Die Funktion der Zeit- und Erzählstrukturen in "Cien años de soledad" von Gabriel García Márquez


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Inhaltlicher Überblick
2.1. Magischer Realismus

3. Erzählstrukturen
3.1. Unterteilung des Romans in ciclos
3.2. Die Funktion des Erzählers

4. Die doppelte Funktion der Zeitstruktur im Roman
4.1. Die historische und mythische Zeit
4.2. Die strukturalistische Erzähltheorie nach Gérard Genette
4.2.1. Die Erzähldauer
4.2.2. Die Erzählordnung

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der vorliegenden Hausarbeit wird die Funktion der Erzähl- und Zeitstrukturen in „Cien años de soledad“ von Gabriel García Márquez untersucht und analysiert.

Der erste Satz des Romans zeigt bereits die Komplexität der literarischen Zeitmodellierung: „Muchos años después, frente al pelotón de fusilamiento, el coronel Aureliano Buendía había de recordar aquella tarde remota en que su padre lo llevó a conocer el hielo.” (S. 9). Allein in diesem Satz verwendet und verschmelzt der Autor bewusst Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, sodass der Leser bereits zu Beginn in den Bann seines Romans gezogen wird. Der Leser wird von einem Ereignis ins Nächste geführt und verliert hierbei vollkommen das Gefühl für die Zeit, da alle Geschehnisse zu einer Gleichzeitigkeit zu verschmelzen scheinen. Daher spielt auch der Erzähler eine bedeutende Rolle, da lediglich dieser außerhalb der Zeit steht, somit eine gewisse Distanz wahrt und die Ereignisse angemessen zu vermitteln weiß.

Im Folgenden wird daher zunächst ein inhaltlicher Überblick über die komplexe Geschichte der Buendías gegeben, um daraufhin den Versuch der Unterteilung des Romans zu unternehmen. Hierbei wird auch die Bedeutung des Erzählers für die gesamte Geschichte erläutert. Vor diesem Hintergrund wird nun die doppelte Funktion der Zeitstruktur in „Cien años de soledad“ analysiert, und zwar mithilfe der Unterscheidung von mythischer und historischer Zeit und unter Berücksichtigung der strukturalistischen Erzähltheorie nach Gerard Genette, dabei wird besonders auf die Erzählordnung und –dauer eingegangen. Zum Schluss soll anhand der vorangegangenen Themen die Frage beantwortet werden, welche Erzähl- und insbesondere welche Zeitstrukturen zu erkennen sind und welche Funktion sie im gesamten Werk einnehmen.

2. Inhaltlicher Überblick

„Cien años de soledad“, geschrieben von Gabriel García Márquez im Jahre 1967, spielt in einem kleinen, abgelegenen Dorf in Kolumbien, namens Macondo, dessen Geschichte eng mit der Geschichte der Familie Buendía verknüpft ist. Dieses Dorf wurde von José Arcadio Buendía und einigen jungen Leuten gegründet, nachdem dieser einen Mord in seinem Heimatdorf begangen hatte und deshalb fliehen musste, da der Geist des Ermordeten ihn und seine Frau heimsuchte. Dieser Mord könnte als biblischer Sündenfall interpretiert werden und als Anlass zum Neuanfang und Neugründung eines Dorfes gesehen werden. Zu Beginn ist Macondo völlig von der Außenwelt isoliert und leben ohne staatliche Verwaltung, wirtschaftliche Beziehungen oder der Kirche. Das einzige, was dem Dorf Neuheiten bringt, ist die alljährlich wiederkehrende Gruppe von Zigeunern mit ihrem Anführer Melchíades. Da José Arcadio sehr wissbegierig ist und Melchíades ihm die neuesten technischen Entdeckungen, wie zum Beispiel Magnete, Lupen oder Eis vorstellt, entwickelt sich eine Freundschaft zwischen den beiden. Mit der Zeit dringen jedoch immer mehr Außeneinflüsse nach Macondo, wie beispielsweise mit der Ankunft des sogenannten Landrichters. Aureliano, der zweite Sohn José Arcadios und der erstgeborene Mensch in Macondo, wird durch verschiedene Einflüsse der größte General in den Bürgerkriegen zwischen den antiklerikalen Liberalen und den zentralistischen Konservativen, der viele Aufstände anführt, unzählige Anschläge überlebt, einige Liebschaften führte, jedoch zum Schluss einsam stirbt.

Währenddessen wächst das Dorf immer weiter, ebenso wie die Familie Buendía, teils durch inzestuöse Beziehungen. Weitere Außeneinflüsse dringen in das Dorf: Macondo wird an das Eisenbahnnetz angeschlossen, welches dazu führt, dass eine Bananengesellschaft ankommt und einen kurzen Aufschwung für das Dorf mit sich bringt. Dies endet jedoch schnell, als ein Streik der Arbeiter blutig niedergeschlagen wird, wodurch viele Menschen ums Leben kamen.

Das Ende des Romans handelt vom Untergang Macondos: Der letzte Nachkomme der Buendías, der aus der inzestuösen Beziehung zwischen dem Urenkel Aureliano und seiner Tante entstanden ist, wird gemeinsam mit dem gesamten Dorf von Ameisen gefressen, just in dem Moment, in dem Aureliano die Prophezeiungen des Melchíades versteht und begreift, dass sie sich bewahrheiten. Das Dorf Macondo und die Familie Buendía geraten somit in Vergessenheit.

2.1. Magischer Realismus

Gabriel García Márquez, kolumbianischer Autor, gilt als einer der besten und raffiniertesten Erzähler der zeitgenössischen Literatur, wobei er sehr stark vom magischen Realismus beeinflusst ist. Für sein Werk erhielt er 1982 den Literaturnobelpreis, vor allem wegen seines Familienepos “Cien años de soledad“, das seinen Weltruhm begründete und mittlerweile eine weltweite Auflage von weit über zehn Millionen Exemplare erreicht hat. Der Begriff „Magischer Realismus“, der fast in all seinen Werken vertreten ist, muss für den weiteren Verlauf dieser Hausarbeit zunächst kurz geklärt werden. In dem Dokumentarfilm „Jenseits von Macondo“, das unter der Regie von Brigitte Kleine und Harald Herzog geführt wurde, trifft ein kolumbianisches Mädchen eine einfache und leichtverständliche Aussage, die den Magischen Realismus ansatzweise erklärt: „Magischer Realismus ist die Verbindung von Realem und Irrealem und die Transformation, die jeder verstehen kann.“ Oberflächlich gesehen ist der Magische Realismus sehr leicht in der Literatur zu erkennen, ihn wissenschaftlich zu definieren, ist viel komplizierter und komplexer, jedoch liegt der Fokus dieser Hausarbeit nicht auf dem Magischen Realismus, daher wird dieses Thema nur prägnant zusammengefasst. Die Elemente des Magischen Realismus bedeuten etwas Irreales, das jedoch mit dem Realen organisch verflochten ist, wodurch eine eigene Realität entsteht. Miguel Angel Asturias hat eine passendere und ausführliche Definition dazu aufgestellt:

Zwischen der Realität, die man eigentlich die „reale Realität“ nennen müsste, und der magischen Realität, wie die Menschen sie erleben, gibt es eine dritte Realität, und diese andere Realität ist nicht nur das Produkt des Sichtbaren und Greifbaren, nicht nur der Halluzination und des Traums, sondern ist Ergebnis der Verschmelzung dieser beiden Elemente. [...] es ist das, was wir den magischen Realismus nennen können. (Lorenz, S. 394).

Somit ist klar, dass der Magische Realismus die Beziehung zwischen den beiden vorhandenen Realitäten auf eine spezifische Art und Weise behandelt. Weiterhin gibt es spürbare Auswirkungen des Magischen Realismus auf das Erzählen, auf die Emotionen der Rezipienten und dadurch auch auf das Gefühl für die Zeit. Der Leser verbindet die Realität mit der Fantasie auf eine natürliche Weise, sodass die Fantasie in der Realität und die Realität in der Fantasie aufgeht.

3. Erzählstrukturen

3.1. Unterteilung des Romans in ciclos

„Cien años de soledad“ besteht aus zwanzig Kapiteln, jedes Kapitel umfasst ca. zwanzig Seiten. Der Autor hat bewusst keine Überschriften oder Nummerierungen für die einzelnen Kapitel gewählt, möglicherweise um nicht nur inhaltlich, sondern auch in der äußeren Form die Linearität aus dem Roman zu nehmen.

Laut Mechtild Strausfeld beinhaltet der Roman viele Bezüge zum katholischen Glauben und der Bibel. In ihrer Studie „Aspekte des neuen lateinamerikanischen Romans und ein Modell: ‚Hundert Jahre Einsamkeit (Gabriel García Márquez)’“ hat sie den Versuch unternommen, den Roman in vier Epochen aufzuteilen (Macondo I, II, III, IV) (vgl. Strausfeld, S. 28): Die erste und vierte Phase beschreibt einmal die Gründung und zum anderen die Zerstörung Macondos. Diese Phasen sind von mythologischem und fiktivem Charakter, und können mit der Bibel in Verbindung gebracht werden. Hierbei kann man symbolisch die erste Phase der Gründung Macondos mit Genesis und der göttlichen Schöpfung vergleichen und die letzte Phase des Verfalls und vollständiger Zerstörung Macondos als Apokalypse interpretieren. Die zweite und dritte Phase hingegen beinhalten die historische Realität, die zwar kaum in dem Roman vorhanden ist, jedoch „an vielen Einzelheiten geschichtlich bewiesen werden“ kann (ebd. S. 31). Zu diesen Phasen gehören zum einen die Bürgerkriege und zum anderen der Bananenstreik, welches soziale und politische Problematiken im fiktiven und unabhängigen Macondo hervorruft. Das Thema der historischen und mythischen Zeit wird in Kapitel 4.1 genauer betrachtet. Weiterhin meint Strausfeld, dass die Handlung des Romans auf die Geschichte Lateinamerikas zu übertragen sei und die Geschehnisse in Macondo somit eine Allegorie auf die Historie Lateinamerikas darstelle. Somit könnte man einen Bezug zwischen den vier Phasen des Romans auf die Geschichte Kolumbiens, ebenfalls aufgeteilt in vier Phasen, herstellen: In der ersten Phase (1492-1830) geht es um die Entdeckung und Eroberung Kolumbiens und den Beginn der Kolonialzeit. Die zweite Phase (1830-1902) bezieht sich auf den Beginn der Bürgerkriege, die genauso im Roman wiederzufinden sind, ebenso wie der in der dritten Phase beschriebene Beginn des Imperialismus und der Gründung von Bananenfabriken (1899-1930). Die letzte Phase beschreibt die Aktualität und den Neoimperialismus seit 1930.

Ileana Rodríguez hingegen unterteilt den Roman in drei ciclos (vgl. Rodríguez, S. 82). Der erste ciclo beinhaltet die ersten neun Kapitel, von der Gründung Macondos bis hin zu den Bürgerkriegen. Im zweiten ciclo, bestehend aus den nächsten sechs Kapiteln, geht es hauptsächlich um den Bananenstreik, und der dritte Teil handelt, wie bei Strausfeld, von der Zerstörung Macondos. Um diese Unterteilung richtig zu deuten, muss man sich der wiederkehrenden Strukturen klarwerden: In jedem Zyklus scheint sich das Geschehen zu wiederholen, denn die verschiedenen Generationen stehen scheinbar immer wieder vor denselben Problemen, seien es wirtschaftliche, politische oder zwischenmenschliche. Diese doppelte Funktion der Zeit wird in Kapitel 4 genauer erläutert.

Marta Gallo wiederum unterteilt das Werk in zwei zeitliche Zyklen: Der erste Zyklus beschreibt Macondo und die gesamten Buendías und der zweite Zyklus handelt von Melchíades und den Zigeunern. Diese beiden Zyklen treffen jedes Jahr wieder aufeinander, „todos los años, en el mes de marzo“ (S. 9), wenn die Zigeuner wieder in Macondo auftauchen, um sich jedoch nach einiger Zeit wieder zu verabschieden.

Gemäß Hans-Otto Dill ist der Roman in die verschiedenen Teile „Dorfchronik, Familiensaga und Aureliano-Roman“ (Dill, S. 193) einzuteilen, die jedoch eng miteinander in Verbindung stehen, da es keine klaren textlichen Abgrenzungen zwischen ihnen gibt.

3.2. Die Funktion des Erzählers

Der Erzähler in „Cien años de soledad“ spricht aus der Sicht der 3. Person Singular, überwiegend im Perfekt oder Imperfekt und baut somit eine gewisse Distanz zum Geschehen des Romans und zu den Charakteren auf (vgl. Rodríguez, S. 85). Er ist allwissend und erlaubt sich viele erzählerische Freiheiten, das heißt auch, dass er dem Leser teilweise Informationen vorbehält oder nur jene preisgibt, die er für notwendig hält. Weiterhin wird die Gefühlswelt der einzelnen Familienmitglieder meist nur oberflächlich und ohne jegliche Anteilnahme des Erzählers beschrieben, was auch dazu führt, dass es dem Leser schwerfällt, sich in die Personen hineinzuversetzen. Andererseits gibt es wiederum Textstellen, in denen Empfindungen, Ängste und Gedanken sehr detailreich umschrieben werden. Diese Entscheidung obliegt dem Erzähler, warum er an welchen Textstellen er ins Detail geht.

Offensichtlich ist, dass der Erzähler das Geschehen im Roman dominiert, denn nur selten sprechen die Personen selbst, was sich auch in den wenigen Anteilen wörtlicher Rede bemerkbar macht. Die Kenntnisse des allwissenden Erzählers reichen über die Gegenwart hinaus, bis hin zur Vergangenheit und Zukunft. Die verschiedenen Zeitformen verknüpft er geschickt zu einer Gleichzeitigkeit. Dies wird besonders im ersten Satz gleich zu Beginn des Romans deutlich: „Muchos años después, frente al pelotón de fusilamiento, el coronel Aureliano Buendía había de recordar aquella tarde remota en que su padre lo llevó a conocer el hielo.” (S. 9). Die beiden Vergangeheitsformen imperfecto und indefinido werden in diesem Satz verwendet, jedoch weist der Inhalt auf ein zukünftiges Ereignis hin. Gleichzeitig beinhaltet dieser Satz die Rückschau auf Aurelianos Vergangenheit und ist ebenfalls ein wichtiges Ereignis, das in den Anfangskapiteln des Buches beschrieben wird. Wie bereits erwähnt, ist die Erzählweise auch hier eher neutral und erfolgt ohne Kommentare oder Urteile, somit bewahrt der Erzähler die Distanz zum Geschehen (vgl. Strausfeld, S. 254).

In epischen Erzählungen gilt das Präteritum als typische Tempusform, ebenso wie die „ausencia del sentido de expectación“, (Cartín de Guier, S. 24). Dies bedeutet, dass der Erzähler künftige Ereignisse vorwegnimmt und dem Leser somit keine Möglichkeit lässt, Annahmen und Hoffnungen über den Werdegang der Ereignisse im Roman zu bilden. Durch diese Antizipation kann es verschiedene Auswirkungen auf den Leser geben, die einen bilden größeres Interesse, die anderen verlieren ihr Interesse.

Eine weitere auffällige Erzählweise ist die Hyperbolik. Sie drückt Übersteigerungen von Dingen und Geschehnissen aus und steht stark im Kontrast zur sonst so sachlichen Erzählweise des Erzählers. Diese Erzählform ist jedoch von großer Wichtigkeit für all die phantastischen und mythischen Geschehnisse des Romans. Das Erzählen scheint somit frei und unbeschwert zu sein, da der Erzähler das Wirkliche oder Erfundene so gut verschleiert, dass der Leser (und teilweise auch die Charaktere selbst) keine Unterschiede zwischen Erlebtem oder Geträumtem wahrnimmt. Im Vordergrund steht definitiv die Fiktion, ob die Geschichten des Erzählers nun wahr sind oder nicht, ist von nachrangiger Bedeutung, es geht nämlich darum, die Geschichten so anzunehmen, wie sie sind. Wie José Miguel Oviedo passend in „Macondo – Ein magisches Dorf in Amerika“ beschreibt: Das Phantastische ist mit der Wirklichkeit unentwirrbar und perfekt vermischt, sodass sie Grenzen der Realität nicht ersichtlich sind (vgl. ebd. S. 138).

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Funktion der Zeit- und Erzählstrukturen in "Cien años de soledad" von Gabriel García Márquez
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
19
Katalognummer
V488866
ISBN (eBook)
9783668970168
ISBN (Buch)
9783668970175
Sprache
Deutsch
Schlagworte
funktion, zeit-, erzählstrukturen, cien, gabriel, garcía, márquez
Arbeit zitieren
Nicky Jan (Autor), 2016, Die Funktion der Zeit- und Erzählstrukturen in "Cien años de soledad" von Gabriel García Márquez, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/488866

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