Andreas Gryphius' "Abend". Inwiefern spiegelt die Form und Struktur des Gedichtes den Zeitgeist des Barocks wider?


Hausarbeit, 2016

13 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Skizzierung der Fragestellung

2. Hauptteil
2.1 Werdegang und Lehrjahre
2.2 Historie
2.3 Thesenbildung
2.4 Analyse der äußeren Form und Struktur
2.5 Inhaltliche Analyse und Kontextualisierung
2.6 Argumentation der Thesen

3. Fazit

4. Anhang

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Skizzierung der Fragestellung

Im Folgenden soll gezeigt werden, ob und inwiefern der Zeitgeist während des Barocks sich in der Form und Struktur des Gedichts „Abend“ von Andreas Gryphius widerspiegelt. Mit „Zeitgeist“ ist hier vor allem der gesellschaftliche Umbruch während und nach dem Dreißigjährigen Krieg, die Gegenreformation, sowie der Umgang mit dem Tode gemeint. Meiner Ansicht nach steht bei dem Gedicht in Form eines Sonetts vor allem seine strenge und genaue Einhaltung der festgelegten Struktur im Vordergrund. Im weiteren Verlauf wird zu prüfen sein, ob Andreas Gryphius anders als nur mittels des Inhalts seine eigene Meinung zum Ausdruck bringen wollte. Hierbei werden vor allem die historischen Merkmale, sowie die Religion und die damaligen Lebensverhältnisse eine große Rolle spielen.

2. Hauptteil

2.1 Werdegang und Lehrjahre

Andreas Gryphius wurde am 2. Oktober 1616 in Glogau, im heutigen Polen, als Sohn von Anna Erhard und dem Archidiakon Paul Gryphius geboren.

Als 1628 bereits beide Elternteile Andreas’ verstorben waren, machte sich in Glogau der zehn Jahre zuvor beginnende Krieg aufgrund der Gegenreformation bemerkbar. Nach der regelrechten Vertreibung Andreas’ und seines Stiefvaters aus Glogau, fanden beide nach einigen Umzügen um 1634 in Driebnitz ihren neuen Wohnsitz, in dessen Nähe Andreas Gryphius bald das Gymnasium besuchen konnte. Hier schloss er ebenfalls seinen ersten niedergeschriebenen Herodes-Epos ab. Seinen zweiten Herodes-Epos, sowie einige Sonette, vollendete Gryphius während seines Studiums in Danzig am Akademischen Gymnasium. Nach der Weiterführung seines Jura- Medizin- Rhetorik- und Mathematikstudiums in Leiden folgten weitere Gedichtsammlungen. Mittlerweile wurde Andreas Gryphius’ Name immer bekannter, was ihm unter anderem mehrere Angebote von renommierten Universitäten bescherte, wovon Gryphius schließlich das der Stadt Glogau, seiner Heimatstadt, annahm. Als nunmehr namenhafter Vermittler zwischen Protestanten und Katholiken, erreichte Gryphius hohe Anerkennung.

1649 heiratete er Rosina Deutschländer, die ihm sieben Kinder gebar. Am 16. Juli 1664, im Alter von 47 Jahren, verstarb Andreas Gryphius an einem Herzinfarkt. Er wurde als Deutschlands großartigster Dramatiker betrauert.1

2.2 Historie

Der Dreißigjährige Krieg begann 1618 und spielte sich hauptsächlich auf dem Gebiet des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation ab. Am 23. Mai 1618 begann alles mit dem Prager Fenstersturz, der durch einen Konflikt um die Herrschaft Böhmens zustande kam. Der Fenstersturz ereignete sich vor allem wegen der Machtherrschaft des böhmisch-katholischen Königs Ferdinand II., der besonders stark für die erneute Rekatholisierung einstand. Die böhmischen Stände konnten dies nicht hinnehmen, hatten sie doch von Rudolf II. versichert bekommen, ihren protestantischen Glauben ausüben zu dürfen, weswegen sie zwei Statthalter des Königs aus dem Fenster der Prager Burg warfen. Diese symbolisierten gleichermaßen den König sowie die katholische Glaubensseite. Als Ferdinand II., nach Schließung einer protestantischen Kirche, von den böhmischen Ständen als König abgesetzt wurde und dafür Friedrich von der Pfalz gewählt wurde, kam es schließlich zum Krieg.

Um sich den Krieg finanziell zu ermöglichen, beschloss Ferdinand II. Machthaber anderer Ländereien mit in sein Vorhaben einzubeziehen, die in Folge dessen Ansprüche zu stellen begannen, womit sich der Krieg auf Europa ausweitete.

Unterdessen begannen sich die für die Barockzeit typischen Charakteristika der Unterdrückung, Ausbeutung und des Zwiespalts in der Gesellschaft zu zeigen. Für die Finanzierung des Krieges wurde die Bevölkerung gezwungen die durchreisenden Truppen zu unterhalten, was für die ärmeren Stände eine kaum zu bewältigende Aufgabe war. Erwies sich dieses System der Kontribution zunächst als wirkungsvoll, zeigten sich später die Folgen einer derartigen Ausbeutung umso mehr. Die Auswirkungen waren dramatisch und sollten Symbol für die Zeit der Barock-Epoche werden. Die Einwohnerzahl des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation ging um ein Drittel zurück und teilweise wurden ganze Landstriche ausgelöscht. Die Sehnsucht nach dem Tod und dem Jenseits, sowie das Bewusstsein über die Endlichkeit des Lebens, das auch das zu dieser Zeit entstandene Sprichwort Memento Mori („Gedenke dem Tod“) unterstreicht, spiegelt das Lebensgefühl während und nach dem Krieg wider. Von 1643-1648 folgt eine Versammlung der Gesandten aus den kriegführenden Ländern, die schließlich den Westfälischen Frieden und damit das Zusammenleben verschiedener Konfessionen besiegelten.2

2.3 Thesenbildung

1. Das Sonett „Abend“ von Andreas Gryphius wird auf den folgenden Seiten besonders in Hinblick auf diese Thesen untersucht:

Bereits durch die äußere Form des Sonetts zeigt sich Gryphius’ Unzufriedenheit und sein Aufbegehren gegen die allgemeine Situation während des Krieges.

Zwar verwendet Andreas Gryphius die Form des Sonetts, die keinerlei Spielraum zuzulassen scheint, jedoch fällt dem Leser dabei sofort eine gewisse Ironie bezüglich des Inhalts auf.

2. Die behandelte Antithetik in Gryphius’ Sonett „Abend“ weist auf die gesellschaftliche Zerrissenheit während des Barocks hin.

In seinem Sonett zeigen sich oft Aussagen im gleichen Vers, die sich widersprechen, aber doch ihre Sinnhaftigkeit zueinander haben. Diese Form der Antithetik benutzt Gryphius sehr oft, womöglich um den Umbruch und die Zerrissenheit der Menschen zu dieser Zeit zu symbolisieren.

3. Das Sonett „Abend“ von Andreas Gryphius befasst sich vornehmlich mit der Vergänglichkeit des Lebens im Diesseits.

Zur Zeit des Dreißigjährigen Kriegs erging es besonders den weniger gutgestellten Bürgern schlecht, da sie vom Krieg ausgebeutet wurden. Der Tod und die Erlösung, die sich die Menschen damit erhofften, waren für viele der letzte langersehnte Ausweg.

2.4 Analyse der äußeren Form und Struktur

Das Sonett „Abend“, das im Jahre 1650 von Andreas Gryphius verfasst wurde, besteht aus 14 Versen, die in jeweils zwei Quartette, sprich vierversig und zwei Terzette, sprich dreiversig, unterteilt sind. Seit dem Barock ist dieses Sonett unter dem Namen Alexandriner bekannt.3 Diese Form des Sonetts, die Martin Opitz in seinem Werk „Buch von der deutschen Poeterey“ etablierte, behauptete sich während der kompletten Periode des Barocks und wurde erst nach Beginn des 18. Jahrhunderts scharf kritisiert.4 Der Alexandriner besteht aus sechshebigen Jamben, was bedeutet, dass sich betonte und unbetonte Silben abwechseln, sie sind also alternierend. Das Sonett zeichnet sich dadurch aus, dass die Jamben wiederum nach der dritten Hebung einen Einschnitt haben und anschließend mit einem Auftakt neu beginnen. Gryphius setzt hier nun nach jeder dritten Hebung einen Querstrich, oder einen Satzpunkt, um die Betonung der Silben zu kennzeichnen und gleichzeitig seine Antithetik zu unterstützen. Zum Ende des Sonetts werden allerdings deutlich häufiger Querstriche gesetzt, um dem Leser die Betonung der Verse zu verdeutlichen. Diese deutlich als Pausen zu erkennenden Zeichen sind eine Besonderheit Gryphius’, die mit der Form des Sonetts nicht einhergehen. Als Reimschema wird bei den Quartetten zunächst ein umarmender Reim (abba) verwendet, welcher bei den Terzetten zu einem Schweifreim (ccd) wird. Die verwendeten Kadenzen in diesem Sonett sind sowohl weiblich als auch männlich.

2.5 Inhaltliche Analyse und Kontextualisierung

Das aus dem Jahr 1650 stammende Sonett „Abend“ von Andreas Gryphius behandelt hauptsächlich die Thematik der Vergänglichkeit, sowie die Hoffnungslosigkeit der damaligen Zeit. Dies spiegelt sich in der Form des Sonetts wider, da die ersten beiden Strophen aus Quartetten bestehen, die den Kummer der Menschheit unterstreichen, woraufhin anschließend ein Umbruch stattfindet und die beiden Terzette am Ende eine Ansprache zu Gott zu sein scheinen.

Im ersten Vers des ersten Quartetts bedient sich Gryphius zunächst der Antithetik, um den Tag und die Nacht gegenüberzustellen. Der Tag steht hierbei für das Leben und wird als kurzlebig und vergänglich dargestellt („Der schnelle Tag“ V.1). Die Nacht, die nun das Ende des Lebens symbolisiert, wirkt hingegen einladend auf den Leser. Dieses Gefühl beschreibt das lyrische Ich mit einer Personifikation der Nacht und der Symbolik eines Willkommensgrußes („die Nacht schwingt ihre Fahn“ V. 1 ). An dieser Stelle wird klar, dass der Titel des Sonetts „Abend“ eine für die damalige Zeit positive Note trägt, denn er deutet wortwörtlich den anstehenden Lebensabend an, den sich die Menschen herbeisehnten. Der nächste Vers beginnt mit einem Enjambement, der sich auf die bereits verstorbenen Menschen, die hier durch den Euphemismus der Sterne verdeutlicht werden, bezieht. („Und führt die Sternen auff“ V.2). Auch hier zeigt sich eine deutlich beginnende Abneigung dem Leben gegenüber, was offenbart, dass sich die Menschen während des Dreißigjährigen Krieges vollkommen hilflos gefühlt haben und sogar der Tod einen angenehmeren Anschein erweckte.

Besonders davon betroffen ist hierbei die bürgerliche Gesellschaft, die wie so oft am meisten unter den Folgen des Krieges zu leiden hatten. Andreas Gryphius verstärkt dieses Gefühl nun, indem er einen weiteren Zeilenumbruch und anschließend eine Alliteration einsetzt („Der Menschen müde Scharen“ V. 2f ). Im weiteren Verlauf wird die herrschende Einsamkeit der Bürger thematisiert, da viele Familien durch den Krieg ihre Angehörigen verloren hatten. Das erste Quartett wird mit einem fast hilflos wirkenden Ausruf beendet, welcher noch einmal verdeutlicht, wie sinnlos das Leben den Leuten erschienen sein muss, wenn neben den Angehörigen auch die finanziellen Mittel fehlten („Wie ist die Zeit verthan!“ V.4). Jeglicher Reiz, den das Leben zu bieten hat oder zumindest hatte, scheint uninteressant zu sein, da kein wahrhaftiger Sinn mehr erkennbar scheint. Das folgende Quartett beschäftigt sich weniger mit der Sehnsucht nach dem Tode, als der Vergänglichkeit des Lebens, dem Motiv Memento Mori. Es scheint, als ob jede Anstrengung kaum lohnenswert sei, da früher oder später jeder Mensch sterben wird. Bereits im ersten Vers spiegelt sich die Resignation der Bürger wider („Der port naht mehr und mehr sich / zu der glieder Kahn V.5). Der Port, also der Hafen, bezieht sich augenscheinlich auf den nahenden Tod, dem nicht der Mensch selbst sich nähert, sondern der Tod sich dem Menschen. Er symbolisiert einen Zielort, den es anzustreben gilt, der „glieder Kahn“ steht hierbei für die ständigen Höhen und Tiefen des damaligen Lebens. Im Verlauf des zweiten Quartetts wird besonders deutlich, wie antriebslos das lyrische Ich ist, da bereits ersichtlich ist, dass jegliche Anstrengung doch nichts bringt und man sowieso zu sterben hat („Ich / du / und was man hat / und was man siht / hinfahren.“ V.7). Die Aufzählung macht deutlich, dass vor dem Tode alle gleich sind und es keinen Unterschied mehr macht, in welcher sozialen Schicht man sich aufhält. Auch der letzte Vers des zweiten Quartetts deutet auf diese Ausweglosigkeit hin, da das Leben wie eine „renne bahn“ bezeichnet wird, man sich also ständig mit anderen zu vergleichen hat, am Ende jedoch auf jeden nichts als der Tod wartet („Diß Leben kömmt mir vor alß eine renne bahn.“ V.9). In dieser Thematik stößt man immer wieder auf den während des Barocks herrschenden Grundsatz Memento mori, was so viel bedeutet wie „Gedenke des Todes“.5 Es zeigt erneut den besonderen Bezug und ungewöhnlich vertrauten Umgang mit dem Tode. Dem schließt sich ebenfalls der Vanitas-Gedanke an, welcher erneut Bezug zur Sinnlosigkeit des ganzen Lebens, sowie dem Streben nach Höherem herstellt.6

[...]


1 Szyrocki, Marian: Andreas Gryphius Sein Leben und Werk, Tübingen 1964, S. 13-36

2 Lahrkamp, Helmut: Dreißigjähriger Krieg, Westfälischer Frieden: eine Darstellung der Jahre 1618-1648; mit Dokumenten, Münster 1997, S.255-260

3 Schlütter, Hans-Jürgen, mit Beiträgen von Raimund Borgmeier und Heinz Willi Wittschier: Sonett, Stuttgart 1979, S. 6

4 Szyrocki, Marian: Die deutsche Literatur des Barock, Ditzingen 1987, S. 78f

5 http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_litgesch/barock/litge_barock_6.htm, zuletzt besucht am 27.09.2019 um 14:26

6 https://www.cornelsen.de/bgd/97/83/06/45/03/93/9/9783064503939_x1SE_150-151.pdf, zuletzt besucht am 27.09.2016 um 17:36

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Details

Titel
Andreas Gryphius' "Abend". Inwiefern spiegelt die Form und Struktur des Gedichtes den Zeitgeist des Barocks wider?
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
2,0
Jahr
2016
Seiten
13
Katalognummer
V497052
ISBN (eBook)
9783346023971
ISBN (Buch)
9783346023988
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Abend, Gedicht, Gryphius, Barock
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Andreas Gryphius' "Abend". Inwiefern spiegelt die Form und Struktur des Gedichtes den Zeitgeist des Barocks wider?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/497052

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