Absolutismus und Konstitutionalismus

Eine vergleichende Untersuchung unter Regierungsaspekten


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016
33 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

INHALTSVERZEICHNIS

EINLEITUNG

HAUPTTEIL: ABSOLUTISMUS UND KONSTITUTIONALISMUS
Absolutismus
Vorrevolutionärer Diskurs über das Absolute
Postrevolutionärer Diskurs über das Absolute
Der Absolutismus in dieser Arbeit
Konstitutionalismus
Wirkungsgeschichte des Konstitutionalismus
Heutiges Verständnis des Konstitutionalismus
Der Konstitutionalismus in dieser Arbeit
Absolutismus und Konstitutionalismus als Regierungssysteme
Regierungsverständnisse
Absolutismus als Regierungssystem
Ungeteilte Staatsgewalt
Konzentration der Herrschaftsmittel: Beispiel stehendes Heer
Konzentration der Herrschaftsmittel: Beispiel Staatsverwaltung
Wirtschaft als Ausfluss der Staatsgewalt: Der Merkantilismus
Konstitutive Merkmale des Regierens im Konstitutionalismus
Regieren im Frühkonstitutionalismus: Fürsten- und Staatsmacht in Begrenzung?
Regieren im Frühkonstitutionalismus: Staatsministerien und Fachminister

SCHLUSS: ZUSAMMENFASSUNG DER ERGEBNISSE

LITERATURVERZEICHNIS

Absolutismus und Konstitutionalismus

Eine vergleichende Untersuchung unter Regierungsaspekten

Einleitung

Im geschichtlichen Bewusstsein der Menschen ist der Begriff des Absolutismus recht tief verankert. Alltagsvergleiche, die sich mit dem Verweis auf Politik und Wirtschaft auf das Verhalten einzelner Führungspersönlichkeiten beziehen, kommentiert mancher aus der Laune heraus gerne einmal mit „absolutistischer Führungsweise", ein Entscheidungsprozess sei von einer Person mit „absolutistische Zügen" getroffen worden o.ä. Was - verkürzt gesprochen - nach der Französischen Revolution auf ihn folgt, die Epoche des Konstitutionalismus, ist dem Volksmund dagegen weniger bekannt. Was diese Alltagserfahrungen so interessant macht, ist, dass die Wissenschaft diesem Bild fast diametral entgegensteht. Der Absolutismus - so viel vorweg - wird seit Jahrzehnten relativiert, Konstitutionalismus ist ein sich noch heute wandelnder Forschungsbereich.

Eine wissenschaftliche Arbeit, die als Thema Absolutismus und Konstitutionalismus vorgibt, ersucht geradezu die vergleichende Perspektive. Jedoch: Zu Anfang dieser Arbeit muss erwähnt werden, mit welch unterschiedlichen Problemen eine solche Vorgabe den Verfasser konfrontiert. Diese ergeben sich bereits ohne die vielfältigen begrifflichen Erscheinungen und Ausformungen derselben zu untersuchen, die auszudifferenzieren im nächsten Kapitel bemüht wird. Absolutismus und Konstitutionalismus, unter sie lassen sich komplexeste Erscheinungen, Muster und Modelle, ja Systeme geschichtswissenschaftlicher, politikwissenschaftlicher und staatsrechtlicher Versuche subsumieren, soziale Wirklichkeit über verschiedenste Jahrhunderte beschreiben und fassen - je nach Anwendungsfall zurückgehend bis ins 16. Jahrhundert.

In diesem Sinne ist die Aufgabe dieser Arbeit eine sehr umfassende. In einer weiteren Hinsicht ist die Konzeption der Arbeit eine anspruchsvolle: Dadurch, dass Tendenzen der neueren Forschung ihr in der Relevanz die Grundlage zu nehmen drohen. Und selbst von neuerer Forschung kann man mittlerweile nur noch bedingt sprechen. So ist es seit den 60er- Jahren des letzten Jahrhunderts der Trend, den traditionellen Absolutismusbegriff, der seit Leopold von Ranke zumeist einem so bewertetem etatistischen Denken verhaftet war,1 zu nivellieren, entkräften, kurz: zu verwerfen. Gerhart Oestreich hatte 1969 mit seinem Aufsatz „Das Nichtabsolutistische im Absolutismus" maßgeblich an der Tragfähigkeit des Absolutismuskonzeptes gezweifelt. Seither bemüht sich neben ihm und anderen insbesondere der Neuzeit-Historiker Heinz Duchhardt seit Jahrzehnten um ein anderes Verständnis vom Absolutismus.2

Eine noch einmal deutlichere Intensität in den Bemühungen die Vorstellungswelt vom Absolutismus zu revidieren, setzte mit der Veröffentlichung des Buches The Myth of Absolutism des britischen Historikers Nicolas Henshall im Jahre 1992 ein.3 Simplifiziert gesprochen wird seither die Grundaussage vertreten: Das, was liberale Kräfte des 19. Jahrhunderts mit der Verurteilung der alten Zeit bannen wollten, in ein mehr oder minder einfaches Vorstellungskorsett zwängten und mit Absolutismus etikettierten, wird seit einiger Zeit als ein Konstrukt gebrandmarkt, das aufrecht zu erhalten von der Forschung als nicht mehr tragbar erscheint.

Für die hier vorliegende Arbeit sind diese Entwicklungen folgenreich: Denn nicht nur ist der Absolutismus ihr Anliegen, sondern auch der Konstitutionalismus, der sich gerade von den absolutistischen Tendenzen immer abzugrenzen versuchte und verstand.4 Daher könnte man leicht zu dem Urteil gelangen: Hier versucht sich der Versuch eines Vergleiches von zwei Gegenständen, bei dem der eine Gegenstand seine Grundlage verloren hat und das Wesen des anderen sich aus der Abgrenzung von den Grundlagen des ersteren bestimmte. Ganz falsch ist diese Sichtweise nicht, und doch: man findet Raum für den Vergleich dieser Arbeit - und nicht nur einen sich selbst ertrotzten.

Zunächst will das für diese Arbeit heißen, dass der Absolutismus zwar als Erklärungskonzept seine Grundlage eingebüßt haben mag, ihn weiterhin zu behandeln jedoch in seiner Wirkungsgeschichte zu einem guten Stück immer noch legitim erscheint. Denn auch profilierte Historiker kommen zur Einsicht: Ohne Periodisierungen und Typisierungen käme gerade die Geschichtswissenschaft nicht zurecht.5 Dadurch solle nach Wagner nicht ein unablässiger Strom der Zeit [und hier passt das Wort im doppelten Sinne; P.A.] verabsolutiert werden. Aber nur mit ihnen komme man zu Erkenntnishilfen und Arbeitshypothesen. Es kann also, so kann man Wagners Einschätzung zusammenfassen, auch das wissenschaftliche Konstrukt ein legitimes sein für das geschichtliche Verstehen. Es ist dieser Ansatz, den die Arbeit verfolgt.

In gewissem Sinne rechtfertigt sich damit eine Arbeit heutiger Tage, die den Absolutismus im Namen trägt. Man denkt den Absolutismus - im folgenden Kapitel näher ausgeführt - als Konstrukt, um in der Gegenüberstellung mit dem Konstitutionalismus Unterschiede oder Kontinuitäten herauszuarbeiten. Verweise, welche Überlegungen die beiden so verstandenen Konstrukte in der heutigen Zeit aufweichen, wird es geben. Verfolgt man diesen ausgeführten Ansatz dieser Arbeit, so ist eine begriffliche Ausarbeitung von Absolutismus und Konstitutionalismus unumgänglich. Nach dieser Begriffsklärung wird es möglich sein, das für diese Arbeit gültige Verständnis der beiden Begriffe anzuführen.

In Folge des herausgearbeiteten Arbeitsverständnisses, soll es diese Arbeit leisten, für die beiden Begriffe charakterisierende Merkmale zu finden. Die Auswahlkriterien für die Merkmale werden in der Arbeit an entsprechender Stelle genannt. Die Ausarbeitung der Merkmale wird auf historische Beispiele immer wieder Bezug nehmen. Aufgrund ihrer unterschiedlichen Entwicklungsgeschichte ist sich vor dem Hintergrund der Aufgabenstellung für das deutsche und französische Beispiel entschieden worden. Sie dienen zwar in weiten Teilen der Literatur zu den immer wiederkehrenden und daher ermüdenden Referenzpunkten, allerdings ist es aufgrund des beschriebenen Arbeitszwecks nur sehr schwer möglich auf das französische Beispiel zu verzichten. Dass als weiteres Beispiel das deutsche gewählt wird, ist dem Umstand der in diesem Land umfangreich vorhandenen Literatur und hier gesetzter Forschungsschwerpunkten geschuldet.

Nahezu selbstredend ist es für eine politikwissenschaftliche Arbeit, wenn sie die historische Disziplin schneidet, die genuin politiktheoretischen Aspekte der Begriffsparadigmen von Absolutismus und Konstitutionalismus herauszuarbeiten. Davon abgrenzend wirken in diese Begriffsparadigmen aber auch andere Wissenschaftsfelder (meist genuin historisch) hinein. Derartige Teilmengen, die etwa der Absolutismus mit beispielsweise der Sozial- oder Kirchengeschichte bildet, werden in dieser Arbeit ausgeblendet.

Zu guter Letzt sind noch einige Arbeitshinweise zu geben. Um präziser zwischen den Leistungen dieser Arbeit und dem Gedankengut anderer Autoren bzw. fester historischer Begrifflichkeiten zu unterscheiden, werden eigene Gedanken kursiv gedruckt während letztere mit einfachen ,Anführungsstrichen' gekennzeichnet (falls keine direkten Zitate) werden. Auch die Betonung von Textpassagen oder einzelnen Begriffen erfolgt auf kursive Art. Verfasser von Texten, auf die in der Arbeit Bezug genommen wird, werden grundsätzlich nur mit Nachnamen angeführt. Neben den gängigen Literaturverweisen wird durch Zitieren am Seitenende bei Relevanz auch näher erläutert.

Hauptteil: Absolutismus und Konstitutionalismus

Absolutismus

In einer Wirkungsgeschichte des Begriffs Absolutismus macht eine Tatsache die Ansetzung einer prüfenden Untersuchung eine folgenreiche: Dass nämlich der Begriff selbst erst im 19. Jahrhundert in der Publizistik üblich wurde.6 Diese Feststellung ist bedeutend, da eine Prüfung umso kritischer auszufallen hat, wenn Betrachtung aus einer zeitlichen Distanz erfolgt, die wie in diesem Fall durch die einschneidende Erfahrung und Prägung wie der Französischen Revolution verfügt. Allerdings ist der politische Diskurs über das Absolute auch vor der Französischen Revolution nicht unbekannt. Sinnvoll in einer Begriffsgenese ist daher eine Unterscheidung: den vorrevolutionären Diskurs über das Absolute in der Herrschaftsausübung zu trennen vom postrevolutionären Diskurs desselben.

Vorrevolutionärer Diskurs über das Absolute

Um die Entwicklung des Absolutismus nicht gleich in Teilen zu überzeichnen, erscheint es - wie dies bereits nahegelegt wurde - notwendig, mit der begrifflichen Fixierung abstrahierend zu bleiben. Die Herkunft des Absoluten ist eine lateinische (absolutus = auschließlich, übereinstimmend). Das Adjektiv absolut im Herrschaftsbezug bringt im 16. Jahrhundert der französische Staatsrechtler Bodin ein. In der Formel „Maiestas est summa in cives ac subdito legibusque soluta potestas"7 deuten Historiker oft die Wurzel des Absolutismus - freilich eng verbunden mit dem Souveränitätskonzept Bodins, dem der übersetzte Begriff absolut hier beschreibend hinzugesetzt wird.

Das anzusprechen ist bedeutsam, weil Bodin zwar als unbestrittener Begründer der Idee der Souveränität gilt, aber wohl zu Unrecht ebenso als Stifter eines schlüssigen Absolutismuskonzepts angesehen wird.8 Doch auch wenn man meinte hier begrifflich die Wurzel zu finden, wird man irren, da bereits vor ihm Anfang des 16. Jahrhunderts französische Juristen Ausdrücke der puissance absolue und authorite absolue angewandt hatten, um die Herrschaftspraxis von Ludwig XII. und Franz I. zu beschreiben.9 Ein Ansatz, der noch viel weiter zurückgreift, wohl aber wegen seines Anwendungskontextes als verfrüht gelten muss, kann auch Ulpians Rechtsregel aus der Antike vorziehen: „Princeps legibus solutus est: Augusta autem legibus soluta non est, principes tamen eadem illi privilegia tribuunt, quae ipsi habent"10.

Denn bei aller Exegese um die ursprüngliche Wortschöpfung braucht es die Überlegungen Bodins, der mit der Verwendung seines Adjektiv absolue feststellt, dass der Bezug in einer exkludierenden Art auf die Souveränität, genauer: die Fürstensouveränität bezogen ist, der Bedeutungskontext sich hier also keine weiteren innerstaatlichen Träger der Souveränität vorstellen kann.11 Im weiteren Werk Bodins findet sich aber - was nicht überraschend ist - keine nominale Verwendung des Begriffes. Und auch bei Hobbes findet das Absolute nur einen adjektivischen Zusatz, ist wiederum nur Anhängsel der Souveränität, wenn er schreibt: „For power unlimited, is absolute sovereignity. And the sovereign in every commonwealth, is the absolute representative of all subjects.. ."12.

Bei der Untersuchung der Werke der beiden Denker, mit denen man maßgeblich den Absolutismus assoziiert, sowie beim Sichten der Sekundärliteratur wird erkennbar, wie unaufhaltsam die Begriffe absolut und der Souveränitätsgedanke miteinander verschwistert waren. Es erscheint als ein verwobenes und wechselnd dienliches Spiel, zu dem man pointiert zuspitzen könnte: Um mit seinem Begriff die nachfolgenden Jahrhunderte prägen zu können, musste sich das Absolute erst an dem Staatsmerkmal schlechthin aufrichten, das von der Frühen Neuzeit bis zum heutigen Tage prägende Kräfte entfaltet: der Souveränität. Und umgekehrt musste die Souveränität nach ihrer Schöpfung in der Begriffsgeschichte des Absolutismus (19. Jh.; P.A.) lange Zeit ein beschreibendes Dasein fristen, um allerdings nach dessen Ablösung in der Staatslehre umso heller leuchten zu können.

Wenn Boldt allerdings meint, die von Bodin angelegte und von Hobbes vollendete Wendung zum Wort Absolutismus durch die Wiedergabe der lexikalischen Literatur zu erkennen (anführend Fouretiere von 1690 u.a.)13, vollzieht er damit nur den Schwenk zu einer inhaltlichen Bedeutung, die sich dem Wortsinne angenähert hat (und heute zu korrigieren bemüht wird). Denn der Begriff des Absolutismus aber fällt auch bei Hobbes nicht. Er ist auch im Folgejahrhundert, dem 18. siecle, noch kein Begriff. Dominant sind die Vorstellungen zur Souveränität als herrschaftlicher Gewalt, meist mit i.S. des ,Souveräns', der von Zedler beschrieben wird als „frei, niemand unterworfen, unbeschränkt, ungebunden, eigenmächtig, vollmächtig, der Höchste im Lande [...]"14.

Am Zitat kann man auch einen grundlegenden Unterschied zwischen französischer und deutscher Staatslehre der damaligen Zeit ausmachen: Französische Lexika denken die Souveränität weit umfassender und juristischer im Sinne von Rechtskompetenzen, deutsche Lexika beziehen im Vergleich die Souveränität nur auf den absolut regierenden Fürsten. Damit umging man im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation mit seinen zahlreichen Territorialstaaten dem Problem, den die Anwendung des Souveränitätsbegriffes in der deutschen Reichsverfassung gehabt hätte.15

Die vorrevolutionäre Zeit, so bleibt als Schlussfolgerung, kennt noch nicht den Begriff des Absolutismus und stützt sich, auch wenn sie Vorstellungen von ihm faktisch ausgearbeitet hat, weitgehend auf begriffliche Bestimmungen, die die Souveränität umfassen. Vom 16. bis zum 18. Jahrhundert steht das europäische Abendland ganz im Zeichen der Ausbildung des Souveränitätsprinzips. Das Absolute findet eine beschreibende, adjektivische Verwendung und wird weitgehend auf den Herrscher bezogen; Absolutismus und das Absolutistische werden postrevolutionär geboren.

Postrevolutionärer Diskurs über das Absolute

Wann ist nun der Begriff des Absolutismus geboren und was meint er? Es ist hier der Verdienst Blänkners sich der umfassenden Untersuchung dieses Begriffes16 in substantivierter Form zumindest in der deutschen Sprache gewidmet zu haben. Er moniert, dass auf die Wortgeschichte nie besondere Mühen aufgewandt wurden, führt als Beispiel Standardpublikationen wie die ,Zeitschrift für deutsche Wortforschung', das ,Archiv für Begriffsgeschichte', oder das über Jahre herausgegebene Lexikon geschichtliche Grundbegriffe' an, die dazu keine einschlägigen Artikel aufweisen.17 Dieser Einwand wird nachvollziehbar, wenn man heute zwar zu einer ganzen Reihe publizierter Werke greifen kann,18 die alle die Auseinandersetzung mit dem Gegenstand beabsichtigen, es aber in der Tat versäumen, eine klare zeitliche Verortung und Erarbeitung des Begriffs auszumachen. Blänkner jedenfalls will erkannt haben, dass Absolutismus nicht nur liberaler Kampfbegriff war, sondern von altständischen Befürwortern ebenso genutzt wurde.19 Hinrichs hingegen wird neun Jahre nach Erscheinen von Blänkners Dissertation diese Vorstellung wieder verwerfen und im Begriff einen rein polemischen Ursprung ausmachen.20

Jedenfalls: Lexikalisch zum ersten Mal aufgeführt wird der Begriff vom Brockhaus-Verlag im „Conversations-Lexikon der neuesten Zeit und Literatur" 1832.21 Der Begriff findet dann offenbar eine schnelle Verbreitung in Zeiten des Vormärz. Was bedeutet aber der neuaufgekommene Neologismus der Stunde? Hinrichs will hier im 19. Jahrhunderten eine zweifache Richtung erkannt haben22: einen politischen' und einen , systemgeschichtlichen' Gebrauch. Der politisch verstandene Absolutismusbegriff blieb der liberalen Kritik stets erhalten (man könnte sagen ein motiviert eingebrachter Begriff; P.A.) und stieß sich an allen alten freiheitsfeindlichen und autoritären Systemen, v.a. des 18. Jahrhunderts. Auf zweiter Schiene bildete sich ein systemgeschichtlicher Begriff in seiner Wirkungsgeschichte ungleich komplexer aus. Er reklamierte für den Absolutismus ein System von Staat und Verwaltung, der den Beginn der modernen Flächenstaatlichkeit in Überwindung der mittelalterlichen Personenverbandssysteme darstellte.

In der Einschätzung dieses fortwirkenden, aus systemischer Notwendigkeit erkannten Absolutismus spricht möglicherweise auch eine mangelnde kritische Haltung zum Staatswesen im 19. Jahrhundert. Raumer, der im 20. Jahrhundert mit seiner Kritik als erster eine Wende in der Auffassung eines alles beherrschenden Absolutismus einleitete, verweist in seinem Urteil auf Droysen, Schmoller und Ranke auf die großen Historiker des 19. Jahrhunderts, denen er einen Blick der Dinge „von oben her, von den Maßnahmen der Regierung"23 unterstellte. Vor allem in Deutschland ließ sich diese Entwicklung beobachten, die mit der Entstehung der differenzierten Wissenschaften zu dieser Zeit in der Geschichtswissenschaft primär eine Geschichte der Nationen und Staaten darstellen wollte und auf das besondere Schicksal der europäischen Völkerfamilie abhob.24

Um das Wissen dieser Perspektive reicher, verwundert es daher nicht, dass Geschichtswissenschaft ihr Augenmerk ab der Frühen Neuzeit, spätestens jedoch mit dem Westfälischen Frieden vor allem auf die Herrscher lenkte, die über diese - abstrahiert man Staaten als Organisationen und Nationen als Gemeinschaften - Ordnungsgrößen maßgeblich geboten und sie lenkten.

Dass diese Herrscherpersönlichkeiten in ihren Territorialstaaten (manchmal bereits als Staatsnationen, siehe Frankreich) in einem längeren Zeitraum in einem wie auch immer zu bewertetem Stadium eines Fortschritts in der Staatsentwicklung z.T. deutlich auseinandergesetzt voneinander wirkten, spielte dabei eine untergeordnete Rolle. So wird es verständlich, warum Elizabeth I. von England, Karl V. als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, oder Peter der Große (wobei das russische Beispiel als Sonderfall zu betrachten ist) gemeinhin die gleiche Einstufung erfuhren. Den Absolutismus, und hier kommt die systemische Komponente zum Tragen, verstand man nunmehr eher als Regierungssystem. Weil aber Herrscher und Regierungssystem große Deckungsgleichheit besaßen und die zuvörderst gestaltenden Kräfte im gesellschaftlichen Prozess darstellten, schien es durch diese Perspektive legitim im Absolutismus eine Epoche zu sehen. Die Zentrierung auf den Staat und seine vergleichsweise unbeschränkt waltenden Souveräne bedeuteten also eine Gleichsetzung.

Dieses Verständnis vom Absolutismus hielt rund ein Jahrhundert an. Und noch 1968, als sich wie bereits erwähnt erste Stimmen gegen diese staats- bzw. herrscherorientierte Sichtweise wandten, erschien mit dem vierten des insgesamt siebenbändigen Handbuchs der Europäischen Geschichte ein Werk, das nicht nur durch seinen Titel (Europa im Zeitalter des Absolutismus und der Aufklärung) an der Fortsetzung dieser Tradition anknüpfen wollte, sondern sich deutlich dazu aussprach.25 Hätte sich die Perspektive der Geschichtswissenschaft nicht in vielerlei Art ausdifferenziert, sich von der staatszentrierten Perspektive, allgemeiner: vom Fokus auf das Politische nicht gelöst, so wäre mit großer Wahrscheinlichkeit auch kein Verständniswandel zu erwarten gewesen. Auf den diesbezüglichen Wandel ist allerdings in der Einleitung verwiesen worden, daher wird an dieser Stelle auf seine erneute Erläuterung verzichtet.

Der Absolutismus in dieser Arbeit

Eine Definition des Absolutismus als konstruiertes Verständnis zu finden, die aber gleichzeitig die neueren Tendenzen der Forschung zu würdigen weiß, bedeutet einen echten Kunstgriff. Die Geschichtsschreibung hat den Absolutismus über lange Zeit als eine notwendige Entwicklung angesehen, um die Verhältnisse des Mittelalters, hier v.a. den dualistischen Ständestaat, zu überwinden. Zunächst muss es daher mit dem Wissen der heutigen Tage der Anspruch sein sich von jedweden Kategorien, die eine Notwendigkeit beschreiben,26 zu lösen, und eine streng wertfreie und trotz der Auswahl der den Absolutismus fassenden Merkmale, positivistische Linie zu verfolgen.

Doch noch eine weitere Schwierigkeit wartet bei einer Fassung des Begriffs auf: Folgt man der Enzyklopädie der Neuzeit, so lässt sich der Begriff einmal als die Regierungssysteme der Frühen Neuzeit konstituierend, oder aber die gesamte Epoche fassend, verstehen.27 Dies steht mit den bisher gemachten Erkenntnissen in Einklang. Allerdings wird die Entscheidung für eines der beiden Verständnisse in beiden Fällen zu Konflikten führen. Wählt man den Epochenbegriff, so würde man der neueren Forschung zum Gegenstand Nichtachtung strafen, könnte aber leichter Merkmale der Epoche in abstrahierender Weise aufzuzeigen versuchen. Entschiede man sich den Absolutismus als eine Kategorie von Regierungssystemen anzusehen, so gelänge es zwar ihn besser in Einklang mit dem Forschungsstand zu bringen, allerdings ergäben sich zahlreiche Schwierigkeiten bei einer abstrahierenden Betrachtung der konstitutiven Merkmale des Regierens, die von Land zu Land, von Herrscher zu Herrscher unterschiedlich waren, auch wenn bereits erklärt wurde, dass sich diese Arbeit weitestgehend am deutschen und französischen Beispiel orientiert.

In der Abwägung dieser Schwierigkeiten muss es letztlich Anspruch sein, den Forschungsstand zu berücksichtigen. Eine Untersuchung - noch dazu in der kleinen Fassung einer Seminararbeit - kann sich nicht auf eine als verworfen geltende Einteilungspraxis stützen. Den Absolutismus als Regierungssystem verstehend, bedarf es daher zur Vermeidung der aufgeworfenen Probleme, immer der konkreten Hinweise auf die herrschende Regierungspraxis in einem Souveränitätsgebiet.

Bevor allerdings die Merkmale im weiteren Teil der Arbeit eine genauere Ausformulierung finden, ggf. mit konstitutionellen Merkmalen abzugrenzen sind, lassen sich beim Absolutismus als einem Regierungssystem ein paar den Merkmalen vorgelagerte Grundzüge erläutern.

[...]


1 Freist, Dagmar: Absolutismus. Darmstadt, 2008. S. 18

2 Hinzuweisen sei u.a. auf die Schriften: Barock und Aufklärung. 4. Auflage. München, 2007; Das Zeitalter des Absolutismus. 3. Auflage. Oldenbourg u.a., 1998; Europa am Vorabend der Moderne: 1650 - 1800. Stuttgart, 2003

3 Vgl.: Freist, Dagmar: a.a.O. S. 29

4 Vgl.: Brauneder, Wilhelm: Konsitutionalismus, in: Jaeger, Friedrich (Hg. u.a.): Enzyklopädie der Neuzeit Stuttgart, 2005. S. 1121

5 Vgl.: Wagner, Fritz: Europa im Zeitalter des Absolutismus und der Aufklärung, in: Schieder, Theodor: Handbuch der Europäischen Geschichte, Band 4. Stuttgart, 1968, S. 2

6 Vgl.: Boldt, Hans: Monarchie, in: Conze, Werner (Hg. u.a.): Geschichtliche Grundbegriffe. Stuttgart, 1978. S. 174

7 Vgl.: Bodin, Jean: Sechs Bücher über den Staat. Buch I - III. Übers. und hrsg. von: Mayer-Tasch, Peter-Cornelius. München, 1981. S. 222

8 Vgl.: Hinrichs, Ernst: Fürsten und Mächte. Zum Problem des Europäischen Absolutismus. Göttingen, 2000. S. 24

9 Vgl.: Boldt, Hans: Souveränität, in: Koselleck, Reinhart: Geschichtliche Grundbegriffe. Band 6. Stuttgart, 1990. S. 102

10 Zit. nach: Bodin, Jean. a.a.O. S. 590

11 Vgl.: Boldt: Souveränität. a.a.O. S. 109

12 Zit.: Hobbes, Thomas: Leviathan, Kapitel 22, in: Molesworth, William: The collected works of Thomas Hobbes. Volume III. London, 1994. S. 211

13 Vgl.: Boldt, Hans: Souveränität. a.a.O. S. 111

14 Zit.: ebd. S. 111

15 Vgl.: ebd. S. 111ff.

16 Vgl.: Blänkner, Reinhard: Absolutismus. Eine begriffsgeschichtliche Studie. Göttingen, 1990. S. 21

17 Vgl.: ebd. S. 21

18 Genannt seien neben den bereits aufgeführten u.a.: Duchhardt, Heinz (Hg. u.a.): Der Absolutismus - ein Mythos? Köln, 1996; Kunisch, Johannes: Absolutismus. Europäische Geschichte vom Westfälischen Frieden bis zur Krise des Ancien Regime. Göttingen, 1999; Schilling, Lothar (Hg.): Absolutismus. Ein unüberwindliches Forschungskonzept? Paris, 2008

19 Vgl.: Blänkner: a.a.O. S. 22

20 Vgl.: Hinrichs. a.a.O. S. 20

21 Vgl.: Blänkner. a.a.O. S. 34

22 Im Folgenden vgl.: ebd. S. 20ff.

23 Zit.: Raumer, Kurt von: Absoluter Staat, korporative Libertät, persönliche Freiheit, in: Hofmann, Hanns Hubert: Die Entstehung des modernen Staates. Berlin u.a., 1967. S. 178

24 Vgl.: Hinrichs. a.a.O. S. 22

25 Vgl.: Wagner, Fritz: a.a.O. S. 86

26 Die Notwendigkeit, i.S. e. „necessita" findet sich häufig bei der Auseinandersetzung mit den Erscheinungen des Absolutismus, verwiesen sei u.a. auf: Enzyklopädie der Neuzeit. S. 24; Raumer: a.a.O. S. 180

27 Vgl.: Wrede, Martin: Absolutismus, in: Jaeger, Friedrich: Enzyklopädie der Neuzeit. Stuttgart, 2007. S. 24

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Absolutismus und Konstitutionalismus
Untertitel
Eine vergleichende Untersuchung unter Regierungsaspekten
Hochschule
Hochschule für Politik München
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
33
Katalognummer
V497292
ISBN (eBook)
9783346010964
Sprache
Deutsch
Schlagworte
absolutismus, konstitutionalismus, eine, untersuchung, regierungsaspekten
Arbeit zitieren
Philipp Ulrich Abele (Autor), 2016, Absolutismus und Konstitutionalismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/497292

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