Heutzutage hört man auch in den Medien heraus, dass Normen und Wertvorstellungen fehlen, welches als Erklärungsversuch für Anomie herangezogen wird. Ausgehend von der Frage werde sowohl auf die Anomietheorie von Emile Durkheim und deren Einflüsse auf den Selbstmord beziehen als auch auf die Anomietheorie von Robert K. Merton und seinen Auslegungen auf die Sozialstruktur, weil sich diese Soziologen mit dieser Theorie auseinandergesetzt haben. Es interessiert mich aber auch, was Durkheim und Merton unter dem Begriff der „Anomie“ verstehen und ob sie in diesem Zusammenhang eine einheitliche Definition gibt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Begriff Anomie
3. Die Theorie der Anomie von Emile Durkheim
3.1 Der Selbstmord und die Anomie
4. Die Theorie der Anomie von Robert K. Merton
4.1 Die Gesellschaft und die Anomie
5. Anomie im Vergleich
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Anomietheorien von Emile Durkheim und Robert K. Merton, um Unterschiede und Gemeinsamkeiten im Verständnis von Anomie sowie deren Ursachen für deviantes Verhalten herauszuarbeiten.
- Begriffsdefinition und historischer Ursprung der Anomie
- Anomietheorie nach Emile Durkheim und deren Bezug zum Selbstmord
- Struktureller Ansatz der Anomie nach Robert K. Merton
- Vergleichende Analyse der beiden soziologischen Perspektiven
- Implikationen der Theorien für gesellschaftliche Stabilität und Kriminalität
Auszug aus dem Buch
3.1 Der Selbstmord und die Anomie
Durkheim betrachtet den Selbstmord mit dem Fokus auf die Gesamtheit der Selbstmorde in einer Gesellschaft. Er definiert Selbstmord als „jeden Todesfall, der direkt oder indirekt auf eine Handlung oder Unterlassung zurückzuführen ist, die vom Opfer selbst begangen wurde, wobei es das Ergebnis seines Verhaltens im voraus kannte.“ (Durkheim 1973, S. 27). Damit schließt er Todesfälle wie Verbrechen oder Unglücksfälle aus seiner Betrachtung aus.
Durkheim stellt fest, dass die von ihm untersuchten Gesellschaften ihre jeweils eigenen Selbstmordraten aufweisen und dass diese Raten nicht nur während langer Zeit konstant sind, sondern dass selbst im Vergleich mit Sterblichkeitsraten die Selbstmordraten weniger schwanken. Da Durkheim keine Abhängigkeiten des Selbstmords von der körperlichen Verfassung der Individuen oder der Beschaffenheit ihrer physischen Umwelt erkennt, folgert er, dass der Selbstmord soziale Ursachen haben muss und eine Kollektiverscheinung darstellt (vgl. ebd., S. 153).
„Niemand kann sich wohlfühlen,(…) wenn seine Bedürfnisse nicht(…) im Einklang stehen (…).“ (ebd., S. 279). Dies ist der Fall, wenn die Mittel für die angestrebten Ziele zu knapp werden. Wenn sie sich und ihre Fähigkeiten nicht mehr richtig einschätzen können fehlt es an normativer und kognitiver Orientierung.
Die Regulierung dieses Gleichgewichts erfolgt grundsätzlich durch die Gesellschaft, sie hat insofern eine moralische Autorität. Wenn nun in der Gesellschaft Störungen auftreten, zum Beispiel durch wirtschaftliche Krisen, dann ist die Gesellschaft zeitweise nicht mehr fähig, diese Autorität auszuüben, die Selbstmordrate steigt an. Zu Zeiten von Wirtschaftskrisen müssen also die Menschen erst lernen, die Ansprüche, die ihnen die Gesellschaft gibt, herunterzuschrauben. Das gleiche gilt aber auch bei einem plötzlichen Anwachsen von Macht und Reichtum. Da sich die Lebensbedingungen verändern, gilt das vorherige Bedürfnismodell nicht mehr. Die Menschen wissen nicht mehr, was möglich ist und was nicht, welche Ansprüche und Erwartungen erlaubt sind und welche nicht und mit dem Wohlstand steigen auch die Bedürfnisse, dann verlieren althergebrachte Regeln ihre Autorität (vgl. ebd, S. 288).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt die Motivation dar, das Konzept der Anomie anhand der klassischen Werke von Durkheim und Merton auf Basis aktueller gesellschaftlicher Wandlungsprozesse zu untersuchen.
2. Der Begriff Anomie: Dieses Kapitel beleuchtet den begrifflichen Ursprung von Anomie als Zustand der Gesetzlosigkeit und skizziert die unterschiedlichen theoretischen Herangehensweisen von Durkheim und Merton.
3. Die Theorie der Anomie von Emile Durkheim: Hier wird Durkheims Verständnis von Anomie als Resultat einer auseinanderklaffenden Arbeitsteilung und schwindenden sozialen Solidarität erläutert.
3.1 Der Selbstmord und die Anomie: Dieser Abschnitt analysiert Durkheims Kollektivbetrachtung des Selbstmords als soziale Folge von Regelungsdefiziten bei schnellen gesellschaftlichen Veränderungen.
4. Die Theorie der Anomie von Robert K. Merton: Das Kapitel führt Mertons Ansatz ein, der Anomie als Diskrepanz zwischen kulturell gesetzten Zielen und den sozial verfügbaren Mitteln zur Zielerreichung definiert.
4.1 Die Gesellschaft und die Anomie: Hier erfolgt die Differenzierung zwischen kultureller und sozialer Struktur sowie die Darstellung von Mertons Typologie abweichenden Verhaltens.
5. Anomie im Vergleich: Dieser Teil setzt sich kritisch mit den Unterschieden und Gemeinsamkeiten beider Theorien auseinander, insbesondere hinsichtlich der Zuschreibung der Ursachen für Kriminalität.
6. Fazit: Das Fazit resümiert den Nutzen der Anomietheorie für die Soziale Arbeit, um deviantes Verhalten besser in den Kontext gesellschaftlicher Strukturen einzuordnen.
Schlüsselwörter
Anomie, Emile Durkheim, Robert K. Merton, soziale Struktur, kulturelle Ziele, deviantes Verhalten, Arbeitsteilung, Selbstmord, soziale Solidarität, Regelungsdefizite, Integration, Kriminalität, Normlosigkeit, Wettbewerbsgesellschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit behandelt die soziologischen Konzepte der Anomie nach Emile Durkheim und Robert K. Merton und vergleicht deren theoretische Auslegungen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, der Einfluss sozialer Strukturen auf abweichendes Verhalten sowie der Zusammenhang von Anomie und Kriminalität.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten sich zeigen, wenn man die Anomietheorien von Durkheim und Merton einander gegenüberstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um einen essayistischen Vergleich, der auf der Analyse und Gegenüberstellung klassischer soziologischer Primärliteratur basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden getrennt voneinander die Theorien von Durkheim und Merton dargelegt, wobei Durkheims Fokus auf der Arbeitsteilung und Mertons Fokus auf der Diskrepanz zwischen Zielen und Mitteln liegt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Anomie, Soziale Struktur, Kulturelle Ziele, Integration und Deviantes Verhalten.
Inwiefern unterscheidet sich Durkheims Verständnis von dem Mertons?
Während Durkheim Anomie als einen Zusammenbruch sozialer Kontrolle durch zu schnellen gesellschaftlichen Wandel sieht, betrachtet Merton Anomie als einen strukturellen Widerspruch zwischen gesellschaftlich geforderten Zielen und legitim verfügbaren Mitteln.
Welchen Bezug stellt der Autor zur Sozialen Arbeit her?
Im Fazit wird argumentiert, dass die Anomietheorie hilft, abweichendes Verhalten nicht nur dem Täter anzulasten, sondern in den Zusammenhang mit gesellschaftlichen Strukturen zu setzen, was Ansätze für die Soziale Arbeit bietet.
- Arbeit zitieren
- Stefan Mario Haschke (Autor:in), 2015, Anomie. Emile Durkeim und Robert K. Merton im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/498200