Facetten des Krimis


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

29 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einführende Gedanken zur kriminalistischen Literatur

II. Kennzeichen der Krimis
1. Ursprünge, Wegbereiter und Entwicklungen
2. Definition

III. Subgenres des Krimis
1. Einführung
2. Die analytische Detektivgeschichte
3. Der pointierte Rätselroman
4. Der „hard-boiled“-Krimi
5. Exkurs: Die Sprache im „hard-boiled“-Krimi
6. Der psychologische Kriminalroman

IV. Neuere Sujets des Krimis – ein Ausblick
1. Psycho-Thriller à la Patricia Highsmith
2. Police Procedural
3. Agenten- und Spionagethriller

V. Fazit

VI. Literaturverzeichnis

I. Einführende Gedanken zur kriminalistischen Literatur

Wenn es darum geht, Geschichten, die von Verbrechen und deren Aufklärung handeln, zu klassifizieren, begegnet uns im Alltagssprachgebrauch für gewöhnlich der Begriff „Krimi“[1]. Konnotationen wie Unterhaltungsliteratur, Trivialität, Massenproduktion, stereotype Charaktere und Handlungen kennzeichnen im Allgemeinen die Auseinandersetzung mit diesem Genre, vor allem wenn es darum gehen soll, den Krimi von der so genannten „hohen Literatur“ abzugrenzen. Dennoch sind diesem Gattungszweig in gleicher Weise raffiniert gestaltete, niveauvolle und literarische Kunstwerke zuzurechnen. Geschickte Erzähltechniken und -perspektiven sowie die Verwendung von „round characters“, subtile soziale und gesellschaftliche Kritik, existentielle Fragen, fundierte Milieu-Studien u. v. m. lassen sich auch im Krimi platzieren. Das Etikett Krimi allein sagt zunächst noch gar nichts über die Qualität eines jeweiligen Werkes aus.

Nichtsdestotrotz – der Krimi erfreut sich großer Beliebtheit und wird seit seiner Existenz zu jeder Zeit in wirklich allen gesellschaftlichen Schichten gelesen. Warum? Er ist spannend, für jeden verständlich, spricht eine aktuelle Sprache[2] In keiner anderen Gattung wurden bislang so zahlreiche Mengen an Büchern, Hörspielen, TV-Serien und Filmen produziert wie im Kriminalgenre, das auch global gesehen am weitesten verbreitet ist.[3] Grund genug also, einen Blick auf den Krimi an sich zu werfen.

Wodurch genau aber lässt sich ein Krimi kennzeichnen, was sind seine Besonderheiten und Eigenarten? Ab wann wird der Begriff verwendet, welche Autoren gelten als Wegbereiter von Kriminalliteratur? Welche verschiedenen Tendenzen gibt es? Welche Probleme entstehen beim Versuch einer Definition? Im Folgenden soll der Versuch einer Beantwortung dieser Fragen unternommen werden.

Zunächst wird ein Überblick über die Entstehungsgeschichte der Kriminalgeschichte und der entscheidenden ersten Vertreter dieses Genres gegeben.

Daran anschließen wird der Versuch einer Definition des Genres Krimi, wobei in diesem Kontext auch verkürzt und eingeschränkt damit verbundene Schwierigkeiten aufgezeigt werden.

Schließlich wird der Krimi als eine Gattung vorgeführt, die unendlich viele verschiedene Ausprägungen erfahren hat; deshalb ist es unerlässlich, die wichtigsten Subgenres vorzustellen und zu charakterisieren. Hierbei soll aus zeitlicher Perspektive die Weiterentwicklung des Krimis transparent gemacht und die verschiedenen Tendenzen, aufgezeigt werden.

Mit eingefügt werden soll ein kleiner Exkurs zur Sprache des amerikanischen „hard-boiled“-Krimis.

Seit den Vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts lässt sich der Krimi nur noch anhand von speziellen Sujets in verschiedene Kategorien einteilen, die hier nur kurz angeschnitten und umrissen werden können.

Verständlicherweise kann es sich im Rahmen dieser Arbeit lediglich um einen unvollständigen Überblick handeln – die „Kriminalgeschichte“ als Forschungsthema würde Bände füllen, viele Spezialthemen sind eine genauere Untersuchung wert, auch einzelne Erzählungen – gerade der neueren Krimiliteratur – unter konkreten Gesichtspunkten zu analysieren, wäre sicherlich reizvoll.

II. Kennzeichen des Krimis

1. Ursprünge, Wegbereiter und Entwicklungen

Als ein Vorläufer[4] der Kriminalgeschichte ist besonders die „gothic novel“ des 17. und 18. Jahrhunderts zu benennen. Horace Walpole eröffnet 1764 mit seinem Schauerroman The Castle of Otranto dieses Genre, das mit seinen geheimnisvollen, unheimlichen Begebenheiten, den „mysteries“, einen entscheidenden Einfluss auf die später entstehende Kriminalgeschichte nimmt. Die Faszination am Verbrechen, an moralischen Abgründen, an dunklen, gruseligen und geheimnisvollen Geschehnissen wächst; allerdings werden hierfür in erster Linie übernatürliche, magische oder dämonische Erklärungen angeführt.[5] Im Zuge der Aufklärung findet dann aber mit der Entwicklung des Rechts- und Polizeiwesens und der Anwendung von rationalen Strategien die Etablierung von Recht und Ordnung in dieser geheimnisvoll-mysteriösen Welt statt. Literarisch ist in diesem Kontext besonders die Sammlung berühmt-berüchtigter Kriminalfälle von François Gayot de Pitaval von 1734 zu erwähnen.[6] In Paris gibt es schließlich um 1750 eine erste Detektivabteilung; erst um 1800 aber wird durch Napoleon die Polizei, die „préfecture de police“ gegründet, aus der schließlich um 1812 die „Brigade de Sûreté“ resultiert.[7] In London dauert es noch einige Jahre länger, bis sich eine institutionelle Polizei herausbildet. 1829 wird die städtische Londoner Polizei, die „Metropolitan Police“, etwa 1839 dann die zentrale Kriminalpolizei „Scotland Yard“ ins Leben gerufen.[8] Zur Zeit der Entstehung der Detektivgeschichte Mitte des 19. Jahrhunderts sind beide Städte sehr beliebte Verbrechensschauplätze, an denen die Polizei schon längst in der Verbrechensermittlung tätig ist.[9]

Als erster „echter“ Krimi wird allgemein Edgar Allan Poes Murders in the Rue Morgue (1841) bestimmt. Konkret handelt es sich bei dieser Kurzgeschichte um eine Detektivgeschichte[10], die sich „in Einführung des Detektivs, Probe von den Fähigkeiten des Detektivs, Darlegung des Falles, Überprüfung des Falles und Kombination des Detektivs, Enthüllung und Erklärung“[11] gliedert. Erstmals wird hier eine Art Grundschema entworfen, das von vielen anderen Autoren mit geringen Abwandlungen übernommen wird. Die Frage nach dem Täter, das „Whodunit“, wird interessant. Aber erst mehr als vierzig Jahre später, genau 1887, löst ein gewisser Arthur Conan Doyle mit seiner Serienfigur, dem genialen Detektiv Sherlock Holmes, wahre Begeisterung aus und trägt somit entscheidend zur Festigung dieser neuen Gattung bei und macht die Detektiv-Kurzgeschichte zu einer beliebten Unterhaltungsform.

Zahlreiche Variationen treten schließlich auf – so erfindet E.W. Hornung 1899 mit dem sympathischen Verbrecher Raffles den Gaunerroman, der in Maurice Leblancs Arsène Lupin (1905) rasch einen Nachfolger findet. Schon 1903 entsteht dann mit Erskine Childers The Riddle of the Sands der erste Spionageroman.

Der typische Rätselroman oder auch Problemroman mit dem klassischen „locked room“-Phänomen wird nach Poe durch Gaston Leroux mit seinem Le Mystère de la Chambre Jaune (1908) zu Perfektion geführt. Um diese Zeit und in den nachfolgenden Jahren setzt die Blütezeit der Detektivgeschichte ein und kann als „Golden Age of the Detective Novel“[12] bezeichnet werden kann. 1920 erscheint mit The Mysterious Affair at Styles – in der Hauptrolle der snobistische Amateurdetektiv Hercule Poirot – das Erstlingswerk von Agatha Christie. Diese so genannte englische „Häkelschule“ mit ihren „Rätselkrimis“ oder auch „Cozy-Krimis“ gewinnt an Beliebtheit.

In Amerika entwickelt sich etwas später die „hard-boiled school“, die in völligem Gegensatz zu dieser englischen Variante steht. In der Zeitschrift Black Mask treten um 1922 die ersten „private eyes“ auf, harte Kerle, „tough guys“[13], die Verbrechensaufklärung nicht als private Herausforderung, sondern als Mittel des Broterwerbs betrachten und von Auftraggebern berufen werden. Die beiden bekanntesten Autoren dieser Richtung sind eindeutig Dashiell Hammett und Raymond Chandler, deren erste Romane 1929 bzw. 1939 erscheinen.

Auch in Frankreich wird der Kriminalroman ein ungemein beliebtes Genre – allerdings mit deutlich anderen Ausprägungen als in England und Amerika. Der Grundtenor der meisten französischen Kriminalgeschichten „besteht darin, dass sie ‚schwarz’, d. h. düster, leidenschaftlich und zynisch, manchmal auch gewalttätig, verzweifelt und witzig sind“[14] ; deshalb wird er auch als „roman noir“ bezeichnet. Charakteristisch für diesen ist eine Mischung aus Stimmung und Atmosphäre, Kriminalgeschichte und Gesellschaftskritik.[15] Vor allem Leblancs raffinierter, aber sympathischer Gauner und Einbrecher Arsène Lupin, der die Polizei zum Narren hält, erlangt äußerste Beliebtheit beim französischen Publikum.

Erst 1931 tritt Georges Simenons weltberühmter Maigret auf, ein Kommissar der Kriminalpolizei. Methodisch geht er nicht deduktiv vor wie Poes Dupin oder Doyles Sherlock Holmes; das Lösen eines Falles bedeutet für ihn nicht, „den Mörder zu finden, sondern die psychologische Krise nachzuempfinden, die zum Drama geführt hat“[16]. Es geht ihm ums „Warum?“.

In den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts verliert der klassische Detektivroman allgemein an seiner Vorherrschaft; stattdessen kommt – nach Ende des Zweiten Weltkriegs – ein neues Interesse an Spionage- und Agentengeschichten auf.[17]

Als erwiesene Spezialisten dieses Genres kristallisieren sich dabei die Engländer heraus. Ian Flemings Spitzenagent James Bond 007 ist hier als der wohl populärste Vertreter anzuführen; in Casino Royale (1953) darf er zum ersten Mal „im Dienste Ihrer Majestät“ sein Vaterland gegen unerbittliche Feinde verteidigen – „mit der Lizenz zum Töten“.[18] Erst die Verfilmungen jedoch verschaffen dem Mythos „007“ seinen absoluten Bekanntheitsgrad.

Ebenso rückt der psychologische Thriller immer mehr in den Mittelpunkt, als dessen Meisterin zweifelsohne Patricia Highsmith gelten kann. Der Psychothriller lässt sich jedoch nur schwer einordnen, steht aber wohl der Kriminalgeschichte noch am nächsten. Er fügt sich aber gewöhnlich keinen Regeln oder starren Mustern.

[…] Alles ist erlaubt, fast alles. Nur eines ist tabu: die Wiederherstellung einer heilen Welt. Nie soll sich der Leser mit der Hoffnung trösten können, es werde schon irgendwie zu einem guten Ende kommen. Der Phantasie des Autors sind keine Grenzen gesetzt, und die Auswahl an Themen und Figuren scheint unerschöpflich. […][19]

Die Liste aller wichtigen Vertreter des Krimi-Genres ließe sich endlos fortsetzen und reicht selbstredend auch bis in die heutige Zeit hinein. Viele erwähnenswerte Autoren und Geschichten können an dieser Stelle ebenfalls nicht genannt werden, da sie zu „exotisch“ sind, zu wenig einem darstellbaren Schema folgen und sich noch schwerer einordnen lassen als das bei den bisher genannten der Fall war. Dennoch lohnt sich der Blick auf die weniger „typischen“ Kriminalgeschichten ohne Zweifel. Die Bandbreite ist enorm.

Es fehlt nun noch ein kurzer Blick auf Deutschland. In Bezug auf die Kriminalgeschichte sticht dieses Land nur gering hervor und stellt sich auch qualitativ eher unterdurchschnittlich dar. Zwar gibt es einige Diskussionen darüber, ob hochkarätige Autoren wie E.T.A. Hoffmann und sein Fräulein von Scudéri (1819), Schillers Verbrecher aus verlorener Ehre (1786) oder Heinrich von Kleists Michael Kohlhaas (1810) zu den Vorläufern des Kriminalromans zählen können, doch geht man heute mehrheitlich dazu über, diese Erzählungen den Verbrechensdichtungen zuzuordnen. So sind lediglich – aber zu Recht – die Schweizer Friedrich Glauser und Friedrich Dürrenmatt über die Grenzen hinaus in diesem Genre bekannt geworden; sie sollen an dieser Stelle aber nicht weiter berücksichtigt werden. In Deutschland hat der Krimi besonders über das Medium Fernsehen Anklang gefunden. Noch immer können sich die Serien „Tatort“, „Derrick“, „Der Kommissar“, „Ein Fall für zwei“ und einige andere mehr an Beliebtheit erfreuen.

2. Definition

Zunächst einmal ist festzuhalten: eine Einigung über einen einheitlichen Begriff des Kriminalromans gibt es nicht. Bis heute ist eine präzise und deutliche Definition dessen, was allgemein als Krimi bekannt ist, weder formal noch inhaltlich geglückt, was auf Grund der Komplexität und des Variantenreichtums dieser Gattung wohl auch nur höchst schwierig zu erreichen sein dürfte. Schon allein die allgemeine, undifferenzierte Verwendung des Begriffs auf Texte vollkommen unterschiedlicher Niveaustufen ist bezeichnend. Von hohen literarischen Kunstwerken bis hin zu seriell angefertigter Trivialliteratur – alles lässt sich unter die Überschrift Krimi fassen, sofern das Thema Verbrechen darin ein Bestandteil ist. Hier soll es nun darum gehen, die Probleme der Definition aufzuzeigen und die Richtungen aufzuzeigen, in die Forschermeinungen[20] tendieren.

[...]


[1] Nur einmalig soll der Begriff Krimi in Anführungszeichen gesetzt sein. Im gleichen Sinn werden die Begriffe Kriminalgeschichte und Kriminalerzählung verwandt.

[2] Vgl. E. Marsch: S.23.

[3] Vgl. U. Leonhardt: S.269.

[4] Die Beschäftigung mit dem Kriminalroman an sich soll sich hier lediglich auf die westliche Welt konzentrieren. Die Entwicklungen in z.B. China bleiben gänzlich unberücksichtigt.

[5] Vgl. Reallexikon d. dt. Lit.Ges.: §3, S.896.

[6] Der genaue Titel des Werks Pitavals lautet „Causes célèbres et intéressantes“.

[7] Die „Sûreté“ stand zu diesem Zeitpunkt unter der Leitung von François Vidocq, einem einstigen Verbrecher, der nun auf die Seite des Gesetzes übergewechselt war. Vgl. auch J. Schmidt: S.174.

[8] Vgl. J. Schmidt: S.175.

[9] Vgl. Ebd.

[10] Eine genauere Definition der einzelnen Subgenres der Kriminalgeschichte erfolgt unter den Abschnitten III und IV.

[11] Buchloh/Becker: S.37f.

[12] So u. a. bei Buchloh/Becker: S.70.

[13] Vgl. Reclams Kriminalromanführer: S.40.

[14] V. Brac de la Perrière, S.153. In: Das Mordsbuch.

[15] Vgl. V. Brac de la Perrière, S.153. In: Das Mordsbuch.

[16] Ebd. S.157.

[17] Vgl. J. L. Breen, S.22. In: Das Mordsbuch.

[18] Vgl. Buchloh/Becker S.115.

[19] U. Leonhardt: S.258.

[20] Gemeint ist die deutsche Forschung.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Facetten des Krimis
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
29
Katalognummer
V48592
ISBN (eBook)
9783638452601
ISBN (Buch)
9783638597678
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Geschichte und Entstehung des Krimis und seinen Facetten. Sie stellt die einzelnen Definitionen vor, stellt von Kriminalroman und Detektivgeschichte bis hin zu seinen Subgenres verschiedene Varianten vor. Beispielhaft werden anhand von populären Vertretern die einzelnen Untergattungen präsentiert. Berühmte Namen wie Poe, A.C. Doyle, Christie, Chandler, Hammett, Highmsith und Simenon bilden die Grundlage.
Schlagworte
Facetten, Krimis
Arbeit zitieren
Christin Borgmeier (Autor:in), 2005, Facetten des Krimis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/48592

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