf diese in der Zeit der Adoleszenz im Fokus der Betrachtung. Kapitel 2 erläutert die grundlegenden Begriffe Identität, Adoleszenz und Medien / Social Media. Sie dienen im Laufe der Arbeit als begriffliche Grundpfeiler. Erik H. Eriksons und Heiner Keupps klassische beziehungsweise moderne Grundlagentheorie zur Thematik der Identitätsbildung von Jugendlichen wird in Kapitel 3 beschrieben und erläutert. Hier wird der Übergang einer starren, linearen Identitätsentwicklung hin zu einer Patchwork-Identität umrissen. Auf den theoretischen Grundlagen aufbauend untersuche ich die Verschiebung klassischer Mediennutzung hin zu sozialen Medien. Die Argumentation bildet eine Symbiose aus medienpsychologischen, theologischen und anthropologischen Sichtweisen. Anders als die klassischen Medien bedarf es in der Social Media einer aktiven Medienarbeit. Daher richtet sich der Blick zum Schluss der Arbeit auf die unterschiedlichen methodischen Herangehensweisen Jugendlicher innerhalb der Social Media und welche Folgen sie für die tägliche Identitätsarbeit haben.

Bis dato behandeln einige Quellen die Forschungsthematik im weiteren Sinne. Keupp et al. (2008) untersuchen in ihrem Werk die Wandlungsdynamik der modernen Gesellschaft und versuchen die innerlichen Passungen von einer subjektiven Innenwelt und dem gesellschaftlich gewünschten Außen zu erläutern und fortzuführen. Auf der Suche nach neuen Identitätskonzepten und -denkweisen arbeiten sich die Autoren kritisch an den klassischen Paradigmenmodellen Erik H. Eriksons ab. Abels (2010) bildet mit seinem Werk Grundlagenliteratur in der Erörterung von Identität. Die Verbindung zwischen den Bereichen Privatheit und Social Media thematisiert Trültzsch-Wijnen (2018) in seiner Monographie. Der Autor thematisiert das selbstdarstellerische Medienhandeln, wie es zu erklären ist und welche Paradoxien es im Alltag mit sich bringt. Die Adoleszenz verläuft genauso wie das Medienverhalten Jugendlicher wenig linear. Eine individuelle Lösungsevaluation ist gefordert. Dabei bedienen sich Jugendliche verschiedener Werkzeuge und Methoden. Beiträge im Sammelband von Gojny, Kürzinger und Schwarz (2016) behandeln ‚Selfies‘ im Rahmen von anthropologischer Implikation und verorten sie als chancenreiche Möglichkeit der Spiegelung der Identität(en) (vgl. Kürzinger 2016: 128). Studien über das Mediennutzungsverhalten von Jugendlichen liefern seit Jahren aufschlussreiche Informationen, beispielsweise dass das Auftreten von Smartphones und Social Media das jahrelange Nutzungsverhalten Heranwachsender erheblich veränderte (vgl. mpfs 2017, 2018; DAK-Gesundheit 2017; Vodafone-Stiftung 2018; DIVSI 2018).

2 Begriffliche Annäherung

2.1 Identität

Der Begriff der Identität bildet einen thematischen Grundpfeiler innerhalb der Arbeit. Aus diesem Grund ist eine präzise begriffliche Annäherung sinnvoll. Schon bereits im 19. Jahrhundert gewann der Identitätsbegriff einer intensiveren Betrachtung. Grund hierfür waren die Modernisierungen der westlichen Welt, in der sich die Erfahrungen und Erwartungen an das Individuum rapide wandelten (vgl. Straub 2000: 169). Der Identitätsbegriff spielt seit den 1970er Jahren einen wichtigen Begriff in der Pädagogik und Religionspädagogik (vgl. Schweitzer 2005). Identität wird von Abels definiert als das

„Bewusstsein, ein unverwechselbares Individuum mit einer eigener Lebensgeschichte zu sein, in seinem Handeln eine gewisse Konsequenz zu zeigen und in der Auseinandersetzung mit Anderen eine Balance zwischen individuellen Ansprüchen und sozialen Erwartungen gefunden zu haben“ (Abels 2010: 258).

Die Forschung deckt sich größtenteils in der Annahme, dass Identität ein unabgeschlossener, lebenslanger Prozess ist (vgl. Schweitzer 2005; Keupp et al. 2008, 2011, 2017; Erikson 1968; Krappmann 2000). Zudem gilt, dass Identität im Kontext der Kontinuität etwas mit symbolischen Mitteln Erschaffenes, Zerbrechliches darstellt (Straub 2000: 172). Die Identität erhält durch die mögliche dauerhafte Konstruierbarkeit einen „Arbeitscharakter“ (Keupp et al. 2008: 27) und dadurch den Anspruch sich mit eigenen Mitteln zu konstruieren. Das Individuum ist besonders auf die Wechselseitigkeit von sozialer Anerkennung angewiesen. „Jedes Individuum entwirft seine Identität, indem es auf Erwartungen der anderen, der Menschen in engeren und weiteren Bezugskreisen, antwortet“ (Krappmann 1997: 67). Die Annahme Hurrelmanns das Individuum verändere im Laufe seines Lebens immer wieder durch die Bewältigung von Lebensaufgaben sein Verarbeitungsstrategien, ähnelt der von Krappmann (vgl. Hurrelmann 2006: 16). Er bezeichnet Menschen als „umweltbezogene und lernfähige Wesen“ (ebd.), die durch diese Herausforderungen ihre eigene Lebensgeschichte bilden. Ohne eine soziale Kommunikation untereinander, wäre es den Menschen nicht möglich sich eine funktionierende Identität aufzubauen und zu erhalten (vgl. Straus/Höfer 2010: 201; Abels 2010: 136). Die reflexive Verortung von Normen und Werten innerhalb einer Gesellschaft, ebenso wie das Grundbedürfnis des Menschen nach Bestätigung stellen wichtige Einflüsse dar, um die Identitätsbildung nachzuvollziehen. Identität entsteht in einer sozialen Sphäre, in der die Passung von inneren Bedürfnissen und materiellen und immateriellen Wünschen und äußeren sozialen Einflüssen. Erik H. Erikson sieht das Problem der sozialen Zuschreibungen als Problem, da jede Identitätskonstruktion, so gelungen sie auch sein mag, zunächst von der Gruppe akzeptiert werden muss (vgl. Krappmann 1997: 67). Es fehlt also die absolute Sicherheit innerhalb des gesellschaftlichen Systems komplett anerkannt oder akzeptiert zu sein. Gegenüber der Identitätsfrage ‚wer bin ich?‘ stellt Straub getrennt von ihr die Individualitätsfrage heraus – ‚bin ich ein einzigartiges, unverwechselbares Individuum?‘ (Straub 2000: 170). Diese Fragen werden im Laufe der Arbeit aufgegriffen und in Bezug auf die Anwendbarkeit auf die Social Media überprüft.

2.2 Adoleszenz

Das zu einer Identität strebende Individuum setzt sich mit den erlebten Erfahrungen von Kontingenz, Differenz und Andersheit in seiner Umwelt auseinander (vgl. Bohleber 1999: 517). Es ist dadurch bemüht das Selbst herzustellen. Gerade in krisenhaften Situationen wird es vor die Aufgabe gestellt, sich seiner selbst zu versichern. Das daraus resultierende Ergebnis ist die Adoleszenz (ebd.). In der Literatur gibt es keinen wirklich signifikanten Unterschied zwischen den Begriffen Jugend und Adoleszenz, sodass die Begriffe in dieser Arbeit synonym verwendet werden. Die Adoleszenz besitzt in der Jugend keinen genauen Beginn oder Austrittszeiten, eher ist sie durch fließende Grenzen definierbar. Durch die Pluralisierung und Modernisierungsprozesse haben sich die Grenzen zwischen den Lebensphasen verändert und neue Entwicklungsaufgaben geschaffen (vgl. Gebhardt 2015: 25) Sie umfasst nicht nur Individuen, die sich in der Pubertätsphase befinden, sondern eine neue gestreckte Altersgruppe, die eine „neue Einheit aus physisch-psychischen Erlebnis- und Selbsterfahrungen“ (Baacke 1994: 37) bildet.

Erik H. Erikson sieht die Adoleszenz als eine Form des Übergangs von einer überdefinierten Vergangenheit hin zu einer unklaren, noch zu identifizierenden Zukunft an. Der Jugendliche fühlt sich in dieser Phase des Übergangs eines alternierenden Gefühls eines belebenden und ängstlichen Moments ausgesetzt (vgl. Erikson 1979). Eriksons Ansicht nach handelt es sich bei der Adoleszenz fast um eine eigene Lebensform zwischen Kindheit und Erwachsensein3 (vgl. Noack 2005: 179f.; Erikson 1968: 131). Die Adoleszenz ist weder das Ende der Jugend, noch das vollständige Ergebnis der Suche nach Identität, sondern vielmehr der Prozess und die Suche nach einer verdeutlichten Einheit.

Optimale Verhältnisse während der Adoleszenz sind beispielsweise dann gegeben, wenn sich die jungen Individuen auf eine dauerhafte Anwesenheit von Bezugspersonen verlassen können, einen guten Kontakt und Persistenz zu den Eltern pflegen, sich mit Freizeitaktivitäten beschäftigen, die kulturell höhere Ansprüche bedienen und den Adoleszenten die Fähigkeit anerzogen wird, momentane Mühen mit späteren Vorteilen zu dulden, sprich eine Triebkontrolle mit Belohnungssystem (vgl. Baacke 1994: 40). Baacke sieht die Jugendlichen in der Adoleszenz als eine von Erwachsenen vernachlässigte Altersgruppe, obwohl diese besonders auf die Zuwendung von Liebe und Loyalität angewiesen sei (vgl. ebd.: 7).

2.3 Medien / Social Media

Um die Forschungsfrage gerecht zu beantworten, ist es sinnvoll die Begriffe der klassischen Medien und modernen Medien, im genauen Social Media zu beleuchten. Es ist wichtig, diese beiden leittragenden Säulen aufzuzeigen, da sie auf die Entwicklung von Jugendlichen einen erheblichen Einfluss haben. Zum einen über die klassischen Medien, wie z.B. Fernsehen, Radio oder Printmedien wie die Zeitung. Ihnen liegt das Charakteristikum der nicht-interaktiven Teilhabe zu Grunde. Wer in diesem Fall Sender und Empfänger ist, ist nicht veränderbar. Zum anderen stehen die modernen, digitalen Medien. Das Social Web, sprich das Internet mit seiner sozialen Komponente, bildet innerhalb der modernen Medien eine mittlerweile unübersehbare Säule. In diesem Fall sind keine starren Strukturen um Sender und Empfänger erkennbar. Die aktive Mitgestaltung von Inhalten und Kommunikation mit anderen Mitmenschen ist explizit gewünscht. Diese Inhalte bilden bestehende oder dadurch neu entstehende Gemeinschaften und Beziehungen ab (vgl. Wampfler 2014: 18). Social Network Sites (SNS) gelten innerhalb des Internets als vernetzte Kommunikationsplattformen, auf denen interessen-, personen- und medienorientierte Angebote zur Selbstpräsentation und Interaktion angeboten werden. Die in SNS und ihren internen Anwendungen entwickelten Inhalte sind nicht starr, sondern jederzeit und beliebig erweiterbar und veränderbar (vgl. Unger 2014: 40f.). Jedoch liegt die Hoheit der User einzig in der Erstellung und Gestaltung eigener Profile und dem Bereitstellen von Text-, Bild-, Musik-, oder Videoinhalten. Die Betreiber der SNS entscheiden, welche Handlungs- und Sinnstrukturen sie den Usern vorgeben, in denen diese sich ausleben (vgl. Ernst 2015). Basierend auf diesem Prinzip funktionieren alle Social Network Sites wie z.B. die bekanntesten sozialen Netzwerke Facebook und Instagram. Die regelmäßige Produktion von Inhalten ist ein überlebenswichtiger Faktor für SNS, da sie nur dadurch lebhaft und gebräuchlich sind. Christina Ernst formuliert dieses Prinzip deutlich, indem sie einen Akteur im SNS erst als wahrgenommen ansieht, wenn er partizipatorisch in einem Netzwerk aktiv und vorzufinden ist (vgl. ebd.: 97) ist. Hier ist auf die Produktion von Inhalten und Vernetzung mit anderen Usern in SNS hingewiesen. Rückblickend auf die Definition von 20074 betrachtet, revidierten Ellison und Boyd 2013 ihre ursprünglichen Aussagen. Sie erkannten, dass sie nicht mehr zeitgemäß waren und der aktuellen Entwicklung von SNS nicht entsprachen. Ellison und Boyd (2013: 158) definierten fortan drei erkennbare Bedingungen für Social Media als soziale Netzwerke:

(1) Nutzer haben eindeutig identifizierbare Profile, die durch die User selbst, Drittuser oder das System zur Verfügung gestellt werden.
(2) Die User können Verbindungen öffentlich erkenntlich machen, so dass andere User diese sehen können.
(3) Ströme von usergenerierten Inhalten durch die Verbindungen zu dem Netzwerk können von Usern konsumeiert und hervorgehoben werden.

3 Identitätsarbeit im Jugendalter

Heranwachsende werden in keiner anderen Lebensphase ihres Lebens vor so viele gravierend ändernde Problemsituationen gestellt, wie in der Adoleszenz. Sie beginnen sich in dieser Phase mit ihrem Körper auseinander zu setzen, entdecken ihre Sexualität, beschäftigen sich mit Zukunftsthemen und sind vor die Aufgabe gestellt, Verantwortungsbewusstsein auszubilden (vgl. Grob 2007: 194ff.). Diese Heranwachsende erleben neue Situationen, denen sie zuvor noch nie ausgesetzt waren und werden aufgefordert, diese zu meistern. Dass diese Prozesse nicht reibungslos vonstattengehen, bleibt eine Annahme der sich u.a. Erik Homburger Erikson widmete. Auf den Theorien von Freud aufbauend, thematisiert er die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens in seinem Werk Jugend und Krise (1968). Folgend werden zwei Identitätstheorien beleuchtet, die durch ihre Erkenntnisse und Problemkonstruktionen wissenschaftliche und psychologische Grundliteratur in der Thematik der Identitätsarbeit im Jugendalter liefern.

3.1 Traditionelle Identitätsbildung nach Erik H. Erikson

Die grundlegenden Studien vom deutsch-amerikanischen Psychoanalytiker Erik Homburger Erikson bilden das Grundkonstrukt jeglicher Identitätstheorien. Der Psychoanalytiker behandelt in seinen Werken die Persönlichkeitsentwicklung des Menschen (1979), im Besonderen die Entwicklung von Kindheit und Jugend (1968). Ziel von Eriksons Identitätstheorie ist es, ein theoretisches Grundgerüst zu schaffen, das beschreibt, wie sich Identität entwickelt, was sie darstellt und welches Ziel sie hat (vgl. Noack 2005: 171). Erikson stellt eine Verbindung zwischen den populären psychosexuellen Theorien Sigmund Freuds und einer psychosozialen Entwicklungstheorie her. Somit richtet er den Fokus neben dem klassischen Triebverhalten des Menschen auch auf die sozialen Bedingungen der Identitätsentwicklung (Abels 2010: 275; Gebhardt 2015: 13). Erikson erkennt die Kraft von minimalen Veränderungen in der Erziehung als „fortwirkende[r] und oft verhängnisvolle[r] Bedeutung für die Entwicklung verschiedenartiger Weltbilder, Moralbegriffe und Identitätsgefühle“ (Erikson 1963, 1999: 120 zit. nach Noack 2005: 22) für Kinder und Jugendliche. Somit steht die Entwicklung eines heranwachsenden Jugendlichen stets in der dynamischen Reziprozität seiner Umwelt und bleibt eine aktuelle, moderne Frage. Erikson nimmt an, dass die Identität des Menschen die Wurzeln in der Kindheit hat. Die Identität ist in seinen Augen aber nicht mit der Kindheit abgeschlossen und nur noch variierbar, sondern eine lebenslange Aufgabe, die das „ Bewusstsein des Individuums von sich selbst und [die] Kompetenz der Meisterung des Lebens“ (Abels 2010: 276) fordert und fördert.

In Eriksons bekanntem Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung stehen sich stets zwei Zustände gegenüber, ein positiver sowie ein negativer. Das Stufenmodell beinhaltet 8 Phasen5, die je eine Lebensphase eines jeden Individuums abbildet. Folgt man diesem Stufenmodell, richtet sich die Aufmerksamkeit in der Arbeit auf die fünfte Stufe der Adoleszenz, die das Spannungsverhältnis von „Identität und Identitätsdiffusion“ (vgl. Erikson 1979: 144) beschreibt. Erikson erläutert den Zustand der Diffusion als negativen Zustand, in dem die Leistungsfähigkeit des Jugendlichen gestört ist oder selbstzerstörerisches Verhalten vorgerufen wird (ebd.: 161). Zwar wird die Identität lebenslang gebildet und verändert sich im Verlauf der Zeit immer wieder, doch entscheiden sich einige Grundhaltungen in der Adoleszenz, die darüber entscheiden, ob die ausgebildete Identität beständig ist oder kraftlos. Erikson bezeichnet den Entwicklungszeitraum der Übergangsphase der Kindheit zum Erwachsenwerden als „psychosoziales Moratorium“6 (ebd. 1968), also den Aufschub erwachsener Verpflichtungen, in dem der Adoleszente seinen Platz in der Gesellschaft finden kann. Jugendliche sind in dieser Phase dauerhaft auf der Suche nach einer Verortung im sozialen Kontext. Die Annahme Eriksons, der Mensch sei auf die Anerkennung seiner sozialen Umgebung angewiesen - denn nur dadurch könne eine seelische Integration aufrechterhalten werden - ist bis heute aktuell und auf das hier vorliegende Forschungsfeld übertragbar (vgl. Erikson 1971; Bohleber 1999: 510f.). Der Adoleszente benötigt damals wie heute einen bedeutungsvollen Anderen, um sich seiner selbst zu versichern. „Die Identität ist ein einzigartiges Produkt, das jetzt in eine Krise tritt, die nur durch neue Identifikationen mit Gleichaltrigen [...] außerhalb der Familie gelöst werden kann“ (Erikson 1971: S.78f.). Erikson beschreibt die Bewältigung der jugendlichen Krisen mit einem Beugen in den Abgrund. Der Jugendliche experimentiert so mit Erfahrungen, die ihn sich selbst näher bringen sollen (ebd. 1968: 168f.). In Zeiten einer hohen Mediatisierung sucht der Mensch zudem durch die Präsenz in der virtuellen Öffentlichkeit nach einer sozialen Verortung, indem er auf Anerkennung und positive Zuschreibungen Gleichaltriger hofft7.

3.2 Moderne Identitätsbildung nach Heiner Keupp

Der Sozialpsychologe Heiner Keupp greift in einem seiner Werke diese innergesellschaftliche Wandlung auf und spricht sich dafür aus, die klassischen Paradigmen des bisherigen Jahrhunderts einer Fachdiskussion auszusetzen (Keupp et al. 2008). Infolge dessen stellt er die Kongruenz des Identitätsmodells Erik H. Eriksons mit der schnellen gesellschaftlichen Wandlungsfähigkeit auf den Prüfstand. In der modernen Identitätsforschung vertritt Heiner Keupp den Standpunkt des zeitgemäßen wissenschaftlichen Umgangs mit dem „Inflationsbegriff Nr. 1“ (Brunner 1987 zit. nach Keupp et al. 2008: 7, Keupp 2017). Trotz alledem erkennt er die Forschungserkenntnisse Eriksons als eine „Großwetterlage“ (Keupp et al. 2008: 25f.), an denen sich die Forschung abzuarbeiten hat. In der Moderne wurde lange Zeit die Meinung vertreten, eine gelungene Identität sei nur als etwas Stabiles, Festes anzusehen (vgl. ebd.: 22). Für Keupp scheint die Dauerhaftigkeit einer berechenbaren Kollektividentität unmöglich (vgl. Keupp 2017: 199). Eriksons Stufenmodell ist für Heiner Keupp „offensichtlich unauflöslich mit dem Projekt der Moderne verbunden“ (Keupp et al. 2008: 30) und projiziere einen linearen Entwicklungsverlauf der Identität. Stattdessen argumentiert er gegenteilig zu Erikson, wenn er die Aufgabe des Individuums als eine Überwindung von Identitätszwängen beschreibt. Dem Menschen steht die Möglichkeit offen, sich neuer änderbaren Identitäten zu bedienen, sie ständig wechseln zu können oder ergebnisoffen Identitätskonstruktionen zu schaffen. Der Prozess der Identitätsbildung bleibt ein nicht abschließbarer Prozess. Für die Arbeitsgruppe rund um Heiner Keupp ist Identität nicht von Geburt an gegeben. Eher bezeichnet Keupp es als „Projekte“ (Keupp 2011: 637) oder „einen fortschreitenden Prozeß [sic!] eigener Lebensgestaltung“ (Keupp et al. 2008: 215). Die Projekte werden teilweise auch auf widersprüchlicher Weise in einer Abfolge oder gleichzeitigen Verfolgung versucht durchgesetzt zu werden. Durch die Vielzahl an Möglichkeiten und die Unsicherheit zu keiner passenden oder handfesten Identitätskonstruktion zu gelangen, bleibt der Menschen seiner Endlichkeit8 und dem ständige Risiko des Scheiterns deutlich öfter ausgesetzt als in den klassischen Identitätsmodellen der Moderne (vgl. ebd.: 200). Die gesamte Notwendigkeit der Bildung einer individuellen Identitätskonstruktion sieht Keupp im menschlichen Grundbedürfnis nach Anerkennung und dem Zugehörigkeitsgefühl (vgl. Keupp. 2011, 2017).

Die Bildung der Identität folgt, wie im Abschnitt 2.1 umrissen, immer der Passung zwischen dem subjektiven Innenleben des Menschen und dem gesellschaftlich- normativem Außen (vgl. Keupp et al. 2008: 28). Somit ist die soziale Verortung jedes Menschen nicht allgemeingültig, sondern erfolgt individuell. Dem Jugendlichen wird eine dauerhafte Kompromissbereitschaft abverlangt, in der er sich seiner selbst versichern muss. Keupp beschreibt es als „reflexives Scharnier“ und „Doppelcharakter“ (ebd. 2017: 201): Gleichzeitig wünscht sich das Individuum eine unverwechselbare Individualität, die sich auf der anderen Seite gesellschaftlichen Normen und Akzeptanzhürden gegenüber sieht. Die erlebten Krisenerfahrungen, die in jeder von Erikson umrissenen Phase auftreten, erschweren die Passung von Innen und Außen deutlich mehr als ruhigere Phasen im Leben (vgl. ebd.). Das Individuum ist somit innerhalb mehrerer Bereiche darauf angewiesen individuelle Passungen zu bilden und sich somit eine Identität zu kreieren.

[...]


1 Ausschnitt aus dem Gedicht „Wer bin ich?“ von Dietrich Bonhoeffer, in: Bonhoeffer 2008, 188.

2 Als Digital Natives werden die Menschen bezeichnet, die nach 1980 mit dem digitalen Zeitalter aufwuchsen und sich durchweg mit der einhergehenden Digitalisierung und deren Möglichkeiten der Vernetzung beschäftigten. Digital Natives verbringen einen Großteil ihres Alltags damit online zu sein, ohne zwischen online und offline zu unterscheiden.

3 Weitere Ausführungen Eriksons bzgl. der Identitätsarbeit von Jugendlichen ist in Kapitel 3.1 zu finden.

4 Die Autorinnen definieren soziale Netwerke „as web-based services that allow individuals to (1) construct a public or semi-public profile within a bounded system, (2) articulate a list of other users with whom they share a connection, and (3) view and traverse their list of connections and those made by others within the system. The nature and nomenclature of these connections may vary from site to site“ (Ellison/Boyd 2007).

5 Erikson benennt die Phasen Säuglingsalter, Kleinkindalter, Spielalter, Schulalter, Adoleszenz, Frühes Erwachsenenalter, Erwachsenenalter und Alter (Erikson 1982, 1988: 36f. zit. nach Noack 2005: 154).

6 Fast zeitgleich zu Eriksons Veröffentlichung von Jugend und Krise benennt James E. Marcia das Moratorium als Zustand von vagen Zusagen zu Verpflichtungen. Hier sind die Aussagen Eriksons mit denen von Marcia größtenteils deckungsgleich. Jugendlichen zugeschriebene Probleme beschäftigen ihn in diesem Zustand sehr, ebenso sucht er einen Kompromiss im eigenen Handeln von elterlichen Wünschen, sozialen Forderungen und eigenen Kapazitäten (vgl. Marcia 1966: 552).

7 Weitere Erläuterungen über das Grundbedürfnis des Menschen nach Anerkennung sind in Kapitel 4.2 aufgeführt.

8 Im theologisch-anthropologischen Verständnis vertritt Christopher Zarnow die Annahme, die Endlichkeit des Menschen zeige sich im Spannungsverhältnis von „Fragmentaritätsbewusstsein und Vollendungssehnsucht“ (Zarnow 2010: 344 zit. nach Ernst 2015: 334). Die Sehnsucht nach Vollendung akzeptiert jedoch die Fragilität von Identitätsentwürfen und die „Unmöglichkeit der Selbstintegration aller Erfahrungen und Selbstdarstellungen“ (Ernst 2015: 334).

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Der Einfluss der Social Media auf die tägliche Identitätsbildung in der Adoleszenz
Untertitel
Zwischen Fremdbestimmung und Selbstdarstellung
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Institut für Katholische Theologie)
Note
1,5
Autor
Jahr
2019
Seiten
45
Katalognummer
V470173
ISBN (eBook)
9783668954250
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Medien, Social Media, Identität, Identitätsbildung, Adoleszenz, Media, Soziale Netzwerke, Jugend, Pädagogik, Selbstdarstellung, Narzissmus, Keupp
Arbeit zitieren
Jan Borges (Autor), 2019, Der Einfluss der Social Media auf die tägliche Identitätsbildung in der Adoleszenz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/470173

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