Diskriminierungen von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans- und Inter-Personen sind nach wie vor soziale Realität. Gesellschaftliche Normen werden zu großen Teilen in der Schule ausgebildet und Schulbücher tragen dazu bei, das relevante Wissen darzustellen. Es ist daher wichtig, Benachteiligungen schon an dieser Stelle entgegenzuwirken.
Wie wird das Thema sexuelle Vielfalt derzeit in den Sexualunterricht integriert? Werden sexuelle Orientierungen umfassender behandelt als Geschlechtsidentitäten? Stellen die Lehrwerke Heterosexualität als Norm dar? Wie müssen die Inhalte gestaltet sein, um der sexuellen Vielfalt gerecht zu werden?
Cathrin Esser legt dar, ob und wie das Thema im Sexualunterricht behandelt wird. Sie stellt fest, dass es noch viel Optimierungspotenzial in den Richtlinien zur Sexualerziehung, den Lehrplänen und den Lehrwerken gibt. Mit eigens für den Sexualunterricht konzipierten Unterrichtsmaterialien gibt sie umfassende Empfehlungen, um die Akzeptanz für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt zu verbessern. Ihr Buch richtet sich an Schulbuchverlage, Lehrpersonal und die Kultusministerien der Bundesländer.
Aus dem Inhalt:
- Jugend;
- Schule;
- Sexuelle Orientierung;
- Vielfalt;
- LSBTI;
- Geschlecht
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Zielsetzung und Fragestellung
3 Begriffserklärung
3.1 Sexualität
3.2 Geschlecht
3.3 Sexuelle Identität
3.4 Geschlechtsidentität
3.5 Sexuelle Orientierung
4 LSBTI* im schulischen Kontext – Richtlinien und Lehrpläne
4.1 Lehrpläne für den gymnasialen Biologieunterricht
4.2 Richtlinien der Bundesländer
4.3 Bezug Forschungsprojekt – Was Neuntklässler_innen interessiert und wichtig finden
5 Material und Methode
6 Ergebnisse
6.1 Darstellung und Konstruktion sexueller Orientierungen
6.2 Darstellung und Konstruktion von geschlechtlicher Identität
6.3 Geschlechternormen und –stereotypisierungen
6.4 Geschlechtergerechte Sprache
7 Diskussion
7.1 Vergleich und Diskussion der Ergebnisse
7.2 Die thematische Umsetzung der Lehrpläne und Richtlinien in den untersuchten Schulbüchern
7.3 Verifizierung und Falsifizierung von Hypothesen
7.4 Kritische Bewertung der Methode und mögliche Fehlerquellen
8 Fazit
9 Konzeption eigener Unterrichtsmaterialien
9.1 Allgemeine methodisch-didaktische Überlegungen
9.2 Unterrichtskonzept I: Sexuelle Orientierung
9.3 Unterrichtskonzept Intergeschlechtlichkeit
9.4 Unterrichtskonzept Transgeschlechtlichkeit
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit ist es, Diskriminierungen gegenüber sexuell und geschlechtlich vielfältigen Identitäts- und Lebensformen (LSBTI*) im schulischen Umfeld abzubauen. Die zentrale Forschungsfrage untersucht, ob und in welcher Weise das Thema sexuelle Vielfalt aktuell im biologischen Sexualunterricht an Gymnasien integriert ist, wobei der Fokus auf einer qualitativen Analyse von Schulbüchern und den curricularen Vorgaben verschiedener Bundesländer liegt.
- Analyse der Darstellung von sexueller Vielfalt in aktuellen Biologie-Schulbüchern
- Untersuchung der Vorgaben in Richtlinien und Lehrplänen der Bundesländer
- Identifikation heteronormativer Strukturen und Konstruktionen in Lehrmedien
- Reflexion über die Rolle von Schule bei der Identitätsentwicklung Jugendlicher
- Konzeption von Unterrichtsmaterialien zur Förderung antidiskriminierender Sexualpädagogik
Auszug aus dem Buch
3.1 Sexualität
Nach Einschätzung Uwe Sielerts (2015: 36) ist es eine schwierige Aufgabe ‚Sexualität‘ zu definieren, da Sexualität sehr vielseitig und z. T. sogar widersprüchlich ist.
Umgangssprachlich wird Sexualität als „das Umgehen mit den Sexualorganen“ aufgefasst (ebd.). Sielert (ebd.) beschreibt Sexualität daher als „Genitalität oder genitales Verhalten und das damit verbundene Lusterleben“. Jedoch kann laut Sielert Sexualität nicht allein darauf reduziert werden. „Zärtlichkeit […][,] Sinnlichkeit, Erotik […][und] körperliche[.] ekstatische[.] Sensation sind seiner Meinung nach nur ein paar Beispiele, die ebenso Bestandteile und Ausdrucksformen sexuellen Erlebens darstellen (ebd.: 46; 21, nach: Valtl 2008).
Der Ursprung des Wortes „Sexualität“ ist in der Biologie zu finden (ebd.). Dort sollte mit diesem Begriff „das Vorhandensein männlicher und weiblicher Organismen“ zusammengefasst werden (ebd.: 39). Über menschliche Sexualität wird erst seit Anfang des 19. Jahrhunderts gesprochen. Zu dieser Zeit wurde die Hauptfunktion der Sexualität in der Fortpflanzung gesehen (ebd.). Diese Funktionszuschreibung hatte laut Sielert (ebd.) automatisch zur Folge, dass Sexualität als etwas, das erst ab einem fortpflanzungsfähigen Alter zu erlangen ist, aufgefasst wurde.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die heteronormative gesellschaftliche Konstruktion von Geschlecht ein und beleuchtet die Notwendigkeit von Antidiskriminierungsmaßnahmen im schulischen Sexualunterricht.
2 Zielsetzung und Fragestellung: Das Kapitel definiert den Abbau von Diskriminierung als Ziel und führt die Methode der Schulbuchanalyse zur Untersuchung heteronormativer Strukturen ein.
3 Begriffserklärung: Hier werden theoretische Grundlagen zu den Begriffen Sexualität, Geschlecht, sexueller Identität, Geschlechtsidentität und sexueller Orientierung dargelegt.
4 LSBTI* im schulischen Kontext – Richtlinien und Lehrpläne: Dieses Kapitel analysiert die offiziellen Vorgaben der Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Bayern sowie Berlin/Brandenburg hinsichtlich ihrer Thematisierung sexueller Vielfalt.
5 Material und Methode: Der Abschnitt erläutert das methodische Vorgehen bei der qualitativen Schulbuchanalyse anhand der gewählten Kriterien und Leitfragen.
6 Ergebnisse: Die Ergebnisse präsentieren die konkreten Befunde aus der Analyse der Schulbücher hinsichtlich der Darstellung sexueller Orientierungen, Identitäten und Normen.
7 Diskussion: Hier werden die gewonnenen Analyseergebnisse vergleichend diskutiert und in den Kontext bestehender Forschung und curricularen Vorgaben gesetzt.
8 Fazit: Das Fazit fasst die Erkenntnisse zusammen und resümiert, dass sexuelle Vielfalt zwar flächendeckend, jedoch oft unzureichend oder normhaft dargestellt wird.
9 Konzeption eigener Unterrichtsmaterialien: Dieses Kapitel präsentiert praxisorientierte Unterrichtskonzepte zu den Themen Sexuelle Orientierung, Intergeschlechtlichkeit und Transgeschlechtlichkeit für den Biologieunterricht.
Schlüsselwörter
Sexualunterricht, sexuelle Vielfalt, LSBTI*, Schulbuchanalyse, Heteronormativität, Geschlechtsidentität, Sexualerziehung, Antidiskriminierung, Biologieunterricht, Geschlechternormen, Unterrichtskonzeption, Geschlechtergerechte Sprache, Identitätsentwicklung, Diversität, Pubertät
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie sexuelle Vielfalt im gymnasialen Sexualunterricht behandelt wird und inwiefern Schulbücher dazu beitragen, Diskriminierungen von LSBTI*-Personen abzubauen oder diese durch heteronormative Konstruktionen möglicherweise ungewollt zu verstärken.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die theoretische Definition von Geschlechts- und Identitätskategorien, die Analyse von Lehrplänen und Richtlinien in Deutschland sowie die kritische Untersuchung von Biologie-Schulbüchern verschiedener Bundesländer auf ihre Darstellung von Vielfalt.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den Handlungsbedarf bei der Gestaltung von Sexualerziehung aufzuzeigen, um eine antidiskriminierende und inklusive Unterrichtspraxis zu fördern, die über rein biologische Fortpflanzungsmodelle hinausgeht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine kriteriengeleitete, qualitative Schulbuchanalyse angewandt, die durch den Vergleich mit staatlichen Lehrplänen und Richtlinien ergänzt wird, um die inhaltliche Umsetzung gesellschaftlicher Diversität zu prüfen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Begriffsbestimmung, die Analyse schulischer Vorgaben (Richtlinien/Lehrpläne) und eine detaillierte, kriterienorientierte Auswertung von Schulbuchinhalten inklusive bildlicher Darstellungen.
Welche Rolle spielt das Forschungsprojekt mit Neuntklässler_innen?
Das Forschungsprojekt dient dazu, die Interessen und Einschätzungen von Schüler_innen direkt zu erfassen, um eine empirische Grundlage für die Relevanz der Thematik „sexuelle Vielfalt“ im Unterricht zu schaffen.
Wie unterscheidet sich die Behandlung von Homosexualität in den Schulbüchern?
Die Arbeit zeigt, dass während Homosexualität in neueren Büchern öfter thematisiert wird, sie häufig dennoch als „andere“ Form neben einer als „normal“ gesetzten Heterosexualität steht und nur selten in Liebesbeziehungen oder Alltagssituationen integriert wird.
Warum wird das Thema Intergeschlechtlichkeit in der Arbeit hervorgehoben?
Intergeschlechtlichkeit wird als Beispiel genutzt, um die Problematik der binären Geschlechterkonstruktion (Mann/Frau) in Biologielehrwerken aufzudecken, da diese in den untersuchten Büchern meist an die physiologische Eindeutigkeit gekoppelt bleibt.
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- Cathrin Esser (Author), 2020, Wie sexuelle Vielfalt im gymnasialen Sexualunterricht behandelt wird. Diskriminierungen mit Schulbüchern entgegenwirken, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/499180