Mutterfiguren in Brechts "Der kaukasische Kreidekreis" und "Mutter Courage" - Ein Vergleich zur Eignungsfeststellung von Müttern


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

20 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

INHALT

1. EINLEITUNG

2. Widersprüche in den Anlagen der Mutterfigur
2.1 Courage: Mutter und Marketenderin
2.2 Grusche: Aufopferung bis Selbstentfremdung

3. Mutter- Kind- Beziehung
3.1 Courage und ihre Kinder
3.2 Grusche und Michel

4. Widersprüche zwischen beiden Mutterfiguren

5. Schlussbetrachtung

LITERATURVERZEICHNIS

1. Einleitung

In Zeiten des Krieges, wenn Menschlichkeit, Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe keine Rolle mehr spielen, sondern eher noch als todbringende oder dem eigenen Fortkommen hinderliche Tugenden verabscheut werden1, ist es schwierig, als Mutter für sich selbst und die hilfebedürftigen Kinder zu sorgen. Diese Erfahrung macht auch Anna Fierling in Brechts “Mutter Courage und ihre Kinder”. Sie versucht ihre Kinder aus dem Krieg herauszuhalten und dennoch gewinnorientiert als Marketenderin am Krieg teilzuhaben. Trotzdem schafft sie es nicht, ihre Kinder vor dem Tod zu bewahren, weil sie nicht einsieht, dass ihre beiden Rollen- die der Mutter und der Händlerin- sich gegenseitig durch Unvereinbarkeit ausschließen. Geht die Courage dem Handel nach, vernachlässigt sie ihre Pflichten als Mutter und riskiert das Leben ihrer Schützlinge, indem sie sie in entscheidenden Momenten nicht vor Unheil bewahren kann. Widmet sie sich hingegen ganz der Mutterrolle, geht ihr die existenzielle Basis für die Familie verloren, da sie auf den Handel angewiesen ist, um sich und ihre Kinder durchzubringen2. Der Handel korrumpiert also die Mutterliebe3 und nimmt ihr am Ende sogar die Mutterschaft, so wird die Mutter Courage zur bloßen Courage- der Händlerin- degradiert4.

Im Gegensatz hierzu steht die eher durch einen Unfall hervorgerufene Mut-

terschaft5 der Magd Grusche Vachnadze in Bertolt Brechts Stück “Der kaukasische Kreidekreis”. Grusche riskiert nicht ihr Leben und das des Kindes für einen Gewinn am Krieg, sie riskiert ihr Leben einzig zum Wohle des Kindes. Michel, der Sohn des Gouverneurs, wurde im Chaos der Unruhen von seiner leiblichen Mutter, weil sie sich nicht entscheiden konnte, welche Kleider sie auf der Flucht mitnehmen sollte, einfach vergessen. Nachdem sich niemand des Säuglings annahm, wurde Grusche durch seine Hilflosigkeit “zur Güte verführt”6 und nahm sich seiner an. Von den Siegern des Krieges als Diebin betrachtet, von ihren Mitmenschen als naives Dummchen7 belächelt, begibt sich Grusche auf die Flucht, um das Kind in Sicherheit zu bringen und es der rechtmäßigen Mutter zurückzubringen. Diese Selbstaufopferung entwickelt sich zur Selbstentfremdung8 zugunsten des Kindes, und durch die Entbehrungen und Strapazen der Flucht sowie der Gewöhnung an das Kind entsteht eine nicht mehr lösbare Bindung zwischen der Magd und Michel. Als die leibliche Mutter Besitzanprüche an das Kind anmeldet, ist Grusche nicht mehr bereit, 'ihren' Michel zurückzugeben. Es kommt zur Gerichtsverhandlung.

Die vorliegende Hausarbeit soll sich mit den Mutterfiguren in Brechts Werken auseinandersetzen und ihre Widersprüchlichkeiten herausarbeiten. Dabei verfolgt sie das Ziel, beide Mutterfiguren miteinander zu vergleichen, um die Gegensätzlichkeiten der Mütter Grusche und Courage darzustellen und eine Polarisierung hinsichtlich ihrer Eignung als Mutter ('gute' Mutter bzw. 'schlechte' Mutter) zu erwirken. Deshalb ist es notwendig,die Beziehung zwischen Mutter und Kind sowie die Art und Weise der Erfüllung der Mutterrolle durch die beiden Frauen zu betrachten (und zu analysieren).

Den Abschluß der vorliegenden Hausarbeit bildet eine Zusammenfassung der herausgearbeiteten Untersuchungsergebnisse.

2.Widersprüche in den Anlagen der Mutterfigur

Die Figur der Courage umfasst verschiedene Widersprüche, die für das Stück von tragender Bedeutung sind So meint Walter Hinck: “Die Aussicht und Hoffnung auf >Gewinn< [...] korrumpiert die politische Einsicht und mit ihr den Widerstandsgeist“ 9. Damit spricht er die politische Meinung der Courage gegenüber dem Geschäftssinn an. Courage hat ihre eigenen Ansichten zum Krieg und den herrschenden Zuständen, sie bedient sich in ihren Aussagen der „entlarvenden Überspitzung“ 10: „Die Polen hier in Polen hätten sich nicht einmischen sollen. Es ist richtig, unser König ist bei ihnen eingerückt mit Ross und Mann und Wagen, aber anstatt daß die Polen den Frieden aufrecht erhalten haben, haben sie sich eingemischt in ihre eigenen Angelegenheiten und den König angegriffen [...]“ 11. Doch schon kurz darauf erfolgt eine Stellungnahme; die Courage schildert Feldkoch und Prediger ihre Einsicht über die Hintergründe des Krieges, und warum sie ihn eigentlich gutheißt: „ [...] Wenn man die Großkopfigen reden hört, führens den Krieg nur aus Gottesfurcht und für alles, was gut und schön is. Aber wenn man genauer hinsieht, sinds nicht so blöd, sondern führn die Krieg für Gewinn. Und anders würden die kleinen Leut wie ich auch nicht mitmachen.“ 12Aus diesem Grund verhält sich die Courage still „Uns haben sie all unsere Schneid abgekauft. Warum, wenn ich aufmuck, möchts das Geschäft schädigen.“ 13 und kapituliert (wie auch im Lied von der großen Kapitulation), wenn es sein muss, der Geschäfte wegen. Sie schlägt sich also immer auf die Seite derer, die ihrem Dasein als Marketenderin nützlich sind und passt sich den gegebenen Umständen aus Gewinnorientierung an.

Doch auch andere Widersprüche mit Bezug auf das Geschäft sind in Brechts Werk zu finden: Sie spiegeln sich vor allem in ihrer Rolle als Mutter wider. Aus diesem Grund soll das Mutter- Händlerin- Dilemma im Anschluss gesondert betrachtet werden. Daran anknüpfend folgt die Betrachtung der Grusche.

2.1 Courage: Mutter und Marketenderin

Das Dasein als Mutter und der Handel sind “[...]die beiden Antriebskräfte[...],die das Verhalten der Courage bestimmen und die in einen unheilsvollem Widerspruch zu- einander geraten.” 14Anna Fierling kann ihren Beruf und ihre mütterlichen Pflichten nicht miteinander verbinden, sie trennt beide Bereiche und tritt somit jeweils als 'Courage' oder als 'Mutter' auf. Schon in der ersten Szene verdeutlicht sich diese Spaltung: einerseits versucht sie ihre Kinder- vor allem ihre Söhne- vor den Werbern zu schützen „ Nicht zu machen, Feldwebel. Meine Kinder sind nicht für das Kriegshandwerk “15, andererseits möchte sie ihre Waren verkaufen “[...]Und jetzt, meine Herren Offizier, brauchens nicht eine gute Pistolen, oder eine Schnall, die Ihre ist schon abgewetzt, Herr Feldwebel.”” 16Diese Schwankungen in der Haltung der Courage machen sich Feldwebel und Werber zu Nutze: Während der Feldwebel Anna in einen Handel verwickelt, lockt der Werber Eilif fort. Die Courage hat also ihre Mutterpflichten zugunsten eines Geschäfts vernachlässigt und verliert so ihren ältesten Sohn. Doch es gibt weitere Beweise dafür, dass Courage für einen guten Handel ihre Aufgaben als Mutter vernachlässigt.

So kann sie ihren redlichen Sohn Schweizerkas nicht richtig aus dem Krieg heraushalten (owohl dies ihr erklärtes Zeil war!)17, er wird Zahlmeister beim 2. Finnischen Regiment. Doch genau diese Position wird ihm bald darauf zum Verhängnis, als Courage und ihre Kinder in Gefangenschaft geraten. Schweizerkas versteckt die Regimentskasse im Wagen seiner Mutter, um sie vor feindlichen Zugriffen zu bewahren, andererseits zwingt ihn seine Redlichkeit dazu: “Wie soll der Feldwebel den Sold auszahlen?”18. Leider weiß er nicht, dass er bereits von Spionen beobachtet wird, und benimmt sich unvorsichtig. Als Courage sich auf den Weg macht, Fleisch und eine passende Fahne zu kaufen, versucht er ein geeignetes Versteck für die Kasse zu finden. Die Warnlaute seiner Schwester versteht er nicht und läuft seinen Verfolgern geradezu in die Arme. Erneut ist Courage nicht anwesend, wenn einem ihrer Kinder etwas zustößt.Und wieder befasst sie sich zum Nachteil ihrer Sprösslinge mit dem Handel: “[sie denkt]couragiert [...], nicht aber mütterlich[...]” 19und feilscht um das Leben ihres Sohnes, als sie erkennen muß, dass die Regimentskasse verloren ist, um ihren Marketenderladen nicht an Yvette zu verlieren. So muss ihr Sohn Schweizerkas sterben und sie trägt daran zum großen Teil Mitschuld. Auch als Eilif wegen Viehdiebstahl in der kurzen Zeit des Friedens hingerichtet werden soll, ist Courage in einen Handel verwickelt: Sie will - um sich nicht völlig zu ruinieren- mit Yvettes Hilfe ihre Waren abstoßen. Sehr tragisch gestaltet sich auch eine Fehlentscheidung der Mutter bezüglich ihrer Tochter Kattrin. Sie soll für die Mutter wertvolle Waren aus der Stadt besorgen, wird aber nur auf dem Hinweg von dem Schreiber begleitet. Auf dem Rückweg schließlich wird sie überfallen und brutal geschlagen, eine Wunde entstellt ihr Gesicht. Fraglich ist hierbei, was genau der Kattrin zugestoßen ist. Die Forschung ist sich hierüber uneinig. Walter Hinck begreift den Überfall als Schändung und Verunstaltung20, Battafarano und Eilert gehen ebenfalls von einer Vergewaltigung aus “[...]wie wenig es ihr im Grunde um die Tochter zu tun ist, offenbahrt die zweite Vergewaltigung Kattrins “21, der eine erste Vergewaltigung bereits vorangegangen sein soll „Kattrin ist gesund zur Welt gekommen und erst infolge einer Vergewaltigung durch einen Soldaten verstummt“ 22Allerdings erscheint diese Auffassung weit hergeholt, betrachtet man die- wahrscheinlich- von Eilert und Battafarano verdächtigten Zeilen: „[...]stumm ist sie auch nur wegen dem Krieg, ein Soldat hat ihr als klein was in den Mund geschoppt.“ 23 Versteht man 'geschoppt' im Sinne von 'gestopft', sollte man vielleicht nun wirklich nicht davon ausgehen, von einer Vergewaltigung zu erfahren. Andererseits erscheint es merkwürdig, dass Kattrin verstummt, weil ihr ein Soldat etwas in den Mund steckte- was er ihr in den Mund steckte, bleibt hier leider offen und entzieht sich einer einer Interpretation. Jan Knopf beschränkt sich in seinen Ausführungen auf eine Verunstaltung Kattrins24 ohne näher auf den Überfall einzugehen. Dennoch treiben Battafarano den Gedanken der zweiten Vergewaltigung noch weiter und bezichtigen die Courage nahezu unmenschlicher Schlechtigkeit: „Mutter Courage bietet nämlich [...]die roten Stöckelschuhe der Regimentshure Yvette Pottier als Entschädigung an. Dass jene Schuhe den Abfall ins Gewerbe der Soldatenhurerei signalisieren, stellt nach dem zweiten Überfall offensichtlich für die Mutter kein Problem mehr dar. Für sie hat die Vergewaltigung neue Tatsachen geschaffen, aus denen das Beste zu machen ist.“ Zwar wirft die Courage ihrer Tochter, als sie die Schuhe Yvettes bei ihr entdeckt, vor: „Die [Yvette] richtet sich zugrund fürs Geld, das versteh ich. Aber du möchtst es umsonst, zum Vergnügen. “25, doch scheint es in Anbetracht der Bemühungen der Courage, ihre Tochter vor den Übergriffen der Soldaten zu schützen, indem sie sie mit Asche verschmiert, eher der Ausruf einer erzürnten Mutter zu sein: Schon einmal schalt sie ihre Tochter, da sie im Augenblick eines Angriffs der Katholischen Hut und Schuhe der Lagerhure anprobierte, als hoffährtig. Zum zweiten Mal muss sie feststellen, dass ihre Tochter aber nunmal- wenn auch zu ihrem Missfallen- für Männer schön sein will. Es ist also ihre Unbelehrbarkeit, die sie wütend macht. Nach dem Überfall ihrer Tochter scheinen die Schuhe als Geschenk eher der missglückte Versuch, die Tochter zu trösten; scheinbar weiß Courage es nicht besser. Es gibt einige Gelegenheiten, in denen sie mangelndes Taktgefühl beweist26. Doch sollte man hier anführen, dass der Überfall auf Kattrin nunmal ein Resultat der Unbedachtheit Courages ist. Denn obwohl sie die Tochter immer schützen wollte „schickt die Mutter sie um des Geschäfts willen mitten in die Gefahr.“ 27Erscheint die 'erste' Vergewaltigung eher fraglich, ist die Wahrscheinlichkeit einer tatsächlichen Vergewaltigung Kattrins zur Zeit des Überfalls durchaus gegeben. Warum sonst lässt sie die roten Schuhe stehen, die ihr doch so lieb gewesen waren, und verkriecht sich in den Wagen? Andererseits versteht sie vielleicht in dem Moment erst die Bedeutung der Wunde bzw. des Überfalls für ihre Zukunft: sie wird keinen Mann mehr finden. Dabei war es ihr so wichtig, selbst eine Familie zu gründen. Ständig wurde sie von ihrer Mutter darauf vertröstet, sich im Frieden ihren Wünsch erfüllen zu können.

Insgesamt betrachtet, stellt es also für jedes der Kinder einen entscheidenten Nachteil dar, eine Händlerin zur Mutter zu haben. Sie kommt, wie bereits erwähnt, ihren Pflichten nicht nach, weil es ihr nicht möglich ist, Mutter und Händlerin gleichzeitig zu sein. Soweit erscheint Anna Fierling natürlich als denkbar schlechte Mutter. Doch ein Urteil bzw. eine Aussage hinsichtlich ihrer Eignung soll erst durch weitere Betrachtung der Mutter- Kind- Beziehung im Abschnitt 'Widersprüche zwischen beiden Mutterfiguren' getroffen werden.

2.2 Grusche: Aufopferung bis Selbstentfremdung

Brecht hatte, wie bereits erwähnt, die Mutterschaft der Grusche als Unfall darstellen wollen. Doch schon allein die Bereitschaft, ein Kind an sich zu nehmen, was einerseits von niemanden gewollt wird, andererseits für die Sieger des Aufastandes als heißbegehrte Beute gilt, stellt das erste Anzeichen der Aufopferung dar. Grusche ist bereit, ihr Leben zu gefährden, um das Kind in Sicherheit zu bringen, deshalb schleicht sie sich mit dem Kind weg wie mit einer Beute28- der Wert des Kindes für die siegreiche Partei ist ihr klar. Doch die ersten Probleme kündigen sich schon nach kurzer Zeit an: die Milch für Michel ist überteuert und zehrt an den finanziellen Reserven Grusches. In der Not versucht sie sogar, dem Kind die Brust zu geben, um es zu beruhigen29, doch dies gelingt ihr nicht und sie muss die Milch kaufen. Weiterhin auf der Flucht versucht sie, sich als Dame auszugeben, um eine Nacht in einem sicheren Unterschlupf mit anderen Damen verbringen zu können. Sie rechnet dabei mit der Hilfsbereitschaft unter den Menschen, muss jedoch erkennen, dass ihnen das eigene Fortkommen wichtiger ist: Sie wird aufgrund ihrer Fertigkeit im Betten machen als Dienerin erkannt und als Diebin verjagt30. Rückschläge und Beschwerlichkeiten der Flucht zehren an ihren Kräften. Als sich Michel erneut nass gemacht hat und Grusche bemerkt, „dass die Rettung des Kindes im Widerstreit zu ihrem eigenen Interesse steht“ 31, beschließt sie, Michel in 'gute Hände' zu geben und setzt ihn vor der Tür eines Bauernhauses aus. Ihr guter Wille mit dieser Trennung zeigt sich daran, dass sie erst geht, nachdem Michel von der Bäuerin mit ins Haus genommen wird. Ihr eigenes Interesse schildert sie dem Kind kurz bevor sie es verlässt: „[...]aber ich muß zurück, denn auch mein Liebster, der Soldat, mag bald zurück sein, und soll er mich da nicht finden? Das kannst du nicht verlangen, Michel.“ 32Doch als sie auf dem Rückweg die Panzerreiter trifft, eilt sie zum Hof zurück und bittet die Bäuerin, sich als leibliche Mutter Michels auszugeben. Diese aber bekommt es mit der Angst zu tun, also behauptet Grusche, sie selbst sei die Mutter des Kleinen und erschlägt einen Panzerreiter, um ihren Schützling vor ihm zu retten. Sie riskiert somit ein weiteres Mal in einer gefährlichen Situation ihr Leben für das 'hohe Kind'. Bereits zum Zeitpunkt der kurzfristigen Trennung von Magd und Kleinkind äußern der Sänger bzw. die Musiker Grusches Meinung in einem fiktiven Gespräch „DER SÄNGER Und warum traurig? DIE MUSIKER Weil ich frei und ledig gehe, bin ich traurig./ Wie ein Beraubter/ Wie ein Verarmter. “33Grusche fühlt sich also durch all das Erlebte dem Kind verbunden. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl veranlasst sie, Michel als ihr eigenes Kind anzunehmen, es folgt eine- beinah feierliche, verfremdete- Adoption: „Nahm die Hilflose den Hilflosen an Kindes Statt.“ 34, „Weil ich dich zu lang geschleppt/ Und mit wunden Füßen/ Weil die Milch so teuer war/ Wurdest du mir lieb./ (Wollt dich nicht mehr missen)/ Werf dein feines Hemdlein weg/ Wickle dich in Lumpen/ Wasche dich und taufe dich/ Mit dem Gletscherwasser. / (Mußt es überstehen.)“ 35. Noch immer flüchtig, muss sie ihr beider Leben auf Spiel setzen, um Michel erneut vor den Zugriffen der Panzerreiter zu schützen und überquert einen morschen Steg36. Auf der anderen Seite angekommen, fasst sie den Plan, beim Bruder unterzukommen. Auf Drängen ihrer Schwägerin kann sie allerings nur bis zum Frühjahr bleiben. Das Kind bereitet der Frau des Bruders Ungemach „LAVRENTI [ ...] Sie [Aniko] ist eine gute Seele, nur sehr, sehr feinfühlig. Die Leute brauchen noch gar nicht besonders zu reden über den Hof, da ist sie schon ängstlich.“ 37. Daher soll Grusche einen im Sterben liegenden Bauern heiraten, um dem Gerede der Leute vorzubeugen. Natürlich ist es der jungen Frau nicht recht, sie wartet ja auf ihren Verlobten, doch sie weiß auch „Ich könnte ein Papier mit Stempeln brauchen für Michel.“ 38Zum Wohle des Kindes erteilt sie also ihrer eigenen Zukunft eine Absage und heiratet Jussuf. Bis zum letzten Moment hofft sie auf Simons Rückkehr, doch der kommt erst nach Vollzug der Hochzeit zurück und missversteht die Neuigkeiten als Bruch des Eides39.

[...]


1 Brecht, Bertold: Mutter Courage und ihre Kinder. In: Bertold Brecht. Werke. GBA. Frankfurt am Main, 1988, Bd. 6(ab sofort zitiert als Courage) „[...]wenn ein Feldherr oder König recht dumm ist und führt seine Leut in die Scheißgass, dann brauchts Todesmut bei den Leuten, auch eine Tugend.[...]In einem guten Land brauchts keine Tugenden[...]“

2 Vgl. Hinck, Walter:Mutter Courage und ihre Kinder. Ein kritisches Volksstück. In: Hinderer, Walter (Hrsg.): Brechts Dramen. Neue Interpretationen. BD 8813. Stuttgart: Philipp Reclam jun.,1995, S. 165: „Denn der Marketenderwagen der Courage schafft ihrer Mutterliebe erst die materielle Grundlage, die mütterliche Sorge motiviert also auch den Geschäftssinn. [...]“ (ab sofort zitiert als Hinck)

3 Hinck , S.165„Dieser merkantile Trieb andererseits korrumpiert die Mutterliebe [...].“

4 Vgl. Battafarano,,Italo M./ Eilert, Hildegart: Courage. Die starke Frau aus der deutschen Literatur. Von Grimmelshausen erfunden, von Brecht variiert. Bern: Peter Lang AG, Europäischer Verlag der Wissenschaften, 2003, S.182 „ Mutter Courage und ihre Kinder ist am Ende des Stückes nur Courage, ohne ihre Kinder und daher nicht mehr Mutter.“ (ab sofort zitiert als Battafarano/ Eilert)

5 Vgl. Hecht, Werner (Hrsg.): Materialien zu Brechts „Der kaukasische Kreidekreis“. Bertolt Brecht über den kaukasischen Kreidekreis. Edition Suhrkamp 155. 5. Auflage 1974. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1966, S.33 „[...] das Begehen der guten Tat als Unfall zu isolieren.“ (ab sofort zitiert als Hecht)

6 Vgl. Brecht, Bertold: Der kaukasische Kreidekreis. Edition Suhrkamp 31. 1. Auflage 1963. Berlin/ Frankfurt am Main: Suhrkamp 2002, S.34: „Schrecklich ist die Verführung zur Güte!“ (ab sofort zitiert als Kreidekreis)

7 Kreidekreis, S.31: „Grusche, du bist eine gute Seele, aber du weißt, die Hellste bist du nicht.“

8 Vgl. Wedel, Ute: Die Rolle der Frau bei Brecht. Europäische Hochschulschriften: Deutsche Sprache und Literatur; Bd. 673. Frankfurt am Main: Verlag Peter Lang, 1983, S.16 (ab sofort zitiert als Wedel)

9 Hinck, Walter, S.100

10 Hinck, Walter, S.102

11 Courage, S. 31

12 Courage, S. 31- 32

13 Courage, S. 48

14 Hinck, Walter, S. 98

15 Kreidekreis, S.13

16 ebenda

17 Courage, S.25 „[...]da kommt er mir wenigstens nicht ins Gefecht, ganz konnt ich ihn nicht raushalten.“

18 Corage, S.35

19 Battafarano, S.197

20 Hinck, S. 111

21 Battafarano, S.199- 200

22 ebenda, S. 198

23 Mutter Courage, S.61

24 Knopf, Jan: Brecht Handbuch. Theater. Eine Ästhetik der Widersprüche. Stuttgart: Metzlersche Verlagsbuchhandlung, S. 187 (ab sofort zitiert als BHB/ Theater)

25 Mutter Courage, S. 36

26 Courage, S. 64 „Kattrin![...] Gib ein Büschel Haar drüber, und fertig! Herr Lamb ist kein Fremder.“ Kattrin erscheint nur noch selten, denn sie schämt sich für ihre Verunstaltung. Courages harte Art und Weise, mit der Tochter umzugehen, zeugt nicht für Takt- oder Feingefühl.

27 BHB/Theater, S.187

28 Kreidekreis, S.34

29 Kreidekreis, S.36 „Da müssen wir es nochmal so versuchen. Zieh, denk an die drei Piaster! Es ist nichts drin, aber du meinst, du trinkst, und das ist etwas.“

30 Kreidekreis, S. 37- 42

31 Grobe, Horst: Erläuterungen zu Bertolt Brecht. Der Kauaksische Kreidekreis. 1. Auflage 2004. Hollfeld: C. Bange Verlag 2004 (ab sofort zitiert als Grobe)

32 Kreidekreis, S.44

33 Kreidekreis, S.46

34 ebenda, S. 50

35 Ebenda, S. 50- 51

36 Kreidekreis, S. 51- 54

37 Ebd., S 59

38 Ebd.,S.60

39 Ebd., S. 75 „ Sehnsucht hat es gegeben, gewartet worden ist nicht. Der Eid ist gebrochen.“

40 Grobe, S.47

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Mutterfiguren in Brechts "Der kaukasische Kreidekreis" und "Mutter Courage" - Ein Vergleich zur Eignungsfeststellung von Müttern
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Germanistische Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Brechts Dramen
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
20
Katalognummer
V47983
ISBN (eBook)
9783638448055
ISBN (Buch)
9783640315543
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mutterfiguren, Brechts, Kreidekreis, Mutter, Courage, Vergleich, Eignungsfeststellung, Müttern, Brechts, Dramen
Arbeit zitieren
Anja Vitting (Autor), 2005, Mutterfiguren in Brechts "Der kaukasische Kreidekreis" und "Mutter Courage" - Ein Vergleich zur Eignungsfeststellung von Müttern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47983

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