Die Aktualität des "Janteloven" in Norwegen

Welche Relevanz besitzt das Konzept aus Aksel Sandemoses Roman "Ein Flüchtling kreuzt seine Spur" im heutigen Norwegen?


Hausarbeit, 2015
8 Seiten, Note: 1,5
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die 10 Gebote des Janteloven

3. Aksel Sandemose und „Ein Flüchtling kreuzt seine Spur“

4. Verbreitung in Norwegen
4.1. Literatur
4.2. Medien
4.3. Schule

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ich behaupte, dass Norweger grundsätzlich negativ gegen Leute eingestellt sind, die mit sich selber prahlen. Menschen, die sich als etwas Besonderes sehen und das auch so ausdrücken, stoßen auf Verachtung. Verantwortlich dafür ist vor Allem das immer noch präsente Janteloven. In einigen Köpfen befindet sich das Bild eines praktisch denkenden, zurückhaltenden und unauffälligen Norwegers. Konformität ist das Stichwort. Sie tragen alle die gleiche Kleidung, kaufen die gleichen Möbel und haben auch sonst eine sehr ähnliche physische Gestalt. Zudem teilen die Nordländer identische Werte und Normen. Natürlich gibt es zwischen den einzelnen Menschen kleine Unterschiede. Jeder Mensch ist immerhin Individuell. Die Ethnizität allenfalls ist aber ziemlich homogen, wenn wir das rar besiedelte nordische Land mit dem Einwanderungsstaat, der USA vergleichen. Norwegen ist wohl eher eine Suppe, in der jegliche Fremdbestandteile auffällig sind und das uniforme Gesamtbild quasi zerstören. Bewegt sich ein Mitglied der Gesellschaft außerhalb des erlaubten Bereiches, fällt er aus dem Raster, dann versucht die Gesellschaft ihn wieder auf die normale Bahn zu bringen oder zu eliminieren, bzw. auszustoßen. Das ist die Kraft des Jantegesetzes.

Das Moralkonzept Janteloven, wie ich in meiner Hausarbeit nenne werde, macht alle Menschen gleich. Aber es gibt auch ein paar gute Seiten, die man unbedingt erwähnen muss. „ Es impliziert auch die Fähigkeit zu nüchterner Selbsteinschätzung, zu Selbstkritik und mithin zu Selbstironie.“1 Ein Verhaltenskodex der Strenge, der Gewalt, den man vielleicht nur etwas abschwächen müsste, um das richtige Maß zwischen Bescheidenheit und Stolz zu finden. Gehört das Janteloven, wie Professor Dr. Bernd Henningsen es ausdrückte, immer noch „zum skandinavischen Alltag wie Mittsommer, Knäckebrot und Wohlfahrtsstaat“? 2

Viele Einwohner behaupten, das Moralkonzept sei schon längst nicht mehr relevant, gehöre zu der Zeit, als alle noch Bauern waren. 3 Journalisten, wie die Redakteurin und Anthropologin Anne Knudson behaupten “Jante Law is just as normal as the law of gravity”. 4 Was steckt hinter der Manifestierung des Janteloven mit der Erscheinung des Romans. Wieso schrieb Aksel Sandemose diese Gesellschaftskritik?

2. Die 10 Gebote des Janteloven

1. Du skal ikke tro at du er noe.
2. Du skal ikke tro at du er like så meget som oss.
3. Du skal ikke tro du er klokere enn oss.
4. Du skal ikke innbille deg du er bedre enn oss.
5. Du skal ikke tro du vet mere enn oss.
6. Du skal ikke tro du er mere enn oss.
7. Du skal ikke tro at du duger til noe.
8. Du skal ikke le av oss.
9. Du skal ikke tro at noen bryr seg om deg.
10. Du skal ikke tro at du kan lære oss noe.5

3. Aksel Sandemose und „Ein Flüchtling kreuzt seine Spur“

1933 wurde „Ein Flüchtling kreuzt seine Spur“ veröffentlicht. Die dänische Übersetzung folgte 1938. Der Autor Aksel Sandemose, geboren Nielsen versteht ihn als Fortsetzung seines Romans „Ein Seemann geht an Land.“ Die Bücher unterschieden sich allerdings nur in ihrem Aufbau. „Ein Seemann […]“ erzählt die Geschichte Espens stückhaft vom Mord zur Kindheit und in „Ein Flüchtling […]“ berichtet der Protagonist chronologisch von der Kindheit zum Mord. Es gab mit „Es stand eine Bank“ ursprünglich auch eine Erweiterung, die nach mehreren Auflagen aber in den Roman „Ein Flüchtling […]“ aufging. Das Buch erzählt die Geschichten eines jungen Mannes, der durch das Janteloven zu einer fatalen Tat gedrängt wurde. Es macht die Gewalt des Jantegesetzes sichtbar.

Sandemose schrieb wie vom Teufel besessen über das Janteloven. “Die Tatsache, dass ich von einem Dämon besessen war, der mich erst den Klauen des Jantegottes ausgeliefert und dann dazu getrieben hatte, mi ch an ihm zu rächen, musste damals vieles gewaltsam prägen.“ 6

Es ist nicht zu übersehen, dass der Charakter im Buch Sandemoses Ausdruck seiner selbst darstellt. Seiner Erfahrungen und Ansichten. Herkunft, Schulbildung und Ausbildungsjahre sind autobiographisch. Der Mord allerdings ist nur literarisches, dramatisches Mittel zum Wendepunkt.

Der Roman ist ein „sich-von-der-Seele-Reden“, ähnlich einem Tagebucheintrag. Er war ursprünglich als Brief angelegt, der aber durch zunehmendem Umfang das Ausmaß eines Buchs annahm. „Dort lässt Aksel Sandemose seinen Helden Espen Arnakke als Analytiker seines Lebenslaufs auftreten […]“ 7 Der Roman wurde geschrieben, um zu zeigen, was jahrelange Unterdrückung mit Menschen macht. Psychische Probleme und die Folter werden übernommen und weitergegeben. Er zeigt den Ausbruchsversuch aus Jante, der schwerwiegende Folgen mit sich zog. Der Mord an John Wakefield. Eine kritische Auseinandersetzung mit seiner Kindheit und Jugend. Mit seiner Familie zusammen leben, hieß für ihn unter dem Jantegesetz leben. Erst mit ihrem Tod entzog sich Sandemose dem erdrückenden Verhaltenskodex. „Während ich schrieb fühlte ich mich als Anwalt für viele und als mein eigener Anwalt und Kontrahent.“ 8

Das „Antijantebuch“ ist der Versuch das Jantegesetz aufzudecken und vielleicht zerstören zu können. Das Janteloven ist nicht nur ein lokales Prinzip, sondern eine globale Erscheinung, die wie er sagt, in größeren Orten noch schlimmere Auswirkungen mit sich ziehen kann. Trotzdem empfindet der Autor das Gesetz als immer, mit der Stadt Jante verbundenes, teuflisches Werk. Sandemose wurde angeprangert, die fiktive Stadt Jante auf die Stadt Nykøbing im Limfjord bezogen zu haben. Diese enorme Stadtkritik war vom Autor nicht geplant. Viele Kritiker haben den Roman, laut Sandemose, nicht einmal gelesen. Informationen seien nur von Mund zu Mund übertragen worden sein, und deshalb falsche Schlüsse gezogen worden sein. Erst später wurde er gelesen, und dann erst setzte die Verbreitung des Werks ein. Sandemose beteuerte Jante nicht auf eine bestimmte Stadt zu beziehen. Vielmehr war es der Fall, dass Einwohner verschiedener Städte sich angesprochen fühlten. Es gab aber auch eine Handvoll Leute, die dem Autor dankten, ihre Stadt angegriffen zu haben. Sandemose nahm sich jeden Kommentar zu Herzen und wurde oft verletzt. Er musste lernen, Kritik an sich abprallen zu lassen. Die erste Generation, die während der Veröffentlichung lebte, fühlte sich persönlich betroffen. Schon die nächste Generation ging objektiver an den Roman heran, ohne Wut gegen den Autor zu entwickeln. Zeit schaffte Distanz. Woher die Ideen, des Romaninhalts kommen, bzw. worauf sich Aksel bezogen hat, verlor an Wichtigkeit.

Janteismus sei ein perfekt funktionierendes System der Lohnsklaverei […]. 9 Man handelt im Dienst der Gesellschaft, deren oberste Regel das Janteloven ist, ein Kampf gegen die Individualität. Man verdient sich die Akzeptanz der Anderen als einer von ihnen, einer von vielen zu sein. Was harmlos klingt, hat schwere Konsequenzen. Das Janteloven provoziert quasi menschliches Fehlverhalten. Dieses Fehlverhalten wird mit Ausschluss, Ignoranz oder psychischen Druck geahndet.

Aksel Sandemose hat das Moralkonzept aber nicht erfunden, sondern nur seine Ausmaße im Roman verdeutlicht. Das Janteloven muss also schon vorher entstanden sein. Menschen aus egalitären Gesellschaften haben weniger das Bedürfnis zu prahlen oder ihre Individualität zu beweisen. Sogenannte „hunter-gathered societies“ 10 ächten diejenigen, die Dominanz zeigen wollen. Das kann Grund für den tief sitzenden Verhaltenskomplex sein.

4. Verbreitung in Norwegen

4.1. Literatur

Die 30ern waren eine politisch explosive Zone. Viele linksgerichtete Schriftsteller und Intellektuelle halfen bei der Durchsetzung der Romane Sandemoses. Er selber hatte zwar Berührungspunkte mit Ihnen, aber sich nie der Bewegung angeschlossen. Das progressive Gedankengut wurde hart von Konservativsten und Rechtsradikalen bekämpft. Linksgerichtete Literatur und psychoanalytische Werke wurden bedroht. Sandemose wusste, dass es die falsche Zeit wäre seine Werke zu publizieren. Glücklicherweise gründete die norwegische Arbeiterbewegung den Verlag „Tiden Norsk Forlag“, unter dem Ein Flüchtling 1933 erschien. Erst sechs Jahre später kam die dänische Übersetzung heraus. 7000 Exemplare waren am Anfang des Krieges bereits verkauft. Die amerikanische Presse lobte das Buch hoch. Es entfachte ein „Kampf gegen Konformismus und Uniformismus“ 11. Literaturkritiker sahen im Roman Anspielungen zu Freud und seiner Psychoanalyse. Sandemose hatte damals noch kein Werk des Österreichers gelesen. Literaten zogen also falsche oder zu kreative Schlussfolgerungen.

[...]


1 Schymik, Carsten: „kvv ss08“. https://www.ni.hu-berlin.de/de/studium/kvv/ss08/kvv2008_end_ik.pdf, 05.12.2015.

2 Schymik, Carsten: „kvv ss08“. https://www.ni.hu-berlin.de/de/studium/kvv/ss08/kvv2008_end_ik.pdf, 05.12.2015, zit. Henningsen, Bernd.

3 (Vgl.) Booth, Michael: „The Law Of Jante“. http://www.theparisreview.org/blog/2015/02/11/the-law-of-jante/, 12.12.2015.

4 Booth: „The Law Of Jante“.

5 Sandemose, Aksel: En flyktning krysser sitt spor. Oslo 1988.

6 Sandemose, Aksel: Ein Flüchtling kreuzt seine Spur. Berlin 1973, S. 16.

7 Sandemose: Ein Flüchtling kreuzt seine Spur. S.548.

8 Ebd., S. 12.

9 Sandemose, Aksel: Ein Flüchtling kreuzt seine Spur. Berlin 1973, S. 556.

10 Booth, Michael: „The Law Of Jante“. http://www.theparisreview.org/blog/2015/02/11/the-law-of-jante/, 12.12.2015.

11 Sandemose, Aksel: Ein Flüchtling kreuzt seine Spur. Berlin 1973, S. 13.

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Die Aktualität des "Janteloven" in Norwegen
Untertitel
Welche Relevanz besitzt das Konzept aus Aksel Sandemoses Roman "Ein Flüchtling kreuzt seine Spur" im heutigen Norwegen?
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,5
Jahr
2015
Seiten
8
Katalognummer
V493657
ISBN (eBook)
9783668996755
Sprache
Deutsch
Schlagworte
aktualität, flüchtling, roman, sandemoses, aksel, konzept, relevanz, welche, norwegen, janteloven, spur
Arbeit zitieren
Anonym, 2015, Die Aktualität des "Janteloven" in Norwegen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/493657

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