Wissen = Macht (?). Eine Analyse der Machtverhältnisse zwischen Management und Wissensarbeitern


Hausarbeit, 2012

22 Seiten, Note: 1,3

Kilian Norden (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 . Einleitung

2 . Das Marktsystem

3 . Die eingeschränkte Marktfähigkeit von Arbeit und Wissen

4 . Machtverhältnisse

5 . Steuerungslogiken hochqualifizierter Arbeit

6 . Fallbeispiele
6. 1 Universitäre Forschung
6 .2 Entwicklung in der Elektroindustrie
6 .3 Unternehmensberatung

7 . Fazit

8 . Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 . Einleitung

Der Begriff der “Wissensgesellschaft“ ist wie auch das entsprechende soziale Phänomen in der Soziologie nicht unumstritten. Dennoch besteht überwi e- gend Einigkeit darüber, dass sich seit den 1970er Jahren die ökonomischen und sozialen Produktionsverhältnisse in den entwickelten Industrienationen radikal verändert haben. Von der durch fordistische Massenproduktion geprägten industriebasierten Gesellschaft, erfolgte hierbei eine Transformation hin zur Wissensgesellschaft, die überwiegend flexiblere Arbeits- und Produktionsverhältnisse aufweist. Damit einhergehend schlossen bspw. Industriebetriebe mit “klassischer“ Fließbandproduktion während gleichzeitig die Anzahl der Beschäftigungsverhältnisse in wissensintensiven Bereichen (bspw. Finanz-, Rechts- oder Bildungsdienstleistungen) stark zunahm.1

In der vorliegenden Seminararbeit “Wissen = Macht (?)“ soll der Leitfrage nachgegangen werden, inwieweit sich im Zuge des Übergangs von der Industrie- zur Wissensgesellschaft das Machtverhältnis zwischen Hochqualifizierten und dem Management zugunsten der Ersteren verschoben hat. Darauf aufbauend soll weiterhin die These überprüft werden, ob kollektives Handeln (im Sinne einer gewerkschaftlichen Interessenvertretung) von Hochqualifizierten heutzutage überflüssig geworden ist, da sie möglicherwei- se über eine hinreichend große Durchsetzungsmacht verfügen, um ihre Interessen individuell durchzusetzen.

Für die Bearbeitung erfolgt zunächst eine kurze Einführung in das Marktsys- tem (2.). Darauf folgend wird die Herleitung der Leitfrage fundiert, was kon- kret durch die Untersuchung der eingeschränkten Marktfähigkeiten von Ar- beit und Wissen (3.) sowie der Machtverhältnisse in der Industrie- und der Wissensgesellschaft (4.) umgesetzt wird. In den beiden anschließenden Ka- piteln wird dann, die theoretische (5.) und empirische (6.) Grundlage für die im Fazit (7.) erfolgende Beantwortung der Leitfrage gelegt.

2. Das Marktsystem

Der bereits kurz angerissene sozioökonomische Wandel von der Industrie- zur Wissensgesellschaft hat seinen Vorläufer im vorhergehenden Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft. Diese Hervorhebung ist nicht unwichtig, da mit der Transformation der Produktionsverhältnisse im 19. Jahrhundert auch der thematische Ausgangspunkt für die Entwicklung der Soziologie als wissenschaftliches Fach markiert wurde. Sie entstand als wissen- schaftliche Disziplin in einer Zeit radikaler ökonomischer und sozialer Umwälzungen. Für die Soziologie wegweisende Persönlichkeiten2 wie Karl Marx, Georg Simmel, Émile Durkheim oder Max Weber waren Zeitzeugen der tiefgreifenden Folgen der damals neuen, kapitalistischen Produktions- weise, in welcher eine Verallgemeinerung der Lohnarbeit und die Durchset- zung des Systems der Marktwirtschaft erfolgten. Karl Polanyi konstatierte diesbezüglich im Jahr 1944 in einer Zeitdiagnose über das späte 19. Jahrhundert, dass die Gesellschaft vom Marktsystem zu einem Anhängsel degradiert wurde: „ Die Wirtschaft ist nicht mehr in die sozialen Beziehungen eingebettet, sondern die sozialen Beziehungen sind in das Wirtschaftssystem eingebettet3. Obwohl diese radikale Sichtweise diverse potentielle Ansatz- punkte für Kritik und Gegenmeinungen bietet (bspw. das Prinzip der sozialen Marktwirtschaft nach Alfred Müller-Armack4 ), lässt sich für das von Polanyi angenommene Bedrohungspotential für die soziale Ordnung (ausgehend von den selbstregulierenden Märkten), auch heute noch genügend empirische Evidenz finden. Zum Beispiel ist der Finanzmarktkapitalismus5 und seine derzeitige Krise ein evidenter Ausdruck dieses zerstörerischen Potentials, denn global agierenden Konzerne oder Banken orientieren sich bei ihren Entscheidungen in erster Linie an Markterfordernissen und eben nur nach- geordnet an ethischen oder gesamtgesellschaftlichen Gesichtspunkten – jedenfalls sofern sie hierzu nicht durch staatliche Regulierung gezwungen werden.6

Karl Polanyi, der in Wien geboren wurde und später über Großbritannien in die USA emigrierte, gilt als Bezugspunkt und Wegbereiter der heutigen Wirtschaftssoziologie. So sind die thematische Orientierung und Aufgabenstellungen der gegenwärtigen Wirtschaftssoziologie, nämlich die Entwicklung sowohl eines Gegenentwurfs zur neoklassischen Marktfiktion als auch einer Perspektive wie die Märkte in eine gesellschaftliche Regulierung integriert bzw. eingebettet werden könnten, eng mit Polanyis Werk verknüpft. Er ging in diesem Zusammenhang von einer Pendelbewegung der sozialen Beziehungen (insbesondere der Arbeit) zwischen Kommodifizierung und Dekommodifizierung aus. Kommodifizierung beschreibt hierbei die Vermarktlichung der Arbeitskraft, Dekommodifizierung hingegen die soziale Abkopplung vom Markt, was sich in einer verringerten Marktabhängigkeit der Anbieter von Arbeitskraft äußert (bspw. durch soziale Sicherungssysteme). Historisch betrachtet haben im Zusammenhang mit der Durchsetzung sozialpolitischer Interessen, soziale Bewegungen (wie bspw. Gewerkschaften) eine wichtige Rolle eingenommen – und heutzutage, im Rahmen des Versuchs die globalen Marktbeziehungen wieder in gesellschaftliche Strukturen einzubetten, ist diese historisch wichtige Rolle, wenn auch sicherlich in veränderter Ausprägung, weiterhin aktiv.7

Obwohl für nationale und globale Gesellschaften das Marktsystem der domi- nante Steuerungsmechanismus geworden ist, wird bei genauerer Betrachtung deutlich, dass das Marktsystem in seiner Funktionsweise grundsätzliche, nicht irrelevante Beschränkungen aufweist. So sind zum Beispiel Wissen und Arbeit nicht unbeschränkt marktfähig. Die angemerkte Relevanz ergibt sich hierbei einerseits aus dem Faktum, dass Wissen in der marktwirtschaftlichen Gesellschaft zu einer zentralen Produktivkraft avanciert ist und andererseits aus der Gegebenheit, dass dieses Wissen zu einem großen Teil in den Köpfen der Angestellten (die gleichzeitig Träger der Arbeitskraft sind) verankert ist. Im folgenden Kapitel wird die soeben angedeutete beschränkte Marktfähigkeit von Arbeit und Wissen näher beleuchtet werden. 8

3 . Die eingeschränkte Marktfähigkeit von Arbeit und Wissen

Wissen für sich genommen ist weder ausschließlich noch rivalitär. Es weist somit die Charakteristika eines öffentlichen Gutes auf, was es originär für den Markt unbrauchbar macht. Wird bspw. in einer Hochschulvorlesung etwas für die Studenten Neues vorgetragen, dann geht das Wissen des Dozenten zwar auf die Zuhörer über, es wird dabei aber nicht verbraucht und geht im Rahmen der Weitergabe auch nicht verloren (manchmal vermehrt es sich hierbei sogar). Ein Gut das sich bei der Teilung vermehrt, lässt sich nur einmal verkaufen, bevor der Preis sinkt, es schließlich zum Allgemeingut wird und sich beliebig verteilt bzw. genutzt wird. Wissen ist daher auf einem kapitalistischen Markt nur dann profitabel verwertbar, wenn der Zugang künstlich eingeschränkt wird, was sowohl durch geistige Eigentumsrechte (Urheberrechte, Patente, usw.) als auch mittels institutionalisierter Zugangsbeschränkungen für die Ausübung und Ausbildung wissensintensiver Tätigkeiten geschehen kann. Erst durch diese künstliche Einschränkung des Zugangs zu Wissen wird dessen Marktfähigkeit hergestellt – Wissen wird in der Folge zur Ware.9

Auch Arbeit weist nur eine begrenzte Marktfähigkeit auf, denn im Gegensatz zu Dienstleistungen und Gütern wird die menschliche Arbeitskraft originär nicht für einen Verkauf “produziert“. Während sich also bspw. die Produktion von Gütern an der Nachfrage ausrichten lässt, ist eine solche strategische Angebots-Nachfrage-Ausrichtung für menschliche Arbeitskraft nicht möglich (Zur Illustration: Niemand wird wegen einer starken Arbeitsnachfrage geboren10 ). Weiterhin lässt sich ein Arbeitsangebot, das einmal auf dem Markt ist, nicht ohne weiteres wieder vom Markt zurückziehen, denn Menschen benötigen einen stetigen Lebensunterhalt. Da sich Arbeitskraft nicht von ihrem Träger ablösen lässt, spricht Polanyi in diesem Zusammenhang auch von einer “fiktiven Ware Arbeitskraft“. Ferner ergibt sich aus der existenziellen Abhän- gigkeit der Menschen von der Erwerbsarbeit eine strukturelle Machtasymetrie zum Nachteil der Anbieter menschlicher Arbeitskraft und zum Vorteil der Kapitalseite. In ihrer Härte abgemildert werden, kann diese Machtasymetrie nur durch politische “sekundäre Gegenmächte“ bzw. -kräfte wie bspw. Gewerkschaften oder sozialstaatliche Regelungen. Es waren daher auch keine geschichts- und raumlosen Marktprozesse, die die “fiktive Ware Arbeitskraft“ sozialstaatlich eingehegt sowie die Warenförmigkeit von Wissen hergestellt haben, sondern vielmehr konfliktreiche, durch die “sekundären Gegenmächte“ getragene soziale Entwicklungsprozesse – die ferner somit auch wesent- lich zur Durchsetzung und Erhaltung des Marktkapitalismus beigetragen haben (Ein Vorgang der bis heute anhält).11

Für die in diesem Kapitel auf ihre Marktfähigkeit hin beleuchteten zentralen Produktionsfaktoren “Wissen“ und “Arbeit“ gilt, dass in der Soziologie ihr Zugang sowie ihre Nutzung als „ umkämpfte Terrains12 bezeichnet werden und dass ferner die entsprechenden Machtverhältnisse an Deutlichkeit verloren haben: „ Da hoch qualifizierte Beschäftigte aufgrund ihres Wissens- oder Humankapitals häufig in einer vorteilhaften Verhandlungsposition sind, wird ihnen im Verhältnis zur Kapitalseite häufig ein Machtgewinn konstatiert13. Einige Autoren gehen in ihren Gegenwartsdiagnosen noch einen Schritt weiter und vertreten die Meinung, dass die Machtasymetrie zwischen Kapital und Arbeit, die seit zwei Jahrhunderten besteht, sich umkehren würde. Das folgende Kapitel schließt an diesem Punkt an und beleuchtet die Machtverhältnisse in der Industrie- sowie der Wissensgesellschaft.14

4 . Machtverhältnisse

Der ehemalige US-Amerikanische Arbeitsminister15 und Politikwissenschaft- ler Robert Reich vertritt in seinem Buch “The Work of Nations“ (1992) den Standpunkt, dass in der heutigen Wissensgesellschaft die vormalige Machtposition der Eigentümer des ökonomischen Kapitals von Wissensarbeitern eingenommen wurde und sich daher das strukturelle Kräfteverhältnis umgekehrt hat. Der aus Österreich in die USA emigrierte Ökonom Peter Drucker folgt in seinem Werk “Post-capitalist society“ (1994) der Argumentation von Robert Reich und folgert darüber hinaus, dass der traditionelle Klassenkonflikt zwischen Kapital und Arbeit beendet sei, da die Durchsetzungsmacht nunmehr vom Besitz an Wissen und nicht mehr vom Besitz ökonomischen Kapitals ausgehe. Damit einhergehend seien auch die Akteure sekundärer Gegenmacht, also bspw. die Gewerkschaften, überflüssig (vgl. Tabelle 1).16

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Strukturelle Machtverteilung in der Industrie- und Wissensgesellschaft (Quelle: eigene Darstellung in Anlehnung an: Reich 1992; Drucker 1994; zit. n. Pernicka 2011, S. 4)

Dass die dargestellten Annahmen über die Entwicklung in der Wissensgesellschaft und insbesondere deren Konsequenzen wie die Überflüssigkeit sekundärer Gegenmacht, wie sie u.a. von Reich und Drucker interpretiert wurden, zwar in sich konsistent wirken aber dennoch nur schwer aufrechtzuerhalten sind, wird in den folgenden beiden Kapiteln, zuerst theoretisch (5. Kapitel) und anschließend anhand von Fallbeispielen (6. Kapitel) belegt.17

[...]


1 Vgl. Pernicka 2011, S. 1.

2 Ausdrücklich sei darauf hingewiesen, dass die Bedeutung der genannten Persönlichkeiten sich nicht auf die Disziplin der Soziologie beschränkt. Vielmehr sind ihre Leistungen auch für andere Disziplinen bedeutend wie bspw.: Philosophie, Ökonomie oder Ethnologie.

3 Polanyi 1978, S. 88.

4 Vgl. zu “sozialer Marktwirtschaft“ Müller-Armack 1947.

5 Vgl. Windolf 2005, S. 20ff.

6 Vgl. Pernicka 2011, S. 1f.; vgl. Polanyi 1978, S. 88ff.; vgl. Granovetter 1985 S. 481ff.

7 Vgl. Pernicka 2011, S. 2.

8 Vgl. Pernicka 2011, S. 2; vgl. zu “Wissen als zentrale Produktivkraft“: Drucker 1959; Tou- raine 1972; Bell 1973; Reich 1992; Rifkin 2000; Castells 2004.

9 Vgl. Pernicka 2011, S. 3; vgl. Gorz 2004, S. 9ff.

10 Vgl. Beckert 2007, S. 457.

11 Vgl. Pernicka 2011, S. 3; vgl. zu “fiktiven Ware Arbeitskraft“: Polanyi 1978 u. 1979.

12 Pernicka 2011, S. 3.

13 Pernicka 2011, S. 3.

14 Vgl. Pernicka 2011, S. 3; vgl. zu “Umkehrung der Machtasymetrie“: Reich 1992, S. 176; vgl. Drucker 1994, S. 95f.

15 Robert Reich: Arbeitsminister der Vereinigten Staaten von 1993 bis 1997.

16 Vgl. Pernicka 2011, S. 4; vgl. Reich 1992, S. 176; vgl. Drucker 1994, S. 95f.

17 Vgl. Pernicka 2011, S. 5.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Wissen = Macht (?). Eine Analyse der Machtverhältnisse zwischen Management und Wissensarbeitern
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
22
Katalognummer
V489774
ISBN (eBook)
9783668959149
ISBN (Buch)
9783668959156
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wissen, macht, analyse, machtverhältnisse, management, wissensgesellschaft, wissensarbeiter
Arbeit zitieren
Kilian Norden (Autor), 2012, Wissen = Macht (?). Eine Analyse der Machtverhältnisse zwischen Management und Wissensarbeitern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/489774

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