Was waren die Gründe für den Kaukasuskrieg 2008? Hintergründe zum Konflikt zwischen Georgien und Russland


Facharbeit (Schule), 2018
34 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Georgia First-Gamsachurdias Nationalismus
2.1 Swiad Gamsachurdia
2.2 Südossetien
2.3 Aufstände in Abchasien
2.4 Georgier gegen Georgier-der Bürgerkrieg

3. Ein Sowjet wird Präsident: Schewardnadse
3.1 Die Probleme Georgiens
3.2 Es geht wieder bergauf im Kaukasus
3.3 Blut auf den Straßen Sochumi und Zchinwalis
3.4 Schewardnadses Erbe
3.5 Der Untergang durch die Rose ̶ Rosenrevolution

4. Saakaschwili: Vom Boom zum Bauchfleck
4.1 Reformen unter Saakaschwili
4.2 Saakaschwilis Außenpolitik
4.3 Adscharien, Abchasien und Südossetien
4.4 Schmuggelbekämpfung
4.5 Count-down to war:

5. Eskalation
5.1 Operation ´Sauberes Feld´
5.2 Endlich wieder Frieden?
5.3 Unmittelbare Folgen für Russland und Georgien
5.4 Position Russlands und des Westens nach dem Krieg
5.5 EU-Russland Gipfel in Nizza
5.6 Resümee

6. Nachkriegsentwicklung
6.1 Nachkriegsentwicklung in Südossetien und Abchasien
6.2 Innenpolitische Konsequenzen in Georgien
6.3 Lösungsmodelle
6.4 Aktuelle Entwicklungen in der Region

7. Conclusio: Georgien und seine Zukunft

8. Der Kaukasuskrieg, ein Probegalopp für die Ukraine?

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abstract: Der südliche Kaukasus

Wir schreiben den 8. August 2008. Bomben fallen auf Tiflis, Kampfflugzeuge fliegen über die Dächer Goris und Raketen treffen auf Zchinwali. Die 58. russische Armee ist in georgisches Staatsgebiet einmarschiert. Georgien ist im Krieg mit seinem Nachbarn Russland. Wie konnte es so weit kommen? Wieso riskiert Georgien einen Krieg mit dem übermächtigen Nachbarn im Osten und worum geht es eigentlich?

Genau diese Gründe sollen in der vorliegenden Arbeit erforscht werden. Dazu werden die georgischen innen- und außenpolitischen Entwicklungen von der Unabhängigkeit 1991 bis zum Kriegsausbruch 2008 genau durchleuchtet. Es wird beschrieben, welcher georgische Präsident welche Reformen voranbrachte, und dabei gleichzeitig sein jeweiliger Einfluss auf die Konfliktregionen Südossetien und Abchasien dargelegt. Seit fast einem Jahrhundert gibt es in Südossetien und Abchasien ein dauerhaftes Konfliktpotential, da die Minderheiten in Südossetien und Abchasien von Russland unterstützt ihre Unabhängigkeit fordern. Dieses, und weitere kleinere Bürgerkriege in den 1990 er Jahren führten im Jahr 2008 zur Eskalation, bei der sogar Russland eingriff. Im zweiten Hauptkapitel wird der Ablauf des Kaukasuskrieges von 2008 und seine Konsequenzen für Georgien bzw. für Russland beschrieben. Zuletzt erfolgt ein Fazit aus fast 30 Jahren georgischer Geschichte. Hat der Kaukasuskrieg von 2008 etwa etwas mit dem Ukrainekonflikt von 2014 zu tun?

Anmerkung der Redaktion: Diese Abbildung wurde aus urheberrechtlichen Gründen entfernt, ist aber aufgrund des Abbildungsverzeichnisses gut nachvollziehbar

Abb. 1: Georgiens abtrünnige Provinzen

Vorwort

Der Kaukasus hat für mich lange Zeit keine allzu große Rolle gespielt. Ich wusste zirka wo er liegt, und ich wusste mit Ländernamen wie Georgien etwas anzufangen, doch hatte ich hatte keine Ahnung von Südossetien oder Abchasien geschweige denn von einem Krieg mit Russland. Dies änderte sich in Folge einer Reise nach Georgien im Oktober 2015. Damals begann ich mich erstmals mit Georgien zu befassen, informierte mich aber noch nicht über das historische Georgien. Trotzdem fand ich den Krieg von 2008 interessant und fragte mich schon damals wie es wohl dazu gekommen war.

Das Thema hat mich seit dieser Reise vor dreieinhalb Jahren nicht mehr losgelassen. Ich wollte wissen, wieso es zu dem Krieg kam und wieso Georgien sich mit Russland anlegte, wieso die Führung in Tiflis die sezessionistischen Provinzen nicht einfach wieder unter ihre Kontrolle brache bzw. wieso sich die Völker der Georgier und Südosseten aber auch Abchasen nicht verstehen.

Zusätzlich faszinierend an der Region finde ich das Aufeinanderprallen russischer und amerikanischer bzw. europäischer Interessen. In Europa hört man immer nur von der Ukraine, dabei ist der Konflikt in Georgien meiner Meinung nach sehr viel spannender und tiefgreifender.

Moritz Ritter Graz, am 28.02.2019

1. Einleitung

Auf dem Territorium des heutigen Georgiens liegen zwei sezessionistische Provinzen, Abchasien und Südossetien, die ihre Loslösung von Georgien fordern. Beide lehnen ihre Zugehörigkeit zu Georgien ab und beharren auf ihre Unabhängigkeit. Diese wird besonders durch ihren nördlichen Nachbarn Russland unterstützt. Doch wer sind diese Völker eigentlich bzw. worin liegen die Gründe für dieses angespannte Verhältnis?

1.1 Sakartwelo (georgisch: Georgien)

In der Region des heutigen Georgiens entstanden die ersten Staatengebilde im 4. Jahrhundert vor Christus. Vom 11. bis zum 13 Jahrhundert entwickelten sie sich zur stärksten Macht im Transkaukasus. Um sich der wachsenden Macht der Perser zu entziehen, wurde 1783 ein Schutzvertrag mit Russland geschlossen, auf den 1801 die Annexion erfolgte. (vgl. Quiring, 2016, S. 40.)

Darin lässt sich eine erste russische Einflussnahme auf die Kaukasusregion sehen. Das Zarenreich hatte die strategische Wichtigkeit Georgiens als Brücke zwischen Orient und Okzident, dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer sowie Europa und Asien erkannt. Doch die Georgier kämpften immer wieder um Selbstständigkeit.

Am 26. Mai 1918 wurde schließlich die Demokratische Republik Georgien ausgerufen. Während man am 7. Februar 1921 noch die völkerrechtliche Anerkennung Georgiens feierte, fielen bolschewistische Truppen ein. (vgl. Ammon, 2015, S. 209 f.) Georgien trat der Transkaukasischen Föderativen Sowjetrepublik bei.

1.2 Wer sind die Südosseten?

Die Südosseten sind ein eng mit den Iranern verflochtenes Volk, das sich im frühen Mittelalter in ihrer heutigen Region, südlich und nördlich des großen Kaukasus angesiedelt hat. (vgl. De Waal, 2010, S. 135.)

Zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert entwickelte sich das heutige Ossetische Volk. Die Osseten sind mehrheitlich christlich-orthodox und blieben dem Zaren gegenüber loyal. Im Südkaukasus treten die Osseten für mehr Selbstbestimmungsrechte gegenüber den Georgiern ein. Sie wurden von Restgeorgien lange isoliert. Georgien argumentierte, dass es durch den großen Kaukasus eine natürliche Grenze gebe, und demzufolge Südossetien zur Gänze auf georgischem Territorium liege. Die Südosseten seien zudem erst im 17. Jahrhundert als Gäste in diese Region gekommen. (vgl. König, 2018, S. 138 f.)

Im März 1918 weigerten sich die Südosseten, der damaligen Demokratischen Republik Georgien beizutreten. Damals meinten sie, sie fühlten sich eher ihren iranischen Stammesbrüdern im Norden als Tiflis verbunden. Die Menschewiki in Tiflis stellten eine Garde auf und schlugen den ossetischen Aufstand blutig nieder. Die Bolschewiken machten sich diese Situation zunutze, und brachten die Südosseten gegen die Georgier auf. (vgl. Ammon, 2015, S. 203 f.)

Diese Gewaltanwendung seitens der Regierung in Tiflis hatten die Südosseten bis in die 1980er Jahre hinein nicht vergessen. Die Georgier behaupteten, dass es bei diesen Konflikten nicht um die Völker, sondern um politische Differenzen zwischen Bolschewiki und Menschewiki gegangen sei.

1.3 Wer sind die Abchasen?

Schon seit der Antike bildet die Region Abchasien einen Durchzugsraum zwischen dem Kaukasus und der Schwarzmeerküste. Im 8. Jahrhundert entstand in dieser Region ein abchasisches Königreich, welches sich 989 mit dem georgischen vereinte. 1810 wurde Abchasien Teil des Zarenreichs. (vgl. Gruska, 2018, S. 112.)

1866 und 1877 kam es zu Aufständen in Abchasien. In Folge der Kaukasuskriege emigrierten hunderttausende Abchasen ins Osmanische Reich und machten die Hinterbliebenen zu einer Minderheit im eigenen Land. (vgl. Schmidt, 2009, S. 103.)

Bis zum Zerfall des Zarenreichs 1917 war Abchasien ein Teil des russischen Reiches. 1918 fand ein bolschewistischer Aufstand statt, welcher von den georgischen Menschewiki niedergeschlagen wurde, woraufhin Abchasien von Georgien annektiert wurde. Erst durch die sowjetische Eroberung Georgiens 1921 wurde neben der Sozialistischen Sowjetrepublik Georgien zusätzlich eine Sowjetrepublik Abchasien gegründet. (vgl. Gruska, 2018, S. 112 f.)

Die Abchasen wollten seit den Georgisch-Abchasischen Auseinandersetzungen von 1918 nichts mehr mit den Georgiern zu tun haben und berufen sich seitdem auf ihre Selbstständigkeit als unabhängige Republik Abchasien.

Von der sowjetischen Eingliederung Georgiens 1921 bis zum Ende der 1980er Jahre wurden die Konflikte in Südossetien und in Abchasien durch die Sowjetherrschaft weitgehend unterdrückt. Erst als die Tage der Sowjetunion gezählt waren, konnten diese alten Konflikte wieder an die Oberfläche kommen. In Georgien war derweilen der Nationalismus geweckt worden. Die Georgier plädierten von nun an offiziell für die Unabhängigkeit von der Sowjetunion. Die Gallionsfigur dieser Bewegung war Swiad Gamsachurdia. Unter ihm sollte Georgien nicht nur seine Unabhängigkeit wiedererlangen, sondern auch alte Wunden, betreffend die sezessionistischen Provinzen Abchasien und Südossetien, die bereits in der Vorsowjetzeit entstanden sind, wieder aufbrechen.

2. Georgia First-Gamsachurdias Nationalismus

Schon zu Beginn der 1970er Jahre entstanden erste Unabhängigkeitsbewegungen in der gesamten Sowjetunion. Im Herbst 1988 entstand endgültig eine nationale Massenbewegung, die den sowjetischen Einfluss ablehnte. Nach einer Demonstration in der Stadt Lykhny, worin die Abchasen die Abtrennung Abchasiens von Georgien forderten, kam es zu einer regelrechten Protestwelle im Kernland Georgiens, geführt von zwei Regierungskritikern Merab Kostava und Swiad Gamsachurdia. Sie kritisierten Moskaus Unterstützung der Demonstrationen.

Swiad Gamsachurdia war während der 1950er und 1960er Jahre ein bekannter Menschenrechtsaktivist. Vom Westen wurde sein Nationalismus als Anti-Sowjet-Bewegung hochgepriesen. Tatsächlich war er ein nationalistischer Populist. (vgl. Jones, 2015, S. 54 f.)

„Down with Russian imperialism“ (zitiert nach De Waal, 2010, S. 132.) war der Schlachtruf der im Frühling 1989 stattfindenden Anti-Russland-Demonstrationen auf der Rustaveli-Avenue in Tiflis, die von Kostava und Gamsachurdia geleitet wurden. In der Nacht von 8. auf 9. April wurden diese Proteste durch die Rote Armee beendet. Im November 1989 verurteilte der georgische oberste Gerichtshof die Annexion Georgiens durch die Sowjetunion im Jahr 1921 als völkerrechtswidrig. Es kam zu Neuwahlen. Gamsachurdia, der grundsätzlich Minderheiten gegenüber sehr kritisch eingestellt war, forderte eine Reform des Wahlrechts. (vgl. De Waal, 2010, S. 132 f.)

Dadurch sollten Randgruppen, wie etwa Osseten und Abchasen aber auch Armenier und Aserbeidschaner von der Wahl ausgeschlossen werden, da sie nicht in ganz Georgien vertreten waren.

Gamsachurdia konnte die Wahlen mit deutlichem Vorsprung gewinnen und erklärte am 9. April 1991 die Unabhängigkeit Georgiens. Abchasien und Südossetien werden in der Unabhängigkeitserklärung nur indirekt mit dem Satz: „The territory of the sovereign Republic of Georgia is united and indivisible“ (zitiert nach De Waal, 2010, S. 134.) erwähnt.

2.1 Swiad Gamsachurdia

Gamsachurdia sah sich selbst als Nachfolger der ehemaligen georgischen Könige, die keine Minderheiten duldeten. Er glaubte an eine halbmythische, reinrassige Vergangenheit der Georgier und wollte Georgien den Georgiern zurückgeben. Gamsachurdia wollte verlorene Traditionen durch nationale Symbole, Festivals, georgische Straßennamen und die Glorifizierung der georgischen Sprache wiederherstellen.

„Gamsachurdias Regime, like that of emporer Louis Napeoleon was governed with political consent, elections, and referenda – but it was backpacked by populist ideas and nondemocratic structures.“ (Jones, 2015, S. 54.)

2.2 Südossetien

Gegen Ende der 1980er Jahre hatte sich eine nationale Bewegung in Südossetien formiert. Die Südosseten fühlten sich nicht dem georgischen Staat zugehörig und fordern ihre Souveränität. Die Georgier wollten das nicht akzeptieren.

Im August 1989 spitzte sich die Situation zu, als die Führung in Tiflis die georgische Sprache per Gesetz zur alleinigen Amtssprache der gesamten georgischen SSR machen wollte. Daraufhin erklärten die Südosseten am 20. September 1990 ihre Unabhängigkeit und boykottierten die georgischen Parlamentswahlen. Im Jänner 1991 kam es wegen des Zerfalls der Sowjetunion zu einem gewaltsamen Konflikt um Südossetien. Georgische Nationalisten besetzten die südossetische Hauptstadt Zchinwali. (vgl. König, 2018, S. 141.)

Die humanitäre Situation war katastrophal und wird von Meda, einer georgischen Frau aus Kemerti, einem Dorf nördlich von Zchinwali wie folgt beschrieben:

„We have no groceries, no food, and no way to bring goods in. There is only one road to Tskinvali, and soldiers shoot along it. To get food we have to go fifteen kilometers through thick woods, and it’s dangerous“ (zitiert nach De Waal, 2010, S. 141.)

Unter dem Vorwand, der Bevölkerung zu helfen, schickte Moskau fünfhundert Soldaten des sowjetischen Innenministeriums, die bis zu ihrem Abzug 1992 für die südossetische Seite eingriffen. (vgl. König, 2004, S. 5.)

Am 29. Mai 1992 erklärten die Südosseten erneut ihre Unabhängigkeit von Georgien. Es kam zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen paramilitärischen Verbänden beider Konfliktparteien, wodurch gewaltige Flüchtlingsströme ausgelöst wurden.

2.3 Aufstände in Abchasien

Auch die Abchasen wollten sich nicht in den Staat Georgien eingliedern. Forderungen nach größerer Souveränität innerhalb Georgiens wurden von Tiflis abgelehnt. Daraufhin kam es zu ethnischer Diskriminierung von Georgiern in Abchasien.

Am 25. August 1990 verabschiedeten die Abchasen eine „Deklaration über die Souveränität der Abchasischen SSR“ (Auch, 2004, S. 10), um Abchasien als Unionsrepublik innerhalb der UdSSR wiederherzustellen. Gleichzeitig kamen eine antigeorgische Stimmung und der Wunsch nach einer Regelung durch die UdSSR auf. In Tiflis wurden diese Entwicklungen als Bedrohung der georgischen Souveränität gesehen. Mit dem Sieg Gamsachurdias bei den Wahlen 1990 radikalisierten sich die Forderungen der Georgier. Abchasien sei ihrer Meinung nach Georgien. (vgl. Auch, 2004, S. 10 f.)

Gamsachurdia sollte es nicht mehr gelingen, diese aufkommenden Konflikte zu deeskalieren. Denn auch innenpolitisch hatten sich einige Georgier gegen ihn gestellt.

2.4 Georgier gegen Georgier-der Bürgerkrieg

Im August 1991 kam es zum Wendepunkt der politischen Karriere Gamsachurdias. Der ehemalige Kommandant seiner Garde, Tengiz Kitowani lehnte sich gegen Gamsachurdia auf. Darauffolgende Demonstrationen der Opposition wurden von georgischen Polizisten und Militärs niedergeschlagen.

„For Georgians, after so many imagined decades of solidarity against the distant colonial center, this was traumatic. Georgians were firing on Georgians.“ (Jones, 2015, S. 69.)

Am 21. September kam es während einer Rede Gamsachurdias zu einem blutigen Zusammenstoß zwischen Gamsachurdias und Kostavas Anhängern. Es gelang der Opposition, Gamsachurdia zu stürzen. Am 6. Jänner 1992 floh er aus Georgien. (vgl. Jones, 2015, S. 70.)

Gamsachurdia sollte aber beim georgischen GUS-Beitritt noch eine entscheidende Rolle spielen.

„The first popularly elected non-communist president in Georgia’s history became the first ex-president after 15 months in power. That such a small and disorganized force of students, opportunists, military volunteers and ex-cons could overthrow the president revealed how shallow Gamsakhurdia’s authority had become.“ (Jones, 2015, S. 71.)

Zurück blieb ein zerrütteter und vom Bürgerkrieg geprägter, nicht lebensfähiger Failed-State. Dieser wurde von den Milizen Kitowanis, Iossellianis und anderer Kriegsherren kontrolliert.

3. Ein Sowjet wird Präsident: Schewardnadse

„Everything is in ruins…we must roll up our sleeves and work to get things done.“ (zit. n. Jones, 2015, S. 75.)

Diese Worte sprach der spätere georgische Präsident und ehemalige sowjetische Außenminister Eduard Schewardnadse bei seiner Ankunft in Georgien, am 7. März 1992. In einer darauffolgenden direkten Präsidentschaftswahl wurde er mit 72,9% der Stimmen zum georgischen Staatsoberhaupt gewählt. (vgl. Jones, 2015, S.75 f.)

Schewardnadse wurde eingeladen, um den Sturz Gamsachurdias nach außen zu legitimieren. Ioseliani und Kitowani spekulierten darauf, dass sein guter internationaler Ruf Georgien dienen könnte und zu besseren Beziehungen mit dem Westen und mit Russland verhelfen könnte. Wurde er offiziell ins Land geholt, um Georgien zu demokratisieren, schien er doch eher als ideale Marionette Kitowanis und Iossellianis. Doch sie sollten sich noch in ihm täuschen. Er übernahm bald schon die Macht und setzte sich gegen Kitowani und Iosseliani durch.

3.1 Die Probleme Georgiens

Der junge Staat Georgien stand vor einem Bürgerkrieg mit den abtrünnigen Regionen Südossetien und Abchasien. Die Georgier konnten ihre Grenzen nur unzureichend schützen. Innenpolitisch war Georgien keineswegs ein Vorbild: Korruption war allgegenwärtig und die Kriminalitätsrate drohte zu explodieren. Außenpolitisch trat Schewardnadse dafür ein, mit den Russen zu kommunizieren und ausländische Investoren anzulocken. Aber auch in den russischen Kreisen war man nicht gut auf Schewardnadse zu sprechen, da man ihm eine Mitschuld am Untergang der Sowjetunion gab. (vgl. Jones, 2015, S. 77 f.)

3.2 Es geht wieder bergauf im Kaukasus

Bereits während seiner ersten 100 Tage im Amt konnte Schewardnadse einige Erfolge verbuchen. Es gelang ihm eine Delegation der Weltbank und des IWF nach Tiflis zu holen. (vgl. Schewardnadse, 2007, S. 249.)

Während eines Besuches des deutschen Außenministers Hans-Dietrich Genscher im April 1992 wurde den Georgiern die Unantastbarkeit ihrer Grenzen zugesichert. Durch die Aufnahme wirtschaftlicher und diplomatischer Beziehungen zu Deutschland konnte Georgien einen zuverlässigen Partner gewinnen. Humanitäre Hilfe begann in Georgien einzutreffen. (vgl. Schewardnadse 2007, S. 251f.)

Im August 1992 wurde der noch aus der Gamsachurdia-Zeit stammende Ausnahmezustand aufgehoben. Es gab einige produktive Treffen zwischen Schewardnadse und dem russischen Präsidenten Boris Jelzin, im Rahmen derer eine Waffenruhe für die abtrünnige Provinz Südossetien beschlossen wurde. (vgl. Jones, 2015, S. 84.)

1993 war ein außenpolitisch höchst erfolgreiches Jahr. Am 23. März wurde Georgien von der damaligen EWG (heute: EU) anerkannt, im Juli desselben Jahres wurde ein georgisch-türkischer Freundschaftsvertrag unterzeichnet. Georgien wurde als das 179. Mitglied der UN anerkannt. (vgl. Jones, 2015, S. 85.)

Auch wichtige Wirtschaftsreformen wurden endlich ernsthaft in Angriff genommen. Zwischen 1992 und 1995 gab es einige Liberalisierungswellen in der georgischen Wirtschaft, um endlich wirtschaftlichen Fortschritt zu ermöglichen.

Preise wurden dem Markt überlassen, Unternehmen privatisiert, das Steuer- und Bankensystem verbessert und eine neue Währung, der Cupon wurde eingeführt, um unabhängiger vom russischen Rubel zu werden. Die Hyperinflation wurde unter Kontrolle gebracht. (vgl. Jones, 2015, S. 92 f.)

Doch es ging nicht wirklich voran. Viele nichtwirtschaftliche Faktoren trugen maßgeblich zur ungünstigen Situation in Georgien bei.

Durch den Krieg in Abchasien waren wichtige Handelsrouten blockiert. Außerdem wurde die Versorgung mit Öl und Gas beeinträchtigt. 250.000 verarmte Binnenflüchtlinge, die Abwanderung der Jugend und zunehmende Kriminalität waren weitere Probleme, mit welchen das junge Georgien zu kämpfen hatte. (vgl. Jones, 2015, S. 94.)

Schewardnadses Regierungsstil entwickelte sich zunehmend autoritär. Die versprochene Demokratisierung geriet mehr in den Hintergrund.

3.3 Blut auf den Straßen Sochumi und Zchinwalis

Russland benutzte die sezessionistischen Regierungen in den Gebieten Südossetien und Abchasien, um Georgien dadurch zu destabilisieren und dadurch in seiner Abhängigkeit zu halten. Unter der Regentschaft von Schewardnadses Vorgänger Gamsachurdia verschärfte sich der Konflikt in der separatistischen Provinz Südossetien. Dieser Konflikt mündete in einen Krieg zwischen Georgien und Südossetien, mit dessen Aufarbeitung Schewardnadse nun beschäftigt war.

Etwa 1000 Menschen fielen im Konflikt von 1991/92 in Südossetien. Erst durch die Machtergreifung Schewardnadses fanden die Konfliktparteien an den Verhandlungstisch zurück. (vgl. König, 2018, S. 141.)

Südosseten und Georgier sahen ein, dass eine friedliche Lage wiederhergestellt werden musste. Dies könne nur durch diplomatische Gespräche unter Miteinbeziehung Russlands funktionieren.

Am 10. Juni 1992 unterzeichneten Schewardnadse und der russische Präsident Boris Jelzin das Sotchi-Abkommen, in welchem eine gemeinsame Friedenstruppe, die JPKF (Joint Peacekeeping Forces) vorgesehen war. (vgl. König, 2018, S. 142 f.)

Aus georgischer Sicht waren die Russen keineswegs neutrale Vermittler, da sie bereits aktiv auf Seiten der Südosseten eingriffen hatten. Daher konnte eine essenzielle Konfliktursache, nämlich die Unterstützung Russlands der abtrünnigen Provinzen nicht beseitigt werden. Immerhin war vorgesehen, dass russische Truppen georgisches Territorium räumen mussten.

Zwischen 1996 und 1998 fanden regelmäßig konstruktive Treffen zwischen dem georgischen Präsidenten Schewardnadse und dem Vertreter der Südosseten statt. Trotzdem blühte der Schmuggel durch den Roki-Tunnel, der Nordossetien mit Südossetien verband. Der Schmuggel stellte eine rentable Einnahmequelle dar, weshalb nicht wirklich alle beteiligten Konfliktparteien an einer Lösung des Konfliktes interessiert waren. (vgl. König, 2004, S. 8.)

2001 wurde Eduard Kokoity zum Präsidenten Südossetiens gewählt. Er wählte einen härteren Kurs gegenüber den Georgiern. (vgl. König, 2004, S. 11.)

Auch in Abchasien begann sich um 1992 die Situation hochzuschaukeln. In Sochumi, der Hauptstadt Abchasiens, kam es zu einem Verfassungskonflikt über den zukünftigen Status der autonomen Republik. Die Abchasen wollten direkt unter russische Verwaltung gestellt werden. Unter dem Vorwand, Terrorismus zu bekämpfen und Sezessionsbestrebungen einzudämmen, marschierten Truppen der Georgier in Sochumi ein.

Diese waren in Wahrheit paramilitärische Gruppen, deren Entwaffnung Schewardnadse nach seiner Machtergreifung verabsäumt hatte. Mit Teilen dieser Gruppen marschierte Kitowani im August 1992 in Abchasiens Hauptstadt Sochumi ein und entmachtete das Parlament. Schewardnadse übernahm die politische Verantwortung dafür. (vgl. Gruska, 2018, S. 115.)

Schewardnadse forderte die NATO auf, sich in Abchasien einzumischen. In Moskau wurde diese Aufforderung als Provokation gesehen. Von da an änderte sich die russiche Haltung im Abchasienkonflikt grundlegend. Die in Abchasien stationierten russischen Truppen griffen nun aktiv auf der Seite Abchasiens ein.

Im Oktober 1993 hatte sich der Kriegsverlauf zu Gunsten der Abchasen verändert. Die Georgier wurden immer stärker zurückgedrängt. Es kam im Mai 1994 zu einem Waffenstillstandsabkommen. (vgl. Gruska, 2018, S. 115.)

Gamsachurdia sah seine Chance wiedergekommen, sich an die Macht zu kämpfen. Schewardnadse konnte nur mit russischer Unterstützung den Wiederaufstieg Gamsachurdias verhindern. Als Gegenleistung musste Georgien der GUS beitreten, wodurch Schewardnadse weite Zustimmung in der Bevölkerung verlor. Außerdem wurden russische Truppen in Georgien stationiert. Die Russen waren die großen Kriegsgewinner im Abchasienkonflikt. Sie schafften es, Schewardnadses Georgien klein zu halten und ihren Einfluss in diesem wichtigen Teil der Schwarzmeerküste zu vergrößern.

„Die ungelöste Abchasienfrage wurde von Russland benutzt, um Georgien zu einer engeren politischen und militärischen Zusammenarbeit zu zwingen.“ (Manutscharjan, 2009, S. 97.)

Für Georgien hatte dieser Krieg jedoch katastrophale Folgen. Die Bevölkerung in Abchasien war dadurch noch stärker anti-georgisch eingestellt.

1994 änderte sich die russische Einstellung gegenüber Georgien. Unabhängigkeitsbestrebungen in der Region Tschetschenien öffneten dem russischen Präsidenten Boris Jelzin die Augen und er konnte Schewardnadses Bedürfnis, die separatistischen Provinzen zu reintegrieren nachvollziehen. Im Mai 1994 kam es daher zu einem Friedensvertrag zwischen den Russen und Georgiern, in dem demilitarisierte Zonen um die separatistischen Regionen eingerichtet wurden, welche von 2 500 GUS-Soldaten und 136 UN-Berichterstattern überwacht werden sollten. (vgl. Rayfield, 2012, S. 386.)

Im Jahr 2001 erlebten die Abchasen einen neuen Aufstand. (vgl. De Waal, 2010, S. 198 f.)

Im Kodori Tal bildete sich eine gemischte Gruppe aus georgischen Kriegern und anderen Kaukasen, welche Städte in Abchasien angriffen. Die georgische Regierung bestritt Zusammenhänge, dennoch hatte das Vertrauen der abchasischen Bevölkerung gegenüber der georgischen Regierung weiter abgenommen.

[...]

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Details

Titel
Was waren die Gründe für den Kaukasuskrieg 2008? Hintergründe zum Konflikt zwischen Georgien und Russland
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
34
Katalognummer
V490587
ISBN (eBook)
9783668976641
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Georgien, Kaukasus, Russland, Ukraine, Kaukasuskrieg, Krieg, Kaukasuskrieh2008, 2008, gamsachurdia, iwanischwili, saakaschwili, schewardnadse
Arbeit zitieren
Moritz Ritter (Autor), 2018, Was waren die Gründe für den Kaukasuskrieg 2008? Hintergründe zum Konflikt zwischen Georgien und Russland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/490587

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