Ökologische, soziokulturelle und ökonomische Einflüsse des Tourismus auf den Kulturraum der Samen


Hausarbeit, 2005
45 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

I Inhaltsverzeichnis

II Abbildungsverzeichnis

III Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Auswirkungen des Tourismus auf eine Destination
2.1 Ökologische Einflüsse
2.2 Soziokulturelle Einflüsse
2.3 Ökonomische Einflüsse
2.4 Intensitätsdeterminanten

3 Der Kulturraum der Samen
3.1 Historie der Samen
3.2 Geographische Abgrenzung des Kulturraums der Samen
3.3 Kultur der Samen

4 Tourismus und touristische Einflüsse im Kulturraum der Samen
4.1 Ökologische Einflüsse
4.2 Soziokulturelle Einflüsse
4.3 Ökonomische Einflüsse

5 Fazit

IV Literaturverzeichnis

V Anhang

II Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Prioritäre Umweltwirkungsfelder des Tourismus

Abbildung 2: Tourist-Gast Zusammentreffen

Abbildung 3: Verärgerungsniveau der Gastgeber - der Irridex

Abbildung 4: Gastgeber-Gast-Beziehung

Abbildung 5: Geographische Ausbreitung der Samen

Abbildung 6: Samische Flagge

Abbildung 7: Runebomme (ritual drum)

Abbildung 8: traditionelles samisches Musikinstrument - bullroarer

Abbildung 9: Norwegische Tracht

Abbildung 10: Indigener Tourismus

III Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Spätestens seit ihren Boomzeiten zum Ende des zwanzigsten Jahrhunderts wird die Tourismusbranche als elementarer Wirtschaftszweig verstanden, der jedoch auf unterschiedlichen Ebenen Besonderheiten aufweist. Im Vergleich der Tourismusdienstleistung mit Konsumgüterprodukten zeigt sich z.B. dass eine Tourismusleistung selten eine geschlossene Einzelleistung darstellt, sondern eher als ein individuell, vom einzelnen Konsumenten abhängiger, Zusammenschluss unterschiedlicher Teilleistungen zu verstehen ist. Während also z. B. der Konsum eines Brotes schlicht in dessen Kauf besteht, setzt sich der Konsum eines Tourismusprodukts u. a. aus solchen Komponenten wie dem Transport ins Zielgebiet und später vor Ort, der Beherbergungsleistung, dem Konsum in der Destination (z. B. Mahlzeiten in Gaststätten, Einkäufe im örtlichen Supermarkt) und dem Kontakt mit den Einheimischen zusammen. Dass diese (Dienst-)Leistungen von unterschiedlichen Leistungserbringern erbracht werden und teilweise zusätzlich von dritten Instanzen (z. B. dem Staat über Gesetze und Bestimmungen) Beeinflussung erfahren, unterstreicht den Charakter des Tourismus als offenes, dynamisches, mehrdimensionales System: Die ökologischen, ökonomischen, soziokulturellen, politischen und technologischen Rahmenbedingungen sind gleichzeitig „Externe Faktoren“ und Empfänger „Externer Effekte“, d.h. der Tourismus beeinflusst seine Umwelt und wird gleichzeitig von selbiger beeinflusst – ein Zustand des Stillstandes, ohne Veränderung des Systems ist (nahezu) unmöglich. Darüber hinaus sind Wechselwirkungen auch innerhalb des Tourismus zu beobachten: Bietet z. B. ein Hotel sehr günstige Übernachtungen an, und hat dies eine erhöhte Nachfrage zur Folge, sind positive Effekte für die anderen in der Destination ansässigen Unternehmen (z. B. Restaurants, Taxibetriebe, Einzelhandel) wahrscheinlich.

Die nachfolgende Arbeit fokussiert auf die externen Effekte und Einflüsse die der Tourismus auf Destinationen haben kann. Kapitel zwei ist theoretisch gehalten und in Gemeinschaftsarbeit entstanden. Die ökologischen Einflüsse wurden von Mariana Noack beschrieben, die soziokulturellen Einflüsse von Barbara Boron und die ökonomischen Einflüsse von Julia Eva Peters. Ab Kapitel drei wird in den jeweiligen, ansonsten eigenständig erarbeiteten, Hausarbeiten an drei Beispieldestinationen aufzeigt, wie sich die Einflüsse des Tourismus auf lokale Verhältnisse auswirken und wie mit diesen Auswirkungen umgegangen wird bzw. umgegangen werden könnte.

Für die vorliegende Hausarbeit wurde als Exempel der Kulturraum der Samen gewählt, der geographisch gesehen über die Grenzen von vier Nationalstaaten reicht und umgangssprachlich oft einfach als Lappland bezeichnet wird.[1] In Kapitel drei wird somit der Kulturraum der Samen näher betrachtet. Es erfolgen ein kurzer Rückblick auf die Historie der Samen, eine geographische Abgrenzung des Raumes und eine Betrachtung der samischen Kultur. In Kapitel vier werden die im Theorieteil herausgearbeiteten Erkenntnisse bezüglich ökologischer, soziokultureller und ökonomischer Einflüsse auf das gewählte Praxisbeispiel übertragen. Im fünften Kapitel wird ein Fazit gezogen und aufgezeigt, wie der Tourismus im Kulturraum der Samen gestaltet werden müsste, um möglichst die negativen Einflüsse des Tourismus zu unterdrücken, wenn möglich ganz auszuschalten, und die positiven Aspekte des Tourismus für die Samen zu verstärken.

2 Auswirkungen des Tourismus auf eine Destination

In diesem Kapitel sollen die theoretischen Grundlagen gelegt werden. Es sollen ökologische, soziokulturelle und ökonomische Einflüsse des Tourismus auf Reiseziele und ihre Bevölkerung aufgezeigt werden. Diese werden dann in Kapitel vier auf die gewählte Region übertragen und näher erläutert.

2.1 Ökologische Einflüsse

Die ökologisch negativen als auch positiven Auswirkungen des Tourismus auf eine Destination sind vielfältig. Insbesondere die negativen verschlechtern die Qualität der Umwelt erheblich und nehmen dem Tourismus zunehmend die Grundlage seiner Existenz.[2][3] Im Folgenden werden deshalb die negativen Auswirkungen näher betrachtet und erläutert.

Die Natur spielt für den westlichen Touristen eine immer wichtigere Rolle. Die Mehrheit lebt in urbanen Regionen und sucht folglich intakte Ökosysteme, um eine Balance zu ihrem oftmals stressigen Alltag zu schaffen. Demzufolge wird die Natur, insbesondere durch die steigende Nachfrage der Touristen, menschlichen Einflüssen ausgesetzt, welche weit reichende Konsequenzen auf die Natur haben.[4] Insgesamt lassen sich vier Hauptursachen für die Schädigung der Umwelt durch den Tourismus unterscheiden:

- Ökologische Umstrukturierung durch Infrastruktur
- Abfallproduktion
- Direkte ökologische Belastung durch touristische Aktivitäten
- Effekte auf die Populationsdynamik, die Zuwanderungen hervorrufen.[5]

Die Auswirkungen der genannten Ursachen sind vielseitig. Insbesondere die Ausbeutung von natürlichen Ressourcen, aber auch die generelle Verschmutzung der Umwelt sind die Hauptprobleme, die zu einer verringerten Umweltqualität führen. Letzteres umfasst vor allem die Verunreinigung von Wasser durch ungeklärte Abwässer, Müll oder Öl, und Luft durch z.B. Abgase. Auch die Lärmverschmutzung durch Aktivitäten der Touristen oder Transportmittel sollte in diesem Zusammenhang nicht unterschätzt werden, da sie das Wohlbefinden sowohl der Tiere, die zu einem intakten Ökosystem gehören, wie auch der Einwohner und der Gäste beeinflussen kann.

Die Tiere können zusätzlich durch eine Veränderung der Flora und Fauna, z.B. durch Waldrodung, Jagd o.ä. negativ beeinflusst werden. Das Gleichgewicht zwischen Pflanzenwelt und Tierreich ist kritisch für den Erhalt einer gesunden Natur. Ist es gestört, kann es zur Überpopulation sowohl von Pflanzen, als auch von Tierarten kommen, die die Qualität der Umgebung reduzieren, sie aus dem Gleichgewicht bringen und Tourismus unmöglich machen.[6]

Die Ausbeutung von natürlichen Ressourcen in einer Destination hat nicht nur lokale Folgen, sondern auch weiter reichende globale Konsequenzen. Nicht nur dass lokale Wasservorräte oder Energieressourcen durch touristische Aktivitäten extremen Belastungen ausgesetzt werden, oftmals müssen sie auch extern wiederbeschafft werden, um die Nachfrage, insbesondere in touristischen „Hochburgen“ befriedigen zu können. Der zusätzliche Kohlendioxidausstoß der durch diese externen Beschaffungsmaßnahmen verursacht wird, fördert den Treibhauseffekt und hat globale Auswirkungen auf das Ökosystem.[7]

Die Erbauung von touristischen Anlagen und das Vorhandensein von menschlichen Aktivitäten führen vor allem zur visuellen Degradierung einer Landschaft, aber sie können auch zu erheblichen Erosionen in einer Destination führen. Diese haben wiederum einen zerstörerischen Einfluss auf geologische Formationen, wie beispielsweise Höhlen und Flussbänke. Erosionen erhöhen zudem das Risiko von Lawinen oder Erdrutschen, welche ganze Landstriche verwüsten können.[8]

Insgesamt gibt es eine Reihe von Umweltproblemfeldern die im Zusammenhang mit dem Tourismus stehen. Wahrscheinlich würden diese Probleme auch ohne den Tourismus auftreten, jedoch verstärkt dieser die Auswirkungen um ein Vielfaches. Die folgende Tabelle stellt noch einmal die wichtigsten Probleme detaillierter zusammen. Sie berücksichtigt nicht nur die räumliche Dimension, sondern liefert Indikatoren sowie die Ursache(n) und die Auswirkung(en) für jedes Umweltproblemfeld.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Prioritäre Umweltwirkungsfelder des Tourismus[9]

2.2 Soziokulturelle Einflüsse

Nachdem die ökonomischen Einflüsse des Tourismus auf eine Destination erläutert wurden, sollen in diesem Unterabschnitt auch die soziokulturellen Auswirkungen des Tourismus auf Reiseziele und die dort lebende Bevölkerung betrachtet werden. Im Gegensatz zu den ökonomischen Einflüssen sind die soziokulturellen Einflüsse des Tourismus viel schwerer zu messen, vor allem ist ihr Ausmaß (im Voraus) viel schwerer zu bestimmen. Der Schaden, der auf soziokultureller Ebene durch den Tourismus entstehen kann, ist unter Umständen höher als der ökonomische Nutzen, den eine Destination durch den Tourismus erzielt.[10][11] Dennoch gibt es auch positive soziokulturelle Einflüsse. So wird davon ausgegangen, dass die Interaktionen zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturkreise zu einer Erhöhung des Verständnisses und der Akzeptanz der jeweiligen anderen Kultur führen können. Aus diesen verschiedenen Gründen heraus ist es besonders wichtig, sich auch über die soziokulturellen Einflüsse des Tourismus im Klaren zu sein.

Hierbei kann ein ganzes Bündel an Einflüssen zusammengefasst werden. So werden immer wieder Veränderungen von Wertesystemen, von sozialen Beziehungen, von Lebensstilen und von Verhaltensweisen einzelner Personen, besonders der Bevölkerung in den Destinationen, beobachtet. Die soziokulturellen Einflüsse auf die Touristen sind eher gering und werden im Folgenden deshalb nicht weiter betrachtet. Tourismus führt immer zu Veränderungen, da verschiedene Kulturen aufeinander treffen; schließlich bringen die Reisenden ihr ‚kulturelles Gepäck’ mit in den Urlaub.[12] Die folgende Grafik zeigt die Dimensionen auf in denen sich Veränderungen bei Interaktionen zwischen Gastgebern und Reisenden ergeben können. Während einiger dieser Einflüsse sehr schnell auftreten, werden andere erst nach einiger Zeit sichtbar, dazu gehört z. B. die graduelle Veränderung der Kultur.[13] Veränderungen der Kultur können sich beispielsweise in einem veränderten Sprachgebrauch der Gastgeber zeigen.So sind die Gastgeber unter Umständen gezwungen die Sprache der Haupttouristengruppen zu lernen um mit ihnen interagieren zu können.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Tourist-Gast Zusammentreffen[14]

Das ‚aufdrücken’ der Kultur der Besucher auf die Destination und ihre Bevölkerung, wird auch als kultureller Imperialismus bezeichnet. Oft wird eine Kommerzialisierung von Kultur und Lebensstils der Gastgeber befürchtet, da sie auch Teil der Attraktion der jeweiligen Destination sind und als Unique Selling Proposition (USP) ‚verkauft’ werden. Diese Angst ist begründet, wenn die kulturellen Bräuche, Handwerke und Produkte modifiziert werden, damit sie den Ansprüchen der Touristen eher genügen aber dabei an Authentizität verlieren. Bei Vorführungen traditioneller Bräuche, wie z.B. religiöser Tänze und Riten, können diese ihre kulturelle Bedeutung verlieren, wenn sie nur noch als Touristenattraktion durchgeführt werden. In einer solchen Situation würden die Einheimischen zu Attraktionen, es wird auch vom so genannten Zooeffekt gesprochen. Im Gegensatz dazu können die Darstellung regionaler Bräuche und der Verkauf von regionalen Produkten auch zur Bewahrung oder gar Wiederbelebung von Traditionen beitragen.[15] Tourismus hat auch einen Einfluss auf Gesundheitsthemen, so ist z.B. die Verbreitung von HIV und AIDS auch mit Sextourismus in Verbindung zu bringen. Oft wissen Touristen nicht wie sie sich bei Outdoor-Aktivitäten ausreichend schützen können, um Unfälle zu vermeiden. Daraus resultierende Unfälle bewirken dann schlechte Berichterstattungen und können zu einem negativen Image der Destination führen. Positiv zu bewerten ist dagegen die Unterstützung von Gesundheitsprojekten in den Destinationen durch Reiseveranstalter und ihre Kunden.[16] Ob Gewalt und Verbrechen durch Tourismus zunehmen ist umstritten. Touristen können sowohl Täter (z.B. Sextourismus), als auch Opfer (z.B. Diebstähle) sein. Letzteres wird vor allem dadurch begünstigt, dass sie als Fremde in der Destination einerseits verletzlicher sind, da sie ihre Umgebung nicht so gut kennen, andererseits oft auch viel Geld oder Güter (Kameras etc.) mit sich herum tragen, die wertvolle Handelsware auf Schwarzmärkten sind. Auch der so genannten Demonstrations-/Neideffekts tritt immer wieder auf. Er beschreibt die Veränderung von Werten und Verhaltensweisen der Gastgeber, die durch die Beobachtung der Besucher eingeläutet wird. Im positiven Sinne könnte dies dazu führen, dass die einheimische Bevölkerung, in Destinationen weniger entwickelter Länder, nach einem höheren Lebensstandard strebt. Diese Motivation kann aber auch leicht ins negative umschlagen und Unzufriedenheit und Abneigung schüren, wenn die Ziele unerreichbar bleiben.[17] Ein sehr schwerwiegender soziokultureller Einfluss ist die Dislokation, hierbei werden, meist eingeborene Bevölkerungsgruppen von ihrem Land vertrieben/umgesiedelt um die Flächen für touristische Infrastruktur zu nutzen. Solche Auswüchse des Tourismus sind aufs Schärfste zu kritisieren.[18]

Die Messung soziokultureller Einflüsse ist, wie zuvor schon angedeutet, relativ schwierig, hilfreicher Indikator kann der Irridex (irritation index) sein. Er beschreibt den Grad der Reizung, die der Tourismus bei der lokalen Bevölkerung auslöst.[19]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Verärgerungsniveau der Gastgeber - der Irridex[20]

2.3 Ökonomische Einflüsse

Von der Angebotsseite aus gesehen, findet Tourismus primär aus wirtschaftlichen Motiven statt: Man möchte Umsätze erzielen, Beschäftigung schaffen und die Destination im Rahmen des Wettbewerbs stärken. Klassischerweise unterscheidet man dementsprechend vier wirtschaftliche Effekte des Tourismus, auf die im Folgenden näher eingegangen werden soll.[21]

Im Rahmen der Zahlungsbilanzfunktion, die besonders von staatlichen Instanzen hervorgehoben wird, muss zunächst verstanden werden, dass der (internationale) Tourismus eine indirekte Exportleistung der Destination darstellt: Durch den Konsum von Tourismusprodukten bringen die Reisenden Umsätze von außen in die Volkswirtschaft der Destination ein. „Exportiert“ werden demnach z.B. die Erfahrungen des Touristen, die dieser von seiner Reise wieder mit in seine Heimat nimmt. Besonders für ansonsten exportschwache Volkswirtschaften kann dies das entscheidende Argument für den Tourismus sein, da dieser ihnen die Möglichkeit bietet, Leistungsbilanzdefizite (zumindest teilweise) auszugleichen.[22]

Für die in einer Destination ansässige Wirtschaft sind dagegen vor allem die Einkommens- und die damit eng verbundene Beschäftigungsfunktion des Tourismus von Bedeutung. Auch wenn nicht alle Betriebe im Raum einer Destination direkt zur Tourismusbranche gehören, und es bei manchen sogar recht abwegig erscheint, dass sie in Verbindung mit dem Tourismus stehen, profitieren gleichwohl fast alle Zweige der Wirtschaft von einer ökonomisch vorteilhaften Entwicklung des Tourismus. Dies liegt im Multiplikatoreffekt der Einkünfte aus dem Verkauf von Tourismusprodukten begründet. Denn wenn die direkt mit dem Tourismus verbundenen Betriebe, z.B. Hotels, für ihre Gäste Leistungen erbringen, so beziehen sie dafür generell Vorleistungen (z.B. Lebensmittel oder Leistungen des Baugewerbes), von denen mindestens ein Teil aus der Region stammt. Die über die Bezahlung der Tourismusleistung einmal in die Volkswirtschaft eingebrachten Erlöse schaffen somit zuerst direkte, so genannte „primäre“ und danach, über die Ausgaben für Vorleistungen, indirekte, so genannte „abgeleitete“ Einkünfte in den verschiedensten Branchen und – daraus abgeleitet – Arbeitsplätze[23]. Der Wert der durch den Multiplikatoreffekt ausgelösten Nachfragekette kann also um ein Vielfaches größer sein als die ursprünglichen Ausgaben des Reisenden.[24] Dieser Effekt ist über mehrere „Runden“ möglich, d.h. dass die einzelne einmal über den Tourismus eingenommene Geldeinheit durchaus mehrere Male wieder in den Tourismus zurückfließen kann, um danach wieder für Vorleistungen ausgegeben zu werden: „Der Teil [ihres/des] Einkommens der direkt oder indirekt durch die Befriedigung von Nachfrage im Tourismus verdient wurde und wieder ausgegeben wird, führt zu einem induzierten Effekt auf die Wirtschaft.“[25]

Dennoch ist der Multiplikatoreffekt nicht unendlich: Tourismusbezogene Importe, wie z.B. die Einfuhr von ausländischen Lebensmitteln oder Getränken, die Entrichtung von Franchisinggebühren an ausländische Franchising-Geber oder die Entlohnung von Facharbeitern aus dem Ausland mindern die Außenhandelsbilanz und schmälern somit den Multiplikatoreffekt, was sich auf die gesamte Volkswirtschaft auswirkt, da die positiven Einkommensschübe verringert werden.[26] Dieses Phänomen ist auch als Sickereffekt bekannt und wird im englischsprachigen Raum leakage tituliert. Besonders in eher schwachen Volkswirtschaften oder in Destinationen die extrem abhängig vom Tourismus sind und deswegen enge Bindungen mit ausländischen Konzernen eingehen, um ihre Verkäufe (so weit möglich) sicherzustellen sind Sickereffekte zu beobachten. Im Extremfall können sie dazu führen, dass eine Destination verarmt, obwohl sie eigentlich wirtschaftlich „gesund“ scheint, da ihre Tourismusleistungen gerne, häufig und zu beidseitig akzeptablen Preisen konsumiert werden.

Letztlich ist die Ausgleichsfunktion des Tourismus von wirtschaftlicher Bedeutung: Durch den Tourismus können solche Regionen, die eigentlich wirtschaftsschwach sind, ökonomisch aktiv werden - ein starker Tourismus kann z.B. eine fehlende Industrie (z.B. aufgrund einer ungünstigen Lage oder unattraktiven Voraussetzungen für unternehmerische Aktivitäten – Löhne, Lohnnebenkosten etc.) in einzelnen Destinationen aufwiegen oder sogar ersetzen.[27]

Über die vier erläuterten klassischen wirtschaftlichen Funktionen des Tourismus hinaus treten besonders in höher entwickelten Volkswirtschaften vermehrt auch neue, immaterielle wirtschaftliche Effekte in den Vordergrund des Interesses. Zu solchen gehören unter anderem Effekte auf die Infrastruktur, das Image, die Vernetzung oder die Kompetenzen der Destination. So können z.B. die einmal für den Tourismus erlernten bzw. erworbenen ökonomischen Fähigkeiten und Kompetenzen gleichzeitig auch für andere wirtschaftliche Bereiche eingesetzt werden.[28]

Um den gesamten wirtschaftlichen Effekt des Tourismus auf eine Destination quantitativ zu bestimmen, müssen die ökonomischen Wirkungen der einzelnen, vorangehend erläuterten Funktionen addiert werden. Hierzu werden in der touristischen Praxis vor allem wirtschaftliche Modelle verwendet. Beim bereits angeführten Multiplikatormodell werden z.B. Einkommensmultiplikatoren für die einzelnen Destinationen geschätzt, die wiedergeben sollen, „welchen Wert eine im Tourismus eingenommene Geldeinheit im Wirtschaftskreislauf erhält.“[29] Da dieses Verfahren – wie alle anderen – aber einige Kritikpunkte aufweist, werden neben dem Multiplikatormodell auch z.B. das Wertschöpfungs-, das Input-Output- und das Dynamische multisektorale Modell verwendet, auf die an dieser Stelle jedoch nicht weiter eingegangen werden soll.[30] „Man muss aber beachten, dass ein ökonomisches Modell bestenfalls so gut ist wie die zugrunde liegenden Daten.“[31]

Zur Begutachtung ökonomischer Gesamteffekte auf unterschiedliche Destinationen empfiehlt sich ein Blick auf die Datensätze, Zählungen und Schätzungen der verschiedenen nationalen und internationalen Tourismusorganisationen, wie z.B. der WTO (www.world-tourism.org). Dabei sollte der Betrachter, im Bewusstsein über die jeweilige Intention der Datenerhebenden, jedoch stets versuchen, Daten, Ranglisten und ähnlichem möglichst objektiv zu betrachten.

2.4 Intensitätsdeterminanten

Die Auswirkungen des Tourismus und die Stärke der Beeinflussungen, im negativen wie im positiven Sinne, sind von Destination zu Destination unterschiedlich. Generell kann behauptet werden, dass der Tourismus auf weniger entwickelte Länder eine stärkere Wirkung hat als auf entwickelte Länder. Besonders die soziokulturellen Einflüsse des Tourismus sind in den Destinationen und Regionen stärker zu spüren, in denen die Abweichung der Kulturen von Besuchten und Besucher hoch ist.[32] Diese Diskrepanz führt dazu, dass die soziokulturellen Einflüsse stärker wahrgenommen werden und längerfristig auch tiefer greifende Veränderungen in der Kultur der Gastgeber bewirken können.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Gastgeber-Gast-Beziehung[33]

Oft existiert ein Mächteungleichgewicht, ausgelöst durch die unterschiedlichen finanziellen Ressourcen, die Gastgebern und Reisenden zur Verfügung stehen. Je höher dieses Ungleichgewicht desto stärker die Einflüsse des Tourismus auf die Gastgeberregion.[34] Auch die Anzahl der Touristen hat eine Auswirkung auf die Intensität der soziokulturellen Einflüsse, die durch den Tourismus ausgelöst werden. Je höher die Anzahl der Gäste, desto größer ihr Einfluss auf die Destination. Auch die Ausprägung der Interaktion spielt eine Rolle bei der Beeinflussung der Bevölkerung. So wird teilweise argumentiert, dass Touristen in geschlossenen Ressorts keinen so großen Einfluss auf die Bevölkerung haben, wie ein Individualreisender in einer abgelegenen, touristisch nicht erschlossenen Region.[35] Auch die Größe der Destination ist eine Determinante, die sich auf die Stärke der Beeinflussung auswirkt. Die Kapazitäten, auch carrying capacity genannt, in einer kleinen Gemeinde sind schneller ausgereizt, als dies in einer größeren Gemeinde oder Stadt der Fall sein wird, touristische Einflüsse treten offensichtlicher zu Tage. Ebenso hat die Geschwindigkeit, in der eine Destination erschlossen wird, Auswirkungen auf die Intensität der Einflüsse. Es wird davon ausgegangen, dass eine langsame graduelle Entwicklung verträglicher für die Destination ist.

[...]


[1] Im weiteren Verlauf der Arbeit wird die Bezeichnung Sámpi verwendet, da diese auch von den Samen selber gebraucht wird.

[2] Dieser Abschnitt wurde von Mariana Noack bearbeitet.

[3] Vgl. Page, Stephen; Brunt, Paul; Busby, Graham; Connell, Jo (2001): Tourism: A modern synthesis, London, S. 294 ff..

[4] Vgl. Wearing, Stephen; Neil, John (1999): Ecotourism - Impacts, potentials and possibilities, Oxford, S. 4.

[5] Vgl. Cooper, Chris; Fletcher, John; Gilbert, David; Wanhill, Stephen (1998): Tourism - Principles and practice, 2ed Edition, London, S. 149.

[6] Vgl. Page et al., 2001, S. 155.

[7] Vgl. Schmied, Martin; Buchert, Matthias; Hochfeld, Christian; Schmitt, Beate (2002): Umwelt und Tourismus - Daten, Fakten, Perspektiven, Berlin, S. 9.

[8] Vgl. Page et al., 2001, S. 155 f..

[9] Eigene Darstellung in Anlehnung an Schmied et al., 2002, S. 9.

[10] Da es oft schwierig ist soziale und kulturelle Einflüsse voneinander zu trennen, wird auch von soziokulturellen Einflüssen gesprochen. So wird im Verlauf der Hausarbeit keine weitere Differenzierung zwischen sozialen und kulturellen Einflüssen vorgenommen.

[11] Vgl. Page et al., 2001, S. 275.

[12] Vgl. Page et al., 2001, S. 276 f..

[13] Veränderung der Kultur wird in der Grafik unter dem Stichwort Akkulturation zusammengefasst. Hierbei ist anzumerken, dass eine Veränderung der Kultur nicht nur durch Tourismus bewirkt wird, sondern auch durch die Entwicklungen in den Feldern Technologie und Kommunikation oder durch den allgemeinen Trend der Globalisierung.

[14] Eigene Darstellung in Anlehnung an Shaw, Gareth; Williams, Allan zitiert in Page et al., 2001, S. 276.

[15] Vgl. Page et al., 2001, S. 279 f..

[16] Vgl. Page et al., 2001, S. 282.

[17] Vgl. Page et al., 2001, S. 278 ff..

[18] Vgl. Page et al., 2001, S. 284 f..

[19] Vgl. Page et al., 2001, S. 283 f..

[20] Eigene Darstellung in Anlehnung an Doxey, George zitiert in Page et al., 2001, S. 284.

[21] Dieser Abschnitt wurde von Julia Eva Peters bearbeitet.

[22] Vgl. Bieger, Thomas (2005): Management von Destinationen, München, S. 34.

[23] Anmerkung der Autorin: Im Gegensatz zu den primären Umsätzen dürfen die abgeleiteten Umsätze aus dem Tourismus jedoch nicht als Exportleistung verstanden werden, da sie ja nicht vom Handel mit den ausländischen Gästen direkt stammen, sondern durch die, bereits über die primären Umsätze eingenommenen Gelder der Unternehmen der Tourismusbranche finanziert werden. Vgl. auch Bieger, Thomas (2005), S. 34.

[24] Vgl. Payer, Margarete (Hrsg.) (2001): Entwicklungsländerstudien – Teil IV: Ausgewählte Problemfelder der Entwicklung – Kapitel 51: Tourismus [online], 07.10.2005 http://www.payer.de/entwicklung/entw 514.htm

[25] Mundt zitiert in Payer, 2001.

[26] Vgl. Bieger, 2005, S. 34.

[27] Vgl. Bieger, 2005, S .39.

[28] Vgl. Bieger, 2005, S. 39.

[29] Payer, 2001.

[30] Vgl. Payer, 2001.

[31] Payer, 2001.

[32] Geographische Distanz ist ein weiterer Faktor und geht häufig, aber nicht zwingend, mit der kulturellen Distanz einher.

[33] Eigene Darstellung in Anlehnung an Williams, Stephen zitiert in Page et al., 2001, S. 278.

[34] Vgl. Page et al., 2001, S. 390 ff..

[35] Diese Sichtweise ist allerdings umstritten. vgl. Page, Stephen J. et al. (2001), S. 277 f..

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Ökologische, soziokulturelle und ökonomische Einflüsse des Tourismus auf den Kulturraum der Samen
Hochschule
International School of Management, Standort Dortmund
Veranstaltung
Impacts of tourism on host societies
Note
1,3
Autoren
Jahr
2005
Seiten
45
Katalognummer
V49928
ISBN (eBook)
9783638462600
Dateigröße
1502 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die beiden Co-Autorinnen haben jeweils ein Unterkapitel geschrieben, diese sind als solche kenntlich gemacht. Beide haben einer Veröffentlichung zugestimmt.
Schlagworte
Einflüsse, Tourismus, Kulturraum, Samen, Impacts
Arbeit zitieren
Barbara Boron (Autor)Julia Peters (Autor)Mariana Noack (Autor), 2005, Ökologische, soziokulturelle und ökonomische Einflüsse des Tourismus auf den Kulturraum der Samen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49928

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