Der Einsatz von Spielfilmen im Religionsunterricht

Versuch einer didaktischen Verwertung des Inhalts von "Dead Man Walking - Sein letzter Gang"


Akademische Arbeit, 2011
22 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theologische Analyse

3. Fachdidaktische Auswertung

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Untersuchung ist den Möglichkeiten und Grenzen des Einsatzes von Spielfilmen im Religionsunterricht geschuldet. Am Beispiel des mehrfach ausgezeichneten und von der Kritik hochgelobten Dramas Dead Man Walking – Sein letzter Gang, soll im Folgenden der Versuch einer theologisch und religionspädagogisch fundierten fachdidaktischen Verwertung der filmischen Inhalte unternommen werden. Den dafür notwendigen, allgemeinen Vorüberlegungen wird zunächst als Basis eine grobe Inhaltsangabe des Films vorangehen.

Die katholische Ordensschwester Helen Prejean arbeitet in den 1980er Jahren im St. Thomas Viertel von New Orleans, einem Wohnprojekt für mittellose Afroamerikaner. Eines Tages erhält sie den Brief des Häftlings Matthew Poncelet, ein zum Tode verurteilter Mörder und Vergewaltiger. Poncelet sitzt seit nunmehr sechs Jahren in der Todeszelle und bittet Prejean, aufgrund seiner anstehenden Hinrichtung, in dem Brief um Unterstützung bei der Erledigung jurstischer Formailitäten, nämlich bei der Beantragung einer Wiederaufnahme seines Verfahrens mit dem Ziel einer Umwandlung des Urteils zu lebenslanger Haft. Im Zuge des ersten Aufeinandertreffens von Prejean und Poncelet entsteht trotz seines arroganten und rassistischen Verhaltens schnell ein gewisses Vertrauensverhältnis. Der Verurteilte beteuert seine Unschuld und bittet Prejean um weitere, vor allem juristisch-organisatorische Hilfe. Nachdem plötzlich ein konkreter Termin für Poncelets Hinrichtung festgelegt wird, kontaktiert Prejean den Anwalt Hilton Barber und bittet ihn um Hilfe. Gemeinsam versuchen sie nun die rechtlichen Möglichkeiten zur Abwendung der Hinrichtung auszuschöpfen. Nachdem Prejean sich mit der Mutter des Häftlings getroffen hat und sie dazu bewegen kann vor Gericht aufzutreten, kommt es zu einer ersten Begegnung mit den Eltern der Mordopfer. Die Beziehung der Ordensschwester zu jenen ist von Anfang an vergiftet und in höchstem Maße problematisch durch ihre Hinwendung zu dem mutmaßlichen Mörder. Prejean besucht im weiteren Verlauf die Eltern der Opfer, was erneut zu Konflikten führt, da sie weiterhin ihre Rolle als geistiger Beistand des Todgeweihten ausfüllt. Die Angehörigen empfinden dies als ungeheuerlich und beleidigend. Die Beziehung von Poncelet und Prejean vertieft sich im Laufe der Zeit, obgleich sie sich keineswegs konfliktfrei darstellt. Mit der Zeit ergibt es sich, dass auch religiöse Fragen zum Gegenstand ihrer Gespräche werden, für die Poncelet ein zunehmdes Interesse zeigt. Am Tag der Hinrichtung ist Prejean ununterbrochen an der Seite Poncelets und begleitet ihn bis zu seinem Ableben durch die „tödliche Injektion“. Kurz vor seinem Tod bekennt Poncelet, die Vergewaltigung und die Morde begangen zu haben und übernimmt dafür die Verantwortung. Wenige Sekunden vor seinem Ableben bittet er die dabei zusehenden Angehörigen um Vergebung.

Der intesiven theologischen- und pädagogisch-fachdidaktischen Analyse des filmischen Materials sind begründete Aussagen bezüglich der Relvanz des Gegenstandes für den Gebrauch im Kontext des schulischen RU voranzustellen. Zuallererst handelt sich um ein cineastisches Meisterstück, welches schon allein aufgrund der überragenden schauspielerischen Leistungen zeigenswert ist. Dies allein reicht freilich nicht aus, um die Verwendung im RU zu legitimieren. Abgesehen vom ästhetisch-künstlerischen Gehalt werden in dem Werk verschieden Themen angesprochen, die im Kontext des RU bedeutsam sein können. Dabei handelt es sich um das nach wie vor aktuelle Problem der Todesstrafe, sowie deren (Nicht-)Vereinbarung mit christlichen Werten und christlicher Lebenspraxis. Überdies wird die Frage nach der Lebbarkeit des jesuanischen Ideals der Feindesliebe bzw. der allgemeinen Möglichkeit einer Realisierung der Nachfolge Jesu und deren implizierten seelischen Konsequenzen für die Betroffenen in radikaler Weise kritisch beleuchtet. Auch das Verhältnis von Altem- und Neuem Testament wird evoziert. Überdies können sowohl Vergebung und Erlösung als auch das Problem der Sünde und des Bösen im Kontext des menschlichen Leidens im Film identifiziert werden. Dead Man Walking bietet offenbar eine Vielzahl an Möglichkeiten des theologischen Zugangs, von denen Einige im weiteren Verlauf einer näheren Betrachtung zu unterziehen sind

2. Theologische Analyse

Das Problem der Todesstrafe ist zweifellos der zentrale Inhalt des Films. Die bis heute noch in einigen US-Bundesstaaten sowie in weiten Teilen der nicht-westlichen Welt gängige Praxis der legalen Tötung von Menschen aufgrund der von ihnen begangenen Verbrechen wird zumeist mit Rache- oder Vergeltungsmotiven oder dem Prinzip der ausgleichenden Gerechtigkeit begründet. Die diesbezüglich stattfindende Kontroverse von Gegnern und Befürwortern der Todesstrafe zieht sich wie ein roter Faden durch den gesamten Film. Beide Parteien werden in unterschiedlichen Ausprägungen dargestellt, wobei eine gewisse Tendenziösität zu Gunsten der Gegner nicht geleugnet werden kann.

Interessant ist, dass sowohl Gegner als auch Befürworter der Todesstrafe ihre Position religiös rechtfertigen. Earl Delacroix, der Vater des männlichen Opfers Walter Delacroix, trifft im Zusammenhang einer gerichtlichen Anhörung zum ersten Mal auf Schwester Prejean [30:45]. „Ich bin auch Katholik“, hält er ihr entgegen und macht daraufhin sein absolutes Unverständnis für Prejeans Handeln deutlich. Er kann nicht nachvollziehen, warum sie sich um den Mörder und Vergewaltiger Poncelet kümmert und nicht um die Familien der Opfer. Man könnte hier den Vergleich mit Jesu Hinwendung zu den Sündern, nicht den Gerechten, bemühen (Mt 2,13-17). Auch die Pharisäer können nicht verstehen, warum Jesus sich den Sündern zuwendet und nicht den Gerechten. „Die Starken bedürfen keines Arztes, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten“ (Mt2,17). Nach dieser Logik bedürften die Eltern der Opfer des geistlichen Beistandes nicht, weil sie schon Christen sind, während Poncelet noch der Rettung bedarf. Ohne dies bis dato offen zu artikulieren, scheint Prejean sich in ihrem Verhalten konkret an der Nachfolge Jesu zu orientieren, was sie dann zu einem späteren Zeitpunkt im Gespräch mit den Percys auch explizit ausspricht. Schon in dieser ersten Begegnung werden die unglaublichen Schwierigkeiten und Belastungen deutlich, die für jemanden, der sich auf so radikale Weise zur Nachfolge entschließt, auftreten. Bei dieser frühen Szene handelt es sich nun freilich noch nicht um eine religiös fundierte Debatte über das Für- und Wider der Todesstrafe, doch es klingen bereits Elemente an, die im weiteren Verlauf stark gemacht werden, nämlich, das Absprechen der Menschlichkeit des Verbrechers durch Delacroix sowie Prejeans unausgesprochene Antithese.

Charakteristisch für die Darstellung der Befürworter der Todesstrafe im Film ist die aggressive Verbreitung ihrer Botschaft über die Medien des Fernsehens und des Radios. In [16:00] wird eine Rede des Gouverneurs im TV gezeigt, in der er hartes juristisches Durchgreifen gegenüber Straftätern fordert, ohne dies hier religiös zu begründen. In [34:10] hört Prejean bei der Fahrt im Auto einen Radiospot, in dem zunächst die Argumente der Gegner (u.a. „Er [der zum Tode Verurteilte; Anm. O.A.] ist ein Kind Gottes“) verhöhnt werden. Dagegen wird dann behauptet, jene Gegner dürften sich nicht „auf ein hohes Ross setzen“, „ihr habt nämlich nicht die moralische Autorität dazu“. Hier wird nun indirekt gerade der entscheidende Punkt angesprochen, der es überhaupt erst ermöglicht, dass sowohl Gegner als auch Befürworter der Todesstrafe religiös begründet argumentieren können. Das Problem ist die menschliche Verfügung über Leben und Tod, über Leben- und Sterben-Lassen. Die Gegner werden den Befürwortern in diesem Zusammenhang mit Verweis auf die Bibel das Recht absprechen, über Leben und Tod entscheiden zu können bzw. zu dürfen, da dies nur Gott zukomme, während die Befürworter den Gegnern widerum dasselbe vorwerfen werden. Beide Parteien meinen sich dabei, im einen oder anderen Sinne, auf biblische Texte berufen zu können, wobei unvermeidlich das Klischee des Widerspruchs vom zornigen Vergeltungsgott des Alten Testaments und dem vergebenden Liebesgott des Neuen Testaments aufgewärmt wird. Dies alles kulminiert in der Frage, wer in solch schwierigen Situationen mit Recht die Autorität Gottes für sein Handeln in Anspruch nehmen kann. Der Kirchenhistoriker weiss ein Lied zu singen von dem unbestreitbaren Faktum, dass konkurierende, sich widersprechende Schriftauslegungen spätestens seit der Kanonisierung der Bibel fester Bestandteil des gelebten Christentums waren und bis heute sind.

Zum direkten Aufeinandertreffen beider Gruppen kommt es in [42:00]. Die Befürworter, darunter die Eltern der Opfer Poncelets, demonstrieren vor dem Gefängnis, in dem gleich ein anderer Häftling, ein Mann mit Namen Percell, hingerichtet werden soll. Auch die Gegner, darunter Prejean, demonstrieren mit einer Mahnwache am selben Ort gegen die Todestrafe. Ein Mann, offensichtlich ein Prediger, wendet sich der Gruppe der Gegner zu und ruft laut: „Jesus Christus hat auch gesagt, wer das Schwert nimmt, soll durch das Schwert umkommen. Percell hat es nicht besser verdient. Er hat es verdient, habt ihr verstanden?“. Offensichtlich eine Anspielung auf Mt 26,52, wenngleich das Zitat hier auf eine mehr als fragwürdige Weise entkontextualisiert wird. Ein weiteres Bibelzitat welches von den Gegner immer wieder geradezu vulgär-biblizistisch aufgegriffen wird, einer der Demonstranten hat es sogar auf seinem Schild stehen, ist der altestamentliche Rechtssatz aus Ex 21, 23-25, das sogenannte ius talionis: „Entsteht ein dauernder Schaden, so sollst du geben Leben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß, Brandmal um Brandmal, Beule um Beule, Wunde um Wunde.“ Hier erlaubt es sich der Film besonders parteiisch zu sein, wenn er die Gegner als fanatisch und aggressiv darstellt, sie sogar auf makabere Weise den Countdown zur Hinrichtung runterzählen und dann anschließend jubilieren lässt, während die Gegner ruhig und besonnen dargestellt werden.

Die Essenz der Kontroverse wird noch einmal besonders deutlich im Gespräch von Prejean mit den Eltern des weiblichen Opfers Hope Percy, Clyde und Mary Beth Percy. Die Eltern denken zunächst das Prejean die Seite gewechselt habe und sich von Poncelet distanzierte, um nun ihnen beizustehen. Als sich dies als falsch herausstellt, ist das Ehepaar Percy in hohem Maße wütend und empört.

C. Percy: „Wie können Sie sich neben diesen Abschaum stellen?“

Helen Prejean: „Ich versuche nur dem Beispiel zu folgen, das Jesus mir gezeigt hat. Er hat gesagt, dass der Wert eines jeden menschlichen Wesens mehr ist als seine schlimmsten Taten.“

C. Percy: „Das ist doch kein menschliches Wesen. Das ist ein Tier, nicht mehr. Nein, nein, das nehme ich zurück. Tiere vergewaltigen und ermorden ihresgleichen nicht. Matthew Poncelet ist Gottes Irrtum. Und Sie wollen dasitzen und dem armen Mörder die Hand halten? Sie wollen dabeisitzen und ihn beim Sterben trösten? Es war auch niemand im Wald der Hope getröstet hat, als sie starb. Als diese zwei wilden Bestien sie mit dem Gesicht in den nassen Boden pressten.

H. Prejean: „Sir, ich will ihm nur helfen die Verantwortung für all das zu tragen, was er getan hat.“

[...]

C. Percy: „Falls es Ihnen wirklich leid tut und falls Sie wirklich irgendetwas für diese Familie empfinden, dann müssen Sie doch wollen, dass unserer Tochter Gerechtigkeit widerfährt. [...] Sie können nunmal nicht der Freund dieses Mörders sein und denken sie wären unser Freund.“

Prejean beruft sich auf die Menschlichkeit jedes einzelnen menschlichen Wesens, ganz gleich wie furchtbar seine Taten gewesen sein mögen. Dies nehme ihm nicht seinen Status als Mensch. C. Percy bestreitet dies und spricht Poncelet nicht bloß seine Menschlichkeit ab, sondern sogar seine Tierheit. Für ihn ist er ein Monster und absoluter Abschaum, eben Gottes Irrtum. Überdies bringt er den Aspekt der Gerechtigkeit ins Spiel. Er geht davon aus, dass das, was seiner Tochter von Poncelet angetan wurde, vergolten werden muss, am Besten mit gleicher Münze. Nur so könne Gerechtigkeit für seine Tochter hergestellt werden. Prejean betont, sie wolle Poncelet helfen, die Verantwortung für seine Taten zu übernehmen um somit seine Schuld anzuerkennen. Interessant ist die Schlussbehauptung von C. Percy. Theologisch codiert lautet sie: „Der Gerechtigkeit im Sinne von Vergeltung fordernde Gott des Alten Testaments und die Feindesliebe Jesu Christi lassen sich nicht vereinbaren.“ Es handelt sich um die vermeintliche Antithese von Gesetz und Evangelium. Die Literatur über das Verhältnis beider zueinander füllte ganze Bibliotheken aus und kann hier nicht einmal ansatzweise umfassend dargestellt werden. Bemerkenswert ist aber, dass diese Thematik an der Frage der Todesstrafe besonders akut wird. Überdies stellt sich die Frage inwieweit religiöse Inhalte überhaupt als Begründung für Rechtsgrundsätze in einem säkularisierten Staat herhalten können und dürfen. Damit unmittelbar verbunden ist dann wiederum die Frage des Verhältnisses von religiösem Welt- und Menschenbild und insbesondere dem gesamten damit zusammenhängenden ethischen Bereich, zur weltlichen Gesetzgebung und deren Fundierung.

Das Verhältnis von Altem- und Neuem Testament bzw. der Bibel als Grundlage eines Urteils bezüglich der Todesstrafe wird ein weiteres Mal in [10:20] zum Gesprächsgegenstand, diesmal in einem Dialog zwischen Prejean und dem Anstaltsgeistlichen Farley.

Farley: „Sie sind doch mit dem Alten Testament vertraut?Du sollst nicht töten! Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll durch Menschen vergossen werden.“

Prejean: „Ja Pater, Sie müssten doch mit dem Neuen Testament vertraut sein, wo Jesus von Versöhnung und Gnade spricht.“

Farley: „Poncelet soll dessen gewahr werden, dass Jesus für seine Sünden gestorben ist. Wenn er das annehmen kann, dann ist die Versöhnung sei und seine Seele hat das ewige Leben. Unsere persönliche Meinung gegenüber der Todesstrafe steht an dieser Stelle nicht im Vordergrund. Betrachten wir den Römerbrief: „Jeder Mann sei Untertan der Obrigkeit die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit, sie kommt denn von Gott. Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, wird über sich ein Urteil empfangen.“

Die rechte Auslegung der Bibel und die praktische Anwendung ihrer Inhalte auf das tägliche Leben erweist sich hier als in hohem Maße problematisch, was wohl in der scheinbaren Widersprüchlichkeit der Bibel selbst begründet ist. Eigentlich vertritt ja der Anstaltsgeistliche in diesem Kontext einen absolut rigiden Säkularismus, wenn er mit Verweis auf den Römerbrief behauptet, dass die Aufgabe der Geistlichen lediglich sei, den Menschen zu ihrer Erlösung zu verhelfen. Vermeintlich rein weltliche, d.h. politische oder juristische Angelegenheiten, hätten sie nicht zu interessieren. Diese Schlussfolgerung setzt natürlich voraus, dass man die Todesstrafe als ein rein politisch-juristisches Problem ansieht, was sicher unzutreffend ist. Die Frage nach der legitimen Tötung von Menschen ist a priori eine moralische, welcher jeder politischen oder juristischen Verfügung vorausgeht. Wer ein wie auch immer geartetes Gesetz zur Todesstrafe oder zu deren Abschaffung verabschiedet, hat bereits den moralischen Bereich bewusst oder unbewusst durchschritten und ein entsprechendes, rekonstruierbares Urteil gefällt. Dass die Frage der Todesstrafe somit unmittelbar in den Bereich des Religiösen fällt ist evident.

Ähnlich wie der Gefängsnisgeistliche argumentiert auch der Gouverneur in seiner öffentlichen Stellungnahme in [17:30].

„Doch sie müssen auch verstehen, dass ich als Vertreter des Staates, als Vertreter des Gesetzes handle und meine persönlichen Ansichten zurückstellen muss, wenn es darum geht, dem ausdrücklichen Willen des Volkes zu entsprechen. Ich werde mir den Fall genau ansehen, aber solange ich keinen neuen und eindeutigen Beweis für seine Unschuld sehe, werde ich mich dem Verfahren nicht in den Weg stellen.“

Auch er unterstellt eine Trennung von „persönlichen Ansichten“ und dem staatlichen Gesetz, welches hier mit dem „Willen des Volkes“ identifiziert wird. Als wäre das Gesetz eine von den persönlichen Moralvorstellungen völlig unabhängige Sphäre. Als wäre Moralität ein privater Luxus, der im Bereich des am Realen orientierten Gesetzes nichts verloren hätte. Überdies geht es ja in der Diskussion nicht allein um Schuld oder Unschuld und dementsprechend um Beweise. Eine solche Ansicht setzte ja schon die Legitimität der Todesstrafe im Falle einer Schuld voraus. Doch die Todesstrafe wird von ihren Gegnern als grundsätzlich verwerflich und illegitim eingestuft, ganz gleich ob sie durch einen rechtlichen Rahmen legalisiert ist oder nicht.

Nochmals diskutiert wird das Thema der biblischen Legitimation in [21:30], anlässlich eines Gesprächs von Prejean mit einem Gefängniswärter.

Wärter: „Sagen Sie mir doch mal eins, Schwester. Was hat eine Nonne ausgerechnet an diesem Ort zu suchen? Sollten Sie nicht lieber Kinder unterrichten? Sie wissen, was dieser Mann getan hat. Wie er diese Kinder umgebracht hat.

Prejean: „Woran er sich mitschuldig gemacht hat war böse und ich heiße es nicht gut. Ich sehe nur nicht ein, dass das Töten von Menschen beweist, dass man nicht töten darf.“

Wärter: „Sie wissen doch was in der Bibel steht: „Auge um Auge“.

Prejean: „Wissen Sie was noch in der Bibel steht? Sie fordert die Todesstrafe für eheliche Untreue, Prostitution, Homosexualität, unbefugtes Betreten von heiligem Boden, Entweihung des Sabbats und Ungehorsam gegen die Eltern.“

Wärter: „Mit einer Nonne lasse ich mich nicht auf einen Bibelstreit ein, da verlier ich ja doch.“

Auch dem Wärter mangelt es an Verständnis für das Handeln von Prejean. Seine Vorstellung von dem, was Christen, in diesem Fall Nonnen, tun und sind, beschränkt sich auf deren „harmloses“ Engagement, auf das Unterrichten von Kindern beispielsweise. Auch er kann die Zuwendung der Nonne zum Kindermörder nicht nachvollziehen, weil er nicht versteht, was die Zuwendung zu solch scheinbar unmenschlichen Personen, Sünder um es christlich auszdrücken, mit dem Christentum oder dem christlichen Glauben zu tun haben könnte. Für ihn ist Christentum die institutionalisierte Kirche mit ihren Routinen und den Menschen, die in jene eingebunden sind. Dass Christ-Sein etwas existentiell-individuelles, sogar radikales ist, kann er nicht begreifen. Auch er bringt das abgegriffene „Auge um Auge“-Zitat und wird von Prejean auf die Konsequenzen seiner Aussage hingewiesen, nämlich auf die anderen biblischen Gebote, in deren Kontext die Todesstrafe erscheint und die nach seiner Logik dementsprechend ausgeführt werden müssten. Hier zeigt sich, dass das Auge-um-Auge-Argument von den Befürwortern eigentlich nur als Stütze einer Einstellung oder Entscheidung herangezogen wird, die nicht aus dem Argument selbst gewonnen wird. Wer das Argument heranzieht, hat sich schon vorher für Rache und Vergeltung entschieden. Denn hätte er sich ernsthaft mit der biblischen Ethik oder der alttestamentlichen Rechtsordnung beschäftigt, hätte er einsehen müssen, dass sein Umgang mit der Bibel auf willkürlichem Buchstabenbiblizismus begründet ist. Durch die Unwilligkeit zur Diskussion seiner These bestätigt der Wärter selbst diesen Befund. Abgesehen davon spricht Prejean hier eines der stärksten Argumente von Gegnern der Todesstrafe aus. „Ich sehe nur nicht ein, dass das Töten von Menschen beweist, dass man nicht Töten darf.“ Die Befürworter der Todesstrafe rechtfertigen die Hinrichtung eines Mörders und damit die Tötung eines Menschen paradoxerweise mit dem Verweis auf das Tötungsverbot des Dekalogs. Ein Handeln (Mord) wird mit Verweis auf die göttliche Autorität für falsch erklärt. Die Reaktion oder Strafe, die auf dieses falsche Handeln angeblich folgen müsse, sei die Durchführung des falschen Handelns selbst am ursprünglich falsch Handelnden durch einen Dritten, der dadurch erneut falsch handelte und durch einen weiteren ermordet werden müsste usw. Rein logisch betrachtet entstünde eine Kausalität, die dazu führte, dass im Laufe der Zeit alle Menschen verschwinden würden, bis ein Letzter übrig bliebe, der sich mit Verweis auf das Tötungsverbot selbst umbrächte. Dass die Befürworter der Todesstrafe dies nicht wollen können ist klar. Deshalb muss angenommen werden, dass sie zwischen zwei verschiedenen Arten von Mord unterscheiden. Der ursprüngliche Mord, der falsch ist, und der vergeltende Mord, dessen Unrecht durch das Unrecht des ersten Mordes aufgehoben und dadurch Recht wird. Im Prinzip handelt es sich hier um die Aufhebung eines altestamentlichen Satzes, „Du sollst nicht töten!“, durch einen anderen, „...Auge um Auge...“. Man müsste die Befürworter der Todesstrafe fragen, ob nicht vielleicht Jesu Gebot der Feindesliebe die Aufhebung beider Sätze darstellte. Du sollst nicht nur nicht töten, du sollst auch nicht vergelten, sondern deinen Feind sogar lieben. „Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel.“ (Mt 5,44f.).

Es ist deutlich geworden, dass der christliche Glaube in der Konfrontation mit der Todesstrafe in große Schwierigkeiten gerät und sich anhand dieses ganz konkreten Phänomens über sich selbst klar werden muss. Dieses isolierte Thema provoziert auf induktive Weise einige theologische Kontroversen. Wie ist die Schrift im Allgemeinen auszulegen? Wie ist das Verhältnis von Altem und Neuem Testament? Wie ist das Verhältnis des christlichen Glaubens zum Politischen? Wie könnte eine adequat argumentativ untermauerte christliche Stellungnahme zur Todesstrafe aussehen?

Im Film lässt sich ein zweiter wichtiger Themenkomplex lokalisieren, der zunächst einmal unabhängig vom Problem der Todesstrafe zu beschreiben und zu diskutieren ist. Dieser Komplex beinhaltet auf sehr verdichtete Weise, wie sollte es im Film auch anders möglich sein, das im Kontext der Todesstrafe bereits angesprochene Thema der Feindesliebe bzw. der radikalen Nachfolge Jesu, sowie deren implizite Konsequenzen für denjenigen der sich zu solch einer Praxis entschließt. Es geht hier eigentlich um die Frage der Leb- bzw. Unlebbarkeit des jesuanischen Ideals, welche sich in der Auslegungsgeschichte der entsprechenden Perikope der Bergpredigt wiederspiegelt.1 In diesem Zusammenhang werden dann auch die Bereiche der Schuld und der Vergebung, der Gnade sowie der Erlösung thematisiert.

[...]


1 Vgl. LUZ, Ulrich; Das Evangelium nach Matthäus – 1. Teilband Mt 1-7 5; Benziger Verlag; Düsseldorf [u.a.]; 2002. in GNILKA, Joachim [u.a.][Hg.]; Evangelisch-Katholischer Kommentar zum Neuen Testament; Benziger Verlag; Düsseldorf [u.a.]; 2002; S. 410ff.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Der Einsatz von Spielfilmen im Religionsunterricht
Untertitel
Versuch einer didaktischen Verwertung des Inhalts von "Dead Man Walking - Sein letzter Gang"
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
22
Katalognummer
V471052
ISBN (eBook)
9783668953154
Sprache
Deutsch
Schlagworte
einsatz, sein, walking, dead, inhalts, verwertung, versuch, religionsunterricht, spielfilmen, gang
Arbeit zitieren
Ole Albrecht (Autor), 2011, Der Einsatz von Spielfilmen im Religionsunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/471052

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