Bedeutung der sozialen Netzwerke bei der Behandlung von Alkoholabhängigkeit im Rahmen des CRAAnsatzes


Seminararbeit, 2019
19 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Soziale Netzwerke
2.1 Definition und Entstehung sozialer Netzwerke
2.2 Differenzierung von Netzwerkstrukturen und Netzwerbeziehungen
2.3 Soziales Kapital in Netzwerken
2.4 Relevanz sozialer Netzwerke für das Individuum

3. Alkoholismus
3.1. Begriffsannäherung Alkoholismus
3.2. Gründe für Alkoholismus

4. CRA-Ansatz
4.1. Grundannahmen und Ziele
4.2. Verlauf einer CRA-Behandlung
4.3 Wesentliche Komponenten einer CRA-Behandlung

5. Die Bedeutung sozialer Netzwerke in der CRA-Therapie

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Menschen sind Individuen. Sie sind komplexe Wesen, die nach Sinn, Bedeutung und Werten streben und auf der Suche nach Zugehörigkeit, Orientierung und Gemeinschaft sind (vgl. Früchtel/Cyprian/Budde 2013, S.40). Als große Herausforderung der Gegenwart gilt jedoch die Bildung von Netzwerken und die Integration in Gemeinschaften. Die Gesellschaft, in der wir leben, wird immer komplexer und unüberschaubarer und es ist mit einer Vielzahl an Herausforderungen verbunden, im Menschen eine nachhaltige Gesellschaftsfähigkeit hervorzurufen (vgl. Weber 202, S.9).

Zeitgleich steigt die Zahl der Jugendlichen und Erwachsenen, die suchtgefährdet sind. Das Phänomen von Bewegungsmangel und ungesunder Ernährung ist schon lange nicht mehr zentrales Thema der Gesundheitsorganisationen. Was im Moment die Aufmerksamkeit erregt sind die häufiger Auftretenden Suchtprobleme, die ein Teil der Bevölkerung zeigt (vgl. Dietze/Spicker 2007, S.9).

Parallel zu diesem Phänomen hat sich in Amerika eine neue Behandlungsform von substanzbezogenen Abhängigkeiten etabliert, die einen massiven Erfolg verzeichnen konnte (vgl. Lange/Reker/Driesser 2008, S.23f.). Die CRA-Methode widmet sich genau dem natürlichen Streben des Menschen: Zugehörigkeit suchen, in Gemeinschaften leben. Was genau hat diesen Erfolg verursacht? Welche Bedeutung haben soziale Netzwerke für den Erfolg einer Behandlung von Alkoholabhängigkeit nach dem CRA-Ansatz?

In dieser Hausarbeit soll die obige Fragestellung beantwortet werden. Dazu wird zuerst die Theorie sozialer Netzwerke in ihrer ganzen breite dargestellt. Folgend wird die Definition Alkoholabhängigkeit geklärt und Gründe für den Konsum erläutert. Anschließend wird sich dem Konzept der CRA-Behandlung angenähert und dieses wird abschließend in Verbindung mit sozialen Netzwerken gebracht, um die Bedeutung sozialer Netzwerke für den Therapieverlauf zu klären.

2. Soziale Netzwerke

In der Soziologie wird schon länger von einer Netzwerkgesellschaft gesprochen. Damit ist die vorherrschende Vielfalt von Verbindungen innerhalb einer Gruppe, bzw. Gesellschaft gemeint. Mittlerweile gilt der Vernetzungsgedanke auch als Grundorientierung der sozialen Arbeit und durchzieht alle Disziplinen: vom Agieren auf der institutionellen bis über die professionelle Ebene bis zum Umgang mit dem Adressaten. Auch im Alltag scheinen soziale Netzwerke allgegenwärtig und werden in der Alltagssprache mit unterschiedlichen Phänomenen und Assoziationen belegt wie bspw. Twitter und Facebook. Die vielfältige und unterschiedliche Verwendung des Netzwerkbegriffs ergibt Fragen der Abgrenzung und Diffusität (vgl. Fischer/Kosellek 2013, S. 11f.). Was verbirgt sich hinter dem Begriff Netzwerke in der Sozialen Arbeit und was bedeutet das für sie?

Das die Soziale Arbeit seit neustem die Netzwerkarbeit sehr betont, ist eine Reaktion darauf, dass die Zusammenarbeit mit Angehörigen und Professionen wichtiger wird (vgl. Fischer/Kosellek 2013, S.34).

2.1 Definition und Entstehung sozialer Netzwerke

Soziale Netzwerke verfügen über eine ununterbrochene Gegenwärtigkeit. Jeder Mensch steht in Verbindung mit sozialen Netzwerken und besitzt selbst ein solches (vgl. Quilling u.a. 2013, S.12) Doch was genau ist ein soziales Netzwerk?

Ein soziales Netzwerk ist ein Beziehungsgeflecht zwischen zwei oder mehr Akteuren. Die meisten Akteure eines Netzwerkes weisen Ähnlichkeiten auf, wie z.B. den Beruf oder das Hobby (vgl. Fischer/Kosellek 2013, S. 80). Netzwerke können auch als organisches Gewebe des Sozialraums bezeichnet werden. Sie verbinden oder trennen Individuen voneinander und schaffen Felder, wo Vertrautheit/ Fremdheit sowie enge und weite Räume erlebt werden können (vgl. Früchtel/Cyprian/Budde 2013, S.96).

Ein soziales Netzwerk kann mit dem Bild eines Netzes erklärt werden. Ein Netz besteht aus Knoten und Verbindungen zueinander. Die Knoten stellen die Akteure dar und die Verbindungen zwischen den Akteuren sind die Sozialbeziehungen. Ein soziales Netzwerk ist also ein Muster von Sozialbeziehungen. Diese reproduzieren die Regelmäßigkeiten und Verhaltenserwartungen zwischen Akteuren (vgl. Fuhs 2016, S.14).

Soziale Netzwerke entstehen aus Kommunikationsprozessen und durch die Bildung sozialer Ordnung zwischen Akteuren, die gewisse Verbindung zu einer Person/ Institution aufzeigen. Diese Verbindungen setzen Vertrauen und Reziprozität voraus (vgl. Fischer/Kosellek 2013, S.80ff.). Für die Erhaltung und Stabilisierung sozialer Netzwerke ist das Austauschen heterogener Leistungen relevant. Gegenseitiges Vertrauen gilt dabei als Steuerungsmedium von Netzwerken. Auch für die Kommunikation innerhalb der Netzwerke ist Vertrauen ein relevanter Faktor, denn daraus entsteht die Orientierung am gemeinsamen Vorhaben. Weitere Voraussetzung für die Entstehung und Stabilisierung von Netzwerken ist Rücksichtnahme, wobei Rücksichtnahme die Anerkennung und Berücksichtigung der Verletzlichkeit des Anderen meint (vgl. Fischer/Kosellek 2013, S.177ff.).

Das Spektrum der Vernetzung reicht von losen und informellen Alltagsgesprächen zu persönlichen und formalen Kontakten, es ist also ein sehr weit gestreckter Begriff. Netzwerke sind aber nicht nur unterschiedlich, sondern sie verändern sich auch. Es gibt lang- und kurzfristige Beziehungen, die unterschiedlich stark und intensiv sein können und denen verschiedenste Ziele und Motivationen zugrunde liegt (vgl. Weber 2002, S.11).

2.2 Differenzierung von Netzwerkstrukturen und Netzwerbeziehungen

Soziale Netzwerke weisen verschiedene Strukturen, Beziehungs- und Netzwerktypen auf. In diesen wird sichtbar, welches Maß an Balance ein Netzwerk oder eine Beziehung besitzt und ob die Verbindung der Akteur*innen negativ oder positiv ist. Zusammenhänge von individuellen Verhalten und der stärke von Beziehungen lassen sich untersuchen (vgl. Schöning/Motzke 2016, S.113).

Zum einen werden soziale Netzwerke aus unterschiedlichen Blickwinkeln erforscht. Ein Netzwerk kann als „Vollnetzwerk“ oder in der Perspektive des Einzelnen betrachtet werden. Letzteres wird Egozentrietes Netzwerk genannt und ist oft größer als zuerst angenommen. Jede Bezugsperson der betrachteten „Ego-person“ verfügt ebenfalls über ihr eigenes Netzwerk. Daraus entsteht ein großes Gebilde, denn auch der soziale Raum hat eine unfassbare Größe (vgl. Früchtel/Cyprian/Budde 2013, S.96).

Die egozentrierten Netzwerke werden anhand von Interviews erforscht. Dabei wird die Integration in Beziehungen und Umwelt sowie die Verbindungen zu Bezugspersonen analysiert. Das Ziel der Forschung ist es, etwas über persönlichen Beziehungen und das Verhalten von Bezugspersonen zu erfahren (vgl. Fuhs 2016, S.117f.).

Soziale Netzwerke lassen sich in drei Netzwerktypen unterscheiden: Primäre, Sekundäre und Tertiäre Netzwerke. Die drei Charakterisierungen lassen sich wiederum zwei Kategorien zuordnen: Primäre und Sekundäre Netzwerke gehören den natürlichen Netzwerken an, die tertiären Netzwerke gelten als künstliche Netzwerke. In den natürlichen Netzwerken geht es stark um den Austausch von Gefühlen, Vertrauensaufbau und das Bestärken der Unterstützungsleistung (vgl. Quliing u.a. 2013, S.15).

In primären Netzwerken sind Beziehungen nicht organisiert und weisen einen informellen Charakter auf. Zu diesem Kreis zählen Familie, Freunde und engere Bekannte. Dieser Kreis ist ein Bündel aus sozialen Ressourcen. Die sekundären Netzwerke verfügen über flexiblere und schwächere Beziehungen, die gering organisiert sind. Des Weiteren schließen sekundäre Netzwerke die Mitgliedschaften in stärker organisierten (z.B. Verein) aber nicht professionellen Netzwerk mit ein. Beruhen sekundäre Netzwerke auf gegenseitigem Vertrauen, bringen sie einen breitgefächerten Zugang zu sozialen Ressourcen mit. Unter tertiäre Netzwerke fallen Verbindungen, die sich aufgrund bestimmter Interventionen entwickelt haben, z.B. neu entstandene Freundschaften in einer Therapiegruppe. Dabei werden institutionelle und professionelle Ressourcen gewonnen. Die tertiären Netzwerke werden auch als künstliche Netzwerke bezeichnet, womit die Vernetzung von öffentlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren gemeint ist. (vgl. Schöning/Motzke 2016, S.37f.).

Innerhalb des Netzwerkes wird der Akteur nicht nur von direkten, sondern auch von indirekten Sozialbeziehungen beeinflusst. Nicht nur die Konnektivität hat eine hohe Bedeutung, sondern auch die Struktur bzw. die Position des Akteurs innerhalb des Netzwerkes ist relevant (Fischer/Kosellek 2013, S.219).

Die indirekten und direkten Sozialbeziehungen lassen sich in sogenannten „strong ties“ und „weak ties“ differenzieren. Strong ties sind vor allem in Primärumgebung zu finden und gründen auf Vertrauen, Verbindlichkeit und Solidarität. Die Aufrechterhaltung dieser Beziehungen ist mit einer gewissen Zeitintensität verbunden. Somit kann sich eine Person nur in eine begrenzte Anzahl an strong ties investieren. Im Vergleich dazu ist eine Person in der Lage, eine Vielzahl an weak ties zu führen. Weak ties sind flüchtige, punktuelle und meistens instrumentell genutzte Beziehungen. Aufgrund der geringen Redundanz eröffnen sie Zugänge zu anderen Netzwerken (vgl. Fischer/Kosellek 2013, S.56). Es ist ein auffallendes Phänomen, dass grade den weak ties eine besondere Bedeutung in sozialen Netzwerken zukommt. Die strong ties werden häufig überschätzt und die weak ties unterschätzt. Weak ties verfügen über das Potential, uns einen neuen Job zu besorgen, während strong ties uns bei Krankheit Tee ans Bett bringen. Sind zwei Personen aus unterschiedlichen Netzwerken eng verbunden, sind weak ties zahlreicher vorhanden. Wenn eine Person Veränderung anstrebt, ist sie auf weak ties angewiesen, denn dadurch werden Verbindung zu anderen Netzwerken geschaffen. Durch den neuen Zugang entstehen Kontakte und der Zugriff auf Informationen und Ressourcen, die bis dahin noch nicht zur Verfügung standen (vgl. Früchtel/Cyprian/Budde 2013, S.96f.).

Zusammenfassend haben strong und weak ties unterschiedlich ausgeprägte Stärken. Strong ties zeichnen sich durch eine hohe Unterstützungsmotivation aus, weak ties dadurch, dass sie neue Verbindungen schaffen und somit das Sozialkapital von Netzwerken erhöhen.

2.3 Soziales Kapital in Netzwerken

Die strong und weak ties bringen vielfältige Ressourcen mit sich, die das soziale Kapital einer Person bilden. Für die Erreichung eigener und gemeinsamer Ziele ist das Sozialkapital ein machtvolles Instrument (vgl. Weber 2002, S.11).

Unter sozialem Kapital wird die Anzahl der potential helfenden und unterstützenden Personen innerhalb eines Netzwerkes verstanden. Es umfasst die Stärken der sozialen Beziehungen und die sich daraus ergebenen Ressourcen. Das Sozialkapital ist ein individuelles Gut, welches die Investition in soziale Beziehungen und die Nutzung der daraus gewonnenen Ressourcen beinhaltet. Bordieu definiert soziales Kapital als die Gesamtheit der potentiellen und aktuellen Ressourcen. Somit herrschen zwischen den Mitgliedern eines Netzwerkes stark reziproke Beziehungen, wodurch ein dichtes Netz entsteht (vgl. Fischer/Kosellek 2013, S.57). Um dem Bild des Netzes treu zu bleiben (vgl. Fuhs 2016, S.14), kann Sozialkapital als das Material gesehen werden, aus dem die Netze sind (vgl. Früchtel/Cyprian/Budde 2013, S.92).

Des Weiteren zeigt sich soziales Kapital in sogenannten Kreditbeziehungen. Wird in eine Beziehung investiert, erhöht sich das soziale Kapital und gleichsam auch die sozialen Schulden bei dem Anderen, denn es wird mit einem Ausgleich gerechnet. Wirtschaftlich gesehen sind Kreditbeziehungen ineffizient, weil sie keinen Gewinn bringen. Aus sozialer Sicht ist es eine effektive Methode zur Vermehrung des Sozialkapitals, denn durch das Tun für Andere werden Verpflichtungen geschaffen und ein sozialer Kredit erworben. Außerdem wirken sich Kreditbeziehungen auf die „Nimmkraft“ von den Akteuren aus. Das bedeutet, dass Menschen, die sich helfen lassen, sich nicht nur selbst einen Gewinn verschaffen, sondern Anderen auch die Möglichkeit geben, ihr soziales Kapital aufzustocken (vgl. Früchtel/Cyprian/Budde 2013, S. 93f.).

Mithilfe des Sozialkapitals können bestimmte Wirkungen erreicht werden. So ist ein Sozialkapital notwendig, um eigene Ziele zu erreichen und hilft bei der Bewältigung von belastenden Situationen. Eine Person allein hat nur die Ressourcen zur Verfügung, die sich aus ihren eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten ergeben. Netzwerke funktionieren aber nach dem Prinzip des sozialen Austausches, hierbei spielen Geben und Nehmen, Vertrauen, Erwartungen und Verpflichtung eine Rolle (vgl. Weber 2002, S.11f.).

2.4 Relevanz sozialer Netzwerke für das Individuum

Schon die oben aufgeführte Auswirkung und Effektivität des sozialen Kapitals machen die Relevanz sozialer Netzwerke deutlich.

Bei der Bewältigung komplexer Aufgaben und Herausforderungen haben soziale Netzwerke ein hohes Unterstützungspotential. Sie haben Einfluss auf die Karriere und stabilisieren Identitäten, bieten Halt und Orientierung. Das setzt voraus, dass es in einem Netzwerk Regeln gibt, die für die Akteure bindend sind (vgl. Fischer/Kosellek 2013, S.128f.).

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Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Bedeutung der sozialen Netzwerke bei der Behandlung von Alkoholabhängigkeit im Rahmen des CRAAnsatzes
Autor
Jahr
2019
Seiten
19
Katalognummer
V497598
ISBN (eBook)
9783346014634
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bedeutung, netzwerke, behandlung, alkoholabhängigkeit, rahmen, craansatzes
Arbeit zitieren
Rieke Boekstegers (Autor), 2019, Bedeutung der sozialen Netzwerke bei der Behandlung von Alkoholabhängigkeit im Rahmen des CRAAnsatzes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/497598

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