Das Verhältnis von Mystik und islamischer Seelsorge am Beispiel des Sterbens


Bachelorarbeit, 2019
33 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Beschreibung des Todes aus mystischer Perspektive
2.1. Allgemeine Auffassung und die Vorbereitung auf den Tod
2.2. Geschichten und Erzählungen aus islamischer Literatur

3. Seelsorgerische Aspekte im Vergleich mit mystischen Aspekten
3.1. Begleitpersonen: Der Mursid - Der Seelsorger
3.2. Methoden der Mystik und der Seelsorge
3.2.1. Sprache: Das dikr
3.2.2. Hören: samä'
3.2.3. Das Gespräch des Seelsorgers
3.3. Die Geduld und tawakkul
3.4. Umgang mit Leid und Reue

4. Die Mystik als Methode in der Seelsorge
4.1. Wie hilft die Mystik loszulassen?
4.2. Inwieweit ist die Mystik als Ritual behilflich?

5. Zusammenfassung und Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ein Mann kam zum Propheten Muhammad, weinte und klagte ihm: „Ich hatte eine kleine Tochter. Sie starb dort drüben an jenem Bach. Der hat sie auch mitgenommen. “ Der Prophet sprach ihm sein Beileid aus und sagte zu ihm: „Komm, gehen wir dorthin!". Der Prophet rief die Seele des verstorbenen Mädchens bei seinem Namen. Das verstorbene Mädchen antwortete ihm: „Hier bin ich und bin bereit!" Der Prophet fragte sie: „Hast du den Wunsch, zu deinem Vater und zu deiner Mutter zurückzukehren?"" Sie aber sagte: „Nein, ich habe es hier besser gefunden als dort. "1

Der Islam bietet von Beginn an Fürsorge, Barmherzigkeit, Hilfe, Pflege und Beistand. Der Prophet ist mit diesem und vielen weiteren Ahadit das beste Beispiel hierfür. Der Prophet Muhammad zeigte Verhaltensweisen auf, die als Vorbild für seelsorgerisches Handeln dienen.2 Er ging, wie der Geschichte zu entnehmen ist, auf die Eltern ein. Er Verstand ihr Anliegen und kümmerte sich um ihren Wunsch. Das verstorbene Mädchen wollte jedoch nicht auf die Erde kehren, weil sie das Jenseits besser fand. Die Menschen werden von Alläh mit ihren Schwächen geprüft und können in gewissen Situationen Beistand, Hilfe und Fürsorge von anderen benötigen. Dazu gibt es im Qur'än die folgenden Verse:

„Meinen die Menschen, daß sie in Ruhe gelassen werden, (nur) weil sie sagen: „ „Wir glauben “, ohne daß sie geprüft werden?“3

„ Und Wir werden euch ganz gewiß mit ein wenig Furcht und Hunger und Mangel an Besitz, Seelen und Früchten prüfen. Doch verkünde frohe Botschaft den Standhaften,“4

Dies bedeutet jedoch nicht, dass mit jeder schwierigen Situation etwas Negatives hervorkommen muss. Der Tod hat demnach auch Vorteile für den Menschen.

Im Gegensatz zur christlichen Religion hat der Islam keine vorgesehene Institution, die Seelsorge betreibt. Jeder Muslim hat die Verantwortung, sich um seine Mitmenschen zu kümmern. In den letzten Jahren wurde die Seelsorge als institutionelles Feld im Islam jedoch aufgenommen, angepasst und in der muslimischen Gesellschaft eingesetzt. Die islamische Seelsorge, die dadurch entstanden ist, nimmt den Islam als Grundlage. Der Islam bietet indirekt Seelsorge an, jedoch ist diese nicht als Wissenschaft herausgearbeitet, d.h. es fehlt momentan ein Konzept der islamischen Seelsorger, an denen sich die islamischen Seelsorger orientieren können.5 Vor allem die mystische Dimension im Islam bietet einen nährreichen Boden für die islamische Seelsorge. Die islamische Mystik sieht das höchste Ziel des Menschen, sich mit Allah zu vereinigen. Dazu gibt es unterschiedliche Wege, wie zum Beispiel die Bereinigung der nafs oder die Erziehung des ’ahläqs. Um die nafs zu bereinigen und den ’ahläq zu erziehen, gibt es wiederrum unterschiedliche Methoden. Eine, dieser Methoden ist Fürsorge für seine Mitmenschen zu zeigen.6 Als Fürsorge wird ebenso die Seelsorge verstanden. Die Seelsorge ist demnach ein Bestandteil in der Mystik. Die Mystik enthält seelsorgerische Aspekte und die Seelsorge umgekehrt mystische Aspekte. Das Sterben wird in der Mystik sowie auch in der Seelsorge besonders stark beachtet, weil das Sterben in beiden Bereichen eine besondere Stellung hat. In der Mystik wird das Sterben nicht als ein einseitiges Ereignis gesehen, welches nur mit Trauer und Trennung verbunden ist. Aus mystischer Perspektive haben das Sterben und der Tod eine Ambivalenz, und zwar die der Trennung und der Vereinbarung. In der Seelsorge ist das Sterben eine besondere Situation, weil die Seelsorger einer eventuell aussichtslosen Lage des Sterbenden gegenüberstehen. Der Umgang mit dem Patienten sowie auch den Angehörigen benötigt eine besondere Zuwendung. Die Seelsorge an Sterbenden zeigt ein Feld, dass für das Gemeindewohl wichtig ist. Es ist ein wichtiges Thema unter den Menschen7 und es stellen sich Fragen, wie der Tod akzeptabel für den Sterbenden gemacht werden kann oder wie sich der Sterbende oder auch die Angehörigen auf den Tod vorbereiten können. Die islamische Mystik beschäftigt sich ebenfalls mit diesen Fragen und gibt Antworten darauf.

In der folgenden Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, ob die islamische Mystik als eine Quelle für die islamische Seelsorge zur Verfügung stehen kann und in welchem Verhältnis die Mystik und die Seelsorge zueinanderstehen. Die Arbeit wird sich auf das Beispiel des Sterbens beschränken. Dadurch wird sich der Leser genauer vorstellen können, inwieweit die Methoden der Mystik in der Seelsorge eingesetzt werden können.

Da die islamische Seelsorge in den letzten Jahren erstmals institutionalisiert wurde und immer noch wird, gibt es wenig auf die islamische Seelsorge bezogene Literatur. Die Literaturstellen, die sich direkt der islamischen Seelsorge widmen, sind aktuell und weisen auf die Wohltätigkeit im Islam hin. Es gibt jedoch Literatur, die sich indirekt mit der Seelsorge beschäftigt. Beispielsweise „Tasavvuf Psikolojisine Giri§. Bireysel Arinma ve Güzel Ahlak“ von Ali Ayten. Er hat sich den Zusammenhang von Psychologie und Mystik genauer betrachtet. Die Mystik wurde dagegen ausgiebig von islamischen Gelehrten, zum Beispiel von Galal ad-Din Muhammad ar-Rümi, Abü Hamid Muhammad ibn Muhammad al-Ghazali oder auch von der Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel, erforscht. In dieser Arbeit werden demnach klassische Werke sowie auch aktuelle Publikationen für die Recherche herangezogen. Die Mystik als Quelle der islamischen Seelsorge wurde bis jetzt unzureichend erforscht.

Um die praktische Theologie, in diesem Fall die Seelsorge, ausüben zu können, braucht sie eine theoretische Grundlage. In den bisherigen Forschungen wurde die Notwendigkeit von Seelsorge oder auch einer Fürsorge dargelegt. Die praktische Theologie braucht jedoch auch Methoden und Mittel, damit sie ausgeübt werden kann. Die Absicht dieser Arbeit ist es, einen Teil der Methoden für diese praktische Theologie zu ermitteln. Die Mystik bietet mit ihren Grundlagen der persönlichen Erfahrung von Allah und die Verbindung mit Ihm eine Basis für die islamische Seelsorge.

Da aufgezeigt werden soll, dass die Mystik als Mittel für die islamische Seelsorge anhand des Beispiels Sterben verwendet werden kann, soll zunächst die Bedeutung des Todes aus mystischer Perspektive herausgearbeitet werden. Hierfür soll die islamische Literatur und Geschichten aus der islamischen Literatur verwendet werden. Wenn die genaue Bedeutung des Todes und ihre Auffassung ersichtlich wird, sind die Umgangsformen der Mystiker mit dem Tod besser nachvollziehbar. Darauffolgend sollen Aspekte in Bezug auf das Sterben und den Tod, die in der Seelsorge und in der Mystik wichtig sind, verglichen werden. Es sollen die Begleitpersonen; die Sprache, das Hören und das Gespräch als Methode; die Geduld und der Umgang mit dem Bösen verglichen und aus mystischer und seelsorgerischer Perspektive betrachtet werden, damit herausgefunden wird, inwieweit diese sich unterscheiden und ähneln. Dadurch wird sich herausstellen, welche Aspekte der Mystik für die islamische Seelsorge bedeutend sind, in der Seelsorge verwendet werden können und/oder eventuell überflüssig sind. Zum Schluss wird den Fragen nachgegangen, wie die Mystik hilft, loszulassen und inwieweit die Mystik bei Seelsorgern, den Sterbenden und den Angehörigen als Ritual behilflich ist.

2. Beschreibung des Todes aus mystischer Perspektive

2.1.Allgemeine Auffassung und die Vorbereitung auf den Tod

Die Mystik ist ein unverzichtbarer Teil des Lebens und des Islams. Sie ist neben der Glaubenspraxis (isläm) und der Glaubensdogmen (imän) der dritte große Bereich, der zum Verständnis der Religion und seinem Ziel, nämlich der Rechtleitung seinen Beitrag leistet.

Die Mystik hat eine andere Perspektive, Sachen und Geschehnisse zu beurteilen. Sie hat andere Schwerpunkte in ihrer Sichtweise, denn sie beruht auf der persönlichen und geistigen Erfahrung Allahs (ihsan)8. Auch der Tod wird im Vergleich zu anderen Disziplinen der islamischen Theologie aus einer anderen Perspektive, nämlich in dem Tod Allah zu erfahren gesehen.

Der Tod ist aus mystischer Perspektive eine Brücke zwischen der Lebenswelt „Erde“ und dem Jenseits. Der Tod vervollständigt das menschliche Leben und wird als das Untrennbare des Lebens gesehen. Ohne den Tod wäre das Leben demnach nicht vollständig und sinnlos. In der Mystik stellt sich der Mystiker dem Sterben und dem Tod, statt die Last des Sterbens und die Beunruhigungen dazu zu ertragen. Sie setzen sich mit dem Tod auseinander, sodass sie ihn akzeptieren und ertragen können. Anstatt sich mit dem Tod zu beunruhigen, setzten sich die Mystiker mit den Gründen der Todesangst auseinander. Diese seien beispielsweise die Angst, ihren Besitz wie Familie, Hab und Gut zu verlieren, und nicht zu wissen, was damit geschieht. Die Angst, während des Sterbens zu leiden und die Angst zu wissen, dass nach dem Tod über die Sünden verhört wird. Die Mystiker versuchten, diese Gründe zu verstehen und zu erdulden. Anstatt sich vom Tod abzuwenden und zu versuchen, den Tod zu vergessen, vergegenwärtigen sie sich den Tod. Der Tod ist in der Mystik ein zu erinnern würdigendes Ereignis. Den Tod zu vergessen sollte Besorgnis und Bedenken bei Menschen erwecken, da er als Brücke dient, um Allah wieder zu begegnen. Dennoch ist zu beachten, dass die Mystiker über ihre Zukunft im Jenseits besorgt sind und deshalb versuchen, das Gleichgewicht von Angst und Hoffnung zu halten.9 Der Mensch sollte danach streben, Allah treffen zu können, und dafür muss der Mensch sterben. Der Tod sollte demnach nichts Erschreckendes sein. Er soll oft in Erinnerung gerufen werden, weil damit an das Treffen mit Allah erinnert wird. Die Erinnerung an den Tod führt ebenfalls dazu, dass die Menschen ihre Bindung zu weltlichen Dingen leichter trennen können. Daraus folgt der einfache Abschied von dieser Welt und die bessere Besinnung zu Allah.10 Des Weiteren wird der Tod als ein Geschenk Allahs aufgefasst. Denn das Leben auf der Erde ist verbunden mit Problemen und Bedrängnissen. Auf der Erde muss sich der Mensch mit seinen Lüsten und dem waswasah11 des Saitans beschäftigen und sich davor schützen. Der Tod ist demnach eine Befreiung für den Menschen von diesen Problemen.12

Nachdem der Mensch mit der Geburt von Allah getrennt wird, ist der Tod für Mystiker eine Wiedervereinigung mit Allah. Der Tod ist ein Weg, um ewig in Allahs Nähe zu bleiben. Es fragte jemand Rümi, wie der Mensch außer dem Ritualgebet Allah näherkommen könnte. Er antwortete, dass es mit etwas sein müsse, dass kein Anfang und kein Ende hat. Er meinte, das Ritualgebet habe einen Anfang und ein Ende und ist eine leibliche Form - das heißt, etwas Vergängliches. Beispielsweise beginnt das Ritualgebet mit „Allahu akbar“ und endet mit dem Friedensgruß. Da diese jedoch ausgesprochene Worte sind, sind sie vergänglich. Jedoch ist die Seele etwas Unendliches, es ist etwas ohne Anfang und ohne Ende. Der Mensch muss durch die Seele Allah verspüren. Wenn der Mensch näher zu Allah als im Ritualgebet sein möchte, so muss er versinken und außer Bewusstsein sein. Denn, wenn der Mensch versunken ist und in eine Bewusstlosigkeit gerät, so ist der Mensch durch diese Versunkenheit und diese Bewusstlosigkeit am nächsten zu Allah. Mit dem Eintritt des Todes ist die Seele frei vom Vergänglichen. Das vergängliche Leben wird abgeschlossen und es gibt keine Worte und keine Taten, die an Zeit und Ort gebunden sind. Die beschriebene Versunkenheit, welche der Mensch bei lebendigem Leibe erlebt, gerät nach dem Tod zu einem dauerhaften Zustand.13 Sowie der Tod für die Gläubigen eine Wiedervereinigung mit Allah bedeutet und etwas

Erfreuliches ist, so ist es laut Rümi auch etwas Beglückendes für die Ungläubigen. Denn wenn sie ins gahannam14 kommen, werden die Ungläubigen die Existenz Allahs das erste Mal in der Hölle verspüren. Laut Rümi gibt es nichts Süßeres, als dass der Mensch begreift, dass es einen Gott gibt. Der Wunsch dieser Menschen, aus dem gahannam wieder zur Erde zu gehen, sei nur, um die Möglichkeit zu haben, auf der Erde Allahs Gnade zu verspüren. Die Existenz Allahs nicht zu Lebzeiten zu erkennen, ist laut Rümi so schlimm, dass sogar das Höllenfeuer, dessen verursachender Schmerz von Bedeutung verlieren und sich der Gedanke nur um die Existenz Allahs dreht. Mit Ungläubigen sind in diesem Zusammenhang nicht die Heuchler gemeint, sondern Menschen, deren Suche nach dem Glauben nie stattgefunden hat und sie nie damit konfrontiert waren.15

Der Mensch verspürt nach seiner Geburt immer eine Sehnsucht zu Allah. Deshalb ist der Tod das Mittel diese Sehnsucht zu beenden. Einerseits fürchtet der Mensch vor dem Gericht Allahs zu stehen bzw. ins gahannam zu kommen und andererseits fürchtet er die Trennung von Allah. Neben der Furcht spielt die Hoffnung für Mystiker auch eine bedeutende Rolle, da Allah Allbarmherzig ist und die bereuenden Muslime auch in die ganna16 schicken wird.17 Das Gleichgewicht von Angst und Hoffnung soll dazu führen, einerseits ein frommes Leben zu führen und andererseits in Ruhe leben zu können.

Wie der Beschreibung des Todes zu entnehmen ist, kann die mystische Perspektive des Todes mit Trennung und Vereinbarung, mit Sehnsucht, mit Loslassen und unendliche Verbindung zu Allah beschrieben werden.

2.2. Geschichten und Erzählungen aus islamischer Literatur

In der islamischen Mystik werden viele Geschichten und Erzählungen verwendet, um bestimmte moralische Werte zu vermitteln und die eigentliche Botschaft besser zu veranschaulichen. Gleichzeitig helfen Geschichten mit Metaphern die Botschaft der Geschichte mehrdeutig zu halten. Einer der bekanntesten Mystiker Galal ad-Din Muhammad ar-Rümi, hat in seinem größten Werk, dem Matnawi, viele Lebensbereiche der Menschen in Form von Gedichten beschrieben und immer eine Moral bzw. eine Tugend vermittelt. Außerdem hat er in dem Werk „Von Allem und von Einem“ Erzählungen zusammengetragen, dessen Geschichten viele Verhaltensweisen und Anregungen für den Menschen beinhalten. Auch dem Tod hat er einen Teil seiner Arbeit gewidmet. In den Geschichten ist zu erkennen, dass es sich beim Sterben nicht bloß um eine Verabschiedung und eine Trennung handelt, sondern gleichzeitig Ablösung und Vereinigung ist. Der Tod ist eine Trennung mit der Familie und eine Trennung für die Angehörigen vom Sterbenden. Jedoch ist der Tod eine Möglichkeit, sich wieder mit Allah zu verbinden und Ihm am nächsten zu sein. Wie bereits beschrieben gilt die Geburt für Mystiker als Trennung von Allah. Durch den Tod kann der Mensch für die Ewigkeit in unmittelbarer Nähe Allahs sein. Laut Rümi ist der Mensch näher zu Allah als im Ritualgebet, wenn er sich vom leiblichen löst und versunken in das Ritualgebet ist.18 Dies hat er mit der Geschichte von Leyla und Megnün veranschaulicht. Die Leidenschaft von Megnün für Leyla war so groß, dass Megnün darin versunken und ergriffen war. Er liebte sie nichtmehr durch das Sehen und Hören, weil diese die leiblichen und vergänglichen Dinge waren. Er war in ihr so versunken, dass diese vergänglichen Handlungen, wie das Sehen und das Hören nichtmehr relevant waren. Megnün brauchte sie nicht, weil er Leyla 's Seele nicht getrennt von seinem sah. Megnün sagte: „ich bin der, den ich liebe, und den ich lieb', ist ich, Zwei Seelen, die geflossen in einen Körper sind.“19 Er sah sich nicht getrennt von Leyla und war somit am Nächsten zu Leyla. Durch den Tod verliert der Mensch die Leiblichkeit und ist mit seiner Seele am nächsten zu Allah. Auch die Geschichte von ibn Mansür al-Hallag, indem er so sehr versunken war und sagte: „ana l- haqq“ ist das „eins werden“ mit Allah ersichtlich.20 Al-Hallag war ein Asket zur Frühislamischen Zeit und lebte im Iran, Irak, Mekka, Indien, Pakistan und Bagdad. Sein Ausspruch: „ana l-haqq“ („Ich bin die Absolute Wahrheit‘) wird zu seiner Zeit als ketzerisch angesehen und er wird aufgrund dessen hingerichtet. Dieses Ereignis und seine Werke hatten eine Wirkung im Nachhinein. Er gilt als Vorbild für die wirklich Liebenden. Al-Hallag schrieb in seinen Gedichten und auch kurz vor seinem Tod, dass er in dem Tod sein Erwachen sieht. Nur durch das Sterben würde er anfangen zu leben. Er wollte daher getötet werden, um schneller an Allah zu gelangen und damit seiner Sehnsucht schneller ein Ende geben.21 In einem seiner Gedichte heißt es „Tötet mich, o meine Freunde, denn im Tod ist nur mein Leben 22

Eine andere Art den Tod als Möglichkeit zu sehen, um Allah näher zu kommen, beschreibt Rümi mit einem Schleier, welches zwischen dem Menschen und Allah vorhanden sei und enthüllt werden müsse. Der Mensch habe zwei hauptsächliche Schleier, die sich zwischen ihm und Allah befinden. Die eine ist die Gesundheit und die andere der Reichtum. Solange der Mensch gesund und/oder reich ist, würde er die Präsenz Allahs nicht wahrnehmen. Ist jedoch eines dieser Bereiche verletzt oder ganz abwesend, dann erinnert sich der Mensch an Allah. Wenn der Tod näher rückt, beispielsweise durch Alterung, Krankheit oder einen Unfall, erinnert sich der Mensch an Allah. Das heißt eines dieser Schleier, in diesem Fall die Gesundheit, ist verletzt und der Mensch wendet sich in seiner Not an Allah, zum Beispiel durch Bittgebete. Je weiter entfernt der Mensch vom Tod und dessen Symptomen ist, desto weniger verspürt er die Präsenz Allahs und erinnert sich weniger an Ihn. Die Metapher des Schleiers verdeutlicht Rümi mit einer Geschichte des Pharaos. Allah habe den Pharao 400 Jahre lang in Herrschaft und Erfolg leben lassen, weil Allah nicht wollte, dass er Ihm gedenkt. Das heißt derjenige, der Allah gedenken möchte und Seine Gegenwart spüren möchte, sollte sich nicht über Schmerz und Elend auf der Erde verärgern, sondern diese als Möglichkeit sehen, Allah näher zu kommen und Ihm zu gedenken.23 Rümi beschreibt es mit einem Beyt24 aus seinem Werk Divan-i Kebir25, indem es heißt, „Satt wurde Salomo all seiner Macht, Doch nie ward Hiob seines Schmerzes satt.“26 In der Geschichte von Ayyüb (Hiob im Zitat), geht es um die Prüfung Ayyübs ^ durch Armut, Einsamkeit und Krankheit. Er beschwerte sich jedoch nie, vertraute und gedachte in Allah und bekam sein Reichtum, seine Geselligkeit und seine Gesundheit zurück.

Der Tod ist etwas Natürliches und vervollständigt das Leben. Er muss akzeptiert werden und darf nicht als anormal angesehen werden. Jemand meinte neben Yahya b. Muaz27, dass der Tod das Leben sinnlos mache und sagte: „ Wenn es den Todesengel gibt, dann ist diese Welt nichts Wert".

[...]


1 Iyad, Q. (1992). Shifa'ush Sharif (Bd. 1). Medina: Madina Press. S. 320.

2 Söylev, Ö. F. (2017). diyanet dergi. Abgerufen am 20. November 2018 von http://www.diyanetdergi.com/ilmi/item/1442-dini-danisma-ve-rehberligin-teolojik-ve-psikolojik-temelleri

3 Der edle Qur’an. und die Übersetzung seiner Bedeutung in die deutsche Sprache. (2003). (F. Bubenheim, & N. Elyas, Übers.) Medina: König-Fahd-Komplex. Sure 29 Vers 2.

4 Ebd.Sure 2 Vers 155.

5 Aslan, E., Modler-El Abdaoui, M., & Charkasi, D. (2015). Islamische Seelsorge. Eine empirische Studie am Beispiel von Österreich. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften. S. 97.

6 Ebd. S. 119.

7 Kunz, R. (Hrsg.). (2016). Seelsorge. Grundlagen - Handlungsfelder - Dimensionen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. S. 9.

8 Schimmel, A. (1995). Mystische Dimensionen des Islam. Die Geschichte des Sufismus. Frankfurt a. M. und Leipzig: Insel Verlag. S. 17.

9 Düzgüner, S., & Ayten, A. (2017). Tasavvuf Psikolojisine Giri§. Bireysel Arinma ve Güzel Ahlak. Istanbul: Sufi Kitap. S. 178ff.

10 al-Ghazali, A. H. (2017). Ahiret Hayati. Ölüm - Kabir - Kiyamet: Kitäbü Zikri ’l-Mevt vema Ba ‘dehu. (H. Okur, Übers.) Istanbul: Semerkand. S. 20f.

11 Begriffserklärung: Grübel.

12 al-Ghazali, A. H. (2017). Ahiret Hayati. Ölüm - Kabir - Kiyamet: Kitäbü Zikri ’l-Mevt vema Ba ‘dehu. (H. Okur, Übers.) Istanbul: Semerkand. S. 22.

13 Rumi, M. D. (2011). Von Allem und vom Einem. (A. Schimmel, Übers.) München: Diederichs Gelbe Reihe. S. 71f.

14 Die Hölle nach islamischer Auffassung.

15 Rumi, M. D. (2011). Von Allem und vom Einem. (A. Schimmel, Übers.) München: Diederichs Gelbe Reihe. S. 42 und S. 362f.

16 Das Paradies nach islamischer Auffassung.

17 Schimmel, A. (2000). Sufismus. Eine Einführung in die islamische Mystik. München: Beck. S. 25f.

18 Rumi, M. D. (2011). Von Allem und vom Einem. (A. Schimmel, Übers.) München: Diederichs Gelbe Reihe. S. 71.

19 Ebd. S. 113.

20 Ebd. S. 114.

21 Schimmel, A. (2000). Sufismus. Eine Einführung in die islamische Mystik. München: Beck. S.32f.

22 Schimmel, A. (2000). Sufismus. Eine Einführung in die islamische Mystik. München: Beck. S. 33.

23 Rumi, M. D. (2011). Von Allem und vom Einem. (A. Schimmel, Übers.) München: Diederichs Gelbe Reihe. S. 365f.

24 Reimvers.

25 Eines seiner wichtisgten Werke.Yazici, T. (1988). Isläm Ansiklopedisi (Bd. 9). (K. Güran, Hrsg.) Istanbul: Türkiye Diyanet Vakfi. S. 433.

26 Rumi, M. D. (2011). Von Allem und vom Einem. (A. Schimmel, Übers.) München: Diederichs Gelbe Reihe. S. 366.

27 Ebü Zekeriyya Yahya b. Muaz b. Ca‘fer er-Razi (gest. 872 n.Chr.). Einer der ersten Mystiker im Islam. Salih Lift, S. (1988). isläm Ansiklopedisi (Bd. 43). (K. Güran, Hrsg.) Istanbul: Türkiye Diyanet Vakfi. S. 258.

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Das Verhältnis von Mystik und islamischer Seelsorge am Beispiel des Sterbens
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
33
Katalognummer
V498284
ISBN (eBook)
9783346030412
Sprache
Deutsch
Schlagworte
verhältnis, mystik, seelsorge, beispiel, sterbens
Arbeit zitieren
Aysegül Narsap (Autor), 2019, Das Verhältnis von Mystik und islamischer Seelsorge am Beispiel des Sterbens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/498284

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