Erweiterte Suizide unter forensisch-psychiatrischen Aspekten


Hausarbeit, 2018
19 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Definition - Abgrenzung - Häufigkeit

2. Theoretische Zugänge
2.1 Drucktheorien
2.2 Stream analogy for lethal violence
2.3 Psychodynamische Theorien
2.4 Anomietheorie
2.5 Bindungstheoretische Aspekte

3. Tat- sowie Täterrelevante Aspekte
3.1 Allgemeine Tätercharakteristika
3.2 Alkoholmissbrauch und -abhängigkeit
3.3 Persönlichkeitscharakteristika
3.4 Auto- und Fremdaggression
3.5 Psychische Störungen im Kontext von erweiterten Suiziden
3.6 Abgrenzung erweiterter Suizide von Homiziden und Suiziden

4. Strafrechtlicher Umgang mit überlebenden Tätern

Resümee

Literaturverzeichnis

Einleitung

Bei erweiterten Suiziden handelt es sich um Selbsttötungen, bei denen andere Personen ohne deren Willen oder Einverständnis mit in den Tod genommen werden. Opfer sind bei dieser sehr ernsten Form der zwischenmenschlichen Gewalt meist die eigenen Partner, vorwiegend Partnerinnen, sowie die eigenen Kinder. Trotz des sehr seltenen Vorkommens sorgen diese Fälle für öffentliche Empörung, wobei nicht nur das Opfer selbst eine Viktimisierung erfährt, sondern auch dessen Angehörige und Verwandte. Diese sogenannte sekundäre Viktimisierung nimmt bei mehr als einem Opfer dramatische Ausmaße an. Der Begriff des erweiterten Suizids wurde von der Schweiz im Jahr 2006 zum Unwort des Jahres bestimmt.1 Bei Vorliegen einer psychischen Erkrankung des Täters richtet sich der Groll der Gesellschaft auch gegen das Gesundheitssystem, welches nicht in der Lage war, die Tat zu verhindern. Es kommt zu einer Stigmatisierung psychischer Krankheiten, die dazu führt, dass Betroffene aus Scham und Angst keine Hilfe in Anspruch nehmen, wodurch das Risiko solcher Taten gesteigert wird.

Eine Schnittstelle zwischen strafrechtlichen und psychiatrischen Fragestellungen ergibt sich bei diesen Tötungen aus der Häufigkeit der Diagnose psychischer Störungen bei den Tätern. Diese variiert erheblich zwischen den Studien und Ländern und reicht von 11% bis 90%.2 Im Falle von misslungenen Selbsttötungen und damit überlebenden Tätern stellt sich hier also die strafrechtliche Frage der De- bzw. Exkulpation und die daraus resultierende Fragestellung der Unterbringungsvoraussetzungen.

Die vorliegende Arbeit hat den Anspruch, den Begriff des erweiterten Suizids differenziert zu definieren und dabei von anderen Mord-Selbstmordkonstellationen abzugrenzen. Theoretische Zugänge sollen dargelegt und im Hinblick auf ihren Erkenntnisgewinn bewertet werden. Dieser Ausarbeitung soll eine Analyse von Tat- bzw. Täterrelevanten Aspekten folgen, die in einer Auseinandersetzung mit Voraussetzungen der verminderten bzw. aufgehobenen Schuldfähigkeit und deren Folgen für die Unterbringung mündet. In einem Resümee sollen Ansätze weiterer Forschung sowie Aspekte der Prävention solcher Taten diskutiert werden.

1. Definition - Abgrenzung - Häufigkeit

Ausgangspunkt dieser Darstellung ist die uneinheitliche Verwendung des Begriffs „erweiterter Suizid“ sowie dessen unterschiedlicher Definitionen.

Der Psychiater Paul Naecke verwendete 1908 erstmalig den Begriff „erweiterter Suizid“ und definierte damit Selbsttötungen, bei denen der zum Sterben entschlossene Mensch andere ohne ihr Einverständnis und ihre vorherige Kenntnis mit in den Tod nimmt.3 Meier differenziert den Begriff, indem sie postuliert, dass beim Täter der Wille zur Aufgabe des eigenen Lebens primär zu erkennen sein müsse und nicht nur auf der von vornherein feststehenden Bereitschaft beruhen dürfe, nach vollzogener Tötung die eigenen Konsequenzen zu tragen.4 Sie grenzt von diesem Ereignis den Doppelselbstmord ab, bei welchem eine weitere Person im Eigenentschluss bereit ist, ebenfalls aus dem Leben zu scheiden. Ebenfalls grenzt sie Konstellationen ab, bei welchen Motive wie Verstimmung, Verärgerung, enttäuschte Liebe, Eifersucht oder Rache die Erlebnisgrundlage der Selbstmorderweiterung seien, da in diesen Fällen nicht der Wille zur Aufgabe des eigenen Lebens, sondern die Tendenz zur Tötung des Anderen vorherrsche. Die Majorität dieser Tatkonstellationen sei als Tötung der Ehefrau oder der Geliebten durch den verlassenen männlichen Partner zu charakterisieren. Geiger untergliederte den Begriff in einen klassisch, einen kriminell und einen indifferent erweiterten Suizid. Bei ersterem gehe es um die Mitnahme einer geliebten Person mit depressiver Erlebnisgrundlage und altruistischer bzw. pseudoaltruistischer Motivation des Täters, was der Definition von Meier gleicht. Bei dem kriminell erweiterten Suizid herrsche dagegen Kränkung, Verstimmung, Verärgerung und Enttäuschung als Erlebnisgrundlage und eine egozentrisch-sthenisch-abrechnende Motivation vor. Mit Letzterem werden alle Fälle von unbestimmter oder gleichgültig-teilnahmsloser Motivation zusammengefasst.5 Hellen et al. plädieren für die Verwendung des Begriffs Homizid- Suizid, der eine neutrale, eher deskriptive Sicht auf die Tat wirft und der Tatsache gerecht wird, dass der Begriff des erweiterten Suizids genaue Umstände und Ausmaße der Tat nur unzureichend erfasst. Dieser umfasse sowohl Taten von Frauen an ihren Kindern als auch Taten von Männern an ihren Ehefrauen.6 Maier et al. fordern für den Begriff des Homizid-Suizids zusätzlich einen engen zeitlichen Zusammenhang zwischen Fremd- und Selbsttötung.7 In dieser Arbeit wird der Begriff des erweiterten Suizids aufgrund seiner Verwendung im deutschen Sprachgebrauch eingesetzt. Diesem wird zugrunde gelegt, dass die Fremdtötung ohne das Einverständnis des Getöteten erfolgt und die Suizidabsicht primär die Tat motiviert. Es sollte ein zeitlicher Zusammenhang zwischen Fremd- und Selbsttötung ersichtlich sein. Die Definition schließt also sowohl die Tötung der eigenen Kinder, als auch die Mitnahme der Ehefrau, Freundin oder Geliebten in den Tod mit ein.

Epidemiologisch finden sich verschiedene Daten über die Prävalenz erweiterter Suizide. Dies mag seine Ursache in der uneinheitlichen Definition einerseits und der daraus folgenden mangelhaften Erfassung dieser Taten andererseits haben. Liem berichtet in einer Übersicht Prävalenzen von 0.05 - 1.55 erweiterten Suiziden pro 100.000 Einwohner8 (siehe auch Hellen et al.). Maier berichtet in Bezug auf die Allgemeinbevölkerung eine Prävalenz von 0.001%. Dieser seltene Ereignistyp mache dabei 3-6% aller Tötungshandlungen aus.9

Strafrechtlich relevant werden erweiterte Suizide nur in solchen Fällen, in denen der Täter überlebt, also die Selbsttötung misslingt. Allerdings ist das Mißlingen des Selbstmordes keineswegs als typisch für den Tathergang anzusehen.10

2. Theoretische Zugänge

Im Folgenden sollen verschiedene Theorien erläutert und im Hinblick auf ihren Erklärungsgehalt für Taten wie erweiterte Suizide bewertet werden. Die Theorien legen dabei unterschiedliche Schwerpunkte und setzen mit ihren Erklärungen an unterschiedlichen Stellen an.

2.1 Drucktheorien

Zur Erklärung von erweiterten Suiziden wurde oft die Anomietheorie von Merton11 herangezogen. Diese versucht den Ursprung von Aggressionen zu klassifizieren. Mertons Anomietheorie nimmt an, dass in der Gesellschaft eine kulturelle und eine soziale Struktur unterschieden werden kann. Die kulturelle Struktur umfasst kulturell festgelegte Werte und Ziele, sowie Normen, die die Mittel zur Zielerreichung regulieren. Die Sozialstruktur umfasst die objektiven Bedingungen des Handelns des Einzelnen, also die empirische Verteilung der Möglichkeiten und Mittel zur Zielerreichung. Wenn sich die kulturelle und die Sozialstruktur auseinander entwickeln, entsteht ein Druck hin zu Abweichung oder kriminellem Handeln des Individuums. Dabei werden fünf Arten der Anpassung unterschieden, wovon nur die letzten beiden, der Rückzug aus der Gesellschaft und die Rebellion, kriminologische Bedeutung haben.

Es wird angenommen, dass die extremste Form des Rückzugs der Suizid und die extremste Form der Rebellion der Homizid darstellt. Agnew12 arbeitete diese Theorie in einer allgemeinen Drucktheorie weiter aus, in der angenommen wird, dass es drei verschiedene Arten des Drucks gibt: Die Unfähigkeit, positiv besetzte Ziele zu erreichen, das Verlieren positiv besetzter Anreize individueller Art und die Konfrontation mit negativ besetzten Anreizen. Dabei wird angenommenen, dass diese Stressfaktoren unterschiedlich verarbeitet werden können, eine Möglichkeit der Verarbeitung sei Delinquenz. Harper und Voigt13 wendeten die Theorie auf erweiterte Suizide mit der Annahme an, dass es zu erweiterten Tötungen komme, wenn das Individuum nicht in der Lage sei, positiv besetzte Ziele zu erreichen in Verbindung mit dem Auftreten negativ besetzter Anreize. Unklar bleibt hier jedoch, wieso Menschen konforme bzw. nicht konforme Möglichkeiten ergreifen, um mit Frustrationen und persönlichen Problemen umzugehen.

2.2 Stream analogy for lethal violence

Die Stream analogy for lethal violence nach Whitt et al.14 versucht, die Richtung aggressiver Impulse zu erklären. Sie geht davon aus, dass eine hoffnungslose Zukunftsperspektive zu aggressiven Impulsen führe, die entweder eine externale Attribution und einen Homizid oder eine internalen Attribution und einen Suizid nach sich ziehen. Ob sich die aggressiven Impulse in Fremd- oder Selbstaggression äußern, sei persönlichkeitsabhängig. Nach Stack15 komme es zu einem erweiterten Suizid, wenn sich die hoffnungslose Zukunftsperspektive aus der Unfähigkeit ergebe, sowohl mit als auch ohne das Opfer leben zu können. Es komme in Folge zu einem Homizid als Ergebnis der externalen Attribution der Frustration auf das Opfer und einem anschließenden Suizid als Resultat einer internalen Attribution der verbleibenden Frustration auf sich selbst.

Zwar zieht die Theorie eine wichtige Verbindung zwischen Tötungshandlungen und Attributionsmustern, ist jedoch nicht in der Lage verschiedene Motive für erweiterte Suizide zu erklären.

2.3 Psychodynamische Theorien

Freud16 geht davon aus, dass ein Suizid der nach innen auf das Selbst gerichtete Impuls ist, einen Mord zu begehen. Das Über-Ich hindere daran einen anderen Menschen zu töten. Es repräsentiert die Normen und Regeln der Gesellschaft und kämpft gegen die Wünsche und Begierden des Ichs sowie des Es. Suizid ist also das Ergebnis eines sehr strengen Über-Ichs oder eines internalisierten Mechanismus der Persönlichkeit, der verbietet, Aggressionen nach außen auszudrücken.17 Wenn jemand mit einem starken Über-Ich tötet, ist es sehr wahrscheinlich, dass er sich im Anschluss an die Tat selbst umbringt. Der Suizid ist dann als Selbstbestrafung des Über-Ichs zu betrachten. Erweiterte Suizide sind dieser Theorie zufolge als Variation homizidalen Verhaltens zu deuten, bei der der Suizid reaktiv dem Homizid folgt.

Gegen die Theorie ist einzuwenden, dass neuere Forschungen gezeigt haben, dass erweiterte Suizide eigene Entitäten darstellen und nicht als Varianten von Homiziden oder Suiziden betrachtet werden sollten.

[...]


1 https://de.wikipedia.org/wiki/Suizid (zuletzt geöffnet am 10.04.2018)

2 Maier, S. 61.

3 Dubbert, S. 13.

4 Meier, S. 4.

5 Geiger, S. 5.

6 Hellen, S. 1144.

7 Maier, S. 61.

8 Liem, S. 155.

9 Maier, S. 61.

10 Meier, S. 5.

11 Merton

12 Agnew

13 Harper

14 Unnithan

15 Stack

16 Freud

17 Liem, S. 155.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Erweiterte Suizide unter forensisch-psychiatrischen Aspekten
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Psychologisches Institut)
Veranstaltung
Einführung in die forensische Psychiatrie
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
19
Katalognummer
V500298
ISBN (eBook)
9783346028310
ISBN (Buch)
9783346028327
Sprache
Deutsch
Schlagworte
erweiterter Suizid; Forensik, Psychiatrie;, Suizid
Arbeit zitieren
Selina Kamzelak (Autor), 2018, Erweiterte Suizide unter forensisch-psychiatrischen Aspekten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/500298

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