Als Einführung und Hinführung auf die Thematik wird ein kurzer Überblick über das Aufkommen amerikanischer Großstädte zu Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert gegeben, bevor die Orte (Broadway, Büro), Symbolik (“walls“) und Charaktere (Turkey, Nippers, Ginger Nut, Notar, Bartleby) aus Herman Melvilles Kurzgeschichte „Bartleby, the Scrivener“ näher erläutert werden. Die Routine ihrer Arbeit, die Leblosigkeit ihres Arbeitsplatzes, die realen und gesellschaftlich errichteten Mauern – das alles hat Einfluss auf die Charaktere und spiegelt sich in ihren Eigenheiten wider. Die Protagonisten sind sowohl nützlicher Teil als auch realistisches Abbild und schutzlose Opfer ihrer Welt; einer modernen und sich verändernden Welt, in der man sich entweder anpasst oder untergeht. Sie leben in einer Zeit der historischen, politischen und ökonomischen Umwälzung, in der ihr ehemals festes Weltbild wackelt und sich die Moralvorstellungen langsam aber stetig wandeln. Der Protagonist Bartleby, der durch seine Arbeitsverweigerung zum Schutzheiligen aller Non-Konformisten geworden ist, kann daher als Anti-Held und Aushängeschild des unbeugsamen Amerikaners gelten; allerdings auch völlig entmenschlicht als Geist, Roboter oder reine Projektionsfläche gesehen werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Großstadt im 19. Jahrhundert
2.1 Repräsentation der Großstadt in Bartleby, the Scrivener
2.1.1 Der Broadway
2.1.2 Das Büro
2.1.3 Die Zeitung
2.2 Die Symbolik der „walls“
3. Die Charaktere in Bartleby, the Scrivener - Opfer der Urbanisierung ?
3.1 Turkey, Nippers und Ginger Nut
3.2 Der Notar/ Ich-Erzähler
3.3 Bartleby
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die literarische Darstellung von Urbanisierung und deren Auswirkungen auf die menschliche Identität in Herman Melvilles Kurzgeschichte „Bartleby, the Scrivener“. Das primäre Ziel ist es, die Methoden aufzuzeigen, mit denen Melville die Großstadt und ihre entmenschlichenden Prozesse visualisiert, sowie die Rolle der zentralen Charaktere als Spiegel oder Opfer dieses industriellen Wandels zu analysieren.
- Die symbolische Bedeutung der räumlichen Begrenzungen („walls“) in der Großstadt.
- Der Einfluss der kapitalistischen Arbeitswelt auf die Psyche und Individualität der Angestellten.
- Die Darstellung von Bartleby als Non-Konformist und Anti-Held innerhalb eines rigiden Systems.
- Die Analyse der Entmenschlichung durch routinierte Arbeit und industrielle Effizienz.
- Das Spannungsfeld zwischen persönlicher Selbstbestimmung und gesellschaftlichem Anpassungsdruck.
Auszug aus dem Buch
2.1.1 Der Broadway
„I remembered the bright silks and sparkling faces I had seen that day, in gala trim, swan-like sailing down the Mississippi of Broadway [...]“
Der Broadway wird wochentags als Mississippi beschrieben, als einen Strom der nicht hektisch aber bestimmt in immer die gleiche Richtung fließt. Natürliche Wassermassen werden gleichgesetzt mit urbanen Menschenmassen, die sich unaufhaltsam, stur und ohne dessen Wichtigkeit, Richtigkeit und Nützlichkeit zu hinterfragen von einer höheren Macht (sei es die Natur oder die gesellschaftlich vorgegebenen Verhaltensregeln) in die gleiche Richtung leiten lassen. Sichtbar ist in beiden Fällen nur die Masse, nicht der einzelne Tropfen bzw. der einzelne Mensch, der die Masse eigentlich erst zu einer solchen macht. Eine Masse, die zwar Schutz und Sicherheit und temporäre Identifikationsfläche bietet, aber dennoch unbarmherzig alles mit sich reißt. Es scheint unmöglich als Einzelner gegen sie anzukommen, und wenn man untergeht wird der leere Platz sogleich neu besetzt. Was der Mississippi für Amerika ist, ist der Broadway also für New York ? Es wäre zu einfach diese Textzeile nur auf diese Weise zu interpretieren, denn dass Melville den Broadway mit dem Mississippi vergleicht, ist in noch anderer Hinsicht interessant. Er geht damit auf den Kontrast zwischen Natur und Zivilisation ein, der in Zeiten der Urbanisierung als besonders sichtbar erscheint.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung verortet das Werk im Kanon der Romantik und thematisiert Melvilles kritische Vision zur Verstädterung, Identitätsverlust und dem Verlust menschlicher Solidarität in einer industrialisierten Welt.
2. Die Großstadt im 19. Jahrhundert: Dieses Kapitel erörtert die Auswirkungen der industriellen Revolution auf die Arbeitswelt und die Reduktion des Menschen auf reine Effizienz, gefolgt von einer Analyse, wie Melville New York durch Symbole wie Broadway, Büro und Zeitungen erfahrbar macht.
3. Die Charaktere in Bartleby, the Scrivener - Opfer der Urbanisierung ?: Hier werden die Angestellten und der Erzähler als Teil einer entmenschlichten Maschinerie untersucht, wobei Bartlebys existenzielle Verweigerung als radikaler Akt der Selbstbestimmung gegen das kapitalistische System gedeutet wird.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Rolle der Charaktere als Opfer der Urbanisierung zusammen und zieht eine Parallele zur heutigen Zeit, in der die Wahl zwischen Anpassung und dem Recht auf eigene Individualität weiterhin bestehen bleibt.
Schlüsselwörter
Herman Melville, Bartleby the Scrivener, Urbanisierung, Industrialisierung, Kapitalismus, Individualität, Selbstbestimmung, Entmenschlichung, New York, Wall Street, Non-Konformismus, soziale Hierarchie, Entfremdung, Natur und Zivilisation, Identitätsverlust.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Kurzgeschichte „Bartleby, the Scrivener“ von Herman Melville unter dem Aspekt der literarischen Repräsentation von Urbanisierung und den damit einhergehenden sozialen Folgen im 19. Jahrhundert.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Fokus der Analyse?
Zu den zentralen Themen gehören die Entmenschlichung der Arbeitswelt, die symbolische Funktion räumlicher Einschränkungen („walls“), der Konflikt zwischen Individualität und Konformismus sowie die hierarchischen Strukturen in einem kapitalistischen Umfeld.
Was ist die zentrale Forschungsfrage der Untersuchung?
Die Arbeit geht der Frage nach, wie Melville die Großstadt zeichnet, welche symbolische Bedeutung die verschiedenen Mauern einnehmen und inwiefern die Charaktere der Geschichte als Spiegel, Sklaven oder Opfer der Urbanisierung zu verstehen sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Verfasserin nutzt eine textnahe literaturwissenschaftliche Analyse, die durch soziologische und kulturhistorische Perspektiven auf das 19. Jahrhundert ergänzt wird, um die Interaktion zwischen Charakteren und ihrem urbanen Umfeld zu beleuchten.
Welche Aspekte werden im Hauptteil der Arbeit primär behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung der Großstadt-Symbolik (Broadway, Büro, Zeitung, Mauern) und eine detaillierte Charakteranalyse von Turkey, Nippers, Ginger Nut, dem Notar als Ich-Erzähler und schließlich Bartleby selbst.
Welche Begriffe charakterisieren diese Arbeit am besten?
Schlüsselbegriffe sind vor allem Urbanisierung, Entfremdung, das Recht auf Selbstbestimmung („I would prefer not to“), Kapitalismuskritik und das Spannungsfeld zwischen Individualität und der funktionalen Masse.
Warum spielen die Namen der Angestellten eine so große Rolle für die Argumentation?
Die Namen sind laut der Autorin ein Beleg für die Entmenschlichung, da sie die Angestellten auf ihre „Nutztier-Funktionen“ oder bloße Konsumgüter reduzieren, was den Kreislauf unterstreicht, in dem jeder gleichzeitig Täter und Opfer ist.
Wie bewertet die Arbeit das „I would prefer not to“ von Bartleby?
Der Satz wird als existenzieller Akt der Individualität gegen die „tote“ Routine des bürokratischen Systems gewertet, der das Potenzial hat, das Establishment zu destabilisieren und den Erzähler zur Reflexion über seine eigene moralische Funktion zu zwingen.
- Arbeit zitieren
- M.A. Nicole Gast (Autor:in), 2005, Die literarische Repräsentation der Urbanisierung und ihrer Folgen in Herman Melville´s "Bartleby the Scrivener", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49802