Erlebnispädagogik heute


Hausarbeit, 2005

20 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Gliederung Seite

1. Einleitung

2. Geschichte der Erlebnispädagogik
2.1. Wegbereiter der heutigen Erlebnispädagogik
2.2. Kurt Hahns Konzept
2.3. Aktualität der Erlebnispädagogik

3. Grundlagen der modernen Erlebnispädagogik
3.1. Das Erlebnis
3.2. Versuch einer Begriffsbestimmung
3.3. Grundbedingungen der erlebnispädagogischen Arbeit

4. Reflexion in der Erlebnispädagogik
4.1. Begriffsbestimmung
4.2. Reflexionsmodelle

5. Transfer in der Erlebnispädagogik
5.1. Begriffsbestimmung
5.2. Transfermodelle

6. An wen richtet sich die Erlebnispädagogik? (Beispiele)
6.1. Erlebnispädagogik mit Straffälligen
6.2. Erlebnispädagogik mit behinderten Menschen

7. Theoriedefizit, Grenzen, Missverständnisse der Erlebnispädagogik
7.1. Theoriedefizit
7.2. Männer- und Frauenrollen in erlebnispädagogischen Aktivitäten
7.3. Leiterverhalten und Leitersti
7.4. Erlebnispädagogik als systemerhaltendes oder systemkritische Disziplin?
7.5. Transferproblematik der Erlebnispädagogik

8. Stellungnahme

9. Literatur

1. Einleitung

Heutzutage ist es relativ schwer, die Jugendlichen von pädagogischen Programmen zu überzeugen. Diese Art der Erziehung ist einfach nicht „cool“ genug. Lieber schließt man sich mit ein paar anderen Jugendlichen zusammen und zieht um die Häuser. Nicht selten endet dieses „Abhängen“ mit Mutproben, die nicht immer legal ausfallen. Ergebnis hieraus ist, dass immer mehr Jugendliche in den Straffanstalten sitzen, oder mit Sozialarbeit ihre Tat wieder gut machen. Woher kommt diese „Ruhelosigkeit“ der heutigen Jugend? Ganz einfach, die legalen Abenteuermöglichkeiten der Kinder schwinden in unserer immer mehr und mehr kontrollierenden Umwelt. Immer häufiger werden sie von den erbosten Erwachsenen ermahnt und man nimmt ihnen immer mehr Freiheiten. Den Jugendlichen fehlen einfach die Abenteuer und ihre Lust darauf steigert sich mit jedem Tag. Schließlich holen sie sich ihre Befriedigung auf eigene Faust, wenn auch nicht immer legal.

Die Erlebnispädagogik setzt genau an diesem Punkt an und versucht den Jugendlichen mit Aktivitäten zu einem sozialen Wesen zu erziehen. Was aber genau ist Erlebnispädagogik? Lernt man dort zu erleben? Tut man dies nicht bei jedem Atemzug? An wen ist sie gerichtet und was ist nicht so positiv an ihr? Diese und andere Fragen sollen in der folgenden Abhandlung erläutert werden.

2. Geschichte der Erlebnispädagogik

2.1. Wegbereiter der heutigen Erlebnispädagogik

Schon Platon (427-347 v. Chr.) erkannte die Notwendigkeit einer ganzheitlichen Förderung des Individuums. So nehmen, neben der Vernunft und dem Wissen, auch die Malerei, die Musik und der Sport ihren Platz bei der Bildung eines Menschen ein.

Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) ist ebenfalls ein Wegbereiter der heutigen Erlebnispädagogik. Er richtet sich mit seinem Erziehungsroman „Emil oder über die Erziehung“ gegen die restriktiven Erziehungsbestimmungen seiner Zeit. Er setzte sich dafür ein, dass Kinder nicht zu kleinen Erwachsenen erzogen werden, sondern Kinder bleiben. Somit müsste die Erziehung sich nach der natürlichen Entwicklung richten und nicht nach einem von außen gesetzten Ziel.

Laut Rousseau gibt es drei Faktoren, die die Erziehung eines Menschen beeinflussen: die Natur, der Mensch und die Dinge. Der Mensch gilt hierbei als ´ Ermöglicher` von Erziehung, um den Einfluss der anderen beiden Faktoren zu gewährleisten. Der Erzieher soll sich so weit wie möglich zurückhalten und nicht in die natürlichen Lernprozesse des Kindes eingreifen. Rousseau beschreibt diese Form der Erziehung als eine ´negative Erziehung`. Der Erziehende hat lediglich die Aufgabe das pädagogische Umfeld des zu Erziehenden in der Form zu planen und zu gestalten, dass den anderen unmittelbaren Erziehungsfaktoren eine größtmögliche Wirkung zukommt und somit altersgemäße Tätigkeit und Entwicklung ermöglicht wird. Das Kind soll dabei seinem natürlichem Bedürfnis nach Bewegung nachgehen und die Welt als handelndes Wesen selbst entdecken.

Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827) war ein weiterer Gründer der Erlebnispädagogik. Nach seiner Auffassung nach musste ein Kind, um sinnvolle Bildung und Erziehung zu erhalten, authentische und vitale Erfahrungen machen und daraus seine Erkenntnisse ziehen. So wird Sozialverhalten durch die Begegnung ausgeprägt und nicht durch die Belehrungen der Pädagogen. Man kann sagen, Pestalozzi verfolgte das Ziel eine Erziehungsform zu entwickeln, die auf dem Prinzip „Kopf, Herz und Hand“ beruht. (vgl. Witte, 2002, S. 23f)

2.2. Kurt Hahns Konzept

„Gebt den Kindern Gelegenheit sich selbst zu entdecken… Lasst sie Triumph und Niederlage erleben… Weist ihnen verantwortliche Aufgaben zu, bei denen zu versagen, den kleinen Staat gefährden heißt… Übt die Phantasie.“ (vgl. Hahn, 1986, S. 12)

Dies sind die Gesetze der Salem-Schulen, die von Kurt Hahn ins Leben gerufen wurden. Er gilt als der Vater und der Initiator der Erlebnispädagogik. Hahn kritisierte an den Jugendlichen seiner Zeit:

- den Verfall der körperlichen Tauglichkeit, welche durch die modernen Fortbewegungsmöglichkeiten verursacht wird
- die fehlende Selbstinitiative, bedingt durch die modernen Kommunikationsmittel, durch die der Mensch in die Zuschauermentalität verfällt
- die verringerte Geschicklichkeit und Sorgfalt, aufgrund des zunehmenden Verschwindens des Handwerkertums, wodurch die Bereitschaft zum exakten und mühevollen Arbeiten abnimmt
- und vor allem die mangelnde Fähigkeit, Empathie für andere zu entwickeln, verursacht durch ständiges Eilen und Hetzen, was typisch für das moderne Leben ist. (vgl. Schwarz, 1968, S.40f)

Kurt Hahn suchte bei den Jugendlichen die Begeisterung für die Welt, die sie als Kinder hatten, durch ihre Sehnsucht an Abenteuern, der Forscherfreude, die Liebe zur Malerei, Musik und zum Schreiben. Diese kindlichen Eigenschaften bezeichnet er als die „unverdorbenen Leidenschaften“, die er durch seine Erziehung wieder hervorbringen wollte. (vgl. Schwarz, 1968, S. 40)

Hahns Antwort auf den Verfall der Jugendlichen war, den Jugendlichen besondere Erlebnisse zu ermöglichen, durch die sie verborgene Kräfte entdecken und so ihren Horizont erweitern können. Hiermit machte er die Erlebnispädagogik zu dem zentralen Punkt seiner Arbeit und setzte an den Stärken und Fähigkeiten der Schüler an. (vgl. Reiners, 1993, S. 2)

Bei diesen Erlebnissen ist für Hahn nicht wichtig, wie lange sie andauern, sondern wie intensiv sie von dem Jugendlichen erlebt werden. Wie sehr er sich engagiert. Nur so bleibt die Erfahrung im Gedächtnis des Erlebenden und kann ihm in späteren Situationen möglicherweise helfen. Nachahmung und Übung spielen für Hahn ebenfalls eine große Rolle in seiner Erziehungsarbeit. Er wollte, dass die Jugendlichen sich zwei Sachen zur Gewohnheit machen: zum einen das Umsetzen von Gefühlen in echte Tathandlungen und zum anderen die Gewohnheit der Selbstüberwindung. Er war der Meinung, dass der, der durch das Handeln lernt, sich eher an das Gelernte erinnern kann, als jemand, der diese passiv versucht.

Hahn sah nicht den Unterricht und die Belehrung als höchstes Erziehungsideal an, sondern eine Charakterprägung im Sinne einer Erziehung zur Verantwortung. Daher standen im Salemer Reifezeugnis die Tugenden der Gerechtigkeit, des Gemeinsinnes und der Zivilcourage an oberster Stelle. Genau diese Tugenden können seiner Auffassung nach nicht theoretisch eingepaukt werden, sondern müssen erlebt werden.

So führt er in seinen Schulen, neben dem Unterricht, vier Aktivitäten ein, die zusammen korrelieren und alle das gemeinsame Motiv des Erlebens besitzen:

- den Dienst am Nächsten: Die Schüler erlernen Rettungsdienste (Feuerwehr, Bergrettung, etc.). Hahn ist der Überzeugung, dass die Leidenschaft des Rettens eine stärkere Dynamik besitzt als die Gewalt. Die Schüler lernen so eher zu helfen, anstatt sich gewalttätig zu verhalten.
- das körperliche Training: Es sollte Vitalität, Ausdauer, Mut und Überwindungskraft der Jugendlichen verbessern. Die Erfahrungen hierbei waren Selbstüberwindung und Selbstentdeckung.
- das Projekt: Hier wird den Kindern eine handwerkliche, technische oder geistige Aufgabe gestellt, die Sorgfalt und Geduld erforderte, sowie ein Maß an Selbstständigkeit, Kreativität und Musikalität.
- die Organisation von Expeditionen: Hierdurch sollte der schwindende Selbstinitiative entgegengewirkt werden und die Entschluss- und Überwindungskraft gefördert werden. (vgl. Outward Bound, 1988, S. 5)

Für fast alle der vier Punkte ist die Gruppe als Lernfeld sehr wichtig, da man nur als Gruppe erfolgreiche Expeditionen und Projekte erstellen kann. Und nur als Gruppe kann man sich gegenseitig helfen und retten. So werden in den Hahnischen Schulen einerseits die individuellen Persönlichkeitsmerkmale gefördert (Eigeninitiative, Spontaneität, Kreativität, etc.) und andererseits das soziale Lernen (Verantwortungsgefühl, Konfliktbewältigung, etc), mittels der Gruppenzusammengehörigkeit. (vgl. Reiners, 1993, S. 4ff)

2.3. Aktualität der Erlebnispädagogik

Seit den Zeiten Hahns hat sich die alltägliche Lebenswelt der Menschen gewandelt und dadurch auch die Rechtfertigung und Begründung der Erlebnispädagogik. Folgende Veränderungen sind exemplarisch, allgemein festzustellende Tendenzen:

- Veränderung der baulichen Struktur der Städte: Die Kinder und Jugendlichen leben immer mehr und mehr in künstlich geschaffenen, partiellen und anregungsarmen Umgebungen auf, die wenig Spiel- und Aneignungsmöglichkeiten in der freien Natur zulassen. Durch die Verdichtung des Straßenverkehrs sind die früher üblichen Straßenspiele heute nicht mehr denkbar. Allgemein ist es zu laut, zu unruhig und zu gefährlich.
- Medienkonsum: Der Fernseher stellt bei der heutigen Jugend den größten Teil der Freizeitaktivitäten dar. Hier bekommen sie ein verzerrtes Wirklichkeitsbild vorgesetzt, welches sie aufhören zu hinterfragen hinterfragen. Die Kinder sehen nur noch Aktivitäten und Erlebnisse anderer, wodurch ihr eigenes Verlangen nach Aktivität zwar steigt, aber trotzdem nicht befriedigt wird. Erlebnispädagogik könnte die Kinder wieder dazu bringen, selbst Erlebnisse zu erfahren und nicht anderen passiv dabei zusehen.
- Einschränkung der Selbsterfahrung von Erlebnissen: Auch hier spielt die immer breitere Palette der Medienangebote, die zudem immer günstiger werden, eine große Rolle. Es hat sich eine Konsumhaltung entwickelt, die weitgehend von passiver Rezeptivität geprägt ist. Man kann eine „mal sehen und abwarten was kommt“ -Stimmung feststellen, da man sich von der Medienwelt immer mehr berieseln lässt und den Informationen, die man aufnimmt, keine weitere Beachtung schenkt.
- Zivilisatorische Entwicklung: Durch immer modernere Geräte in Büro, Haushalt, Fabrik, etc. wird der menschliche Körper immer mehr und mehr aus den Handlungs- und Kommunikationsprozessen verdrängt. Unsere Kraft und Geschicklichkeit wird somit zunehmend überflüssiger, da körperliche Anstrengung zur Lebensbewältigung nicht mehr notwendig ist.
- Abstrahierung: Es findet zunehmend eine Abstrahierung unserer Umwelt statt. So gibt es „Rund um die Uhr“ –Dienstleistungen, Gemüsesorten das ganze Jahr lang und überdachte, vom Wetter geschützte Einkaufszentren. Diese Entwicklungen verdrängen die Wahrnehmung von Tages- und Jahreszeiten und machen eine Strukturierung des Lebens nach ihnen unnötig. Genau das Gleiche gilt für das Geld. Fast niemand bezahlt mehr bar, sondern mit Kreditkarten. Es werden Ratenzahlungen vorgenommen und Leasing gibt jedem das Gefühl alles besitzen zu können. Dies verstärkt die Konsumhaltung der Menschen. Und das Geld verliert allmählich seinen Charakter als anfaßbarer Kulturgegenstand.
- Heutige Schulpädagogik: Häufig geprägt durch rezeptives Lernen und kognitiver Wissensvermittlung, unterstützt die heutige Schulpädagogik die Abstrahierung und die Entkörperlichung der Jugendlichen. Die „Verkopfung“ der Erziehung geht zu Lasten der emotionalen und handwerklichen Bildung der Schüler.

All diese Beispiele zeigen auf, dass die Jugendlichen selbst wieder aktiver werden müssen, selbst Abenteuer erleben und Erfahrungen sammeln sollten. Hierauf zielt das Konzept der Erlebnispädagogik. Der Wunsch nach direkten, ganzheitlichen Erfahrungen macht es ihr – gerade in Zeiten der allgemeinen Unattraktivität von Jugendarbeit – möglich, einen Zugang zu den Jugendlichen zu finden. (vgl. Witte, 2003, S. 36ff)

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Erlebnispädagogik heute
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Note
1
Autor
Jahr
2005
Seiten
20
Katalognummer
V49028
ISBN (eBook)
9783638455763
Dateigröße
584 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erlebnispädagogik
Arbeit zitieren
Monika Blazek (Autor), 2005, Erlebnispädagogik heute, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49028

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