Die Tonhöhenverläufe im Norwegischen

Welche Schwierigkeiten und Herausforderung können beim Erlernen und Verstehen der Toneme im Norwegischen auftreten?


Hausarbeit, 2016
17 Seiten, Note: 1,7
Anonym

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Einordnung in das Feld der Phonologie
2.1. Kausalität zwischen Akzent und Tonem
2.2. Stellung der Toneme im Norwegischen

3. Eigenschaften der Toneme
3.1. Das Tonemsystem
3.2. Bestimmung der Toneme

4. Schlussfolgerung

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

Deutsche Muttersprachler erlernen die norwegische Sprache meist ohne größere Diskrepanzen. Grund dafür sind die typologischen Gemeinsamkeiten der beiden germanischen Sprachen (Königlich Norwegische Botschaft, 2015). Auch wenn in der Aussprache grundlegende Ähnlichkeiten zwischen Norwegisch und Deutsch vorhanden sind, kommt es hier jedoch bereits zu einigen Abweichungen. Aufgrund der Dialektvielfalt im skandinavischen Land treten Unterschiede in Aussprache, Lexik und Betonung auf, die Fremdsprachlern das Erlernen erschweren.

Besonders interessiert mich aber der Klang der norwegischen Sprache. Ausgehend davon stellte ich mir die Frage, was den musikalischen Tonfall ausmacht. Während meiner Recherche erfasste ich die Komplexität des tonalen Systems und erfuhr von der Existenz zweier Tonverläufe, die phonologisch identische Wörter auseinanderhalten. Ein Phänomen, das es im Deutschen nicht gibt. Ich als Norwegisch-Lernende möchte herausfinden, wie gut ungeübte Menschen diese Tonunterschiede erkennen, beziehungsweise, wie gut sie die Tonbewegungen erlernen können. Wo befinden sich Probleme oder Herausforderungen, die den Erwerb der norwegischen Sprache erschweren?

Da das tonale System so im Deutschen nicht vorkommt, nehme ich an, dass das Erkennen und Erlernen der Tonhöhenunterscheidung für Personen nicht-norwegischer Muttersprache schwierig ist. Es gibt bereits eine Menge Literatur über die Besonderheiten der Toneme im Norwegischen, von denen einige mir als Grundlage meiner Hausarbeit dienen. Fintoft, Kristoffersen und Gårding führten diesbezüglich mehrere Experimente durch.

In meiner Auseinandersetzung beginne ich mit der Einordung des Themenkomplexes Tonem in das phonologische Feld, um zu verstehen, welche Faktoren für die Tonhöhenunterscheidung wichtig sind. Anschließend zeige ich grundlegende Regeln und Kategorien auf, denen Wörter mit Tonhöhenunterscheidung zugeordnet sind. Zum Schluss fasse ich das Für und Wider der Herausforderung Toneme im Norwegischen zusammen.

In dieser Hausarbeit kann ich aufgrund des Umfangs nicht alle tonembeeinflussenden Aspekte miteinbeziehen. Sie ist lediglich ein Überblick der allgemeinen Regeln der Tonhöhenunterscheidung, um damit auf verbundene Schwierigkeiten hinzuweisen.

2. Einordnung in das Feld der Phonologie

Der Versuch, den Begriff Tonhöhenverlauf von anderen Teilgebieten abzugrenzen oder ihn autonom zu betrachten, ist eine komplizierte Angelegenheit. Mehrdeutige Termini und Überschneidungen erschweren die eindeutige Definition des Themas. Grund ist wohl die teilweise überlagerte Funktion der Elemente der drei Oberbegriffe des Teilgebiets der Phonologie.

2.1 . Kausalität zwischen Akzent und Tonem

Jedes Wort hat seine eigene festgelegte Akzentuierung beziehungsweise Betonung, die man auch Wortakzent nennt. Der Akzent wird von Länge, Lautstärke und Tonhöhe beeinflusst. Mit Hilfe eines chromatischen oder eines Druckakzents werden Hervorhebungen erzeugt. Möglich ist auch die Verwendung beider Methoden in einer Sprache. Während im Deutschen ausschließlich die Lautstärke einer Silbe erhöht wird, um eine Aussage zu betonen, verwendet man im Norwegischen sowohl die Akzentuierung durch kräftige Betonung, als auch einen Tonhöhenunterschied, der zur lexikalischen Unterscheidung dieser Wörter führt. Um zwei eigentlich komplett identisch ausgesprochene Wörter inhaltlich zu differenzieren, verfügt die skandinavische Sprache über zwei Tonmuster.

Der Wortakzent ist eines der suprasegmentalen Merkmale in der Phonologie. Diese Elemente können nicht in kleinere sprachliche Einheiten segmentiert werden, sondern sind lautübergreifend. Er bezieht sich also nicht auf ein einzelnes Phonem, sondern auf Silben und ist vom Satzakzent zu unterscheiden. Der Satzakzent betont das aussagekräftigste, wichtigste Wort innerhalb des Satzgefüges. Oft synonym verwendet, teilt Professor Dr. Wolfgang Hess (2003: S.1f.) der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn die Begriffe suprasegmentale Merkmale, Prosodie und Intonation wie folgt ein: Suprasegmentales Merkmal steht als Term über Prosodie und Intonation, da dieses mehr Elemente mit einbezieht. Die Prosodie hat also einen etwas kleineren Spielraum und steht an zweiter Stelle der Hierarchie. Die Intonation beschränkt sich dann auf melodische Phänomene und steht unter den beiden Begriffen Suprasegmentale Merkmale und Prosodie. Akzent und Intonation hängen in dem Sinne zusammen, dass die Tonbewegung die Akzentuierung und damit die Intonation, beziehungsweise die Melodiekurve eines Satzes (den Satzakzent) beeinflusst. Die Funktionsweise einer Intonationskurve ist dieselbe, wie die der Tonhöhenverläufe bei Tonem-Wörtern im Norwegischen.

Norwegisch ist eine sogenannte Tonakzentsprache. Der Ausdruck wird hier nicht nur durch die suprasegmentale Betonung (Satzübergreifend), sondern auch durch lexikalische Töne eines Wortes, den zwei Tonmustern bestimmt. (Peters, 2014: S.3). In Tonsprachen, wie Chinesisch hat jede Silbe seinen eigenen festgelegten Ton, der das Wort von anderen abgrenzt. Deutsch, als Intonationssprache, verfügt nur über intonatorische Töne, die nicht zur Bedeutungsunterscheidung zweier Wörter führen. Neben den intonatorischen Tönen weist Norwegisch also auch lexikalische Töne auf.

2.2 Stellung der Toneme im Norwegischen

Toneme sind zusätzliche Akzentuierungsarten, die phonetisch identische Wörter lexikalisch auseinanderhalten. Ohne sie wären die Wörter nur durch den Kontext zu unterscheiden. Allerdings ist dieser nicht immer eine zuverlässige Quelle.

Im gesprochenen Norwegisch bemerkt man eine auf und absteigende Melodie. Das sind die Tonem- oder Tonhöhenbewegungen. Toneme können nicht erkannt werden, ohne zu wissen, wo die betonte Silbe liegt. Wie schon erwähnt, gibt es zwei Tonmuster im Norwegischen, das Tonem 1 und das Tonem 2. Da Toneme auch Wortakzente heißen, kann man daraus schließen, dass die Tonhöhenverläufe Teil des Akzentmusters der Sprache sind. Mittlerweile geht man von ca. 3000 Tonhöhenakzent-Wörtern in der Norwegischen Sprache aus (Nicholson und Teig, 2003: S.315f.). Kloster Jensen zählte 1958 noch 2400 Tonempaare in Bokmål Wörterbüchern (Fintoft, 1970: S.43). 1700 zweisilbige Toneme und 750 Paare mit drei- oder viersilbigen Wörtern sollen im Bokmål existieren. 500 Tonempaare gehören beide zur selben grammatischen Kategorie, beispielsweise Nomen-Nomen oder Verb-Verb. Wörter gleicher Wortarten bleiben lexikalisch also in derselben Kategorie. Das zeigt sich an den Beispielen /´farene/ (die Spuren) - /`farene/ (die Gefahren) oder /´fyrene/ (die Leuchttürme) - /`fyrene/ (die Burschen, die Kerle) (Fintoft, 1970: S. 44). Beide Begriffe sind Nomen. Im Minimalpaar sind Intensität und Länge dieselbe, nur die Tonhöhe ist unterschiedlich.

Norwegisch ist weder eine freibetonende, noch eine Sprache mit fester Betonung. Die Betonung in einfachen indigenen Wörter liegt aber fast immer auf der ersten Silbe (z.B kjøper - /çø:per/ [kaufen]) (Lundskær-Nielson, Barnes und Lindskog, 2005: s. 94). Das trifft auch auf die meisten zusammengesetzten Wörter zu, obwohl hier eine der anderen Silben normalerweise eine sekundäre Betonung hat (z.B fjellsti /´fjel:sti:/ oder endeløs /én:elø:s/) (Fintoft, 1970: S. 57). In Fremdwörtern gibt es häufig eine andere Betonung. Allerdings muss beachtet werden, dass nicht jeder Dialekt in Norwegen den allgemeingültigen Regeln folgt.

Die charakteristische Funktion der Toneme hat sich als Konsequenz der Suffixanbindung bei definiten Artikeln herausgebildet. Haugen ging davon aus, dass die Tonlagenunterscheidung in Randgebieten wie Süddänemark oder bei Gruppen von Schweden in Finnland aufgrund des Kontakts zu anderen Sprachen die Funktionalität verlor (Gårding, 1978: S.97). Im Isländischen und Färöischen wurden die altnordischen Endungen beibehalten, und so entfiel die Notwendigkeit durch Tonhöhenbewegungen Wörter zu unterscheiden.

Es gibt viele Begriffe für den kategorisierten Verlauf der Tonhöhen bei Wörtern im Norwegischen (siehe Abbildung 5). Da nun der Hauptakzent synonym auch als Wortakzent verstanden wird, nennen einige Sprachwissenschaftler (zum Beispiel Gjert Kristoffersen und Eva Gårding) die zwei unterschiedlichen Tonbewegungen im Norwegischen auch Akzent 1 und Akzent 2.

Die Töne bei Tonsprachen wie dem Chinesischen werden als Toneme bezeichnet. Da die Begriffe Akzent 1 und Akzent 2 aber schnell mit den eigentlichen Akzenten beziehungsweise Dialekten verwechselt werden könnten, werde ich die Tonhöhenverläufe im Folgenden Toneme nennen. Alternativ benutze ich auch Tonhöhenbewegung, Tonhöhenverlauf und lexikalische Töne (Peters, 2014: S.3).

3. Eigenschaften der Toneme

Toneme kommen nur bei Wörtern mit Hauptbetonung vor. Jede Silbe mit Hauptbetonung kann einem der Toneme zugeordnet werden. Bei Experimenten von Fintoft und Johannson kam heraus, dass es keine eindeutige Vorlage der Toneme in Norwegen gibt, die unabhängig von Dialekt angewendet werden (Gårding, 1978: S.67). Dabei wurden den Testpersonen synthetische Reize aus Sinustönen mit variierender Grundfrequenz präsentiert. Bei Simulation des betonten Vokals, erkannten alle Probanden, außer die aus Stavanger, die Tonhöhenunterschiede. Bei Beschallung mit Reizen von zweisilbigen Tönen reagierten die Testpersonen am häufigsten auf die Muster, die Struktur ihres eigenen Dialekts. Das bedeutet, der gewohnte Tonfall ist in der Regel am eindeutigsten zu erkennen.

3.1 . Das Tonemsystem

Ein steigender Ton wird als Tonem 1, ein fallender als Tonem 2 bezeichnet. Tonem 1 kommt unter den Namen Akut´ oder Wortakzent 1 vor. Die Stimme bewegt sich dabei weg von der betonten Silbe. Meist steigt die Frequenz. Diese Tonhöhenkurve hat sein Maximum (höchster Punkt) im betonten Vokal (ob hoch oder tief ist abhängig vom Dialekt). Tonem 2 hat diese an der Grenze zwischen betont und post-betonter Silbe. Den Tonhöhenverlauf 2 bezeichnet man auch als Akzent grave` und er wird mit einem Fall vor der Hauptbetonung der Silbe realisiert. Die fallende Akzentuierung ist meist im betonten Vokal. Das Tonem hat zwei Intensitätsmaxima (Tongipfel). Es gibt Akzentuierungstendenzen, bei denen bestimmte Wortgruppen bestimmte Akzentuierungen erhalten. Darunter fallen beispielsweise die Kategorien der indigenen Wörter oder Fremdwörter. Alle einsilbigen Wörter haben den Tonfall 1, der mit ´ verschriftlicht wird. Wörter, die während der Synkope Periode (6.-8. Jahrhundert) eine Silbe verloren, tragen meist Tonem 1. Wörter, die alle ihre Silben aber behielten, bekommen meist Tonem 2, markiert mit `. Fremdwörter werden oft mit dem Tonhöhenverlauf des Musters 1 realisiert. Verben, die im Infinitiv Tonem 2 tragen, bekommen im Präsens dann Tonem 1 (/`lese/ - /´leser/ [lesen]). Einsilbige Substantive, die den Artikel als Suffix haben, werden zu mehrsilbigen und nehmen Tonem 1 an (z.B. /´tank/ - /´tanken/ [der Tank]) (Fintoft, 1970 S.15). Wenn sich Artikel an zweisilbige Substantive binden, tritt Tonem 2 auf (z.B. /`tanke/ -/`tanken/ [der Gedanke]) (Fintoft, 1970: S.15). Ein Tonempaar mit bestimmten Präfixen wird ausgetauscht oder verliert die Tonhöhenunterscheidung (z.B. ut + /´lånet/ [das Darlehen] oder /`låne/ [leihen] wird zu /`utlånet/ [das Darlehen] und /´utlåne/ [verleihen]) (Fintoft, 1970: S. 21). Tonem 1 kommt in dem ersten Wort eines zusammengesetzten, dominierenden Wortes vor. Alle mehrsilbigen Wörter sind meist mit Tonem 2 verdeutlicht. Die Verlagerung der Akzentstelle hat Einfluss auf die Tonhöhenbewegung. Es gibt aber viele Ausnahmen, wie beispielsweise Nomen und Adjektive im Plural sowie viele Verben. Generell ist aber das Maximum der betonten Silbe (Tonhöhengipfel) in zweisilbigen Tonemkonstruktionen höher als das Maximum einer zweiten unbetonten Silbe (Gårding, 1978: S. 38). Die zweite Silbe bei Tonem 2 hat mehr akustische Energie als die zugehörige Silbe in Tonem 1.

Beim Tonemwechsel gibt es weniger klar definierte Regeln. Auch ein Betonungswechsel muss beachtet werden. Bei Suffixen, wie „for“ verschiebt sich das Tonem 2 zum Tonhöhenverlauf 1 (/`mange/ [viel] - / for ´mange/ [zu viel]) (Gårding, 1978: S.81). Viele unbetonte flektierbare Suffixe brauchen einen Tonemwechsel von Tonem 1 zu 2. Bei gebeugten Wörtern sind die Stämme das Subjekt der Tonemverschiebung, die bei Suffixen nötig sind.

Wenn beide Toneme jeweils einen Tonhöhengipfel haben, dann setzt das Maximum bei Tonem 1 früher ein. Sobald eines der Toneme zwei Tonhöhengipfel hat, das Andere aber nur einen, ist Tonem 2 immer das mit zwei Maxima. Entweder die zweite Silbe hat selber das Maximum in sich oder die erste Silbe ein späteres Tonhöhenmaximum. Beim ersten Fall wird der Höhepunkt der zweiten Silbe zur Energie der Silbe, bei der Tonem 1 kein Maximum hat. Im zweiten Fall wird der späte Tonhöhengipfel der 2. Silbe mehr dazu beitragen, als das frühere Maximum im zugehörigen Tonem 1. Der Grad des Falls ist gleich. Der Effekt daraus ist mehr Energie in der zweiten Silbe von Wörtern mit Tonem 2. Deshalb betonen Fremdsprachler diese Wörter fälschlicherweise oft auf der zweiten Silbe.

Die Länge der Toneme ist im Grunde dieselbe, in Einigen Dialekten aber ist die Länge des Tonems 2 entgegen der Annahme ein bisschen länger als Tonem 1. Eigennamen und Ortsnamen werden auch von Dialekt zu Dialekt anders betont. Beispielsweise gibt es die Orte /´ila/ (in Trondheim) und /`Ila/ (in Oslo) (Fintoft, 1970: S.20).

In Abbildung 4 (siehe Anhang) ist die Tonverschiebung der Toneme 1 und 2 von einigen norwegischen Dialekten dargestellt. In Oslo und Stavanger wird das Maximum (maximale Frequenz) in der betonten Silbe in Tonem 2 früh erreicht, in Stavanger mit Tonem 1 beim selben Maximum-Punkt erst etwas später. So wird auch das Tonem 2 in Bergen und Ålesund realisiert. Das Tonem 1 ist in Bergen, Trondheim und Ålesund relativ früh erreicht. Tonem 2 hat in Trondheim einen minimal später einsetzenden Tonhöhengipfel (Fintoft, 1970: S. 320).

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Details

Titel
Die Tonhöhenverläufe im Norwegischen
Untertitel
Welche Schwierigkeiten und Herausforderung können beim Erlernen und Verstehen der Toneme im Norwegischen auftreten?
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,7
Jahr
2016
Seiten
17
Katalognummer
V493655
ISBN (eBook)
9783668994881
ISBN (Buch)
9783668994898
Sprache
Deutsch
Schlagworte
tonhöhenverläufe, norwegischen, welche, schwierigkeiten, herausforderung, erlernen, verstehen, toneme
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Die Tonhöhenverläufe im Norwegischen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/493655

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