Dieser kulturwissenschaftliche Aufsatz problematisiert die Instrumentalisierung der Geschichtsschreibung durch den heimatvertriebenen Ungarndeutschen Johann Weidlein (1905-1994) zur Förderung der Integration der sogenannten deutschbewussten ungarndeutschen Vertriebenen in der neuen Heimat.
Hierzu werden seine wichtigsten Thesen über die politische Kultur, insbesondere über die minderheitenpolitische Kultur, Ungarns 1930-1950 vor dem Hintergrund seiner forcierten Debatte mit dem angesehenen bundesdeutschen Historiker Theodor Schieder (1908-1984) geschildert.
Die minderheitenpolitischen Erkenntnisse eines Auftrags- und Grundsatzwerkes, des unter der Leitung von Schieder Mitte der 1950er Jahre zusammengestellten Ungarnbandes der „Bonner Dokumentation“, werden dabei mit Johann Weidleins im Jahre 1958 in Schorndorf erschienener Gegendarstellung konfrontiert. Auf diese Weise soll Weidleins Wunschvorstellung von einem bundesdeutschen Geschichtsbewusstsein im politischen Kontext der zeitgenössischen Historiographie der Bundesrepublik Deutschland beleuchtet werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Geschichtskultur der 1950er Jahre im Spiegel der Schieder-Weidlein-Kontroverse
3. Die Legitimationsnachweise im Ungarnband der Bonner Dokumentation
4. Die Legitimationsnachweise in der Schorndorfer Dokumentation
5. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die historiographische Auseinandersetzung zwischen der offiziellen westdeutschen Geschichtsschreibung, repräsentiert durch die "Bonner Dokumentation" unter Theodor Schieder, und der Gegendarstellung des heimatvertriebenen Historikers Johann Weidlein. Dabei wird analysiert, wie beide Seiten politische Legitimationsstrategien einsetzten, um Deutungshoheit über die Vertreibung der Ungarndeutschen zu erlangen und ihre jeweiligen Sichtweisen in das bundesdeutsche Geschichtsbewusstsein einzubetten.
- Die Schieder-Weidlein-Kontroverse und ihre kulturwissenschaftliche Bedeutung
- Die Analyse der Minderheitenpolitik in der "Bonner Dokumentation"
- Die "Schorndorfer Dokumentation" als Manifest eines historischen Unrechtsbewusstseins
- Die Instrumentalisierung historiographischer Werke für außenpolitische Ziele
- Die Identitätsbildung der ungarndeutschen Vertriebenen in der Bundesrepublik
Auszug aus dem Buch
2. Die Geschichtskultur der 1950er Jahre im Spiegel der Schieder-Weidlein-Kontroverse
Dass die Bonner Kommission unter der Leitung von Theodor Schieder die von den schriftlichen und mündlichen Berichten gewonnenen Erkenntnisse über die Vertreibung aus Ungarn den Aussagen der Aktenbestände der ungarischen Archive und den Protokollen der Ministerratssitzungen nicht gegenüberstellen konnte, bedarf keiner besonderen Erklärung. Gleichwohl betonen die Herausgeber in der „Vorbemerkung” der Bonner Dokumentation, dass sie über keine große Fülle an primären Quellen verfügt hätten. Der Engpass sei vor allem auf die Scheu der Ungarndeutschen zurückzuführen, die sich, ihrer mangelnden Ausdrucksfähigkeit in deutscher Hochsprache bewusst, wenig bereit zeigten, über ihre eigenen Erlebnisse in eigenhändigen Niederschriften zu berichten. Deswegen habe die Bonner Kommission verstärkt zum Mittel der selbsterstellten Quellen greifen müssen. Es wird allerdings nicht erklärt, warum die zeitgenössischen Presseberichte (z. B. Kis Újság, Magyar Közlöny, Szabad Szó, Szabad Nép, Új Ember usw.) nicht herangezogen wurden. Die im Bonner Band abgedruckten Dokumente gingen zum einen auf die vom vormaligen exponierten NS-Volkshistoriker und „-Südost-Experten” Fritz Valjavec (München) durchgeführten Sammlungen, zum anderen auf solche des Arbeitskreises des vertriebenen Juristen Ludwig Leber (Stuttgart), des Vertreters der früheren „ungarischbewussten” (das heißt assimilierungsbereiten) Ungarndeutschen, zurück.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der Instrumentalisierung der Geschichtsschreibung durch Johann Weidlein ein und stellt den methodischen Rahmen der Gegenüberstellung mit dem Ungarnband der "Bonner Dokumentation" dar.
2. Die Geschichtskultur der 1950er Jahre im Spiegel der Schieder-Weidlein-Kontroverse: Das Kapitel beleuchtet das Spannungsfeld zwischen den beiden Historikern und analysiert, warum die Bonner Kommission kritische Stimmen der ungarndeutschen Vertriebenen weitgehend ignorierte und welche fachlichen sowie persönlichen Hintergründe dies beeinflussten.
3. Die Legitimationsnachweise im Ungarnband der Bonner Dokumentation: Hier wird untersucht, wie die Kommission unter Schieder den ungarischen Nationalismus und die Minderheitenpolitik interpretierte und welche Rolle Konzepte wie das "Wert- und Sendungsbewusstsein des Magyarentums" dabei spielten.
4. Die Legitimationsnachweise in der Schorndorfer Dokumentation: Dieser Abschnitt analysiert Weidleins Gegendarstellung, die den Fokus auf ein vermeintliches historisches Unrechtsbewusstsein legt und die ungarische Politik als durchgehenden "Vernichtungskampf" gegen das Deutschtum porträtiert.
5. Zusammenfassung: Das abschließende Kapitel fasst das Scheitern einer gemeinsamen Aufarbeitung der Vertreibungsgeschichte zusammen und zeigt auf, wie die Spaltung in zwei feindliche Lager die Integration der Vertriebenen in der Bundesrepublik nachhaltig prägte.
Schlüsselwörter
Geschichtskultur, Ungarndeutsche, Bonner Dokumentation, Theodor Schieder, Johann Weidlein, Vertreibung, Minderheitenpolitik, Historiographie, Nationalismus, Nullsummenspiel, Identität, Volksbund, Horthy-Ära, Legitimationswissenschaft, Geschichtsbewusstsein.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die unterschiedlichen historiographischen Ansätze zur Aufarbeitung der Vertreibung der Ungarndeutschen nach 1945 und untersucht die Auseinandersetzung zwischen der offiziellen "Bonner Dokumentation" und Johann Weidleins Gegendarstellung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die Minderheitenpolitik Ungarns zwischen 1930 und 1950, die Rolle nationaler Identitätskonstruktionen sowie die Instrumentalisierung von Geschichte für politische Zwecke in der Nachkriegszeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Weidleins Wunschvorstellung von einem bundesdeutschen Geschichtsbewusstsein in den politischen Kontext der zeitgenössischen Historiographie einzubetten und die Divergenz der Legitimationsziele aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um einen kulturwissenschaftlichen Ansatz, der Aktenbestände, zeitgenössische Publikationen und die wissenschaftsgeschichtliche Debatte vergleichend analysiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil konzentriert sich auf den direkten Vergleich der "Bonner Dokumentation" und der "Schorndorfer Dokumentation" sowie die Analyse der gegensätzlichen Deutungsmuster bezüglich der ungarischen Politik und der Identität der deutschen Minderheit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Geschichtskultur, Vertreibung, Minderheitenpolitik, Nullsummenspiel, Legitimationswissenschaft und Geschichtsbewusstsein.
Wie bewertet die Autorin die Rolle von Theodor Schieder?
Schieder wird als bedeutender Historiker dargestellt, dessen Kommission jedoch durch eine selektive Quellenauswahl und ein Desinteresse an den subjektiven Leidensgeschichten der vertriebenen Ungarndeutschen eine einseitige Sichtweise förderte.
Welche Funktion erfüllte das Konzept des "Nullsummenspiels" für die Akteure?
Es diente den politischen Akteuren, sowohl auf ungarischer als auch auf ungarndeutscher Seite, als Erklärungsmodell für dauerhafte Konflikte, bei denen jede Seite nur gewinnen oder verlieren konnte, was konstruktive Diskussionen verhinderte.
- Citation du texte
- Krisztina Kaltenecker (Auteur), 2019, Ungarndeutsche Geschichtskultur und bundesdeutsches Geschichtsbewusstsein, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/499935