Stolpersteine. Ein Kunstwerk als Aushandlung des kulturellen Gedächtnisses


Hausarbeit, 2018
46 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Holocaust-Gedenken heute
1.1 Zentrale Begriffe und theoretische Einbettung
1.1.1 Holocaust
1.1.2 Gedächtnis
1.1.3 Trauma
1.2 Forschungsgegenstand und Quellen
1.3 Methodenreflexion
1.3.1 Experteninterview
1.3.2 Diskursanalyse nach Foucault, Keller und Eggmann

2. Analyse
2.1 Der Holocaust im kollektiven und kulturellen Gedächtnis
2.2 „Nein zu den ‚Stolpersteinen‘“ – Oberflächenbeschreibung eines Diskursfragments

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis
Primärquellen
Sekundärliteratur

5. Anhang

1. Holocaust-Gedenken heute

Es ist ein vermeintliches Paradox: Je weiter der Holocaust zeitlich wegrückt, desto mehr scheint er in der Öffentlichkeit präsent zu sein. Er dient als Argumentationsmuster, manchmal auch als diskussionsbeendendes ‚Totschlag-Argument‘, ihm wird durch Gedenktage und an Gedenkorten gedacht und auch Städte, die vor einigen Jahren oder Jahrzehnten noch als geschichtsvergessen galten, besinnen sich plötzlich auf ihre teilweise ‚braune‘ Vergangenheit und machen sie zum öffentlichen Diskussionsthema.

Doch wieso tritt in Bezug auf den Holocaust mit der Zeit immer mehr ein „politisch-existenzielle[r] Bezug“1 hervor, von dem man dachte, er verschwinde zugunsten (geschichts-)wissenschaftlicher Objektivität und Nüchternheit, wie man es bei anderen geschichtlichen Ereignissen gewohnt war?

Eine mögliche Ursache von vielen mag sein, dass in den letzten Jahren immer mehr Kunstobjekte im öffentlichen Raum sich diesem Thema widmen und darauf hinweisen – sicherlich nicht ohne vorhergehende Diskussion und Kritik, die auch nach der Aufstellung oder Einweihung nicht endet. Hier setzt das grundlegende Forschungsinteresse dieser Arbeit an:

Welche Rolle können Kunstobjekte spielen, wenn traumatische Erfahrungen wie der Holocaust in ein kulturelles Gedächtnis der nachfolgenden Generationen übertragen werden sollen? Wie wird dieses Gedenken ausgehandelt?

Auf diese Fragen soll, anhand des Diskurses um das Kunstprojekt Stolpersteine und entlang der Theorie des individuellen, kollektiven und kulturellen Gedächtnisses nach Aleida Assmann, versucht werden, eine Antwort zu finden.

1.1 Zentrale Begriffe und theoretische Einbettung

Um eine adäquate Forschungsgrundlage zu schaffen, sollen nun zunächst grundlegende Begriffe definiert und erläutert werden. Bei diesen Begriffen handelt es sich um die für diese Arbeit essentiellen Kategorien „Holocaust“, „Gedächtnis“ und „Trauma“. Dabei sollen zentrale Punkte der verwendeten Theorie von Aleida Assmann angeschnitten werden, die in der Analyse (Punkt 2) aufgenommen werden.

1.1.1 Holocaust

Etymologisch lässt sich der Begriff „Holocaust“ auf das griechische „holokaustus“ zurückführen, was so viel wie „völlig verbrannt“ bedeutet. Von der grundsätzlichen Wortbedeutung her bezeichnet er ein „Brandopfer“ oder auch eine „Massenvernichtung“. Der Brockhaus Geschichte definiert den Holocaust als

„Tötung einer großen Zahl von Menschen, eines Volkes (Genozid), v. a. erstmals 1944, Bezeichnung für die Verfolgung, Gettoisierung und insbesondere die Vernichtung der europäischen Juden während der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland und Europa (1933-45).“2

Ebenfalls gebräuchlich ist die neuhebräische Bezeichnung „Shoah“3 ; in dieser Arbeit soll jedoch – wie größtenteils in der hier zitierten Literatur – der Begriff Holocaust verwendet werden.

1.1.2 Gedächtnis

Die „organische Basis für die Operation der Erinnerung“4 – so kann das Gedächtnis aus neurologischer Sicht betrachtet werden. In einem kulturwissenschaftlichen Sinne bietet es sich jedoch an, mit anderen Definitionen zu operieren.

Als eine der wichtigsten Wissenschaftlerinnen auf diesem Gebiet gilt Aleida Assmann, deren Theorien und Überlegungen in dieser Arbeit hauptsächlich gefolgt werden. Sie definiert das „‚Gedächtnis‘ als Kollektivbegriff für angesammelte Erinnerungen, als Fundus und Rahmen für einzelne memoriale Akte und Einträge.“5 Nach Zeitradius und Stabilität unterscheidet Assmann im Folgenden drei Arten des Gedächtnisses: das individuelle oder kommunikative, das kollektive und das kulturelle Gedächtnis.6

Der Begriff „ individuell “ mag irreführend sein, denn obgleich jeder ein eigenes Gedächtnis besitzt, umfasst es mehr als die ureigenen Erfahrungen des Einzelnen. Da der Mensch in viele unterschiedliche Gruppen eingebunden ist (etwa in der Familie, im Freundeskreis, im Beruf…), ist das individuelle Gedächtnis vielmehr geprägt durch regelmäßige Interaktion, gemeinsame Erfahrungen und Lebensformen und eine gewisse räumliche Nähe.7 So bietet es sich an, hier eher von einem kommunikativen Gedächtnis zu sprechen, da viele Erinnerungen erst durch Kommunikation und Austausch innerhalb der Gruppe verfestigt werden.8
Insofern lässt sich sogar von einem sozialen Gedächtnis sprechen, das den Fokus auf die Erweiterung der eigenen, individuellen Erfahrung und Erinnerung durch die anderer Individuen erweitert, bestätigt und perspektiviert.9

Diese Art des Gedächtnisses – bezeichnet man es nun als individuell, kommunikativ oder sozial – ist jedoch in zeitlicher Perspektive definitiv begrenzt: Maximal über drei Generationen (circa 80 bis 100 Jahre) erstreckt sich sein Zeithorizont. Solche Jahrgangskohorten teilen demnach oft ähnliche Einstellungen, Ansichten oder Schlüsselerlebnisse, die für nachfolgende Generationen und deren individuelles Gedächtnis oft nicht mehr als prägend empfunden werden.10 Doch gerade dieser Generationswechsel ist wichtig für Wandel und Erneuerung des gesellschaftlichen (sozialen) Gedächtnisses „und spielt gerade auch bei der späteren Verarbeitung traumatischer oder beschämender Erinnerungen eine große Rolle“11, auf die im Folgenden noch einzugehen ist.

Im Gegensatz dazu lässt sich das kollektive Gedächtnis als „generationenübergreifende[s] soziale[s] Langzeitgedächtnis“12 beschreiben. Sein Konzept wurde – ebenso wie die Ansätze zum individuellen Gedächtnis – bereits in den 1920ern vom „Soziologe[n] und Patron der sozialen Gedächtnisforschung“13, Maurice Halbwachs, eingeführt, der sich damals auf ein Konzept bezog, das etwa das beschreibt, was oben unter dem Begriff des sozialen Gedächtnisses erläutert wurde.14 Aleida Assmann betont darüber hinaus – u. a. in Anlehnung an ihren Ehemann Jan Assmann – dass das kollektive Gedächtnis eine klare politische Dimension besitzt, die auch darauf zurückzuführen ist, dass die Träger dieses Gedächtnisses nicht mehr Individuen bzw. eher informelle Gruppen, sondern politische Kollektive oder „Solidargemeinschaften“15 sind. Diese werden wiederum selbst in ihrer Existenz und Identität von ‚ihrem‘ kollektiven Gedächtnis gestützt. Damit einher geht eine starke Vereinheitlichung und Lenkung des Gedächtnisses.16

Eine Sonderform dieses kollektiven Gedächtnisses ist das nationale Gedächtnis, das in dieser Arbeit keine unwichtige Rolle spielt. Hier ist die Bezugsgruppe – selbsterklärend – eine Nation, die ihr kollektives Gedächtnis einheitlich konstruiert und in politischen Institutionen verankert.17 Die dadurch gebildete Wir-Identität und Loyalitäts-Bindung kann hier besonders stark hervortreten.18

Die dritte Ebene, die Assmann beschreibt, ist die Ebene des kulturellen Gedächtnisses. Es kann ebenfalls als soziales Langzeitgedächtnis beschrieben werden, zeigt aber einen bedeutenden Unterschied zum kollektiven Gedächtnis:

„Während jedoch das kollektive Gedächtnis diese Stabilisierung durch radikale inhaltliche Engführung, hohe symbolische Intensität und starke psychische Affektivität erreicht, stützt sich das kulturelle Gedächtnis auf externe Medien und Institutionen.“19

Gerade die hier erwähnten Medien sind ein wichtiges Element des kulturellen Gedächtnisses. Sie fungieren in Form von materiellen Datenträgern, auf die im Folgenden noch einmal eingegangen werden soll, als dauerhafte Gedächtnisstützen, die von unterschiedlichen Generationen jeweils genutzt und interpretiert werden können20 – der Zeithorizont des kulturellen Gedächtnisses erweitert sich damit enorm und ist also potenziell unendlich.21

Deutlich wird, dass die drei behandelten Ebenen des Gedächtnisses trotz ihrer Unterschiede eng zusammenhängen und zahlreiche Schnittstellen aufweisen.

1.1.3 Trauma

Das nationale Gedächtnis, das eben erläutert wurde, stützt sich in vielen Staaten noch immer besonders auf die Erinnerung an Siege. Dennoch sind es oft Niederlagen und gemeinsam erlittene Verluste, die den nationalen Zusammenhalt stärken.22 Auch in Deutschland fand man noch nach dem Ersten Weltkrieg ein typisches „Verlierergedächtnis“23 vor, welches in seiner Konsequenz darauf abzielte, die Schmach und Schande der Niederlage durch Überlegenheit und Stärke umzukehren, was u. a. ein wichtiges Element der NS-Ideologie bildete.

Anders verhielt es sich nach dem Zweiten Weltkrieg. Neben die Dichotomie von Sieger und Verlierer trat diejenige von Täter und Opfer und mit ihr ein explizites „Tätergedächtnis“24, eine grundsätzliche Zerstörung der „Ehre“25, bei der die hergebrachten Bewältigungsmuster nicht mehr griffen.26 Der Unterschied zwischen Verlierer und Opfer lässt sich daran fest machen, dass hinter dem Leid und Verlust des Opfers (besonders im Kontext des Holocaust) kein tieferer Sinn mehr steht, der „in ein positives individuelles oder kollektives Selbstbild integriert werden“27 kann.

Hier setzt der aus der Psychologie entlehnte Begriff des Traumas an. Da die Erlebnisse mit „den heroischen Formen der Erfahrungsverarbeitung und Erinnerung nicht mehr zu fassen“28 waren, musste eine neue „postheroische“29 Erinnerungsform an das Trauma des Holocaust etabliert werden. Traumatische Erfahrungen, sei es eines Individuums oder einer ganzen Gruppe bzw. Nation, können oft erst Jahrzehnte später angesprochen werden.30 Möglich ist dies nur unter bestimmten Bedingungen:

„Dieser intergenerationelle Nexus des Traumas kann nur unterbrochen werden, wenn es gelingt, die abgespaltenen und unbewussten Anteile des Traumas in bewusste Formen von Erinnerung zu überführen.“31

Laut Assmann braucht es dazu jedoch wiederum einen geeigneten politischen und gesellschaftlichen „Erinnerungsrahmen“32. Im Folgenden auszuhandeln, welche Erinnerungsformen als angemessen und ‚richtig‘ gelten, ist eine nicht zu unterschätzende gesellschaftliche Aufgabe und in Bezug auf den Holocaust in Deutschland ein nicht abgeschlossener Prozess, wie diese Arbeit zu zeigen versucht.

1.2 Forschungsgegenstand und Quellen

„Ein Projekt, das die Erinnerung an die Deportation und Vernichtung der Juden, der Zigeuner (so damals genannt), der politisch Verfolgten, der Homosexuellen, der Zeugen Jehovas und der Euthanasieopfer im Nationalsozialismus lebendig hält.“33

So formuliert der Arbeitskreis „Stolpersteine Regensburg“, der sich 2006 unter dem Dach des Evangelischen Bildungswerks e. V. das Ziel ihrer Arbeit und des Kunstprojekts Stolpersteine allgemein, welches zentraler Forschungsgegenstand dieser Arbeit ist.34

Als Stolpersteine werden 10 x 10 x 10 cm große Messingplatten dauerhaft in das Pflaster vor Häusern verlegt, in denen Opfer des Nationalsozialismus lebten. Den Steinen können Angaben über Namen, Geburtsjahr und meist Deportations- und Sterbedatum, sowie das Ziel der Deportation entnommen werden.35

Die Idee stammt vom Künstler Gunter Demnig, der bis heute die Verlegungen selbst vornimmt. Initiiert werden diese von Arbeitskreisen und Vereinen vor Ort, die im Voraus meist eine ausführliche Recherche zu den Biographien der Opfer durchführen. Die Finanzierung der Steine wird durch Patenschaften gewährleistet, die für 120€ nicht nur von Privatpersonen, sondern auch von Stiftungen, Parteien, Schulklassen u. ä übernommen werden können. Hier zeigt sich, dass das Stolperstein -Projekt zurecht als „dezentrales Kunstwerk“36 bezeichnet wird, welches nicht nur unmittelbar am ‚Ort des Geschehens‘ zu finden ist, sondern auch eben nicht zentral oder staatlich initiiert ist, wie es bei den meisten Gedenkstätten der Fall ist.37

Bis heute wurden ca. 69.000 Steine in 1.265 deutschen Kommunen und 21 europäischen Ländern. Dazu kommen 25 Stolperschwellen, die an das Schicksal mehrerer Menschen erinnern,38 so beispielsweise auch in Regensburg, wo 33 Bewohnern eines jüdischen Altenheims gedacht wird. Insgesamt wurden von der Regensburger Stolperstein -Initiative bisher 210 Steine verlegt.39

Als Quelle für diese Arbeit dient u. a. die Transkription des Experteninterviews mit Herrn UF, Mitglied der Initiative „Stolpersteine Regensburg“, das gemeinsam mit einer Kommilitonin am 30.6.2018 bei ihm zu Hause geführt wurde. Herr F. sandte uns im Anschluss diverse weitere Materialien zu, von denen in dieser Arbeit v. a. der Informationsflyer der Gruppe sowie ein Dokument, das sich kritisch mit dem Projekt Stolpersteine auseinandersetzt, als weitere Quelle genutzt werden. Letzteres Dokument ist eine Stellungnahme des Interessenverbands „Respect&Remember e. V. Europe“, der sich 2016 in München gegründet hat und der das Stolperstein -Projekt scharf kritisiert. Dieses und weitere Schriftstücke erreichten den Regensburger Arbeitskreis, als ein Mitglied Kontakt zu einer „historisch versierten Person“40 an einem Ort aufnahm, in dem ein NS-Opfer, dessen Biographie der Verein zu vervollständigen versuchte, zuvor gelebt hatte. Diese Gewährsperson habe zwar Auskunft gegeben, sprach sich aber als „entschiedener Gegner“41 gegen das Projekt aus und sandte dem Regensburger Arbeitskreis diverse Dokumente zu, u. a. die zwei genannten Aufsätze.

Auch wenn dieses Schriftstück sich nicht explizit auf Regensburg bezieht, kann es doch als repräsentativ für eine allgemeine Kritik am Kunstprojekt Stolpersteine gesehen werden, die sicherlich auch in Regensburg immer wieder aufkam und -kommt. Es soll als Fragment des übergeordneten Diskurses ‚(künstlerischer) Umgang mit dem Holocaust-Gedenken‘ dem diskursanalytischen Schema von Sabine Eggmann unterzogen werden, das im nächsten Punkt erläutert wird.

1.3 Methodenreflexion

Die kulturwissenschaftliche (Feld-)Forschung zeichnet sich durch die Vielfalt und Kombination von Methoden aus. Um das Forschungsfeld möglichst genau und umfassend erfassen zu können, wird in dieser Arbeit mit zwei unterschiedlichen Methoden gearbeitet: dem Experteninterview, das viele Hintergrundinformationen zum Forschungsgegenstand bereitstellt, und der Diskursanalyse nach Foucault bzw. deren Weiterentwicklungen nach Reiner Keller und Sabine Eggmann.

1.3.1 Experteninterview

„Ein Interview ist ein planmäßiges wissenschaftliches Vorgehen, bei dem – so eine geläufige Definition […] – Gesprächspartner durch Erzählstimuli oder gezielte Fragen zu verbalen Äußerungen veranlasst werden.“42

So definiert Brigitta Schmidt-Lauber in einem einschlägigen Methodenband der Europäischen Ethnologie eine der wichtigsten und beliebtesten Formen des qualitativen Forschens in der Kulturwissenschaft. Dabei wird versucht, Auskünfte über Meinungen, Deutungen und Einstellungen der befragten Personen zu gewinnen.43

Das Experteninterview stellt eine Sonderform dieser Methode dar. Zwar gilt die befragte Person in einem Interview immer als „Experte seines Lebens“44, beim Experteninterview gilt dieser Anspruch jedoch explizit: Die Experten verfügen bereits über ein spezielles Wissen, als Forschender will man nicht nur Aufschluss über dessen Meinungen haben, sondern auch bestimmte Informationen, die für das eigene Forschungsprojekt von Belang sind, erhalten.45 Der Forschende befindet sich hierbei in einer sogenannten research-down Situation, das heißt er nimmt eine ‚niedrigere‘ (Wissens-)Position gegenüber dem Interviewpartner ein. Dies kann u. U. dazu führen, dass letzterer den Forschenden nicht allzu ernst nimmt. Im Falle dieser Arbeit kam erschwerend hinzu, dass ein deutlicher Altersunterschied zu Herrn F. vorlag und sein früherer Beruf als Lehrer sowie die eigene Position als Studentin evtl. zu einem noch ausgeprägteren Gefälle führen könnte. Diese Bedenken erwiesen sich jedoch im Nachhinein als unbegründet.

Im Interview kann es oft hilfreich sein, entlang eines Frageleitbogens oder Leitfadens zu arbeiten, der eine stärkere Strukturierung des Interviews bewirkt.46 Dabei sollte darauf geachtet werden, dass der Leitfaden möglichst breit und offen angelegt ist. So kann Input von Seiten des Interviewpartners eingebunden und das Gespräch flexibel gestaltet werden.47

1.3.2 Diskursanalyse nach Foucault, Keller und Eggmann

„Diskurse sind abgrenzbare übersituative Zusammenhänge von Äußerungsformen (Praktiken der Artikulation) und Inhalten (Bedeutungen), die mehr oder weniger stark institutionalisiert sind.“48

Als ein ‚Vater‘ dieses Diskurskonzepts und dessen Analyse kann der französische Philosoph und Soziologe Michel Foucault gelten. Er nimmt an, dass alles menschliche Wissen und auch das, was man für die ‚Wahrheit‘ hält, immer historisch bedingt sind und in der jeweiligen Zeit oder Epoche abhängig von ihren politischen, sozialen und historischen Produktionsbedingungen produziert werden.49 Den Begriff Diskurs hat Foucault zwar nie abschließend definiert,50 jedoch besteht für ihn die Diskursanalyse u. a. darin, typische Aussagemuster über einen Gegenstand oder ein Phänomen zu finden und diese auf ihren semantischen Gehalt und ihre argumentativen Verknüpfungen hin zu untersuchen.51

Foucaults Grundkonzept wurde von mehreren Wissenschaftlern weiterverarbeitet, u. a. von Reiner Keller, der eine wissenssoziologische Diskursanalyse verfolgt, deren Ausgangspunkt sich in der soziologischen Wissenstheorie von Peter Berger und Thomas Luckmann findet.52

Sie setzt sich kulturwissenschaftlich mit der Entstehung, Verbreitung, Legitimierung, Strukturierung und Aneignung von Wissen und der gesellschaftlichen Wirkung dieser Prozesse auseinander.53 Die Kategorie ‚Wissen‘ wird dabei sozialkonstruktivistisch verstanden, d. h. in unterschiedlichen Akteursgruppen können unterschiedliche Inhalte für ‚Wissen‘ oder ‚wahr‘ gehalten werden.54

Zentral in Bezug auf den Diskurs sind u. a. die beteiligten Akteure. Der Diskurs selbst gibt oft thematisch bestimmte Positionen vor, die dann von einzelnen Akteursgruppen besetzt werden. Sie vollziehen dann den Diskurs in institutionell strukturierten Zusammenhängen, bspw. in den Medien, im persönlichen Umfeld oder in einem Parlament. Diese unterschiedlich großen Einzel- oder Kollektivakteure arbeiten teils zusammen, verfolgen dann den gleichen ‚roten (Argumentations-)Faden‘, die sog. story line, und bilden so „Diskursgemeinschaften“ oder „Diskurskoalitionen“55.56

Eine ebenso wichtige Kategorie der Diskursanalyse sind die Dispositive. Letztere sind Mittel, Mechanismen und Maßnahmen, die zur Bearbeitung eines bestimmten „Handlungsproblems“57, das im Mittelpunkt des Diskurses steht, eingerichtet werden. Sie können z. B. die Form von Gesetzen, Organisationen oder Bauten annehmen. Über diese Dispositive greifen Diskurse in die äußere Welt ein und erzeugen so Wirkungen außerhalb des eigentlichen Diskurses.58

Die Wissenssoziologische Diskursanalyse bezeichnet bei Keller eher ein Forschungsprogramm oder -perspektive als eine direkt anwendbare Methode.59

Sabine Eggmann hat sich daher der Grundlagen von Foucault und Keller bedient und ein Schema für eine kulturwissenschaftliche Anwendung entwickelt, das die vorliegenden Diskursfragmente zergliedert und so eine genaue Oberflächenbeschreibung ermöglicht. Dabei wird auf die Fragen ‚Was?‘ (z. B. Hauptthesen), ‚Wie?‘ (z. B. Argumentarium), ‚Wer?‘ (z. B. Person des Sprechers) und ‚Wo?‘ (z. B. Publikationsform) eingegangen (siehe auch Anhang, Abb. 1).60 Dieses Modell soll auch in dieser Arbeit zur Beantwortung der Forschungsfragen herangezogen werden.

2. Analyse

Um die Frage zu beantworten, welche Rolle Kunstprojekte wie die Stolpersteine bei der Übertragung der traumatischen Erfahrung des Holocaust in das kulturelle Gedächtnis der nachfolgenden Generationen spielen können, soll im Folgenden zunächst die Theorie von Aleida Assmann auf dieses Problem angewandt werden. Um nachzuvollziehen, wie ein solcher Aushandlungsprozess tatsächlich ablaufen kann, wird danach exemplarisch eine diskursanalytische Untersuchung an einem Diskursfragment durchgeführt, das sich kritisch mit der speziellen (künstlerischen) Form des Gedenkens auseinandersetzt, die von den Stolpersteinen verkörpert wird.

2.1 Der Holocaust im kollektiven und kulturellen Gedächtnis

In Zusammenhang mit dem Holocaust stellt sich gegenwärtig zunehmend die Frage, wie man die Erinnerung der Zeitzeugen, deren Anzahl altersbedingt immer weiter zurückgeht, in das Gedächtnis der nachfolgenden Generationen übertragen kann. Mit anderen Worten: Wie transformiert man ‚weiche‘ Erinnerungen, die sehr unterschiedlich und teilweise diffus im einzelnen individuellen Erfahrungsgedächtnis gespeichert sind, in ‚harte‘ Erinnerungen, die verbindlich und organisiert innerhalb einer Gruppe (der jüngeren Generation) geteilt werden, also in ein kollektives bzw. kulturelles Gedächtnis ?61

Hierbei sind die oben bereits erwähnten Datenträger von Bedeutung. Erfahrungen und Erinnerungen werden zu kommunizierbaren und (zeitlich) transferierbaren Informationen, indem sie als Repräsentationen in Form von „Einschreibung auf materiellen Datenträgern“62 vervielfältigt und verbreitet werden.63 Die Erinnerungen der Zeitzeugen sollen also abgelöst vom lebendigen Menschen auf materielle Datenträger übergehen.64 Solche Trägerobjekte liegen oft in textueller Form vor, können aber auch die Gestalt von Riten, Bilder oder Monumente annehmen.65

So kann auch Kunst in sämtlichen Formen zu einem materiellen Datenträger werden und die Aufgabe haben, das Gedächtnis an bestimmte Personen oder Ereignisse zu bewahren66 und als Brückenschlag zwischen den einzelnen Gedächtnisformen zu fungieren:

„[P]rivate Erinnerung wird mithilfe der Kunst Teil eines sozialen und kulturellen Gedächtnisses, individuelles und kollektives Gedächtnis begegnen, berühren, überlappen sich.“67

In Bezug auf den Holocaust lässt sich feststellen, dass dieser mittlerweile eher dem kulturellen als dem kollektiven Gedächtnis zugeordnet werden kann. Noch vor einigen Jahren (und teilweise bis in die Gegenwart) diente er als enggeführtes, verbindliches und normativ aufgeladenes Muster, das auch politisch instrumentalisiert wurde, beispielsweise als Gründungsmythos des Staates Israel oder eines „deutsche[n], negative[n] Nationalismus“68 mit scharfen Trennlinien zwischen Tätern und Opfern. Heute hingegen lässt sich zunehmend eine „Vielfalt medialer Präsentationen und künstlerischer Gestaltungen“69 mit einer „irreduzible[n] Vielstimmigkeit heterogener Perspektiven, Ausdrucksformen und Deutungen“70 feststellen.71 Diese Offenheit deutet klar auf eine Einordnung in den Bereich des kulturellen Gedächtnisses hin.

Diese Heterogenität der Perspektiven und Deutungen zeigt sich besonders bei der Erinnerung und dem Gedenken an traumatische Erlebnisse. Hier herrscht wenig Einigkeit über die angemessene Repräsentation dieser Ereignisse, auch bezüglich ihrer künstlerischen Darstellung. Noch 1966 hatte Theodor Adorno geschrieben, dass alle Kultur nach Auschwitz „Müll“72 sei. Dies dürfte auch für die bildende Kunst u. ä. gelten.

Auch Reinhart Koselleck befindet fast 40 Jahre später, dass sich die vollkommene Sinnlosigkeit, durch die sich der Holocaust auszeichnet, nie ganz gefasst werden kann.73

„All das läßt sich vielleicht, und schwer genug, erzählen, aber daraus abzuleiten, daß es – wie man heute zu sagen beliebt – ein kollektives Gedächtnis oder gar eine kollektive Erinnerung gäbe, die davon in Deutschland Zeugnis ablegen könnten, ist ein wohlmeinender Trugschluss.“74

Die persönliche Leidenserfahrung des Einzelnen könne als Primärerfahrung also nicht in das Gedächtnis oder die Erinnerung nicht direkt Betroffener übertragen werden, so wie Aleida Assmann es postuliert.75 Die ästhetische Form des Gedenkens führe letztendlich mit ihrem Versuch einer Sinnstiftung ins Nichts. Höchstens dieses Nichts könne dann selbst zum ästhetischen Thema werden.76

[...]


1 Assmann, Aleida/Frevert, Ute: Geschichtsvergessenheit – Geschichtsversessenheit. Vom Umgang mit deutschen Vergangenheiten nach 1945. Stuttgart 1999, S. 29.

2 Der Brockhaus, Geschichte. Personen, Daten, Hintergründe. 2., überarbeitete und aktualisierte Auflage. Mannheim 2006, S. 369.

3 Auch: Schoah oder Shoa. Vgl. ebd.

4 Assmann/Frevert: Geschichtsvergessenheit (1999), S. 35.

5 Ebd.

6 Vgl. Assmann/Frevert: Geschichtsvergessenheit (1999), S. 36.

7 Vgl. ebd., sowie Assmann, Aleida: Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik. München ²2014 (2006), S. 25.

8 Vgl. ebd.

9 Vgl. ebd., S. 34.

10 Vgl. Assmann: Der lange Schatten (2014), S. 26.

11 Ebd., S. 27.

12 Assmann/Frevert: Geschichtsvergessenheit (1999), S. 41.

13 Assmann: Der lange Schatten (2014), S. 25.

14 Vgl. ebd., S. 29.

15 Assmann/Frevert: Geschichtsvergessenheit (1999), S. 42.

16 Vgl. ebd.

17 Vgl. Assmann: Der lange Schatten (2014), S. 37.

18 Vgl. ebd. 36.

19 Assmann/Frevert: Geschichtsvergessenheit (1999), S. 49.

20 Vgl. ebd., S. 49 f.

21 Vgl. Assmann: Der lange Schatten (2014), S. 34.

22 Vgl. Assmann: Der lange Schatten (2014), S. 64 f.

23 Ebd., S. 66.

24 Ebd., S. 67.

25 Ebd.

26 Vgl. ebd., S. 69, 72.

27 Ebd., S. 75.

28 Ebd., S. 74.

29 Ebd., S. 277.

30 Vgl. ebd., S. 99.

31 Ebd., S. 94.

32 Ebd., S.95.

33 Stolpersteine Regensburg/Weber, Dieter (ViSdP): Flyer Stolpersteine in Regensburg. O. O. u. J..

34 Vgl. Evangelisches Bildungswerk Regensburg e. V./Lenk, Carsten (VisdP): Über uns/Kontakt. Auf: Stolpersteine Regensburg (http://www.stolpersteine-regensburg.de/fr1_4_r.htm, besucht am 11.08.2018, 13:40 Uhr).

35 Beispielsweise ist auf einem Stein, der vor dem Gebäude Arnulfsplatz 4 verlegt wurde, folgendes zu lesen: „HIER WOHNTE SIMON OBERDORFER. JG. 1872. DEPORTIERT 1943. SOBIBOR. ERMORDET 30.4.1943“.

36 Hesse, Hans: Stolpersteine. Idee. Künstler. Geschichte. Wirkung. Essen 2017, S. 22.

37 Vgl. ebd.

38 Vgl. Demnig, Gunter (ViSdP): Technik. In: Stolpersteine (http://www.stolpersteine.eu/technik/, besucht am 11.08.2018, 14:00 Uhr).

39 Vgl. Evangelisches Bildungswerk Regensburg e. V./Lenk, Carsten (VisdP): Aktuelle Hinweise der Initiative Stolpersteine in Regensburg. Auf: Stolpersteine Regensburg (http://www.stolpersteine-regensburg.de/, besucht am 11.08.2018, 13:45).

40 Q2: Gedächtnisprotokoll des Telefonats mit UF, 10.08.2018, 15:10-15:30 Uhr, Z.

41 Ebd., Z.

42 Schmidt-Lauber, Brigitta: Das qualitative Interview oder: Die Kunst des Reden-Lassens. In: Göttsch, Silke/Lehmann, Albrecht (Hg.): Methoden der Volkskunde. Positionen, Quellen, Arbeitsweisen der Europäischen Ethnologie. Berlin ²2007 (2001), S. 169-188, hier S. 174.

43 Omahna, Manfred: Methoden der qualitativen Raumanalyse. Graz 2012, S. 9.

44 Schmidt-Lauber: Das qualitative Interview (2007), S. 178.

45 Omahna: Raumanalyse (2012), S. 5.

46 Vgl. Schmidt-Lauber: Das qualitative Interview (2007), S. 177.

47 Vgl. Omahna : Raumanalyse (2012), S. 10 sowie Schlehe, Judith: Formen qualitativer Interviews. In: Beer, Bettina (Hg.): Methoden ethnologischer Feldforschung. Berlin ²2008 (2003), S. 119-142, hier S. 127.

48 Keller, Reiner: Wissenssoziologische Diskursanalyse. In: Keller, Reiner u. a. (Hg.): Handbuch Sozialwissenschaftliche Diskursanalyse. Band 1: Theorien und Methoden. Wiesbaden ³2011 (2006), S. 125-158, hier S. 142.

49 Vgl. Eggmann, Sabine: Diskursanalyse. Möglichkeiten für eine volkskundlich-ethnologische Kulturwissenschaft. In: Hess, Sabine/Moser, Johannes/Schwertl, Maria (Hg.): Europäisch-ethnologisches Forschen. Neue Methoden und Konzepte. Berlin 2013, S. 55-77, hier S. 56.

50 Vgl. ebd., S. 60.

51 Vgl. Kiefl, Oliver: Diskursanalyse. In: Bischoff, Christine/Oehme-Jüngling, Caroline/Leimgruber, Walter (Hg.): Methoden der Kulturanthropologie. Bern 2014, S. 431-443, hier S. 432.

52 Vgl. Keller, Reiner: Diskursforschung. Eine Einführung für SozialwissenschaftlerInnen. Wiesbaden 42011, S. 58.

53 Vgl. ebd.

54 Vgl. Kiefl: Diskursanalyse (2014), S. 437.

55 Beide Keller: Wissenssoziologische Diskursanalyse (2011), S. 147.

56 Vgl. ebd.

57 Ebd., S. 148.

58 Vgl. ebd.

59 Vgl. Keller: Wissenssoziologische Diskursanalyse (2011), S. 140.

60 Vgl. Eggmann: Diskursanalyse (2013), S. 66 f.

61 Vgl. Assmann/Frevert: Geschichtsvergessenheit (1999), S. 29.

62 Assmann: Der lange Schatten (2014), S. 210.

63 Vgl. ebd.

64 Vgl. Assmann/Frevert: Geschichtsvergessenheit (1999), S. 28.

65 Vgl. Assmann: Der lange Schatten (2014), S. 34.

66 Vgl. Hoffmann, Detlef: Architektur und Bildende Kunst. In: Knigge, Volkhard/Frei, Norbert (Hg.): Verbrechen erinnern. Die Auseinandersetzung mit Holocaust und Völkermord. Bonn 2005, S. 410-431, hier S. 410.

67 Assmann: Der lange Schatten (2014), S. 216.

68 Assmann/Frevert: Geschichtsvergessenheit (1999), S. 51.

69 Ebd.

70 Ebd.

71 Vgl. ebd.

72 Adorno, Theodor: Negative Dialektik. Frankfurt a. M. 1966, S. 357.

73 Vgl. Koselleck, Reinhart: Formen und Traditionen des negativen Gedächtnisses. In: Knigge, Volkhard/Frei, Norbert (Hg.): Verbrechen erinnern. Die Auseinandersetzung mit Holocaust und Völkermord. Bonn 2005, S. 21-32, hier S. 23.

74 Ebd., S. 24.

75 Vgl. ebd.

76 Vgl. Koselleck: Negatives Gedächtnis (2005), S. 30 f.

Ende der Leseprobe aus 46 Seiten

Details

Titel
Stolpersteine. Ein Kunstwerk als Aushandlung des kulturellen Gedächtnisses
Hochschule
Universität Regensburg  (Institut für Information, Medien, Sprache und Kultur)
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
46
Katalognummer
V470677
ISBN (eBook)
9783668951686
ISBN (Buch)
9783668951693
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Holocaust, Stolpersteine, kollektives Gedächtnis, kulturelles Gedächtnis, Assmann, Trauma, Kunst, Gedächtnis
Arbeit zitieren
Carla Herrmann (Autor), 2018, Stolpersteine. Ein Kunstwerk als Aushandlung des kulturellen Gedächtnisses, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/470677

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