Betrachtung religiöser Elemente im Werke Ilse Aichingers


Hausarbeit, 2000

25 Seiten, Note: Sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Allgemeines

III. Jüdisch-christlicher Hintergrund

IV. Gottesbild/ Himmel

V. Schöpfung

VI. Biblische Figuren/ Heilige

VII. Engel

VIII. Missionare, Pfarrer und andere „Berufsreligiöse“

IX. Abschließende Bemerkungen

X. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Zahlreiche literarische Gattungen ziehen sich durch Ilse Aichingers Werk. Dieses reicht von einem Roman über Kurzgeschichten, Gedichte, Hörspiele bis hin zu Szenen, Dialo-gen und poetologischen Texten. So verschieden diese Arbeiten sind, ihnen gemeinsam ist ein immer wieder vorkommender Bezug zur Religion und zur Bibel. Dies schlägt sich augenfällig nieder in der Verwendung biblischer Namen und Figuren sowie Engeln, dem Schreiben von Schöpfungsgeschichten und dem Schaffen von Charakteren, die Religion zum Beruf gemacht haben (z.B. Pfarrer, Missionare). Trotz allem ist Ilse Aichin-ger keine religiöse Schriftstellerin. Ganz im Gegenteil, ist sie Kirche und Religion ge-genüber sehr kritisch eingestellt.

Interessant ist in Aichingers Fall besonders der Einfluss sowohl der jüdischen als auch der christlichen Religion, da sie biographisch Halbjüdin ist. In der Sekundärliteratur fin-den sich sogar Deutungen, die einen buddhistischen Anklang im Werk erkennen wol-len.[1] Diesen verschiedenen Einflüssen wird in dieser Arbeit nachzuspüren sein.

Ich werde mich mit ausgewählten Arbeiten aus unterschiedlichen Gattungen befassen, die einen guten Zugang zu Aichingers religiöser Grundhaltung bieten. Dabei bleiben Zeitsprünge nicht aus.

Gern hätte ich mich auch dem Roman „Die größere Hoffnung“ (1948) gewidmet, der sehr direkte Bezüge zu den beiden großen Religionen herstellt und äußerst interessante Bilder verwendet. Doch beim Schreiben dieser Arbeit gelangte ich zu der Erkenntnis, dass ein Einbeziehen des Romans bei weitem den Rahmen sprengen würde, weshalb ich bedauernd davon abgesehen habe. In ihm wäre Stoff für eine eigenständige Arbeit.

Da ich aber Ilse Aichingers ganzes Werk und nicht nur den Anfang betrachten wollte, habe ich mich entschieden, mehrere kleine Texte aus unterschiedlichen Zeiten zu bevorzugen.

II. Allgemeines

„Nachruf

Gib mir den Mantel, Martin,

aber geh erst vom Sattel

und laß dein Schwert, wo es ist,

gib mir den ganzen.“[2]

Schon dieses kurze Gedicht, auf das ich später noch genauer eingehen werde (s. VI. Biblische Figuren/Heilige), gibt einen ersten Eindruck, wie kritisch Ilse Aichinger zumindest der christlichen Religion gegenüber eingestellt ist. Durch viele ihrer Arbeiten zieht sich diese Kritik, die sich zum Teil in ironischen Anklängen äußert, aber auch direkt und unverhüllt angebracht wird. Ganz unverkrampft geht sie mit biblischen Figuren um, die sie in andere Kontexte stellt (z.B. „Herodes“), sie negativ beschreibt (wiederholt „Noah“, dessen Archebau sie als selbstsüchtig kritisiert) oder sie zu ohnmächtigen We-sen deklassiert (wiederum „Herodes“).

Religiöse Normen sucht sie zu durchbrechen, was sich in mehreren „Schöpfungsgeschichten“ („Das Bauen von Dörfern“, „Die Schwestern Jouet“) äußert. Sie deuten Willkür und Spiel an und lassen weder einen Plan erkennen noch einen gnädigen, wohlmei-nenden Gott. Das lässt Aichinger im krassen Gegensatz zur von den Kirchen vertretenen Meinung stehen. Sie akzeptiert keine Dogmen, sondern setzt sich kritisch damit auseinander und kommt dabei unter Umständen zu anderen Erkenntnissen.

So wie sich die Kritik zum einen gegen Kirchenvertreter richtet, wendet sie sich zu ei-nem großen Teil auch gegen einen Gott, den die Autorin nicht finden kann oder der ihr als gleichgültig auf die von ihm geschaffene Welt blickend erscheint, der für den Einzelnen kein Auge hat und erst recht keine Hilfe in der Not darstellt. Der Blickwinkel Gottes ist ein anderer:

„Gott, für den tausend Jahre sind wie ein Tag, sieht uns aufschießen, stehen und in uns zusammensinken, sieht die Schönheit in der Bewegung und nicht in der Blüte.“[3] (1951)

Es erscheint wie Frustration und Anklage, wenn Ilse Aichinger 1950 schreibt:

„Leer für alle, die dich anrufen.“[4]

Menschen, die ihre Zuversicht aus dem Gebet schöpfen, ihren Gott suchen, bitten, anflehen, ihnen wird nicht geholfen; da ist kein Himmel, kein Gott, kein Trost.

Das wird auch noch einmal besonders deutlich in dem Gedicht „Verfrüht“.

„Verfrüht

Du legst mir keinen Stein hin,

um unsere alte Trauer zu erhöhen,

gibst mir kein Licht zum Fürchten

und keine Furcht, damit es heller wird,

und nicht einmal den Fetzen Schwermut,

den jeder Stern verlangt.

Du treibst um deinen Findling

und ich habe die Wachsfräulein

noch immer nicht gefunden,

die stiller sind

als Jesus in der Krippe,

noch nicht.“[5]

Es erweckt den Anschein eines unbeantworteten Gebetes. „Resignation und Trauer führen zu einer gedämpften Auflehnung nicht nur gegen die etablierte Religion, sondern spezifisch gegen den Erlöser [...]. Jesus ist still, toter als die tote Materie.“[6] Versteinerung und Gefühllosigkeit sind vorherrschend, nicht Hoffnung und Erlösung.

Naheliegend sind hier Erfahrungen des Krieges, eigene, aber auch beobachtete. Die Ohnmacht und die Angst brechen hervor, die zur Zeit des Dritten Reiches bestimmend waren, wo die Mutter besonders gefährdet war, da sie als Jüdin galt, auch wenn sie konvertiert war, und bei der Erinnerung an die Verwandten, die den Nationalsozialisten zum Opfer fielen, ebenso wie an die eigene Bedrohung. So ist es kein Wunder, wenn man an einen guten, gnädigen Gott nicht mehr glauben kann und sich im Stich gelassen fühlt.

Ebenso wenig möglich erscheint jedoch ein Glaube an einen rächenden Gott, der die Sünden „imperfekter Geschöpfe in einer imperfekten Welt“[7] verurteilt, sowie generell ein anthropomorphisierter, persönlicher, berechnender Gott als grotesk abgelehnt wird.[8]

In christlichen Vorstellungen von Leben und Sterben findet sich Ilse Aichinger nicht wieder, wenn man ihre Arbeiten als Indikatoren zulässt. Wie Lorenz bemerkt, entkleidet Aichinger das Universum „von der göttlichen Kontrolle“ und empfindet so auch keine für „den Einzelnen [..] definierbare Aufgabe. Alle Erscheinungen sind von gleichem Rang. Die Flecken in der gleichnamigen Geschichte sind ebenso geeignet für eine Medi-tation wie es früher der Gedanke an Gott war.“[9]

Diese Haltung ist in der Tat faszinierend. Flecken werden für ebenso wichtig erachtet wie Querbalken, Schnee, Balkone, Plakate, Menschen, Hasen. Alles steht gleichberech-tigt nebeneinander und bietet nicht nur Stoff für eine Geschichte, sondern ist auch bedenkenswert, nachdenkenswert, sowohl beim Schreiben als auch beim Lesen.

„[...] [S]pezifische moralische und religiöse Fragen [werden] in Aichingers Werk nicht explizit ausgeführt [..], während deren Konsequenzen und Randerscheinungen der Betrachtung würdig sind“, so schreibt Lorenz und weist gleichzeitig auf „die Kluft, die zwischen ihrem Werk und dem noch tiefer in der westlichen Tradition verankerten Au-toren besteht“ hin. „Aichingers Werturteil über Religionen und Philosophien [..] [basiere] auf deren Auswirkungen auf den menschlichen Geist [...]. Die zwischenmenschlichen Verhaltensweisen, die aufgrund einer bestimmten Geistesrichtung [entstünden], nicht die Einstellung selbst, [seien] von Bedeutung.“[10] Auch darin bleibt viel Raum für Kritik an beruflichen Kirchenvertretern, die immer wieder zum Ausdruck kommt.

Wie sehr sie mit dem eigenen Glauben und dem anderer Menschen hadert, wird wiederholt deutlich, indem eine Heilserwartung als ungewiss und nicht einmal vorstellbar ver-worfen wird. „Die Figuren des Kurzgeschichtenbandes [„Rede unter dem Galgen“] wer-den in ihrem Wirklichkeitsverhalten zurückgeworfen auf ihre Diesseitigkeit. Das Postulat, unter dem sie antreten, ist nicht mehr der Glaube, sondern der Verzicht als Ausdruck eines Gefesseltseins an den Tod und an die Bedingtheit ihrer irdischen Existenz.“[11] Auch Boussart stellt eine Entwicklung dieser Art fest, wenn sie schreibt: „Die Unterschiede in der Bildersprache zwischen Der Gefesselte und Eliza Eliza verraten die wach-sende existentielle Verunsicherung der Schriftstellerin. Keine religiöse Zuversicht, auch kein ungebrochener Glaube an das sprachliche Kunstwerk, an das eigene Schreiben mehr.“[12] Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich aus diesem Grunde die Ironie Bahn bricht, die man in Geschichten, Gedichten und geschaffenen Figuren immer wieder beobachten kann. Ironie wird hier verwendet als eine Möglichkeit, Verunsicherung zu begegnen und Kritik auszudrücken. Gerade der christlichen Religion gilt diese Kritik oder will man es milder ausdrücken, zu dieser Tradition ist sie auf Distanz gegangen. Lorenz gibt als Belege „die ironischen Spiele mit der christlichen Heilsgeschichte“ an sowie das Faktum, dass „christliche Institutionen [selten] erwähnt [werden], ohne daß sie verbunden wer-den mit potentieller Zerstörung, während die jüdischen Namen und Kontexte wie Mahnmale einer vergangenen [...] und fast idyllischen Welt wirken, die, unterdrückt und vernichtet, dennoch achtungsgebietend bleibt.“[13]

Ganz verständlich ist dies bereits aus biographischen Gründen, die schon Erwähnung fanden.

Auffällig ist bei Ilse Aichinger besonders in der „Größeren Hoffnung“, aber auch in an-deren Werken, dass sie immer wieder Zitate aus der Bibel verwendet, zum Teil ver-fremdet, oder in Bibelsprache schreibt. Lorenz fasst dies als eine von Aichingers „sprachlichen Eigentümlichkeiten“[14] auf und weist auf die hymnischen Stellen in „Die größere Hoffnung“ hin ebenso wie auf die „Integration von alttestamentlichen Propheten – Elias in „Französische Botschaft“ -, die Anspielungen auf die Psalmen und das Hohe Lied – „Rahels Kleider““[15] und die Annäherung an der „im „Prediger“ enthaltenen Aussage über die Eitelkeit der äußeren Welt, des Planens, dem Streben und dem Wunsch nach Ewigkeit.“[16] So sind also nicht nur sprachliche Parallelen zu bemerken, sondern auch gedankliche Prägungen.

Der allgemeine Teil soll abgeschlossen werden mit der Betrachtung eines Gedichtes, das stellvertretend für andere Texte, die Distanz zur Kirche und Aichingers Anschauung verdeutlichen soll.

„Sonntagvormittag

Gott zu lieben,

ihn anzubeten

und ihm allein zu dienen.

Rastend

auf dem Weg zu den Höfen

zur bestimmten Stunde

aus der Ferne gesehen

über dem Schnee.“[17]

In diesem Gedicht wird eine große Distanz offenbar, die sich einmal auf den sonntäglichen Kirchgang bezieht, aber auch den unbedingten, tiefen Glauben an Gott einschließt. Die ersten drei Zeilen in ihrer einfachen Art, tausendfach wiederholt in Gottesdienst und Kirchenlied, Standardformeln, die kindliches Gottvertrauen ausdrücken, stehen dem Rest des Gedichtes gegenüber. Dieses Gottvertrauen steht dem Sprecher offenbar nicht mehr zur Verfügung. Er hat sich räumlich und geistig zu weit entfernt. Unentschieden bleibt, ob er diese Entwicklung bedauert oder ob er sich, im Gegenteil, erhaben fühlt über die, die noch so glauben (können) und inwiefern er ihre Frömmigkeit als geheuchelt empfindet.

[...]


[1] Vgl. Lorenz : Verschwiegenes Wortspiel. Kommentare zu den Werken Ilse Aichingers, S.33.

[2] Aichinger: verschenkter Rat, S. 62.

[3] Aichinger: Kleist, Moos, Fasane, S. 45.

[4] Ebd., S. 37.

[5] Aichinger: verschenkter Rat, S. 88.

[6] Lorenz: Ilse Aichinger, S. 247.

[7] Ebd., S. 215.

[8] Vgl. ebd.

[9] Ebd., S. 20.

[10] Lorenz: Ilse Aichinger, S. 20.

[11] Gerresheim: Ilse Aichinger, S. 498.

[12] Boussart: Ilse Aichingers metaphorisches Schreiben, S. 152 f.

[13] Lorenz: Ilse Aichinger, S. 15.

[14] Lorenz: Ilse Aichinger, S. 52.

[15] Ebd., S. 15.

[16] Ebd., S. 61.

[17] Aichinger: verschenkter Rat, S. 11.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Betrachtung religiöser Elemente im Werke Ilse Aichingers
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Veranstaltung
Forschungslernseminar: Ilse Aichinger und Günter Eich
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2000
Seiten
25
Katalognummer
V47466
ISBN (eBook)
9783638444118
ISBN (Buch)
9783640496730
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Betrachtung, Elemente, Werke, Aichinger, Günter, Eich, Ilse, Religion, christlich, jüdisch, religiös, Ilse Aichinger
Arbeit zitieren
Claudia Kollschen (Autor), 2000, Betrachtung religiöser Elemente im Werke Ilse Aichingers, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47466

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