Wie beeinflusst die Medienberichterstattung die Diskriminierung von Migranten in Deutschland?


Bachelorarbeit, 2018
44 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Diskriminierung & Rassismus
2.1 Diskriminierung
2.1.1 Formen der Diskriminierung
2.2 Rassismus
2.2.1 Das Konzept der Rasse
2.2.3. Anfänge des Rassismus
2.3 Rassismus heute
2.3.1 Rassistische Diskriminierung
2.4 Stereotype und Vorurteile
2.5 Zwischenzusammenfassung

3. Die Rolle der Medien
3.1 Funktionen der Massenmedien
3.2 Medienmacht
3.3 Agenda-Setting Theorie
3.3.1 Grundannahmen
3.3.2 Theoretische Modelle
3.3.4 Die vier Phasen der Agenda-Setting Forschung
3.4 Studie zur stereotypischen Berichterstattung
3.4.1 Methodisches Vorgehen
3.4.2 Ergebnisse der quantitativen Auswertung der Inhaltsanalyse
3.4.3 Qualitative Auswertung der stereotypen Beschreibung
3.4.4 Zusammenfassung der Ergebnisse

4. Diskussion

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Übersicht der Verteilung der erhobenen Artikel nach Monaten im Jahr 2011

Abbildung 2: Erhobene dominante Stereotype

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Deutschland hat mittlerweile eine lange Geschichte als Einwanderungsland. Die Anfänge gehen auf die 1950er Jahre zurück, als die Bundesrepublik ein Wirtschaftswunder erlebte. Aufgrund von Arbeitskräftemangel wurden immer mehr Arbeitnehmer aus dem Ausland angeworben. Damals hätten weder die Deutschen noch die ausländischen Arbeitnehmer gewusst, dass die angeworbenen Arbeitnehmer aus dem Ausland für immer in Deutschland bleiben. Die Idee war es, ein paar Jahre zu arbeiten und dann wieder in die Heimat zurückzukehren. Doch aufgrund der Umstände sind viele Familien von „Gastarbeitern“ nach Deutschland gekommen und aus dem geplanten vorübergehenden Aufenthalt entwickelte sich ein dauerhafter Aufenthalt. Mittlerweile ist es 65 Jahre her, dass Menschen aus unterschiedlichen Ländern, Kulturkreisen und Religionen in die Bundesrepublik gekommen und teilweise Bürger des Staates geworden sind. Dennoch sind viele Menschen mit Migrationshintergrund in der Gesellschaft noch immer nicht akzeptiert. Für sie gehören Diskriminierung und Rassismus zum Alltag. Mit der Flüchtlingskrise, beginnend ab 2013, verstärkte sich die Thematik und spiegelte sich, mit dem Wahlergebnis der AfD, nicht nur in der Politik, sondern auch in der Gesellschaft wider.

Als meine Schwester und ich vor ein paar Monaten in einem Einkaufszentrum in Bremen waren, kam uns ein älteres Paar entgegen und ich hörte wie die Frau sagte, es sei eine Provokation so rumzulaufen. Das Kopftuch stellte für sie eine Provokation dar und ehe ich ihr antworten konnte, verschwand sie zwischen der Menschenmenge. In dem Moment fragte ich mich, weshalb Menschen gegenüber anderen Menschen so negativ eingestellt sind. Dieser Vorfall brachte mich auf das Thema der vorliegenden Arbeit.

Es ist bekannt, dass es keine unterschiedlichen Menschenrassen gibt, dennoch existiert Rassismus und damit Diskriminierung aufgrund des Aussehens oder der Herkunft noch immer. Da Massenmedien in modernen Gesellschaften einen bedeutenden Einfluss auf die öffentliche Meinung haben, soll im Rahmen dieser Bachelorarbeit auf Basis des Agenda-Setting-Ansatzes die Rolle der Medien im Zusammenhang mit der Entstehung von Stereotypen und Vorurteilen gegenüber Migranten näher betrachtet werden. Das Ziel der Arbeit ist es herauszufinden, wie die Medienberichterstattung die Diskriminierung von Migranten in Deutschland beeinflusst. Auf folgende konkrete Forschungsfrage soll am Ende eine Antwort gegeben werden:

Wie beeinflusst die Medienberichterstattung die Diskriminierung von Migranten in Deutschland?

Im zweiten Kapitel der vorliegenden Arbeit geht es zunächst, um die Klärung der Begriffe Diskriminierung und Rassismus, da diese in öffentlichen Medien- und Politikdebatten zwar ständig benutzt werden, aber nicht klar ist, was gemeint ist und vor allem, wie sie zusammenhängen. Somit werden die Unterschiede bzw. Zusammenhänge erörtert. Dabei werden die unterschiedlichen Formen von Diskriminierung thematisiert, da diese sich oftmals gegenseitig beeinflussen, sodass mehrere Formen von Diskriminierung gleichzeitig stattfinden können. Um den Begriff Rassismus definieren und nachvollziehen zu können wird auf die Entstehung des Rassenkonzepts und damit der Ideologie eingegangen. Damit soll unter anderem gezeigt werden, dass sich Rassismus damals anders äußerte aber die Ideologie im Prinzip dieselbe war. Daraufhin wird der Rassismus der heutigen Zeit betrachtet und im Zusammenhang damit die rassistische Diskriminierung, weil sich der Rassismus der Gegenwart vor allem in Ausgrenzungen und Diskriminierung von Minderheiten äußert (Heinrich-Böll-Stiftung 2010: 3). Häufig ist es so, dass negative Einstellungen gegenüber bestimmten Gruppen auf Stereotype und Vorurteile basieren, weshalb der letzte Punkt des zweiten Kapitels die Erläuterung der Begriffe sowie ihre Entstehung beinhaltet.

Das dritte Kapitel der vorliegenden Arbeit beschäftigt sich mit der Rolle der Medien. Dabei werden zunächst kurz auf die Funktionen der Medien sowie auf die Medienmacht eingegangen, um den Einfluss von Massenmedien auf die Gesellschaft besser nachvollziehen zu können. Dabei wird auf die Informations-, Meinungsbildungs- sowie Kritik und Kontrollfunktion eingegangen. Im Abschnitt Medienmacht werden negative Aspekte von Medien thematisiert. Im Anschluss daran werden die Kernaussagen des Agenda-Setting-Ansatzes näher erläutert, um unter anderem den Einfluss der Medien auf die Gesellschaft besser erfassen zu können. Der Agenda-Setting-Ansatz gehört zu den wichtigsten theoretischen Perspektiven der Medienwirkungsforschung. Demzufolge berichten Massenmedien aus einer Vielzahl von Themen über bestimmte Themen und geben so vor, welche gesellschaftlichen und politischen Themen aktuell von Bedeutung sind. Aufgrund dessen erscheint der Agenda-Setting-Ansatz besonders geeignet, um die Beantwortung der genannten Forschungsfrage zu leiten.

Im Anschluss daran wird die Studie „Stereotype Berichterstattung über ethnische Gruppen in deutschen Tageszeitungen“, welches im Jahr 2012 von der Friedrich-Ebert-Stiftung herausgegeben wurde, herangezogen. Hierbei geht es vor allem darum, herauszufinden, welche sprachlichen Stereotype über ethnische Gruppen gebraucht werden. Dazu wird zunächst das methodische Vorgehen der Studie betrachtet. Anschließend werden die quantitativen sowie qualitativen Ergebnisse vorgestellt und am Ende zusammengefasst. Im Diskussionsteil der vorliegenden Arbeit erfolgt die Evaluation der Ergebnisse. Schließlich folgt das Fazit, welches die Resultate zusammenfassend zugrunde legt.

2. Diskriminierung & Rassismus

2.1 Diskriminierung

Das Wort Diskriminierung ist ein sehr breit gefasster Begriff, dass im Alltag immer häufiger genutzt wird. Diskriminieren kommt von dem lateinischen Wort diskriminare und bedeutet „trennen“, „Unterscheidungen treffen“, „aussondern“. In einer Faktensammlung zu Diskriminierung der Bertelsmann-Stiftung wird unter soziale Diskriminierung „die Benachteiligung von Menschen aufgrund gruppenspezifischer Merkmale wie ethnische oder nationale Herkunft, Hautfarbe, Sprache, politische oder religiöse Überzeugungen, sexuelle Orientierung, Geschlecht, Alter oder Behinderung“ (Beutke/Kotzur 2013: 8) verstanden. Das bedeutet, dass der Ausgangspunkt bei einer Diskriminierung eine Benachteiligung ist bzw., juristisch ausgedrückt, eine nicht gerechtfertigte Ungleichbehandlung (Antidiskriminierungsstelle des Bundes 2012: 8). Dass das Wort Diskriminierung ein sehr breit gefasster Begriff ist, spiegelt sich in den Formen der Diskriminierung wider, welche im Folgenden weiter ausgeführt werden.

2.1.1 Formen der Diskriminierung

Das mittlerweile erweiterte Verständnis von Diskriminierung zeigt sich nicht nur in der Ausweitung der Diskriminierungsmerkmale, sondern auch der Erscheinungsformen. In Politik und Wissenschaft wird vor allem zwischen der bewussten und der unbewussten Diskriminierung unterschieden. Weitere Unterscheidungskriterien sind:

- Unmittelbare und mittelbare Diskriminierung
- Alltägliche und strukturelle Diskriminierung
- Individuelle und institutionelle Diskriminierung

Während eine direkte bzw. unmittelbare Diskriminierung leicht zu erkennen ist, in dem eine bestimmte Handlung, z.B. eine Regelung, eine deutliche Ungleichbehandlung erzielt oder mit sich bringt, ist eine indirekte Diskriminierung entsprechend schwieriger zu erkennen und somit auch schwieriger zu bekämpfen (vgl. o.V. 2016).

Die indirekte Diskriminierung

Von indirekten Diskriminierungen ist die Rede, wenn Ungleichbehandlungen trotz formaler Gleichberechtigung existieren (vgl. Bielefeldt 2010: 30). Das bedeutet, dass eine indirekte Diskriminierung bewusst oder unbewusst erfolgen kann. Unbewusst erfolgt sie bspw., wenn Gesetze oder Regelungen existieren, welche Diskriminierungen grundsätzlich verhindern sollen aber in ihren Auswirkungen das Gegenteil bewirken, sodass bestimmte Personengruppen benachteiligt werden (vgl. ebd.). Zum Beispiel können Arbeitsmarktreformen die Auswirkung beinhalten, dass, auf dem Arbeitsmarkt unterrepräsentierte Gruppen, bei Maßnahmen beruflicher Fortbildung systematisch benachteiligt werden, auch wenn entsprechende Gesetze und Regelungen diskriminierungsfrei formuliert wurden (vgl. ebd.).

Die strukturelle Diskriminierung

Anders als bei der indirekten Diskriminierung handelt es sich bei der strukturellen Diskriminierung nicht direkt um eine oder mehrere Personen, vielmehr resultiert die Benachteiligung durch existierende gesellschaftliche Strukturen (vgl. ebd.) In einer patriarchal strukturierten Gesellschaft bspw., werden Frauen strukturell diskriminiert. Auch Menschen mit Behinderungen können strukturell diskriminiert werden, z.B. dadurch, dass keine barrierefreien Eingänge zu öffentlichen Gebäuden bestehen. Auch diese Form der Diskriminierung lässt nur schwer erkennen bzw. nachweisen. Hier besteht aber der Unterschied, dass sich die Diskriminierung einzelner Gruppen durch die Organisation der Gesellschaft ergibt. Dazu gehören bspw. Gebräuche, Traditionen, patriarchale oder religiöse Konventionen (vgl. o.V. 2016). In der Regel werden bestehende Strukturen nicht hinterfragt, sondern selbstverständlich angenommen. Aus diesem Grund lassen sich strukturelle Diskriminierungen schwer bekämpfen oder aber sie werden von den Betroffenen selber nicht als diskriminierend wahrgenommen.

Die institutionelle Diskriminierung

Die institutionelle Diskriminierung steht im engen Zusammenhang mit der strukturellen Diskriminierung. Es handelt sich hierbei um Institutionen, deren Angehörige durch bestehende Regeln, Gewohnheiten oder Abläufe regelmäßig benachteiligt werden (vgl. o.V. 2016). Viele Studien haben in den letzten Jahren gezeigt, dass im Bereich der Grundschule häufig Kinder mit Migrationshintergrund, teilweise trotz guter Leistungen, im Schulerfolg benachteiligt werden (Schlaab 2010: 30). Oft liegt der Grund hierbei an den Deutschdefiziten der Schüler, sodass die Lehrkräfte das Scheitern der Schüler häufig antizipieren oder an den unbewussten Erwartungshaltungen der Lehrkräfte (vgl. ebd.). Aufgrund dessen kommt es oft zu ungerechtfertigten Übergangsempfehlungen. Ferner können institutionelle Diskriminierungen auch auf dem Arbeitsmarkt oder dem Gesundheitswesen zu finden sein. Der Unterschied zur strukturellen Diskriminierung liegt darin, dass die institutionelle Diskriminierung nicht gesamtgesellschaftlich präsent ist, sondern eben innerhalb der Institution.

Die individuelle Diskriminierung

Eine individuelle Diskriminierung basiert auf der eigenverantwortlichen Handlung einer Person und kann sowohl bewusst als auch unbewusst erfolgen. Dabei spielen Vorurteile eine große Rolle. Häufig bestehen Vorurteile gegenüber Personen bestimmter Gruppen, sodass sich diskriminierende Einstellungen bilden. Eine individuelle Diskriminierung ist z.B., wenn ein Hausbesitzer eine Wohnung an eine Familie nicht vermietet, weil sie türkischer Herkunft sind oder wenn ein Personalverantwortlicher die Bewerbungen von Frauen mit Kindern aussortiert (vgl. Antidiskriminierungsstelle des Bundes 2012: 15).

Die rassistische Diskriminierung

Die rassistische Diskriminierung zeigt, dass Rassismus eine Form von Diskriminierung sein kann, da Menschen aufgrund ihres Aussehens oder Herkunft benachteiligt werden. Die UN-Antirassismuskonvention definiert rassistische Diskriminierung als:

jede auf der vermeintlichen ethnischen Herkunft, „Rasse“, Hautfarbe, Abstammung oder nationalen Ursprungs beruhende Unterscheidung, Ausschließung, Beschränkung oder Bevorzugung, die zum Ziel oder zur Folge hat, dass dadurch ein gleichberechtigtes Anerkennen, Genießen oder Ausüben von Menschenrechten und Grundfreiheiten im politischen, wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen oder jedem sonstigen Bereich des öffentlichen Lebens vereitelt oder beeinträchtigt wird “ (Anti-Rassismus-Konvention 1966: 2).

In der Realität greifen die verschiedenen Formen der Diskriminierung ineinander und beeinflussen sich wechselseitig. Somit kann sich aus einer individuellen Diskriminierung eine institutionelle Diskriminierung entwickeln, da bspw. das individuelle Handeln eines Lehrers im Verantwortungsbereich der Schule liegt (vgl. Antidiskriminierungsstelle des Bundes 2012: 18) Ebenso kann sich eine institutionelle Diskriminierung gesamtgesellschaftlich auswirken, z.B. kann durch die Benachteiligung von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund Vorurteile, wie „Menschen mit Migrationshintergrund sind weniger gebildet“, in der Gesellschaft aufrechterhalten werden (vgl. ebd.)

2.2 Rassismus

Während der Begriff Diskriminierung im Allgemeinen mit dem Begriff Benachteiligung erklärt werden kann, ist die Definition des Begriffs Rassismus weitaus komplizierter. Obwohl eine Vielzahl von Forschungen darüber durchgeführt wurden, besteht keine einheitliche Definition des Begriffs (vgl. Koller 2009: 8).

In dem Wort Rassismus steckt der Begriff „Rasse“. In der Geschichte taucht der Begriff Rasse in verschiedenen Kontexten auf und im 18. Jahrhundert war es international anerkannt, Lebewesen in Gattungen, Arten, Rassen und Familien einzuteilen (vgl. Geulen 2007: 13). „ In der Pflanzen- und Tierwelt versteht man unter „Rassen“ Gruppen einer Art, die sich von anderen Gruppen derselben Art durch konstante und vererbbare Merkmale unterscheiden.“ (Arndt 2015: 16). Im 16. Jahrhundert wurden schließlich, diese Klassifikationsmuster auf Menschen übertragen. Somit entwickelte sich die Ideologie des Rassismus. Im Mittelpunkt dieser Ideologie standen zunächst körperliche Unterschiede. Dazu wurden verschiedene körperliche Merkmale, wie z.B. die Erfindung von Farbnuancen der Haut als Hautfarbe, in den Blick genommen und als Unterscheidungsmerkmale konstruiert (vgl. Arndt 2015: 16). Das zeigt also, dass Rassismus nicht von Natur aus besteht, „sondern ein Produkt menschlicher Kultur, eine Hervorbringung menschlichen Denkens, eine Form menschlichen Handelns und somit durch und durch historisches Phänomen “ ist (Geulen 2007: 7 f.).

Um einen besseren Eindruck in die Ideologie des Rassismus zu bekommen, wird zunächst auf den Ursprung des Worts Rasse sowie auf das Konzept der Rasse eingegangen und anschließend die Anfänge des Rassismus betrachtet.

2.2.1 Das Konzept der Rasse

Der Ursprung des Wortes Rasse ist umstritten, wahrscheinlich kommt es aus dem arabischen „raz“, was als Kopf, Anführer oder Ursprung zu verstehen ist oder aus dem lateinischen „radix“ das Wurzel bedeutet (vgl. Geulen 2007: 14). Im 15. Jahrhundert trat der Begriff vermehrt im Zusammenhang mit der Beschreibung von Adelsfamilien sowie in der Pferdezucht auf (vgl. ebd.). Der Rassenbegriff ist vor allem von der spanischen Reconquista (Rückeroberung) vom 1492 geprägt (vgl. Koller 2009: 9).

Viele Historiker betrachten das Ereignis der christlichen Rückeroberung Spaniens auch als Beginn des modernen Rassismus. Große Teile der iberischen Halbinsel waren seit dem 8. Jahrhundert unter der Herrschaft von den muslimischen Mauren (vgl. ebd.: 16f.). Dabei war die iberische Halbinsel nicht nur islamisch-arabisch geprägt. Über lange Zeiträume lebten Muslime, Christen und Juden zusammen, zwar nicht konfliktfrei aber in friedlicher und kulturell produktiver Koexistenz (vgl. Geulen 2007: 33).

Ab dem 12. Jahrhundert begann die politische und militärische Vertreibungspolitik von zunächst kleinen katholischen Königreichen, die von der Kirche unterstützt wurden (vgl. ebd.).

Im 13. Jahrhundert brach die muslimische Herrschaft, außer in Granada, zusammen und im Jahr 1492 hatte die muslimische Herrschaft und damit auch die muslimische Verbannung endgültig ein Ende (vgl. Arndt 2015: 44). Während der Reconquista verschlechterte sich auch die Situation der Juden in den christlichen Königreichen immer mehr. Da sie in der Gesellschaft unter anderem als Kaufleute, Gelehrte, Ärzte und Handwerker eine bedeutende wirtschaftliche Position hatten, kam es verstärkt zu antijüdischen Verfolgungen (vgl. Koller 2009: 17). Aus diesem Grund sind zu dieser Zeit viele Juden aus Angst vor Verfolgung zum Christentum konvertiert. Nachdem die Verbannung von Muslimen im Jahr 1492 endgültig abgeschlossen war, wurde ein Edikt erlassen, dass alle in Spanien lebenden Juden offiziell zwang, sich zum Christentum zu bekehren (vgl. Geulen 2007: 33). Durch die Massenbekehrungen hatte sich der Name „Conversos“ (Konvertiten) für konvertierte Juden herausgebildet (vgl. ebd.). Da aber die große Unsicherheit bestand, dass konvertierte Juden möglicherweise ihren alten Glauben weiterhin ausleben, entwickelte die Kirche viele Strategien, unter anderem mit Hilfe des Pastorats, der Beichte oder der allgemeinen Seelsorge, „ um die Reinheit des Glaubens auf dem Wege der individuellen Gewissensprüfung zu kontrollieren.“ (Geulen 2007: 33).

Dadurch, dass viele konvertierte Juden dennoch an der jüdischen Kultur festhielten, ging es nicht mehr um die Reinheit des Glaubens, sondern um die Reinheit des Bluts (vgl. Arndt 2015: 45). In diesem Zusammenhang wurde erstmalig der Begriff „race“ genutzt, das vorher Bedeutung in der Pferdezucht und der Beschreibung von Adelsfamilien hatte und nun zur Ausfindung von Konvertiten verwendet wurde (vgl. Geulen 2007: 35). Das Gesetz der limpieza de sangre (Blutsreinheit) verbreitete sich in immer mehr spanischen Städten und Institutionen wie Universitäten, Stadträte und Militärorden (vgl. Koller 2009: 18).

Historisch gesehen wurden während der Reconquista erstmalig Kriterien zur Zugehörigkeit entwickelt und angewandt. Somit waren zunächst die christliche Bekehrung und die Taufe ausschlaggebende Kriterien, um zur christlichen Gemeinschaft dazuzugehören (vgl. Geulen 2007: 35). Mit der Verwendung des Begriffs Rasse entwickelte sich eine neue Kategorie der Zugehörigkeit und nun stellte nicht nur der Glaube, sondern auch die Abstammung ein wichtiges Kriterium der Zugehörigkeit dar (vgl. ebd.). Im Grunde ging es dabei darum, die multikulturelle Gesellschaft zunächst nach Zugehörigkeit zu ordnen und im Anschluss durch eine Zwangsbekehrung zu vereinheitlichen. Der Begriff Rasse etablierte sich in eine Vielzahl von Sprachen, sodass ab dem 16. Jahrhundert jede Art von Gemeinschaft als Rasse benannt wurde (vgl. Geulen 2007: 37).

Im Allgemeinen ist festzuhalten, dass die spanische Reconquista den Rassenbegriff stark geprägt hat und zudem „für ein sich radikalisierendes weißes christliches Glaubens- und Kulturverständnis“, steht, „das eine Unvereinbarkeit des christlichen Europas mit Muslim_innen, Jüd_innen und Roma proklamierte“ (Arndt 2015: 44)

2.2.3. Anfänge des Rassismus

Ein weiteres prägendes Ereignis des neuzeitlichen Rassenbegriffs bzw. Rassismus war die europäische Expansion, die mit der „Entdeckung“ Amerikas durch Columbus in 1492 begonnen hat. Die europäischen Seemächte Spanien, Portugal, die Niederlande, England und Frankreich hatten vom 16. bis 19. Jahrhundert großen Einfluss vor allem in Amerika, Indien, Australien und Ozeanien (vgl. Koller 2009: 18).

Die Bevölkerung des Landes, die Columbus „Indianer“ nannte, wurde in den folgenden Jahren ausgeraubt, terrorisiert und vernichtet, sodass in den amerikanischen Kolonien teilweise neue Gesellschaften entstanden. Die einheimische Bevölkerung wurde zur Arbeit gezwungen, doch viele zeigten sich unwillig. Schon bei geringstem Widerstand wurde rücksichtslos Gewalt angewandt. Durch diese Vertreibungs- und Vernichtungspolitik aber auch durch bis dahin unbekannte Krankheiten, die durch Europäer verbreitet wurden, sank die Bevölkerungszahl rapide. Angesichts dessen erfolgte im Januar 1510 die erste Deportation von 50 schwarzen AfrikanerInnen (vgl. Geulen 2007: 39) Dies stellte den Beginn des sogenannten Dreiecks-Sklavenhandel zwischen Europa, Afrika und Amerika dar, welches höchstwahrscheinlich als die größte Zwangsmigration in der bisherigen Weltgeschichte betrachtet wird.

Es gibt keine genauen Zahlen darüber, wie viele Menschen aus Afrika tatsächlich verschleppt wurden. Es wird davon ausgegangen, dass vom 16. bis zum 19. Jahrhundert 30 Millionen Menschen versklavt wurden und nur 10 bis 12 Millionen Menschen als Sklaven in Amerika ankamen (vgl. Koller 2009: 19; Arndt 2015: 48). Viele von ihnen sind auf dem Weg nach Europa ums Leben gekommen, weil sie sich wehrten und deshalb verletzt oder getötet wurden. Zudem wurden viele von ihnen krank, weil sie gezwungen waren, zwischen Blut, Ratten, Maden und Fäkalien die Fahrt zu überleben (vgl. Arndt 2015: 48). Aufgrund dessen betrug die Sterblichkeitsrate auf den Schiffen schätzungsweise zwischen 10 und 20 Prozent (vgl. Koller 2009: 19). Seinen Höhepunkt hatte der Sklavenhandel im 18. Jahrhundert, da hunderte europäische Schiffe fast ununterbrochen von Afrika nach Amerika segelten. Der sogenannte interkontinentale Sklavenhandel wurde als Geschäft gesehen sowie anerkannt und spielte für die Entwicklung der Weltwirtschaft eine bedeutende Rolle (vgl. Koller 2009: 20).

An dieser Stelle muss gesagt werden, dass die Völkermorde und grauenvollen Praktiken, welche die Menschenwürde auf höchstem Niveau verletzten, nicht durch die rassistische Ideologie entstanden sind. Vielmehr ist umgekehrt, die rassistische Ideologie durch die Geschehnisse entstanden. Um die Massenversklavungen und Massenvernichtungen im Nachhinein zu rechtfertigen, wurde der Begriff Rasse auf Menschen übertragen, sodass zunächst zwischen vier Rassen unterschieden wurde (vgl. Arndt 2017: 32). Die Unterschiede basierten größtenteils auf der Hautfarbe der Menschen, sodass Indianer als rot, Europäer als weiß, Asiaten als gelb und Afrikaner als schwarz eingestuft wurden (vgl. Geissler 2007: 214). In der Rassenhierarchie belegten schwarze Menschen den letzten Platz. Demnach waren nicht-weiße Menschen anders und weniger wert, sodass es legitim sei, an ihnen Gewalt auszuüben (vgl. Arndt 2017: 32).

Somit ist die Erfindung des Konzeptes „Menschenrassen“ Grundstein des Rassismus und nicht die koloniale Expansion. Vielmehr gehört die koloniale Expansion zu den zentralen Faktoren, welche die Entstehung des modernen europäischen Rassismus ermöglichte (vgl. Geulen 2007: 41). Auch wenn der Sklavenhandel, der 400 Jahre fortwährte, offiziell nicht aufgrund rassistischer Ideen betrieben wurde, kann es als die erste große Folge des Rassismus in der europäischen Neuzeit betrachtet werden (vgl. Geulen 2007: 42). Denn der Glaube, dass es unterschiedliche Menschenrassen gibt und bestimmte „Rassen“ anderen überlegen sind, ist Ergebnis rassistischen Denkens.

2.3 Rassismus heute

Wie in den vorherigen Abschnitten aufgeführt, zeigt sich, dass der Rassismus eine lange Geschichte hat und viele grauenvolle Gewaltausübungen, Segregationen, Diskriminierungen sowie Völkermorde auf die Ideologie des Rassismus zurückzuführen sind. Seit den Auswirkungen der Rassenideologie in der NS-Zeit wird Rassismus in Deutschland öffentlich verurteilt. Auch die Verwendung des Begriffs Rasse ist seitdem in Deutschland und Österreich strengstens untersagt (vgl. Wodak 2011: 426). Trotz dessen besteht Rassismus in der Gegenwart weiter und stellt sowohl auf institutioneller Ebene, als auch in Medien, Politik und Alltag ein großes Problem dar. Es steht nicht mehr der Rassenbegriff im Zentrum, dafür aber die Formen der Praxis, die vom Rassismus gefordert werden (vgl. Geulen 2007: 112). Dazu gehören unter anderem der Schutz vor Überfremdung, Reinhaltung und Bekämpfung (vgl. ebd.). Es geht nicht mehr darum, die Rasse zu schützen, sondern die Kultur. Somit äußert sich der heutige Rassismus nicht durch Rassenkämpfe, sondern durch Kulturkämpfe. Statt des Rassenbegriffs werden Begriffe wie die Ausländer, die Fremden oder die Anderen verwendet, um zu beschreiben gegen wen sich die Praktiken richten. (vgl. ebd.).

Die neuen Formen des modernen Rassismus lassen sich in ambivalentem, symbolischem, modernem und aversiven Rassismus unterteilen.

Wie der Name des ambivalenten Rassismus beinhaltet, können Menschen in ihren Einstellungen ambivalent sein. Der ambivalente Rassismus ist dadurch gekennzeichnet, dass Menschen sowohl egalitäre, als auch humanitäre Werte vertreten können. Dabei halten sie besonders an der Gleichwertigkeit aller fest aber besitzen gleichzeitig Antipathien gegenüber bestimmte Gruppen, aufgrund erlernter negativer Meinungen bzw. Erfahrungen (vgl. Zick 2010: 6).

Der symbolische Rassismus geht davon aus, dass moderne Rassisten ihre Antipathien und negativen Gefühle gegenüber bestimmten Gruppen hinter moralischen Werten verbergen (vgl. Petersen 2008: 242). Beispielsweise wird der niedrige soziale Status von Menschen unterschiedlicher Herkunft nicht als Folge unfairer Behandlung betrachtet, sondern damit begründet, dass diese Gruppen traditionelle Werte, wie etwa Arbeitsmoral und Disziplin, verletzen (vgl. ebd.)

Beim aversivem Rassismus werden ähnlich wie beim ambivalentem Rassismus egalitäre Normen unterstützt sowie befürwortet, jedoch besteht eine unterbewusste Angst begleitet von dem Gefühl des Unwohlseins im Kontakt mit Menschen aus bestimmten ethnischen Gruppen (vgl. Zick & Krüpper 2008: 114). Diese Angst basiert häufig auf stereotypische Einstellungen. Aufgrund dessen kommt es dazu, dass aversive Rassisten versuchen, dem Umgang mit Mitgliedern dieser Gruppe auszuweichen bzw. sich distanziert zu verhalten (vgl. Petersen 2008: 243).

Die oben aufgeführten Konzepte des modernen Rassismus setzen sich damit auseinander, wie Personen das Problem der negativen Gefühle und gleichzeitig egalitären Werte lösen. Im Grunde sehen die betroffenen Personen drei Möglichkeiten zur Lösung des Problems:

1. Die Vermeidung des Kontakts mit Personen unterschiedlicher Herkunft, sowohl in privaten, als auch in öffentlichen Lebensbereichen.
2. Die Leugnung von der Existenz des Rassismus sowie der Diskriminierung von bestimmten Gruppen.
3. Die Ablehnung von Programmen, welche zur Förderung der Chancengleichheit beitragen (vgl. Petersen 2008: 243).

Neben rassistischen Einstellungen und Äußerungen ist ebenso rassistische Gewalt in der Gegenwart präsent. Brandanschläge und Übergriffe gegen Einwanderer und Flüchtlinge hat es seit der Gründung der Bundesrepublik gegeben (vgl. Jäger 1993: 12). Vor fast 18 Jahren bspw. begann die rassistisch motivierte Mordserie des NSU, in der neun Menschen mit Migrationshintergrund getötet wurden. Seit der Einwanderung von Flüchtlingen ab 2013 gab es erneut verstärkt Überfälle und Brandanschläge gegen Flüchtlinge und Flüchtlingsunterkünfte. (vgl. Amnesty International 2016: 50)

Mit der Flüchtlingskrise verstärkte sich die Thematik bis hin zu offen rassistischen Äußerungen z.B. von Politikern der AfD (Alternative für Deutschland). So hat AfD-Co-Chefin Alice Weidel bspw. behauptet, dass die ungezügelte Einwanderung vor allem von Muslimen den Wohlstand gefährden würde: „Burkas, Kopftuchmädchen und alimentierte Messermänner und sonstige Taugenichtse werden unseren Wohlstand, das Wirtschaftswachstum und vor allem den Sozialstaat nicht sichern.“ (Leistner 2018).

2.3.1 Rassistische Diskriminierung

Vor allem äußert sich der Rassismus der Gegenwart in Deutschland in Ausgrenzungen und Diskriminierungen von Minderheiten, also von MigrantInnen, MuslimInnen, JüdInnen usw. (vgl. Zick 2010: 6). Der moderne Rassismus hat viele Theorien, die sich darüber einig sind, dass der Rassismus heute versteckter erscheint und in unterschiedlichen Erscheinungsformen auftritt (vgl. ebd.). Viele Antidiskriminierungsstellen berichten, dass MigrantInnen häufig von Mehrfachdiskriminierungen betroffen sind. Das bedeutet, dass sie nicht nur aufgrund der ethnischen Herkunft diskriminiert werden, sondern, dass andere Faktoren, wie etwa Geschlecht oder Religion hinzukommen (vgl. Schlaab 2010: 28). Am stärksten davon betroffen sind muslimische Migrantinnen, die ein Kopftuch tragen und aufgrund dessen in vielen täglichen Lebensbereichen ausgeschlossen werden (vgl. ebd.).

Zahlreiche Studien zeigen, dass MigrantInnen bereits im Kindesalter in der Schule benachteiligt werden und dementsprechend Chancenungleichheiten in Bezug auf Bildung sowie das spätere Erwerbsleben bestehen (institutionelle Diskriminierung). Doch auch hochqualifizierte MigrantInnen wird der Einstieg in die Arbeitswelt aufgrund ihrer Herkunft erschwert (vgl. ebd.: 26). Nicht nur auf dem Arbeitsmarkt, sondern auch auf dem Wohnungsmarkt, in Bildungsbereichen oder aber auch im Gesundheitswesen sind Diskriminierungen von Menschen aufgrund ihrer Herkunft festzustellen.

Oft ist es so, dass der Grund für Diskriminierung und Rassismus nicht in der Existenz von Unterschieden oder Ungleichheiten zwischen den Menschen liegt, vielmehr werden diese Unterschiede pauschalisiert und ganze Gruppen negativ klassifiziert, sodass es zu Stereotypisierungen und Vorurteilen kommt (vgl. Wodak 2011: 426). Das bedeutet, dass Stereotype und Vorurteile in Bezug auf Rassismus bzw. rassistische Einstellungen eine große Rolle spielen. Aus diesem Grund werden die Begriffe im nächsten Abschnitt zunächst definiert und näher erläutert.

2.4 Stereotype und Vorurteile

Der Ursprung des Begriffs Stereotyp geht zurück auf das Ende des 18. Jahrhundert und wurde von Firmin Didot in Bezug auf ein Vorgang in der Drucktechnik verwendet (vgl. Petersen 2008: 234). Das Wort kommt aus dem griechischen und setzt sich aus stereos (starr, hart, fest) und typos (Entwurf, feste Norm, charakteristisches Gepräge) zusammen (vgl. ebd.). Im Jahr 1922 hat Walter Lippmann den Begriff in ein Konzept für die Untersuchung sozialer Phänomen umgewandelt und mit seinem Buch „Public Opinion“ in die Sozialwissenschaften eingeführt. Dabei nahm Lippmann an, dass Personen andere Menschen nicht als Individuen sehen, sondern als Mitglied einer Gruppe und ihre Meinung über diese Gruppe auf den Menschen übertragen, quasi wie im Druckvorgang, ihnen einen „Stempel aufdrücken“ (vgl. Petersen 2008: 235).

[...]

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Wie beeinflusst die Medienberichterstattung die Diskriminierung von Migranten in Deutschland?
Hochschule
Hochschule Bremen
Note
2,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
44
Katalognummer
V499286
ISBN (eBook)
9783346033741
Sprache
Deutsch
Schlagworte
medienberichterstattung, diskriminierung, migranten, deutschland
Arbeit zitieren
Sümeyye Bulut (Autor), 2018, Wie beeinflusst die Medienberichterstattung die Diskriminierung von Migranten in Deutschland?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/499286

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