"Reversal of Alliances" im Kalten Krieg: Die Interaktion externer und lokaler Akteure am Horn von Afrika


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
22 Seiten, Note: 1,2

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung: Kalter Krieg am Horn von Afrika
1.1 Die (koloniale) Geschichte der Region und ihre Folgen
1.2 Prinzipielle geostrategische Bedeutung des "Horn"

2 Ausgangslage am Horn von Afrika in den in den 1970er Jahren: USA und Sowjetunion als interessierte Dritte
2.1 Die USA und Äthiopien: Interessenkongruenz mit Haile Selassie
2.2 Die USA und Somalia: Vergebliches Werben
2.3 Die Sowjetunion und Äthiopien: Ruhende Beziehung unter Selassie
2.4 Militärputsch in Somalia: Die Sowjetunion nutzt ihre Chance.

3 Die Machtübernahme des DERG: Entwicklungen von 1974-77

4 Der Ogaden-Krieg 1977/78 als Wendepunkt: „Rationale“ der Akteure
4.1 Die „interne“ Sicht: Ausnutzen der „Gunst der Stunde“?
4.2 Die „externe“ Sicht: „Reversal of Alliances“
4.3 Der Kriegsverlauf: Die doppelte Fehlkalkulation Siad Barres
4.4 Akteurskonstellation nach Ende des Krieges

5 Schlussbetrachtung – Kalkulierter Stellvertreterkrieg oder Zufallskonstellation?

1 Einleitung: Kalter Krieg am Horn von Afrika

Neben dem südlichen Afrika gilt das Horn von Afrika[1] als „Paradebeispiel“ für die Überlagerung von lokalen (afrikanischen) Konfliktkonstellationen und geostrategischem Wettstreit der Supermächte im Kalten Krieg[2] in Afrika. Insbesondere in den 1970ern geriet das „Horn“ unter den unmittelbaren Einfluss der USA und der Sowjetunion (SU). Die ursprünglichen Strategien der USA, die regionale Stabilität und ihren Einfluss durch ihren Partner Äthiopien zu sichern sowie der SU, dem Sozialismus zugeneigte Länder (Somalia) zu unterstützen (Schröder 1991: 15ff.; Ghebresillasie 1999: 19), waren nicht haltbar und durch die Dynamik der Ereignisse entstanden einige unvorhergesehene Wendungen, die zu der sprichwörtlichen „reversal of alliances“ am Horn von Afrika geführt haben (Ottaway 1982: 111).

Die Beschäftigung mit Kaltem Krieg am Horn von Afrika und die Analyse der Ereignisse im Rahmen der vorliegenden Arbeit macht das Zusammenspiel der Interessen interner Akteure mit den geostrategischen Überlegungen externer Akteure (der Supermächte) zum zentralen Ausgangspunkt und sucht dabei nach temporären bzw. punktuellen Interessengleichheiten interner und externer Akteure, die die effektiven Handlungen erklären. Nach einem kurzen Überblick über Geschichte und prinzipieller geostrategischer Bedeutung der Region wird analysiert, wo und wie sich während des Kalten Krieges am Horn, im Wesentlichen seit den 1960ern bis zum „aftermath“ des Ogaden-Krieges zwischen Somalia und Äthiopien Interessengleichheiten der Akteure herausarbeiten lassen und wie sich dadurch der weitere Verlauf der Ereignisse erklären lässt.

1.1 Die (koloniale) Geschichte der Region und ihre Folgen

Das Horn von Afrika geriet in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erstmals in die Aufmerksamkeit der damaligen Großmächte. Speziell die Bedeutung Frankreichs, das über einen Hafen im Golf von Tjadoura verfügte, stieg mit der Eröffnung des Suezkanals 1869, mit der auch die strategische Relevanz der geographischen Lage deutlich wurde. Bis gegen Ende der 1880er Jahre hatte Frankreich seine Besitzungen an der Küste deutlich vergrößert, die nun auch größere von somalischen Nomaden bewohnte Gebiete umfassten, womit der Grundstein für einige der territorialen Konflikte des 20. Jahrhunderts gelegt wurden. 1884 etablierte Großbritannien ein Protektorat über Gebiete des heutigen nördlichen Somalia / Somaliland mit dem Ziel, von dort aus seine Truppen in Aden zu versorgen. Der damalige äthiopische Herrscher Menelik II. stand europäischer Expansion in den Küstengebieten aufgeschlossen gegenüber, so lange diese seine interne territoriale Expansion förderten. Dadurch waren die europäischen Mächte – mit Ausnahme Italiens – an freundlichen Beziehungen interessiert. Italien hatte 1889 die Kontrolle über Eritrea gewonnen und Abkommen mit lokalen somalischen Sultanen geschlossen. In einem britisch-italienischen Abkommen von 1894 erhielt Italien weiterhin Kontrolle über die Region Ogaden, die später zum Schauplatz des äthiopisch-somalischen Krieges 1977/78 wurde (Ghebresillasie 1999: 30ff.). Die Behandlung Äthiopiens als faktisches italienisches Protektorat endete mit einer blutigen Niederlage der Italiener bei Adua 1896 (vgl. Marcus 2002).

Als Nachfolger Meneliks II. ging 1930 Teferi Mekonnen hervor und ließ sich am 03. April unter dem Namen Haile Selassie zum Kaiser von Äthiopien krönen. Als Italien 1936 in Vergeltung für die 1896er Niederlage nach heftigen Kämpfen das Land besetzte, floh Selassie nach England; 1941 gelang ihm mit britischer Hilfe die Rückkehr. Nach der vollständigen Befreiung Äthiopiens von der italienischen Herrschaft wurde 1942 ein Friedensvertrag geschlossen, der eine Dominanz Großbritanniens bedeutete. Selassie protestierte international gegen Regelungen des Friedensvertrages und sicherte sich dabei die Unterstützung der USA. Diese schlossen mit Äthiopien Kooperationsverträge über günstige Kredite und kleinere Waffenlieferungen ab, womit war die Grundlage für den amerikanischen Einfluss in Äthiopien bereits Anfang der 1940er Jahre gelegt war (vgl. Kap.2, Marte 1994: 211).

In der somalischen Gesellschaft wird die Zugehörigkeit zu einem (Sub-) Clan als zentrales Element angesehen und es gibt Anhaltspunkte für die Zugehörigkeit der Somalis zu hamitischen Einwandern, die das Gebiet seit 4000 Jahren bewohnen (vgl. Lewis 1980: 4). Die strategische Bedeutung der somalischen Nordküste stieg sprunghaft mit dem Bau des Suezkanals im 19. Jh. und sowohl Großbritannien, als auch Frankreich und Italien (s.o.) suchten sich ihren Einfluss zu sichern, was gegen Ende des Jahrhunderts zu einer Reihe von gewalttätigen Auseinandersetzungen der Somalis untereinander sowie insbesondere zwischen den Somalis und den Briten führte. Wesentlich für das Verständnis der Region ist die Auseinandersetzung zwischen Somalia und Äthiopien (vgl. Matthies 1990).

Bereits aus dem 16. Jh. werden Kämpfe zwischen christlichen amharischen Bevölkerungsgruppen des äthiopischen Hochlandes und muslimischen Sultanaten des östlichen Tieflandes (heute Somalia) berichtet. Die Ankunft der europäischen Kolonialmächte komplizierte die Beziehungen weiter. Nach der Errichtung mehrerer kolonialer Protektorate (u.a. 1885 Frankreich-Obock; 1889 British East Africa Company) fühlten sich die somalischen Einwohner der Region „eingekreist“ und durch eine Reihe von Verträgen mit Clanführern betrogen (Lewis 1980: 40ff.). Äthiopien hingegen verfolgte einen auf gegenseitige Akzeptanz ausgerichteten Kurs, der die Expansionsabsichten Kaiser Meneliks begünstigte (s.o.). Menelik besetzte 1887 die Stadt Harar im Ogaden und verkündete 1891 seinen Gebietsanspruch auf die Region, der von Italien, Frankreich und Großbritannien anerkannt wurde[3]. Somalia wurde 1897 in Italienisch-, Britisch- und Französisch-Somaliland aufgeteilt, ein Teil des Somalischen Gebietes ging ferner an Kenia und der Ogaden an Äthiopien. Damit war der Grundstein gelegt für zukünftige Gebietskonflikte zwischen Äthiopien und Somalia sowie für einen (später hauptsächlich von Siad Barre propagierten) somalischen Nationalismus, der auf die Wiedervereinigung der fünf Teilgebiete und damit die Errichtung eines „Groß-Somalia“ abzielte[4].

1.2 Prinzipielle geostrategische Bedeutung des "Horn"

Die geostrategische Bedeutung der Region liegt zu großen Teilen in ihrer geographischen Lage begründet (vgl. u.a. Schröder 1991: 15); am südlichen Ende des Roten Meeres, gegenüber der arabischen Halbinsel. Dadurch liegt das Horn an der Schnittstelle zweier wichtiger Schiffsrouten, die den Persischen Golf, Süd- und Südostasien mit den USA und Westeuropa verbinden: der Suezkanalroute und der Kaproute (Lefebvre 1991: 16). Durch seine Lage am Roten Meer ist die Region ebenso räumlich „nah“ am Nahen Osten und kommt als Ausgangsbasis und Aufmarschgebiet in Betracht. Die Bedeutung wurde weiterhin temporär dadurch erhöht, dass die USA für die 1990er Jahre einen steigender Anteil der Erdölexporte aus dem Roten Meer erwarteten (ebd., vgl. auch Marte 1994: 199ff.).

Aus Sicht der Sicht der USA erstreckte sich die strategische Signifikanz der Region in der Logik des Kalten Krieges auf drei inhaltliche Bereiche: Erstens könnte eine Machtverschiebung am Horn von Afrika hin zu stärkerem sowjetischen Einfluss eine Destabilisierung pro-westlicher Regime im Nahen Osten und Nordafrika nach sich ziehen, zweitens könnten kommerzielle Schiffahrtslinien aus dem Indischen Ozean Richtung Westen unterbrochen werden, und drittens könnte damit der westliche Zugang zu den Ölreserven des Nahen Ostens abgeschnitten werden (Lefebvre 1991: 15). Damit spielte zum einen die Eindämmung des Kommunismus bzw. die Behinderung expansionistischer Absichten der Sowjetunion in der Region selber eine konstant entscheidende Rolle in den amerikanischen Sicherheitsüberlegungen, zum zweiten aber ebenso dominant die Befürchtung, dass ausgehend vom Horn von Afrika „spill-over“ Effekte anti-westliche Kräfte im Nahen Osten und Nordafrika befördern könnten (Lefebvre 1991: 17, Schröder 1991: 15ff.).

Die sowjetische Strategie war eng verknüpft mit Interessen im indischen Ozean. In den 1960er Jahren entwickelte die SU eine eigene Überseeflotte, deren Kapazitäten weit über die traditionelle Verteidigung der eigenen Küsten hinaus reichten, und zu deren Möglichkeiten auch die Unterbrechung von Schiffahrtslinien gehörte. Für diese Überseeflotte und zur maritimen Luftaufklärung suchte die SU Operationsbasen am indischen Ozean; des Weiteren vor dem Hintergrund von Spannungen mit China gegen Ende der 1960er Jahre Standpunkte an der ostafrikanischen Küste für den Truppentransport im Falle eines Krieges (Remnek 1984: 136).

Damit ist das grundsätzliche strategische Interessen der SU im indischen Ozean auch und vor allem im Licht der Sicherung der Einflussphäre gegenüber China, nicht den USA zu sehen. Ferner ging es der sowjetischen Führung um die Unterstützung für zukünftige Expansionsvorhaben „per se“ sowie um die Sicherung eigene Handels- und Wirtschaftsflotten. Aus allen drei Gesichtspunkten benötigte die SU günstig gelegene Häfen für ihre Hochseeflotte auf strategisch wichtigen Seerouten (vgl. Ghebresillasie 1999: 116ff.). Da die USA traditionell im Pazifik „stärker“ waren, verstärkte jedoch die sowjetische Präsenz am indischen Ozean, insbesondere bei gleichzeitigem Rückzug der Briten, Franzosen, Italiener und Portugiesen aus ihren Einflussphären, die US-Befürchtungen, die SU könnte ihre Versorgung mit Rohstoffen aus Südostasien, dem Nahen Osten, den Golfstaaten und Nordafrika abschneiden.

2 Ausgangslage am Horn von Afrika in den in den 1970er Jahren: USA und Sowjetunion als interessierte Dritte

Seit den 1940er Jahren hatten die USA über drei Jahrzehnte hinweg durch Waffenlieferungen sowie Militärberatung und –training Äthiopiens zu einer kontinentalen Macht transformiert (Lefebvre 1991: 15). Der sowjetisch-amerikanische „Wettstreit“ im Rahmen des Kalten Krieges konzentrierte sich allerdings bis Mitte der 1950er Jahre weitgehend auf Europa, Asien und Teilgebiete des Nahen Ostens, so dass eine sowjetische „Bedrohung“ am Horn von Afrika zu diesem Zeitpunkt aus Sicht der USA nicht akut erschien (ebd.: 16): Das Horn wurde als amerikanische Einflussphäre angesehen. Die SU trat als externer Akteur – zunächst durch den sowjetisch-ägyptischen Vertrag von 1955, dann durch einen Vertrag über kleinere Waffenlieferungen mit Somalia 1963 – de facto erst ab den 1960er Jahren wahrnehmbar auf.

2.1 Die USA und Äthiopien: Interessenkongruenz mit Haile Selassie

Formelle diplomatische Beziehungen zu Äthiopien wurden 1903 unter Präsident Roosevelt aufgenommen; allerdings gewann das Horn von Afrika erst gegen Ende des 2. Weltkriegs an Bedeutung für die USA. 1941 eröffneten sie ein Konsulat im damals noch britisch verwalteten Eritrea und 1943 ein militärisches Kommunikationszentrum mit einer Radiostation in Asmara, die als die „Kasernen von Asmara“ bezeichnet wurde und zu einem wesentlichen Bestandteil des weltweiten Kommunikationsnetzes des US-Verteidigungsministeriums wurde (Marte 1994: 211). Hauptinteresse der USA nach dem zweiten Weltkrieg war der ungehinderte Zugang zu den „Kasernen von Asmara“, die bisher durch die britische Verwaltung garantiert wurde[5]. In Äthiopien verfolgte der zurückgekehrte Haile Selassie zunächst eine Politik der Machtkonsolidierung und –zentralisierung und dazu die Aufrüstung seiner Armee an, die in den 1940ern und Anfang der 1950er noch hauptsächlich durch Großbritannien unterstützt wurde (ebd.)[6].

Ab 1952 bereitete Großbritannien die Übergabe Eritreas an Äthiopien vor und die USA begannen mit Verhandlungen, um den Fortbestand ihres Kommunikationszentrums in Asmara zu sichern. Zudem spielten zu diesem Zeitpunkt Verknüpfungen mit der Situation im Nahen Osten eine strategische Rolle. Dem Coup d’Etat 1952 gegen König Farouk folgte eine Radikalisierung in Ägypten, die zeitlich einher ging mit einem verstärkten Pan-Arabismus und einem leicht erhöhten sowjetischen Interesse an der Region. Dadurch rückten das Horn von Afrika und speziell Äthiopien als „zweite Verteidigungslinie“ gegen ein Vordringen der Sowjetunion nach Süden ins Blickfeld der USA (vgl. Lefebvre 1991: 15-16). Vor diesem Hintergrund schlossen die USA und Äthiopien 1953 zwei Militärabkommen, die ihre Beziehungen für die kommenden zwei Jahrzehnte bestimmten. Das erste beinhaltete die Verpachtung der Militärstation in Asmara (in „Kagnew Station“ umbenannt) an die USA über die nächsten 25 Jahre, das zweite bezog sich auf Militärhilfe und Training der äthiopischen Streitkräfte (Marte 1994: 212). Dadurch wurde Äthiopien von 1953 bis zur Beendigung der Beziehung 1977 zum mit Abstand größten Empfänger von US-Militärhilfe im sub-saharischen Afrika; es erhielt in den 1960ern und 1970ern fast 50% der gesamten sub-Sahara US-Militärtransfers (zu Details vgl. Lefebvre 1991). Gleichzeitig stieg der amerikanische Einfluss in Äthiopien signifikant; die USA entsandten Berater in vielen gesellschaftlichen Bereichen, waren mit Lehrkräften an der Haile-Selassie-Universität engagiert und wurden insgesamt zu einer unterstützenden Struktur für den Machterhalt Selassies[7]. Umgekehrt unterstützte Selassie – neben dem Zugang zu Kagnew – US-amerikanische Afrikapolitik öffentlich, etwa in den frühen 1960er Jahren bzgl. des Umgangs mit „Südwestafrika“ (ebd.).

Das Verhältnis zwischen Selassie und den USA war insgesamt geprägt von einer langfristigen Interessenkongruenz zwischen dem Ende des zweiten Weltkriegs bis zu den 1970er Jahre. Wesentliche Punkte waren für die USA die Sicherung und der Ausbau ihrer hegemonialen Präsenz in der strategisch wichtigen Region; für Selassie die Sicherung seiner eigenen Machtbasis nach außen - v.a. gegenüber Somalia - sowie gegenüber internen Widersachern. Die Beziehung zu den USA wurde dabei im Einzelnen immer wieder durch das Aushandeln von Positionen in einem „Bargaining-Prozess“ bestimmt[8].

Die Somalia-Frage dient als Beispiel für das Verhandlungsverhältnis: Die punktuelle Interessengleichheit bestand darin, dass Haile Selassie bei einer drohenden Verwirklichung einer Groß-Somalia-Lösung, d.h. einer "Vereinigung" der fünf Teile, um "seine" Region Ogaden fürchtete. Die USA wollten ein Groß-Somalia verhindern, weil sie es als wirtschaftlich nicht überlebensfähig und damit anfällig für sowjetische Manipulationsversuche einschätzten (Ghebresillasie 1999: 46ff.). Hingegen wurden die Ansprüche des Kaisers auf Italienisch-Somaliland sowie sein Widerstand gegen die Vereinigung mit Britisch-Somaliland von Washington nicht unterstützt. In der Erkenntnis, dass ein Zusammenschluss der beiden Teile eine günstige Gelegenheit für die Sowjetunion bot, ihren Einfluss in der Region auszudehnen, entschieden die USA, selber den Zusammenschluss zu befürworten und Italien und Großbritannien bei der Unterstützung Somalias zu assistieren. Als Selassie über diesen Entschluss informiert wurde, nutzte er die neue Situation, um eine Erhöhung der Militärhilfe für Äthiopien zu erreichen. Dabei drohte er auch zeitweilig mit einer Öffnung gegenüber der SU (Marcus 1983: 112ff.).

Die Unabhängigkeit Somalias 1960 ging zeitlich einher mit der Auflösung der belgischen Kolonialherrschaft im Kongo, bei der das sowjetische Engagement die Aufmerksamkeit der USA errege, sowie mit der Unabhängigkeit von 15 weiteren afrikanischen Staaten, was die Möglichkeit einer sowjetischen Infiltration Afrikas aus Sicht der USA erhöhte. Daher verstärkten letztere ab 1960 ihre Aktivitäten zur Eindämmung des Kommunismus in Afrika. Äthiopien blieb dabei der strategisch wichtigste Verbündete (Marte 1994: 219).

2.2 Die USA und Somalia: Vergebliches Werben

Der nach wie vor von Somalis bewohnte Ogaden entwickelte sich schnell zu einem handfesten Konflikt zwischen Äthiopien und dem unabhängig gewordenen Somalia. Mitte 1960 gab es gewalttätige Zusammenstöße mit vierstelligen Totenzahlen, die Selassie von einer unmittelbaren Bedrohung durch groß-somalischen Nationalismus überzeugten. Der Konflikt in der Region führte zu einer Intensivierung der amerikanisch-äthiopischen Beziehungen, da die USA ebenfalls an der (1963 in der OAU[9] -Charter festgeschriebenen) „Sanctity of Borders“ festhielten und Anfragen von Somalia bzgl. Militärhilfe Anfang der 1960er Jahre ablehnten.

Als es zu einer Verschlechterung der Beziehungen zwischen Somalia und seinen hauptsächlichen westlichen Geldgebern Großbritannien und Italien kam und sich die somalische Führung 1963 mit der Bitte um militärische Unterstützung auch an die Sowjetunion wandte, entstand in den USA jedoch die wenig erstrebenswerte Aussicht auf die SU als "Schutzmacht" Somalias und einen Rüstungswettlauf am Horn. Vor diesem Hintergrund unterstützten die USA ein wirtschaftliches Hilfsprogramm für Somalia, das u.a. Gelder für die Ausbildung und Ausstattung der somalischen Polizei vorsah. Ferner boten sie zusammen mit Deutschland und Italien ein militärisches Schutzpaket unter der Voraussetzung an, dass Somalia sich nicht weiter um Militärhilfe von der Sowjetunion bemühen würde (Farer 1979: 115). Dieses Angebot reichte der somalischen Führung jedoch nicht aus, und sie akzeptierte statt dessen im Oktober 1963 ein etwa dreimal so hohes Angebot der SU zur Ausbildung einer somalischen Armee. Als sich herausstellte, dass ein weiteres militärisches Engagement in Somalia so bedeutend sein müsste, dass es unweigerlich mit den amerikanischen Interessen in Äthiopien kollidieren würde, stellte Washington seine diesbezüglichen Bemühungen ein (Marte 1994: 220).

[...]


[1] Für die Region „Horn von Afrika“ finden sich mehrere geographische Eingrenzungen, und bis heute hat sich auch unter regionalen Experten keine einheitliche Definition durchsetzen können, welche Länder zum „Horn von Afrika“ gehören (vgl. z.B. Marte 1994: 197). Die vorliegende Arbeit versteht unter "Horn von Afrika" im Folgenden die IGAD-Länder Äthiopien, Eritrea, Somalia, Uganda, Sudan, Kenia und Djibouti; letztlich analysiert sie aber hauptsächlich Entwicklungen in Äthiopien und Somalia, Einflüsse und Ereignisse in den anderen Ländern der Region können aus Platzgründen nur erwähnt werden, wenn sie entscheiden für die Gesamtkonstellation sind.

[2] „Kalter Krieg“ wird hier im Sinne einer Arbeitsdefinition verstanden als die Konfrontation der USA und der SU vom Ende des 2. Weltkrieges bis Ende der 1980er Jahre.

[3] Zu den einzelnen Beweggründen der damaligen europäischen Mächte vgl. Lewis 1980.

[4] Bis heute verweist der fünfzackige Stern in der Nationalflagge Somalias auf die fünf ursprünglichen Teilgebiete.

[5] Im Lichte eines drohenden Verlustes dieses Zugangs durch den bevorstehenden Rückzug der Briten und durch die Einschätzung geleitet, dass eine Unabhängigkeit der Kolonien am Horn von Afrika zur Entstehung von schwachen Staaten führen würde, die anfällig für sowjetische Unterwanderung wären, befürworteten und verfolgten die USA auch die Eingliederung Eritreas an Äthiopien, die schließlich 1950 durch eine UN-Resolution beschlossen wurde.

[6] Das britisch-äthiopische Verhältnis wurde allerdings wesentlich dadurch belastet, dass Großbritannien ein Groß-Somalia befürwortete.

[7] Marte (1994: 214) führt dazu etwa die entscheidende Unterstützung Selassies durch die USA bei dem fehlgeschlagenen Coup-Versuch 1960 an.

[8] So versuchte Selassie ab der zweiten Hälfte der 1950er Jahre immer wieder, mit diplomatischem Geschick und impliziten Drohungen die USA zu höherer Militärhilfe und politischen Zugeständnissen zu bewegen.

[9] OAU = Organization of Africa Unity ab 1963, für einen Überblick vgl. die Website der Nachfolgeorganisation African Union unter http://www.african-union.org/

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
"Reversal of Alliances" im Kalten Krieg: Die Interaktion externer und lokaler Akteure am Horn von Afrika
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Otto-Suhr Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Stellvertreterkriege in Afrika
Note
1,2
Autor
Jahr
2005
Seiten
22
Katalognummer
V47998
ISBN (eBook)
9783638448154
ISBN (Buch)
9783638683128
Dateigröße
589 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Reversal, Alliances, Kalten, Krieg, Interaktion, Akteure, Horn, Afrika, Stellvertreterkriege
Arbeit zitieren
Dirk Spilker (Autor), 2005, "Reversal of Alliances" im Kalten Krieg: Die Interaktion externer und lokaler Akteure am Horn von Afrika, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47998

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