Ist Religiosität ein Integrationshindernis? Die Integration muslimischer Migranten in Deutschland und zunehmende Ablehnung des Islams


Bachelorarbeit, 2019

55 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Hinweis für den Leser

1 Einleitung
1.1 Entwicklung der Forschungsfrage sowie Ziel der Arbeit
1.2 Der aktuelle Forschungsstand
1.3 Vorgehensweise

2 Wachsender religiöser Pluralismus und Konzept der Sozialen Integration im Hinblick auf die Muslimische Einwanderung
2.1 Einwanderung und Konzept der Sozialintegration
2.1.1 Was ist Integration
2.1.2 System und Sozialintegration
2.1.3 Sozialintegrationsmodell und weitere Einflussfaktoren
2.2 Zusammenhalt unter Wahrung des Pluralismus der Gesellschaft
2.2.1 Wachsender religiöser Pluralismus
2.2.2 Konzept des Sozialkapitals
2.2.3 Muslime und Gesellschaftlicher Zusammenhalt

3 Religiosität der Muslime und Wahrnehmung des Islams in Deutschland
3.1 Die Religiosität der Muslime in Deutschland
3.1.1 Wie viele Muslime leben in Deutschland
3.1.2 Vergleich der Religiosität von Muslimen und gesamt deutscher Bevölkerung
3.1.3 Religiosität unter den Muslimen Jugendlichen
3.2 Wahrnehmung von Islam und Muslimen
3.2.1 Zunehmende Ablehnung der Bevölkerung gegenüber Islam und Muslimen
3.2.2 Toleranz und Offenheit gegenüber Islam im Verhältnis zu anderen Religionen

4. Integration und gesellschaftlicher Teilhabe von Muslimen
4.1 Sozialintegration von Muslimen
4.1.1 Erwerb von Landessprache und Beteiligung am Erwerbsleben
4.1.2 Freizeitkontakte von Muslimen
4.1.3 Verbundenheit von Muslimen mit Deutschland
4.2 Engagement im Bereich Flüchtlingshilfe von Muslimen im verglich zu gesamt Bevölkerung
4.2.1 Religionsgemeinschaften und Flüchtlingshilfe
4.2.2 Weitere Einflussfaktoren für Flüchtlingshilfe
4.2.3 Was Beeinflusst die Integration von Muslimen

5. Islam in den deutschen Medien
5.1 Islambild wird heute medial geprägt
5.2 Lage und Häufigkeit der Berichterstattung
5.3 Wie “Framen“ Medien den Islam

6. Fazit

Quellenverzeichnis

Hinweise für den Leser

Aus Gründen der leichteren Lesbarkeit wird in der vorliegenden Masterarbeit die gewohnte männliche Sprachform bei personenbezogenen Substantiven und Pronomen verwendet. Dies impliziert jedoch keine Benachteiligung des weiblichen Geschlechts, sondern soll im Sinne der sprachlichen Vereinfachung als geschlechtsneutral zu verstehen sein.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Religiosität im Vergleich von muslimischen Schülern, Studenten und der muslimischen Allgemeinbevölkerung (in %)

Abbildung 2: Einstellungen zum Islam und zu Muslimen in den Jahren 2012 und 2014 (in%).

Abbildung 3 : Islambild(Passt in die westliche Welt), Toleranz und Vielfalt(in %)

Abbildung 4: Engagement für Geflüchtete nach Wichtigkeit religiöser Gebote im Alltag (in%)

Abbildung 5: SPIEGEL, Nr. 47/

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Religionspolitische Debatten in Deutschland und ihre Medienresonanz zwischen Dezember 2009 und Mai

1. Einleitung

1.1 Entwicklung der Forschungsfrage sowie Ziel der Arbeit

Der Glaube an Gott verliert an Bedeutung. Schätzungsweise sind es etwa 40 Prozent der Menschen in Deutschland, die nicht an einem Gott glauben. Unter Muslimen ist die Anzahl derer, die nicht an Gott glauben sehr gering. Besonders verliert die Religion Ihre Bedeutung bei den Jungen Menschen, ihre erste Priorität ist nicht Gott (Vgl. Endewardt/Wegner 2018, 16; vgl. auch Zuckerman 2007, 12 und 15)

Zumindest kann keiner von uns bezweifeln, dass Religion eine lange Zeit die Rolle als Wertevermittler gespielt hat. Heute ist aber der berühmte Satz “ Ich bin vom Glauben zum Wissen konvertiert“ In Zeiten der Globalisierung wird also, Religion oder Religiosität anstatt Fortschritt als ein Rückschritt betrachtet. Weil Muslime sich im allgemein, durch sehr viel stärkeren Glauben an Gott auszeichnen, könnte diese Betrachtung auch für sie in Frage kommen. Hinzukommt, dass in vielen Ländern Konflikte herrschen, wo überwiegend Muslime sind. Höhe Zuwanderung in Europa und Deutschland, ist eine Folge von diesen Konflikten. In diesem Zusammenhang wird ohne Vielfalt und Geschichte des Islams zu berücksichtigen, besonders dafür eingesetzt, dass Islam für Integration der Muslimen ein Hindernis darstellt.

Höhe Religiosität und Integration erscheint soweit als Widerspruch zu sein, dass eine erfolgreiche Integration nicht religiös begründet wird, für eine Desintegration wird aber ausschließlich Religion verantwortlich gemacht ( vgl. Abdel-Samad 2018)

Ziel dieser Arbeit ist es, ein Überblick darüber zu verschaffen, wie in pluralistische Deutsche Gesellschaft die Muslimische Religiosität und Integration miteinander einhergeht und wie es wahrgenommen wird, sowie welche Gründe hierfür jeweils liegen. Dies wird in Form von einer Qualitativen Inhaltsanalyse erfolgen

1.2 Der aktuelle Forschungsstand

Es gibt mittlerweile schon einige Studien, die Integration oder gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Religiosität der Muslimischen Einwanderer im Bezug zu einander setzen, die Anzahl ist aber relative überschaubar. Beispielsweise hat BAMF im Jahr 2009 über Vielfalt des Islams und über Religiosität der Muslimen, eine Studie durchgeführt. Arabaci Erdogan hat in einer Fallstudie im Jahr 2008 die Bedeutung islamischer Religiosität im Integrationsprozess der zweiten Generation in Hamburg untersucht. Die Uni Hamburg hat auch im Jahr 2007, im Auftrag des deutschen Innenministeriums über die Weiterentwicklung der Muslimen in Deutschland eine Studie durchgeführt, dabei wurde Religiosität der Muslimen in unterschiedlichen Lebensbereichen und Altersstufen auch berücksichtigt (Vgl. Brettfeld/Peter 2007; Stichs/Müssig/Haug 2009; Erdogan, 2008). Bertelsmann Stiftung, die Bereits seit 1990 Religion als Wertevermittler für den gesellschaftlichen Zusammenhalt untersucht hat Seit Jahr 2007 mit dem Religionsmonitor ein neues Messinstrument initiiert, damit die Rolle von Religion empirisch untersucht werden kann. Bis jetzt wurden im Rahmen dieses Messinstruments drei Befragungswellen, Religionsmonitor 2008, Religionsmonitor 2013 und Religionsmonitor 2017 durchgeführt (Vgl. Bertelsmann Stiftung 2019).

Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) ist ein unabhängiges, interdisziplinär besetztes Expertengremium, das die Politik handlungsorientiert berät und der Öffentlichkeit sachliche Informationen zur Verfügung stellt. Es besteht aus neun Sachverständigen, die jährlich ein Jahresgutachten vorlegen und zu aktuellen Entwicklungen in den Bereichen Integration und Migration Stellung beziehen. SVR führt außerdem auch alle zwei Jahre einen Integrationsbarometer durch. Nach SVR ist das Integrationsbarometer eine repräsentative Bevölkerungsumfrage unter Menschen mit und ohne Migrationshintergrund in Deutschland. Es misst das Integrationsklima in der Einwanderungsgesellschaft und erhebt Einschätzungen und Erwartungen der Bevölkerung mit Blick auf Integration und Migration sowie auf Integrations- und Migrationspolitik. Mit hohem Anteil an Befragten mit Migrationshintergrund (über 70 %) ist das Integrationsbarometer eine der größten repräsentativen Befragungen von Zuwanderinnen und Zuwanderern in Deutschland (Vgl. Schu 2019). Man muss dazu auch sagen, dass SVR die Entwicklungen in den Bereichen Integration und Migration meistens ehr nach Herkunftsgruppen beobachtet und dabei werden Dimensionen der Religiosität sehr selten berücksichtigt. Im Rahmen des Eurislams Projektes wurde auch, die kulturelle Integration von Muslimischen Migranten untersucht, dabei würde Integration im Verhältnis zu Assimilation gesetzt. Allerdings würde die Zentralität der Religiosität hier nicht berücksichtigt (vgl. Koopmans 2016). Excellenzcluster „Religion und Politik“ an der WWU Münster, hat im Jahr 2012 in fünf europäischen Ländern, Deutschland, Franzosen, Dänen, Niederländer und Portugiesen eine Umfrage zur religiösen Vielfalt durchgeführt. Hierbei wurde auch die Wahrnehmung von Islam untersucht (Vgl. Pollack 2010).

1.3 Vorgehensweise

Im unmittelbar anschließenden Kapitel 2 werden Begriffe wie Integration, religiöser Pluralismus und Zusammenhalt vor allem in Beziehung zur aktueller muslimischen Einwanderung gesetzt. Kapitel 3 beschäftigt sich mit Zentralität der Religiosität und soll einen Überblick über Wahrnehmung von Muslimen und Islam geben. Die Diskussion um muslimische Religiosität wird im Kapitel 4 auf Integration und Engagement weiterfortgeführt. Kapitel 5 stellt das Bindeglied zwischen Islamwahrnehmung von Medialer Berichterstattung dar. Schließlich werden in Kapitel 6 die zentralen Befunde der Arbeit zusammengefasst.

2.Wachsender religiöser Pluralismus und Konzept der Sozialen Integration im Hinblick auf die Muslimische Einwanderung

2.1 Einwanderung und Konzept der Sozialintegration

2.1.1 Was ist Integration

Sicherlich ist es auch nötig zu definieren, was mit Integration genau gemeint ist. In der Wissenschaft sind unterschiedliche Konzepte in Gebrauch. Einigkeit besteht jedoch darin, dass gesellschaftliche Teilhabe für eine gelingende Integration zentral ist. Deswegen ist beispielweise in dieser Hinsicht der Erwerb der Landessprache – je früher, desto besser - oder die Beteiligung am Erwerbsleben eine Schlüsselstellung für eine gelingende Integration. Ein gelingender gesellschaftlicher Zusammenhalt in einem Einwanderungsland hängt auch davon ab, wie viel Diversität die Mehrheitsgesellschaft bereit ist zu akzeptieren. Religiöse und kulturelle Differenz ist nicht an sich automatisch ein Zeichen von Desintegration, solange sich alle an die Regeln des Zusammenlebens halten (Vgl. Halm/Sauer 2017, 8f.).

Laut Definition von Begriff Integration nach (Duden 2019) kommt das Wort Integration aus dem lateinischen „integratio“ und bedeutet “Wiederherstellung eines Ganzen“. Bildungssprachlich hat es zwei Bedeutungen: erste: „[Wieder]herstellung einer Einheit [aus Differenziertem]“ oder „Vervollständigung“ und zweite: „Einbeziehung, Eingliederung in ein größeres Ganzes“. Soziologisch bedeutet es demnach: „Verbindung einer Vielheit von einzelnen Personen oder Gruppen zu einer gesellschaftlichen und kulturellen Einheit“

Synonyme zu Integration sind “Einheit, Ganzheit, Geschlossenheit, Verbundenheit, Vereinigung, Verschmelzung, Zusammenschluss; (bildungssprachlich) Unität; Aufnahme, Einbettung, Einbeziehung, Einbürgerung, Eingliederung, Inklusion“. Das Gegenteil von Integration ist „Desintegration“.

Hartmut Esser hat Integration so definiert: „Unter Integration wird ganz allgemein-der Zusammenhalt von Teilen in einem „systemischen Ganzen verstanden, gleichgültig zunächst worauf dieser Zusammenhalt beruht. Die Teile müssen ein nicht wegzudenkender, ein, wie man auch sagen könnte, „integraler“ Bestandteil des Ganzen sein. Durch diesen Zusammenhalt der Teile grenzt sich das System dann auch von einer bestimmten „Umgebung“ ab und wird in dieser Umgebung als „System“ identifizierbar. Der Gegenbegriff zur Integration ist die Segmentation (…)“ (Esser 2001, 1).

2.1.2 System und Sozialintegration

Aufgrund von zwei verschieden Einheiten des Begriffes der Integration: das „System“ als Ganzheit und die „Teile“, die es bilden hat britischen Soziologen David Lockwood Systemintegration und von Sozialintegration Interscheiden. Als System-integration bezeichnete Lockwood dabei „the orderlyor conflictful relationships between the parts “, als Sozialintegration dagegen „the orderly or conflictful relationships between the actors “eines sozialen Systems (vgl. Lockwood, 1964 zit. nach Esser 2001, 3). Die Unterscheidung von diesen zwei Schichtweisen des Integrationsbegriffes war wichtig denn, wenn man sie nicht einhält, kann es zu Verwirrungen führen. Die Systemintegration bezieht sich also auf die Integration des Systems einer Gesellschaft als Ganzheit, die Sozialintegration dagegen auf die Integration der Akteure oder von ihnen gebildeten Gruppen „in“ das System hinein. Bei der ersten ist das System der Gesellschaft der Bezugspunkt der Betrachtung, bei der zweiten, sind es die Akteure bzw. die Bevölkerung und die verschiedenen Gruppen (vgl. Esser 2001, 3).

Die Systemintegration ist allgemein gesagt, dann ein jene Form des Zusammenhalts der Teile eines sozialen Systems, bei der fast keinen Spielraum für die speziellen Motive und Beziehungen der individuellen Akteure gibt und es eigentlich sogar auch gegen ihre Absichten und Interessen, sozusagen anonym und hinter ihrem Rücken, vollzieht und durchsetzt, während bei der sozialen Integration, die Akteure Wahl haben, und es unmittelbar mit den Motiven, Orientierungen, Absichten und insbesondere den Beziehungen der Akteure zu tun hat. Die Systemintegration ist die Integration eines sozialen Systems „über die Köpfe“ der Akteure hinweg. Die Sozialintegration ist dagegen der Einbezug, die „Inklusion“ der Akteure in die jeweiligen sozialen Systeme. Das heißt es kann grundsätzlich eine Systemintegration auch ohne Sozialintegration geben (vgl. Esser 2001, 3 und 4).

Es herrscht aber schon eine gewisse Beziehung zwitschern systemische und soziale Integration. Im Wesentlichen, sind beide Integrationsformen in sozialen Netzwerken mit einander logisch verbunden, Grund hierfür ist, dass bei extrem geringer Systemintegration auch nur eine geringe Sozialintegration bei den Akteuren geben kann, und eine hohe Systemintegration bei einer gewissen Mindestzahl von Akteuren eine hohe Sozialintegration bedeuten muss. Meist ist im Zusammenhang der „Integration“ von Migranten und fremdethnischen Gruppen die Sozialintegration gemeint: das heißt konkret: Der Einbezug der Akteure in das gesellschaftliche Geschehen, etwa in Form der Gewährung von Rechten, des Erwerbs von Sprachkenntnissen, der Beteiligung am Bildungssystem und am Arbeitsmarkt, der Entstehung sozialer Akzeptanz, der Aufnahme von interethnischen Freundschaften, der Beteiligung am öffentlichen und am politischen Leben und auch der emotionalen Identifikation mit dem Aufnahmeland (Vgl. a.a.O., 5 und 8).

Vor allem hat Esser das Konzept der Sozialintegration theoretisch und empirisch auch weiterverfolgt und hat dabei folgende Sozialintegrationsdimension als wesentliche gesellschaftliche Dimensionen oder Bereiche, die den Prozess der sozialen Integration von Individuen beschreiben unterschieden: die Akkulturation, die Platzierung, die Interaktion und die Identifikation (vgl. Esser 2001, 2009; vgl. auch Halm/Sauer 2017, 24). Weiterhin gibt Esser einerseits zu, dass die einheimische Bevölkerung auch nicht homogen ist, andererseits meint er aber, dass die Sozialintegration in einer Aufnehme Gesellschaft nur in der Form einer Assimilation möglich ist (vgl. Esser 2001, 21). Seyla Benhabib, meint in diesem Zusammenhang, dass eine kulturelle Vielfalt möglich ist, solang es sich im Rahmen der Menschenrechte und der Gesetze des Aufnahmelandes bewegt. Sie vertritt ein Multikulturalismusparadigma, also ein einen öffentlichen Diskurs zu Fragen des multikulturellen Zusammenlebens, nach dem die ethnischen Gruppen Ihrer kulturellen Eigenartigkeit behalten können, aber es soll Ihre politische Partizipation nicht hindern (Vgl. Benhabib 1999, zit. nach El-Menouar 2017, 240).

Für den jeweiligen Zusammenhang mit der Religiosität, ergeben dann somit schon unterschiedliche Fragestellungen: Nach der Dimension der Systemintegration, stellt sich die Frage Inwiefern fördert oder hemmt intensiv gelebte Religiosität bzw. die religiöse Pluralisierung den gesellschaftlichen Zusammenhalt? Nach der Dimension der Sozialintegration stellt sich die Frage Inwiefern fördert oder hemmt Religiosität die Teilhabe einzelner Individuen an den zentralen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens (vgl. Wittlif/Weinmann 2018)?

2.1.3 Sozialintegrationsmodell und weitere Einflussfaktoren

Die Esser zugrundeliegenden Annahmen über den Verlauf von Sozialintegration, vernachlässigen manche Effekte oder es berücksichtigt manche Effekte auch gar nicht.

Effekte wie die „Binnenintegration“ innerhalb der eigenen Herkunftscommunity, die Voraussetzungen für die Integration in die Aufnahmegesellschaft herstellen oder sogar die aufnahmegesellschaftliche Integration partiell oder temporär ersetzen können, vor allem mit Blick auf Migranten mit kurzen Aufenthaltsdauern, werden hierbei vernachlässigt (vgl. Elwert, 1982 zit. nach Halm/Sauer 2017, 24). Ein anderes Argument wäre, dass die heutige Lebenswirklichkeit von vielen Migranten den nationalen Rahmen schon so weit verlassen hat, dass Sozialintegration in transnationalen Bezügen verläuft und somit müssen Fragen der Akkulturation, Platzierung, Interaktion und Identifikation ganz anders gestellt werden. Die Frage nach der „Mehrfachintegration“ in unterschiedliche Kulturen und Gesellschaften ist auch mit dieser Annahme verbunden. Weiterhin stellt sich in kulturell Pluralen und sozial ungleichen (Einwanderungs-) Gesellschaften das Problem, der Plausibilität einer „Mainstream-Assimilation“ da ein sozialer „Mainstream“ hier nur noch als statistisches Konstrukt fassbar ist, aber nicht die konkrete Lebenswirklichkeit beschreibt (vgl. Pries 2012, zit. nach Halm/Sauer 2017, 24f.).

Voraussetzung für die Idee einer solchen Assimilation ist eine „Leitkultur“, die Mehrheit der Gesellschaft vertritt. Aufgrund der Herausbildung verschiedener Milieus lässt sich ein solcher Konsens in westeuropäischen Gesellschaften aber immer weniger erkennen. Mehrheitsgesellschaften, die nicht gewandert sind, unterschieden sich sogar auch hinsichtlich ihre Werten, Kulturen und sozialen Lagen (Vgl. ebd.).

Im Sozialintegrationsmodell können auch Einflussfaktoren wie herkunfts-oder religionsbezogene Diskriminierung nicht vorhergesehen werden. Beispielweise sind es Faktoren wie, etwa die Diskriminierung bei der Bewerbung um einen Arbeitsplatz, aber auch rechtliche Hürden beim Arbeitsmarkt-zugang (vgl. Halm /Sauer 2017, 26). In diesem Sinne ist auch möglich, dass die kulturelle und interaktive Sozialintegration rascher vonstattengeht als die strukturelle, weil sich letztere als voraussetzungsvoller herausstellt (vgl. Hans 2010, 203).

Man kann von daher auch erwarten, dass Diskriminierungsempfinden in persönlichen Kontakten also nicht rechtliche oder anderweitig strukturelle Diskriminierung auch den Sozialintegrationsprozess negativ beeinflusst. Die Daten des Eurislams Projektes liefern auch keinen belastbaren Zusammenhang zwischen selbstberichteter Diskriminierung und Arbeitsmarktzugang (vgl. Koopmans 2016, 213). Dabei soll man auch beachten, dass der Zusammenhang von Diskriminierungswahrnehmung und tatsächlichem Diskriminierungsgeschehen unklar ist. Das bedeutet, dass das subjektive Diskriminierungsempfinden nicht nach einheitlichen Maßstäben richtet und daher nur bedingt Erklärungskraft für den Verlauf von Sozialintegrationsprozessen besitzt (vgl. auch Halm/Sauer 2017, 26).

Es können auch weitere Faktoren wie fehlendes Sozialkapital bzw. die Beziehungen oder sozialer Ressourcen bzw. gegenseitiges Vertrauen sein, die den Prozess von Akkulturation in gesellschaftliche Platzierung also die Umsetzung von erworbener Bildung in Erwerbsarbeit und entsprechende Positionen erschweren. letztlich für die Erwerbsarbeit und entsprechenden Positionen ist auch die wirtschaftliche Gesamtsituation entscheidet. Beispielweise bei guter Arbeitsmarktlage und Wirtschaftswachstum gelingt es beiden Gruppen besser, sich auf dem Arbeitsmarkt zu platzieren als bei hoher Arbeitslosigkeit und Rezession. Schließlich können auch gruppenspezifische intrinsische Motive und Werthaltungen die strukturelle Integration beeinflussen, indem beispielsweise restriktive Geschlechterrollen, geringe Bildungsaspiration und Aufstiegsorientierung oder Fatalismus bzw. Jenseitsorientierung sozialen Aufstieg entgegenwirken (vgl. Halm/Sauer 2017, 24 und 27). Es ist also deutlich, dass das Modell der Sozialintegration voraussetzungsvoller ist. Weiterhin zeigen Hans (2010) aber auch Koopmans (2016), vor allem am Beispiel von Muslimischen Gruppen, dass es nicht nur verschiedene Dimensionen von Sozialintegration gibt sondern, Studien die Sozialintegration analysieren, auch die Zusammenhänge dieser Dimensionen berücksichtigen zu haben.

Auch wenn man für Moment das nicht Bestehen eines gesellschaftlichen Mainstreams und alternativer Integrationswegen, wie Binnenintegration und Transnationalisierung ignoriert, zeigen die Ergebnissen, dass es grundsätzlich keine Segregation zwitschern Einwanderern und der deutschen Bevölkerung gibt. Sogar es findet vielmehr in allen Bereichen im Laufe der Generationsverlauf von Migranten, eine Angleichung bzw. eine strukturelle und soziale Anpassung an die deutsche Gesellschaft statt. Außerdem ist deutsche Identifikation auch keine zwingende Voraussetzung für diese Kulturelle und soziale Assimilation (vgl. Hans 2010, 203 und 246-247).

Wenn also das Fehlen einer eindeutig deutschen Identität nicht in einer schwachen Sozialintegration einmündet, kann auch gesagt werden, dass eine dominante Identität eines Aufnahmelands, keine unabdingbare Voraussetzung für Soziale Integration bei andren Dimensionen ist (vgl. Halm/Sauer 2017, 27).

2.2 Zusammenhalt unter Wahrung des Pluralismus der Gesellschaft

2.2.1 Wachsender religiöser Pluralismus

Religiöser Pluralismus wächst heute vor allem in allen westlichen, aber auch in vielen sich entwickelnden Gesellschaften zu. Es ist zu einer zentralen sozialen und politischen Herausforderung geworden. Religiöse Vielfalt wird zum einen Aufgrund der Einwanderungsprozessen und damit einhergehenden stärkeren Sichtbarkeit religiöser Minderheiten vermehrt, Zum anderen trägt aber auch die wachsende Zahl derer, die überhaupt keiner Religion (mehr) angehören, zu einer weitergehenden weltanschaulichen Pluralisierung bei (Vgl. Traunmüller 2014,8).

Deutschland hat in seiner Geschichte umfangreiche Zu und Abwanderungsbewegungen erlebt. Heute haben mehr als 22 Prozent der Einwohner des Landes einen Migrationshintergrund. Somit kann man sagen, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Integration und Migration sind zentrale Zukunftsthemen, die Politik und Gesellschaft auch in den nächsten Jahren vor erhebliche Herausforderungen stellen werden. Besonders in dieser Hinsicht war vor allem das Jahr 2015. Das Jahr ist in das kollektive Gedächtnis der Bevölkerung Deutschlands als Jahr der "Flüchtlingskrise" eingegangen. Nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik war die Zahl der neu einreisenden Asylsuchenden höher (vgl. Hanewinkel/Oltmer (2017)).

Nach einer repräsentativen Umfrage in der wahlberechtigten Bevölkerung von Januar 2018, halten die Befragten Flüchtlingspolitik für die wichtigste Aufgabe, um die sich die Bundesregierung kümmern sollte, gefolgt vom Thema Sozial Politik (Vgl. Gothe, 2018).

Welche Folgen die neue religiöse Vielfalt für das soziale Miteinander, die politische Stabilität und die ökonomische Leistungsfähigkeit moderner Gesellschaften hat, hängt ganz entscheidend davon ab, in welcher Form die neue religiöse Vielfalt sich im Alltagsleben und den sozialen Beziehungen der Menschen durchsetzet. Zum Beispiel etwa ob Religiöse und Nicht-Religiöse oder Anhänger unterschiedlicher Religionen nur unter sich bleiben und den Kontakt zu anderen Gruppen vermeiden, sodass sich religiöse Parallelgesellschaften bilden und es zu gesellschaftlichen Konflikten kommt? Oder passen sich die Lebenswelten der Menschen an den neuen religiösen Pluralismus an und wird interreligiöser Kontakt so zu einer alltäglichen Normalität, die in einem friedlichen, von gegenseitiger Toleranz geprägten Miteinander resultiert (Vgl. Traunmüller 2014, 8)?

2.2.2 Konzept des Sozialkapitals

Nun ist auch wichtig zu schauen was mit dem Konzept des Sozialkapitals gemeint ist, damit sind soziale Beziehungen einer Gesellschaft gemeint, die sozialen Netzwerken wichtige Ressourcen darstellen, die zivilgesellschaftlichen Netzwerke und soziales Vertrauen bringen die soziale Kooperation zum gegenseitigen Nutzen und fördern Wohlergehen von denen sowohl Individuen als auch Gemeinden, Regionen oder Nationen profitieren können. Mit dem Begriff des Sozialkapitals, möchte man zum Ausdruck bringen, dass soziale Beziehungen zwischen den Menschen einen gesellschaftlichen Wert besitzen (Vgl. Traunmüller 2014, 2012). Im Unterschied zu physisches oder Humankapital verbirgt sich Sozialkapital allein in Beziehungsstrukturen von Individuen. Sozialkapital lebt nicht nur durch Etablierung von Rechten und Pflichten, sondern auch von wirksamen Normen, wie Beispielweise, dass man eigene Interessen zurückstellen sollte, um im kollektive Interesse voranzutreiben (Vgl. Seubert 2009, 84).

Almond und Sidney betonen die Wichtigkeit der sozialen Beziehungen für den politischen Prozess so: “The role of social trust and cooperativeness as a component of the civic culture cannot be overemphasized. It is, in a sense, a generalized resource that keeps a democratic polity operating” (1963, 490).

Der Sozialkapitalansatz stellt aber auch einen begrifflichen Bezugsrahmen bereit, also eine Unterscheidung von brückenbildenden (bridging) und bindenden (bonding) Formen des sozialen Zusammenhalts. Brückenbildenden Formen bezeichnen Netze zwischen Menschen, die sich in ihren sozialen Merkmalen – wie etwa ihrer Religionszugehörigkeit – unterscheiden. In bindenden Netzen hingegen kommen Menschen zusammen, die etwas teilen – wie etwa einen gemeinsamen Glauben. Beides sind Formen von Sozialkapital. Eine zunehmend Plurale Gesellschaft ist jedoch insbesondere auf brückenbildende Netze angewiesen, weil bindende Formen des Zusammenhalts mit einer Abschottung und mit Intoleranz gegenüber den Anderen einhergehen können. Deutlich ist Hierbei auch, dass das Religiös brückenbildende Sozialkapital von Menschen, was für die Akzeptanz der religiösen Vielfalt und für sozialen Zusammenhalt in einer religiösen Pluralen Gesellschaft wichtig ist und nur so kann mit religiöser Vielfalt umgegangen werden (Vgl. Traunmüller 2014).

Die Aspekte der Religiosität wie subjektive Glaube und die öffentliche religiöse Praxis beeinflussen auch Sozialkapitalbildung. Für den Zusammenhang zwischen Religiosität und Sozialkapital ist nicht nur der jeweiligen Konfession entscheidend, sondern dabei spielen auch, historische, soziale und kulturellen Faktoren, die in einer Gesellschaft dominiert sind, eine wichtige Rolle (Vgl. Traunmüller 2012).

2.2.3 Muslime und Gesellschaftlicher Zusammenhalt

Seit den letzten Parr Jahren ist auf einer Seite die muslimische Bevölkerung in Europa weiter stark angewachsen, auf der anderen Seite hat sich das Rechtspopulismus in den letzten in Europa und in Deutschland zugenommen. Ohne Zweifel ein Hauptgrund für zunehmenden Rechtspopulismus ist die hohe Zuwanderung und unten Zuwanderer sind meisten Menschen Angehörige der Religion Islam. Daraus kann man schließen, mit zunehmendem Rechtspopulismus nimmt die Islamfeindlichkeit oder Muslimfeindlichkeit auch zu.

Religion hat sehr viele Bedeutung bei der Integration und vor allem gerade bei den Muslimen. So hat zum Beispiel Prof. Dr. Barbara John, Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Berlin und Vorsitzende des Expertengremiums für Integrationskurse beim BAMF, sich über die Ergebnisse des Religionsmonitors 2008 und zur Bedeutung der Religion bei der Integration geäußert: „(…) Die Daten haben bestätigt (…) dass mit Einwanderern und gerade Migranten aus dem muslimischen Raum Religion und ihre Ausübung öffentlich und privat ein gesellschaftlich relevantes Thema geworden ist. Bisher hat die deutsche Gesellschaft darauf eher mit Ablehnung oder zumindest mit Befremden reagiert. Religiös zu sein, sich gar dazu demonstrativ zu bekennen, das wird von der Mehrheit der Deutschen als rückständig erachtet (…) Die Studie lehrt, dass Religiosität für Migranten in unserem Land ein ganz bedeutsames Lebensthema ist (…).“ Vgl. Bertelsmann Stiftung 2008, 75

Wie ebenso angeführt, sind Muslime die größte religiöse Minderheit in Deutschland und deren Zahl kann weiterhin auch steigen. Auf der anderen Seite, erwarten wir auch, dass Muslime auch mehr religiös als die andere Bevölkerung sind, dies werden wir auch in den folgenden Kapitelen uns näher anschauen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 55 Seiten

Details

Titel
Ist Religiosität ein Integrationshindernis? Die Integration muslimischer Migranten in Deutschland und zunehmende Ablehnung des Islams
Hochschule
Universität Osnabrück
Note
2,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
55
Katalognummer
V496488
ISBN (eBook)
9783346010490
ISBN (Buch)
9783346010506
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Religiösität, Islam, Integration, Migration, Islam in Medien
Arbeit zitieren
Atta ur Rehman (Autor), 2019, Ist Religiosität ein Integrationshindernis? Die Integration muslimischer Migranten in Deutschland und zunehmende Ablehnung des Islams, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/496488

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