Die Académie Française. Eine Rollenanalyse der Sprachinstitution für die französische Gesellschaft des 17. Jahrhunderts


Hausarbeit, 2017
18 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historisch politischer Kontext bei der Gründung der Académie Française
2.1 Das 16. Jahrhundert
2.2 Das 17. Jahrhundert

3. Der Salon Académie
3.1 Ursprünge
3.2 Mitglieder

4. Die offizielle Gründung und zentrale Werke
4.1 Lettres patentes und Statuten
4.2 Zentrale Werke
4.2.1 Les Remarques sur la langue fançoise
4.2.2 Das Wörterbuch von 1694

5. Reaktionen auf die Académie Française

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Die französische Sprache ist das Juwel im kulturellen Erbe Frankreichs und soll es auch bleiben.“[1] Dieses Zitat spiegelt die Anschauung der Académie Française sowie das vorhandene Sprachbewusstsein in Frankreich wider. In der vorliegenden Arbeit werde ich die Ursprünge der berühmten Sprachinstitution, welche heute in Paris auf dem linken Seine-Ufer im Collège des Quatre-Nations ansässig ist[2], in den Blick nehmen und ihre Rolle für die französische Gesellschaft des 17. Jahrhunderts untersuchen.

Als das erste altfranzösische Dokument gilt die Straßburger Eide, ein juristischer Text, der am 14. Februar 842 erstmalig ausgesprochen wurde. Die Enkel Karls des Großen, Karl der Kahle sowie Ludwig der Deutsche kamen zusammen, um sich gegen ihren Bruder Lothar zu verbünden. Sie schworen den Eid jeweils einmal in ihrer Muttersprache und ein weiteres Mal entweder in Althochdeutsch oder in Altfranzösisch, damit das andere Herr sie verstehen konnte. Mit diesem Schwur führten die Brüder einen staatspolitischen Rechtsakt aus.[3] Die Sprache und Politik waren bereits im 9. Jahrhundert eng miteinander verwoben. Im Verlauf der französischen Geschichte kommt es immer wieder zu Ereignissen, bei denen die Politik Einfluss auf die Sprache nimmt. Dieser Aspekt wird sich ebenfalls in der Entstehungsgeschichte der Académie Française widerfinden.

Im zweiten Kapitel sollen zunächst die wichtigsten historisch politischen Ereignisse aus dem 16. und dem 17. Jahrhundert dargelegt werden, damit die Gründung der Académie in einem sprachgeschichtlichen Kontext eingegliedert werden kann. Das 16. Jahrhundert ist von Bedeutung, da die französische Sprache in dieser Epoche einen neuen Stellenwert erreichte. Darauffolgend wird vor allem auf die Funktion der Sprachpflege im Zeitalter des Absolutismus eingegangen sowie auf die Grundsätze François de Malherbes.

Im dritten Kapitel werden die Wurzeln der französischen Sprachinstitution untersucht. Es sollen einige Mitglieder aus Anfangszeiten vorgestellt werden. Weiterhin wird auf ein besonders herausragendes Mitglied eingegangen, welches die Académie maßgeblich geprägt hat.

Im vierten Kapitel soll zu Beginn die offizielle Gründung beleuchtet werden. Dazu dienen die Lettres patentes und die Statuten, welche das Selbstverständnis sowie die Aufgaben der Institution beinhalten. Des Weiteren werden zwei der wichtigsten Werke näher in den Blick genommen, die beide im 17. Jahrhundert veröffentlicht wurden.

Im fünften Kapitel wird die Meinung der Bevölkerung und Politik über die Académie hervorgehoben. Weiterhin soll im letzten Abschnitt auf die sprachlichen Kontrahenten, welche mit der Arbeit eines Mitglieds nicht einverstanden waren, eingegangen werden.

Im sechsten Kapitel werden alle zentralen Ergebnisse bezüglich der Rolle der Académie für die Gesellschaft des 17. Jahrhunderts zusammengefasst.

2. Historisch politischer Kontext bei der Gründung der Académie Française

2.1 Das 16. Jahrhundert

Frankreich genoss durch den König François I, in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, eine kulturelle Blütezeit. Dieser hat sehr viel zur Förderung der Sprache in Frankreich beigetragen. Der Höhepunkt seiner Bemühungen war der Édit de Villers-Cotterêts aus dem Jahr 1539, der dem Französischen den Status der alleinigen und offiziellen Amtssprache zuschreibt. Dieser Erlass spricht sich gegen das Latein als Urkunden- und Verwaltungssprache aus. Des Weiteren schloss der König die Minderheitssprachen aus, die zu seinem Herrschaftsgebiet gehörten.[4]

Dieser Fortschritt festigte in Frankreich den Gedanken eines Sprach- und Nationalbewusstseins und stellte die Gesellschaft vor das Problem der Question de la langue. Es wurde darüber diskutiert, ob das Französische, als romanische Volkssprache, oder das Lateinische die Schriftsprache der Religion, Literatur und Wissenschaften sein soll. Hier standen sich zwei Gruppen gegenüber. Zum einen vertraten die Humanisten die Meinung, dass das klassische Latein gefördert werden soll. Sie wollten die Sprache der Antike wiederaufleben lassen. Dieses taten sie, indem sie Werke im für sie wertvollen Latein verfassten. Die sogenannten volkssprachlichen Humanisten waren dagegen, denn sie wollten ihre Volkssprache, das Französische, weiterentwickeln.[5]

Ein zu dieser Zeit lebender bekannter volkssprachlicher Humanist ist Joachim du Bellay, der zusammen mit seinem Freund Pierre de Ronsard die Dichtergruppe La Pléiade gründete.[6] Im Jahr 1549 schrieb du Bellay das Manifest der Deffence et illustration de la langue françoise, in dem er die französische Sprache lobt und dazu aufruft diese weiterzuentwickeln. Er verteidigt das Französische gegenüber dem Lateinischen, obwohl das Französische bereits seit dem Jahr 1539 offizielle Amtssprache war.[7] Der Schriftsteller wollte sich Lehnwörter aus anderen Fremdsprachen, dem Lateinischen, Griechischen und Italienischen zunutze machen, um die französische Nationalsprache zu bereichern und zu modernisieren. Er bezog das Lateinische mit ein, um einen Fortschritt zu erzielen, sah das Französische jedoch als überlegen an.[8]

2.2 Das 17. Jahrhundert

Im Frankreich des 17. Jahrhunderts wurde vor allem innenpolitisch die Errichtung des Absolutismus vollendet.[9] Als Ausgangspunkt dafür lässt sich der Édit de Nantes nennen, mit dem König Henri IV im Jahr 1598 die blutigen Religionskriege beendete und den lang ersehnten Frieden für sein Land herbeiführte.[10] Er förderte ebenfalls die Wirtschaft im merkantilistischen Sinn, unterstützte den Seehandel sowie den Ackerbau und stellte die politische Ordnung wieder her.[11] Die Sprachpflege vertrat jedoch auch eine wichtige Funktion im Zeitalter des Absolutismus.

Im Jahr 1605 holte Henri IV François de Malherbe, als neuen Hofdichter, nach Paris und erteilte ihm den Auftrag, die Literatursprache auf den aktuellen Stand der neuen Zeit zu bringen. Malherbe, der kein Sprachgelehrter oder Wissenschaftler war, sondern ein homme de lettre[12], sollte die Qualität der französischen Schriftsprache verbessern und die Ergebnisse aus dem 16. Jahrhundert strukturieren.[13] Der Autor machte seine Kritik am Sprachgebrauch deutlich, indem er ein Gedicht seines Vorgängers Philippe Desportes, welcher ein Anhänger der Pléiade gewesen war, mit Randnotizen versah. Malherbe formulierte Schlagwörter für ein schönes Französisch: clarté, pureté, précision und élégance. Mit diesen Kriterien legte er den Grundstein für die Normierung der französischen Sprache. Zum einen war Malherbe mit der Arbeit der Pléiade nicht einverstanden und kritisierte die Ideen zur Dichtungssprache von du Bellay. Er war gegen den Sprachausbau mittels Entlehnungen aus anderen Sprachen und sprach somit ein Verbot von Neologismen aus. Bisher bekannte sprachliche Mittel reduzierte er auf das Nötigste und etablierte die hochangesehenen mots nobles in die Schriftsprache. Er tauschte sie gegen die umgangssprachlichen mots bas ein, die der Literatursprache, seiner Ansicht nach, nicht würdig waren.[14] So wurde zum Beispiel mourir durch trépasser ersetzt.[15] Weitere Maßnahmen der clarté betrafen das Versmaß und gaben zum Beispiel vor, dass Dichter den Partikel pas bei der Verneinung nicht mehr weglassen durften.[16]

Der Sprachkritiker arbeitete jedoch auch an der Reinhaltung der französischen Sprache und somit an der pureté. Er wollte die nicht anständigen und alltagsnahen Begriffe aus dem Wortschatz verbannen. Hierzu zählten zum Beispiel Ausdrücke wie poitrine, charogne oder hurler. Diese Wörter empfand Malherbe als unpoetisch und nicht angemessen für Konversationen in gehobenen Kreisen der Gesellschaft.[17]

Im Unterschied zum 16. Jahrhundert, in dem man die Sprache humanistisch im Sinne der Renaissance bereichern wollte, steht nun im 17. Jahrhundert die Klarheit sowie die Verständlichkeit im Vordergrund. Damit verbunden ist das Ideal des honnête homme, der sich als Einzelner im Gefüge der absoluten Monarchie behaupten- und den Regeln der bienséance nachkommen musste. Hierzu zählte, dass man in Gesprächen mit den Salondamen höheren Ranges keine griechischen oder lateinischen Ausrücke benutzen durfte, da sie diese, aufgrund ihrer mangelnden Bildung, wahrscheinlich nicht verstanden hätten. Der Mann durfte nicht unhöflich wirken und somit erforderten die gesellschaftlichen Strukturen eine Angleichung der Sprachverwendung, welche Malherbe mit seinen Vorschriften umsetzte.[18] Schon Boileau erkannte die wichtige Rolle Malherbes für die Entwicklung der Sprache und kommentierte sie, in seiner Art poétique, mit dem berühmten Ausruf: „Enfin Malherbe vint.“[19]

3. Der Salon Académie

3.1 Ursprünge

Im frühen 17. Jahrhundert schien sich ein neuer Trend zu entwickeln. Zum einen gab es die bereits genannten Salons, in denen man sich über Literatur und die sprachlichen Aktualitäten austauschte. Zum anderen formten sich auch in Paris private Kreise, wo gebildete Männer über die Sprache, das Theater und die Literatur diskutierten.[20]

Zu Beginn der 30er Jahre des 17. Jahrhunderts lebte der junge Autor Valentin Conrart in Paris, an der Ecke rue Saint-Martin und rue des Vieilles-Étuves. Er war ein reicher Bürger, der bald das Zentrum einer Zusammenkunft werden sollte, die man Le cercle Conrart nannte.[21] Der Kreis schloss sich aus circa zehn Mitgliedern zusammen, die alle eine höhere Position in der Gesellschaft vertraten. Sie hatten sich das Haus von Conrart ausgesucht, da es zentral in Paris lag und für jeden gut zu erreichen war.[22] Neben Conrart, der Sekretär einer königlichen Kanzlei war, gab es unteranderem noch Monsieur Chapelain, Sohn eines Notars, sowie Monsieur Godeau, der Cousin von Conrart, welcher später Bischof von Grasse wurde. Sie waren alle gens de lettres, wie es schon Malherbe gewesen war. Der Kreis traf sich ab dem Jahr 1629 mindestens einmal in der Woche, in familiärer Runde, um über die Fragen der Sprache, des guten Stils und des Ausdrucks zu diskutieren. Häufig brachten Mitglieder neu geschriebene Werke mit, welche vorgelesen und dann im Plenum besprochen wurden. Nach den Treffen gingen die Herren oft spazieren, unternahmen Ausflüge oder aßen etwas gemeinsam.[23]

Louis XIII war seit 1610 gesetzmäßiger König des französischen Staates. Mit Erreichen der Volljährigkeit übernahm dieser die Herrschaft und hatte seitdem Kardinal Richelieu als persönlichen Berater an seiner Seite, der für ihn die politischen Geschäfte führte. Richelieu wurde später zum Premierminister ernannt. Er festigte in Frankreich die absolute Monarchie.[24]

Der auf Macht fokussierte Kardinal spielte ebenfalls die zentrale Rolle im Gründungsprozess der Académie Française. Durch Erzählungen seines Vertrauten Boisrobert, der es wiederum von einem Bekannten gehört hatte, erfuhr Richelieu von den Treffen der sprachinteressierten Herren.[25] Der Kardinal war sehr literaturbegeistert, las viele Werke und besuchte gerne das Theater. Er liebte die französische Sprache und dachte sofort daran eine Académie zu gründen, da in den wichtigen Städten Italiens solche Institutionen bereits präsent waren. Richelieu trug Boisrobert auf den Herren des Literaturkreises auszurichten, dass er diesen fördern und rechtlich anerkennen lassen will. Die zehn Mitglieder waren zunächst nicht begeistert, da sie fürchteten, dass die offizielle Unterstützung durch des Königs Beraters ihre gemütliche Atmosphäre stören könnte. Nach längerer Diskussion im Plenum einigten sie sich jedoch darauf, Richelieus Wunsch zu folgen, um ihn nicht zu verärgern.[26] Der Wunsch von Richelieu, die Sprache und Kultur in das zentralistische Staatssystem miteinzubeziehen, war somit in Erfüllung gegangen. Die ehemalige lockere Zusammenkunft wurde mehr und mehr zu einer Institutionalisierung im Sinne der absolutistischen Kulturpolitik.[27]

[...]


[1] Klare (2011: 176).

[2] Vgl. Winckler (1995: 240).

[3] Vgl. Klare (2011: 52).

[4] Vgl. Klare (2011: 91-92).

[5] Vgl. Klare (2011: 92-93).

[6] Vgl. Huß (2014: 136).

[7] Vgl. Klare (2011: 94).

[8] Vgl. Klare (2011: 95).

[9] Vgl. Geckeler, Dietrich (2012: 236).

[10] Vgl. Grimm (2014: 151).

[11] Vgl. Geckeler, Dietrich (2012: 236-237).

[12] Vgl. Geckeler, Dietrich (2012: 239).

[13] Vgl. Klare (2011: 116).

[14] Vgl. Klare (2011: 118-119).

[15] Vgl. Klare (2011: 126).

[16] Vgl. Geckeler, Dietrich (2012: 239).

[17] Vgl. Geckeler, Dietrich (2012: 240).

[18] Vgl. Geckeler, Dietrich (2012: 237-238).

[19] Vgl. Schroeder (1996: 44).

[20] Vgl. Frey (2000: 7).

[21] Vgl. Bourgoin (1971: 29).

[22] Vgl. Bourgoin (1971: 30).

[23] Vgl. Frey (2000: 5-6).

[24] Vgl. Klare (2011:117).

[25] Vgl. Mönch (1972: 27).

[26] Vgl. Mönch (1972: 28).

[27] Vgl. Frey (2000: 7).

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Académie Française. Eine Rollenanalyse der Sprachinstitution für die französische Gesellschaft des 17. Jahrhunderts
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Romanistik)
Veranstaltung
Proseminar
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
18
Katalognummer
V492610
ISBN (eBook)
9783668985223
ISBN (Buch)
9783668985230
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Fazit auf Französisch
Schlagworte
académie, française, eine, rollenanalyse, sprachinstitution, gesellschaft, jahrhunderts
Arbeit zitieren
Sophia Linten (Autor), 2017, Die Académie Française. Eine Rollenanalyse der Sprachinstitution für die französische Gesellschaft des 17. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/492610

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Académie Française. Eine Rollenanalyse der Sprachinstitution für die französische Gesellschaft des  17. Jahrhunderts


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden