Über Lenins Revolutionstheorie


Diskussionsbeitrag / Streitschrift, 1989
45 Seiten

Leseprobe

Inhalt

EINLEITUNG

1. Engels über den bewaffneten Aufstand - eine Rechnung mit höchst unbestimmten Größen

2. Können Revolutionen gemacht werden?

3. Die Kernfrage der Revolution

4. Es gibt keinen Mittelweg

5. Die Zersetzung der alten Armee

6. Die Hauptaufgabe des Proletariats in der gewaltsamen Revolution

7. Von der Autorität

8. Waffenbesitz der unterdrückten Klasse

9. Das Vorliegen einer revolutionären Situation und einer gesamtnationalen Krise

10. Die größere Routine der gestürzten Ausbeuter im Militärwesen

11. Die Eroberung der Macht in Petrograd und zwei kleine Bemerkungen

ANMERKUNGEN.

Literaturliste

EINLEITUNG

„Wenn es Freiheit geben wird, wird es keinen Staat geben“. 1.

‚Lenins Revolutionstheorie‘ bewegt die Lohnsklavinnen und Lohnsklaven der ganzen Welt. Sie ist das Herzstück des Leninismus, denn sie zeigt den Weg für alle vom Kapital Geknechteten auf, dessen Joch abzuwerfen. Sie zeigt auf, dass selbst in allerdemokratischsten bürgerlichen Republiken Lohnsklaverei das Schicksal der Völker ist, dass diese Republiken sich bei näherer Betrachtung als Unterdrückungsmaschinen erweisen und dass in ihnen der Staat Unterdrückerstaat gegenüber den arbeitenden Massen bleibt. Das Kapital unterdrückt ja nicht nur die Lohntätigen, sondern ganze Völker. Wo wären heute diese Völker, in welcher Dunkelheit müssten sie darben, wenn nicht Lenin u. a. durch seine Imperialismusanalyse und durch sein bahnbrechendes Werk ‚Staat und Revolution‘, in dem er die Klärung der Machtfrage vor der Oktoberrevolution vornahm, die Pervertierung des Marxismus durch die Opportunisten in der Staatsfrage entlarvte und das Bewusstsein der breiten Massen mit dem unverfälschten Marxismus ausstattete, für das 20. Jahrhundert ff. Millionen Menschen den Weg gezeigt hätte, um die Höhle der Lohnsklaverei zu verlassen. Denn die vom Kapital unterdrückten und ausgesaugten Klassen haben nur im Proletariat als der einzig konsequent revolutionären Klasse ihre Avantgarde, es ist der Mittelpunkt aller Freiheitsbestrebungen aller anderen unterdrückten Klassen. „Während die Bourgeoisie die Bauernschaft und die kleinbürgerlichen Schichten zersplittert und zerstäubt, schließt sie das Proletariat zusammen, einigt und organisiert es. Nur das Proletariat ist - kraft seiner ökonomischen Rolle in der Großproduktion – fähig, der Führer aller werktätigen und ausgebeuteten Massen zu sein, die von der Bourgeoisie nicht weniger, sondern noch mehr ausgebeutet, geknechtet und unterdrückt werden, als die Proletarier, aber zu einem selbständigen Kampf um ihre Befreiung nicht fähig sind“. 2. Die proletarische Revolution ist die tiefste Revolution in der Geschichte der Menschheit und befreit diese von der Lohnsklaverei. So weit, so gut. Und doch haben wir die Eigenart vor uns, dass das 20. Jahrhundert, das mit der russischen Revolution von 1905 so verheißungsvoll begann, 1917 eine Weltenwende brachte, die Hoffnungen erweckte, die bis ungefähr 1925 ausstrahlten, ganz merkwürdig verlief, allen Theorien zuwider. Das Schlimmste in diesem Jahrhundert war, dass die Oktoberrevolution in den Metropolen Westeuropas folgenlos geblieben war. Insbesondere die Führer der westeuropäischen Arbeiterbewegung haben die Oktoberrevolution verraten, besonders der präfaschistische Menschenkehricht deutscher Sozialdemokraten. Diese perversen Noskes tragen bis heute die Hauptschuld, dass das 20. Jahrhundert zu einem Jahrhundert klassenspezifischer Organisierung von Gewalt entartete. Die Sonne der Weltrevolution ging 1925 unter und auf stieg der Mond des singulär-sowjetischen Sozialismus. Der Anarchist Victor Serge sprach von einer Sonnenfinsternis. Wie dem auch sei, ein Mond gibt uns weniger Licht als eine Sonne, aber immerhin Licht. Ab 1925 stand das 20. Jahrhundert im Mondschatten dieses Plans B und es passt zu diesem Jahrhundert, dass in ihm der erste Mensch den Mond betrat. Das Pendel der Emanzipation schlug nach Osten aus, somit schlug die weltgeschichtliche Stunde der bäuerlichen Millionenmassen in Russland und China, die politisch ganz klein anfingen, sich zunächst aus partisanenmäßigen Grundlagen entwickelten. Lenin hatte richtig erkannt, dass das Leben der Oktoberrevolution davon abhängt, ob der Schulterschluss zwischen dem urbanen Räteproletariat und den Dorfkomitees der armen Bauernschaft, die das Gros der Soldaten stellte, gelang? Das war der Fall. Auf dieser kollektiven Grundstruktur konnte der Sozialismus singulär aufgebaut werden, solange die Kette: Fabrik – Kaserne – Dorfsowjet, als Ausdruck einer Agrarrevolution, hielt.

Im Zentrum der Revolutionstheorie steht ohne Zweifel Lenins politisches Hauptwerk 'Staat und Revolution', das den Untertitel trägt: 'Die Lehre des Marxismus vom Staat und die Aufgaben des Proletariats in der Revolution‘, geschrieben im August und September 1917 zur Zerstörung bürgerlicher Ideologie, bürgerlicher Vorurteile und zur Aufklärung der Massen über das Wesen des bürgerlichen Staates und des proletarischen Halbstaates. Es enthält die revolutionären Aufgaben der fortschrittlichen Arbeiterklasse in allgemein-theoretischer Form und wurde zuerst veröffentlicht im Januar 1918 in Petrograd. Der Marxismus lebt und vibriert in der Spannung zwischen Staat und Revolution und die Vernachlässigung dieser Konfrontation in der Theorie hat noch immer zu einer Verflachung des Marxismus in der Praxis geführt. Der Opportunismus wollte ihr ausweichen, der linke Revolutionismus zu früh ins letzte Gefecht ziehen. „Der Staat ist ein zu ernstes Ding, um zu einer Harlekinade gemacht zu werden“, hatte Karl Marx auf der Treckschuit im März 1843 an Arnold Ruge geschrieben. 3. Konkreter werden Angaben zu revolutionären Aufgaben durch Direktiven militär-politischer und militär-technischer Art in einem Brief niedergelegt, den Lenin wenige Tage vor dem Oktoberumsturz an das ZK der SDAPR geschickt hatte und in Lenins Gesamtwerk unter dem Titel 'Marxismus und Aufstand' geführt wird. In diesem Brief werden Anweisungen zur Machteroberung speziell für die Kommunisten in der Metropole Petrograd, in ‚Pitjer‘, wie der Volksmund sagte, gegeben - eine Art Detailstudie, wenn man so will. Auch ist Lenins Schrift 'Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky' aus dem November 1918 heranzuziehen, in der auseinandergesetzt wird, warum das Proletariat nach einer erfolgreichen Revolution noch einen diktatorischen Machtapparat über die besiegten Ausbeuterklassen braucht. Ganz wesentliche Gedanken zum Vorhandensein einer revolutionären Situation befinden sich schließlich in Lenins Schrift: 'Der 'linke Radikalismus', die Kinderkrankheit im Kommunismus', die den oft nicht erwähnten, deshalb wenig bekannten Untertitel trägt: 'Versuch einer populären Darstellung der marxistischen Strategie und Taktik'. Aus seiner Polemik gegen die revolutionäre Ungeduld der 'linken Kommunisten', die viel mit der der Anarchisten gemein hat und die zum Überspringen von Stufen neigt, war Lenin angehalten, seinerseits darzulegen, wann denn in der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung eines Landes eine revolutionäre Situation und eine gesamtnationale Krise vorliegen. Das sind erstmal die vier wichtigsten Angaben, wo Elementares zu Lenins Revolutionstheorie zu finden ist. Aufgeworfen werden kann natürlich die Frage, ob nicht das Gesamtwerk Lenins von A – Z eine einzige Revolutionstheorie darstellt, auch sein philosophisches Hauptwerk ‚Materialismus und Empiriokritizismus‘ kann durchaus in diesen Vollzug eingeordnet werden. Das kann durchaus erweitert werden mit der Fragestellung, ob nicht der Theoriekomplex Marx-Engels-Lenin-Stalin eine einzige Revolutionstheorie darstellt?

Um nun der Leninschen Revolutionstheorie eine klare Fassung zu geben, ist es notwendig, eine Reihe langer Zitate anzuführen. Ich wollte sie auf Grund ihrer fundamentalen Bedeutung bis auf einige nicht eigenmächtig zusammenfassen und kürzen. Dafür bitte ich um Verständnis, ich denke aber, das Thema ist interessant genug, dass die Aufmerksamkeit wach bleibt. Hier liegt eine Thematik vor, bei der man sich alles einprägen, alles ins Gehirn brennen muss. Wenn wir über eine ökonomische Thematik brüten, so liegen uns die Bände des ‚Kapitals‘ vor, wir können nachschlagen, das bereits Gelesene nochmals lesen, es vertiefen, Aufgeschriebenes korrigieren, das Problem hin- und herwenden, bis der richtige Pfiff ertönt … usw. Wenn wir über eine politische Thematik schreiben, sagen wir zum Beispiel, die Frankreichschriften von Marx, so lesen wir den 18. Brumaire, die Klassenkämpfe in Frankreich und den Bürgerkrieg in Frankreich und wir werden leicht mehrere rote Fäden in die Hand bekommen, um Themenkomplexe – lax formuliert – aufzuspulen. Aber wenn wir im Feuer des letzten Gefechts stehen, da haben wir nur eine Knarre in der Hand und müssen blitzschnell denken und handeln, wenn es gilt, in diesem Feuer Freund und Feind zu unterscheiden, da gibt es kein Rezeptbuch, in dem wir die nächste Zutat zum bewaffneten Aufstand nachschlagen können.

1. Engels über den bewaffneten Aufstand - eine Rechnung mit höchst unbestimmten Größen

Vor der 48er Revolution hatte Karl Marx den Klassengegensatz zwischen Proletariat und Bourgeoisie schon deutlich herausgestrichen: „Inzwischen ist der Gegensatz zwischen Proletariat und Bourgeoisie ein Kampf von Klasse gegen Klasse, ein Kampf, der auf seinem höchsten Ausdruck gebracht, eine totale Revolution bedeutet. Braucht man sich übrigens zu wundern, daß eine auf Klassengegensatz begründete Gesellschaft auf den brutalen Widerspruch hinausläuft, auf den Zusammenstoß Mann gegen Mann als letzte Lösung“. 4. Das hatte Marx zwischen Ende Dezember 1846 und Anfang April 1847 geschrieben, es war die Zeit der Weberaufstände, zuerst der Seidenweberaufstand im November 1831 in Lyon, dann 1834 wieder in Lyon, der schlesische Weberaufstand, der am 3. Juni 1844 ausbrach und noch mal 1848 ein Aufstand in Lyon. Hier lag überall der brutale Widerspruch Weber gegen Soldat vor. Heraklit sagte bereits, dass der Krieg die Menschen zusammenführt. Auch Revolutionen ziehen die Menschen an, ballen sie und erfordern Lernbereitschaft gerade in den Ballungszentren. Marx und Engels waren auf dem Höhepunkt der Revolution in Köln, Engels nahm am Ende der Revolution als Soldat noch an Kämpfen unter Hauptmann Willich im süddeutschen Raum teil. Als eine Frucht der 48er Revolution und ihrer Endkämpfe kann man die Ausführungen von Engels über den bewaffneten Aufstand vom September 1852 werten:

"Nun ist der Aufstand eine Kunst, genau wie der Krieg oder irgendeine andere Kunst, und gewissen Regeln unterworfen, deren Vernachlässigung zum Verderben der Partei führt, die sich ihrer schuldig macht. Diese Regeln, logische Schlußfolgerungen aus dem Wesen der Parteien und der Verhältnisse, mit denen man in einem solchen Falle zu tun hat, sind so klar und einfach, daß die kurze Erfahrung von 1848 die Deutschen ziemlich bekannt mit ihnen gemacht hat. Erstens darf man nie mit dem Aufstand spielen, wenn man nicht fest entschlossen ist, alle Konsequenzen des Spiels auf sich zu nehmen. Der Aufstand ist eine Rechnung mit höchst unbestimmten Größen, deren Werte sich jeden Tag ändern können; die Kräfte des Gegners haben alle Vorteile der Organisation, der Disziplin und der hergebrachten Autorität auf ihrer Seite; kann man ihnen nicht mit starker Überlegenheit entgegentreten, so ist man geschlagen und vernichtet. Zweitens, hat man einmal den Weg des Aufstands beschritten, so handle man mit der größten Entschlossenheit und ergreife die Offensive. Die Defensive ist der Tod jedes bewaffneten Aufstandes; er ist verloren, noch bevor er sich mit dem Feinde gemessen hat. Überrasche deinen Gegner, solange seine Kräfte zerstreut sind , sorge täglich für neue, wenn auch noch so kleine Erfolge, erhalte dir das moralische Übergewicht, das der Anfangserfolg der Erhebung dir verschafft hat; ziehe so die schwankenden Elemente auf deine Seite, die immer dem stärksten Antrieb folgen und sich immer auf die sichere Seite schlagen; zwinge deine Feinde zum Rückzug, noch ehe sie ihre Kräfte gegen dich sammeln können; um mit den Worten Danton's, des größten bisher bekannten Meisters revolutionärer Taktik , zu sprechen: de l' audace, de l' audace et encore de l' audace!" 5.

Das ist chronologisch der Ausgangspunkt dieser schwierigen und glitschigen Materie, schwierig schon allein formal, dadurch, dass Engels von einer Kunst spricht, die gewissen Regeln unterworfen ist, Regeln, die zudem einfach und klar sein sollen. Das ist äußerst problematisch, Kunst, völlig Regeln unterworfen, wäre Mathematik, das Gegenteil von Kunst und Expression. Kunst, einfachen und klaren Regeln unterworfen, könnte als dürftige enden. Eine dialektische Lösung ist hier natürlich schnell durch die Ausführung zur Hand, dass Schwieriges und Einfaches sich eben wechselseitig schwierig und einfach durchdringen. Kulturgeschichtlich wäre in diesem Zusammenhang die expressionistische Kunst auf ihre Affinität zum primitiven Faschismus abzuklopfen, obwohl dieser sie als nicht verdaulich indizierte. Im zweiten Weltkrieg zeigte sich auf dem europäisch-russischen und auf dem nordafrikanischen Kriegsschauplatz, dass sich ein verhinderter Künstler über die längste Zeit des Krieges theatralisch als ein militärischer Genius ausspielen konnte, obwohl er gar nichts vom Regelwerk des Krieges verstand, was Millionen Menschen das Leben kostete. Die Krieger aus Profession, verspießert durch und durch, folgten diesem über ganz Europa amoklaufenden Amateur und kleinbürgerlichen Anarchisten, weil im Zeitalter der Vermassung die Identifizierung mit einem Führer (ohne Ehefrau) der Spießerin und dem Spießer eine Ich-Stärke suggerierte, die für sie ihre spezifische Farbe im grauen Spießeralltag aufleuchten ließ. Mit den Worten von Rudolf Hess: ‚Hitler ist Deutschland, wie Deutschland Hitler ist‘. Es ergab sich zwangsläufig, dass am Geburtstag Hitlers die Arbeit ruhte und der Tag gefeiert wurde. Als General Reinhard Gehlen, nach dem zweiten Weltkrieg ein Agent der CIA, gegen Ende des Krieges stimmiges, exaktes und zuverlässiges Zahlenmaterial über die imposante Stärke der ‚Roten Armee‘ auf den Tisch der Lagebesprechung legte, also eine gute Arbeit als Aufklärer abgab, fegte der Kriegskünstler das Papier mit dem Spruch beiseite, das sei der größte Bluff seit Dschingis Khan. Für einen Künstler ist eben seine eigene Welt die Welt schlechthin. Schließlich folgte einer Eheschließung ein Doppelselbstmord – was für ein Stoff für Shakespeare. Die Eheschließung war die Kapitulation als Führer. Aber es muss hier genügen, die formale Seite des Krieges zu streifen und sich jetzt dem Essentiellen zuzuwenden: Lenin sagt, Aufstand ist ein großes Wort, ein bewaffneter Aufstand ist 100 x schwieriger als das Führen eines nationalen Krieges zwischen Staaten, der im Gegensatz zum Aufstandskrieg eine Frontlinie aufzuweisen hat, an der er verläuft. Eine derart scharfe Trennung gibt es nicht im Bürgerkrieg zwischen Proletariat und Bourgeoisie, beide Klassen haben ihre Agenten auf der Gegenseite. Man kann zunächst auch nicht von zwei gleichwertigen Armeen sprechen, die sich auf Augenhöhe gegenüberstehen. Das Proletariat kann keine komplette, nagelneue Armee mit allem Drum und Dran aus dem Boden stampfen, seine Armee ist ein Kind des Klassen- und Machtkampfes, sie kann sich niemals in friedlichen Zeiten bilden. Die höchste Kunst und die höchste Form des Klassenkampfes ist der bewaffnete Aufstand und in revolutionären Situationen ist es sehr schwierig, mit den Ereignissen Schritt zu halten, schon wenige Tage, wenige Stunden, wenige Minuten können von entscheidender Bedeutung sein. Die Oktoberrevolution entwickelt sich laut Lenin mit einer „großartigen Schnelligkeit, mit einem so wunderbaren Reichtum an wechselnden Formen in die Breite und Tiefe …“ 6. Es gilt schnell zu lernen, auch durch Niederlagen, eingedenk, dass der Klassenkampf in neuen Formen auftaucht. Das konnte man gut 1926/27 an drei aufeinander folgenden Aufständen in Shanghai verfolgen. Der erste im Oktober 1926 glich eher einem Scharmützel, der zweite verebbte nach Anfangserfolgen, im dritten aber dominierte das Proletariat bereits die Kuomintang in der Federführung des Revolutionskrieges, so dass im Buch über den bewaffneten Aufstand zu lesen ist: „Die Engelssche These ‚Der Aufstand ist eine Kunst‘ wurde von der Kommunistischen Partei Chinas im Shanghaier Aufstand vom 21. März im praktischen Kampf um die Macht in geradezu mustergültiger Weise zur Anwendung gebracht“. 7. Im bewaffneten Aufstand wird alles aufs Spiel gesetzt und der Sprung ins Ungewisse gewagt. Man wird ohne Beherrschung des ‚Wechselspiels‘ zwischen legaler und illegaler Tätigkeit nicht auskommen und unerfahrene Revolutionäre halten nur illegale Aktionen für revolutionär. Die RAF hatte ja bewusst alle Bahnen legalen Wirkens abgebrochen. „Aber Revolutionäre, die es nicht verstehen, die illegalen Kampfformen mit allen legalen zu verknüpfen, sind sehr schlechte Revolutionäre“. 8. Anders verhielt sich die Mehrheit der chinesischen Kommunisten in den zwanziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts, sie verzichtete auf eine politische und illegale Tätigkeit unter den Streitkräften des Klassenfeindes und also auf den Aufbau illegaler Parteizellen in ihnen. Man sieht, eine Revolution stellt immer eine verwickelte Situation dar und man muss es verstehen, die Hauptkräfte auf die Lösung der hauptsächlichsten Aufgaben zu konzentrieren. Bekanntlich flüchtete Marx nach der Niederschlagung der 48er Revolution ins Londoner Exil. Er richtete sich zunächst so ein, dass in Kürze eine weitere Revolution auf dem Kontinent ausbrechen würde, die Koffer waren gar nicht ganz ausgepackt. Sein Besuch der ersten Weltausstellung der Industrie in London 1851 warf alles über den Haufen, die revolutionären Träume zerschellten an der harten Klippe der Wirklichkeit, sprich: an der Tatsache, dass enorme Produktivkräfte sich erst im Schoß der bürgerlichen Gesellschaft zu entwickeln hätten. Was die kapitalistischen Großunternehmen in London perspektivisch präsentierten, war imposant und atemberaubend, Kollektivität im Produktionsprozess fördernd, der Sozialismus als vereinte menschliche Arbeit brauchte die Totalentfaltung dieser Produktivkräfte. Der Sozialismus ist eine frische Frucht des beim Hervorbringen eingehenden Kapitalismus, der aber noch zu einem Gegenschlag fähig bleibt, ein naturgeschichtlicher Prozess, während der Utopismus den Sozialismus auf eine eigene Grundlage stellt, was nur im theoretischen Bereich verbleiben kann und nur dort in der Fantasie funktioniert. Die letzte Revolution, die Marx miterlebte, war die nach dem Ausbruch der Pariser Commune – von London aus. Marx, der die proletarische Revolution mit der Wissenschaft verband, starb am 14. März 1883 in London.

Wir haben bis jetzt unseren Ausgangspunkt von einer bürgerlichen Revolution genommen und der Chronologie nach ist das stimmig. Die Chronologie aber entspricht noch nicht wissenschaftlichen Ansprüchen. Wir haben die 48er Revolution als eine genuin bürgerliche vor uns und wir haben den dicken Trennungsstrich zu beachten, den Marx im ‚18. Brumaire‘ zwischen einer bürgerlichen und einer proletarischen Revolution gezogen hat. Engels zog ihn im Militärwesen, der Jakobinerkrieg habe ausgedient. 9. Und nun trug einmal die 48er Revolution mehr jakobinische Züge als proletarische. Die Kriege erschöpfen sich nicht in ihrem militärischen Wesen, sie haben ihre spezifische ‚Soziologie‘, der Offizier ist nicht nur ein militärischer Fachmann, sondern auch ein Gesellschaftswissenschaftler. Obwohl 1917 in Russland die proletarische Revolution relativ rasch der bürgerlichen folgte, so liegt doch ein Bruch zwischen beiden vor. Die proletarische Demokratie ist nicht die Weiterentwicklung der bürgerlichen, wie es liberale Professoren darstellen. Sie hat einen qualitativ anderen Gehalt, im Revolutionsprozess war ein Umschlag von Quantität in Qualität erfolgt, beide Revolutionen bilden eine Einheit, vor allem aber einen Gegensatz. Revolutionen, Bürgerkriege, ja Kriege schlechthin weisen einen tiefen dialektischen Gehalt auf und deshalb haben wir den chronologischen Ansatz zu erweitern: „Die Einheit (Kongruenz, Identität, Wirkungsgleichheit) der Gegensätze ist bedingt, zeitweilig, vergänglich, relativ. Der Kampf der einander ausschließenden Gegensätze ist absolut, wie die Entwicklung, die Bewegung absolut ist“. 10. Lenin setzt also die Bewegung mit dem Kampf gleich; bei allen Abweichungen vom Marxismus ist diese Identität gebrochen, am deutlichsten bei Bernstein: ‚Die Bewegung ist alles, das Endziel ist nichts‘, es liegt bei ihm eine Bewegung ohne Klassenkampf vor und auf das Trüben des Klassenkampfes, der sich ziellos bzw. blind entfalten soll, kommt es allen Abweichungen an. ‚Wir sind eine Partei, die ihren Weg genau kennt‘, bläute stattdessen Lenin seinen Bolschewiki in einem Brief an das ZK der SDAPR, später KPR (B), noch später KPdSU (B), ein, geschrieben wenige Tage vor dem Ausbruch der Oktoberrevolution. DER KAMPF IST ABSOLUT. Hier haben wir die theoretische Hauptquelle der Revolutionstheorie von Lenin. Die militärische Quelle finden wir 1852 bei Engels, sie allein ist aber einseitig. Man kann nicht militärische Schlussfolgerungen aus einer bürgerlichen Revolution „ … zur leitenden Direktive … für alle Kommunistischen Parteien“ 11. herausputzen, wie es im Lehrbuch ‚Der bewaffnete Aufstand‘ (siehe Literaturliste) aus Seite 41 der Fall ist.

2. Können Revolutionen gemacht werden?

Zunächst ist mit einem Vorurteil aufzuräumen, das da lautet: man könne Revolutionen machen. Ich erinnere mich noch an die studentischen Pseudorevolutionäre der 68er Zeit, der APO und des SDS, die keine festen Wurzeln in der Arbeiterklasse und in den Kleinbauern hatten und die anti-imperialistische Ho-Tschi-Minh-Demos auf dem Kurfürstendamm in Berlin und in anderen Universitätsstädten in Westdeutschland inszenierten. Im Audimax der sogenannten 'Freien Universität' (Berlin-West) war ein großes Banner aufgespannt, auf dem zu lesen war: 'Es ist die Pflicht der Revolutionäre, Revolution zu machen'. Der Studentenführer Rudi Dutschke wiederholte diese unsinnige Parole durchs Mikrofon und sie wurde ein geflügeltes Wort der akademischen Rebellion. Eine kleine Schar idealistisch gesinnter Studenten, zunächst Baader-Meinhof-Gruppe/Bande (je nachdem) genannt, sich dann selbst als 'Rote Armee Fraktion' anpreisend, machte sich dann auch tatsächlich auf den Weg, eine proletarische Revolution in Westdeutschland durch Terrorakte, Banküberfälle, Entführungen, Agitation und Propaganda, durch einen Anschlag auf das US-Armee-Hauptquartier in Heidelberg unter völliger Missachtung der von Lenin skizzierten Umstände, die von einer revolutionären Situation sprechen lassen, herbei zu terrorisieren. Carlos Marighela, der 1966 aus der KP Brasilien ausgetreten war, um auf eigene Faust Stadtguerilleros in den Metropolen zu dirigieren, war den modebewussten Kleinbürgerinnen und Kleinbürgern in ihrer Partisanenlaune wichtiger als Lenin geworden, sein Handbuch des brasilianischen Stadtguerillero (Minimanual of the Urban Guerilla) wichtiger als Lenins Staat und Revolution. Der am fünften Dezember 1911 in Salvador/Bahia geborene Marighela wurde am 4. November 1969 in Sao Paulo in eine Polizeifalle gelockt und von einer Spezialeinheit der brasilianischen Regierung erschossen. Eine der Gründungsmitglieder der RAF, die hagere Pastorentochter Gudrun Ensslin gab zum Besten, proletarischer Klassenhass genüge für eine erfolgreiche Revolution. Nun sagt zwar auch Lenin, proletarischer Klassenhass sei der Anfang aller revolutionären Weisheit, aber das Proletariat darf bei ihm nicht stehenbleiben, es muss sich weiterentwickeln zur politischen Tätigkeit, zur Politik, die eine Wissenschaft und eine Kunst ist. Die Unternehmungen der RAF waren ein blanquistisches Abenteuer, gespickt mit blindem Aktionismus. Die Bundeswehr rührte sich nicht, und darauf wäre es angekommen. Zu einer Kritik der Waffen an Waffen, zu einem Bürgerkrieg mit einem Umdrehen der Gewehre war es nicht gekommen. Nur durch den Zerfall der Bundeswehr auf der einen Seite, nur durch viele Streiks, noch besser durch einen Generalstreik hätten die Aktionen der RAF gegen den inneren Hauptfeind Massencharakter annehmen können. Eine Minderheit kann sich nicht gegen die Mehrheit durchsetzen, die noch nicht auf Grund ihrer eigenen negativen Erfahrungen von der Richtigkeit der Parolen der Avantgarde überzeugt ist. Ist das der Fall, dann reichen Propaganda und Agitation nicht aus, das revolutionäre Feuer zu entfachen. (Konterrevolutionäre Ideologen aus dem Faschismus hatten nach 1945 in der BRD für ein eiskaltes antikommunistisches Klima gesorgt). Ich werde diesen Kardinalfehler im Kommenden noch deutlicher markieren. Ein wichtiger Hinweis Lenins war übersehen worden: Revolutionen müssen reifen und die Revolutionäre müssen in der Lage sein, den Reifegrad der revolutionären Situation praktisch abschätzen zu können. "Man kann nur für die Revolution arbeiten". Ein Revolutionär muss sich hüten, Revolution mit großen Buchstaben zu schreiben und Revolutionen zu terminieren. „ … wir wissen, daß Revolutionen weder auf Bestellung noch auf Verabredung gemacht werden“. 12. Auch weist Lenin drauf hin, dass „Dutzende von Millionen Menschen nicht auf Bestellung Revolution machen, sondern nur dann, wenn das Volk in eine unmögliche Lage geraten ist, wenn der allgemeine Drang, die Entschlossenheit Dutzender Millionen von Menschen alle örtlichen Schranken durchbricht und wirklich imstande ist, ein neues Leben hervorzubringen“. 13. Die Avantgarde muss Einfluss auf die Massen haben und die sozialen Zustände in ihrer Verkettung begreifen, denn der Aufstand ist keine rein militärische Angelegenheit, sondern ein „Explosivausbruch der breiten Massen des Proletariats“. 14. Es gilt, zwei richtige Entscheidungen zugleich zu treffen: wo ist wann die entscheidende Stelle, den Aufstand zum Durchbruch zu verhelfen? Ein erfolgreicher Aufstand realisiert sich nicht im Selbstlauf, sondern setzt die außerordentlich revolutionäre Arbeit besonders in der Armee voraus. Der Aufstand muss von der kommunistischen Partei, von der Elite organisiert und geleitet werden. Die Konjunktion von Elite und Masse muss stimmig sein, sonst werden unvermeidlich Fehler gemacht. Jedes Parteimitglied ist ein Soldat des Bürgerkrieges, ein Soldat hat eine Waffe zu tragen. Worin besteht nach Lenin der größte Fehler der Revolutionäre? Der ‚Linke Radikalismus‘ mag Auskunft geben: Wenn sie ihren eigenen Wunsch, ihre eigene politische Stellung für die objektive Wirklichkeit halten. 15. Hegel hätte gesagt, wenn sie noch eine Meinung haben und dieser objektive Geltung vindizieren. Das Konzept der RAF basierte auf dieser Meinungsfreiheit, die Fische im Wasser wurden von einer übermächtigen objektiven Gegenströmung auf die Sandbank der historischen Augenblicksgötzen geschwemmt. Die RAF ist heute weitgehend vergessen, nur wir Älteren erinnern uns hin und wieder mehr oder minder dunkel an grelle Bilder der Nadelstichsoldaten und haben durch Lenin gelernt, was es zu beachten gilt. Wir müssen eine weltpolitische Situationsanalyse zu Grunde legen. „Die Taktik muß auf einer nüchternen, streng objektiven Einschätzung aller Klassenkräfte des betreffenden Staates (und der ihn umgebenden Staaten sowie aller Staaten der ganzen Welt) sowie auf der Berücksichtigung der von den revolutionären Bewegungen gesammelten Erfahrungen aufgebaut werden“. 16. Das permanente Studium revolutionärer Bewegungen, zu dem wir angehalten sind, beginnt in unserem Kulturkreis mit dem deutschen Bauernkrieg, den Engels gründlich dargestellt hat, geht unter Berücksichtigung der Frankreichschriften von Marx über zur Großen Französischen Revolution, zur 48er Revolution, zur Pariser Commune, zur russischen Revolution von 1905, die zeigt, wie rapide in einer revolutionären Situation Massenbewegung nach oben schnellen können. Bekanntlich war diese Revolution die Generalprobe zur Oktoberrevolution und insbesondere vor dieser müssen wir verweilen, wobei die ersten Dekrete der Sowjetmacht unsre besondere Aufmerksamkeit beanspruchen. Diese sind in Deutschland praktisch auszuführen als Sockel der weiteren proletarischen Emanzipation. Auch brauchen wir in Deutschland eine Art zweite Auflage des Bauernkrieges, militante Landproletarier stellen die rechte Hand der proletarischen Revolution dar. Proletarische Revolutionäre tun gut daran, aufmerksam eine Schrift von Ho Chi Minh zu studieren: ‚Die Militärarbeit der Partei unter den Bauern‘, zu finden in: (A. Neuberg) Hans Kippenberger, M.N. Tuchatschewski, Ho Chi Minh: Der bewaffnete Aufstand, basis Verlag, Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt/M., 1971,280ff.

Am nachhaltigsten vom Baader-Meinhof-Komplex mag vielleicht in Erinnerung bleiben, wie nervös und wenig souverän die Behörden des Kapitals auf diese Minibedrohung mit brasilianischen Wurzeln reagierten. Als man dem englischen Admiral Sir Francis Drake, der gerade mit seinen Offizieren Bowling spielte, die Nachricht übermittelte, die spanische Armada, die größte Flotte der Welt, sei vor Cornwall gesichtet worden, reagierte er mit dem Satz: ‚Time enough to finish the bowling game‘. Aber man muss der RAF Gerechtigkeit widerfahren lassen, ein Teil ihrer Kämpferinnen und Kämpfer war zu jung, um Lenins Kriterium einer Ausbildungszeit einer Berufsrevolutionärin und eines Berufsrevolutionärs zu erfüllen, Lenin hatte für diese Ausbildung in ‚Was tun?‘ fünf Jahre veranschlagt. Richtig waren die Banküberfälle des Kampfkollektivs, da kann man Stalins Überfall in Tiflis aus dem Jahr 1907 als Vorbild nehmen. Mit dem Anschlag auf das US-Armee-Hauptquartier in Heidelberg wurde demonstriert, dass die Flamme der Abrechnung mit dem US-Imperialismus in Deutschland noch nicht erloschen ist. Es ist klar, dass es mit dem US-Imperialismus keinen Waffenstillstand geben kann, zwischen zivilisierten Menschen und barbarischen und unmenschlichen Kampfmaschinen, die ihr Menschsein für eine Handvoll schäbiger Dollars verscherbelt haben, kann es keinen Vertrag geben.

Ein Beispiel für eine Fehleinschätzung einer revolutionären Situation gaben vor der Oktoberrevolution die Mitglieder der bolschewistischen Partei Sinowjew und Kamenjew ab, sie gingen unter Überschätzung der Kräfte der Bourgeoisie von dem Irrtum aus, dass Russland im Oktober 1917 noch nicht reif zur proletarischen Revolution sei. Sie wollten erst die Einberufung der Konstituante abwarten, um eventuell nach dieser das Signal zum bewaffneten Aufstand zu geben. Andere Bolschewiki wollten bereits im Juli 1917 den Aufstand wagen, was Lenin bekämpfte, da der Aufstand zu diesem Zeitpunkt zu früh war. Man muss hier die markanten Worte von Friedrich Engels bedenken, die er in seinem Werk über den deutschen Bauernkrieg niedergelegt hat: „Es ist das Schlimmste, was dem Führer einer extremen Partei widerfahren kann, wenn er gezwungen wird, in einer Epoche die Regierung zu übernehmen, wo die Bewegung noch nicht reif ist für die Herrschaft der Klasse, die er vertritt, und für die Durchführung der Maßregeln, die die Herrschaft dieser Klasse erfordert. Was er tun kann, hängt nicht von seinem Willen ab, sondern von der Höhe, auf die der Gegensatz der verschiedenen Klassen getrieben ist, und von dem Entwicklungsgrad der materiellen Existenzbedingungen, der Produktions- und Verkehrsverhältnisse, auf dem der jedesmalige Entwicklungsgrad der Klassengegensätze beruht. Was er tun soll, was seine eigne Partei von ihm verlangt, hängt wieder nicht von ihm ab, aber auch nicht von dem Entwicklungsgrad des Klassenkampfs und seiner Bedingungen; er ist gebunden an seine bisherigen Doktrinen und Forderungen, die wieder nicht aus der momentanen Stellung der gesellschaftlichen Klassen gegeneinander und aus dem momentanen, mehr oder weniger zufälligen Stande der Produktions- und Verkehrsverhältnisse hervorgehn, sondern aus seiner größeren oder geringeren Einsicht in die allgemeinen Resultate der gesellschaftlichen <(1850) industriellen> und politischen Bewegung. Er findet sich so notwendigerweise in einem unlösbaren Dilemma: Was er tun kann, widerspricht seinem ganzen bisherigen Auftreten, seinen Prinzipien und den unmittelbaren Interessen seiner Partei; und was er tun soll, ist nicht durchzuführen. Er ist, mit einem Wort, gezwungen, nicht seine Partei, seine Klasse, sondern die Klasse zu vertreten, für deren Herrschaft die Bewegung gerade reif ist. Er muss im Interesse der Bewegung selbst die Interessen einer ihm fremden Klasse durchführen und seine eigne Klasse mit Phrasen und Versprechungen, mit der Beteuerung abfertigen, dass die Interessen jener fremden Klasse ihre eignen Interessen sind. Wer in diese schiefe Stellung gerät, ist unrettbar verloren.“ 17. Sicherlich war die Periode vom März bis zum Oktober 1917 eine qualvolle Wartezeit. Mit den Aprilthesen hatte Lenin das Weitertreiben der Revolution angekündigt, eine Revolution in der Revolution, die den Massen die Machtfrage stellte, zu stürzen war eine ‚Provisorische Regierung zur Rettung der Revolution‘. Es brauchte Zeit, bis diese sich vor den Volksmassen, die immer revolutionärer wurden, blamiert hatte, insbesondere durch die Krenski-Offensive, denn ‚Provisorische Regierung zur Rettung der Revolution‘ klingt ja nicht schlecht. Erst der Kornilowputsch brachte einen revolutionären Aufschwung des Volkes und dieser führte dazu, dass die Schöpferkraft der Revolution anwuchs und sich für die Politik der Bolschewiki die Mehrheit der Arbeiter und Soldaten in den Metropolen Moskau und Leningrad aussprach. Auf dem ersten Sowjetkongress am dritten Juni 1917 waren die Bolschewiki mit 103 Delegierten vertreten, das waren dreizehn Prozent, auf dem zweiten Sowjetkongress am 25. Oktober 1917 waren sie mit 343 Delegierten vertreten, 51 Prozent. Erst jetzt, aus dieser Entwicklung heraus forderte Lenin die Revolutionäre Russlands auf, die bürgerliche Regierung zu stürzen. Über das Verhalten der ‚Streikbrecher‘ Sinowjew und Kamenjew war er so entzürnt, dass er nach dem Oktobersieg ihren Ausschluss aus der Partei forderte.

3. Die Kernfrage der Revolution

Die Kernfrage jeder Revolution ist die Frage der Macht. Welche Klasse bekommt die Macht in ihre Hände? Man muss sich vor der Revolution Klarheit in der Machtfrage verschaffen so wie man vor jeder politischen Aktion die Klassenkräfte und ihre Wechselbeziehungen streng objektiv abwägen muss. 18. Vor der Revolution von 1905 warf die Emigrantenpresse im Ausland theoretisch alle elementaren Fragen der Revolution auf, und die Revolution von 1905 war die Generalprobe für die Oktoberrevolution, eine Generalprobe, die schief ging. Niederlagen führen Keime zukünftiger Siege mit sich. Das Proletariat siegt durch Niederlagen. Aus Niederlagen lernt das ganze Weltproletariat. Lenin erarbeitete seinen Bolschewiken und sich die Klarheit in der Machtfrage im August und September 1917 durch sein Werk 'Staat und Revolution'. Die proletarisch-bäuerliche Revolution lag damals in der Luft, die Staatsfrage bekam von Tag zu Tag eine steigende, besondere Bedeutung. „Alle Fragen, um derentwillen der bewaffnete Kampf der Massen in den Jahren 1905 – 1907 und 1917 – 1920 geführt wurde, kann (und soll) man , in ihrer Keimform, an Hand der damaligen Presse verfolgen“. 19. In seinem vorhin erwähnten Brief an das ZK der SDAPR steht der Satz Lenins: Wir sind eine Partei, die trotz aller Schwankungen um sie herum, ihren Weg genau kennt. (Das sind Worte eines wissenschaftlichen Sozialisten; das können weder bürgerliche Ideologen noch bürgerliche Politiker von sich behaupten – Stichwort Brexit). Diese Klärung muss grundsätzlich vor der Revolution ausgemacht sein, während Kautsky 1899 in seinem Buch ‚Bernstein und das Sozialdemokratische Programm‘, das explizit gegen den Revisionismus des Parteigenossen gerichtet ist, die Entscheidung über das Problem der proletarischen Diktatur – wörtlich - „ganz ruhig der Zukunft überließ“.

4. Es gibt keinen Mittelweg

Eine wichtige ‚Ideale‘ der Revolution ist es, dass es in ihr keinen Mittelweg gibt. Die Klassen treten offen auf und die Revolution zeigt die Klassen in Aktion. Die Klassengegensätze werden auf die Spitze getrieben und durch einen bewaffneten Aufstand und ihm folgenden Bürgerkrieg der schrecklichsten Art, in dem die Bourgeoisie vor keinem Verbrechen zurückschreckt, zur Entscheidung gezwungen. Vor kein Verbrechen zurückschreckt – es kommt zur Herausbildung der Tscheka, einer außerordentlichen Kommission. In jeder Revolution gibt es besondere Aufgaben, gibt es Spezialkommandos, gilt es, die Revolutionäre zu vernetzen, Einheit durch Dekrete zu bilden und die Konterrevolution zu isolieren und zu enthaupten. Lenin ist explizit als ein Revolutionär zu werten, der Revolution und Bürgerkrieg affin denkt, der einen Streik gegen den Krieg für sinnlos hält. Diese enge Konjunktion wird vielleicht am deutlichsten in seinem Brief an die amerikanischen Arbeiter vom 20. August 1918: „Denn in Revolutionszeiten hat der Klassenkampf stets und in allen Ländern unvermeidlich die Form des Bürgerkriegs angenommen, ein Bürgerkrieg jedoch ohne schwerste Zerstörungen, ohne Terror und ohne Einschränkung der formalen Demokratie im Interesse dieses Krieges ist undenkbar … in einer Zeit, da die Geschichte die größten Probleme der Menschheit durch Kampf und Krieg gelöst haben will“. 20. Mit dieser Aussage wird deutlich, dass es keine reine Revolution gibt und dass die Grenze zwischen Revolution und Bürgerkrieg wie im Schwindel einer unruhigen Kompassnadel unheilverkündend hin- und herschwankt, sich verwischt und kaum noch mit bloßem Auge sichtbar ist. Lenin beginnt mit revolutionären Zeiten und endet mit dem Anruf des Krieges als höchste Macht der Geschichte: Er löst deren größte Probleme. Eine Assoziation mit dem griechischen Kriegsphilosophen Heraklit drängt sich auf. Der Krieg war für Heraklit ja nicht nur der Vater aller Dinge, sondern er führte auch die Menschen zusammen. Nach Lenin zieht der Bürgerkrieg die breitesten Massen in die Politik. 21. Der Krieg ist für den Marxismus aber nicht der Vater aller Dinge, proletarische Revolutionen sind auch in Zeiten des Friedens möglich, dann aber so, dass es wenig revolutionäre Truppenteile geben wird, die mit den Roten sympathisieren oder überlaufen. xx Nun versteht es sich schon von selbst, dass Lenin das Begehen eines Mittelweges in einer Revolution für absurd hält. “Der Versuch, eine mittlere Position einzunehmen, Proletariat und Bourgeoisie miteinander ‚zu versöhnen‘, zeugt von Stupidität und erleidet ein klägliches Fiasko“. 22. In Russland hat das Jahr 1917 gezeigt, dass sich gerade durch das Paktieren der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre, dieser kleinbürgerlichen Sozialisten mit der russischen Bourgeoisie während der Sowjetperiode vom Februar bis zum Oktober 1917, der Phase der sogenannten Doppelherrschaft, durch deren Versöhnungspolitik die Arbeiterklasse von diesen kleinbürgerlichen Parteien und von den kleinbürgerlichen, parlamentarisch verseuchten Sowjets, die ohne jede Verfassung entstanden waren und über ein Jahr ohne eine existierten, abwandte und zu den Bolschewiki schwenkte, die somit die Oktoberrevolution vorbereiten konnten. Das war die innerrussische Entwicklung, die das traurige Schicksal des Kleinbürgertums offenbarte, zeigte, dass das Kleinbürgertum nicht gewillt ist, die Macht allein, sie ohne die Großbourgeoisie zu übernehmen. Das Kleinbürgertum wartet gerne ab und geht im Krieg als erste Klasse zugrunde. Hinzu kam eine weitere internationale Entwicklung, die das Herannahen einer Revolution begünstigte: Ab 1915 spaltete sich in allen hochindustrialisierten Ländern von der verfaulten Sozialdemokratie ein progressiver Flügel ab, die Massen schwenkten nach links. Aus diesem doppelten Linksschwenk heraus reifte die Oktoberrevolution heran, in der es zirka ein Jahr nach ihrem Ausbruch den Bolschewiki gelang, das Dorf zu spalten. Die Spaltung, die Isolierung der Kulaken, der Schulterschluss der armen Bauernschaft mit dem städtischen Proletariat war für Lenin im November 1918 Beleg genug, dass Russland im Oktober 1917 reif genug für die Revolution gewesen war. 23. Die Bolschewiki hatten die Mehrheit in den städtischen Sowjets und hinter dem städtischen Proletariat stand die Mehrheit der Bauern, eben die Kleinbauern. Sowohl Ende 1917 als auch 1918 konnte eine kluge politische Führung die Einheit der städtischen und ländlichen Produzenten vorantreiben und das Terrain für blanquistische Abenteuer austrocknen, mit denen die linken Kommunisten noch liebäugelten, die Sozialrevolutionäre sowieso, zum Beispiel in der Frage des annexionistischen Gewaltfriedens von Brest-Litowsk. Nach Abschluss dieses Friedens gingen die Sozialrevolutionäre zum bewaffneten Kampf gegen den Rat der Volkskommissare über. In Lenins Revolutionskonzept sind schwere Niederlagen wie zum Beispiel Brest eingeplant. 24. Die Reihen der revolutionären Klassen schließen, die Volksfeinde ausgrenzen – das war die Politik, die die entscheidende Kollektivität herstellt, an der sich die Hitlerfaschisten die Zähne ausbissen. Eine Frucht der Oktoberrevolution war der Ausschluss der rechtsgerichteten Paktiererparteien aus den Sowjets am 14. Juni 1918. Mit diesem Akt zeigten die Sowjets an, dass sie nicht nur Emanzipationsorgane waren, sondern auch Unterdrückungsinstrumente gegen die Bourgeoisie. Der Ausschluss erfolgte zurecht, denn diese Parteien standen nicht in der Tradition der Pariser Commune, deren erstes Dekret auf Ersetzung des stehenden Heeres und der Polizei durch die allgemeine Volksbewaffnung lautete. Was haben diese Parteien diesbezüglich nach dem 27. Februar 1917 in Russland bewirkt? Nichts!! Lenin bezeichnete sie zu Recht als „ … angeblich sozialistische Vertreter einer angeblich revolutionären angeblichen Demokratie“. 25.

5. Die Zersetzung der alten Armee

Ein wichtiger Punkt ist die Zersetzung der Armee, die konterrevolutionären Klassenzwecken dient: "Ohne 'Desorganisation' der Armee ist noch keine große Revolution ausgekommen und kann sie auch nicht auskommen. Denn die Armee ist das am meisten verknöcherte Werkzeug, mit dem sich das alte Regime hält, das festeste Bollwerk der Disziplin, ein Werkzeug, mit dem das Kapital seine Herrschaft stützt, die Werktätigen zu sklavischer Unterwürfigkeit und Unterordnung unter das Kapital erzieht und sie in diesem Zustand hält. Die Konterrevolution hat nie neben der Armee bewaffnete Arbeiter geduldet und konnte sie auch nicht dulden. In Frankreich, schrieb Engels, waren nach jeder Revolution die Arbeiter bewaffnet; "für die am Staatsruder befindlichen Bourgeois war daher Entwaffnung der Arbeiter erstes Gebot". 26. In der Phase der Doppelherrschaft wurde deutlich, dass weder die Menschewiki noch die Sozialrevolutionäre die alte Armee auflösen wollten, im Gegenteil, der Sozialrevolutionär Kerenski eröffnete eine Frontoffensive, die einen eindeutig imperialistischen Charakterzug aufwies. Die Arbeiter und Bauern machten eine Schule der Stählung durch mit den negativen Erfahrungen mit den falschen Freunden der Revolution. Letztendlich ist die imperialistisch ausgerichtete Armee durch Überheblichkeit, durch den dilettantisch ausgeführten Kornilow-Putsch ins Wanken geraten, die Bolschewiki gaben ihr den Todesstoß, nachdem zu beobachten war, dass die Arbeitermassen von den Menschewiki zu den Bolschewiki übergelaufen waren. Die Polizei bot keine erhebliche reaktionäre Widerstandskraft auf. Das ist eine Eigenart der Oktoberrevolution, eine weitere liegt darin, dass sie sich ohne Generalstreik als Kulisse entfaltete. Diese Massenflucht und die Flucht der Soldaten von der Front waren mächtige Triebkräfte, die erheblich zum Ausbruch der Oktoberrevolution beitrugen. Der Kampf um die Armee (um die große Masse der unteren Ränge) schlug nach dem Putsch auch um in einen Kampf gegen die Armee (gegen die wenigen höheren Ränge), die vom Geist Kornilows durchdrungen waren. Schon nach der Revolution von 1905 lehrte Lenin, dass jeder Offizier, der die Soldaten zur Abschlachtung der Arbeiter führt, ein außerhalb des Gesetzes stehender Volksfeind ist. „Ihn erschlagt unbedingt“. Die Zersetzung der Armee, die vielleicht mit Flugblättern begann, endet hier, in der Vernichtung der reaktionären Offizierskorps, und das Jahr 1917 hat gezeigt, dass auch in einer demokratischen Republik das Offizierskorps ein faschistisch ausgerichtetes geblieben war. Es war unbedingt zu erschlagen. Die Zersetzung der Armee ist ja nicht einseitig zu sehen, nur destruktiv, die Zersetzung muss übergehen in Gewinnung der Töchter und Söhne der Not und der Entbehrung in Uniform, also der Soldatenmassen, für die gute bolschewistische Sache, zum Beispiel durch Soldatenzeitungen, in denen thematisiert wird, wo den überwiegend Zwangsrekrutierten der Stiefel drückt, in denen Forderungen der vielfältigsten Art aufgestellt werden, wie zum Beispiel die dringend notwendige Verkürzung der Dienstzeit. Diese Forderung muss immer ganz oben stehen. Zersetzung und Gewinnung bilden ein Paar revolutionärer Tätigkeit. Die schwierige Arbeit unter den Streitkräften des Klassenfeindes setzt eine Beachtung der sozialen Zusammensetzung der Einheiten, eine Durchleuchtung des gesamten Militärapparates, eine präzise Kenntnis seiner Funktionsweise und seine allumfassende geistige Präsenz in den Köpfen der Aktivisten voraus. Von einer revolutionären Tätigkeit unter der Militärpolizei oder unter der geheimen Feldpolizei, unter eingeschworenen Spezialkräften ist eher abzuraten, eine Totalzersetzung nicht anzustreben. Das bedeutet aber, dass die Zersetzung durch Überzeugungsarbeit nur ein Teil der Arbeit, eine Armeezersetzung durch Überzeugungsarbeit allein entgegen den Träumereien der Phantasten und Utopisten den physischen Kampf gegen die Armee nicht ersetzen kann. Es ist das geschickte Mundwerk, das zur Verbrüderung von linken Rebellen und mit ihnen sympathisierenden Rebellen (ver-)leitet, und die körperliche Massenkampfschwerkraft gegen die reaktionär gebliebene Soldatenmasse, die zusammenwirken. „Man muß sich außerdem vergegenwärtigen, daß in Zeiten eines Aufstandes die Bourgeoisie alle Mittel (Bestechung, Betrug, Freibierfeste, Repressalien usw.) anwenden wird, um die schwankenden Truppen in der Hand zu behalten“. 27. Die Partei der Revolution braucht Stützpunkte in Form von Militärorganisationen der Partei im bewaffneten Feindesland, die ihren Arm darstellen, keine eigene politische Linie entwickeln, sondern der Linie der Partei folgen. Die soziale Zusammensetzung legt den Schwerpunkt der ‚Wühlarbeit‘ in der Armee fest, nach ihr sind für revolutionäre Arbeit positive und negative Truppenteile zu bestimmen. Ich habe bis jetzt nur den aktiven Armeedienst thematisiert, je nach Lage und Kraft sind aber auch die Anhängsel des Militärapparates wie zum Beispiel paramilitärische Einheiten, bürgerliche Militärvereine, Reservistenverbände usw. zu zersetzen and last but not least natürlich auch die Polizei, die immer ein bürgerkriegsaktives Instrument bildet.

6. Die Hauptaufgabe des Proletariats in der gewaltsamen Revolution

Was dieses Zitat gegen Kautsky schon andeutet: Die Hauptaufgabe des Proletariats ist es, die bürgerliche Staatsmaschine zu zerschlagen. Die Hauptelemente dieser Maschine sind drei Schmarotzer: das stehende Heer, Polizei, Beamtenapparat. Diese parasitären Apparate müssen völlig zerschlagen werden, der Weg muss völlig frei gemacht werden zur völligen Vernichtung der Bourgeoisie und des Bürokratismus.

DIE ZERSCHLAGUNG DER BÜRGERLICHEN STAATSMASCHINE IST DER KERN DER MARXISTISCHEN STAATSLEHRE.

Die Einsicht in die Notwendigkeit der Zerschlagung im Sinn der sozialen Revolution, die Marx mit Proudhon, dem Stammvater des Anarchismus 28. und Bakunin, seinem Apostel, wie ihn Alexander Block nennt, teilt, ist von Marx als Schlussfolgerung aus den 48er Ereignissen besonders in Frankreich gezogen worden und im 18. Brumaire nachzulesen, die Pariser Commune bestätigte diese Erkenntnis durch ihre politisch-historische Praxis, auch wenn diese nur kurz war. Vierzig Jahre, von 1852 bis 1891, lehrten Marx und Engels dem Proletariat, das mit der technisch-destruktiven Maschinenstürmerei begonnen hatte, die politische Staatsmaschine der Bourgeoisie zu zerschlagen. Die Erfahrung der Kommune reichte hin, das ‚Manifest der Kommunistischen Partei‘ am 24. Juni 1872 an einer Stelle gravierend zu erweitern. Im Manifest hatten Marx und Engels die proletarische Revolution als Eroberung der Demokratie, als Erhebung des Proletariats zur herrschenden Klasse (an)gedeutet, der Ablauf des französischen Bürgerkrieges 1871 erbrachte diesbezüglich eine Vertiefung und Präzisierung: „Namentlich hat die Kommune den Beweis geliefert, daß die Arbeiterklasse nicht die fertige Staatsmaschine einfach in Besitz nehmen und sie für ihre eigenen Zwecke in Bewegung setzen kann“. Die für die Bourgeoisie 1799 von Napoleon geschaffene, stets fertige und einfach zu übernehmende Staatsmaschine muss von ihrem Antipoden, vom Proletariat zerschlagen werden. 29. Nach der Revolution, nach der Zerschlagung herrscht die proletarisch-bäuerliche Mehrheit durch einen anderen, neuen Apparat politisch über die bürgerliche Minderheit und ökonomisch organisiert dieser Apparat die Produktion neu, unterwirft die gesamte Industrie dem arbeitenden Volk und zentralisiert die Produktionsmittel. Er ist auf neue Art demokratisch für die armen und auf neue Art diktatorisch gegen die reichen Klassen. Diese Bestimmungen gehen auf Lenin zurück, der in diesem Zusammenhang von einem Umschlag von Quantität in Qualität spricht 30., und sie markieren, wie radikal der Bruch mit den parlamentarischen Jesuiten und bürgerlichen Politikgepflogenheiten ist. Zu diesen gehört, den Begriff ‚Demokratie‘ außerhalb des fundamentalen Klassenkampfgeschehens zu deuten und abstrakt zu handhaben, ihn als verbindlich auch für die reichen Klassen darzustellen, dass diese ‚Demokraten‘ sich vorbehaltlos der Demokratie des Klassenfeindes beugen würden. Und der Renegat Kautsky kopierte 1918 dieses Verfahren, schwärmte von der bürgerlichen ‚reinen‘ Demokratie, vom Parlamentarismus und versuchte so, eine Kritik des Bolschewismus anzubringen. Ihn störte, dass Lenin von einer ‚Unterdrückerdemokratie‘, von einer „falschen Demokratie“ sprach, dass für diesen sowohl die bürgerliche als auch die proletarische Demokratie Unterdrückerdemokratien sind und der betonte, dass die Arbeiter spüren, dass das Parlament eine ihnen fremde Einrichtung ist. Was Lenin dem Proletariat 1918 einimpfte, dass es Parlamentarismus sozusagen reflexartig sofort mit Faulheit und Fäulnis zu assoziieren habe, dass die parlamentarische Demokratie eine Institution der Reichen, ein Werkzeug im Klassenkrieg zur Unterdrückung der Arbeiter durch die Bourgeoisie sei, damit der Sklave sich ausschließlich als Sklave bewege, ist heute hochaktuell. Lenin sprach sich dafür aus, den außerparlamentarischen Massenkampf mit dem innerparlamentarischen Kampf zu verbinden. Heute versucht die Konterrevolution über den Begriff 'Demokratie' den Lohnsklavinnen und Lohnsklaven Sand in die Augen zu streuen. Kann es in einer Demokratie denn überhaupt Ausbeutung geben? Heute steht auf den Visitenkarten aller Politikerinnen und Politikern das Wort ‚Demokratie‘, das ist das Entreebillet in die Etablissements, in denen heute ausschließlich der politischen Prostitution und der geheimdienstlichen Zwangsprostitution nachgegangen wird. Gewalt, Repression, Revolution - das wollte Kautsky aus der Demokratie entleeren, um sie in reiner Form zu erhalten. Kautsky kultivierte bewusst gegen die sowjetische Demokratie den bürgerlichen Charakter der anti-feudalen Demokratie, der in den Köpfen als eine für alle gültige, für alle akzeptable verankert werden sollte. Was er suggerieren wollte war windig genug, dass in einer von Blutsaugern dominierten Gesellschaft und ihren uniformierten Anhängseln, sich in der Regel aus perversem, konterrevolutionärem Abschaum bildend, keine Ausbeutung des Menschen durch den Menschen stattfinde. Somit liegt eine Affinität zum US-amerikanischen Präsidenten Wilson 31. und dem Wilsonismus vor, der seit der Oktoberrevolution mit dem Leninismus global um die ideologische Vormachtstellung rang, dem aber vom europäisch-japanischen Faschismus der Rang abgelaufen wurde. Mit dem Angriff auf Pearl Harbour und der wenig später folgenden Kriegserklärung Hitlers an die USA trat der Wilsonismus wieder ernsthaft in der politischen Weltarena auf und baute sich über die Landung in der Normandie und der Ausbeutung des Fachwissens der Nazis um den Raketenprofessor Wernher von Braun als Bollwerk einer angeblich freien Welt gegen den Sowjetismus auf. Ein Nachfolger Wilsons gab sich am 26. Juni 1963 vor einem tobenden antikommunistischen Mob als Berliner aus. Demokratie in Reinkultur 32., die es auch in Zeiten ohne revolutionäre Stürme und Kriege nicht gibt, schon gar nicht im Zeitalter des imperialistischen Banditentums, war die ideologische Waffe Kautskys, das Messer, in das Lenin hineinlaufen sollte. Lenin schrieb dagegen: Je mehr die Minderheit trotz sich steigernder, verzweifelter Gegenwehr bezwungen ist, wächst die Revolution, so wächst auch der Widerstand der Konterrevolution, desto eher stirbt die Diktatur des Proletariats ab, am Ende gibt es niemanden mehr zu unterdrücken. Jeder Mensch ist das Ensemble seiner gesellschaftlichen Verhältnisse und diese sind klassenspezifische. Er ist also ein Klassenwesen in einem Komplex totaler Klassenbeziehungen und so kann nur der Begriff ‚Klassendemokratie‘ logisch sinnvoll Anwendung finden und gesellschaftswissenschaftlichen Ansprüchen genügen. Eine ‚reine Demokratie‘ rekurriert auf einen bizarren Anthropologismus, für den der Mensch ein außerhalb der Welt hockendes Wesen ist.

[...]

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Über Lenins Revolutionstheorie
Autor
Jahr
1989
Seiten
45
Katalognummer
V492913
ISBN (eBook)
9783346004536
ISBN (Buch)
9783346004543
Sprache
Deutsch
Schlagworte
über, lenins, revolutionstheorie
Arbeit zitieren
Heinz Ahlreip (Autor), 1989, Über Lenins Revolutionstheorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/492913

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