In der vorliegenden Hausarbeit wird die Funktion der Erzähl- und Zeitstrukturen in „Cien años de soledad“ von Gabriel García Márquez untersucht und analysiert.
Der erste Satz des Romans zeigt bereits die Komplexität der literarischen Zeitmodellierung: „Muchos años después, frente al pelotón de fusilamiento, el coronel Aureliano Buendía había de recordar aquella tarde remota en que su padre lo llevó a conocer el hielo.” (S. 9). Allein in diesem Satz verwendet und verschmelzt der Autor bewusst Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, sodass der Leser bereits zu Beginn in den Bann seines Romans gezogen wird. Der Leser wird von einem Ereignis ins Nächste geführt und verliert hierbei vollkommen das Gefühl für die Zeit, da alle Geschehnisse zu einer Gleichzeitigkeit zu verschmelzen scheinen. Daher spielt auch der Erzähler eine bedeutende Rolle, da lediglich dieser außerhalb der Zeit steht, somit eine gewisse Distanz wahrt und die Ereignisse angemessen zu vermitteln weiß.
Im Folgenden wird daher zunächst ein inhaltlicher Überblick über die komplexe Geschichte der Buendías gegeben, um daraufhin den Versuch der Unterteilung des Romans zu unternehmen. Hierbei wird auch die Bedeutung des Erzählers für die gesamte Geschichte erläutert. Vor diesem Hintergrund wird nun die doppelte Funktion der Zeitstruktur in „Cien años de soledad“ analysiert, und zwar mithilfe der Unterscheidung von mythischer und historischer Zeit und unter Berücksichtigung der strukturalistischen Erzähltheorie nach Gerard Genette, dabei wird besonders auf die Erzählordnung und –dauer eingegangen. Zum Schluss soll anhand der vorangegangenen Themen die Frage beantwortet werden, welche Erzähl- und insbesondere welche Zeitstrukturen zu erkennen sind und welche Funktion sie im gesamten Werk einnehmen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Inhaltlicher Überblick
2.1. Magischer Realismus
3. Erzählstrukturen
3.1. Unterteilung des Romans in ciclos
3.2. Die Funktion des Erzählers
4. Die doppelte Funktion der Zeitstruktur im Roman
4.1. Die historische und mythische Zeit
4.2. Die strukturalistische Erzähltheorie nach Gérard Genette
4.2.1. Die Erzähldauer
4.2.2. Die Erzählordnung
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die komplexen Zeit- und Erzählstrukturen in Gabriel García Márquez' Roman „Cien años de soledad“. Ziel ist es, die narrative Gestaltung und die Funktion dieser Strukturen vor dem Hintergrund der strukturalistischen Erzähltheorie nach Gérard Genette sowie der Unterscheidung von mythischer und historischer Zeit zu analysieren.
- Analyse von Erzählzeit und erzählter Zeit
- Untersuchung narrativer Anachronien (Analepsen und Prolepsen)
- Rolle des Erzählers und dessen Bedeutung für die Zeitmodellierung
- Zirkularität und wiederkehrende Zeitstrukturen im Roman
- Wechselwirkungen zwischen Magischem Realismus und Erzähltempo
Auszug aus dem Buch
4.2.1. Die Erzähldauer
Die Dauer der Erzählzeit ist durch die Relation zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit bestimmt. Somit ergibt sich die Frage „wie lange“ und auf wie vielen Seiten ein Geschehen andauert bzw. erzählt wird. Es handelt sich somit um das Verhältnis zwischen der Zeit, die die erzählten Ereignisse in Anspruch genommen haben und der für ihre Darstellung erforderlichen und aufgewendeten Textmengen (vgl. Wenzel, S. 97). Diese Relation wird auch Erzähltempo oder Erzählgeschwindigkeit genannt. Bei „Cien años de soledad“ wird die Erzählzeit von 100 Jahren auf 471 Seiten behandelt, was vergleichsweise zu anderen Werken ein ziemlich hohes Tempo der Erzählung darstellt. Diese Analyse liefert jedoch nur ein relativ objektives Ergebnis. Von größerer Relevanz ist eher die Quantität der Informationen und die Variation der Erzählgeschwindigkeit (vgl. Lahn/Meister, S. 143), zu derer Festsetzung vor allem der Erzähler verantwortlich ist, indem er bestimmte Ereignisse in die Länge zieht, sie verdichtet, verkürzt oder sie sogar ganz weglässt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung der Forschungsfrage bezüglich der Funktion der Erzähl- und Zeitstrukturen in „Cien años de soledad“.
2. Inhaltlicher Überblick: Zusammenfassung der Familiengeschichte der Buendías und der Entwicklung des Ortes Macondo.
2.1. Magischer Realismus: Definition des Magischen Realismus und dessen Einfluss auf die Erzählweise des Autors.
3. Erzählstrukturen: Diskussion über verschiedene Gliederungsmodelle des Romans und die Bedeutung der Erzählweise.
3.1. Unterteilung des Romans in ciclos: Untersuchung der Unterteilung des Werks in Zyklen und wiederkehrende narrative Strukturen.
3.2. Die Funktion des Erzählers: Analyse der Rolle des allwissenden Erzählers und der Figur Melchíades.
4. Die doppelte Funktion der Zeitstruktur im Roman: Theoretische Einführung in die Analyse der Zeitmodellierung im Roman.
4.1. Die historische und mythische Zeit: Unterscheidung zwischen historisch verankerbaren Ereignissen und zyklischer, mythischer Zeit.
4.2. Die strukturalistische Erzähltheorie nach Gérard Genette: Anwendung von Genettes Kategorien zur Analyse des narrativen Textes.
4.2.1. Die Erzähldauer: Untersuchung des Erzähltempos und der Zeitverhältnisse im Roman.
4.2.2. Die Erzählordnung: Analyse von Analepsen und Prolepsen als Mittel der Zeitstrukturierung.
5. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Zeitbehandlung und deren Wirkung auf die Unverwechselbarkeit des Romans.
Schlüsselwörter
Cien años de soledad, Gabriel García Márquez, Erzählstruktur, Zeitstruktur, Magischer Realismus, Gérard Genette, Analepse, Prolepse, Erzähldauer, Erzählordnung, Zirkularität, Macondo, Familie Buendía, Mythos, Historizität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die spezifischen Erzähl- und Zeitstrukturen in Gabriel García Márquez' Meisterwerk „Cien años de soledad“.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die Untersuchung von Zeitverhältnissen, Erzählgeschwindigkeiten, die Funktion des Erzählers sowie die Verknüpfung von Realität und Fiktion.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie durch die bewusste Gestaltung von Zeit- und Erzählformen eine eigene, geschlossene und mythisch geprägte Welt im Roman entsteht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird die strukturalistische Erzähltheorie nach Gérard Genette angewendet, ergänzt durch Ansätze zur Literaturanalyse in Bezug auf mythische und historische Zeit.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine inhaltliche Einordnung, eine Charakterisierung des Erzählers und eine detaillierte Analyse der Zeitstrukturen unter Berücksichtigung von Erzähldauer und -ordnung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Magischer Realismus, Anachronie, Erzählgeschwindigkeit, Zirkularität und die spezifischen Begriffe wie Analepse und Prolepse.
Welche Rolle spielt die Figur Melchíades?
Melchíades wird als der eigentliche Erzähler identifiziert, der durch seine Manuskripte und seine Funktion als Wissensvermittler die hundertjährige Familiengeschichte strukturiert.
Warum wird zwischen historischer und mythischer Zeit unterschieden?
Diese Unterscheidung ist notwendig, da der Roman sowohl auf reale historische Ereignisse anspielt als auch eine zyklische, entlinearisierte Zeitstruktur aufweist, die das mythische Element unterstreicht.
Wie wirkt sich die Erzähldauer auf den Leser aus?
Durch den ständigen Wechsel zwischen Zeitraffung und Zeitdehnung wird ein narrativer Rhythmus erzeugt, der den Leser in die komplexe und oft verwirrende Welt des Romans verstrickt.
Wie wird das Ende des Romans in der Arbeit interpretiert?
Das Ende wird als der Schluss eines Kreises verstanden, in dem sich die Zerstörung Macondos und die Prophezeiungen des Melchíades zu einem in sich geschlossenen Ganzen vereinen.
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- Nicky Jan (Author), 2016, Die Funktion der Zeit- und Erzählstrukturen in "Cien años de soledad" von Gabriel García Márquez, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/488866