Die Texte "Globryllup" von Helle Helle und "Andvake" von Jon Fosse aus literaturwissenschaftlicher Sicht

Über den minimalistischen Stil in der skandinavischen Literatur


Hausarbeit, 2017
11 Seiten, Note: 1,3
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Konzept des Minimalismus

3 Der minimalistische Stil in Globryllup

4 Der minimalistische Stil in Andvake

5 Vergleich des minimalistischen Stils in Globryllup und Andvake

6 Fazit

7 Ausblick

Bibliographie

1 Einleitung

Minimalismus bezeichnet eine Stilrichtung, die sowohl in der Kunst und Musik als auch in der Literatur eine hohe Relevanz erlangt hat. In dieser Seminararbeit soll transparent gemacht werden, inwiefern der minimalistische Stil der Autoren Helle Helle und Jon Fosse in ihren Werken Globryllup und Andvake Gemeinsamkeiten und Unterschiede aufweist.

Zu Beginn soll ein theoretisches Kapitel über das Konzept des Minimalismus, seine Charakteristika und Funktion umschließend, die Grundlage für die weiteren Überlegungen bilden.

Im Anschluss daran findet eine Untersuchung der Werke Andvake und Globryllup hinsichtlich sowohl formaler als auch inhaltlicher und funktionaler Elemente, die auf einen minimalistischen Stil schließen lassen, statt. Auf diese Weise werden Merkmale herausgearbeitet, die im Folgenden gegenübergestellt werden, um sie im Hinblick auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu analysieren.

Die Basis dieser Seminararbeit stellen die Aufsätze von Karin Knudsen und Mads Jensen Bunch dar. Darüber hinaus sind Auszüge aus Ingolf Kaspars Monographie und seinem Aufsatz Minimalismens koncept zentral für die Stützung der Argumentation.

2 Das Konzept des Minimalismus

Der Begriff Minimalismus ist einer der Kunst, Musik und Literatur und umfasst eine Stilrichtung, die in den Achtziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts in Amerika aufkam. 1 Während an der Literatur in der Epoche der Postmoderne, die mit minimalistischer Literatur eng verknüpft ist, die Glaubwürdigkeit von Fiktion kritisiert und die Relation zwischen Leser und Text infrage gestellt wurde, besinnt sich der Minimalismus zurück auf eher konservative Formen des Erzählens.2 Diese zeichnen sich laut Knudsen durch „sproget som grundvilkår, manifesteret i en meget sparsom, nedbarberet sprogbrug”3 aus. Bunch folgend, äußert sich diese bei Knudsen erwähnte Sparsamkeit in einer Knappheit bezüglich der Länge des Werkes, der Erzählstruktur und der Syntax.4 Dies hat zur Folge, dass ein minimalistischer Stil sowohl auf inhaltlicher als auch auf formaler Ebene zu verzeichnen ist. Konkret erkennbar wird ein solcher an verschiedenen Charakteristika, wie der Behandlung eines äußerst begrenzten Themas mithilfe von Wiederholungen, die auf unterschiedliche Arten variieren können, und Erzählhaltungen, die einen Erzähler nur erahnen lassen. 5 Darüber hinaus wird keine Hierarchie in der Anordnung der Geschehnisse deutlich, sodass der Verlauf ein konstanter ohne Höhepunkt bleibt. Dies liegt darin begründet, dass das Hauptaugenmerk auf einzelne Episoden gerichtet ist, statt auf übergreifende Kohärenz.6 Kaspar folgend, der in seinem Aufsatz auf Herzinger verweist, zeichnet sich eine Erzählung des Minimalismus sowohl durch einen plötzlichen Anfang als auch durch ein unvermitteltes Ende aus. 7

Darüber hinaus fehlt in minimalistischer Literatur eine Einbettung der Ereignisse in einen Kontext. Auf inhaltlicher Ebene liegt der Fokus auf Themen des Alltagsgeschehens.8 Es werden triviale Probleme und Gegenstände behandelt, während umfassende, universale Sachverhalte in den Hintergrund rücken.9

Mithilfe all dieser Charakteristika, die vieles ungesagt und offen lassen, wird der Leser dazu angehalten, sich seine eigene Meinung zu bilden und die durch den Stil geschaffenen Lücken selbst zu füllen.

„Det bliver således op til læseren gennem sin læseoplevelse, tolkning og forhold til teksten at give den mening […]. Det betyder, at den minimalistiske skrivestrategi […] eksplicit lægger op til pluralisme i tolkningen”10

Die Funktion minimalistischer Literatur besteht demnach darin, durch die Reduktion von Form und Inhalt auf das Äußerste, das Ungesagte hervorzuheben, sodass der Leser dazu befähigt wird, das Alltägliche auf eine neue Art und Weise zu erfahren und zu bewerten.11

Obwohl sich der minimalistische Stil, wie bereits zu Beginn des Kapitels angemerkt, auf die konservativen Erzählformen, denen es der Postmoderne, Kritikern zufolge, im Allgemeinen mangelte, zurückbesinnt, wird auch jener in den Neunzigerjahren zum Gegenstand dieser. Es wurde Anstoß daran gefunden, dass der Minimalismus flach und ausdruckslos sei.12 Nicht allein die Wortknappheit der Autoren, ebenso die der Figuren wurde beanstandet. 13 Jedoch sind es zweifellos diese Merkmale, die den Werken die erwünschte Funktion verleihen.

3 Der minimalistische Stil in Globryllup

In der Novelle Globryllup aus Helle Helles Werk Biler og dyr ist der minimalistische Stil deutlich erkennbar, da sie eine Vielzahl der Merkmale aufweist, die in Kapitel 2 als charakteristisch für die Stilrichtung des Minimalismus festgelegt wurden. Diese sollen im Folgenden erst einmal deskriptiv erörtert werden, um am Ende des Kapitels ihre kollektive Funktion untersuchen zu können.

Die Erzählhaltung, die in Globryllup offenkundig vertreten wird, ist eine sehr emotionslose und objektive. Die Geschehnisse werden durch den Erzähler kaum bis gar nicht reflektiert.14 Dies wird bereits zu Beginn der Erzählung durch vage Äußerungen wie „Sådan er det om lørdagen i randområderne”15 transparent gemacht. Die Erzählinstanz rückt immer weiter in den Hintergrund und fungiert lediglich als neutraler Schilderer der Situation. 16 Mithilfe dieser unreflektierten Betrachtungsweise kann kein Spannungsbogen entstehen, der der Erzählung eine Hierarchie verleihen würde. Infolgedessen, dass der Fokus auf den sich aneinanderreihenden Situationen, die Regitze durchlebt, liegt, verbleibt die Handlung monoton. Da durch den Leser weder eine Begebenheit auf der Hochzeit noch Regitzes Flucht (Vgl. S.24) als Höhepunkt der Novelle zu identifizieren ist, ist eine weitere Bedingung, die der Minimalismus an einen Text stellt, erfüllt. Helle Helles Kurzprosa erhält dadurch einen minimalistisch fragmentarischen Charakter.17 Darüber hinaus wird die Handlung in Globryllup weder informativ eingeleitet noch findet sie ein als abgeschlossen zu bewertendes Ende. Bereits der erste Satz „Jeg har forvildet mig ind i kirken efter en pludselig inskydelse“ (S.17) hinterlässt viele offene Fragen. Der Text gibt nicht an, um wen es sich bei Jeg handelt und aus welchem Impuls heraus sich dieses Jeg in eine Kirche verirrt hat. Der Leser findet sich unmittelbar in der Geschichte wieder, ohne dass eine Einbettung in einen Kontext, welches ebenfalls zum minimalistischen Stil Helle Helles beiträgt, zur Orientierung stattgefunden hat. Außerdem wird unbeantwortet gelassen, ob Regitze erfolgreich ihr Ziel erreichen wird (Vgl. S.25), sodass das Kriterium des Minimalismus, ein offenes Endes zu kreieren, gleichermaßen erfüllt wird. Ebenso wie sich der Umfang der Erzählung durch Knappheit auszeichnet, sind auch die Dialoge von Komprimiertheit geprägt. Obwohl sie einen Großteil der Erzählung einnehmen, sind sie dennoch inhaltlich minimal ausgefüllt. Partikel wie Ja und Nej stellen wiederholt die einzigen Wörter dar, die Regitze zu unterschiedlichen Konversationen beiträgt (Vgl. S. 19f.). Ein weiteres Merkmal des Minimalismus ist, wie in Kapitel 2 beschrieben, eine einfache Syntax. Auch dieses Charakteristikum ist in Globryllup aufzufinden. Die schlichte Struktur des Satzbaues ist in diesem Werk sehr markant. In dem folgenden Ausschnitt ist deutlich festzustellen, dass ein parataktischer Satzbau dominiert: „Tiden kan lige så godt gå med noget. Yderdøren er stadig åben, udenfor skinner solen. Kirken ligger oppe på en bakke” (S. 17). Der Text weist ebenso Nebensatzkonstruktionen auf, die sich aber dennoch durch wenig Komplexität auszeichnen. Auf diese Weise werden die simplen äußeren Umstände auch formal auf der Satzebene widergespiegelt. Diese Einfachheit ist jedoch auch auf den Inhalt zu übertragen. Minimalistische Werke arbeiten mit trivialen und alltäglichen Sachverhalten.18 Globryllup berichtet ebenfalls im Rahmengeschehen von einer banalen Handlung, nämlich der des Busfahrens (Vgl. S.17). Darüber hinaus ist auch das Heiraten ein konventionelles Ereignis, dem viele Menschen nachgehen, weshalb auch dies partiell als Alltagsgeschehen gewertet werden kann; ebenso wie das Verhalten der geladenen Gäste. Distanzierte Konversationen aufgrund einer großen, nicht untereinander bekannten Gesellschaft lassen sich gleichsam gebräuchlich betrachten, sodass der inhaltlich minimalistische Faktor des Alltäglichen gegeben ist.

Helle Helle gelingt es durch die Verwendung der eben aufgeführten Charakteristika, eine Novelle niederzuschreiben, die sich als vollständig minimalistisch einordnen lässt, und verleiht ihr dadurch die Eigenschaft, den Leser mit in den Prozess der Meinungsbildung einzubeziehen. „[Det] giver de trivielle begivenheder netop den gådefuldhed, der får læseren til at se på dem med nye øjne.”19 Alle genanten Merkmale, wirken zusammen, um der Zielsetzung zu folgen, dem Ungesagten Ausdruck zu verleihen, sodass dem Leser eine neue Sichtweise auf das Alltägliche ermöglicht wird.

[...]


1 Karin Knudsen: „Minimalisme – en introduktion“, in: Passage. Tidsskrift for litteratur og kritik 11/12/1992, S. 113-122, 113.

2 Ebd., S. 114 f.

3 Ebd., S.120.

4 Mads Jensen Bunch: „Minimalismen i dansk 1990'er-litteratur – gennembrud og forudsætninger“, in: Danske studier 98/2003, S. 236-264, 238.

5 Ebd., S. 241.

6 Ingolf Kaspar: „Minimalismens koncept“, in: Darsk. Dansk literatur i halvfemserne. Norsk nittiallslitteratur 1999, S. 49-69, 61.

7 Ebd., S. 61.

8 Kaspar (1999), S.55.

9 Ebd.

10 Bunch, S. 239.

11 Kaspar (1999), S. 67.

12 Knudsen, S.117.

13 Ebd.

14 Klaus P. Mortensen (Hg.): Dansk litteraturs historie. 1960-200, Bd. 5, København 2007, S. 583.

15 Helle Helle: „Globryllup”, in: Biler og dyr 2000, S. 17. Im Folgenden werden Verweise auf diesen Primärtext in den Fließtext eingebunden.

16 Ingolf Kaspar: Minimalismus und Groteske im Kontext der postmodernen Informationskultur. Ästhetische Experimente in der norwegischen und isländischen Gegenwartsliteratur, Frankfurt am Main [u.a.] 2001, S. 267.

17 Mortensen, S. 583.

18 Kaspar (1999), S. 55.

19 Mortensen, S. 583.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Die Texte "Globryllup" von Helle Helle und "Andvake" von Jon Fosse aus literaturwissenschaftlicher Sicht
Untertitel
Über den minimalistischen Stil in der skandinavischen Literatur
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,3
Jahr
2017
Seiten
11
Katalognummer
V487428
ISBN (eBook)
9783668970977
ISBN (Buch)
9783668970984
Sprache
Deutsch
Schlagworte
texte, globryllup, helle, andvake, fosse, sicht, über, stil, literatur
Arbeit zitieren
Anonym, 2017, Die Texte "Globryllup" von Helle Helle und "Andvake" von Jon Fosse aus literaturwissenschaftlicher Sicht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/487428

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