Von der Alchemie zur industriellen Chemie

Historische Grundlagen und verfahrenstechnische Grundoperationen


Masterarbeit, 2018
98 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Aufgabenstellung und Ziel

3 Die 7 Stufen der Alchemie - Bildbetrachtung

4 Von derAlchemie zur Industriellen Chemie
4.1 Entstehung im alten Agypten
4.2 Albertus Magnus in der Renaissance
4.3 Die vier Elemente: Feuer, Wasser, Luft und Erde
4.4 Prima Materia - Urgrund der Stoffe
4.5 Stein der Weisen und Opus Magnum
4.6 Experimente und Laboratorien
4.7 Goldmachen und Heilen
4.8 Paracelsus
4.9 Metallurgie
4.10 Astrologie
4.11 Entwicklung zur industriellen Chemie

5 VaterderAlchemie
Geber (Abu Musa Dschabir)
Theophrastus Bombastus von Hohenheim (Paracelsus)
Johann Rudolph Glauber
Robert Boyle

6 Destination und Extraktion in der Historie
Jungsteinzeit und Bronzezeit (8000 bis 1000 v. Chr.)
Antike (600 v. Chr. Bis ca. 400 n. Chr.) .(
Arabische Epoche (600 bis 1400) (
Mittelalter (500 bis 1500) (
Spatmittelalter und Renaissance (1500 bis 1650)
Barock und Aufklarung (1650 bis 1800)
Industrielle Revolution (1750 bis 1850)
19. Jahrhundert bis heute
Vergleich der Destination damals und heute

7 Alchemie heute

8 Zusammenfassung

9 Quellen

10 Abbildungsnachweis

1 Einleitung

Liest man die Begriffe Alchemie und Mittelalter, fuhlt man sich haufig sehrweit in die Vergangenheit versetzt. Meistens entsteht dabei das Gefuhl, diese waren so weit von der heutigen Zeit entfernt, dass sie keinerlei Beruhrungspunkte mit dem Heute be- sitzen.

Betrachtet man die Zeit des Mittelalters jedoch genauer, wird schnell klar, dass auch in der heutigen Zeit noch zahlreiche Hinterlassenschaften wie Kirchen, Brucken, Universi- taten Oder Burgen aus der damaligen Zeit vorhanden sind. Und auch in der modernen Chemie ist mehr von der Alchemie zu finden als man sich anfangs vorstellt. Die Chemi- ker heute distanzieren sich oft ausdrucklich von der Alchemie, jedoch ist der Ursprung der modernen Chemie in der Alchemie zu finden. [Weyer, 1989]

Betrachtet man die Chemie in ihren Anfangen, ist diese nicht von der Alchemie zu tren- nen. Als eigenstandige Wissenschaft musste sie sich jedoch erst allmahlich herausbil- den. Die Verdrangung der Alchemie gelang erst nach Herausbildung des neuen wis- senschaftlichen Denkens und dem Wachsen der moderneren Naturwissenschaften. [Menninghaus, 2000]

Die Denkweisen der Alchemie mischen naturwissenschaftliche Erkenntnisse im heuti­gen Sinn mit religiosen, kunstlerischen und emotionalen Elementen. Sie wird demnach oft als Teil der Naturphilosophie beschrieben und umfasst im Wesentlichen zwei Ge- sichtspunkte: Zum Einen einen naturwissenschaftlichen Aspekt. Dabei geht es urn die Veredelung unedler Metalle, die Transmutation von einem Stoff in Silber und Gold mit Hilfe von Erkenntnissen und Experimenten aus dem Bereich der Metallurgie.

Zum Anderen waren die Alchemisten auf der Suche nach Vervollkommnung ihrer See- le. Dieser spirituelle Teil ersuchte die Verlangerung des Lebens bis hin zur Unsterblich- keit. [Strobel, 2006; Menninghaus, 2000]

Hauptsachlich ist die Alchemie durch diejenigen schwarzen Schafe bekannt geworden, die zu Betrugszwecken Gold herzustellen versuchten. Aber es gab neben diesen auch einige Personlichkeiten, die ernstzunehmende Alchemie betrieben und damals den Grundstein fur die heutige moderne Chemie legten. [Weyer, 1989]

Ausgangspunkt der alchemistischen Philosophie bildet die Tabula Smaragdina, auf de- ren Inschrift sich die fundamental Idee des Kreislaufs der Welt widerspiegelte. Die Al- chemisten gingen von vier Grundelementen aus, aus denen alles andere zusammen- gesetzt sei. Erst in einer Neuordnung dieser Grundelemente entstunden alle weiteren Stoffe. Der alchemistische Neubildungs-Prozess, der den Kreislauf der Welt nachahmt, setzt Zerstorung voraus. Er strebt, philosophisch betrachtet, ein Gleichgewicht von Ge- gensatzen an wie beispielsweise Materie und Geist Oder Tod und Wiedergeburt. Fur die Verwandlung wurde der Stein der Weisen benotigt, in dessen Suche das Hauptbe- streben der Alchemisten lag. [Menninghaus, 2000]

Auf der Suche nach dem Stein der Weisen fuhrten sie eine Vielzahl an Experimenten durch, entdeckten zahlreiche chemische Reaktionen und erfanden zum Teil noch heute genutzte Gerate. Sie entwickelten neue Fahigkeiten, Praktiken und Techniken, die auch in der modernen Chemie eingesetzt werden. Es ist daher legitim zu behaupten, dass die Alchemisten als Wegbereiter der abendlandischen Wissenschaft gesehen werden konnen. [Suhr, 2017]

lm Folgenden wird der Aufbau der Arbeit kurz erlautert:

Mit einer Bildbetrachtung aus dem Werk „Cabala: Spiegel der Kunst und Natur“ von Stephan Michelspacher wird in Abschnitt 3 in die Geschichte von der Alchemie zur Chemie eingefuhrt. Das Kunstwerk zeigt, dass die Grundoperationen der heutigen in­dustriellen Chemie auch damals bereits bekannt waren und verwendet wurden. Im da- rauffolgenden Kapitel 4 wird der Werdegang von der Entstehung derAlchemie bis hin zur Entwicklung der industriellen Chemie mit einigen Themenschwerpunkten beleuch- tet. Urn einen besseren Uberblick uber die damals wirkenden Personen zu erhalten, sind in Abschnitt 5 herausragende Personlichkeiten derAlchemie und deren Einfluss auf die Entwicklung beschrieben. Der Schwerpunkt der Arbeit ist auf Kapitel 6 gelegt, in dem die Veranderungen zweier verfahrenstechnische Grundoperationen (Destination und Extraktion) von der Steinzeit bis hin zur heutigen Zeit beschrieben und dann vergli- chen werden. Den Abschluss der Arbeit bildet Abschnitt 8 mit der Beleuchtung der al- chemistischen Vorstellung der heutigen Zeit.

2 Aufgabenstellung und Ziel

Ziel dieser Masterprojektarbeit ist es, den Werdegang der Alchemie zur industriellen Chemie darzustellen. Hierbei sollen historische Grundlagen genannt sowie die Entste- hung verfahrenstechnischer Grundoperationen beschrieben werden.

Weiterhin gilt es herauszufinden, ab wann die Alchemie in eine ernstzunehmende Na- turwissenschaft ubergeht und sich damit von der Naturphilosophie abspaltet.

Die grundlegende Betrachtung der historischen Vorstellung der Alchemisten soil zu- nachst durch eine Bildbetrachtung des Werks „Cabala: Spiegel der Kunst und Natur“ von Stephan Michelspacher aus dem Jahre 1615 aufgezeigt werden. Mit Hilfe der Be­trachtung der Grundannahmen der Alchemie und der Parallelen zur heutigen Chemie soil nach und nach die Entwicklung zum naturwissenschaftlichen Denken bis hin zur industriellen Chemie beschrieben werden.

3 Die 7 Stufen der Alchemie - Bildbetrachtung

lm Folgenden wird eine Bildbetrachtung des in Abbildung 1 abgedruckten Stichs von Stephan Michelspacher durchgefuhrt. Dabei werden die alchemistischen Vorstellungen der damaligen Zeit aufgefuhrt und erlautert. Auch die sieben Stufen, die zum inneren des Berges fuhren, werden betrachtet. Diese sind nach noch heute verwendeten ver- fahrenstechnischen Grundoperationen benannt, die zur Zeit der Entstehung des Bildes bereits von grower Bedeutung fur die Vollkommenheit des alchemistischen Prozesses waren.

Das Werk „Cabala: Spiegel der Kunst und Natur" von Stephan Michelspacher wurde 1615 in Augsburg veroffentlicht. Es enthalt ein Vorwort und einen kurzen alchemisti­schen Text, der teilweise in Versform verfasst ist. Das Werk beschreibt drei Spiegel, die das Paracelsische Triumvirat von Quecksilber, Salz und Schwefel reflektieren. Die­se Spiegel wurden laut Text von der Sonne geschmiedet und von Gott gemacht. Dem Textfolgen vier Abbildungen, die den Prozess der Transmutation darstellen: Die Kunst undNatur, Exaltation, Coniunction und Multiplication. Die dritte Abbildung mit dem Titel „Mittel: Coniunction" ist in diesem Kapitel beschrieben. [Michelspacher, 1615]

Wahrend die ersten beiden Abbildungen in Michelspachers Werk die Schwefel und Quecksilber-Gewinnung verbildlichen, liegt der Fokus bei der dritten im Zerfall und der Neuordnung der Stoffe, derVermahlung von Quecksilber und Schwefel (vgl. Schwefel- Quecksilber-Theorie, Kapitel 4.5) und die damit verbundenen sieben Stufen der Alche­mie. Im Mittelpunkt der Abbildung steht hier demnach die Vereinigung von physischen und spirituellen Elementen mit dem Ziel der Vollendung. [van Ackooy, 2016]

Im Zentrum des Bildes liegt ein Berg mit einem „verborgenen Brautgemach der chymi- schen Hochzeit", welches uber sieben Stufen erreicht werden kann. Umrahmt wird der Berg von den vier Elementen; dem Feuer (Ignis), der Luft (Aeris), der Erde (Aeris) und dem Wasser (Aqvae) sowie den 12 Tierkreiszeichen. [Michelspacher, 1615; Kratz, 1990]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Cabala: Spiegel der Kunst und Natur von Stephan Michelspacher (1615)

Der Fels, in dessen Inneren sich das Brautgemach befindet, besitzt drei Plateaus. Auf jedem steht die personifizierte Abbildung eines Planeten. Auf der linken Seite des Ber- ges erkennt man auf dem untersten Plateau Venus, abgebildet als Frau, die ein bren- nendes Herz und einen Spiegel hochhalt. Mars, als Mann, der eine Ritterrustung tragt und Schwert und Schild in der Hand halt, steht auf dem Plateau uber Venus. Noch eine Stufe daruber erkennt man einen majestatisch wirkenden Mann mit einem Zepter in der Hand, der eine V-formige Handbewegung macht. Dieser reprasentiert die Sonne, [van Ackooy, 2016]

Auf dem untersten Plateau der rechten Seite ist Saturn in der Gestalt eines Mannes, welcher ein Baby und eine Sense in den Handen halt, abgebildet. Saturn steht fur den Unglucksstern, der als „boser Planet" oft mit Holzbein, Sense und einem Kind auf dem Arm, das erfrisst, dargestellt wird. [Schittny, 1999] Eine Stufe weiter oben befindet sich ein Mann mit einer Krone, der Jupiter verkorpert. Er hat ein Zepter in der einen und mehrere Blitze in der anderen Hand. Auf der obersten Stufe steht der Mond, abgebildet als eine Frau, die einen Halbmond auf dem Kopf tragt. Sie halt ein Horn und einen Speer in der Hand. Hochstwahrscheinlich reprasentiert sie Artemis bzw. Diana aus der romischen Mythologie. [van Ackooy, 2016]

An der Spitze des Berges ist ein Mann mit Flugeln am Helm und den Knocheln zu er- kennen. Er stellt Merkur dar. Dieser halt einen Hermesstab und einen sechszackigen Stern in seinen Handen. Der sechszackige Stern ist in der zweiten Abbildung des Wer- kes von Michelspacher bereits abgebildet und ein oft Verwendetes Symbol in der Al­chemie. Merkur steht mit nur einem Bein auf einem hexagonalen Brunnen bzw. einer Wasserfontane. Unter ihr ist die Abkurzung V.W.IW.V. zu lesen. Diese steht fur „Unser Wasser ist Wasser Unser" und erinnert an einen Bibeltext im Johannes-Evangelium: „Wer von diesem Wasser trinkt, den wir wieder dursten; wer aber von dem Wasser trin- ken wird, das ich ihm gebe, den wird ewiglich nicht dursten; sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm ein Brunnen des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt." (Johannes 4,14). [van Ackooy, 2016]

Fur die Anordnung bzw. die hierarchische Abbildung der Planeten findet man folgende Erklarung:

Auch wenn Venus das Kupfer verkorpert und Saturn das Blei (zur Zuordnung der Pla­neten zu den Metallen vgl. Kapitel 4.10) zeigt die erste Abbildung aus Michelspachers Werk eine direkte Verbindung zwischen Venus und Vitriol sowie Saturn und Antimon.

Beides gelten in der Alchemie als Substanzen fur den Beginn des alchemistischen Pro- zesses. [van Ackooy, 2016]

Mars und Jupiter verkorpern Eisen und Zinn. Auch hier istjedoch in der ersten Abbil- dung einen Zusammenhang von Mars und Schwefel sowie Jupiter und Bismuth aufge- zeigt. Die Hierarchie in dem vorliegenden Bild konnte sich demnach auf die Startsub- stanzen Vitriol und Antimon beziehen, zu denen Schwefel und Bismuth hinzugegeben werden sollen. Vereint man diese wiederum mit Sonne und Mond, erlangt man das phi- losophische Quecksilber. [van Ackooy, 2016]

lm Inneren des Bergs befindet sich derTempel der Erleuchtung, der durch sieben Fenster beleuchtet ist. Dort findet im versteckten Brautgemach die Vermahlung bzw. die Vereinigung von Konig und Konigin statt, die unbekleidet dargestellt sind. Den Ko- nig kann man an dem Zepter in der Hand erkennen. Es sieht aus als wolle er nach der Konigin greifen, die drei Blumen in der Hand halt. Die drei Blumen symbolisieren wahr- scheinlich die drei Elemente derTria Principia, Sulfur (Schwefel), Mercurius (Quecksilber) und Sal (Salz). [Symboldictionary, o.D., Libavius, 1565; Feuerstein-Herz, Laube, 2016]

Diese konnten allerdings auch rote und weiGe Rosen darstellen, die als weitere wichti- ge Symbole in alchemistischen Prozessen gelten. Die Rosen zeigen, dass die Alche­mie und der Okkultismus sich am Katholizismus orientieren, da Rosen als katholische Symbole fur die Jungfrau Maria gelten. [Menninghaus, 2000]

Im ruckwartigen Bereich des Tempels befindet sich ein Brennofen, der Athanor, der fur das Zutun des Feuers zur Vollendung der Transmutation steht. Die Kuppel des Tern- pels ist mit einer Sonne links und einem Mond auf der rechten Seite geschmuckt, ent- sprechend dem Konig auf der linken und der Konigin auf der rechten Seite. Der Mond wird von zehn Sternen umschlossen, die fur Tetraktys1 Oder Sephirot2 stehen konnten.

Die Kuppel des Tempels ziert ein Phonix. Er symbolisiert die Krone der alchemisti­schen Arbeit und steht fur die Vollendung des Opus Magnum. Zudem ist der Phonix

Symbol einer Erneuerung und der Entstehung von Gold aus der Vereinigung von Son­ne (dem mannlichen Part) und Mond (dem weibliche Teil). Weiterhin symbolisiert er den verdampfenden Teil bei der Destination, also dem Geist. Das alchemistische Werk ist hier also dargestellt als eine spirituelle Reise bei der Korper und Geist wiedergebo- ren werden. [Battistini, 2007]

Der abgebildete Berg im Zentrum der Abbildung durfte den Stein derWeisen symboli- sieren (vgl. Kapitel 4.5). Er konnte jedoch auch ein Hinweis darauf sein, dass der Stein derWeisen in der Erde begraben liegt. Liegt dieser im Inneren der Erde, muss er zu- nachst hinausbefordert und dann „gesaubert“ werden. Dies erinnert an das Akrostichon V.l.T.R.I.O.L.U.M. von Libavius: Visita interiors terrae, rectificando invenies occultum lapidem, veram medicinam - „Betrachte, was im Inneren der Erde liegt: indem du es lauterst wirst du einen zuvor verborgenen Stein erhalten, das wahre Heilmit- tel.“ [Symboldictionary, o.D., Libavius, 1565]

Eine weitere Vorstellung beschreibt den Berg als Vehikel fur den alchemistischen Pro- zess an sich. Der Konig und die Konigin, also der maskuline und der feminine Part, be- finden sich gemeinsam darin, urn sich zu vereinen. Dies lasst sich zuruckfuhren auf die Worte von Hermes Trismegistus (vgl. Kapitel 4.1) ,,Die Erde ist seine Nahrmutter". Der Berg bzw. das Vehikel konnte demnach von bestimmter Zusammensetzung sein, und somit als Nahrmedium bestimmter Vorgange dienen. Dass die Erde gewisse Substan- zen zu Tage befordert, ist in Kapitel 4.5 erlautert. [Wendler, o.D.]

Bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass der Berg sowohl auf festem Grund als auch auf Wasser steht. Wasser gilt als der Ursprung aller Dinge. Mit Hilfe der Trocken- heit von Feuer und der Luft, wird es in der alchemistischen Vorstellung zu Erde. Im In­neren des Berges kann also durch das Wasser und das Zutun der weiteren Elemente die Erde entstehen, auf dem der Berg steht. Damit wurde die Lehre von Aristoteles auf- gegriffen, nach dieser jeder Stoff aus den genannten vier Elementen aufgebaut ist (vgl. Kapitel 4.3). [van Ackooy, 2016; Szulakowska, o.D.; Helmenstine, 2017]

Die Tierkreiszeichen, die ebenso wie die Elemente den Berg einrahmen, stehen dafur, dass der Prozess der Transmutation zum Stein der Weisen uber einen sehr langen Zeitraum andauert. [von Franz, 1980]

Unter den Tierkreiszeichen sind zusatzlich ihre alchemistische Symbole zu sehen. Die unterschiedlichen Tierkreiszeichen sind jeweils einem Metall zugeordnet, welches di- rekt unter ihnen zu erkennen ist. Von links nach rechts sind das: Stier und Waage, die Kupfer zugeordnet sind; Skorpion und Widder, die Eisen reprasentieren und der Lowe, der fur das Gold steht. Die Jungfrau und der Zwilling stehen fur das Quecksilber, der Krebs fur den Mond und Schutze und Fische symbolisieren Zinn. Steinbock und Was- sermann schlieGlich, stehen fur Blei. Dabei ist jeweils das sog. Taghaus vor dem Nachthaus angeordnet (vgl. Kapitel 4.10). Interessanterweise sind die Tierkreiszeichen nicht nach der Reihenfolge abgebildet, in dersie in einem Kalenderjahr vorkommen. Vielmehr wurden sie nach der Personifikation ihrer zugehorigen Planeten angeordnet (vgl. Kapitel 4.10). Ganz links des Bogens sind Stier und Waage, die mit ihrem Plane- ten Venus verbunden sind. Skorpion und Widder sind neben ihrem Planeten Mars ab­gebildet, wahrend der Lowe neben der Sonne abgebildet ist, die er reprasentiert. Mer- kur ist der regierende Planet von Jungfrau und Zwilling und der Mond regiert uber Krebs. Jupiter ist mit Schutze und Fische verbunden und Saturn herrscht uber Stein­bock und Wassermann. [van Ackooy, 2016; Schittny, 1999]

Der Stier als erstes Symbol in der Abfolge der Tierkreiszeichen, konnte ein Zeichen da- fur sein, dass das alchimistische Werk der Transmutation im Fruhling gestartet wird. [Ozkan, o.D.]

Im Vordergrund der Abbildung sind zwei Manner zu sehen. Der Mann, der die Augen verbunden hat, steht fur die holprige und muhsame Suche nach der Wahrheit. Der rich- tige Weg wird durch den zweite Mann symbolisiert, der Kunstler, der seinen naturlichen Instinkten folgt bzw. einem Hasen in seinen Bau. Der Hase verkorpert in der traditionel- len Alchemie einen Kunstler, der eine Art Wiedergeburt durchlauft, wenn er in seinen Bau in der Erde verschwindet. Von dort aus kann er von innen den Berg erklimmen und so bis zur hochsten Erkenntnisstufe hinaufsteigen. [Vohler, Linck, de Gruyter, 2009; von Franz, 1980]

Der Weg zur alchemistischen Vollkommenheit ist ein dreistufiger Entwicklungsprozess. Dieserfunktioniert nach dem Prinzip solve etcoagula (lat. lose und binde). Urn die hochste Stufe zu erlangen, muss der Ausgangsstoff in seine Einzelteile zerlegt werden und dabei seine Gestalt verlieren. Durch anschlieGende Reinigung und Wiedervereini- gung entsteht so durch Transmutation, dem dritten Schritt, ein neuer vollkommener Endstoff. Die drei Stufen zur Vollkommenheit konnen in Anlehnung an Paracelsus noch weiter in sieben Stufen differenziert werden, welche in dem Bild von Michelspacher dargestellt sind. Jede dieser Stufen ist mit einem alchemistischen Prozess gleichzuset-zen (vgl. Kapitel 4.6). [Leukroth, 2011; von Franz, 1980; Battistini; Gebelein, 2007]

Dem Prinzip des Losens folgen die ersten drei Stufen, also die Calcinatio (Verbrennung und Zerreiben), die Solutio (Auflosung) und die putrefactio (Faulnis). Sie wurden als sogenannte Todesprozesse angesehen. Die nachsten Stufen, also die der Distillatio (Destillatrion), der Sublimatio (Sublimation) und der Coagulatio (Fallung) gehoren zu den Reinigungsprozessen. Diese werden durch den Prozess der Tinktur zum Stein der Weisen verbunden. [Leukroth, 2011, von Franz, 1980; Battistini; Gebelein, 2007]

Die hier dargestellten Stufen sind im Folgenden kurz erlautert (vgl. Kapitel 4.6):

- CALTINATION - Calcination (Kalzinierung): Dieser Prozess steht fur die Verbren­nung der Ausgangssubstanz. Die Grundsubstanz wird durch Brennen Oder Glu- hen eingeaschert.
- SVBLIMATION - Sublimation (Veredelung): Durch die heftige Reaktion der Subli­mation wird die geistige Substanz ruckgefuhrt und kann somit einen hoheren Wert erlangen.
- SOLVTION - Solution (Losung): Die Grundsubstanz wird verflussigt indem sie aufgelost Oder geschmolzen wird.
- PVTREFACTION - Putrefaction (Faulnis, Fermentation): Bei der Faulnis farbt sich die Substanz schwarz, was als Tod des Stoffes angesehen wird und die Ruckfuh- rung zur prima materia. Die Einheit der Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde kann sich neu formen und auferstehen.
- DISTILLATION - Distillation (Destination): Hierbei wird der Stoff verwandelt und in seine Bestandteile aufgeteilt. Dieser Vorgang gleicht dem eines Destillationsvor- gangs.
- COAGVLATION - Coagulation (Koagulation, Ausfallung): Bei diesem Schritt ver- festigt sich ein nicht korperlicher Stoff. Aus einer atherischen Substanz wird so unter Anderem durch Gerinnung bzw. Fallung nun ein fester Stoff. Da Gold eines der stabilsten Metalle ist, bringt dieser Schritt die Alchemisten naher zur Herstel- lung von Gold.
- TINCTVR - Tinctur (Tinktur): Die Tinktur beschreibt eine atherische Substanz, die alien Stoffen, die damit in Kontakt kommen, ihre besonderen Eigenschaften ver- leiht. Sie ist somit die hochste Stufe zur Herstellung von Gold und kann durch ihr Zutunjeden beliebigen Stoff in Gold verwandeln. [Gessmann, 1899; Leukroth, 2011; von Kirschner, o. D., Horchler, 2007]

Schaut man genauer hin, entdeckt man in der Abbildung einige Parallelen zu Paracel­sus Vorstellungen. Dies ist nicht verwunderlich, denn Michelspacher war Anhanger der Paracelsischen Lehre.

Urn das Bild jedoch richtig einordnen zu konnen, muss man alle Bilder aus Michelspa- chers Werk betrachten. Das erste Bild illustriert den Prozess der Vorbereitung des Ro- ten Lowen3 Das zweite Bild zeigt die Erschaffung des grunen Lowen4 Das Hauptthe- ma des dritten Bildes ist die heilige Vermahlung, also die Zusammenkunft von Schwe- fel und Quecksilber. In diesem Bild ist demnach die Vereinigung des roten mit dem gru­nen Lowen dargestellt. Es zeigt somit die dritte und finale Stufe der Herstellung der Tinktur, die dem Stein der Weisen gleicht. [van Ackooy, 2016]

Michelspachers Werk bildet seine alchemistische Vorstellung zur Entstehung des Stein der Weisen ab. Diese war fur die damalige Zeit typisch und spiegelte das Denken der Mehrheit der Alchemisten wieder. Die sieben Stufen zur Vollkommenheit der Alchemie zahlen jedoch noch heute zu den verfahrenstechnischen Grundoperationen (vgl. Kapi- tel 4.6). In den folgenden Kapiteln werden die alchemistischen Denkmuster, die hinter diesem Werk stehen, weiter beschrieben und erklart.

4 Von der Alchemie zur industriellen Chemie

4.1 Entstehung im alten Agypten

Die Begriffsherkunft der Alchemie (auch Alchimie Oder Alchymie) ist bisher nicht ein- deutig geklart. Es wird lediglich vermutet, dass sie im alten Agypten entstand. [Jack­son, 2016; Suhr, 2017]

Das Wort ist wahrscheinlich eine arabische Form (al-kamiya) des griechischen Wortes chymeia bzw. chemeia. Al steht hierfur den arabischen Artikel. Auch die genaue Be- deutung des griechischen Wortes ist nicht eindeutig. Das verwandte Wort chyma heiGt in etwa Metallguss; diese Ubersetzung liegt daher nahe. Jedoch wird ebenso oft die Meinung vertreten, dass sich der Begriff auf die alten Agypter bezieht, die ihrfruchtba- res Land als Kymia Oder Khemeia (schwarze Erde) bezeichneten. In diesem Zusam- menhang konnte man den Begriff als „Kunst der Agypter" Oder „Stoff aus Agypten" ubersetzen. [Jackson, 2016, Suhr, 2017]

Die Alchemie als solche soil einer Sage nach vor Tausenden von Jahren im alten Agypten entstanden sein. Dort lebte die Gottergestalt Hermes Trismegistos, das grie- chische Pendant des agyptischen Gott Thot, der als Begrunder und Vater der Alchemie gesehen wird. Seinem Vornamen nach, ist die Alchemie heute noch als hermetische Wissenschaft bekannt. Hermes Trismegistos soil mit Hilfe von alexandrinischen Mon- chen zu Beginn unserer Zeitrechnung Schriften in Umlauf gebracht haben, die die Kunst, Gold zu machen, in Form einer Darstellung des Stein der Weisen enthielten. Weiterhin nimmt man an, dass Trismegistos die Philosophie der hermetischen Lehre niederschrieb, die jedoch erst im11. Jahrhundert auf der sog. Tabula Smaragdina (lat. Smaragdene Tafel) von dem Alchemisten Hortulanus veroffentlicht wurde und in Abbil- dung 2 zu sehen ist. Die Tabula Smaragdina macht in zwolf allegorischen Satzen grundsatzliche Aussagen uber den Stein der Weisen und seine Mythologie und dient der Alchemie als eine Art Glaubensbekenntnis. [Schittny, 1999, Kratz, 1990]

Erst uber Umwege kam die Alchemie dann nach Europa. Bereits 600 bis 300 v. Chr. sollen griechische Philosophen Gedanken uber den Aufbau von Materie angestellt ha­ben. Urn die Natur zu verstehen und zu erklaren, erschufen sie verschiedene Modelle. Diese wurden zwar auf ihre Logik hin uberpruft, jedoch nicht experimentell bestatigt. [Suhr, 2017; Kratz, 1990]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Stich der Lateinischen Fassung der Tabula Smaragdina eingraviert auf einem Felsen (Ausgabe des Amphitheatrum Sapientiae Eternae des Alchimisten Heinrich Khunrath, Hannover, 1609)

Weiterhin findet man erst im vom Hellenismus (griech. hellenismos, Griechentum) ge- pragten Agypten schon fruh Hinweise auf die Alchemie. Dort vereinigte sich wahr- scheinlich die neuplatonische Philosophie, die von den Griechen importiertwurde mit einer ausgepragten metallurgischen Praxis zur Alchemie. [Schittny, 1999; Figala, 1998]

Fur die Alchemisten gab es zwei primare Ziele, von denen eines praktischer, das ande- re eher philosophischer Natur war. Als das praktische Ziel der Alchemisten wird die Transmutation (Umwandlung) bzw. Vervollkommnung unedler Metalle in Gold Oder Sil- ber beschrieben. Das spirituelle Ziel war die Erlosung und die damit verbundenen Lau- terung und Vervollkommnung der Seele der Alchemisten, bis hin zum ewigen Leben. [Figala, 1998]

Bereits in den Anfangen der Alchemie wurde die grundlegende Vorstellung des Lapis philosophorum, dem Stein der Weisen gepragt, mit dessen Hilfe man die Transmutati­on unedler Metalle zu edleren Metallen vollziehen konnte. [Schittny, 1999]

Die alchemistischen Schriften sind in der Regel in griechischer Sprache verfasst. Sie wurden erst spater teilweise ins Lateinische ubersetzt. [Figala, 1998]

Bis ins 17. Jahrhundert ist die Alchemie die einzige wissenschaftliche Beschaftigung zur Untersuchung chemischer Stoffe. Fur die Entwicklung zur modernen Chemie spielt sie daher eine bedeutende Rolle. [Suhr, 2017],

4.2 Albertus Magnus in der Renaissance

In der Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert kam die Zeit der Ubersetzungen von Schriften aus dem Arabischen langsam zu einem Ende. Es schlieGt sich die Epoche der Hochscholastik (altgriech. scholastikos, muGig, seine MuR>e der Wissenschaft wid- mend; lateinisiert scholasticus, schulisch) an, die Methode und Denkweise der Beweis- fuhrung. Zahlreiche Universitaten wurden in dieser Zeit gegrundet. [Schutt, 2000]

Betrachtet man den Wechsel des Paradigmas vom Mittelalter hin zur Neuzeit, ist Alber­tus Magnus (urn 1200-1280) nicht wegzudenken. Albertus Magnus, der in Abbildung 3 zu sehen ist, war Theologe, Philosoph und Naturforscher und wird falschlicherweise haufig Albert Graf von Bollstadt genannt. Erwar maGgeblich daran beteiligt, die durch die von der Kirche unterdruckte und somit vergessene Philosophie von Aristoteles und die griechische und arabische Literatur wieder zu finden. Ohne einen Ruckblick auf an- tikes Wissen ware eine Weiterentwicklung der Alchemie nicht moglich gewesen. Alber-tus Magnus war einer der ersten, der die Erkenntnisse aus der Natur nicht nur studier- te, sondern selbst als Forscher tatig wurde. Mit ihm machte die Alchemie Experimente zur Forschungsgrundlage. [Schittny, 1999; Suhr, 2017]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Albertus Magnus mit Bischofshut

Albertus Magnus erhoffte sich eine Vereinigung von Alchemie und Theologie und auch sein Schuler Thomas von Aquin wandte sich gegen die Kritik konservativer Theologen. Sie postulierten, Gott sei die Quelle der Erkenntnis damit unumstoGlich mit den Er- kenntnissen der Alchemie verbunden. Diese Behauptung hielt sich bis zum heutigen Tag in der Symbolik des Christentums. Dies ist in der unterschiedlichen Tiersymbolik zu erkennen, die sowohl die Alchemisten nutzen als auch in Kirchen zu sehen ist. Das Christentum beschrieb die Erlosung von Krankheit und Tod als Erlosungswerk Christi, wahrend die Alchemie diese Erlosung haufig in Abbildungen von Tieren versinnbildlich- te. Die haufigsten Symbole aus dem Tierreich, die mit dem Tod und der Auferstehung in Verbindung gebracht werden, sind der Ouroborus, der in Abbildung 4 dargestellt ist, der Pelikan Oder der Phonix. [Schittny, 1999; Suhr, 2017]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Ouroborus, Zeichnung von Theodoros Pelecanos aus Synosius, einem alchemistischen Traktat (1648)

Der Ouroborus (vgl. Abbildung 4) gilt als das Alteste der drei Symbole. In der Abbildung ist sie als eine sich selbst verschlingende und dadurch sich neu gebarende Schlange zu erkennen. Durch das Symbol des Kreises stellt sie den Kreislauf der Zeit und des Universums und damit die Ewigkeit dar. Der Ouroborus wurde bis ins 19. Jahrhundert als Symbol der Ewigkeit verwendet. [Schittny, 1999]

Die Christliche Symbolik wurde von den Alchemisten ubernommen und die Deutung fur ihre Zwecke angepasst. Der Ouroborus ist zugleich eine Darstellung des Kreislaufs der Natur, den die Alchemisten in ihren Laboratorien zu verstehen und nachzuahmen ver- suchten. [Schittny, 1999]

Albertus Magnus hegte generelle Zweifel an den Ergebnissen der Alchemisten. Dies hinderte ihn jedoch nicht daran, selbst Forschungen anzustellen und Behauptungen aufzustellen. Auch seine Untersuchungen zu „Scheidewasser“ hielt er akribisch fest.

Die Flussigkeit war in der Lage, Silber aufzulosen und ist heute als Salpetersaure be- kannt. Magnus behauptete, die daraus gewonnenen Flussigkeit farbe seine Haut schwarz. Spater wurde sie zur Entwicklung der ersten Fotos verwendet, da sie Silberni- trat enthielt, was sich als eine lichtempfindliche Chemikalie herausstellte. [Jackson, 2016]

Auch die Herstellung von Schwefelsaure, deren Entdeckung noch ungewisser ist als die der Salpetersaure, wird Albertus Magnus oftmals zugeschrieben. Eine genaue Be- schreibung dieser bleibtjedoch bis ins 16. Jahrhundert aus. [Figala, 1998]

4.3 Die vier Elemente: Feuer, Wasser, Luft und Erde

Heute ist allgemeinhin bekannt, dass Materie, die unseren Kosmos bildet, aus mehr als 100 verschiedene Stoffen besteht, von denen 118 bereits nachgewiesen werden konn- ten. Die Vorstellung einer 4-Elemente-Theorie (vgl. Abbildung 5), die im 5. Jahrhundert vor Christus aufkam, reichtejedoch bis ins 19. Jahrhundert hinein. Danach wurde alles, was es auf der Welt gab, aus vier Komponenten aufgebaut: Feuer, Wasser, Erde und Luft. Empedokles (490 bis 430 v. Chr.), ein griechischer Philosoph, teilte die Vorstel­lung, diese vier Elemente waren unveranderlich. Aristoteles (384 bis 322 v. Chr.), be- trachtete die Elemente jedoch als ineinander umwandelbar. Aristoteles' Vorstellung be- grundete spater in die alchemistische Transmutationslehre, die die Umwandlung von unedlen Metallen in edle wie Gold Oder Silber beschrieb. In der alchemistischen Vor­stellung waren die Metalle keine reinen Stoffe, sondern ebenso zusammengesetzt aus den vier Elementen. Anderte man ihre Zusammensetzung, konnte durch diese Manipu­lation Gold entstehen. Dieses Vorstellung der vier Elemente findet sich ubrigens auf der ganzen Welt verteilt in den unterschiedlichsten Uberlieferungen verschiedener Vol- ker und Kulturen. Sie wurde auch spater in der Astrologie ubernommen (vgl. Kapitel 4.10). [Schittny, 1999, Suhr, 2006]

Laut Aristoteles soil es sogarein funftes Element, den Ather, gegeben haben. Er wurde auch als „Himmelsbaustoff“ bezeichnet und beschrieb die von Paracelsus als Extrakt aller Elemente gesehene Quinta essentia. [Schittny, 1999, Suhr, 2006]

Auch in der chinesischen Kultur kam ein verwandtes Modell auf der Funf-Elemente- Lehre auf. Auch bei ihnen findet man Feuer, Wasser und Erde. Statt der Luft sind je­doch die Elemente Holz und Metall genannt. [Suhr, 2006; Coudert, 2017]

Wahrend Platon (ein griechischer Philosoph) jedem der Elemente einen regelmaGigen Korper zuordnete (Wurfel, Tetraeder, Oktaederund Ikosaeder), verband sein Schuler Aristoteles diese mit den Eigenschaften kalt, warm, feucht und trocken. [Suhr, 2006; Coudert, 2017]

Die Zuordnung zu seinen Eigenschaften zeigt folgende Abbildung 5. Feuer wurden bei- spielsweise die Eigenschaften warm und trocken zugeschrieben, wahrend Wasser die Eigenschaften kalt und feucht erhielt. [Coudert, 2017]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Schematische Darstellung der 4-Elemente-Lehre

Auch auf Hermes Trismegistos Smaragdtafeln lasst sich die 4-Elemente-Theorie wie- derfinden. Darauf heiGt es „Sein Vater ist die Sonne, seine Mutter der Mond. Der Wind hat es in seinem Bauch getragen. Seine Nahrmutter ist die Erde.“ [Erdmann, 2007]

Die vier Stoffe Feuer, Wasser, Erde und Luft sind mit dem damaligen Denken durchaus nachvollziehbar. Die irdischen Erscheinungen bargen fur die Menschen damals etwas mystisches und unerklarbares. Das Element Feuer war nicht greifbar und demnach sehr geheimnisvoll; es kann Stoffe umwandeln, Warme geben, aber auch alles vernich- ten. Seine magische Wirkung lieG sich damit leicht erklaren. Ahnlich dem Feuer, wurde das Element Luft gesehen. Da weitere farblose Gase damals noch nicht bekannt wa- ren, war die Luft einziger zwar spurbarer, jedoch nicht sichtbarer Stoff. Oft wurde sie damals mit dem Atem Gottes verglichen.

Das Wasser wurde als Kontrahent des Feuers gesehen, welches es vernichten konnte. Aufgrund seiner flussigen Form und weil alles lebendige auf der Erde das Wasser zum Leben braucht, betrachtete man es als Lebensspender und Baustein der Welt.

Die Erde wurde ebenfalls aus Baustein gesehen, da sie Fruchtbarkeit darstellte. Aus ihr wuchsen allerlei Pflanzen und in ihr Metalle, Salz und Schwefel. Die Vorstellung der Alchemisten war die, dass die Erde alles verwandeln konnte, was sich lange Zeit in ihr befand. Sie gait als Prima Materia und Urgrund der Stoffe, heutzutage gleichzusetzen miteinem Katalysator.

Um sich die vier Elemente vorzustellen, betrachtete man nach einer heidnischen Tradi­tion vier unterschiedliche Elementargeister, als die Bewohner dieser Elemente. Die Vorstellung der Menschen lieG die Geister als menschenahnliche Damonen erschei- nen. Im Feuer hausten die Vulkanales5 und Salamander, wahrend das von Sirenen6 und Nymphen7 bewohnt wurde. In der Luft wohnten die Umbrati8 und Satyren9 und in der Erde die Gnome und Lemuren10. [Schittny, 1999]

Die Theorie hielt sich bis ins 17. Jahrhundert und war richtungsweisend fur die Chemie, die bis dahin nur unter der Alchemie bekannt war. Erst Robert Boyle gab den AnstoG zur Veranderung bis hin zum Periodensystem der Elemente. Er lieG nur noch diejeni- gen Stoffe als Elemente zu, die sich nicht weiter in andere Stoffe zerlegen lieGen. Da die Elemente nun nicht mehr mit den Aggregatzustanden verknupft waren, wurde der Begriff als solches neu gepragt [Jackson, 2016]

Auch heute noch spielen die vier Elemente eine entscheidende Rolle in der Chemie (vgl. Kapitel 7): Das Feuer beispielsweise steht symbolisch fur die zugefuhrte oderfrei- gesetzte Energie chemischer Reaktionen. Wahrend das Wasserfur sich selbst steht, symbolisiert Erde einen Katalysator, da sie in der Lage ist, alles zu verwandeln, was sich in ihr befindet. Das Element Luft wird gleichgesetzt mit Sauerstoff Oder manchmal auch Stickstoff. Alle diese Komponenten sind wichtige Parameter der industriellen Che­mie.

4.4 Prima materia - Urgrund der Stoffe

Prima materia Oder auch materia prima (lat. Erste Materie) ist ein philosophischer Aus- druck und heiBt ubersetzt so viel wie „Urstoff“ Oder „Urmaterie“. Sie beschreibt ein schwarze Substanz aus der der Stein der Weisen hergestellt werden konnte. [Menninghaus, 2000]

Wie bereits erwahnt, grundete die Vorstellung der Alchemisten mitunter darauf, dass der Kosmos aus den vier Elementen Feuer, Wasser, Luft und Erde aufgebaut sei. Ein Element, die Erde, sahen sie jedoch als Urgrund fur die Prima materia an, aus der alles aufgebaut ist. Die Erde wurde als fruchtbar angesehen. Sie bringt Pflanzen hervor und wurde als Grund fur die Geburt der aus „Urzeugung“ entstandenen kleinen Lebewesen gesehen. Vor Allem aber waren die Alchemisten davon uberzeugt, dass die Erde und das Gestein auch fur das Wachsen der Metalle fruchtbar waren und die fur sie so wich- tigen Substanzen Schwefel, Quecksilber und Salz hervor brachte.

Die Vorstellung, dass die Metalle, vor Allem die edlen Metalle wie Gold und Silber, nicht von Beginn an im Gestein vorhanden sind, sondern sich uber tausende von Jah- ren gebildet haben, bestarkte den Glauben an uberirdische Naturkrafte und deren Wir- ken in der prima materia. Die Wirkung dieser Naturkrafte, die fur diese Art von Evoluti­on verantwortlich war, wurde mit der treibenden Kraft des Verwesungsprozesses (putrefacio, siehe Kapitel 4.6) gleichgesetzt.

Die Alchemisten versuchten daher, die in der Erde wirkenden Naturkrafte zu gewinnen und daraus ein Konzentrat (Tinktur) herzustellen, mit diesem sie Gold herstellen kon- nen. [Schittny, 1999]

Der Stein der Weisen sollte jedoch eher aus niedrigeren Substanzen, die die Beschaf- fenheit der prima materia besaGen, hergestellt werden als aus denen groGerer Voll- kommenheit. Daher wurde auch mit Haaren, Exkrementen und Blut experimentiert. [Menninghaus, 2000]

Nach Aristoteles bestimmte der Anteil von Wasser in einem Element dessen Wert. Blei gait jedoch aufgrund seines geringen Schmelzpunktes als ein sehr geringwertiges Me- tall, weshalb es neben Quecksilber oft als Urstoff fur alchemistische Transformationen genutzt wurde. Unter dem Begriff wurde nicht nur das uns heute bekannte Blei gefasst, er umfasst weiterhin beispielsweise auch Zinn und Antimon. [Figala 1998]

[...]


1 (griech. Vierergruppe) kommt aus der pythagoreischen Zahlenlehre und gait damals als der „Schlussel zum Verstandnis der Weltharmonie". Unter Tetraktys versteht man die Einheit aus den Zah- len 1,2,3 und 4, die in Summe 10 ergibt. Die 10 gait damals als heilige Zahl; ihr kam auch wegen ihrer Eigenschaft als Grundzahl des Dezimalsystems eine herausragende Rolle zu. [Kraftsik, 2018]

2 Sephirot (*): auch Sephiroth, Sefirot Oder Sefiroth, beschreibtdie zehn gottgegebenen Emanationen (etwas, das aus einem Ursprung hervorgehend, den es selbst hervorbringt) des kabbalistischen (Kabballa: mystische Tradition im Judentum) Lebensbaums. [Kraftsik, 2018]

3 Der rote Lowe steht vielmals fur Zinnober Oder auch fur den Stein der Weisen, das fertige Elixier, da eine rote Farbe in der Natur oftmals reife Fruchte kennzeichnet. [Gebelein, 2004]

4 Der grune Lowe steht fur Kupfer-Eisenvitriol (grunes Vitriol), aus dem Schwefelsaure (Vitriolol) gewon- nen werden kann. Er steht zudem fur den Beginn eines gro&en Werk, da eine grune Farbe in der Natur oftmals mit der Eigenschaft unreif gleichgesetzt wird. [Gebelein, 2004]

5 6 7 8 9 10 ^jer a||es Bezeichnungen fur verschiedene Naturgeister [Roberts, 2015]

Ende der Leseprobe aus 98 Seiten

Details

Titel
Von der Alchemie zur industriellen Chemie
Untertitel
Historische Grundlagen und verfahrenstechnische Grundoperationen
Hochschule
Hochschule Mannheim
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
98
Katalognummer
V495421
ISBN (eBook)
9783346001481
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Alchemie, Chemie, Industrielle Chemie, Ingenieurwesen, Chemieingenieurwesen, Verfahrenstechnik
Arbeit zitieren
Anja Schäfer (Autor), 2018, Von der Alchemie zur industriellen Chemie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/495421

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