Tiersymbolik in Franz Kafkas "Forschungen eines Hundes" unter Berücksichtigung des Judentums


Hausarbeit, 2017
19 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Forschungen eines Hundes
2.1 Das Verhältnis von Mensch und Tier 2.2Die FunktiondesHundes

3. Schluss

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Tiere haben bereits seit den Anfängen des frühen Mittelalters einen festen Platz in der Literatur gefunden, im Leben der Menschen noch viel früher. So ist es nicht verwunderlich, dass sie immer wieder in Erzählungen und literarischen Werken auftauchen, ohne einen tatsächlichen Einfluss auf das Geschehen der Geschichte zu haben. In den meisten Fällen sind Tiere nur ein Mittel, um eine Geschichte realistischer zu gestalten.

Dass dies aber nicht immer der Fall sein muss, zeigen die vielen Tierfiguren, die in Kafkas Erzählungen auftauchen und im Gegensatz zum "Beiwerk" eine zentrale Rolle einnehmen. Kafka versteht sich darauf, die Charaktere seiner Tierfiguren so zu konzipieren, dass deren Funktion nicht immer auf den ersten Blick erkennbar ist. Er schafft in seinen Werken eine mysteriöse Gegenwelt zum rein Menschlichen, mit denen er es schafft, seine Leserschaft in den Bann zu ziehen. Die gekonnte Mischung aus Fabel und Parabel zeigt den Menschen und seine Arbeit als eine Art Zentrum der Gesellschaft. Mithilfe der Vermenschlichung seiner Tierfiguren und Vertierlichung des Menschen, um den es im Grunde geht, erzielt Kafka seine Wirkung, die er mit einer reinen Menschenfigurso vermutlich nicht hätteerzielen können.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Tiersymbolik anhand der Erzählung "Forschungen eines Hundes" unter besonderer Berücksichtigung jüdischer Aspekte, die nicht auf den ersten Blick erkennbar sind. Dazu werde ich zunächst eine kurze Einführung in den Text geben und auf analytische Elemente eingehen, ehe ich mich dann der Beziehung zwischen Mensch und Tier widme. Bevor ich zum Schluss komme, soll der Hund in seiner gesamten Funktion für die Geschichte beleuchtet werden und gibt somit die Antwort nach der Frage, wieso für diese Erzählung ausgerechnet ein Hund als Protagonist und Ich-Erzähler gewählt ist und in seiner Tierhaftigkeit auftritt. Als Vorlage dafür habe ich die Taschenbuchausgabe "Franz Kafka - Beschreibung eines Kampfes - Novellen, Skizzen, Aphorismen aus dem Nachlass" verwendet. Es handelt sich dabei um eine Ausgabe mit gesammelten Werken, herausgegeben von Max Brod und erschienen im FischerTaschenbuch Verlag im März 1983.

2. Forschungen eines Hundes

Franz Kafkas "Forschungen eines Hundes" ist eine im Jahre 1922 entstandene Erzählungen, die erst nach seinem Tod von Max Brod betitelt und publiziert worden ist, und größtenteils im Hinblick auf intertextuelle, ästhetische oder jüdische Bezüge ausgelegt wurde. Sie berichtet kurz gesagt von der Erkenntnissuche eines Hundes.

In der Erzählung hat es sich ein Hund zur Lebensaufgabe gemacht, seine eigene Hundeschaft zu erforschen, um Antworten auf seine Fragen bezüglich seiner einsamen und isolierten Lebenssituation zu erhalten. Das Tier tritt als Ich-Erzähler auf, dessen Berichterstattungen sich an einen beliebigen und nicht weiter genannten Gesprächspartner richten. Diese Rolle nimmt automatisch der Leser ein.

Der gesamte Text kann in zwei grobe Teilkomplexe unterteilt werden, die sich gegenseitig bedingen. Der erste dieser Komplexe bezieht sich überwiegend auf die Hundeschaft und die Widersprüche, die der Ich-Erzähler schildert und reflektiert, womit er die Wirkung seiner Umwelt und das Leben der Hundegemeinschaft aufzeigt.1 Der zweite Komplex thematisiert hingegen die Wahrnehmungen und Beobachtungen des Forscherhundes, die durch seinen stark ausgeprägten Forscherdrang bedingt sind. Dieser Drang treibt den Erzähler auch immer wieder dazu Selbstexperimente bezüglich der Nahrungsbeschaffung durchzuführen, um seine Umwelt und die Einwirkung dieser Umwelt auf ihn selbst besser verstehen zu können.

Zu Beginn erzählt der Hund, dass er inmitten der Hundeschaft leben würde. Dies wird allerdings sofort wieder verneint durch die Äußerung „Kein Geschöpf lebt meines Wissens so weithin zerstreut wie wir Hunde2

Er erkennt aber nicht, dass die Hunde nicht aus freien Stücken so zerstreut leben, sondern dass sie den Menschen zugeordnet sind. Ihm scheint ohnehin die eigentliche Hundeschaft nicht wirklich klar zu sein, beziehungsweise sieht er keinen plausiblen Sinn in der Verbindung einzelner Hunde.

Der Forscherhund erinnert sich daraufhin an seine Jugend, in der er eine Begegnung mit sieben Musikerhunden gemacht hat, die ihn zunächst sehr beeindruckt haben.

traten aus irgendwelcher Finsternis unter Hervorbringung eines entsetzlichen Lärms, wie ich ihn noch nie gehört hatte, sieben Hunde ans Licht."3

Ihm fällt allerdings relativ schnell auf, dass sie sich gegen die Hundenatur verhalten und ihn somit eher verschrecken und verstören, sodass er sich immer mehr von den anderen Hunden entfernt. Er hatte sich bereits vor seinen Mithunden durch das stetige Suchen und Fragen beziehungsweise durch seine Forschungen ausgezeichnet und war auch selbst "in Vorahnung großer Dinge" lange durch die oben genannte Finsternis gelaufen. Die Musikerhunde erinnern sowohl in ihrer Gestalt und ihren charakterlichen Zügen an eine frühere Traumvision des Autors von windhundartigen Eseln, die des aufrechten Gangs mächtig waren.4

Diese Stelle kann ebenfalls als eine Art Emanzipation der jüdischen Gesellschaft gelesen werden. Die Hunde, die sich aufstellen, plötzlich auf zwei Beinen stehen und in der Lage sind zu laufen, stellen hier möglicherweise die Juden dar, die sich vergeblich gegen die antisemitischen Ansichten der Gesellschaft stellen und versuchen sich aus ihrer "Zwangslage" zu befreien, indem sie sich dagegen wehren:

"...Und wieder wurde man entlassen, weil man schon zu erschöpft, zu vernichtet, zu schwach war, um noch zu hören, man wurde entlassen und sah die sieben kleinen Hunde ihre Prozessionen führen, ihre Sprünge tun, man wollte sie, so ablehnend sie aussahen, anrufen, um Belehrung bitten, sie fragen, was sie denn hier machten -,.."5

Auch taucht hiermöglicherweise versteckt ein religiöses Element auf, wenn auch nur unbewusst: Es handelt sich um genau sieben Hunde, die dem Ich-Erzähler begegnen. So hat ebenfalls der erste Satz im ersten Buch Mose sieben Wörter, es gab sieben Tage zur vollkommenen Erschaffung der Welt und laut Bibel wird am siebten Tag geruht.

Ein Aspekt, der den Hund sehr intensiv beschäftigt, ist zudem die Frage nach der Nahrungsbeschaffung. Um zu ergründen, woher die Nahrung kommt und welches Wesen dafür zuständig ist, hungert das Tier, findet aber dennoch keine plausible Antwort auf die Frage "Woher nimmt die Erde diese Nahrung?".6

"Das ist nun, wenn man will, natürlich keine einfache Frage, sie beschäftigt uns seit Urzeiten, sie ist der Hauptgegenstand unseres Nachdenkens, zahllos sind die Beobachtungen und Versuche und Ansichten auf diesem Gebiete, es ist eine Wissenschaft geworden, die in ihren ungeheuren Ausmaßen nicht nur über die Fassungskraft des einzelnen, sondern über jene aller Gelehrten insgesamt geht und ausschließlich von niemandem anderen als von der gesamten Hundeschaft und selbst von dieser nur seufzend und nicht ganz vollständig getragen werden kann, immer wieder abbröckelt in altem, längst besessenem Gut und mühselig ergänzt werden muß, von den Schwierigkeiten und kaum zu erfüllenden Voraussetzungen meiner Forschung ganz zu schweigen.”7

Wie bekannt ist, gibt es im Judentum eine strenge Vorschrift, was die Nahrungsaufnahme und Speisen betrifft. All diese Fragen sind religiöser Natur und beschäftigten verschiedene Gelehrte über viele Epochen hinweg. Genau diese Fragen sind das, was der Hund in seinem Leben aufgreift und es als Forschungsfeld der Hundeschaft über Generationen hinweg hinterfragt. Er fordert von der eigenen Gesellschaft, aus diesem Zögern auszutreten und nicht alles einfach hinzunehmen, was kommt. Seine Flut an Fragen zum Thema Nahrung wird von den anderen Tieren in der Hundeschaft weder beantwortet, noch ernsthaft zur Kenntnis genommen, wodurch er sich immer mehr von dieser isoliert. Er unternimmt daraufhin einen Selbstversuch und versucht durch striktes Hungern, das fast zum Tode führt, Antworten auf seine Fragen zu finden.

Er philosophiert weiter einige Passagen über seine eigene Person, die ihm als tiefgründig und einzigartig erscheint, und stellt sich die Frage, ob es noch andere seiner Art gibt. Nachdem er an diesem Punkt seiner Forschung aber nicht weiter kommt, befasst er sich mit dem Phänomen der sogenannten Lufthunde, die sich entgegen ihrer Natur kaum auf dem Boden bewegen, sondern meistens in der Luft zu schweben scheinen. Bei dieser Art der Hunde scheint es sich um kleine Wesen zu handeln, die auf dem Schoß des Menschen sitzen, die der Forscherhund nicht registrieren kann.

Er selbst habe diese Hunde noch nie gesehen, ist sich deren Existenz aber durchaus bewusst.

Das Dasein der Lufthunde, die keinen wirklichen Zweck und keine Funktion, im Leben zu haben scheinen und die sich mit nichts anderem beschäftigen als andere Hunde und das Leben von einem erhöhten Standpunkt aus zu betrachten, können als eine Art Chiffre des "schönen Scheins" betrachtet werden.8 Interpretativ können die Lufthunde hingegen auch philosophisch betrachtet werden. Diese Art der Hunde lebt höher als die gewöhnlichen Rassen, die sonst auf der Erde existieren, und hat so einen weiteren Horizont und größere Einsichten als ihre Artgenossen. Sie können somit auch als die Klasse der Künstler, Philosophen und Denker verstanden werden. Dem Forscherhund sind sie suspekt, denn laut ihm leisten sie keine körperliche Arbeit, sind nicht produktiv, werden aber trotzdem von der Gesellschaft ausgehalten. Auch für den Ich-Erzähler sind sie auf philosophischer Ebene wertlos und nicht in der Lage etwas Sinnvolles zur Wissenschaft beizutragen.9

Die Darstellung der Lufthunde in diesem Abschnitt zeigt ebenfalls auf metaphorische Weise die antisemitische Sicht der Gesellschaft auf die Juden. Sie arbeiten nicht, sie ruhen nur:

„Ich denke hier am liebsten an das Beispiel der Lufthunde. Als ich zum ersten Mal von einem hörte, lachte ich, ließ es mir auf keine Weise einreden. Wie? Es sollte einen Hund von allerkleinster Art geben, nicht viel größer als mein Kopf, auch im hohen Alter nicht größer, und dieser Hund, natürlich schwächlich, dem Anschein nach ein künstliches, unreifes, übersorgfältig frisiertes Gebilde, unfähig, einen ehrlichen Sprung zu tun, dieser Hund sollte, wie man erzählte, meistens hoch in der Luft sich fortbewegen, dabei aber keine sichtbare Arbeit machen, sondern ruhen"10

Betrachtet man diesen Abschnitt mit Bezug auf das Jüdische, wird deutlich, dass die Passage alle Klischees über die Juden in sich vereint, aber nie ein Mensch so einen Juden je gesehen hat. Diese Klischees schweben praktisch nur in der Luft.

[...]


1 Kristina Jobst.Pawlow, Uexküll, Kafka: Forschungen mit Hunden. In: Harald Neumeyer, Wilko Steffens. Kafkas Tiere. In: Forschungen der Deutschen Kafka Gesellschaft. Band Vier. Verlag Königshausen und Neumann GmbH. Würzburg 2015. S. 320

2 Franz Kafka. Beschreibung eines Kampfes, Novelen Skizzen, Aphorismen aus dem Nachlass. HerausgegebenvonMax Brod. Fischer Taschenbuch Verlag. 1983,Frankfurt. S. 181

3 Franz Kafka. Beschreibung eines Kampfes. Forschungen eines Hundes. S. 182

4 Karl-Heinz Fingerhut: Die Funktion der Tierfiguren im Werke Kafkas. Offene Erzähögerüste und Figurenspiele. In Abhandlungen zur Kunst-, Musik- und Literaturwissenschaft Band 89. H.Bouvier u. Co Verlag. Bonn 1969. S. 152

5 Franz Kafka. Beschreibung eines Kampfes Forschungen eines Hundes. S. 184

6 Franz Kafka. Beschreibung eines Kampfes Forschungen eines Hundes. S. 189

7 Franz Kafka. Beschreibung eines Kampfes Forschungen eines Hundes. S. 187 f.

8 Die Funktion der Tierfiguren im Werke Franz Kafkas. S. 153

9 Franz Kafka. Beschreibung eines Kampfes. Forschungen eines Hundes. S. 196

10 Franz Kafka. Beschreibung eines Kampfes. Forschungen eines Hundes. S. 194

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Tiersymbolik in Franz Kafkas "Forschungen eines Hundes" unter Berücksichtigung des Judentums
Hochschule
Universität Bremen
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
19
Katalognummer
V499006
ISBN (eBook)
9783346031464
ISBN (Buch)
9783346031471
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kafka, Forschungen eines Hundes, Jüdische Literatur
Arbeit zitieren
Melissa Rohlfs (Autor), 2017, Tiersymbolik in Franz Kafkas "Forschungen eines Hundes" unter Berücksichtigung des Judentums, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/499006

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