Werte, Intuition und Erfahrung. Ein Versuch der Zusammenführung


Essay, 2019
6 Seiten

Leseprobe

Werte, Intuition und Erfahrung – ein Versuch der Zusammenführung

Was den Menschen dazu veranlasst, nach gewissen Dingen zu streben und sein Leben unmittelbar danach auszurichten, scheint fundamentaler kaum sein zu können. Meist ist es das Angenehme, das ästhetisch Ansprechende, das unverwechselbar Einzigartige, das erstrebenswert erscheint und dem wir in bestimmten Gefühlen begegnen. Der Mensch steht hierbei als charakterisiertes Individuum in der Einflussnahme jener Annahmen, die er im Kontext seiner Lebenserfahrung über die Welt macht – diese finden ihren Ursprung in ihren zugrundeliegenden Werten, welche sich über die Intuition des Menschen zu erkennen geben.

Anhand dieser These soll in der vorliegenden Ausarbeitung durch den von Max Scheler geprägten Wertbegriff die Verknüpfung zwischen der Werterfahrung des Menschen, seiner Lebenserfahrung und seiner Intuition hergestellt werden. Die weitreichende Frage nach der Auswirkung von Werten auf den Menschen dient dabei als zentrales Motiv und stellt die Möglichkeit etwaiger Denkansätze dar.

In seinem Buch Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik behandelt Scheler den Wertbegriff und die verschiedenen Realisierungen von Werten in Dingen und Gütern. Aufgrund der Zielführung dieser Arbeit wird nachstehend lediglich der Wertbegriff ohne weitere Ausführungen einbezogen. Seine Dimension erstreckt sich im wesentlichen auf die Definition des Wertes als etwas objektiv gegebenes: nach Scheler ist der Wert etwas, das in der Welt losgelöst gelegen, frei zugänglich, indes willentlich nicht beeinflussbar ist. Werte sind nach Scheler beispielsweise Freundschaft und Sympathie. Was zunächst äußerst abstrakt wirken mag, wird durch das Beispiel Schelers über die Träger der Werte dargestellt:

[…] wir [erfassen] ein Gedicht oder ein anderes Kunstwerk längst als „schön“, als „häßlich“, als „vornehm“ oder „gemein“, ohne im entferntesten zu wissen, an welchen Eigenschaften des betreffenden Bildinhaltes dies liegt.[1]

Hieraus ergibt sich, dass Wertqualitäten nicht auf Eigenschaften ihrer Träger zurückgeführt werden können, sondern 'einfach da' sind. Welchem Ursprung die Empfindung des Schönen sich hierbei bedient, bleibt also ungewiss. Scheler spricht dabei von der sogenannten Werterfahrung, die sich in Form einer Wertqualität durch den Kontakt zur Außenwelt aufzeigt. Dadurch, dass der Kern der Wertphilosophie darin besteht zu fragen, was Werte für Qualitäten sind, ergibt sich, dass Wertqualitäten dafür sorgen, dass dem Menschen gewisse Dinge bedeutsam erscheinen, ohne dass diese Bedeutsamkeit dabei zum Ding selbst wird:

… Werte [sind] keine Eigenschaften der Dinge […], oder wenigstens ursprünglich keine solchen; wohl aber müßte man sie als Kräfte ansehen oder als Fähigkeiten oder als in den Dingen gelegene Dispositionen, durch die in fühlenden und begehrenden Subjekten sei es gewisse Gefühlszustände, sei es Belehrungen kausiert werden.[2]

Eine Wertqualität wird also beispielsweise durch den Umstand realisiert, dass der Mensch etwas als schön empfindet. Die Zuwendung auf bestimmte Gegebenheiten in der Welt sorgt folglich dafür, dass Werte wie Schönheit, Sympathie, Wohlwollen usw. greifbar sind. Woher ebenjene Zuwendung kommt, bleibt offen. Es scheint, als sei diese nicht unmittelbar zu fassen, sowie willentlich nicht beeinflussbar.

Eine Zuwendung auf Werte, welche gewöhnlich mit gewissen Empfindungen einhergeht, soll nun zur Klassifikation der Begriffe des „Fühlen“ sowie der „Gefühle“ führen. Spricht man von Gefühlen, so meinen diese nach Scheler eine ihnen inhärente Überlegenheit: ein Gefühl ist zuständlich, und ebenjener Zustand richtet sich in Form des Gefühls auf die Person, die ihm unterliegt – demnach bleibt es nicht beeinflussbar.

Der Begriff des Fühlens meint nach Scheler hingegen eine Verbindung mit dem Begriff der Intentionalität, weswegen er das sogenannte „intentionale Fühlen“[3] als etwas charakterisiert, das sich mithilfe der Bezugnahme auf die Werte äußert. Die Person richtet sich dabei auf einen Gegenstand und bewertet diesen anhand des eigenen Wertsystems. Die Intentionalität wird in der Philosophie als die „Gerichtetheit aller psychischen Akte auf ein reales oder ideales Ziel“[4] bezeichnet. Wer also intentional fühlt, scheint nach Scheler in Form eines Aktes auf etwas gerichtet zu sein. So vollziehen sich Akte, ohne dass eine bewusste Entscheidung für ebendiesen Akt getroffen werden kann – ein Liebesakt vollzieht sich beispielsweise in einer Person ohne deren Einflussnahme.

Die Subjektivität eines Individuums lässt nun folgern, dass der Wert trotz seines an sich trägerlosen Daseins etwas ist, das durch die Variierung der Intention von Person zu Person auf unterschiedliche Art zum Vorschein tritt. Mit diesem Gedanken kann die Frage nach dem Ursprung der Intention einhergehen, weswegen nachstehend die These aufgeworfen wird, dass die Lebenserfahrung eines Individuums dazu führen kann, dass dieses mithilfe seines intentionalen Fühlens seinen gegebenen Werten eine von ihm bestimmte Gewichtung zurechnet, und sein Leben dieser Gewichtung nach ausrichtet. Als Beispiel hierfür kann der Umstand gelten, dass ein Mensch sich gegen das Ausleben bzw. das Annehmen eines ihm gegebenen Wertes entscheidet, weil er sich über mögliche Folgen, welche er keinesfalls erfahren möchte, bewusst ist. Diese Folgen entspringen seiner Lebenserfahrung. Deutlich wird dies, wenn zwei Lebensweisen von Menschen mit ähnlichem Wertrangsystem gegenüberstellt werden: einer von ihnen könnte sich auf andere Weise, also bspw. mit schwächerer Bezugnahme für einen ihm in gleicher Stärke gegebenen Wert entscheiden als sein Gegenüber, welcher sein Leben voll und ganz diesem Wert nach ausrichtet.

Wie allerdings erlangt ein Mensch Zugang zu einem Wert? Scheler zufolge existieren mehrere Zugänge. Für seine Theorie bedeutsam ist der Zugang in Form von Liebe und Hass. Wer lieben möchte, entscheidet sich bewusst dafür, indem er unter anderem Energie und Kraft für sein Gegenüber aufwendet. Er ist also bereit, gewissen Werten Eintritt in sein Leben zu gewähren – anders gesagt, beschließt er sich dazu, diese Werte zu bejahen. Von ebenso großer Gewichtung ist das Vorziehen und das Nachsetzen, wodurch Wertrangunterschiede deutlich werden. Dies führt erneut zu dem Schluss, dass das Wertsystem nach individueller Gegebenheit ein vollkommen anderes sein kann. Das Vorziehen liegt nicht auf der bewussten Handlungsebene, sondern auf der intuitiven Ebene, was zum nächsten Punkt führt: Die Intuition. Als zentraler Aspekt findet diese durch folgenden Gedanken Einzug in die Thematik: wenn nach Scheler ein Wert durch intentionales Fühlen für eine Person zugänglich werden kann, dann darf der Umstand, dass der Mensch eine gewisse Lebensweise anstrebt, weil ihm diese angenehm oder schön erscheint, exemplifizierend dafür stehen, dass ihm hierbei Werte zuteil werden, die er in Verbindung mit seiner Intuition realisieren möchte. Dass er letztlich nicht weiß, weshalb ihm gewisse Dinge erstrebenswert scheinen, wirkt in diesem Zusammenhang als verstärkendes Argument.

[...]


[1] Scheler, Max (2014), S. 38.

[2] Ebd., S. 35.

[3] Ebd., S. 318.

[4] Kirchner, Friedrich / Michaëlis Carl / Hoffmeister Johannes / Regenbogen Arnim / Meyer Uwe (2013), S.323.

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Werte, Intuition und Erfahrung. Ein Versuch der Zusammenführung
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Seminar
Autor
Jahr
2019
Seiten
6
Katalognummer
V497152
ISBN (eBook)
9783346013118
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Philosophie, Max Scheler, Essay, Werte, Intuition, Erfahrung
Arbeit zitieren
Julia Kleemayr (Autor), 2019, Werte, Intuition und Erfahrung. Ein Versuch der Zusammenführung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/497152

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