Eine Untersuchung der Grenzen der Nachvollziehbarkeit fremder Subjektivität


Projektarbeit, 2019
15 Seiten, Note: 2.0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Sinnhaftigkeit philosophischer Gedankenexperimente

2. Das Nachempfinden fremder Subjektivität als sinnloses Vorhaben ?

3. Bedingte Nachvollziehbarkeit fremder Subjektivität

Zusammenfassung/ abschließende Betrachtungen

Literaturverzeichnis

Einleitung

In dieser Projektarbeit soll der Frage, inwieweit sich Menschen in die Perspektive der eigenen Spezies hineinversetzen können, nachgegangen werden. Um dies innerhalb des Rahmens philosophischer Betrachtungsmöglichkeiten zu untersuchen, werden zu diesem Zweck Georg W. Bertrams herausgegebenes Werk „Philosophische Gedankenexperimente. Ein Lese- und Studienbuch“ sowie das von Thomas Nagel in seinem Werk „Wie ist es eine Fledermaus zu sein?“ geschilderte philosophische Gedankenexperiment hinzugezogen.

Zuerst wird unter Bezugnahme auf Georg W. Bertrams obiges Werk im ersten Kapitel untersucht, ob und inwiefern es als sinnvoll erachtet werden kann, mittels eines philosophischen Gedankenexperiments auf die vorbenannte Frage einzugehen. Dabei wird gleichzeitig überblicksartig, und nur soweit es für den Schwerpunkt dieser Arbeit als sinnvoll erscheint, auf die Definition von philosophischen Gedankenexperimenten eingegangen, um im nächsten Kapitel darauf aufbauen zu können.

Denn im zweiten Kapitel wird auf ein philosophisches Gedankenexperiment von Thomas Nagel Bezug genommen. Dieser argumentiert entgegen der von Georg W. Bertram vertretenen Auffassung. Das heißt, Thomas Nagel vertritt im Rahmen seines philosophischen Gedankenexperiments die These, dass es einem Menschen nicht möglich sei, aus der Sicht eines anderen Menschen nachzuempfinden, wie wie sich dessen Lebensweise anfühlen mag, mit demzufolge anderen kognitiven und körperlichen Bedingungen. Daran angelehnt soll in diesem Kapitel darauf eingegangen werden, welche Gründe Thomas Nagel zufolge dafür verantwortlich sind bzw. inwiefern er die Möglichkeit der Wahrnehmung fremder Subjektivität ausschließt.

Im dritten Kapitel liegt der Fokus darauf, beide Positionen einander gegenüberzustellen, um anhand von wesentlichen Unterschieden sowie Gemeinsamkeiten den Versuch zu unternehmen, die Ansichten beider Philosophen in einer Synthese zu vereinen.

Abschließend werden markante Positionen in zusammenfassender Weise kritisch reflektiert und argumentative Ergebnisse dieser Projektarbeit hervorgehoben. Des Weiteren möchte ich darauf hinweisen, dass das Ziel meiner Arbeit darin besteht, überblicksartig das Wesentliche des dieser Hausarbeit zu Grunde liegenden Themas zu erfassen sowie möglichst nachvollziehbar darzulegen.

1. Sinnhaftigkeit philosophischer Gedankenexperimente

Mit Hilfe von philosophischen Gedankenexperimenten können sich Menschen nach Bertram Situationen vorstellen, welche es nicht gibt. Das heißt, es werden Annahmen gemacht oder auch Fragen aufgeworfen, um ein nicht existentes Szenario gedanklich herzuleiten.1 Demzufolge könnte ein Mensch überlegen, wie es wohl sein mag, ein anderer Mensch mit anderen körperlichen wie geistigen Bedingungen zu sein. Diese Fähigkeit bzw. das Vermögen, sich als Mensch in verschiedene Lebensumstände hineinversetzen zu können, auch wenn sich diese von den eigenen unterscheiden, setzt Bertram somit voraus, sodass der Einzelne mit Hilfe dieses Vermögens zumindest die Option hat, philosophische Gedankenexperimente durchzuführen. Insofern wird klar, weshalb er diese Fähigkeit als sehr nützlich erachtet.2

Aber so hilfreich dieses eben benannte Vermögen auch sein mag, könnte nun eingewendet werden, dass der Einzelne hierbei lediglich bei sich bzw. dem eigenen aktuellen Wissensstand stehenbleibt. Wie kann er unter diesen Umständen versuchen, die jeweilige Perspektive anderer Menschen so nachzuvollziehen, dass es ihm gelingt, daraus neue Erkenntnisse zu gewinnen? Bertram positioniert sich zu diesem Problem, indem er erklärt, neue Erkenntnisse seien auf diese Weise zwar logischerweise nicht möglich, aber wenigstens „Gedankenerfahrungen“ 3. Damit meint Bertram Erfahrungen, welche der Einzelne ausschließlich gedanklich macht, aufgrund von lebendigem Nachdenken bzw. lebhaften Vorstellungen von etwas. Seine Gedanken entwickeln sozusagen ein Eigenleben, wie Bertram es ausdrückt.4 Insofern kann der Einzelne zumindest innerhalb der Grenzen seines geistigen Vermögens mittels philosophischer Gedankenexperimente versuchen, eine fremde Perspektive bzw. andere geistige wie körperliche Gegebenheiten nachzuempfinden und damit gedanklich Erfahrungen machen. Zumindest daraus könnten neue Erkenntnisse hervorgehen, indem sich der Einzelne beispielsweise überlegt bzw. Annahmen darüber macht, wie ein anderer Mensch es empfinden könnte, beleidigt zu werden. Der Einzelne kann dann im Zuge seines Überlegens zu dem Schluss/ der Erkenntnis gelangen, Beleidigungen lieber bleiben zu lassen, weil Menschen in der Regel nicht positiv darauf reagieren.

Wie hiermit schon angedeutet wird, ist gemäß Bertram eine gewisse Formalisierung des entsprechenden philosophischen Gedankenexperiments nötig.5 Demnach hat der Einzelne, wie zu Beginn dieses Kapitels bereits angedeutet, argumentativ herzuleiten, aufgrund welcher Annahmen er bestimmte Schlüsse darüber zieht, wie sich dieser jene fremde Subjektivität vorstellt. Ohne diese Formalisierung könnten sonst beliebige und somit sinnlose Schlüsse gezogen werden, sinnlos im Sinne von unüberlegt. Dieser beliebigen Logik folgend, könnte dann behauptet werden, Menschen seien grüne Wesen. Eine solche beliebige Vorgehensweise der Schlussfolgerung entspräche nicht mehr einem philosophischen sondern einem willkürlichen Gedankenexperiment. Philosophische Gedankenexperimente sind demzufolge für eine Untersuchung fremder Subjektivität nur innerhalb formaler Grenzen sinnvoll. Daran wird deutlich, warum Bertram darauf hinweist, dass philosophische Gedankenexperimente möglichst prägnant sein sollen.6

Dies vorausgesetzt und unter der Annahme, ein bestimmtes philosophisches Gedankenexperiment wird von verschiedenen Menschen mit ihrer je anderen Perspektive zu unterschiedlichen Zeiten durchdacht, dann wäre dieses umso gehaltvoller/ komplexer, wie Bertram weiter ausführt.7 So ähnlich verhält es sich mit dem Nachvollziehen fremder Subjektivität. Das heißt, je komplexer die geistige Verfassung des Einzelnen ist, umso gehaltvoller sind seine philosophischen Gedankenexperimente hinsichtlich des Nachempfindens fremder Subjektivität.

Nach Bertram gehe es hierbei jedoch nicht so sehr darum, herauszufinden, wie es sich tatsächlich für denjenigen, dessen Perspektive nachvollzogen wird, anfühlt, er zu sein, sondern vielmehr um begriffliches Nachvollziehen.8 Konkreter ausgedrückt meint Bertram damit, es gehe bei philosophischen Gedankenexperimenten „[...] vielmehr darum, die Begriffe zu klären, mittels deren wir unsere Auseinandersetzung mit der Welt, mit anderen und mit uns selbst artikulieren.“ 9 Demzufolge erschließen sich Menschen in philosophischen Gedankenexperimenten den entsprechenden Gegenstand der Betrachtung, wie beispielsweise die Vorstellung davon wie es wäre ein anderer Mensch mit anderen Lebensumständen zu sein, indem sie die in ihrem Kulturkreis verwendeten Begriffe klären, unter Anwendung dieser Begriffe Annahmen setzen und daraus gewisse Schlüsse entwickeln/ herleiten. Bertram bringt somit zum Ausdruck, dass sich Menschen mit Hilfe von philosophischen Gedankenexperimenten jedenfalls auf formale Weise ineinander hineinversetzen können.

Dies wirkt nun so, als ob sich Menschen nur von außen bzw. auf formalem Wege dem Wesen eines anderen Menschen nähern können bzw. fremde Subjektivität bloß auf formale Weise mittels philosophischer Gedankenexperimente ergründet werden kann. Gemäß Bertram wirkt das in Nagels eingangs erwähntem Gedankenexperiment so.10 Bertram bezweifelt jedoch, dass Nagel dies derart verstanden haben will, weil solch eine „[...] radikal zweifelnde Position [...]“11 den Menschen deren bereits erwähnte Fähigkeit des einander nachvollziehen Könnens absprechen würde.12 Das Aberkennen einer solchen Fähigkeit würde bedeuten, dass Menschen keine Erfahrungen im Umgang miteinander hätten. Aber weil sie in der Regel Mitglieder einer Gesellschaft und somit eines Kulturkreises sind, haben sie zwangsläufig zwischenmenschliche Erfahrungen erworben, auf welche der Einzelne bei einem philosophischen Gedankenexperiment zurückgreifen könnte.

Im folgend Kapitel soll nun daran anknüpfend thematisiert werden, inwiefern Nagel die Möglichkeit des Nachempfindens fremder Subjektivität radikal zweifelnd abzuerkennen scheint, wenn auch vielleicht unbeabsichtigt, wie Bertram vermutet.13

2. Das Nachempfinden fremder Subjektivität als sinnloses Vorhaben ?

Zuvor wird erst einmal erklärenderweise darauf hingewiesen, dass Nagel statt des bisher gebrauchten Begriffs der fremden Subjektivität den Ausdruck des „subjektiven Charakters von Erfahrung“14 verwendet. Darunter versteht er den Umstand, dass es für Organismen wie beispielsweise Menschen aufgrund ihrer Existenz und mit welchen geistigen wie körperlichen Bedingungen auch immer, irgendwie ist, zu sein. Nagel formuliert dies wie folgt:

„Grundsätzlich hat ein Organismus bewusste mentale Zustände dann und nur dann, wenn es irgendwie ist, dieser Organismus zu sein – wenn es irgendwie für diesen Organismus ist. Wir können dies den subjektiven Charakter von Erfahrung nennen.“ 15

Nagel beschreibt weiter, dass bei welchem Lebewesen auch immer der subjektive Charakter von Erfahrung nicht analytisch ermittelt werden könne, weil dieser nur auf eine Weise analysiert werden könne, welche unweigerlich die Gefahr einer Reduktion des subjektiven Charakters von Erfahrung des entsprechenden Lebewesens berge. Jene Reduktion äußere sich dadurch, dass Menschen oder andere Lebewesen nur aus einer Außenperspektive heraus analysierbar seien. Die Innenperspektive sei aber aus jener Außenperspektive nicht erkennbar.16 Dieser Erklärung zufolge und im Folgenden weiterhin bezogen auf Menschen, kann der Einzelne nur dasjenige vom subjektiven Charakter der Erfahrung eines Menschen begreifen, was er von außen, also oberflächlich und damit abstrakt, bei diesem wahrzunehmen in der Lage ist. Nagel bestärkt diese Position, indem er als Grund dafür auf die je eigene Perspektive von Lebewesen verweist.17

[...]


1 Vgl. Georg W. Bertram (Hrsg.): Philosophische Gedankenexperimente, S. 15.

2 Ebd., S. 9.

3 Georg W. Bertram (Hrsg.): Philosophische Gedankenexperimente, S. 24.

4 Vgl. Georg W. Bertram (Hrsg.): Philosophische Gedankenexperimente, S. 24.

5 Ebd., S. 54, 55.

6 Vgl. Georg W. Bertram (Hrsg.): Philosophische Gedankenexperimente, S. 20.

7 Ebd., S. 22.

8 Ebd., S. 67.

9 Georg W. Bertram (Hrsg.): Philosophische Gedankenexperimente, S. 67.

10 Vgl. Georg W. Bertram (Hrsg.): Philosophische Gedankenexperimente, S. 285.

11 Georg W. Bertram (Hrsg.): Philosophische Gedankenexperimente, S. 285.

12 Vgl. Georg W. Bertram (Hrsg.): Philosophische Gedankenexperimente, S. 285.

13 Ebd.

14 Thomas Nagel: Wie ist es, eine Fledermaus zu sein, S. 9.

15 Thomas Nagel: Wie ist es, eine Fledermaus zu sein, S. 9.

16 Vgl. Thomas Nagel: Wie ist es, eine Fledermaus zu sein, S. 11, 13.

17 Ebd., S. 13.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Eine Untersuchung der Grenzen der Nachvollziehbarkeit fremder Subjektivität
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Analytische Philosophie des Geistes
Note
2.0
Autor
Jahr
2019
Seiten
15
Katalognummer
V490389
ISBN (eBook)
9783668979222
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Analytische Philosophie des Geistes, Nachvollziehbarkeit, fremde Subjektivität, Gedankenexperimente, Georg W. Bertram, Thomas Nagel, Wie ist es eine Fledermaus zu sein?
Arbeit zitieren
Doreen Simon (Autor), 2019, Eine Untersuchung der Grenzen der Nachvollziehbarkeit fremder Subjektivität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/490389

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