Die Brüder Grimm. Ein Märchen zwischen Grausamkeit und Faszination

Eine Untersuchung der Konzeptionen des kindgemäßen anhand verschiedener Fassungen des Märchens "Schneewittchen". Illustrationen im Vergleich


Bachelorarbeit, 2017
78 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

1. Einleitung

2. Das Märchen – eine Urform synästhetischen Erlebens
2.1 Das Märchen
2.1.1 Die Geschichte des Märchens und die Entstehung der Subgattungen
2.1.2 Märchen, Fantastik, Fantasie und das Besondere am Märchen
2.1.3 Grausamkeiten im Märchen?
2.2 Vom Volks zum Kindermärchen
2.2.1 Die Brüder Grimm und ihre Epoche
2.2.2 Die Entwicklung der Kinder- und Hausmärchen
2.2.3 Die Motive und Wesenszüge der Grimm’schen Kindermärchen
2.3 Märchenforschung
2.3.1 Volkskundliche Märchenforschung
2.3.2 Literaturwissenschaftliche Märchenforschung
2.3.2.1 Strukturalistische Märchenforschung Valdimir propps
2.3.2.2 Anthropologische Märchenforschung Max Lüthi

3. Ein Einblick in die Welt des Walt Disney
3.1 Die Entstehung eines gewaltigen Unternehmens
3.2 Der erste klassische Märchenfilm: Snow White and the Seven Dwarfs

4. Ein strukturalistischer Vergleich zweier Fassungen des Märchens „Schneewittchen“
4.1 Interpretation und Analyse von Schneewittchen
4.1.1 Analyse der einzelnen Fassungen hinsichtlich des Inhalts und der einzelnen Charaktere
4.1.2 Interpretation des Märchens hinsichtlich der Stilmerkmale nach Lüthi
4.2 Die Konzeptionen des Kindgemäßen

5. Illustrationen
5.1 Die Kinder- und Hausmärchen und ihre Bilder
5.2 Der Stellenwert der Illustration im Verhältnis zum Texten
5.2.1 Entwicklung der Märchenillustration bei den Grimms
5.2.2 Das kindgemäße Bild
5.2.3 Bildnerische positionen zum Märchen
5.3 Das Wechselspiel von Bild und Text im illustrierten Märchenbuch „Schneewittchen“
5.3.1 Betrachtung der Illustrationen in „Schneewittchen“
5.3.2 Wandel des Märchenbildes: Grimm – Walt Disney
5.3.3 Kritische Blicke auf die Märchenillustrationen

6. Schluss: Sind Märchen für Kinder geeignet? Über das Böse im Märchen und wie das Gute gestärkt wird

7. Literaturverzeichnis

8. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Der zweihundertste Geburtstag der Brüder Grimm, 1985 und 1986, schlägt nicht nur in Deutschland hohe Wellen. Auch jetzt noch, einige Jahre später reißen die Diskussionen nicht ab. Märchen – ja oder nein? Das positive und das Negative stehen sich unversöhnlich gegen- über. So raten Wissenschaftlicher dringend zur Lektüre von Märchen. Es wird davor gewarnt, Kinder Märchen zu enthalten, da sie wesentlich zur Erziehung beitragen würden.1 Jene Erzäh- lungen gäben Kindern Hilfe, Anregung, Trost und Mut in einer Art und Weise, die auch von jungen Lesern verstanden werden könne. Das Märchen repräsentiert das was es soll. Die kind- gerechte Sprache, die Weisheit, der Humor, der Sieg des Guten über das Böse und vor allem die Anregung der phantasie bilden einen fundamentalen Baustein der kindlichen Erziehung. Des Weiteren stärke das Schicksal der Hauptfigur das Lebensbild des Kindes. Anfangs noch ein Jüngling, der Dümmste, ein Knecht oder eine Magd in hoffnungsloser Lage, gelangt er oder sie dann dank magischer Helfer zu Glück und Reichtum. Märchen sind modern. Sie transpor- tieren Gut und Böse, Liebe und Hass, Weisheit ebenso wie Grausamkeit.2 Märchen sprechen in einer bildhaften Sprache und malen gleichsam die Worte für sich.3 Dinge werden mit symbol- reichen und aussagekräftigen Bildern, welche die rationale Sprache mit ihrer Suche nach ein- deutigen Begriffen zum Verbleiben brächte, analogisch zum lebendigen Ausdruck gebracht. Bilder schaffen vorstellbare Anschaulichkeit.4 Märchenillustrationen werden immer mehr oder weniger gegenständlich gehalten. Die Einheit, die aus Bild und Text entsteht, prägt sich in die Gedächtnisse der Leser ein und trägt deutlich dazu bei, den Inhalt des Geschriebenen zu verin- nerlichen.5 Wilhelm Grimm schrieb 1816, an ein kleines Mädchen einen Brief in Form einer poetischen Erzählung mit Bildern von Maurice Sendak. In diesem Brief beschreibt er zuerst, wie sich an verschiedenen Orten weggeworfene Blumen im Wasser schwimmend zusammen- zutun, um am Ende gemeinsam unterzugehen, oder auch, wie sich zwei fremde Vögel treffen und viel zu erzählen haben.6 Und Grimm fährt fort:

Aber das Herz des Menschen, das kommt doch auch so zu einem anderen Herzen und kümmert sich um nichts, was dazwischenliegt; und so kommt jetzt auch mein Herz zu dir, und obgleich dich meine Augen noch nicht gesehen, so hat es dich doch schon lieb und glaubt, es säße neben dir und du sprächst: „Jetzt erzähle mir etwas.“ „Ja, liebe Mili“, antwortete es, „hör nur zu: Es war einmal eine arme Witwe, die wohnte in einem Dorf ganz am Ende der Welt …“. [sic]7

Diese Aussage von Wilhelm Grimm besagt in bilderreicher Sprache, dass Worte und Erzählun- gen Menschen verbinden können. Große und Kleine, auch wenn sie sich nicht kennen. Solche Erzählungen, ob mündlich oder schriftlich wiedergegeben, bewirken mit ihrer bilderhaften Sprache offenbar ein intuitives Verstehen der Inhalte und der damit verbundenen Botschaften.8

Sowohl Textinhalte als auch Illustrationen leiten also bestimmte Emotionen an Rezipienten weiter.

Die Liste der Märchen wird immer größer, was bedeutet, dass deren Aussterben noch lange nicht in Sicht ist. Eine Allensbach-Umfrage bestätigt dies zum Thema Märchen ebenfalls. Diese stammt aus dem Jahre 2003, an welcher 1013 Menschen ab sechzehn Jahren teilgenommen haben. Eine wichtige Frage dieser Umfrage war unter anderem die, ob Märchen in der heutigen Zeit noch gelesen werden sollte und inwieweit sie vorgelesen werden sollten ob sie mittlerweile zu altmodisch seien. 83% der Befragten vertraten die Meinung, dass Märchen unbedingt gele- sen werden sollten. 8% wiederum sagten aus, dass sie nicht mehr zeitgemäß wären. 9% der Teilnehmenden konnte sich nicht entscheiden.9

Anhand des Märchens „Schneewittchen“ von den Wilhelm und Jakob soll nun die Konzeption des Kindgerechten untersucht werden. Als Vergleichsmärchen wird die Fassung von Walt Dis- ney herangezogen. Welche Unterschiede weißen die verschiedenen Versionen des Märchens auf? Wie wirken die Illustrationen und welche Merkmale lassen sich ausmachen? Handelt es sich um ein Märchen zwischen Grausamkeit und Faszination?

Die folgende Untersuchung wird anhand des Grimm’schen Märchen „Schneewittchen“ (letzte herausgegebene Ausgabe der „Kinder- und Hausmärchen“ 1857) durchgeführt. Diese Ausgabe letzter Hand beinhaltet die vollständige überarbeitete Version des Märchens, die weltweit be- kannt sind. Als Vergleich wird die Walt-Disney-Buchfassung (1937) herangezogen, die eine direkte Adaption der Brüdern Grimm darstellt. Die Untersuchung in dieser Arbeit konzentriert sich nur auf die wesentlichen Aspekte. Die wichtigsten Themen werden herausgearbeitet und dargestellt, da eine vollständige Analyse jedes einzelnen Details den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.

Zunächst wird der Begriff des ‚Märchens‘ definiert, da die folgende Untersuchung auf dieser literarischen Gattung basiert. Hierbei wird besonders auf die Geschichte und die Entstehung der einzelnen Subgattungen eingegangen.

Der nächste punkt beschäftigt sich ausführlich mit der Entwicklung des Volks- zum Kinder- märchen. Die Brüder Grimm spielen hier eine gravierende Rolle. Des Weiteren werden die wichtigsten Wesenszüge, formalen Motive und Kennzeichen des Märchens dargelegt. An- schließend wird ein Blick auf die Märchenforschung geworfen und auf die Forschungsergeb- nisse Max Lüth sowie von Vladimir propp eingegangen.

Im weiteren Kapitel werden die einzelnen Werke interpretiert und mithilfe der Stilmerkmale von Lüthi untersucht.

Ein Kapitel dieser Arbeit ist die Untersuchung der Illustrationen im Vergleich der vergangenen Jahre. Inwieweit sind diese Illustrationen in der heutigen Zeit verändert worden? Entsprechen diese Bilder dem Konzept des Kindgerechten?

Im abschließenden Resümee werden die Untersuchungsergebnisse zusammenfassend darge- stellt.

2. Das Märchen – eine Urform synästhetischen Erlebens

Da die vorliegende Arbeit Bezug auf die literarische Gattung Märchen nimmt, wird vorerst versucht den Begriff ‚Märchen‘ zu definieren und zu erklären, was darunter verstanden werden kann.

Märchen sind etwas Besonderes. Das Märchen ist diejenige Form der Dichtung, m it welcher der Mensch in seinem Leben am frühesten in Berührung kommt. Allerdings darf man fantasie- volle Erzählungen nicht nur als Kinderlektüre sehen, sondern auch als Erzählungen für Erwach- sene.10 Heindrichs fasst den Wesenskern des Märchens sehr gut in einigen Sätzen zusammen:

Wer in seiner Kindheit das Glück erfahren hat, Märchen zu hören – den Märchen zuzuhören - der behält eine lebenslange Erinnerung davon, wie damals – über das Hören – eine magische Welt von Bildern aufstieg; der dunkle Wald, in den die Kinder immer tiefer gerieten – das schneeweiße Vöglein – das Häuslein aus Brot, aber die Fenster von hellem Zucker – die steinalte Frau mit roten Augen – der Back- ofen, aus dem die Feuerflammen schon herausschlugen.11 - Es waren die Bilder der eigenen, jungen Er- lebniskraft, und es bedurfte einer schöpferischen Anstrengung, eines phantasieschubs, um sie vom Hören ins Sehen umzusetzen. [sic]12

Allem Anschein nach ist in unseren Märchen etwas von der urtümlichen Fähigkeit erhalten geblieben, die einmal alles mündlich Erzählte ausgezeichnet haben mag. Das Können, über das Gehörte ein Bild zu produzieren ist im Gegensatz zu unserer Schriftsprache, die nicht mehr von Bildern, sondern von Zeichen geprägt ist, nicht mehr alltäglich. Diese Fähigkeit, im Geiste ein Bild zu einem Märchen zu produzieren, verblasst immer mehr, aber sie ist latent in uns vorhan- den.13

2.1 Das Märchen

„Je selbstverständlicher uns heute ein Begriff vorkommt, umso wichtiger ist es, ihn zu klären. Nichts war schon immer da, schon gar nicht das, was wir als Gattung Märchen bezeichnen.“14

Neuhaus erläutert in diesen wenigen Sätzen eindeutig, dass das Märchen nicht nur ein stämmi- ger Begriff in unserer heutigen Zeit ist, nein, der Begriff Märchen besteht seit einigen Jahrhun- derten und gewinnt immer mehr an Bedeutung. Dem europäischen Volksmärchen wohnt eine eigenartige Wirkungskraft inne.15 Es übt seine Macht nicht nur an den Kindern jeglicher Gene- ration, sondern auch an den Erwachsenen aus.16 In den folgenden Unterprunkten wird auf die Gattung Märchen genauer eingegangen, indem die Geschichte, Herkunft, Subgattungen sowie Merkmale eines Märchens aufs Genaueste beschrieben werden.

2.1.1 Die Geschichte des Märchens und die Entstehung der Subgattun- gen

Das Wort ‚Märchen“‘ ist eine Verkleinerungsform des mittelhochdeutschen Wortes ‚meare‘, das ‚Nachricht‘, ‚Kunde‘, ‚Bericht‘, ‚Erzählung‘ oder ‚Gerücht‘ bedeutet. Im Mittelalter hat sich schließlich die Übersetzung „Erzählung“ durchgesetzt.17 Die These, das Märchen als mündliche Erzählform seit Hunderten von Jahren existiere würden, beruht auf den Äußerungen von Wilhelm Grimm. Eben diese These veröffentlichten die Brüder bereits zu ihren Anfängen der Sammlung der mündlichen und schriftlichen Volksliteratur. Sie wiesen in ihrem ersten Band der KHM (Kinder-und Hausmärchen) 1812 auf die ersten Spuren von Märchenerzählun- gen des 16. Jahrhunderts hin und erwähnen explizit Fischart und Rollenhagen. Im Zweiten Band 1815 machten sie darauf aufmerksam, dass eine Verbindung zur mittelalterlichen Literatur hin bestand. Das mittelalterliche ‚maerlîn‘ wurde nun ganz selbstverständlich in die Märchentradi- tion miteinbezogen.18 Anfang des 18. Jahrhunderts begann der Siegeszug des Märchens. Dabei sind vor allem die französischen Feenmärchen, die conte de feés, ins Englische übersetzt als fairy tales, von Bedeutung.19 Im Deutschen steht das mitteldeutsche Wort ‚Märchen‘ heute für eine bestimmte wertungsfreie Erzählgattung.20 Die sich deutlich von anderen Gattungen wie der Sage, Novelle, Fabel und Legende abgrenzt. In anderen Sprachen bleibt der Begriff prob- lematisch, da ihm allgemeine Bedeutung zugeschrieben wird (z.B. engl. tale, franz. conte).21

Um allerdings den Begriff „Märchen“ exakter zu definieren, benötigt es eine genaue Betrach- tung der einzelnen Subgattungen. Hierbei wird unterteilt in die in der germanistischen Litera- turwissenschaft eingeführten Begriffe Volksmärchen, zu welchen das Zaubermärchens gezählt wird und das Kunstmärchen, zu dem auch das Wirklichkeitsmärchen zählt . 22 Allerdings bezieht sich die Bezeichnung ‚Märchen‘ heute nur noch auf die Volksmärchen, die aufgrund ihrer po- pularität auch als ‚eigentliche Märchen‘ bezeichnet werden.23

Um ein klares Verständnis davon zu bekommen, was genau unter dem Begriff des Volksmär- chens verstanden wird, befindet sind anbei eine Definition von Ranke & Brednichs (Hrsg.):

Zum Begriff des Volksmärchens gehört, daß [sic] es längere Zeit in mündlicher Tradition gelebt hat und durch sie mitgeformt worden ist, während man das Kunstmärchen zur Individualliteratur rechnet, geschaf- fen von einzelnen Dichtern und genau fixiert, heute meist schriftlich, in früheren Kulturen durch Auswen- diglernen überliefert.24

Das hier betonte Definitionsmerkmal der mündlichen Tradierung ist heute nicht mehr haltbar. Die mündliche Weitergabe – vielleicht durch eine Großmutter, die sie ihren Enkeln abends am Kaminfeuer erzählt – ist ein Mythos. Alle Märchen und Geschichten haben einen Autor, auch wenn er sich heute nicht mehr feststellen lässt. Das Besondere des Mündlichen soll allerdings nicht geleugnet werden. Da schriftliche Zeugnisse bis ins 18. Jahrhundert nicht auffindbar sind oder gar zu Gänze fehlen, ist es zweifellos, dass durch das mündliche Erzählen Veränderungen an der eigentlichen Geschichte vorgenommen wurden oder gar weiteren Stoff für neue Ge- schichten lieferten. Solche Vorgänge lassen sich nach all den Jahren nicht mehr rekonstruieren. Zu den Merkmalen eines Volksmärchens zählen nicht nur eine angebliche mündliche Tradie- rung, sondern auch die Ort- und Zeitlosigkeit. Des Weiteren ist es in einer einfachen Sprache geschrieben, hat eine einsträngige, stereotypische Handlung, stereotypische Schauplätze und einen eindimensionalen Charakter. Außerdem findet keine psychologisierung der Figuren statt. Sie sind immer gut oder böse. Wichtig ist auch, dass es immer ein gutes Ende (im weiteren Verlauf: Happy End) gibt. Das Volksmärchen hat stets einen formelhaften Anfang oder Schluss und zeigt ein einfaches Weltbild auf.25 Die Wesenszüge und Kennzeichen von Volksmärchen werden im weiteren Verlauf der Arbeit noch genauer dargestellt und weitgehend definiert.

Das Zaubermärchen ist eng verwoben mit dem Volksmärchen. Zauber, Wunder und Überna- türliches sind mit dem Begriff ‚Märchen‘ verbunden.26 Märchen sind dadurch definiert, dass sie von einem Wunder erzählen.27 Dieses Wunder wird häufig auch mit ‚Zauber‘ oder ‚Zaube- rei‘ definiert, sodass literaturwissenschaftlich schon seit etwa siebzig Jahren von ‚Zaubermär- chen‘ (engl. tales of magic, franz . contes merveilleux) gesprochen wird.28 Unter dem Zauber- märchen wird verstanden, dass an dessen Anfang die Zufügung irgendeines Verlustes, eines Schadens oder der Wunsch, eine Sache zu besitzen steht.29 Außerdem das sich über Stationen, wie die Abreise des Helden und die Begegnung mit dem Schenker, der ihm Zaubermittel gibt und mit dessen Hilfe der gesuchte Gegenstand gefunden wird, entwickelt. Im weiteren Verlauf bietet das Märchen einen Zweikampf mit einem Gegner, gefolgt von der Rückkehr und der Verfolgung.30

Das Kunstmärchen ist das produkt eines einzelnen Autors. Es zeichnet sich dadurch aus, dass es viele inhaltliche Merkmale aufweist, die denen des Volksmärchens genau entgegengesetzt sind. Die Handlung eines Kunstmärchens ist nicht linear, es gibt zeitgleich Nebenhandlungen und Rückblenden. Auch schwierige Vokale und ein komplexer Satzbau sind meistens vorhan- den. Es findet eine Fixierung von Ort und Zeit statt, die Figuren sind meist psychologisiert und haben sowohl gute als auch böse Eigenschaften, wobei das positive oder Negative meist über- wiegt. Zur psychologisierung gehört, dass der Held oder die Heldin eine Entwicklung durch- macht. Er oder sie wird werden oftmals in Alltagssituationen und einer konkreten Gesellschaft gezeigt. Die Handlung steuert meist nicht auf ein glückliches, sondern auf ein eher unglückli- ches Ende zu, verbunden mit einer relativen Offenheit des Schlusses. Obwohl die Symbolik und Metaphorik des Kunstmärchens ausgefeilt und originell sind, lehnen sie sich dennoch an das Muster des Volksmärchens an. Des Weiteren bedient es sich häufig des Stilmittels der Iro- nie, was damit zusammenhängt, dass das Märchen sich mit der Modernität begründet. Geschil- dert wird nicht ein geschlossenes Weltbild, sondern eine fragmentarische erfahrbare, proble- matische Welt, in welcher sich das Subjekt bewegen muss, das sich seiner Selbst, vor allem den dazugehörenden Wahrnehmungen, nicht sicher sein kann. Auch wenn Volks- und Kunstmär- chen in einigen Dingen Unterschiede aufweisen, lassen sich dennoch einige Gemeinsamkeiten feststellen. Sowohl das Volks- wie auch das Kunstmärchen hat einen Helden in ihrer Ge- schichte, der eine Aufgabe lösen muss. Oftmals kommen in beiden Märchen magische Requi- siten vor (Zauberstab, Besen…). Es gibt meist eine Zahlen- oder auch Natursymbolik. Die Tiere können sprechen und beteiligen sich erheblich am Geschehen. Ein letzter wichtiger Aspekt ist zudem, dass sowohl das Kunst- wie auch das Volksmärchen ein symbolisches Verhandeln und auch das Bewältigen von alltäglichen problemen beinhaltet.31

E.T.A. Hofmanns Märchen „Der goldene Topf“ ist als erstes ‚Wirklichkeitsmärchen‘ bezeich- net worden, dieser Begriff korrespondiert mit dem Untertitel „Ein Märchen aus der neuen Zeit.“32 Besondern berühmt geworden ist das Märchen aufgrund seines Beginns mit genauer Orts- und Zeitangabe:

Am Himmelfahrtstage nachmittags um drei Uhr, rannte ein junger Mensch in Dresden durchs Schwarze Tor und geradezu in einen Korb mit Äpfeln und Kuchen hinein, die ein altes hässliches Weib feilbot […] (Gt, 221). [sic]33

Auch wenn das Jahr nicht exakt genannt wird, lässt die Beschreibung doch erahnen, dass die Entstehungszeit des Textes am Anfang des 19. Jahrhundert anzusiedeln ist. Das scheinbare pa- radoxon wird von Hoffmann aufgehoben, indem er ‚Wirklichkeit‘ und ‚Märchen‘, nur als mär- chentypische Symbolik verwendet. Der Himmelfahrtstag verheißt Erlösung, das schwarze Tor lässt Unheil erahnen und die Uhrzeit, drei Uhr, symbolische die höhere Einheit. Bei einem Wirklichkeitsmärchen wird deutlich der Gegensatz von Realitätsebene und Wunderwelt her- ausgearbeitet, aber auch eine Mischung der Ebenen ist möglich. Hoffmann beispielsweise hält das Ganze in einer Schwebe zwischen den beiden Ebenen. Der Blick für das Reale und das Wunderbare bedingen sich gegenseitig. Die Figuren aus den Rahmenhandlungen, die sich die Geschichte erzählen, machen einen Lernprozess durch.34

Will man das Volks- und Kunstmärchen als Unterkategorien des Märchens festhalten, bietet sich als einziges aussagekräftiges Kriterium jenes der Einfachheit und Komplexität. Der Aus- differenzierung von Volks- und Kunstmärchen folgt um 1900 noch eine radikalere Aufteilung. Im Kontext der klassischen Moderne entstehen erstmals Märchentexte, die auf das zentrale Merkmal des Wunderbaren verzichten. Das Märchen wird säkularisiert und die Entwicklung und Weiterentwicklung der Märchen konzentriert sich nunmehr auf ein publikum, das jede Al- tersgruppe anspricht. Sowohl Kinder wie auch Jugendliche und Erwachsenen. Die popularität des Märchens lässt sich gerade daraus erklären, dass es altersübergreifend ist.35

2.1.2 Märchen, Fantastik, Fantasie und das Besondere am Märchen

Die Frage, wo das Märchen aufhört und das Fantastische anfängt, stellen sich viele Literatur- historiker. Damit auf diese näher eingegangen werden kann, muss zunächst aber eine andere Tradition erläutert werden. Im 18. Jahrhundert traten erstmals in englischen gothic novels, ei- nige ‚Schauerromantiken‘ auf. An die Stelle des Wunderbaren im Märchen tritt hier das Über- natürliche. In der Literaturgeschichte wurde der Begriff Fantastik als Bezeichnung für die lite- rarischen Werke von E.T.A Hoffman eingeführt. Aufgrund einer fälschlichen Übersetzung von Contes fantastiques á la maniére de Callot wurde zu aus den Fantasiestücken von Callots Ma- nier.36 Die enge Verwandtschaft von Fantastik und Fantasie zeigt einmal mehr, dass eine ge- naue definierte Begriffsbestimmung äußerst schwierig ist.37 Als allgemeine Definition lässt sich nun festlegen:

Märchen sind fantastische, d.h. „über den Realismus hinausgehende“38 Texte, erweitert um die Kategorie der nicht primär religiös geprägten Transzendenz, die sich als das Wunderbare bezeichnen lässt. Das Wun- derbare ist die Aufhebung oder Veränderung von Naturgesetzten durch Eingriff von „übernatürlichen Kräf- ten“ [sic]39. Märchen als Gattungsbegriff schließt als weiteres Merkmal die (wie immer geartet) Verwen- dung von Stoffen und Motiven ein, die sich (literar-)historisch innerhalb der Gattung entwickelt haben. [sic]40

Das Märchen kann Züge des Fantastischen somit in sich tragen. Fantastik wird als eigenständi- ger Stilbegriff verstanden, als Merkmalsbezeichnung literarischer Texte, die verschiedenen Gattungen angehören können. Für das Märchen aber gilt, dass über das Fantastische hinaus das Merkmal des Wunderbaren, eine immanente, nicht notwendigerweise religiöse Transzendenz vorhanden ist.41 Wodurch diese Gattung charakterisiert wird. Und dennoch kann diese seltsame Magie des Märchens nicht vom Jenseitsmotiv herrühren. Es bleibt uns rätselhaft. Wie von selbst erfahren das Wunderbare und Natürliche, das Nahe und Ferne, das Begreifliche und Unbegreif- liche eine Verbindung, als ob dies selbstverständlich sei. Das Geheimnis eines Märchens ruht nicht in den Motiven, die es verwendet, sondern in der Art, wie es sie verwendet. Seine Form erwächst nicht aus dem Stoff des Inhaltes, sie lebt aus sich selbst. Das Märchen wird daher als Kunstform dargestellt.42

2.1.3 Grausamkeiten im Märchen?

„Der Vorwurf, das Märchen erziehe zur Grausamkeit, stammt nicht erst von heute.“43 Hetmann macht deutlich, dass nicht nur in der heutigen Zeit, mit vielen neuen Erkenntnissen und For- schungsergebnissen, Märchen womöglich nicht für Kinder geeignet sind. Sachlich gesehen, enthalten einige Märchen tatsächlich ein hohes Maß an Brutalität. Allerdings sollte man dabei berücksichtigen, wann und wo Märchen erzählt wurden. Viele der Grausamkeiten waren zeit- bedingt und wurden damals als selbstverständlich angesehen. Wer Kinder beim Märchenerzäh- len beobachtet, weiß nur allzu gut, dass sie nach einer glücklichen Lösung gieren und eine Strafe für den Bösewicht verlangen.44

Märchen sind in der Kindheit nötige Gegenkräfte gegen die rational-technischen Einseitigkei- ten unseres modernen Lebens, betonen Richter & Merkel. Das Ausstechen oder Auspicken der Augen, Aussetzen von Kinder, Auffressen oder Verschlingen wie auch Erhängen und Abschla- gen der Füße, dies alles kommt in Märchen vor. Nach dem zweiten Weltkrieg erschienen einige presseartikel, die sich gegen die Grimm’schen Märchen aussprachen, da man ihnen die Schuld an der Entwicklung der KZ-Methode zuschrieb. Sie wurden zeitweise sogar verboten. Aller- dings hielt man in den fünfziger und sechziger Jahren den Gebrauch von Märchen in Erziehung und Unterricht wieder für unbedenklich. Jedoch wurde immer noch vor ihnen gewarnt, was dafür sorgte, dass die Märchen von grausamen Textpassgen gereinigt wurden oder während des Erzählens modifiziert wurden.45

Der Gebrauch von Marchen lasst sich sowohl psychologisch als auch padagogisch begrtinden. Die in Marchen thematisierte Grausamkeit sowie die Frage, ob Kinder diese Textgattung tat­ sachlich fUr ihre Entwicklung benotigen, werden in den folgenden Kapiteln erlautert.

2.2 Vom Volks zum Kindermärchen

Die diese literarische Gattung stark prägten, waren vor allem die Brüder Grimm. Das nächste Kapitel gibt einen kurzen Überblick über ihr Leben und beschreibt, wie sie Märchen für sich entdecken konnten.

2.2.1 Die Brüder Grimm und ihre Epoche

Seit dem Jahre 1806 beschäftigten sich die Brüder Grimm (Jacob 1785-1863 und Wilhelm 1786-1863) mit dem Sammeln von Märchen. Zum Begriff des Volksmärchens gehört, dass sie längere Zeit mündlich tradiert und dadurch geformt wurden. Es ist bekannt, dass durch die Sammlung der Brüder Grimm das Märchenbild der Deutschsprachigen nachhaltig geprägt wurde und auch noch wird.46

Die Familie Grimm hatte aus neun Kinder, von denen nur die beiden ältesten als „Brüder Grimm“ bezeichnet wurden, da sie sich zeitlebens zu einer einmaligen Lebens- und Arbeitsge- meinschaft verbanden. Ohne Vater in Hanau aufgewachsen nahmen Wilhelm (1786–1859) und Jacob (1785–1863) schon sehr früh die Verantwortung für die Familie auf sich.47 Bildung spielte für sie immer eine bedeutende Rolle. Nachdem Jacob und Wilhelm ihr Abitur absolviert hatten, studierten sie Jura an der Marburger Universität. Der Einfluss ihres professors Friedrich Carl von Savigny war ziemlich prägend für die Brüder.48 Der professor sicherte ihnen wichtige gesellschaftliche Kontakte und weckte in ihnen das Interesse an Traditionen, Sprachen und Bräuchen alter Zeit. Die Schwester des Dichters Clemens Brentano war mit Savigny verlobt. Diese Verbindung ermöglichte es den Brüdern später Brentano persönlich kennenzulernen.49

Die Brüder Grimm wurden in den Jahren 1802/1803 zu Wertschätzung und historisch- wissen- schaftlicher Betrachtung aller Formen der Volkspoesie im Wesentlichen somit durch drei Fak- toren angeregt: durch das Studium, die Begegnung mit dem romantischen Dichter Clemens Brentano (1778-1842) und Minnesang Bearbeitungen von Ludwig Tiecks von 1803.50

Durch das geschulte historische Denken, das sie mithilfe von Savigny erlernt hatten, stellten sich die Brüder Grimm fortan gleichsam in den Dienst der Dokumentation und Erforschung der mittelalterlichen deutschen Literatur sowie der anonym und zum Teil noch namenlos mündlich tradierten Volkspoesie.51 Anhand der Zusammenarbeit mit Brentano gewannen sie Einblick in die praxis des Sammelns und publizierens alter literarischer und volksläufiger Texte. Die primordien (lat. primordium »der erste Anfang«)52 und der eigentliche Beginn der Märchen- sammlung lassen sich eindeutig festmachen. Der Erste Wunderhorn-Band erschien im Herbst 1805.53

1810 bekam Brentano die Originale von Jacob und Wilhelm zugeschickt. Da sie jedoch Angst hatten, ihre Originalaufzeichnungen nie wieder zu Gesicht zu bekommen, fertigten sie Kopien an. Diese ermöglichten den Brüdern das Erstellen einer eigenen Märchensammlung. Gerstner betont:

Im Gegensatz zu ihren Dichterfreunden wollten Jacob und Wilhelm nicht eigene dichterische Werke aus der Überlieferung her gestalten; vielmehr ging es ihnen darum, das, was das Volk sich erzählte, so echt und schlicht wie möglich zu bewahren. [sic]54

Schon bald ließen sich die Geschichten in kleinere Gruppierungen einordnen. Sehr auffällig war, dass viele Texte aus sagen-, schwank-, legenden-, fabelähnlichen und eben märchenhaften Stoff-, Motiv- und Stileigentümlichkeiten bestanden. Des Weiteren gehörten ebenso Vorlieben für das Einbringen von schlicht gebauten Versen, bestimmten Zahlen, Farben und Materialien dazu. In vielen Texten ist ein Tier ohne Weiteres mit menschlicher Vernunft und Sprache aus- gestattet. Die handelnde person nimmt dies hin, ohne sich zu wundern oder zu hinterfragen. 55

2.2.2 Die Entwicklung der Kinder- und Hausmärchen

Die ersten Entstehungen der Kinder- und Hausmärchen sind auf die Namen Manne, Wild und Hassenpflug zurückzuführen. Frederike Mannel (1783 -1833) arbeitete zusammen mit Brentano für das Wunderhorn und erfuhr von diesem, dass er sich für Märchen interessieren würde. Mannel schickte daraufhin 1808 mehrere Märchen an die Brüder Grimm, die sie teils von sich selbst, teils von Schülern ihres Vaters hatte (KHM 46, 51, 63, 74, 77). Dorothea Wild (1752-1813) war Apothekersgattin und gab den Brüdern einige ihrer Aufzeichnungen (KHM 2, 3, 7, 30, 59, 64I, 68). Noch zahlreicher waren die Texte der drei Schwestern Hassenpflug, mit denen sich die Brüder Grimm seit 1808 in einer Art von literarischem Teekränzchen zu treffen pflegten. Die Geschwister Hassenpflug trugen unter anderem zu KHM 11, 20, 31, 41, 54 61, 66, 75, 76, 81 und 84 bei. Die Grimms selbst sind keineswegs quer durch das Land gereist um Märchen zu sammeln, sondern ließen die Leute zu sich kommen. Hierbei gerieten sie fast ausschließlich an eloquente, gebildete, junge Damen aus gutbürgerlichen Kreisen, zu denen auch Mannel Wild und Hassenpflug zu zählen sind. Ihr Repertoire bestand aus abgerun- deten, sinnvollen, Obszönitäten und Grobianismen säuberlich vermeidenden Geschichten. Deutlich wurde hier, dass das Märchenerzählen zu einer Domäne der Frauen geworden war.56

1810 ließen sie die Ergebnisse zu Brentano schicken. Vorher fertigen sie aber eine handschrift- liche Kopie an. Als die Brüder nichts mehr von Brentano hörten, entschieden sie sich 1811 das Material für eigenen Zwecke zu verwenden. Die erste Märchenaufzeichnung ist am 10.03.1881 zu datieren. Neben den jungen Damen war nun auch der höchst originelle, pensionierte Drago- nerwachtmeister Krause aus Hoof bei Kassel (1747-1828) bedeutsam, dem die KHM 16, 48, 54 und 92 zuzuschreiben sind. Ein alter Freund von Brentano legte die Drucklegung der KHM an. Nachdem er selbst etwas dazu beigesteuert hatte (KHM 77, 119, 153), überredete er die Brüder Grimm im Januar 1812 bei einem Besuch., ihm die Werke zu überlassen. Arnin vermit- telte die Brüder an seinen Berliner Verleger Georg Andreas Reimer, der das Manuskript veröf- fentlichte. Breits an Weihnachten 1812 waren die ersten Exemplare mit einer Auflage von ins- gesamt 900 Stück käuflich zu erwerben und trugen den Titel: „Kinder- und Haus-Märchen. Gesammelt durch die Brüder Grimm. Berlin, in der Realschulbuchhandlung. 1812.“ Der Band maß ungefähr 475 Seiten und kostete einen Taler und 18 Groschen. Im Anhang sind unter an- derem Anmerkungen zu Herkunft, parallelen und Bedeutungen vorhanden.57

Die Brüder Grimm maßen den Volksmärchen einen hohen Stellenwert bei, wie Barsch nur allzu gut betont.

In den Märchen ist eine Zauberwelt aufgetan, die auch bei uns steht, in heimlichen Wäldern, unterirdischen Höhlen, im tiefen Meere, und den Kindern noch gezeigt wird. Diese Märchen verdienen eine bessere Auf- merksamkeit als man ihnen bisher geschenkt hat, nicht nur ihrer Dichtung wegen, die eine eigene Lieblich- keit hat, und die einem jeden, der sie in der Kindheit angehört, eine goldene Lehre und eine heitere Erinne- rung daran durchs ganze Leben mit auf den Weg gibt; sondern auch, weil sie zu unserer Nationalpoesie gehören, indem sich nachweisen läßt, [sic] daß [sic] sie schon mehrere Jahrhunderte durch unter dem Volk gelebt.58

Zwischen 1812 und 1857 veröffentlichten die Brüder gemeinsam sieben Auflagen ihrer Samm- lung, welche nicht nur von ihnen gesammelt, sondern auch aufgeschrieben und somit stark be- einflusst wurden. Vor allem Wilhelm war sehr bestrebt die Märchen zu überarbeiten und zu verbessern. Die zeitgenössischen Wertstellungen beeinflussten ihn in diesem Zusammenhang, weshalb er die Märchen den Idealen und Werten der Zeit der Romantik und des Biedermeiers anpasste und aktuellen Themen wie Fleiß, Bescheidenheit, Häuslichkeit, Ordnung und Rein- lichkeit wurden in den Vordergrund stellte.59 Ganze 45 Jahre verbrachte er mit der Er- und Überarbeitung bis zur „Ausgabe letzter Hand“ von 1857. Er nahm sowohl stilistische als auch ideologische Veränderungen vor,60 fügte Redewendungen hinzu, ersetzte indirekte durch di- rekte Rede, verzierte passagen und erweitert die Texte durch neue.61 Die Märchen der Brüder wurden größtenteils um – aber auch teilweise neu geschrieben. Mit seinen Überarbeitungen verlieh er ihnen einen bestimmten Ton und Stil.62 Schoof hebt hervor: „Diese Stilform hat die Grimm’schen Märchen literaturfähig gemacht, so daß wir heute geradezu von einem Grimm’schen Märchenstil reden können.“ [sic]63

2.2.3 Die Motive und Wesenszüge der Grimm’schen Kindermärchen

Märchen werden mit Genuss erzählt und auch gehört und unterliegen den Gesetzen der epischen phantasie, den Formgesetzlichkeiten der Gattung Märchen.64 Die heutige Vorstellung von Mär- chen als künstliches produkt beschreibt diese Texte mit weiteren wichtigen Eigenschaften. Diese passen eher in einen Merkmalkatalog, als in den Versuch einer geeigneten Definition.65

Anbei werden die unterschiedlichen Motive und Merkmale (auch Wesenszüge/ Kennzeichen genannt) eines Märchens erläutert.

Die wesentlichen Kennzeichen/Merkmale des „Märchens“.

1. Das Konstrukt Märchen beinhaltet künstlerische Texte verschiedener Art, wie die Bereiche der Tier-. Novellen-, Legende-, Zauber-, Schwank- und Warnmärchen.66
2. Des Weiteren sind gerade Zaubermärchen durch die Eigenschaft bestimmt, von etwas Wun- derbarem oder Numiosem als Selbstverständliches zu berichten. Der Held nimmt Übernatürli- ches wahr und wundert sich nicht darüber. Übernatürlichen Helfern begegnet er ohne Scheu und aufgeschlossen. Zaubergaben werden dankbar entgegengenommen, ohne an ihrer Funkti- onstüchtigkeit zu zweifeln.67
3. Das Zauberhafte im Märchen kann im Gegensatz zum Erfahrungs- und Alltagswissen stehen. Hierbei sind real die sozialen Verhältnisse und interpersonalen Konstellationen der Familie ge- schildert, beispielsweise das verstoßene Stiefkind oder auch der jüngste Bruder, der weniger wert ist als seine älteren Geschwister.68
4. So ist eine gewollte Fiktionalität vorhanden. Es sind eine Einleitungs- und Schlussformel welche durch fehlende Orts- und Zeitangeben unterstützt werden. Die gesamte Darstellung zeichnet sich daher durch formelhafte Wendungen und Einschübe aus.69
5. „Die Überlagerung verschiedener historischer Schichten in den tradierten Märchen übt heute eine eigene Faszination aus.“70 Diese treten unterschiedlich auf. Hierbei handelt es sich um Glaubens- und Brauchformen, die ihres ursprünglichen Sinnes entleert sind.71 Dabei muss zwi- schen erzähltechnischen erforderlichen Stilmittel und Residuen früherer Epochen abgewogen werden.72
6. Figuren, Dinge, Gaben und viele weitere Elemente des Märchens treten als Requisiten auch in anderen Formzusammenhängen auf, wie etwa der Sarg Schneewittchens. Hierbei werden die Gegenstände an eine andere Erzählumgebung und die veränderte Zeit angepasst, beispielsweise wenn ein Schwert zur Flinte wird und der König als präsident auftritt. Dabei handelt es sich um Requisitverschiebung und ihren Widerpart, die Requisiterstarrung.73
7. Bei der Erwartung einer „tastsachengerechten Aussage“ rückt das Märchen der negativen Konnotation einer Lüge nahe. Nun bleibt diese jedoch nicht per se negativ, sondern verweist auf den Anteil von sogenannter Wahrheit. Diese erschließt sich in der heutigen Zeit mit histo- rischem Verständnis oder durch die Interpretation des Geschehens in symbolischer Hinsicht. Somit fungiert das Märchen selbst als ein Medium sowohl für die psychoanalytische praxis als auch für mediale Transformation.74
8. Typisch für die Märchen der Brüder Grimm ist eine Märchenästhetik. Max Lüthi führt dazu die Aspekte Eindimensionalität, Flächenhaftigkeit, abstrakter Stil, Isolation, Allverbundenheit sowie Sublimation und Werthaltigkeit an,75 welche im folgenden Kapitel ausführlich erläutert werden.
9. Zwei weitere wichtige Merkmale sind die Entindividualisierung der Darstellung, in der die Schilderung eines scheinbar individuellen Erlebnisses vor dem Hintergrund kollektiver Erfah- rung gedeutet werden muss, und der klare Bau für das Volksmärchen, der typisch für diese Gattung ist.76
10. Die traditionellen Märchen zeichnen sich ausschließlich durch eine klare Strukturierung aus. Vladimir propp zeigt dies besonders anhand der Zaubermärchen auf,77 worauf im weiteren Verlauf der Arbeit noch eingegangen werden wird.78
11. Ein weiteres typisches Merkmal des Märchens ist das Happy End am Ende jeden Märchens. Das glückliche Ende wird als Ziel des Geschehens gesehen. Glück ist allerdings nicht immer Gegenstand der Darstellung, wird es doch meistens nur als Schlussformel genannt. Daneben stehen auch die Antimärchen, die ein falsches ‚Happy End‘ beinhalten, wie dies unter anderem bei Schneewittchen beobachtet werden kann: Die Königin tanzt sich bei der Hochzeit von Schneewittchen und dem prinzen zu Tode.79
12. Jede mündliche oder schriftliche Realisierung eines Märchentextes stellt ein eigenes Kunst- werk dar, abhängig vom individuellen Erzähltalent und den eigenen Intentionen. Die perfor- manz eines Märchens hat das potenzial eines Kunstwerks. Der Hörende wird durch die Darbie- tung in Form eines „Miterlebens“ einbezogen.80 „D i e Funktionalität besteht demnach im unbe- wussten Durchleben der Individuen, der Ablösung und der partnerschaftskonflikte während des Märchenerzählens.“ 81

[...]


1 Vgl. Fritsch, Siegfried: Märchen und Sagen. Versuch einer Deutung, Wuppertal 1992, S. 16

2 Ebd., S. 16.

3 Vgl. Lenz, Friedel: Bildsprache der Märchen. Stuttgart 1972, S. 7.

4 Vgl. Münch, Winfried: Märchenbilder und ihre Geheimnisse. Analytisches Verstehen und Selbstspiegelung im Märchen, Frankfurt am Main 2001, S. 78.

5 Vgl. Weinrebe, Helge M.A.: Märchen-Bilder-Bücher. Illustrierte Märchenbücher der Brüder Grimm m Unter- richt, Frankfurt am Main 1988, S. 16-18.

6 Vgl. Zitzlsperger, Helga: Märchen in Erziehung und Unterricht heute. pädagogische Zielvorstellungen und ak- tuelle didaktische Konzeptionen, in: Kurt Franz (Hrsg.), Märchenwelten. Das Volksmärchen aus der Sicht ver- schiedener Fachdisziplinen, Baltmannsweiler 2008, S. 14.

7 Zitzlsperger, Helga: Märchen in Erziehung und Unterricht heute. pädagogische Zielvorstellungen und aktuelle didaktische Konzeptionen, in: Kurt Franz (Hrsg.), Märchenwelten. Das Volksmärchen aus der Sicht verschiede- ner Fachdisziplinen, Baltmannsweiler 2008, S. 14.

8 Ebd., S. 14.

9 Vgl. Drewermann, Eugen/ Knoch, Linde/ Lange, Günter/ petzoldt, Leander/ Rölleke, Heinz/ Schmitt, Chris- toph/ Thiele, Jens/ Wilkes, Johannes/ Zizlsperger, Helga: Märchen-Märchenforschung. Märchendidaktik. In: Günther Lang (Hrsg.), Märchen. Märchenforschung, Märchendidaktik, Baltmannsweiler 2004, S. 6.

10 Vgl. Röhrich Lutz: und weil sie nicht gestorben sind … Anthropologie, Kulturgeschichte und Deutung von Märchen, Köln Weimar Wien 2002, Böhlau Verlag, S. 1.

11 Uther, Hans-Jörg: Grimms Kinder und Hausmärchen. München 1996, S. 86.

12 Heindrichs, Heinz-Albert: Das Märchen – eine Urform synästhetischen Erlebens. In: Kurt Franz / Walter Kahn (Hrsg.), Märchen-Kinder-Medien. Beiträge zur medialen Adaption von Märchen und zum didaktischen Umgang, Hohengehren 2000, S. 7.

13 Ebd., S. 7.

14 Neuhaus, Stefan: Märchen. Tübingen 2005, S. 1.

15 Ebd., S. 1.

16 Vgl. Lüthi, Max: Das europäische Volksmärchen. Form und Wesen, Tübingen 2005, S. 5.

17 Vgl. panzer, Friedrich: Märchen. http://www.maerchenlexikon.de/texte/archiv/panzer01.htm, zuletzt aufgeru- fen am 25.08.2017.

18 Vgl. Clausen-Stolzenburg, Maren: Märchen und mittelalterliche Literaturtradition, Heidelberg 1995, S. 3.

19 Ebd., S. 3.

20 Vgl. Lüthi, Max: Märchen. Stuttgart 1962, S. 1.

21 Vgl. Lüthi, Märchen. S. 1.

22 Ebd., S. 1.

23 Ebd., S. 1.

24 Ranke, Kurt; Brednichs Regina (Hrsg.): Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung, Berlin 1977, S. 250.274.

25 Vgl. Neuhaus, Märchen, S. 3f.

26 Vgl. Lüthi, Märchen, S. 6.

27 Vgl. Heindrichs Ursula & Heindrichs Heinz-Albert (Hrsg.): Zauber Märchen. Forschungsberichte aus der Welt der Märchen, München 1998. S. 7.

28 Vgl. Rölleke, Heinz: Zauber-Märchen, Märchen-Zauber. Vom Zauber im Volks- und Kindermärchen, in: Hein- drichs Ursula & Heindrichs Heinz-Albert (Hrsg.): Zauber Märchen. Forschungsberichte aus der Welt der Mär- chen, München 1998, S. 9f.

29 Vgl. propp, Vladimir: Die historischen Wurzeln des Zaubermärchens. München 1987, S. 14

30 Ebd., S. 14.

31 Vgl. Neuhaus, Märchen, S. 7f.

32 Ebd., S. 9f.

33 Neuhaus, Stefan: Märchen. Tübingen 2005, S. 10

34 Ebd., S. 10f.

35 Vgl. Neuhaus, Märchen, S. 372f.

36 Vgl. Steigerwald, Jörn: Die fantastische Bildlichkeit der Stadt. Zur Begründung der literarischen Fantastik im Werk E.T.A. Hoffmanns. Würzburg 2001, S. 22.

37 Vgl. Durst, Uwe: Theorie der phantastischen Literatur. Tübingen 2001, S. 18.

38 Duden. Deutsches Universalwörterbuch. Mannheim 2001, S. 520.

39 Duden. Deutsches Universalwörterbuch. Mannheim 2001, S. 831

40 Lüthi, Max: Aspekte des Volksmärchens und der Volkssage, in: Karlinger, Felix (Hrsg.): Wege der Märchen- forschung. Darmstadt 1973.

41 Vgl. Neuhaus, Märchen, S. 374.

42 Vgl. Lüthi, Das europäische Volksmärchen, S. 6.

43 Vgl. Hetmann, Frederik: Märchen und Märchendeutung. Erleben & verstehen, Königsfurt 1999, S. 123.

44 Ebd., S. 124.

45 Vgl. Solms, Wilhelm: Die Moral von Grimms Märchen. Darmstadt 1999, S. 165.

46 Vgl. Barsch, Achim: Märchen und Medien. Hohengehren 2007, S. 5.

47 Vgl. Rölleke, Heinz: Die Märchen der Gebrüder Grimm. Eine Einführung, Bonn 1992, S. 27f.

48 Ebd., 27f.

49 Vgl. Gerstner, Herrmann: Brüder Grimm. Reinbeck bei Hamburg 1973, 12f.

50 Vgl. Rölleke, Die Märchen der Gebrüder Grimm, S. 27f.

51 Vgl. Rölleke, Die Märchen der Gebrüder Grimm, S. 30f.

52 Vgl. Academic: Universallexikon. http://universal_lexikon.deacademic.com/287759/primordien zuletzt aufge- rufen am 21.09.2017.

53 Vgl. Rölleke, Die Märchen der Gebrüder Grimm, S. 30f.

54 Gerstner, Herrmann: Brüder Grimm. Reinbeck bei Hamburg 1973, S. 38.

55 Vgl. Rölleke, Die Märchen der Gebrüder Grimm. S. 32f.

56 Vgl. Rölleke, Die Märchen der Gebrüder Grimm, S. 70f.

57 Rölleke, Heinz: Die Märchen der Gebrüder Grimm. Eine Einführung, Bonn 1992, S. 80f.

58 Vgl. Barsch, Märchen und Medien, S. 19.

59 Vgl. Anonym: Wie grimmig ist Disney? Ein Vergleich zwischen Disney Filmen und ihren grimmschen Origi- nalvorlagen, Norderstedt 2015, S. 10

60 Ebd., S. 10.

61 Ebd., S. 10.

62 Vgl. Schoof, Wilhelm: Stilentwicklung der Grimm’schen Märchen. in: Will-Erich peukert/ Wolfgang Stamm- ler (Hrsg.): Zeitschrift für deutsche philologie. 74 Bd., München 1955, S. 428.

63 Schoof, Wilhelm: Stilentwicklung der Grimm’schen Märchen. in: Will-Erich peukert/ Wolfgang Stammler (Hrsg.): Zeitschrift für deutsche philologie. 74 Bd., München 1955, S. 428.

64 Vgl. Lüthi, Märchen, S. 27

65 Vgl. pöge-Alder Kathrin: Märchenforschung. Theorien, Methoden, Interpretation, Tübingen 2007, S. 31.

66 Ebd., S. 31.

67 Vgl. pöge-Alder, Märchenforschung, S. 31.

68 Ebd., S. 32.

69 Ebd., S. 32.

70 pöge-Alder Kathrin: Märchenforschung. Theorien, Methoden, Interpretation, Tübingen 2007, S. 32

71 Vgl. Röhrich, Lutz: Märchen und Wirklichkeit. Eine Volkskundliche Untersuchung, Köln 2011, S. 63.

72 Vgl. pöge-Alder, Märchenforschung, S. 32.

73 Ebd., S. 33.

74 Ebd., S. 33.

75 Vgl. pöge-Alder, Märchenforschung, S. 34.

76 Ebd., S. 34.

77 Ebd., S. 35.

78 Ebd., S. 35.

79 Ebd., S. 36.

80 Vgl. pöge-Alder, Märchenforschung, S. 37.

81 pöge-Alder Kathrin: Märchenforschung. Theorien, Methoden, Interpretation, Tübingen 2007, S. 33.

Ende der Leseprobe aus 78 Seiten

Details

Titel
Die Brüder Grimm. Ein Märchen zwischen Grausamkeit und Faszination
Untertitel
Eine Untersuchung der Konzeptionen des kindgemäßen anhand verschiedener Fassungen des Märchens "Schneewittchen". Illustrationen im Vergleich
Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
78
Katalognummer
V494787
ISBN (eBook)
9783346005502
ISBN (Buch)
9783346005519
Sprache
Deutsch
Schlagworte
brüder, illustrationen, schneewittchen, märchens, fassungen, konzeptionen, untersuchung, eine, faszination, grausamkeit, märchen, grimm, vergleich
Arbeit zitieren
Rebecca Munique (Autor), 2017, Die Brüder Grimm. Ein Märchen zwischen Grausamkeit und Faszination, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/494787

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