Kafka: Das Schweigen der Sirenen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

24 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

1. Inhaltsverzeichnis

2. Einleitung

3. Die Macht des Gesangs und die Macht des Schweigens
3.1 Die Sirenen bei Homer: Ein Text über die Macht des Gesangs Kafka – Das Schweigen der Sirenen:
3.2. Die Macht des Schweigens im Vergleich zur Macht des Gesangs

4. Mythische Sirenen
4.1. Definition von Sirenen
4.2. Definition von Sirenengesang

5. Interpretation
5.1 Das Machtverhältnis zwischen Odysseus und den Sirenen bei Homer
5.2 Das Machtverhältnis zwischen Odysseus und den Sirenen bei Kafka

6. Literaturverzeichnis

2. Einleitung

Die Stimme ist unser wichtigstes Kommunikationsmittel. Mit Hilfe der Stimme können wir direkt oder indirekt miteinander kommunizieren, denn sie ist die Basis für Sprache als primäre Oralität. Stimme kann Emotionen ausdrücken, Wissen tradieren und ist als direkte Relation von Gefühlsausdrücken auch Träger der Seele des Menschen. Gerade deshalb kann uns die Stimme aber auch betören. Nicht umsonst ist die Musikindustrie eine der größten Branchen, nicht umsonst strömen Massen in Musicals, Konzerte, oder Opern. Eine wohlklingende Stimme, ein schöner Gesang übt eine große Faszination aus. Jeder kennt die Situation, wenn einem eine Gänsehaut über den Rücken läuft oder man zu Tränen gerührt ist, bloß, weil man ein bezaubernd schönes Gesangstück gehört hat.

Auch in die Literatur hat die Stimme und der damit verbundene Gesang Einzug gefunden. Literarische Werke wie Goethes „Der Fischer“ oder Heinrich Heines „Loreley“ haben die Stimme und ihre Macht zum Thema. Von der Antike bis hin zur heutigen Zeit taucht das Phänomen der Stimme immer wieder in Texten auf und wird unter verschiedenen Aspekten betrachtet. Dabei befassen sich Autoren aber nicht immer nur mit Stimme als direktes Kommunikationsmittel oder Sangesstück einer spezifischen Person. Oft geht es um die Präsenz einer körperlosen Stimme, die fast immer weiblich konuntiert ist und eine Verlockung darstellt. Eine Verlockung ohne Körperlichkeit, nur über den Klang der Stimme, ist auch der Fokus des homerischen Odysseus Abenteuers, das wiederum als Vorlage für Franz Kafkas Text „Das Schweigen der Sirenen“ diente. Umso verblüffender ist es, dass bei Kafka die Hauptthematik nicht der Gesang selbst ist, sondern vielmehr die Abwesenheit dessen. Während die homerischen Sirenen singen und mit ihrem Gesang Odysseus bezwingen wollen, nutzen Kafkas Sirenen das „nicht – Einsetzen“ ihrer Stimme als Waffe. Inwiefern diese Stille und das Schweigen Macht ausüben kann, und ob die Abwesenheit des Gesangs sogar machtvoller sein kann, als der Gesang selbst, soll in dieser Arbeit untersucht werden.

Dass das Schweigen vielmehr als nur die Abwesenheit von Geräuschen ist, soll die Untersuchung des Kafka Textes und die anschließende Interpretation zeigen. Dazu wird hauptsächlich die Literatur von Wolf Kittler, Norbert Rath, Günter Samuel und Dietrich Krusche verwendet, die sich jeweils mit Kafkas „Das Schweigen der Sirenen“ beschäftigt haben. Um den Sirenenmythos als solchen zu untersuchen benutze ich die Literatur von Sabine Wedner, Heinz Politzer und Maurice Blanchot, die sich näher mit dem homerischen Mythos befassen. Der wichtigste Aspekt des Sirenenmythos ist der Gesang der Sirenen, der die Macht dieser darstellt. Aus diesem Grund soll in der Arbeit Gesang als solcher definiert werden, um zu klären, warum dieser überhaupt eine Verlockung darstellt und weshalb gerade der Sirenengesang eine solche Versuchung ist. Die Stimme als weiblich konuntierte Verführung in Form von Sirenen wirft die Frage auf, on eine Sirene überhaupt ein weibliches Wesen ist. Hierzu ist es notwendig, das Wesen „Sirene“ zu definieren. Für die Definitionen von Gesang wird das Lexikon der Kunst, das Lexikon der griechisch- und römischen Mythologie sowie der neue Pauly herangezogen werden.

In der homerischen Version und in der Kafka Version ist das Verhältnis von Macht und Stimme unbestritten. Am Ende der Arbeit soll dieses Machtverhältnis genauer untersucht werden. Die An- oder Abwesenheit des Sirenengesanges und der Sieg oder die Niederlage des Odysseus über die Sirenen und damit über die Verführung in Form des Gesangs soll näher untersucht werden, um zu klären, welche Macht der Gesang hat und inwieweit sich diese Machtposition im Kafka-Text und in der Odysseus-Version gleicht oder verändert.

3. Die Macht des Gesangs und die Macht des Schweigens

3.1 Die Sirenen bei Homer: Ein Text über die Macht des Gesangs

„Homer ist der erste Dichter des europäischen Kulturkreises, von dem vollständige Werke größeren Umfangs stammen, die seit ihrer Entstehung vor ca. 2700 Jahren kontinuierlich in der gesamten europäischen Welt rezipiert wurden und die Kulturentwicklungen bis heute offen und latent beeinflusst haben.“[1]

Das Sireneabenteuer hat die „Überwindung mythischer Gewalt“ zum Thema.[2]

Das Sirenenabenteuer des Odysseus handelt von der Seefahrt des Odysseus und seiner Mannschaft bei der sie an einer Insel vorbeikommen, auf der zwei Sirenen hausen, die durch ihren Gesang Seeleute anlocken und so ein Kentern der Schiffe auf den Felsenriffen der Insel verursachen.

Odysseus, aufgeklärt und vorgewarnt durch göttlichen Beistand von Kirke, will die Sireneninsel unbeschadet passieren. Die Insel, auf der die Sirenen leben wird als sehr idyllisch beschrieben. Das Szenario wirkt anfangs als ruhige Landschaft, mit einer „blumige[n] Wiese“[3]. Im scharfen Gegensatz zu dieser idyllischen Atmosphäre stehen die Knochen, „von vermodernden Männern“[4], die überall auf der Insel der Sirenen verteilt sind.

Da der Gesang der Sirenen, einmal vernommen, eine unüberwindbare Macht auf den Hörenden ausübt, was im Kapitel 4.2 noch genauer definiert wird, kann das Passieren der Insel nur gelingen, wenn der Gesang nicht vernommen wird.

Odysseus jedoch, will die Gefahr, die von den Sirenen ausgeht, nicht nur überwinden, indem er die Insel zu passieren vermag, vielmehr will er trotz allem in den Genuss des als göttlich beschriebenen Gesanges gelangen, ohne Schaden davon zu tragen. Zu diesem Zweck stopft Odysseus seinen Gefährten Wachs in die Ohren, so dass diese den verlockenden Gesang der Sirenen erst gar nicht vernähmen und lässt sich selbst an den Mast fesseln, um „sich am Anblick [und am Gesang] der Sirenen ohne Risiko zu weiden [...].[5]

Die Sirenen verkörpern die „fatalen Stimmen, auf die man nicht hören soll“[6] und die eine Bedrohung für den Menschen als solchen Darstellen, da sie symbolisch für die teuflischen Verführungen stehen, denen sich der Mensch zu entziehen versucht. Deutlich wird dies auch durch die Figur des Odysseus, der sich an den Mast binden lässt und dort eine ähnliche Position wie Christus am Kreuz einnimmt. Odysseus entgeht dieser fast diabolischen Verführung jedoch nicht, indem er sie überwindet, vielmehr kommt er in den Genuss dieser Verführung, ohne ihr jedoch wirklich zu unterliegen. Odysseus lässt sich vom Gesang der Sirenen verführen und entgeht gleichzeitig dessen tödlicher Wirkung. Durch das Anbinden an den Mast und den Auftrag an die Gefährten, ihn noch fester anzubinden, falls er um Befreiung bettelt, kann Odysseus dem Gesang der Sirenen lauschen, ohne ihnen zu unterliegen. Dadurch nimmt er außerdem eine übergeordnete Position gegenüber seiner Mitfahrer ein, die gezwungen sind, Wachs zu benutzen und somit den Sirenengesang nicht vernehmen. Diese Situation wirkt dennoch bizarr, wenn man bedenkt, dass der Anführer einer Mannschaft als einziger eine gefesselte und geknebelte, fast schon devote Position am Mast einnimmt und sich „auf lächerliche Art verzerrt und windet und ekstatische Fratzen ins Leere schneidet.“[7] Die übergeordnet Position des Odysseus als einziger, der den Gesang vernehmen darf, scheint auf perfide Weise verdreht zu sein, da er nun der Gunst seiner Gefährten ausgesetzt ist, die die „Genugtuung [haben], daß sie ihren Herrn bändigen dürfen.“[8]

Obwohl Odysseus scheinbar eine untergeordnete Rolle einnimmt, wird diese Symbolik durch die Tatsache aufgelöst, dass Odysseus als einziger der Segelmannschaft den Gesang der Sirenen vernehmen darf. Anstatt nur einige wenige abzustellen, um das Schiff zu navigieren, und so viele Gefährten wie möglich in den Genuss des Sirenegesangs kommen zu lassen, ist Odysseus allein dazu befugt, den göttlichen Gesang zu hören. Mehr noch, Odysseus wird von der Göttin Kirke direkt dazu aufgefordert, die Sirenen zu überwinden und trotz alledem ihren Gesang zu hören.

Bei Homer heißt es:

„[...] du selbst magst hören, wenn du es wünschest. Aber sie sollen im schnellen Schiff mit Händen und Füßen aufrecht dich an den Mastschuh binden, mit Tauen umwunden, daß du mit Freude hörst den Sang der beiden Sirenen.“[9]

Obwohl der Gesang der Sirenen eine riesige Macht ausübt, kann diese also überwunden werden, ohne vollkommen ungehört bleiben zu müssen. Odysseus scheint die Sirenen überwunden zu haben und hat, im Gegensatz zu seinen Mannschaftskameraden, den Gesang der Sirenen dennoch gehört und ist somit in den Genuss einer göttlichen Privileges gekommen.

Bemerkenswert ist jedoch, dass Odysseus gegen die Sirenen nicht aus eigener Kraft und List bestehen konnte, sondern durch das Vorwissen, dass er von der Göttin Kirke erhalten hat, diese Aktion durchführen konnte. Ohne die Aufklärung um die Gefahr, die von den Sirenen ausgeht, hätte Odysseus dieses Abenteuer nicht überstehen können. Die Gefahr des Gesangs liegt also in der großen Versuchung, der Verlockung nachzugeben und sich dieser vollends hinzugeben. Der Sieg des menschlichen Triebes über die menschliche Vernunft ist todbringend und muss um jeden Preis vermeiden werden.

Inwiefern Odysseus die Sirenen also tastsächlich überwunden oder besiegt hat, soll näher im Kapitel 5.1. erläutert werden.

[...]


[1] Cancik, Hubert: Der neue Pauly. Enzyklopädie der Antike. Stuttgart 2003, S. 686.

Vgl. hierzu auch: Wedner, Sabine: Tradition und Wandel im allegorischen Verständnis des Sirenenmythos. Ein Beitrag zur Rezeptionsgeschichte Homers. Frankfurt am Main, 1997, S.18: „Die homerischen Epen bezeichnen als Beginn der griechischen literarischen Überlieferung zugleich schon einen Höhepunkt Eminent ist ihr Einfluß auf die folgenden Generationen des gleichen Kulturkreises, und vielfältig sind ihre Rezeptionen [...]“.

[2] Samuel, Günter: Schrift-Körper in tonloser Fernsicht. Kafkas Sirenen-Text. In: Wirkendes Wort. Hrsg. Von. Heinz Rölleke. Bonn, 1990, S.50.

[3] Homer: Odyssee. Übersetzt, mit einem Nachwort und Register von Roland Hempe. Stuttgart 2004, S.198.

[4] Homer: Odyssee. Übersetzt, mit einem Nachwort und Register von Roland Hempe. Stuttgart 2004, S.194.

[5] Blanchot, Maurice: Der Gesang der Sirenen. Essays zur modernen Literatur. München, 1962, S. 13.

[6] Ebd. S. 12.

[7] Blanchot, Maurice: Der Gesang der Sirenen. Essays zur modernen Literatur. München, 1962, S. 13.

[8] Ebd. S. 13.

[9] Homer: Odyssee. Übersetzt, mit einem Nachwort und Register von Roland Hempe. Stuttgart 2004, S.194.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Kafka: Das Schweigen der Sirenen
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Hauptseminar: Fiktionen der Mündlichkeit. Zum Verhältnis von Stimme und Schrift
Note
2,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
24
Katalognummer
V49066
ISBN (eBook)
9783638456067
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Kafka, Schweigen, Sirenen, Hauptseminar, Fiktionen, Mündlichkeit, Verhältnis, Stimme, Schrift
Arbeit zitieren
Jennifer von Glahn (Autor), 2005, Kafka: Das Schweigen der Sirenen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49066

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