Kandidat und Partei im Spiegel der Medien

Eine inhaltsanalytische Untersuchung von Christian Lindner und der FDP


Bachelorarbeit, 2012
108 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einführung

2. Personalisierung: Der Kandidat im Fokus der Berichterstattung
2.1 Das Konzept der Personalisierung
2.1.1 Definition und Einordnung
2.1.2 Die Dimensionen der Personalisierung
2.1.3 Politiker in den Medien
2.2 Personalisierung der Berichterstattung: Der Stand der Forschung
2.2.1 Die USA als Vorreiter
2.2.2 Die Forschung in Deutschland
2.2.3 Befunde, Schwächen und Perspektiven der Forschung

3. Das Framing-Konzept
3.1 Begriffsbestimmung und Ursprung
3.2 Der Framing-Ansatz in der Kommunikationswissenschaft
3.2.1 Die vier Stränge der Framing-Forschung
3.2.2 Frames in Medientexten
3.3 Die Analyse medialer Frames
3.3.1 Methodische Zugänge der Framing-Analyse
3.2.2 Das Framing von Personen

4. Der Kandidat und die Partei
4.1 Die Entwicklung der FDP seit der Bundestagswahl
4.2 Der Spitzenkandidat Christian Lindner
4.3 Partei und Kandidat, Partei vs. Kandidat

5. Die FDP und Christian Lindner im Spiegel der Medien
5.1 Quantitative Inhaltsanalyse – Methodik und Anlage der Untersuchung
5.1.1 Die Methode der Inhaltsanalyse
5.1.2 Untersuchungszeitraum, Auswahl der Stichprobe und Kategorien
5.1.3 Zentrale Ergebnisse
5.2 Framing-Analyse – Methodik und Anlage der Untersuchung
5.2.1 Das interpretativ-quantifizierende Verfahren
5.2.2 Methodische Überlegungen, Frame-Identifikation und Inhaltsanalyse
5.2.3 Zentrale Ergebnisse

6. Fazit und Diskussion: Personalisierung – ja oder nein?

Literaturverzeichnis

Anhang

A. Codebuch I – Quantitative Inhaltsanalyse

B. Codebuch II – Framing-Analyse

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Anzahl der Aussagen im Zeitverlauf

Abbildung 2: Anzahl der Aussagen nach Medium

Abbildung 3: Tendenz der Aussagen (in Prozent)

Abbildung 4: Tendenz der Aussagen im Zeitverlauf

Abbildung 5: Tendenz der Aussagen nach Medium (in Prozent)

Abbildung 6: Tendenz der Aussagen über Christian Lindner nach Medium (in Prozent)

Abbildung 7: Relative Häufigkeit der Eigenschaftsdimensionen

Abbildung 8: Relative Häufigkeit der Eigenschaftsdimensionen nach Medien

Abbildung 9: Bewertung der Eigenschaftsdimensionen (in Prozent)

Abbildung 10: Relative Häufigkeit der identifizierten Frames

Abbildung 11: Relative Häufigkeit der identifizierten Frames nach den drei wichtigsten Urhebern

Abbildung 12: Häufigkeit der Frames im Zeitverlauf

1. Einführung

Hat Bundeskanzler Gerhard Schröder seine Haare gefärbt, oder nicht? Das war eine der wichtigen Fragen, die sich im Vorfeld der Bundestagswahlen 2002 stellten – zumindest in den Medien. Auch die Frisur von Angela Merkel gab schon zu allerlei Berichten Anlass, ebenso wie die Gewichtsschwankungen von Joschka Fischer oder zuletzt das neue Brillenmodell auf der Nase von CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt. Die Medien, so scheint es, berichten längst nicht mehr nur über die „harten Fakten“ der Politik, sondern auch über die Politiker selbst und immer öfter auch über deren Privatleben und Aussehen. Dabei zeigt sich diese vermeintliche Personalisierung nicht allein in der Berichterstattung. Auch für den Politikbetrieb und die Wahlbevölkerung nimmt die Bedeutung der Personen zu, so die These (vgl. Brettschneider 1998: 392).

Da sich der Wähler in aller Regel nicht selbst ein Bild von den politischen Vorgängen machen kann, ist er beinahe ausschließlich auf die von den Medien vermittelten Informationen angewiesen. Der Weg zum Wähler führt für die Politik damit zwangsläufig über die Fernsehbilder und Zeitungsberichte (vgl. Kindelmann 1994: 13). Die Wahlkampfmanager und „spin doctors“ haben dies erkannt und inszenieren Politik entsprechend der medialen Logik – verkürzt und ereignisorientiert, unterhaltsam und mit einem Fokus auf die Personen (vgl. Kepplinger 1997: 176). In besonders extremer Weise zeigt sich dieses Prinzip am Beispiel des ehemaligen Verteidigungsministers Rudolf Scharping. Der lud zu seinem Mallorca-Urlaub extra ein Presseteam ein, das ihn und seine Lebensgefährtin glücklich planschend im Pool ablichten sollte, während sich die Bundeswehr auf einen riskanten Einsatz in Mazedonien vorbereitete. „Wenn man Politiker ist, gibt es am Privatleben ein Interesse der Öffentlichkeit“, rechtfertigte sich Scharping für die Homestory (vgl. Gebauer / Schult 2001).

Und scheinbar hat er damit nicht ganz Unrecht. Denn nach Meinung zahlreicher Forscher hat die Öffentlichkeit, sprich die Wahlbevölkerung, nicht nur Interesse am Privatleben der politischen Akteure, sondern macht die Politiker und auch ihre unpolitischen Persönlichkeitsmerkmale vermehrt zu einem wichtigen Faktor ihrer Wahlentscheidung (vgl. Brettschneider 1998: 392). Den Grund hierfür sieht die Wissenschaft in den nachlassenden Bindungen der Wähler an bestimmte Parteien (Dealignment). Dies äußert sich zum einen in einer steigenden Zahl von Wechselwählern. Zum anderen fällt die Wahlentscheidung oftmals erst direkt vor dem Wahltermin und orientiert sich vor allem an kurzfristigen Faktoren wie etwa der Kandidatenorientierung (vgl. Holtz-Bacha 2002: 43). Ausschlaggebend seien dann aber häufig nicht die politischen Fähigkeiten eines Kandidaten, sondern eher dessen Ausstrahlung und Aussehen, so die Behauptung (vgl. Brettschneider 1998: 392).

Es zeigt sich also, dass die Personalisierung ein Phänomen darstellt, welches sich auf alle Akteure im Dreiecksverhältnis von politischem System, Medien und Wählerschaft bezieht. Dennoch werden die Medien in dieser Hinsicht besonders kritisch betrachtet. Denn sie fungieren als die vermittelnde Instanz zwischen der Politik und den Wählern. Wie die Parteien und Politiker von den Menschen wahrgenommen werden, hängt somit entscheidend davon ab, auf welche Weise die Medien diese darstellen. Und: Je stärker politische Sachverhalte auf einzelne Personen reduziert werden, desto wichtiger wird die Frage, wie diese Personen in der Berichterstattung präsentiert werden (vgl. Kindelmann 1994: 14). Hinzu kommt, dass von den Medien insbesondere im Kontext von Wahlen Neutralität und Unabhängigkeit erwartet wird. Gleichzeitig stellt der Wahlkampf aber eine Phase dar, in der die Versuche der Einflussnahme vonseiten der Politik besonders häufig sind (vgl. Sarcinelli / Schatz 2002: 9). Insofern kann festgehalten werden, dass die Personalisierung der Berichterstattung nicht nur für die Medien selbst relevant ist, sondern auch Auswirkungen auf die Rezipienten und – durch deren Wahlentscheid – auf die Politik hat.

Inzwischen existieren zwar zahlreiche Studien, die sich mit diesem Phänomen auseinander setzen. Die häufig postulierte These einer zunehmenden Personalisierung in den Medien konnte durch die Forschung aber bislang nicht eindeutig belegt werden (vgl. Brettschneider 2002a: 21). Allerdings konzentrieren sich die bisherigen Arbeiten beinahe ausschließlich auf die Berichterstattung über die jeweiligen Kandidaten, während die mediale Darstellung der Parteien in der Regel unberücksichtigt bleibt. Da die Personalisierung der Berichterstattung aber als Prozess charakterisiert ist, in dessen Verlauf es zu einer Bedeutungsverlagerung von den Parteien zu den Kandidaten kommt, erscheint es notwendig, auch die Partei als Akteur in eine Untersuchung miteinzubeziehen (vgl. Brettschneider 2009: 512). Zudem stellt sich die Frage, ob die Bedeutung, die ein Kandidat in der Berichterstattung erhält, tatsächlich nur an dessen Präsenz in den Medien festgemacht werden kann. Denn möglicherweise zeigt sich eine Personalisierung auch anhand der Art und Weise, in der ein Kandidat gegenüber seiner Partei dargestellt wird.

Gelegenheit für die Untersuchung der vorgestellten Überlegungen bieten dabei die Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen und in diesem Zusammenhang die mediale Darstellung der FDP und ihres Spitzenkandidaten Christian Lindner. Der Grund für die Wahl dieser Akteure ist die außergewöhnliche Konstellation zwischen der krisengeplagten Partei FDP und dem nach seinem Rücktritt wiedergekehrten Kandidat und Hoffnungsträger Christian Lindner. Im Kontext dieser Wahlen stellen sich somit drei Forschungsfragen, die in dieser Arbeit untersucht werden sollen: Wie wird die FDP in den Medien dargestellt? Wie wird der Kandidat Christian Lindner in den Medien dargestellt? Und wie wird die Beziehung zwischen Kandidat und Partei in den Medien dargestellt?

Diese Fragen werden durch zwei verschiedene inhaltsanalytische Verfahren untersucht. Zur Beantwortung der ersten beiden Forschungsfragen wird eine quantitative Inhaltsanalyse der Berichterstattung durchgeführt. Aufschluss über die dritte Forschungsfrage, also die Beziehung zwischen Kandidat und Partei, soll eine darauf aufbauende Framing-Analyse geben. Das Ziel der Untersuchung ist es, die Berichterstattung über die genannten Akteure auf ihren Personalisierungsgrad hin zu untersuchen und dabei die Partei stärker als in bisherigen Studien in die Analyse miteinzubeziehen. Zudem soll ein besseres Verständnis über die Beziehung von Partei und Kandidat erreicht werden und durch die Analyse des Framings von Akteuren ein Beitrag zur Schließung dieser Forschungslücke geleistet werden.

Im Folgenden wird der Begriff der Personalisierung näher erläutert und eingeordnet. Zudem erfolgen eine überblicksartige Darstellung der bisherigen Studien zu diesem Phänomen und eine kritische Auseinandersetzung mit dem aktuellen Forschungsstand. Das Kapitel 3 beschäftigt sich mit dem Framing-Konzept. Hier werden zunächst die Begriffe des Frames bzw. des Framings geklärt und die unterschiedlichen Gebiete des Konzepts in der Kommunikationswissenschaft dargestellt. Da sich die vorliegende Arbeit mit der Analyse von Frames in Medientexten beschäftigt, wird auf dieses Teilgebiet der Forschung ein besonderes Augenmerk gelegt und insbesondere auf die methodischen Schwierigkeiten, die sich in diesem Zusammenhang ergeben. In Kapitel 4 werden die beiden „Untersuchungsobjekte“ dieser Arbeit vorgestellt. So wird ein Überblick über die Entwicklung der FDP seit der letzten Bundestagswahl im Jahr 2009 gegeben und ebenso der Werdegang von Christian Lindner nachgezeichnet, um im Anschluss die Besonderheit der Beziehung dieser beiden Akteure zu erläutern. In Kapitel 5 folgen die Darstellung der beiden gewählten Methoden, der jeweiligen Untersuchungsanlagen, sowie der zentralen Ergebnisse, wobei zunächst auf die quantitative Inhaltsanalyse und danach auf die Framing-Analyse eingegangen wird. Zum Abschluss der Arbeit werden schließlich die wichtigsten Erkenntnisse zusammengefasst, eingeordnet und kritisch beleuchtet sowie ein Ausblick auf mögliche weiterführende Forschungsaktivitäten gegeben.

2. Personalisierung: Der Kandidat im Fokus der Berichterstattung

2.1 Das Konzept der Personalisierung

2.1.1 Definition und Einordnung

Das Phänomen der Personalisierung ist in der kommunikations- und politikwissenschaftlichen Forschung zwar vielfach diskutiert und kritisiert worden, eine klare Einordnung des Begriffes gestaltet sich aber dennoch schwierig. Dies wird zum einen deutlich an der Vielzahl von Definitionen, die innerhalb der Forschungsliteratur zu finden sind (vgl. Wirth / Voigt 1999: 136). Nach Eilders (1997: 302) bezeichnet Personalisierung „die Bedeutung, die Personen in einem Ereignis zugesprochen wird“. Ergänzend zu dieser sehr allgemeinen Beschreibung existieren zahlreiche weitere Definitionen, die das Phänomen der Personalisierung konkretisieren, je nachdem auf welchen Gegenstandsbereich es sich bezieht – seien es die politischen Akteure, die Wahlbevölkerung oder die Medien (vgl. Hoffmann / Raupp 2006: 456-457). Die klarste und zugleich umfassendste Definition der Personalisierung stammt aber von Holtz-Bacha, Lessinger und Hettesheimer (1998: 241): „Personalisierung bedeutet, dass die Person [...] zum Deutungsmuster komplexer politischer Tatbestände wird, und zwar in der Selbstdarstellung der Politik, in der Darstellung von Politikern in den Medien oder auf seiten der Wählerschaft bzw. des Publikums.“

Neben diesen definitorischen Problemen herrscht zum anderen auch Uneinigkeit hinsichtlich der Frage, wo die Personalisierung im Kontext des Wandels der politischen Kommunikation verortet wird. So wird die Personalisierung in der Regel als Teilaspekt einer Entwicklung beschrieben, die je nach Autor unter dem Begriff der Amerikanisierung, Modernisierung oder auch Medialisierung der Politik firmiert (vgl. Schulz 2008: 243). Grundsätzlich beziehen sich alle drei Konzepte auf Veränderungen der politischen Kommunikation und insbesondere der Wahlkämpfe. Unterschiede zeigen sich dabei vor allem hinsichtlich der jeweiligen Blickwinkel auf diese Veränderungen (vgl. ebd.).

Während die Modernisierungsthese den Wandel der politischen Kommunikation lediglich als Teil einer allgemeinen gesellschaftlichen Modernisierung betrachtet, sieht die Medialisierungsthese die Ursache hierfür in einer zunehmenden Anpassung der Politik an die Medienlogik (vgl. Schulz 2008: 243-246). Die in der Literatur weit verbreitete These der Amerikanisierung postuliert wiederum eine Übernahme US-amerikanischer Charakteristika der Wahlkampfführung, aber auch der politischen Kommunikation im Allgemeinen, in die deutsche Politik (vgl. Mancini / Swanson 1996: 4; Pfetsch 2001: 27). Ihre Prominenz verdankt die Amerikanisierungsthese dabei vor allem den kontroversen Diskussionen, die sie in der Wissenschaft ausgelöst hat (vgl. Zeh 2005: 21). So wurde häufig kritisiert, dass ein Vergleich von amerikanischen und europäischen bzw. deutschen Wahlkämpfen schon allein aufgrund der unterschiedlichen politischen und medialen Systeme unmöglich sei (vgl. Holtz-Bacha 2003b: 249-250; Pfetsch 2001: 28).

2.1.2 Die Dimensionen der Personalisierung

Unabhängig davon, unter welchem Oberbegriff das Phänomen der Personalisierung letztendlich verortet wird, zeigt sich aber, dass das Konzept selbst mehrere Dimensionen enthält. Denn wie in der oben genannten Definition von Holtz-Bacha, Lessinger und Hettesheimer (1998) deutlich wurde, kann sich die Personalisierung sowohl auf die Politik und die Wähler, als auch auf die Medien als vermittelnde Instanz beziehen (vgl. Schulz / Zeh 2003: 57; Wilke / Reinemann 2000: 79).

Eine Personalisierung der Politik zeigt sich vor allem anhand einer personalisierten Wahlkampfführung. Hierbei wird die Kampagne gezielt auf die jeweiligen Spitzenkandidaten ausgerichtet, während die Parteien vermehrt in den Hintergrund rücken (vgl. Brettschneider 2002a: 14). Weitere Merkmale einer solchen Personalisierung sind die Entkopplung von Kandidat und Partei sowie die vermehrte Zuwendung zum Fernsehen, das als visuelles Medium besonders geeignet für die Präsentation der Kandidaten ist (vgl. Brettschneider 1998: 392; Mancini / Swanson 1996: 14). Aus Sicht der Politik ist eine solche Verkürzung auf einzelne Personen sinnvoll, da die Komplexität politischer Sachverhalte reduziert wird und Wähler somit leichter erreicht werden können (vgl. Holtz-Bacha 2003a: 20; Holtz-Bacha 1996: 21).

Die zweite Dimension der Personalisierung bezieht sich auf die Wahlbevölkerung. Hier ist von einer Personalisierung des Wahlverhaltens die Rede, wenn Wähler ihre Entscheidung stärker am Personalangebot der Parteien festmachen (vgl. Brettschneider 2002a: 23; Wilke / Reinemann 2000: 79). Außerdem werden die Kandidaten weniger nach ihren politischen Leistungen, sondern in Bezug auf ihren Charakter, ihr Aussehen oder ihr Privatleben beurteilt (vgl. Brettschneider 1998: 392).

Schließlich kann sich eine Personalisierung auch im Hinblick auf die Berichterstattung der Medien zeigen. In diesem Kontext wird mit Personalisierung allgemein „die Eigenschaft von medialen Darstellungen bezeichnet, handelnde Menschen in den Vordergrund der Berichterstattung zu stellen“ (Scherer 1998: 698). In Bezug auf die politische Berichterstattung kann man Personalisierung auch hier an zwei Kriterien festmachen: Zum einen steigt die Präsenz der Spitzenkandidaten in den Medien im Vergleich zu den Parteien. Zum anderen werden im Rahmen der Berichterstattung zunehmend unpolitische Eigenschaften der Kandidaten thematisiert und weniger deren politische Fähigkeiten (vgl. Brettschneider 2009: 512).

Die Gemeinsamkeit aller drei Formen der Personalisierung liegt somit in ihrer Verkürzung auf die politischen Kandidaten und der gleichzeitigen Vernachlässigung von Parteien und Themen. Unklar hingegen ist, welche der Formen als Ursache für die weiteren Personalisierungsprozesse angesehen werden kann. Manche Autoren sehen in der Personalisierung der Berichterstattung den Grund für politische Kampagnenstile, die stark auf die Spitzenkandidaten zugeschnitten sind. Die Medien und insbesondere das Fernsehen zwingen die Politik, sich den Forderungen nach Visualisierbarkeit und Entertainment anzupassen, so die Behauptung (vgl. Brettschneider 1999: 92; Sarcinelli 2006: 69). Andere Autoren gehen dagegen von einer Wechselwirkung zwischen den verschiedenen Formen der Personalisierung aus (vgl. Apitz 2006: 52; Brettschneider 2002a: 22). Denn das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Politik, Medien und Öffentlichkeit bringt es mit sich, dass sich der jeweilige Akteur auch an den Erwartungen des anderen ausrichtet. So versuchen Parteien in ihrer Kommunikation den Selektionsprinzipien der Medien entgegen zu kommen. Sowohl die Politik als auch die Medien orientieren sich wiederum an den vermuteten Bedürfnissen des Publikums. Eine klare Identifikation eines Verursachers erscheint angesichts dieser Dreiecksbeziehung unmöglich (vgl. Bußkamp 2002: 41; Holtz-Bacha / Lessinger / Hettesheimer 1998: 241).

Dennoch zeigt sich innerhalb der Wissenschaft eine etwas einseitige Herangehensweise an dieses Phänomen: Denn während sich die Forschung bislang vor allem mit dem Wandel von Wahlkämpfen und Wählerverhalten auseinander setzte, wurde die Berichterstattung über Politiker in Deutschland vergleichsweise selten analysiert (vgl. Brettschneider 2009: 512; Brettschneider 2002b: 264).

2.1.3 Politiker in den Medien

Dass die Medien nicht nur über politische Themen und Parteien, sondern auch über das politische Personal und allen voran die Spitzenkandidaten berichten, ist selbstverständlich. Ein Zeitungsartikel oder ein Fernsehbeitrag, der sich mit einem Politiker oder einer Politikerin beschäftigt, ist damit nicht automatisch personalisiert. Was aber ist genau gemeint, wenn von der Personalisierung der Medienberichterstattung die Rede ist und wo liegen ihre Gründe?

Bei der Untersuchung der Medienberichterstattung im Hinblick auf die Personalisierung stellen sich zwei wesentliche Fragen: Wird über die politischen Kandidaten vermehrt berichtet? Und welche Schwerpunkte setzt die Berichterstattung dabei? Die erste Fragestellung zielt auf den Umfang der Berichterstattung ab, die auf die Spitzenkandidaten entfällt. Von Personalisierung kann dann gesprochen werden, wenn die Präsenz der Personen in den Medien im Vergleich zu den Parteien zunimmt (vgl. Brettschneider 2009: 512; Wilke / Reinemann 2000: 3). Die zweite Komponente der Personalisierung bezieht sich auf die Art der Berichterstattung, d. h. auf die Frage, welche Aspekte im Zusammenhang mit den Politikern erwähnt werden. Dieser persönliche Kontext kann dabei in vier verschiedene Dimensionen eingeteilt werden: Die Problemlösungskompetenz, d. h. die fachliche Kompetenz eines Politikers; Leadership-Qualitäten, worunter man Fähigkeiten wie Führungsstärke oder Entscheidungsfreude zusammenfasst; Integrität, also Glaubwürdigkeit und Ehrlichkeit; und schließlich unpolitische Eigenschaften wie z. B. Aussehen, Privatleben oder Hobbies eines Politikers (vgl. Brettschneider 2002a: 25; Wagner 2007: 153). Eine personalisierte Berichterstattung zeigt sich dabei in einem zunehmenden Fokus auf die unpolitischen Charakteristika der Kandidaten, während ihre politischen Positionen und Fähigkeiten in den Hintergrund rücken (vgl. Wilke / Reinemann 2000: 4).

Zudem stellt sich aber auch die Frage, welche Gründe und Ursachen es für eine personalisierte Berichterstattung geben könnte? Klar ist, dass eine Fokussierung auf einzelne Personen zumindest nicht allein auf den Einfluss der Politik zurückgeführt werden kann. Denn letztendlich ist jede medial vermittelte Botschaft über die Parteien und Politiker ein Konstrukt, das sowohl durch externe Informationen, als auch durch journalistische Routinen und subjektive Interpretationen zustande kommt (vgl. Greger / Tenscher 2002: 35; Kindelmann 1994: 29-30). Somit muss es auch für die Journalisten Anreize geben, Personen in den Mittelpunkt ihrer Berichterstattung zu stellen. Der Grund für diesen medialen Fokus auf die politischen Kandidaten liegt vor allem in der Orientierung am Rezipienten. Personalisierte Inhalte sind besser geeignet, um die Aufmerksamkeit der Leser bzw. Zuschauer zu erregen, so die Annahme. Insbesondere das Fernsehen, welches ein breites und häufig politisch wenig interessiertes Publikum anspricht, verlangt nach Visualisierbarkeit, Aktionshaltigkeit und Entertainment und leistet dadurch einer personalisierten Berichterstattung Vorschub (vgl. Apitz 2006: 52-53; Brettschneider 1999: 92). Zwar zeigt sich die Verkürzung auf die politischen Kandidaten vor allem bei den privat-kommerziellen Fernsehsendern und den Boulevardzeitungen, aber auch die öffentlich-rechtlichen Sender und andere Printmedien versuchen, auf diese Weise den Bedürfnissen der Rezipienten entgegen zu kommen (vgl. Holtz-Bacha 2002: 42; Strohmeier 2002: 121). Das Prinzip der Personalisierung fungiert somit auf der Ebene der Massenmedien als wichtiges Darstellungsformat und Kriterium der Nachrichtenauswahl (vgl. Bußkamp 2002: 39; Klingemann / Voltmer 1998: 398).

Doch nur die Identifikation von möglichen Gründen für eine Personalisierung der Politikberichterstattung, beweist nicht, dass in Deutschland tatsächlich ein solcher Prozess vorliegt. Aufschluss darüber können nur die Studien geben, die bisher zu dieser Thematik vorliegen.

2.2 Personalisierung der Berichterstattung: Der Stand der Forschung

2.2.1 Die USA als Vorreiter

In Anbetracht dessen, dass die Personalisierung als Merkmal einer Amerikanisierung bezeichnet wird, überrascht es kaum, dass die Erforschung dieses Phänomens in den USA deutlich fortgeschrittener ist als hierzulande. Bereits seit den 1950er Jahren beschäftigt sich die Wissenschaft dort mit der Darstellung der politischen Spitzenkandidaten in den Massenmedien – und kann im Vergleich zur deutschen Forschung eindeutige Befunde vorweisen (vgl. Brettschneider 2009: 512; Kindelmann 1994: 21). So kam Wattenberg (1994) in seiner Langzeitstudie zu dem Ergebnis, dass die Bedeutung der Kandidaten in der Wahlkampfberichterstattung zwischen 1952 und 1980 stetig gestiegen war. Diese Zentrierung auf die Spitzenkandidaten führte gleichzeitig zu einer Marginalisierung der US-amerikanischen Parteien in den Medien: Während im Wahlkampfjahr 1952 die Präsidentschaftskandidaten in der Berichterstattung bereits doppelt so häufig erwähnt wurden wie die Parteien, stieg die Medienpräsenz der Kandidaten im Vergleich zu den Parteien auf ein Verhältnis von fünf zu eins im Jahr 1980 (vgl. Wattenberg 1994: 93).

Die Annahme, dass sich eine personalisierte Berichterstattung im Zuge einer Amerikanisierung in absehbarer Zeit auch in deutschen Medien abzeichnen müsse, greift allerdings zu kurz. Denn die Fokussierung auf das politische Spitzenpersonal wird in den USA sowohl durch institutionelle als auch mediale Rahmenbedingungen begünstigt. So rücken die Kandidaten im präsidentiellen System automatisch stärker in den Mittelpunkt, da sie – im Gegensatz zum parlamentarischen System der Bundesrepublik – nicht vom Parlament, sondern vom Volk direkt gewählt werden (vgl. Brettschneider 2009: 514; Wilke 1998: 285). Zudem fördert das kommerzialisierte Mediensystem der USA eine Verkürzung politischer Sachverhalte auf Personen und insbesondere deren Aussehen und Charakter, um auf diese Weise auch politisch wenig interessierte Massenpublika zu erreichen (vgl. Kindelmann 1994: 21; Pfetsch 2001: 30). Insofern stellt sich die Frage, ob die These der Personalisierung in der deutschen Medienberichterstattung tatsächlich der Realität entspricht.

2.2.2 Die Forschung in Deutschland

Im Vergleich zur US-amerikanischen Forschung liegen in Deutschland bislang nur wenige Studien vor, die sich eingehend mit der Berichterstattung über politische Kandidaten beschäftigen (vgl. Brettschneider 2002b: 264; Holtz-Bacha 1996: 21). Eine mögliche Ursache für das geringe Interesse der Wissenschaft an dieser Thematik ist wohl die traditionell starke Position der politischen Parteien in Deutschland (vgl. Kindelmann 1994: 21). Zwar hat der Regierungschef auch hierzulande eine besondere Stellung, weshalb Deutschland auch zuweilen als „Kanzlerdemokratie“ bezeichnet wird. Dennoch kann die Bedeutung der politischen Spitzenkandidaten in Deutschland nicht mit der Rolle verglichen werden, die die Präsidentschaftskandidaten in den USA einnehmen (vgl. Brettschneider 2009: 514; Kindelmann 1994: 21).

Die ersten Untersuchungen zur Personalisierung der Wahlkampfberichterstattung in Deutschland entstanden in den 70er Jahren. So analysierten Kepplinger und Ohl (1976) im Wahlkampf 1976 die von den Medien vermittelten Images der Kandidaten und kamen dabei zu dem Schluss, dass die Journalisten – indem sie nicht nur auf die Sachkompetenz, sondern auch auf die Persönlichkeit der Politiker eingingen – die Personalisierung des Wahlkampfes verstärkten (vgl. Kindelmann 1994: 38-39). Auch die Berichterstattung über Politiker und insbesondere die Darstellung von Helmut Kohl in den Medien regte zu mehreren Untersuchungen an (vgl. ebd.: 39-40). Ein Beispiel hierfür ist die qualitative Studie von Kepplinger, Dahlem und Brosius (1993), die vor der Bundestagswahl im Jahr 1990 durchgeführt wurde. Deren Analyse ausgewählter Nachrichtensendungen ergab, dass die Betrachter der Sendungen viermal so viele Informationen über den Charakter der Kandidaten Kohl und Lafontaine erhielten als über deren Sachkompetenz (vgl. Kepplinger / Dahlem / Brosius 1993: 151). Die Befunde dieser Untersuchung werden aber infrage gestellt, wenn man sie mit den Ergebnissen der Studie von Kindelmann (1994) vergleicht. Dieser führte eine umfangreiche quantitative Inhaltsanalyse im selben Jahr durch und konnte zeigen, dass sich die medialen Urteile über beide Kandidaten vor allem auf deren professionelle Kompetenz bezogen, während unpolitische Eigenschaften kaum thematisiert wurden (vgl. Kindelmann 1994: 127-131).

Bei der Bundestagswahl im Jahr 1994 analysierten Kepplinger und Rettich (1996) ebenfalls die Darstellung der Kanzlerkandidaten Kohl und Scharping. Dabei zeigte sich, dass in allen Medien häufiger über personenbezogene Eigenschaften der beiden Politiker berichtet wurde als über deren sachpolitische Positionen (vgl. Kepplinger / Rettich 1996: 84). Ähnliche Erkenntnisse fanden sich später auch im Rahmen der Bundestagswahlen 1998. So ergab die Inhaltsanalyse der Fernsehberichterstattung von Wirth und Voigt (1999), dass die Sender den politikfernen Personenqualitäten der Kandidaten insgesamt mehr Aufmerksamkeit schenkten als deren politischer Kompetenz. Allerdings enthielt ein Großteil der analysierten Beiträge überhaupt keinen Bezug zu den Spitzenkandidaten, was den Befund der Personalisierung wiederum relativiert (vgl. Wirth / Voigt 1999: 149-150, 155).

Gleichwohl einige der bisher vorgestellten Studien auf eine Personalisierung der Berichterstattung hindeuten, können diese Ergebnisse nicht verallgemeinert werden. Denn ein Vergleich der Untersuchungen ist aufgrund der unterschiedlichen Forschungsdesigns und Konzepte kaum möglich. Vor allem die Kategorien, die zur Erhebung des medialen Images der Politiker gewählt wurden, weichen teilweise deutlich voneinander ab (vgl. Wirth / Voigt 1999: 137-138). Ebenso widmet sich der Großteil der Studien nur einem einzigen Wahlkampf. Will man aber eindeutige Aussagen über den vermeintlichen Trend der Personalisierung treffen, so ist eine langzeitliche Betrachtung unabdingbar (vgl. Wilke / Reinemann 2003: 30).

Dieser Kritikpunkt war schließlich auch Anlass für die Langzeitstudie zur Wahlkampfberichterstattung von Wilke und Reinemann (2000). Dabei analysierten die beiden Forscher die Berichterstattung von vier überregionalen Tageszeitungen im Kontext sämtlicher Bundestagswahlen zwischen 1949 und 1998. Im Hinblick auf die reine Präsenz der Kandidaten in den Medien zeigte sich, dass die Menge an Beiträgen mit Bezug auf die Kandidaten im Laufe der Jahre tatsächlich angestiegen ist. Allerdings sind die Unterschiede auch zwischen aufeinanderfolgenden Bundestagswahlen sehr groß. Von einer linearen Entwicklung hin zu einer verstärkten Personalisierung kann insofern nicht die Rede sein (vgl. Wilke / Reinemann 2000: 81-82). Dies bestätigt sich auch bei der Betrachtung der verschiedenen Dimensionen, nach denen die Kandidaten in den Medien bewertet wurden. Bei neun der 14 untersuchten Bundestagswahlen wurden die Politiker vor allem unter den Aspekten Sachkompetenz und Managerfähigkeiten thematisiert. Die Bedeutung persönlicher Charakteristika in der Berichterstattung schwankte zwischen den Wahljahren teilweise enorm, Auftreten und Äußerlichkeiten der Politiker spielten eine untergeordnete Rolle (vgl. ebd.: 94-97).

Möglicherweise stellt die Personalisierung aber auch ein sehr junges Phänomen dar, das sich erst in den letzten Jahren entwickelt hat. Die Wiederholung der Untersuchung von Wilke und Reinemann (2000) bei der Bundestagswahl 2002 ergab zumindest einige Befunde, die als Indiz für diese These gewertet werden können. Zwar war die Anzahl der Medienbeiträge mit Kandidatenbezug nicht ungewöhnlich hoch, auffällig waren allerdings die Dimensionen der Kandidatenbewertung: Fast ein Viertel der Aussagen über die Politiker bezog sich auf deren Auftreten und Aussehen, der Anteil der Aussagen über Sachkompetenz und Managerfähigkeiten fiel dagegen ungewöhnlich niedrig aus (vgl. Wilke / Reinemann 2003: 42-46). Gleichzeitig konnte aber auch ein klarer Grund für die personalisierte Berichterstattung ausgemacht werden: Der Fokus auf die Kandidaten war eine direkte Folge der in diesem Wahlkampf erstmals durchgeführten TV-Duelle (vgl. ebd.: 46-47).

In der Wahlkampfberichterstattung im Jahr 2005 zeigte sich dann aber ein ähnlich hoher Grad an Personalisierung – obwohl in diesem Jahr nur ein TV-Duell stattfand. Dies veranlasste die Autoren zu der Vermutung, dass mit der Einführung der TV-Duelle ein Trend zur Personalisierung ausgelöst wurde, der sich auch ohne externen Anlass in der Berichterstattung fortsetzt (vgl. Wilke / Reinemann 2006: 319-324). Zu vergleichbaren Ergebnissen kam auch die Analyse der Wahlkampfberichterstattung im Fernsehen (vgl. Schulz / Zeh 2006: 299-300).

Anders stellte sich die Lage hingegen bei der jüngsten Bundestagswahl im Jahr 2009 dar. Denn Befunde, die für eine Personalisierung sprechen würden, finden sich hier nicht – weder im Hinblick auf die Präsenz der Kandidaten, noch in Bezug auf das Image, das die Medien zeichneten (vgl. Schulz / Zeh 2010: 330-331; Wilke / Leinecker 2010: 366-369). Der Grund für diesen deutlichen Unterschied zu den Wahljahren davor dürfte vor allem die Besonderheit der Wahlkampfsituation gewesen sein. Die beiden Kandidaten Merkel und Steinmeier und ihre Parteien hatten zuvor vier Jahre lang gemeinsam in einer Großen Koalition regiert und scheuten deshalb eine Konfrontation im Wahlkampf. Außerdem ließen die Umfragewerte schon frühzeitig auf einen klaren Sieg der CDU schließen. Dies führte dazu, dass es dem Wahlkampf insgesamt an Spannung fehlte und somit auch das mediale Interesse nachließ (vgl. Schulz / Zeh 2010: 322).

2.2.3 Befunde, Schwächen und Perspektiven der Forschung

Trotz der inzwischen zahlreich vorliegenden Studien zur Personalisierung wird deutlich, dass von einer eindeutigen Entwicklung, wie sie in den USA zu sehen ist, hierzulande keine Rede sein kann (vgl. Brettschneider 2002a: 21). Die Personalisierung der Medienberichterstattung bleibt damit ein Phänomen, das zwar noch immer von vielen Forschern als Tatsachenbefund dargestellt wird, aber – zumindest bisher – nie zweifelsfrei belegt werden konnte. Ob die Medien im Rahmen eines Wahlkampfes personalisiert berichten, scheint mehr von der jeweiligen politischen Situation und den Kandidaten selbst abzuhängen und weniger einem Trend der Berichterstattung geschuldet zu sein (vgl. Wilke / Reinemann 2003: 30). Dennoch bleibt die Thematik damit weiterhin relevant. Denn gesellschaftliche Veränderungen wie die Zunahme von Dealignment und Wechselwählern, aber auch der Wandel im politischen System hin zu professionellerem Wahlkampfmanagement deuten darauf hin, dass die Massenmedien als vermittelnde Instanz im Wahlkampf eher an Bedeutung gewinnen als verlieren werden (vgl. Holtz-Bacha 2002: 42-50).

Gleichzeitig sollte die bisherige Forschung aber nicht nur fortgesetzt, sondern auch kritisch betrachtet und verbessert werden, um zukünftig nicht zwingend eindeutigere, aber doch vergleichbare Befunde liefern zu können. Dabei krankt der Faktor Vergleichbarkeit nicht allein an den verschiedenen methodischen Herangehensweisen. Unklarheiten in der Wissenschaft zeigen sich bereits bei der operationalen Definition von Personalisierung. Denn während Einigkeit darüber herrscht, dass Personalisierung einen reduktionistischen Prozess, d. h. eine Verkürzung auf Personen, darstellt, bleibt unklar, was genau eigentlich verkürzt wird. Die häufige Annahme, dass der Fokus auf Personen zu Lasten von Themen und Sachpolitik geht, wird dem Gegenstand nicht gerecht (vgl. Holtz-Bacha 2003: 20). Denn wie Brettschneider (2002a) bereits in Bezug auf das Wahlverhalten erklärt hat, werden Kandidaten unter verschiedenen thematischen Aspekten beurteilt und somit eine Verknüpfung von Personen und Themen hergestellt (vgl. Brettschneider 2002a: 209-210). Der aus den USA häufig übernommene Antagonismus von Images und „Issues“ ist somit falsch gewählt. Die Frage im Hinblick auf die Personalisierung lautet nicht: „Personen oder Themen?“, sondern „Personen oder Parteien?“.

Das Gros der bisherigen Studien zur Personalisierung der Medienberichterstattung fokussiert allerdings nur auf die jeweiligen Kandidaten. Diese werden im Hinblick auf Präsenz, Bewertung oder Eigenschaftsdimensionen miteinander verglichen. Eine explizite Gegenüberstellung von Kandidat und Partei wurde bislang selten durchgeführt. Dabei stellen sich beim Vergleich von Kandidat und Partei grundsätzlich dieselben Fragen: Wer wird häufiger in der Berichterstattung erwähnt? Wie fällt die Bewertung aus? Welche Bewertungsdimensionen stehen dabei im Vordergrund? Die Gegenüberstellung von Kandidat und Partei eröffnet aber noch andere Möglichkeiten der Untersuchung. Denn da beide Akteure eng miteinander verknüpft sind, liegt die Vermutung nahe, dass die Erwähnung von Kandidat und Partei auch in der medialen Berichterstattung oftmals Hand in Hand geht. Somit stellt sich auch die Frage, wie das Verhältnis von Person und Partei in den Medien dargestellt wird, oder anders: In welchem Rahmen wird die Beziehung von Kandidat und Partei vermittelt?

3. Das Framing-Konzept

3.1 Begriffsbestimmung und Ursprung

Wenn Journalisten über politische Sachverhalte und Ereignisse berichten, so tun sie dies stets aus einer bestimmten Perspektive. Denn die mediale Berichterstattung ist nicht ein Abbild der objektiven Realität, sondern ein Konstrukt aus den extern angebotenen Informationen, den journalistischen Routinen und Darstellungsmustern sowie aus den subjektiven Interpretationen der Journalisten (vgl Greger / Tenscher 2002: 35; Kindelmann 1994: 29-30). Indem die Medien also Themen auswählen, bewerten und interpretieren, liefern sie ihren Rezipienten gleichsam eine Rahmung dieser Sachverhalte (vgl. Matthes 2007: 18). Dabei beschränkt sich diese Vorgehensweise nicht allein auf die Journalisten. Auch andere Akteure betrachten und kommunizieren über Themen und Ereignisse aus der ihnen eigenen Warte und bilden dadurch spezifische Bezugs- oder Interpretationsrahmen (vgl. Scheufele 2011: 269). Diesen Prozess nennt man Framing.

„To frame is to select some aspects of a perceived reality and make them more salient in a communicating text, in such a way as to promote a particular problem definition, causal interpretation, moral evaluation, and/or treatment recommendation for the item described“ (Entman 1993: 52). Diese Begriffsbestimmung von Entman (1993) ist zwar bei weitem nicht die einzige, wohl aber die bedeutendste Definition, die innerhalb der Framing-Forschung existiert (vgl. Matthes 2007: 18). Sie macht deutlich, auf welche Weise Frames entstehen: Indem bestimmte Aspekte eines Sachverhaltes selektiv betont, andere hingegen vernachlässigt werden, wird eine bestimmte Einordnung und Beurteilung dieses Sachverhaltes nahegelegt (vgl. Scheufele 2003: 46). Gemäß dieser Definition beinhaltet ein Frame zudem verschiedene Elemente: eine Problemdefinition, eine Ursachenzuschreibung, eine (moralische) Bewertung sowie eine Handlungsempfehlung zur Lösung des Problems (vgl. Dahinden 2006: 14).

Es zeigt sich somit, dass das Konzept des Framings nicht allein auf journalistischer Ebene eine Rolle spielt, sondern vielmehr ein menschliches Prinzip der Wahrnehmung und Beurteilung darstellt. Seinen Ursprung hat der Framing-Ansatz entsprechend auch nicht in der Kommunikationswissenschaft, sondern in der Soziologie und Psychologie (vgl. Matthes 2007: 26-29). So legte der Soziologe Erving Goffman (1993) mit seiner „Rahmenanalyse“ einen wichtigen Grundstein für die Framing-Forschung. Sein Interesse galt dabei aber nicht der massenmedialen Kommunikation, sondern der alltäglichen Interaktion. Er untersuchte, auf welche Weise Menschen Situationen deuten und Interpretationen entwickeln, um sich in ihrer Alltagswelt zurechtzufinden (vgl. Dahinden 2006: 38; Matthes 2007: 27-28). Auch die entscheidungspsychologischen Arbeiten von Kahneman und Tversky (1981) leisteten einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung des Framing-Konzepts. Im Rahmen von Experimenten analysierten die beiden Forscher, warum Menschen bei der Präsentation identischer Informationen je nach Kontext unterschiedliche Entscheidungen fällten. Dabei zeigte sich, dass vor allem die positive bzw. negative Rahmung eines Problems ausschlaggebend für das Entscheidungsverhalten der Probanden war (vgl. Matthes 2007: 28).

Doch auch wenn die Forschungsarbeiten von Goffman sowie Kahneman und Tversky als Ursprung der modernen Framing-Forschung gelten, so zeigen sich im Vergleich zur Verwendung des Framing-Begriffs in der Kommunikationswissenschaft deutliche Unterschiede (vgl. Matthes 2007: 29). Hinzu kommt, dass auch andere Forschungsdisziplinen, wie etwa die Politikwissenschaft, mit dem Begriff des Framings hantieren (vgl. Dahinden 2006: 51). Diese Interdisziplinarität verdeutlicht zwar, wie aktuell und wichtig der Forschungszweig ist, stellt aber gleichzeitig sein größtes Hindernis dar. Denn eine Integration der Forschungserkenntnisse zum Thema Framing scheitert bereits an der je nach Forschungsgebiet unterschiedlich verwendeten Terminologie. Und auch die verschiedenen theoretischen Zugänge sowie Uneinigkeiten im Hinblick auf die Methodik führen dazu, dass der Framing-Ansatz als „fractured paradigm“ oder „zerstreutes Forschungsgebiet“ bezeichnet wird (vgl. Dahinden 2006: 21; Entman 1993: 51; Matthes 2007: 19).

3.2 Der Framing-Ansatz in der Kommunikationswissenschaft

3.2.1 Die vier Stränge der Framing-Forschung

Ein erster Schritt, um die Framing-Forschung innerhalb der Kommunikationswissenschaft zu strukturieren, ist die Differenzierung nach Forschungsobjekten. Ausgehend vom Prozess der Massenkommunikation kann Framing an vier Stufen verortet werden: beim Kommunikator, bei den Journalisten, bei den Produkten journalistischer Arbeit, d. h. innerhalb der Medientexte sowie bei den Rezipienten (vgl. Matthes / Kohring 2004: 56).

Im Hinblick auf die Kommunikatoren steht vor allem das strategische Framing von Parteien, sozialen Bewegungen und anderen gesellschaftlichen Akteuren im Mittelpunkt. Diese Gruppen versuchen, durch eine bestimmte Rahmung von Themen im öffentlichen Wettstreit der Meinungen die Deutungshoheit zu erlangen (vgl. Matthes 2007: 33). Journalistische Frames spielen bei der Arbeit der Medienvertreter, insbesondere bei Selektion und Recherche, eine große Rolle. Sie bestimmen, über welche Themen berichtet wird und auf welche Art und Weise dies geschieht (vgl. Dahinden 2006: 61). In diesem Sinne weisen journalistische Frames gewisse Parallelen zu den Nachrichtenfaktoren auf, die im Rahmen der Nachrichtenwerttheorie identifiziert wurden (vgl. ebd.: 68-72). Manifest wird die journalistische Arbeit schließlich in den Medientexten. Demzufolge lassen sich auch hier verschiedenartige Frames identifizieren. Insbesondere die Möglichkeit, durch Inhaltsanalysen vergleichbar einfach Aussagen über die Deutungsmuster in Medientexten machen zu können, hat dazu geführt, dass das Gros der Framing-Studien in diesem Bereich zu finden ist (vgl. Matthes 2007: 55). Nicht zu vernachlässigen ist aber auch die Frage, welche Wirkung das Framing von Themen beim Rezipienten hat. Die Forschung auf diesem Gebiet wird allerdings durch theoretisch-konzeptionelle Fragen erschwert: Denn im Rahmen der Medienwirkungsforschung sind – neben dem Framing – auch noch weitere Ansätze wie das Agenda-Setting und das Priming prominent. Auf welche Weise sich diese drei Wirkungsmodelle ergänzen, überschneiden oder gar widersprechen, ist dabei häufiges Thema innerhalb der Literatur (vgl. Scheufele 2004: 35-37; Scheufele / Tewksbury 2007: 10-12).

Der Framing-Ansatz stellt somit ein theoretisches Konzept dar, welches sich auf sämtlichen Stufen der Massenkommunikation anwenden lässt. Auf diese Weise ist es möglich, wissenschaftliche Erkenntnisse zu integrieren und dadurch einen forscherischen Mehrwert zu erzeugen (vgl. Dahinden 2006: 16-18). Allerdings zeigt sich auch innerhalb der Kommunikationswissenschaft die Problematik, einen einheitlichen Zugang und somit Vergleichbarkeit der Forschungsergebnisse herzustellen. Solange aber kein gemeinsames Verständnis über Begriffe, Theorien und Zugänge der Forschung besteht, kann auch das integrative Potenzial des Framing-Ansatzes nicht genutzt werden (vgl. Matthes 2007: 19-20, 129).

Da sich die vorliegende Arbeit mit der inhaltsanalytischen Untersuchung medialer Frames beschäftigt, soll dieser Forschungsstrang nachfolgend näher beleuchtet werden.

3.2.2 Frames in Medientexten

Im Vergleich zu den Frames von Kommunikatoren, Journalisten oder Rezipienten handelt es sich bei medialen Frames nicht um individuelle Denk- und Interpretationsmuster, sondern um textlich basierte Muster der Berichterstattung (vgl. Scheufele 2004: 30; Scheufele 1999: 106-107). Gamson und Modigliani (1987: 143) beschreiben diese Art von Frame als „central organizing idea or story line that provides meaning to an unfolding strip of events“. Es handelt sich somit um spezifische Darstellungs- und Argumentationsweisen, welche die Themen innerhalb des medialen Textes in eine bestimmte Perspektive rücken. Dabei lassen sich grundsätzlich zwei verschiedene Arten von Medienframes unterscheiden: formal-stilistische Frames und inhaltsbezogene Frames (vgl. Matthes 2007: 57).

Formal-stilistische Frames beziehen sich allein auf die Art der Darstellung im medialen Text. Entscheidend ist somit nicht der Inhalt, sondern die Form, in der Medieninhalte präsentiert werden. In diese Gruppe fällt beispielsweise die auf Iyengar (1991) beruhende Unterscheidung von thematischen und episodischen Frames. Als thematisches Framing wird dabei die informativere und abstraktere Darstellung eines Sachverhalts bezeichnet, während beim episodischen Framing mehr Wert auf eine ereignisorientierte und unterhaltsame Berichterstattung gelegt wird (vgl. Dahinden 2006: 130; Matthes 2007: 57).

Die zweite Art von Frames in Medientexten sind inhaltsbezogene Frames, die sich nicht auf die stilistische, sondern auf die inhaltliche Darstellung eines Sachverhalts beziehen. Matthes (2007) unterscheidet in dieser Kategorie zudem zwischen themenspezifischen und themenübergreifenden Frames. Während themenspezifische Frames nur im Kontext eines ganz bestimmten Sachverhaltes zu finden sind, können themenübergreifende Frames auf verschiedene Themen angewendet werden (vgl. Matthes 2007: 59). So tauchen beispielsweise moralische Frames sowohl in drogenpolitischen Debatten als auch im Kontext der Abtreibungsfrage oder beim Thema Naturschutz auf (vgl. Dahinden 2006: 133-171). Der Vorteil solcher themenübergreifender Frames ist, dass sie für spätere Studien übernommen werden können und damit die zuweilen komplizierte Identifikation der medialen Frames wegfällt. Auch die häufig bemängelte Vergleichbarkeit von Framing-Studien kann durch die Anwendung festgelegter Frames verbessert werden. Allerdings stellt sich angesichts des hohen Abstraktionsgrades solcher Frames die Frage, ob diese tatsächlich auch bei unterschiedlichen Themen trennscharf und eindeutig zugeordnet werden können (vgl. Matthes 2007: 61-62).

Je nachdem in welchem wissenschaftlichen Kontext Frames untersucht werden, auf welche Themen oder Ereignisse sie sich dabei beziehen und welche Intentionen der Forscher verfolgt, eignen sich unterschiedliche methodische Zugänge für die Analyse von medialen Frames. Da die Methodik nach wie vor ein viel diskutiertes Problem innerhalb der Framing-Forschung darstellt, sollen im Folgenden die verschiedenen Herangehensweisen überblicksartig vorgestellt werden.

3.3 Die Analyse medialer Frames

3.3.1 Methodische Zugänge der Framing-Analyse

Obwohl sich Studien zu Frames in Medientexten in aller Regel auf die Deskription der Medienberichterstattung beschränken und damit ein vergleichsweise einfaches Forschungsinteresse verfolgen, ergeben sich auch im Rahmen solcher Analysen gewisse methodische Schwierigkeiten (vgl. Matthes 2007: 55). Die Hauptproblematik ist dabei die Frage, auf welche Weise Medien-Frames inhaltsanalytisch erfasst werden sollen. Denn im Vergleich zu Themen, Akteuren oder Wertungen lassen sich Frames in einem Text wesentlich schwerer identifizieren und zuordnen (vgl. Dahinden 2006: 202). Grundsätzlich können hierbei vier verschiedene Vorgehensweisen unterschieden werden: textwissenschaftliche, interpretativ-quantifizierende, computerbasierte quantitative, sowie deduktive Verfahren (vgl. Matthes / Kohring 2004: 57-58).

Im Rahmen des textwissenschaftlichen Verfahrens werden die Deutungsmuster innerhalb der Medientexte anhand der Wortwahl sowie der spezifischen Platzierung und Strukturierung von einzelnen Wörtern und Sätzen identifiziert. Forscher, die diesen rein qualitativen Ansatz verfolgen, argumentieren dabei, dass sich die komplexe Bedeutung eines Frames durch eine quantitative Herangehensweise nicht vollständig erfassen lasse (vgl. Matthes / Kohring 2004: 58; Matthes 2007: 66). Das interpretativ-quantifizierende Verfahren verknüpft qualitative und quantitative Zugänge miteinander, indem zunächst Frames anhand eines Teils der Stichprobe identifiziert werden und anschließend durch eine Inhaltsanalyse quantifiziert werden (vgl. Matthes / Kohring 2004: 58). Da dieses Verfahren im Rahmen der Framing-Analyse der vorliegenden Arbeit Anwendung findet, wird die Methodik in Kapitel 5.2.1 näher erläutert. Einen computerbasierten Zugang stellt das sog. Frame-Mapping dar. Bei diesem quantitativen Ansatz werden mithilfe von Algorithmen gemeinsam auftretende Wörter innerhalb der Texte identifiziert und zu Frames gruppiert (vgl. Matthes 2007: 75-76). Die bisher beschriebenen Verfahren wenden dabei alle eine induktive Herangehensweise an. Dies bedeutet, dass Frames direkt anhand des Untersuchungsmaterials generiert werden. Deduktive Verfahren hingegen untersuchen Medientexte auf Frames, die bereits vor der Analyse aus der Forschungsliteratur abgeleitet und festgelegt werden (vgl. Matthes / Kohring 2004: 60). Diese Vorgehensweise eignet sich vor allem für formal-stilistische oder themenübergreifende Frames (vgl. Matthes 2007: 67).

Schon die Vielzahl möglicher Verfahren zeigt, dass ein Königsweg der Framing-Analyse bislang nicht existiert. Denn jede Vorgehensweise birgt sowohl Vor- als auch Nachteile. Bei textwissenschaftlichen Verfahren setzt sich der Forscher besonders intensiv und detailliert mit den Texten auseinander, infolge dieses hohen Aufwands können aber auch nur geringe Textmengen untersucht werden (vgl. Matthes 2007: 66). Der computerbasierte Zugang überzeugt wiederum durch seine Objektivität und Reliabilität sowie durch die Möglichkeit große Textmengen zu analysieren. Allerdings ist fraglich, ob ein Computer die interpretative Leistung vollbringen kann, die notwendig ist, um tiefere Sinnstrukturen innerhalb eines Textes zu erkennen (vgl. ebd.: 75-78). Bei einer induktiven Herangehensweise besteht vor allem die Gefahr, dass die vom Forscher erwarteten Frames im Sinne einer „self-fulfilling prophecy“ erfasst werden, während sich bei der deduktiven Variante die Frage stellt, ob sich durch eine simple Übertragung festgelegter Frames auf einen neuen Untersuchungsgegenstand tatsächlich valide Ergebnisse erzeugen lassen (vgl. Matthes 2007: 70; Matthes / Kohring 2004: 60).

3.2.2 Das Framing von Personen

Obwohl die methodische Herangehensweise bei der Erfassung und Analyse medialer Frames häufig sehr unterschiedlich ist, so haben die wissenschaftlichen Arbeiten dennoch eine Gemeinsamkeit: Sie alle beschäftigen sich mit dem Framing von Themen. Prominente Arbeiten der Framing-Forschung stammen beispielsweise von Gamson und Modigliani (1989), die sich mit dem Framing der Atomenergie-Debatte beschäftigten. Aber auch Themen wie Gentechnologie, Abtreibung, Fremdenfeindlichkeit, Krieg oder Umweltschutz wurden im Hinblick auf ihre Rahmung durch die Medien untersucht (vgl. Dahinden 2006: 113-173). Es zeigt sich somit, dass der wissenschaftliche Fokus insbesondere auf der Analyse konflikthaltiger Themen oder „Issues“ liegt, über die in Politik und Öffentlichkeit kontrovers diskutiert wird. In der Literatur sucht man dagegen vergeblich nach Studien, die sich mit dem Framing von Personen beschäftigen. Unklar ist hingegen, warum die Forschung diesen Aspekt bislang ausklammert, denn auch Personen werden innerhalb der Berichterstattung im Kontext von Themen, aber auch im Zusammenhang mit anderen Akteuren dargestellt und bewertet, also gerahmt.

Politiker sind Personen, die in der medialen Berichterstattung besonders häufig zu finden sind und die – im Vergleich zu anderen Personen der Öffentlichkeit – von den Medien äußerst kritisch beobachtet und bewertet werden. Die größte Aufmerksamkeit kommt den Politikern und insbesondere den Spitzenkandidaten der Parteien im Wahlkampf zu. Zudem gewinnt die mediale Darstellung von Politikern im Vorfeld von Wahlen an Relevanz, denn die Art und Weise, in der die Medien über die Spitzenkandidaten berichten, beeinflusst auch, wie die Kandidaten von den Wählern wahrgenommen werden (vgl. Kindelmann 1994: 14). Verknüpft man den Aspekt der Personalisierung mit dem medialen Framing von Personen, so stellt sich vor allem die Frage, wie bestimmte Politiker im Zusammenhang mit ihren jeweiligen Parteien dargestellt werden. Denn ein wichtiges Indiz für eine zunehmende Personalisierung ist der Bedeutungsgewinn der Kandidaten gegenüber den Parteien (vgl. Brettschneider 2009: 512). Dieser Aspekt kann zum einen durch einen rein quantitativen Vergleich – d. h. anhand der Anzahl von Erwähnungen in der Berichterstattung – untersucht werden. Mehr Aufschluss über die Akteurskonstellation von Kandidat und Partei bietet jedoch eine Analyse des medialen Framings.

4. Der Kandidat und die Partei

Die nachfolgenden Ausführungen zur FDP und ihrem Spitzenkandidat Christian Lindner beruhen hauptsächlich auf Medienquellen, da kaum wissenschaftliche Literatur zu den beiden Akteuren vorliegt. Allerdings ist es zum Verständnis der Analyse von Bedeutung, die Entwicklung beider Akteure und somit den Kontext der Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen zu kennen.

4.1 Die Entwicklung der FDP seit der Bundestagswahl 2009

Als am Abend des 27. September 2009 – dem Tag der letzten Bundestagswahl – die ersten Hochrechnungen im Fernsehen erschienen, konnten viele Mitglieder der FDP ihr Glück kaum fassen: Mit 14,6 Prozent hatten die Liberalen das beste Wahlergebnis ihrer Geschichte erzielt und damit der schwarz-gelben Koalition eine Regierungsmehrheit verschafft. Vor allem das Versprechen umfangreicher Steuersenkungen hatte der Partei hohe Zustimmungsraten innerhalb der Bevölkerung beschert (vgl. Walter 2011: 11-12). Doch als die Regierungsarbeit begann, mussten die Liberalen angesichts der strikten Weigerung des Koalitionspartners bald einsehen, dass die versprochenen Entlastungen nicht durchsetzbar waren (vgl. Manager Magazin Online 2009). Dabei erkannten die Freidemokraten lange nicht, dass sich auch das Meinungsklima in der Öffentlichkeit längst gegen diese kaum finanzierbaren „Steuergeschenke“ gewendet hatte. Stattdessen entzweite sich die vormals als „Traumhochzeit“ bezeichnete Koalition aus Union und FDP sowohl an der Steuerdebatte, als auch an zahlreichen anderen Streitpunkten und machte statt mit vernünftiger Regierungsarbeit vor allem mit gegenseitigen Anfeindungen und verbalen Entgleisungen Schlagzeilen (vgl. Kallinich / Schulz 2011: 340; Werwath 2011: 52).

Die Folgen dieser verunglückten Anfangsphase in der Regierung drückten sich bald in demoskopischen Zahlen aus. Bereits im Dezember 2009 hatte die schwarz-gelbe Koalition ihre Mehrheit in den Umfragen eingebüßt (vgl. ARD Deutschlandtrend 2009: 17). Doch diese erste Negativtendenz war für die FDP nur der Anfang einer steilen Talfahrt: Kamen die Liberalen Anfang des Jahres 2010 noch auf immerhin elf Prozent der Stimmen, so waren es im Juli nur noch fünf Prozent der Bevölkerung, die den Freidemokraten ihr Vertrauen schenkten (vgl. ARD Deutschlandtrend 2010a: 18; ARD Deutschlandtrend 2010b: 13). Eng verknüpft mit dem Abstieg der Partei in den Umfragewerten war auch die Bewertung ihres Vorsitzenden Guido Westerwelle, der im Gegensatz zu seinen Vorgängern im Auswärtigen Amt nicht vom typischen Amtsbonus des Außenministers profitieren konnte. Vielmehr trug er durch so manchen unglücklichen Auftritt auf dem internationalen Parkett zum schlechten Image der FDP noch bei (vgl. Kallinich / Schulz 2011: 340; Langguth 2011). Als die Liberalen im Januar 2011 erstmals unter die Fünf-Prozent-Marke fielen und auch bei zahlreichen Landtagswahlen große Stimmverluste hinnehmen mussten, wurde ein Wechsel der Parteiführung schließlich unumgänglich.

Unter dem 38-jährigen Phillip Rösler sollte die Trendwende gelingen und frischer Wind in die FDP gebracht werden. Doch auch dem Gesundheitsminister und späteren Wirtschaftsminister gelang es nicht, neue Akzente zu setzen und so den Aufschwung der Partei herbeizuführen (vgl. Blechschmidt 2011). Stattdessen folgten weitere Wahlniederlagen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. Im Dezember lag die Partei bei nur noch drei Prozent in den Umfragen (vgl. ARD Deutschlandtrend 2011a: 19). Und zu allem Überfluss trat mit Christian Lindner einer der wenigen jungen Hoffnungsträger der FDP von seinem Amt als Generalsekretär zurück (vgl. Weiland 2011).

Somit sollte das neue Jahr gleichzeitig ein Neuanfang für die FDP werden. Doch auch dieser geriet zum Fehlstart, als die saarländische Koalition aus CDU, FDP und Grünen aufgrund anhaltender Querelen innerhalb der Landes-FDP aufgelöst wurde (vgl. Süddeutsche.de 2012). Da sich die Liberalen in den Umfragen weiterhin zwischen zwei und drei Prozent bewegten, waren die Aussichten auf ein gutes Abschneiden bei Neuwahlen denkbar schlecht. Umso überraschender war insofern auch die Entscheidung der Landes-FDP in Nordrhein-Westfalen, am 14. März 2012 gegen den Haushalt der dortigen Minderheitsregierung zu stimmen und somit – diesmal gewollt – die Auflösung des Landtages herbeizuführen (vgl. Caspari / Buhse 2012).

4.2 Der Spitzenkandidat Christian Lindner

Christian Lindner war bereits mit 21 Jahren FDP-Landtagsabgeordneter in Nordrhein-Westfalen, mit 25 Jahren bekleidete er dort den Posten des Generalsekretärs. Bekannt wurde der Politiker aber vor allem als er im Dezember 2009 der jüngste Generalsekretär in der Geschichte der Bundes-FDP wurde (vgl. Weiland 2009). Gemeinsam mit dem damaligen Gesundheitsminister Phillip Rösler und Gesundheitsstaatssekretär Daniel Bahr stellte Lindner nun das mitunter auch als „Boyband“ bezeichnete junge Trio der FDP dar (vgl. ebd.). Und je weiter die FDP in den Umfragewerten absank und somit der Druck auf den FDP-Vorsitzenden Guido Westerwelle zunahm, desto häufiger war die Rede von einem möglichen Nachfolger – unter anderem auch von Christian Lindner (vgl. FAZ.NET 2010). Als Westerwelle im Frühjahr 2011 dann tatsächlich seinen Posten als Vorsitzender abgeben musste, hieß sein Nachfolger aber Phillip Rösler und nicht Christian Lindner. Der verblieb in seinem Amt als Generalsekretär, während der neue Vorsitzende – ähnlich glücklos wie sein Vorgänger – versuchte, die FDP wieder auf Kurs zu bringen.

Doch obwohl vor allem Röslers Befähigung zur Parteiführung bereits nach wenigen Monaten wieder infrage gestellt wurde, war es Christian Lindner, der im Dezember 2011 völlig überraschend seinen Rücktritt als Generalsekretär verkündete (vgl. Spiegel Online 2011). Dessen offizielle Erklärung, er wolle seinen Platz frei machen, „um eine neue Dynamik zu ermöglichen“, ließ die tatsächlichen Beweggründe für die Entscheidung offen. Parteiintern wurde der Schritt aber vor allem als Reaktion auf das zunehmend angespannte Verhältnis zwischen Lindner und Parteichef Rösler interpretiert (vgl. Dausend 2011; Spiegel Online 2011).

Gleich welche Umstände letztendlich Anlass für den Rücktritt waren, so wurde bald klar, dass Christian Lindner nicht vorhatte, der Politik für immer den Rücken zu kehren. Bereits zwei Monate nach seinem Rücktritt wurde bekannt, dass Lindner den Vorsitz des FDP-Bezirks Köln anstrebte (vgl. Spiegel Online 2012a). Doch es kam letztendlich anders: Als der nordrhein-westfälische Landtag am 14. März 2012 überraschend aufgelöst wurde und die Suche nach einem FDP-Spitzenkandidaten begann, fiel die Wahl schließlich auf Christian Lindner. Er hatte nun die Aufgabe, seine Partei in weniger als zwei Monaten aus dem Umfragekeller zurück in den Landtag zu führen. Und tatsächlich schien seine Nominierung unmittelbar Wirkung bei den Wählern zu zeigen. Denn Ende März hatte sich die FDP in den Umfragen von zwei auf vier Prozent verbessert (vgl. Ländertrend Nordrhein-Westfalen 2012a; Spiegel Online 2012b).

Die FDP in Nordrhein-Westfalen machte den „Lindner-Effekt“ zum Programm und schnitt ihren Wahlkampf voll auf den Spitzenkandidaten zu. Dieser wiederum ging auf Konfrontationskurs zum Berliner Koalitionspartner CDU, indem er offen von der Möglichkeit einer Ampelkoalition aus SPD, Grünen und FDP sprach (vgl. Ulrich 2012). Ebenso versuchte er, sich und die FDP in NRW möglichst von der Bundespartei und deren schlechter Regierungsleistung abzugrenzen (vgl. Diehl / Wittrock 2012). Diese Strategie ging auf. Zehn Tage vor der Landtagswahl hatte sich die FDP auf sechs Prozent in den Umfragen verbessert und damit die gefürchtete Fünf-Prozent-Hürde übersprungen (vgl. Ländertrend Nordrhein-Westfalen 2012b). Dass die FDP am 13. Mai dann aber sogar 8,6 Prozent der Stimmen erhielt, kam einer Sensation gleich (vgl. Hengst / Weiland 2012).

4.3 Partei und Kandidat, Partei vs. Kandidat

Eine Personalisierung der Berichterstattung bedeutet, dass die Person des Politikers in den Vordergrund rückt, während die Partei an medialer Präsenz einbüßt (vgl. Brettschneider 2009: 512). Deshalb sollte bei der Untersuchung dieses Phänomens und seiner potenziellen Ursachen auch das Verhältnis zwischen Partei und Spitzenkandidat mitberücksichtigt werden. Die überwiegende Mehrheit der Studien, die bisher zur Personalisierung durchgeführt wurde, stellt allerdings meist nur einen Vergleich zwischen den verschiedenen Spitzenkandidaten an. Die Beziehungsstruktur zwischen den beiden Akteuren Partei und Kandidat blieb dagegen bislang unbeachtet. Mit der hier vorliegenden Inhalts- und Framing-Analyse soll deshalb ein Beitrag zur Schließung dieser Forschungslücke geleistet werden.

Durch die Besonderheit seiner Akteurskonstellation stellt der Wahlkampf der FDP in Nordrhein-Westfalen eine gute Gelegenheit dar, um diesen Gegenstand näher zu untersuchen. Denn dort steht auf der einen Seite eine Partei, die seit Monaten in der Krise steckt und angesichts desaströser Umfragewerte kaum Aussichten auf einen Wiedereinzug in den Landtag hat. Auf der anderen Seite steht Christian Lindner, der nach seinem überraschenden Rücktritt und dem Comeback als Spitzenkandidat als neuer Hoffnungsträger der Partei gilt. Dadurch befindet sich Lindner in einem Dilemma: Er muss versuchen, für seine Partei in Nordrhein-Westfalen Wahlkampf zu machen und sich dabei gleichzeitig von ihr abzugrenzen, um nicht ebenso mit der Negativbilanz der FDP assoziiert zu werden. Diese ungewöhnliche Beziehung zwischen Partei und Kandidat resultiert schließlich in einem Wahlkampf, der fast ausschließlich auf Lindner fokussiert. Somit stellt sich die Frage, ob sich dieser personalisierte Wahlkampf auch in den Medien widerspiegelt und auf welche Art und Weise das zwiespältige Verhältnis zwischen Partei und Spitzenkandidat dargestellt wird.

5. Die FDP und Christian Lindner im Spiegel der Medien

Das Ziel der Untersuchung ist es, die mediale Darstellung der FDP und ihres Spitzenkandidaten Christian Lindner nachzuvollziehen. Dabei sollen folgende Forschungsfragen beantwortet werden:

- Wie wird die FDP in den Medien dargestellt?
- Wie wird der Kandidat Christian Lindner in den Medien dargestellt?
- Wie wird die Beziehung zwischen Kandidat und Partei in den Medien dargestellt?

Diese drei Forschungsfragen erfordern dabei zwei unterschiedliche methodische Herangehensweisen. Während zur Beantwortung der ersten beiden Forschungsfragen jeder Akteur für sich im Rahmen einer Inhaltsanalyse untersucht wird, gilt es zur Beantwortung der dritten Forschungsfrage, die dargestellte Beziehung zwischen beiden Akteuren zu analysieren. Da die in einem Medientext enthaltenen Deutungs- und Beziehungsmuster durch eine rein quantitative Inhaltsanalyse nur schwer fassbar sind, wird in einem zweiten Untersuchungsschritt eine Framing-Analyse durchgeführt. Aus diesem Grund werden Methodik, Untersuchungsanlage und Ergebnisse im Folgenden stets zweigeteilt präsentiert.

5.1 Quantitative Inhaltsanalyse – Methodik und Anlage der Untersuchung

5.1.1 Die Methode der Inhaltsanalyse

„Die Inhaltsanalyse ist eine empirische Methode zur systematischen, intersubjektiv nachvollziehbaren Beschreibung inhaltlicher und formaler Merkmale von Mitteilungen, meist mit dem Ziel einer darauf gestützten interpretativen Inferenz auf mitteilungsexterne Sachverhalte.“

Diese weit verbreitete Definition von Früh (2007: 27) fasst die wesentlichen Merkmale der Methode der Inhaltsanalyse zusammen. Grundsätzlich wird die Inhaltsanalyse in zahlreichen wissenschaftlichen Zweigen angewendet, besondere Bedeutung hat sie aber für die Kommunikationswissenschaft erlangt (vgl. ebd.: 14-15). Das Ziel einer solchen Analyse ist es, Aussagen über die Inhalte von Mitteilungen zu machen und nicht – wie etwa bei der Befragung – über Personen. Prinzipiell kann somit jede Form der Kommunikation inhaltsanalytisch untersucht werden, sofern diese in manifester Form vorliegt. Besonders häufig handelt es sich dabei aber um Medieninhaltsanalysen, die vor allem Tageszeitungen und Magazine oder auch Rundfunksendungen zum Gegenstand der Untersuchung machen (vgl. Brosius / Koschel / Haas 2008: 140).

Zwar ist die Inhaltsanalyse nicht die einzige Methode, mit der Mitteilungen und Kommunikationen untersucht werden können. Im Vergleich zu anderen Textanalyseverfahren wie beispielsweise der Hermeneutik verfolgt die Inhaltsanalyse aber ein anderes Erkenntnisinteresse und zeichnet sich infolgedessen durch ihre wissenschaftliche Systematik und Nachvollziehbarkeit aus (vgl. Brosius / Koschel / Haas 2008: 142). Denn die Zielsetzung einer Inhaltsanalyse ist es nicht, einen einzigen Text ganzheitlich zu verstehen und zu deuten, wie dies die Hermeneutik versucht. Vielmehr sollen einzelne formale und inhaltliche Merkmale vieler Texte objektiv und nachvollziehbar erfasst werden (vgl. Bortz / Döring 2006: 149; Früh 2007: 50-52). Denn erst durch eine solche Reduktion von Komplexität ist es möglich, Strukturen zu erkennen und verallgemeinerbare Aussagen zu treffen (vgl. Rössler 2005: 16-17).

Die Voraussetzung hierfür und gleichzeitig ein weiterer wichtiger Unterschied der Inhaltsanalyse zu anderen Verfahren der Textanalyse ist dabei die Vorgabe der intersubjektiven Nachvollziehbarkeit. Dies bedeutet, dass eine Inhaltsanalyse von der Forschungsfrage über die Kategorienbildung bis hin zur Auswertung so angelegt und expliziert sein muss, dass die Untersuchung unabhängig von Forscher und Zeitpunkt nachvollzogen, kritisiert und gegebenenfalls wiederholt werden kann (vgl. Früh 2007: 40; Brosius / Koschel / Haas 2008: 144). Um dies zu gewährleisten, folgt die Inhaltsanalyse einer klaren Systematik. Die Regeln, nach denen die Textmerkmale, also die Kategorien und ihre verschiedenen Ausprägungen, erhoben und gemessen werden, sind durch das Messinstrument, das sog. Codebuch, eindeutig festgelegt (vgl. Rössler 2005: 19). Ebenso werden die Codierer in der Handhabung des Codebuchs geschult und die Reliabilität d. h. die Zuverlässigkeit und Reproduzierbarkeit der Messungen, durch entsprechende Tests geprüft (vgl. Brosius / Koschel / Haas 2008: 144).

Grundsätzlich stellt das Verfahren der Inhaltsanalyse eine eher einfache Untersuchungsform dar, die sich auf die Deskription textlicher Bestandteile beschränkt. Wertvoll werden die inhaltsanalytischen Ergebnisse vor allem durch die Möglichkeit, Vergleiche – beispielsweise zwischen verschiedenen Medien – anzustellen oder auch Entwicklungen im Zeitverlauf nachzuvollziehen (vgl. Rössler 2005: 24-26). Häufig beschränken sich Inhaltsanalysen aber nicht allein auf die deskriptive Darstellung der Ergebnisse, sondern ziehen daraus Rückschlüsse oder „interpretative Inferenzen“ auf den Urheber einer Botschaft, auf die historische, politische oder soziale Kontextsituation, oder stellen eine Prognose hinsichtlich der Wirkung einer Botschaft auf die Rezipienten an (vgl. Früh 2007: 44; Rössler 2005: 29).

Innerhalb der Methode Inhaltsanalyse wird häufig zwischen der quantitativen und der qualitativen Vorgehensweise unterschieden. Auch wenn eine klare Abgrenzung beider Formen nicht unproblematisch ist und sich manche Forscher gegen eine solche Differenzierung aussprechen, hat sich diese Unterscheidung in der Kommunikationswissenschaft dennoch etabliert (vgl. Früh 2007: 67). Die quantitative Inhaltsanalyse zielt – wie ihr Name schon sagt – darauf ab, Textmerkmale zu quantifizieren, während die qualitative Inhaltsanalyse vor allem versucht, Inhalte ganzheitlich zu verstehen (vgl. Bortz / Döring 2006: 149). In diesem Sinne steht die qualitative Inhaltsanalyse dem hermeneutischen Paradigma näher, wenngleich auch hier strengere wissenschaftliche Regeln gelten. Aufgrund der unterschiedlichen Zielsetzungen untersuchen quantitative Inhaltsanalysen meist große Textmengen auf wenige Merkmale, während sich qualitative Analysen mit weniger Fällen intensiver auseinandersetzen (vgl. Bonfadelli 2002: 53). Und während die Ergebnisse quantitativer Inhaltsanalysen aufgrund ihrer strengen wissenschaftlichen Regeln besonders reliabel sind, zeichnen sich qualitative Analysen durch ihre größere Nähe zum Untersuchungsgegenstand und demzufolge validere Erkenntnisse aus (vgl. ebd.). Insofern stellen quantitative und qualitative Ansätze keinen Gegensatz dar, sondern sind vielmehr dazu geeignet, sich gegenseitig durch ihre jeweiligen Stärken zu ergänzen.

5.1.2 Untersuchungszeitraum, Auswahl der Stichprobe und Kategorien

Die vorliegende quantitative Inhaltsanalyse hat das Ziel, einen Vergleich der medialen Darstellung zwischen Partei und Kandidat, d. h. zwischen der FDP und ihrem Spitzenkandidaten Christian Lindner, anzustellen. Da beide Akteure mit der Ankündigung der Neuwahlen in Nordrhein-Westfalen in den Fokus der Berichterstattung rückten, wird als Untersuchungszeitraum die Zeit zwischen der Wahlankündigung am 14. März 2012 und dem Wahltermin am 13. Mai 2012 festgelegt. Zudem wird der Untersuchungszeitraum bei zwei der untersuchten Tageszeitungen (FAZ und SZ) jeweils um eine Woche vor und nach diesen Ereignissen verlängert, um so eine Vergleichbarkeit zur „Normalsituation“, d. h. zur Berichterstattung außerhalb des Wahlkampfes zu ermöglichen.

Die Stichprobe der Inhaltsanalyse kommt durch eine bewusste Auswahl typischer Fälle zustande. Untersucht werden vier deutsche Tageszeitungen, die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ), die „Süddeutsche Zeitung“ (SZ), die „Welt“ und die „BILD-Zeitung“, sowie die beiden politischen Magazine „Spiegel“ und „Focus“. Die Entscheidung für die Analyse von Printmedien und gegen das Fernsehen, welches nach gängiger Meinung eine besondere Bedeutung für die politische Information und Meinungsbildung hat, beruht dabei auf zwei Überlegungen (vgl. Brettschneider 2002b: 264):

Da die Untersuchung im Kontext von Landtagswahlen – und nicht von Bundestagswahlen – stattfindet, wird angenommen, dass die Aufmerksamkeit der bundesweit ausstrahlenden Fernsehsender für dieses Thema zumindest bis kurz vor dem Wahltermin nicht besonders hoch war. Denn im Vergleich zu den Printmedien ist die thematische Konkurrenz bei der knapp bemessenen Sendezeit der Fernsehnachrichten noch weitaus größer. Insofern liegt die Vermutung nahe, dass die NRW-Landtagswahlen und in diesem Kontext auch die zur Wahl stehenden Parteien und Kandidaten vergleichsweise wenig Raum in der Fernsehberichterstattung einnahmen. Da die Untersuchung zudem darauf abzielt, die Beziehung zwischen Partei und Kandidat anhand der Berichterstattung zu analysieren, ist die Voraussetzung für eine Analyse nicht nur, dass es die beiden Akteure überhaupt in die Nachrichten „schaffen“, sondern auch, dass diese innerhalb der Berichterstattung genug Raum einnehmen, um Aussagen über deren Beziehung machen zu können. Aufgrund der begrenzten zeitlichen Kapazität der Fernsehnachrichten ist zu bezweifeln, dass Deutungen hinsichtlich dieser Akteurskonstellation darin eine größere Rolle spielten.

Die Wahl fällt dabei auf die vorgestellten Zeitungen und Zeitschriften, da diese in ihrer redaktionellen Linie die Breite des politischen Spektrums repräsentieren (vgl. Kepplinger 1998: 43; Wilke / Reinemann 2000: 21). Berücksichtigt werden dadurch außerdem die drei auflagenstärksten überregionalen Qualitätszeitungen (FAZ, SZ und Welt) sowie mit der BILD-Zeitung die wichtigste deutsche Boulevardzeitung (vgl. IVW 2012). Mit den beiden Zeitschriften Spiegel und Focus wird auch die Gattung der politischen Magazine abgedeckt. Zudem fungieren die ausgewählten Blätter als Leitmedien innerhalb der deutschen Medienlandschaft. Ihre Berichterstattung nimmt somit auch durch die Wirkung auf andere Medien einen besonderen Stellenwert ein (vgl. PMG 2012).

Da Aussagen über die FDP bzw. Christian Lindner vor allem im Rahmen der politischen Berichterstattung vermutet werden, beschränkt sich die Analyse auf diesen Teil der ausgewählten Medien. Ebenso wird bei den Tageszeitungen nur jeder zweite Erscheinungstag (Montag-Samstag) berücksichtigt. Nähere Erläuterungen zum genauen Vorgehen und den Kriterien bei der Auswahl der Artikel finden sich in Codebuch I im Anhang.

Eingang in die Untersuchung finden sämtliche Beiträge, die Aussagen über die FDP und / oder Christian Lindner enthalten. Diese werden im Hinblick auf 15 verschiedene Kategorien inhaltsanalytisch untersucht, wobei zwischen zwei Ebenen der Codierung unterschieden wird: Die formalen Kategorien werden auf der Ebene des Artikels codiert, während für inhaltliche Kategorien die einzelne Aussage als Codiereinheit gilt. Eine Aussage wird in diesem Zusammenhang verstanden als Informationseinheit, die durch einen Zusammenhang von Bezugssubjekt, Thema und Urheber bestimmt ist. Die formalen Kategorien umfassen die Artikelnummer, das Medium, das Erscheinungsdatum, den Umfang des Artikels, die journalistische Form und die Seitenzahl. Ebenso wird codiert, ob ein Artikel eine Fotografie enthält und ob diese Christian Lindner zeigt. Dieser Aspekt der Visualisierung wird in die Analyse aufgenommen, da sich eine personalisierte Berichterstattung möglicherweise auch im Rahmen der visuellen Darstellung zeigen kann. Auf der Aussagenebene wird als einzige formale Kategorie die Aussagennummer codiert. Zu den inhaltlichen Kategorien zählen der thematische Kontext, der Urheber der Aussage, das Bezugssubjekt, die allgemeine Tendenz, sowie – falls das Bezugsobjekt Christian Lindner ist – die Eigenschaftsdimension und deren explizite Bewertung.

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Ende der Leseprobe aus 108 Seiten

Details

Titel
Kandidat und Partei im Spiegel der Medien
Untertitel
Eine inhaltsanalytische Untersuchung von Christian Lindner und der FDP
Hochschule
Universität Hohenheim  (Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaft, insb. Kommunikationstheorie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
108
Katalognummer
V499572
ISBN (eBook)
9783346032959
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Politik, Kommunikation, Medienberichterstattung, Wahlkampf, FDP, Christian Lindner, Personalisierung, Partei, Kandidat, Framing
Arbeit zitieren
Doris Bärtle (Autor), 2012, Kandidat und Partei im Spiegel der Medien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/499572

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