Nelson Goodman. Die Theorie der Notation und dessen Anwendung auf verschiedene Symbolsysteme


Hausarbeit, 2018
24 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Notationstheorie und ihre primäre Funktion

3. Die Einzelkünste und weitere Systeme
3.1 Partitur
3.2 Musik
3.3 Skizze
3.4 Malerei
3.5 Skript
3.6 Literatur
3.7 Tanz
3.8 Architektur

4. Analoge und digitale Symbolschemata

5. Zusammenfassung und Auswertung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Nelson Goodmans philosophisches Werk „Sprachen der Kunst“ aus dem Jahr 1968 umfasst eine entworfene und gleichsam breite Symboltheorie am Beispiel verschiedener Künste. So gehören pikturale als auch notationale Symbolsysteme dazu, die es zu untersuchen gilt. Musik und Malerei stellen nur eine kleine Auswahl der Einzelkünste dar, die er in seinem Werk näher betrachtet. Goodman schreibt, dass die Titel seiner sechs Kapitel für eine Ansammlung von sechs Aufsätzen gehalten werden können, die „über lose miteinander verbundene Themen“ verfügen.1 Vielmehr steckt hinter dem Aufbau seines Werkes eine gewisse Sinnhaftigkeit, die durch den komplexeren Aufbau dessen zuerst verwirrend zu sein scheint. Goodman schlägt sozusagen zwei verschiedene Wege ein, die zu einem gemeinsamen Fazit basierend auf vorige Betrachtungen und Erkenntnisse führen. Kapitel I und II stellen hiermit den ersten Weg dar, während Kapitel III bis V dem zweiten Weg entsprechen. Das letzte Kapitel seines Werkes stellt das Fazit dar. Diese Hausarbeit wird sich zum einen näher mit dem IV. Kapitel der „Sprachen der Kunst“ befassen, in welchem es insbesondere um die Theorie der Notation gehen wird. Hier soll der Fokus insbesondere auf die syntaktischen und semantischen Erfordernisse einer Notation gelegt sowie die primäre Funktion der Notation an sich betrachtet werden. Zum anderen wird sich diese Arbeit mit dem V. Kapitel dieses Werkes beschäftigen, da es hier primär um die Anwendung auf die verschiedenen Symbolsysteme gehen wird. Diese sind wie bereits einleitend erwähnt sowohl piktural als auch notational, weshalb die Einzelkünste Partitur, Musik, Skizze, Malerei, Skript, Literatur, Tanz und Architektur näher beleuchtet werden müssen.

Diese Arbeit untersucht also die Theorie der Notation im Allgemeinen und bezieht sich im Folgenden auf die Einzelkünste. Im Anschluss dessen folgt eine Differenzierung der analogen und digitalen Symbolschemata, um die Theorie der Notation noch einmal aufzugreifen und durch zusätzlich gewonnene Erkenntnisse das darauffolgende Fazit und somit das Verständnis der Notationstheorie zu komplementieren.

2. Die Notationstheorie und ihre primäre Funktion

Goodman schreibt, dass die Notation, also das metasprachliche Symbolsystem, einige Probleme aufwirft, „die tief ins Innere der Sprach- und Erkenntnistheorie hineinreichen.“2 So lässt sich darüber spekulieren, ob ein berechtigtes Ziel eine Tanznotation darstellt oder eine Gemäldenotation kein Ziel dieser Art entspricht. Folglich geht er auf den Begriff der Partitur ein und zeigt auch hier, dass sich problematische Fragen hinsichtlich der wesentlichen Funktion dieser stellen lassen. Beispielsweise lässt sich Folgendes in Bezug auf die Partitur untersuchen:

„[W]as [unterscheidet] denn eine Partitur von einer Zeichnung, einer Studie oder einer Skizze auf der einen und von einer verbalen Beschreibung, einem Szenario oder einem Skript auf der anderen Seite [?]“3

Eine Partitur wird unterschätzt, indem sie lediglich als Hilfsmittel (zur Fertigstellung) des Werkes betrachtet und gleichsam mit dem Hammer eines Bildhauers verglichen wird. Es zeigt sich also deutlich, inwiefern Goodman die theoretische Rolle einer Notation deskriptiv zu analysieren vermag, indem er auf eine mögliche Sichtweise eingeht, die die Notation in ihrer Funktion beschränkt: „Aber die Notation deshalb lediglich als ein praktisches Hilfsmittel für die Produktion anzusehen hieße, ihre fundamentale theoretische Rolle zu verkennen.“4 Weiterführend postuliert Goodman, dass die primäre Funktion der Partitur die Identifikation eines Werkes bezeichnet. Der Begriff der Identifikation geht in diesem Zusammenhang vor allem mit dem Begriff der Definition einher. Das bedeutet, dass ein Werk zuerst definiert sein muss, bevor es identifiziert werden kann. Hierbei reicht es vorerst, wenn die „gezogene Grenzlinie“, die das eine von dem anderen unterscheidet, in der Theorie deutlich ist.5 Eine Abgrenzung von anderen Werken muss theoretisch deutlich zu betrachten sein, damit das betrachtete Werk von dem abgrenzbar ist, was nicht dazugehört. Einzig die Definition ist jedoch problematisch, da es meistens mehrere mögliche Antworten für eine Klassifizierung gibt. Goodman stellt dieses Problem in seinem Werk anhand eines Tisches dar, für diese Hausarbeit soll aber ein anderes Beispiel verwendet werden. Hierfür findet sich der Gegenstand >>Ring<<. Wenn nun abwechselnd von diesem Gegenstand zu einem Etikett übergegangen wird, welcher vom Gegenstand erfüllt wird, dann zu einem nächsten Gegenstand (>>Ring<< → >>Edelstahlring<<) und anschließend zu einem anderen Etikett wechselt (>>Edelstahlding<<), welches offensichtlich auf den zweiten Gegenstand zutrifft, lässt sich ein dritter Gegenstand definieren (>>Rohr<<), da dieses das zweite Etikett erfüllt, wird dieses Problem deutlich.6 Mit weiteren Gegenständen lässt sich dieses definitorische Problem so weit führen, dass der Bezug zwischen den Etiketten vollends verloren ginge. Da dieser weite Raum an Möglichkeiten für eine Partitur oder Aufführung zu groß ist, reicht die Definition allein nicht aus, um Werke gänzlich identifizieren zu können.

„Partituren und Aufführungen müssen sich so aufeinander beziehen, daß in jeder Kette, in der jeder einzelne Schritt entweder von der Partitur zur sie erfüllenden Aufführung oder von der Aufführung zur sie enthaltenden Partitur oder von einer Kopie der Partitur zu einer anderen korrekten Kopie von ihr erfolgt, alle Aufführungen zum selben Werk gehören und alle Kopien von Partituren dieselbe Klasse von Aufführungen definieren. Andernfalls wäre die erforderliche Identifikation eines Werkes von Aufführung zu Aufführung nicht sichergestellt.“7

Die Bedingungen für die Identifikation sind deutlich gegeben, doch muss darüber hinaus auch die Partitur selbst eindeutig definiert sein, vorausgesetzt eine Aufführung und das notationale System sind gegeben.8

Nachdem die Frage nach der Identifikation eines Werkes geklärt wurde, stellt sich bereits eine weitere. So schreibt Goodman, dass es folglich sinnhaft wäre, sich mit der Frage nach den Eigenschaften von Partituren und notationaler Systeme zu befassen und betont gleichsam die Wichtigkeit vom Sprachwesen, welches untersucht werden müsste, um die genannte Frage beantworten zu können.9 So sei die Betrachtung von (nicht-)sprachlichen Symbolsystemen als auch die differenzierenden Merkmale von notationalen Systemen hinsichtlich anderer Sprachen unabdingbar. Daher wird in dieser Arbeit im Folgenden Bezug auf die syntaktischen als auch auf die semantischen Erfordernisse genommen.

„Das Symbolschema jedes Notationssystems ist notational, aber nicht jedes Symbolsystem mit einem notationalen Schema ist ein Notationssystem.“10 Damit ebendiese voneinander unterschieden werden können, gibt es gewisse Merkmale. Goodman schreibt, dass ein jedes Schema, welches sich mit Symbolen befasst, aus bestimmten Äußerungsklassen, Inskriptionen oder Marken besteht. Die genannten Aufzählungen stellen für Goodman sogenannte Charaktere dar, dessen Elemente frei untereinander ausgetauscht werden können.

„Sind Marken Einzelfälle eines Charakters in einer Notation, dann muß dies eine hinreichende Bedingung dafür darstellen, daß sie >echte Kopien> […] voneinander sind. […] [E]ine echte Kopie einer echten Kopie einer … echten Kopie einer Inskription x muß stets eine echte Kopie von x sein. Denn wenn die Relation, eine echte Kopie zu sein, nicht in dieser Weise transitiv ist, dann verliert die grundlegende Zielsetzung einer Notation ihren Sinn.“11

Alle Inskriptionen oder auch Marken eines bestimmten Charakters müssen syntaktisch äquivalent sein. Somit stellt die Charakter-Indifferenz die erste notwendige Bedingung dar. Nachdem Goodman auf die Disjunktivität von Charakteren eingegangen ist, findet sich eine weitere syntaktische Bedingung. Er spricht hier von dem Prinzip der endlichen Differenzierung bzw. endlichen Artikulierung.12

„Sie lautet: Für jede zwei Charaktere K und K´ und jede Marke m, die nicht tatsächlich zu beiden gehört, ist die Bestimmung, daß entweder m nicht zu K gehört oder m nicht zu K´ gehört, theoretisch möglich.“13

Das bedeutet, dass nach dem Prinzip der endlichen Differenzierung zumindest theoretisch deutlich sein müsste, zu welchem Charakter eine bestimmte Marke gehört. Anschließend spricht Goodman von der syntaktischen Dichte. Diese müsste in Opposition zur endlichen Differenzierung betrachtet werden, da es hier heißt, dass etwas syntaktisch dicht ist, „wenn es unendlich viele Charaktere bereitstellt, die so geordnet sind, daß es zwischen jeweils zweien immer ein drittes gibt.“14 Die syntaktische Dichte kann der zweiten Bedingung für eine ideale Notation also nicht entsprechen, da hier eben nicht entschieden werden kann, zu welchem Charakter eine bestimmte Marke gehört.

Goodman postuliert, dass die beiden genannten Erfordernisse syntaktischer Art, also die der Charakter-Indifferenz bzw. Disjunktivität und die der endlichen Differenzierung, erfüllbar sind. Genauer lassen sich diese durch die „alphabetischen, numerischen, binären, telegraphischen und elementaren musikalischen Notationen“15 erfüllen.

Die beiden Erfordernisse stellen „Bedingungen dar, die erfüllt sein müssen, wenn der grundlegenden theoretischen Zielsetzung einer Partitur entsprochen werden soll.“16 Neben den syntaktischen Erfordernissen nennt Goodman auch solche semantischer Art. Als erstes semantisches Erfordernis für notationale Systeme bestimmt Goodman das Prinzip der Eindeutigkeit.17 Sowohl jede ambige Inskription als auch jeder ambige Charakter müssen ausgeschlossen werden, da sie aufgrund ihrer Mehrdeutigkeit nicht klar definieren, welches Objekt sie erfüllen oder welches Objekt sie nicht erfüllen. Die Identität des Werkes wäre folglich anzweifelbar.

Es folgen noch zwei weitere semantische Erfordernisse für ein ideales Notationssystem. Sie laufen parallel zu den zuvor dargestellten syntaktischen Erfordernissen. Hier spielt Disjunktivität erneut eine bedeutsame Rolle, da die Erfüllungsklassen innerhalb eines Notationssystems disjunkt sein müssen, was bedeutet, dass zwei Charaktere oder zwei Zeichen keinen gemeinsamen Erfüllungsgegenstand haben dürfen.18 Dies darf bzw. soll als Erfordernis der Disjunktivität betrachtet werden.

Für das letzte semantische Erfordernis bestimmt Goodman die semantisch endliche Differenzierung. Gegen dieses Prinzip lässt sich wie in dem syntaktischen Erfordernis verstoßen, indem ein System semantisch dicht und somit nicht notational wäre. Als Beispiel hierfür beschreibt er ein System, welches einerseits gänzlich aus gekürzten arabischen Bruchzahlen besteht und andererseits physische Objekte hat, dessen Gewicht der Erfüllungsklasse entspricht. Problematisch hierbei ist, dass die Differenz der Gewichte grenzenlos ist.19 Dadurch gibt es viele Charaktere, was bedeutet, dass ein Objekt eine Erfüllungsklasse für mehrere Charaktere darstellt.

Zusammenfassend bestimmt Goodman also folgende Erfordernisse: die Charakter-Indifferenz bzw. Disjunktivität, die endliche Differenzierung bzw. Artikulierung (syntaktisch), die Eindeutigkeit und die semantisch endliche Differenzierung (semantisch). Im nächsten Kapitel dieser Arbeit soll genauer betrachtet werden, inwiefern die vorigen Kenntnisse auf die folgenden Einzelkünste anzuwenden sind, also inwiefern diese verschiedenen Kunstsysteme die genannten syntaktischen und semantischen Erfordernisse erfüllen können.

[...]


1 Goodman, Nelson: Sprache der Kunst. Entwurf einer Symboltheorie. Titel der Originalaus-gabe: Languages of Art. An Approach to a Theory of Symbols (1968). Übersetzt von Bern Philippi. 2. Auflage. Suhrkamp Verlag. Indianapolis 1976. S.9 f.

2 Ebd. S.125.

3 Ebd.

4 Ebd.

5 Ebd. S. 126.

6 Vgl. ebd. S.126 f.

7 Ebd. S.127.

8 Vgl. ebd.

9 Vgl. ebd.

10 Ebd. S.128.

11 Ebd. S.128 f.

12 Vgl. ebd. S.132.

13 Ebd.

14 Ebd. S.133.

15 Ebd. S.137.

16 Ebd.

17 Vgl. ebd. S.144.

18 Vgl. ebd. S.146 f.

19 Vgl. ebd. S.148.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Nelson Goodman. Die Theorie der Notation und dessen Anwendung auf verschiedene Symbolsysteme
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
24
Katalognummer
V500314
ISBN (eBook)
9783346021618
ISBN (Buch)
9783346021625
Sprache
Deutsch
Schlagworte
nelson goodman, notation, symbole, symbolsysteme
Arbeit zitieren
Justine Vivian Prentki (Autor), 2018, Nelson Goodman. Die Theorie der Notation und dessen Anwendung auf verschiedene Symbolsysteme, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/500314

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