Die Große Griechische Kolonisation: Einflüsse und Bedeutung von Religion und Kult


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002
16 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Die „Große Kolonisation“
2. 1. Vorbedingungen
2. 1. 1. Die Entwicklung der griechischen Stadt
2. 1. 2. Die Entwicklung des Polis-Geflechts
2. 2. Die Große Kolonisation – Gründe, Motive, Verlauf
2. 3. Die Gründung einer Kolonie
2. 4. Das anfängliche Leben einer Kolonie
2. 5. Auswirkungen der Kolonisation

3. Bedeutung von Kult und Religion für die Stadtstaaten
3. 1. Die Bipolarität der griechischen Polis und der Ausnahmefall Athens
3. 2. Städtischer Kult und Identität
3. 3. Institutionalisierung der städtischen Rituale

4. Zusammenfassung

Anhang: Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das antike Zeitalter des Hellenismus hat unsere Geschichte entscheidend geprägt. Die europäische Kulturgeschichte ist heute kaum vorstellbar ohne die Philosophie, die Architektur und die Wissenschaften der alten Griechen. Wie kam es aber zur Entstehung dieses griechischen Machtzentrums?

Die wohl einflussreichste Entwicklung in klassischer Zeit ist die sogenannte „Große Kolonisation“, die als Wegbereiterin des hellenischen Zeitalters gesehen werden kann.

Was waren nun die Motive und Hintergründe dieser Expansionsbewegung? Welche gemeinschaftsbildenden und identitätsstiftenden Elemente waren dafür prägend?

Gemeinhin bekannt ist die polytheistische Religion der Griechen. Weniger bekannt ist der konkrete Einfluss religiöser Kulte und Rituale auf das gesellschaftliche und politische Leben. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich daher mit der Frage, welche Bedeutung und welche Einflüsse die Religion und die Kulte der alten Griechen auf ihre „Große Kolonisation“ - und damit auf ihren Weg zu einem hellenischen Zeitalter – hatten: Welche Rolle spielte Religion für die Polis? Wie beeinflusste sie das Zusammenleben der Menschen? Welche Rolle spielt die Polis für den Kult? Ist der Kult konstituiv für die Entstehung der Polis? Diese Fragen sollen beleuchtet und geklärt werden.

Die Quellenlage zu diesem Thema ist, wie bei vielen althistorischen Themen, als schwierig zu bewerten. Es finden sich viele Darstellungen in den Werken von Homer, Thukykides, Herodot und anderen bekannten Schriftstellern. Jedoch bleibt es zumeist bei der Darstellung; eine Erklärung der Kulte und Rituale scheint entweder nicht nötig oder war auch verpönt – nur die Eingeweihten durften um die tatsächliche Bedeutung wissen.[1]

Jedoch ist die Fragestellung kein Neuland in der wissenschaftlichen Debatte von Althistorikern aller Länder. Neben den Historikern finden sich naheliegenderweise auch Religionswissenschaftler, Theater- und Sprachwissenschaftler, Soziologen, Politologen und viele mehr, die reges Interesse an diesem Thema zeigen. Dass die Fragestellung (auch in unseren Breiten) immer noch aktuell ist, zeigt die Existenz eines aktuellen Sonderforschungsbereichs an der Universität Münster, genauso wie die Curricula althistorischer Seminare.

2. Die „Große Kolonisation“

2. 1. Vorbedingungen

2.1.1. Die Entwicklung der griechischen Stadt

Da das zentrale Thema dieser Arbeit nicht die Entstehung der griechischen Stadtstaaten selbst darstellt, soll hier nur ein kurzer historischer Abriss über die gesellschaftliche Entwicklung bis zum 8. Jahrhundert v. Chr. gegeben werden.

Die kleinste gesellschaftliche Einheit der griechischen Gesellschaft war seit den Anfängen der „griechischen“ Besiedelung (ab dem 3. Jahrtausend v.Chr.) die Familie. Die Zugehörigkeit zu einer Familie war nur durch legitime Geburt oder Adoption möglich. Jede Familie hatte eine eigene häusliche Religion und einen eigenen Haus- und Schutzgott, der am heimischen Herd „wohnte“ und dem regelmäßig gehuldigt und geopfert wurde.

Im Zuge des gesellschaftlichen Zusammenwachsens schlossen sich mehrere Familien zu Phratrien („Bruderschaften“) zusammen. Jede Phratrie hatte einen gemeinsamen Kultus, der allerdings nicht den familiären Kultus aufhob, sondern vielmehr mit diesem kompatibel sein musste. Der Zusammenschluss verschiedener Phratrien wird als „Ethnos“ bezeichnet. In diesen Ethnen, die eine Vorstufe zur Polis darstellen, entwickelten sich neue Formen der Ordnung des gesellschaftlichen Zusammenlebens, also schon eine gewisse „Staatlichkeit“. Die Ethnen hielten beispielsweise Versammlungen ab und fassten Beschlüsse, die für alle Mitglieder verbindlich waren. Auch nach dem Zusammenschluss verschiedener Ethnen, die zur Entstehung der Stadtstaaten (Poleis) führte, galt allerdings weiterhin das Prinzip, dass die Stadt die Unabhängigkeit der einzelnen Körperschaften achten musste, das „Privatrecht“ der Familie also tatsächlich privat blieb. Individuen konnten also anfänglich nur von der eigenen Familie oder der Phratrie bzw. Ethne gerichtet werden, nicht vom „Staat“.

Die Religion spielte in all diesen gemeinschaftlichen Zusammenschlüssen eine entscheidende Rolle: Sie war das identitätsbildende Kriterium, das zugleich Integration, aber auch Identitätsfindung durch die Abgrenzung nach außen ermöglichte.

Auf das gesellschaftliche Problem der Sklavenhaltung kann in dieser Arbeit nicht gesondert eingegangen werden. Zwar wäre die „Große Kolonisation“ ohne die Sklaven wohl kaum möglich gewesen; da die Sklaven theoretisch als Sache galten und nicht die Recht der Bürger besaßen, daher auch bei den religiösen Kulten und Ritualen – die im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen – kaum Beachtung fanden[2], muss diese (sehr spannende) Thematik hier leider ausgeklammert werden. (Einzig das Asylrecht der Tempel als Schutz vor Misshandlungen soll hier erwähnt werden.)

2. 1. 2. Die Entwicklung des Polis-Geflechts

Warum hat sich nun aber statt eines Flächenstaates mit einem zentralen Machtzentrum ein Geflecht vieler verschiedener eigenständiger Poleis entwickelt?

Schon aufgrund der geographischen Gegebenheiten war die Entwicklung eines Flächenstaates kaum möglich: Die Zersplitterung in viele verschiedene Inseln sowie das bergige Relief des Festlandes ließen wenig Möglichkeiten zur sukzessiven Ausdehnung einer Polis in alle Richtungen. Auch wenn Athen (oder auch Sparta) politisch und strukturell das Potential gehabt hätte, zu einem Herrschaftszentrum zu werden, das die gesamte (klassische) griechische Welt vereint, gaben die geographischen Grundlagen dazu kaum Möglichkeit.

Die Ausdehnung der griechischen Welt erfolgte daher erst durch die sogenannte „Große Kolonisation“: hier wurden neue Städte als „Ableger“ der jeweiligen Mutterstadt gegründet. Auch wenn diese Ableger relativ eigenständig waren, wurde großer Wert auf die Kontinuität zwischen Mutter- und Tocherstadt gelegt: Die Übernahme der Mythen der Stadtgründung inklusive ihrer Schutzheiligen - Götter und Heroen -, genauso wie eine vorher feststehende Grundstruktur der Stadt. Nach welchen Kriterien die kolonisierten Stätten ausgesucht wurden, wie sich die Akte der Neugründung vollzogen und welche Rolle die Religion dabei und im gesellschaftlichen Leben der Stadt generell spielte, soll die vorliegende Arbeit beleuchten.

2.2. Die Große Kolonisation – Gründe, Motive, Verlauf

Die als Große Kolonisation bezeichnete Ausbreitung der Griechen an einer Reihe von Küstengebieten und auf Inseln des Mittelmeeres sowie im Schwarzmeergebiet begann um die Mitte des 8. Jahrhunderts v. Chr. und klang etwa 550-500[3] allmählich aus. Es handelte sich hierbei um die Gründung neuer Siedlungen, die in aller Regel sich zu eigenständigen Poleis entwickelten und Bräuche und Institutionen der Mutterstadt („metropolis“) übernahmen, aber gegebenenfalls auch von ihr politisch und rechtlich abhängig blieben oder ihre Selbständigkeit aufgeben mussten, wenn sie in den Radius der Expansionsbestrebungen größerer Poleis ihrer Region gerieten. Die heute übliche Bezeichnung dieser Gründungen als Kolonien ist im Grunde irreführend, da der moderne Begriff die Vorstellung der Okkupation und Inkorporation fremder Territorien und der Unterwerfung ihrer Bewohner durch expandierende Mächte impliziert[4]. Der hier einschlägigere griechische Terminus lautet Apoikia und bezeichnet nach seinem Sinngehalt eine „Außensiedlung“ außerhalb des Bürgerverbandes, von dem die Gründung ausging bzw. aus der die meisten „Kolonisten“ stammten. Diese Siedler in einer griechischen Apoikia sind wiederum von den coloni einer römischen colonia zu unterscheiden, die aufgrund eines römischen Volksbeschlusses als Bürger römischen oder lateinischen Rechts zumeist in einer von Römern unterworfenen Stadt oder einem von ihnen okkupierten Gebiet Land erhalten hatten, um dort die Herrschaft Roms zu sichern. Dem Typus einer römischen colonia entsprechen eher die auf Polisbeschluss gegründeten und der Sicherung der Macht Athens dienenden Außensiedlungen des 5. und 4. Jahrhunderts v. Chr.[5] Es ist fraglich, inwieweit bereits im Verlauf der Großen Kolonisation der Greichen derartige Gründungen durch offiziellen Beschluss der öffentlichen Institutionen der „Mutterstädte“ vorgenommen wurden. In den Anfängen der Kolonisationsbewegungen ist dies sicherlich auszuschließen, da in den griechischen Gemeinwesen des 8. Jahrhunderts noch kein festes institutionelles Gefüge existierte, so dass damals noch „vorstaatliche“ Verhältnisse herrschten. Zweifellos ist aber mit erheblicher Mobilität zu rechnen, wie den homerischen Epen zu entnehmen ist, in denen zahlreiche Individuen umherziehen oder sich in der Fremde befinden, „sei es, dass sie von mächtigen Gegnern in ihrer eigenen Siedlung oder unter dem Druck der dortigen Gemeinschaft vertrieben wurden, sei es, dass Piraten sie gefangengenommen und irgendwo veräußert hatten, sei es, dass sie selbst Piraterie oder Handel trieben, sich als Krieger in fremde Dienste begeben hatten oder glaubten, mit ihren Gefährten im fernen Land einen günstigen Platz zur Ansiedlung gefunden zu haben, wie die Dichter dies von Odysseus nach seiner Landung bei den Kyklopen zu erzählen wissen (Odyssee 9, 125 –136)“[6]. Auch in der Phaiakengeschichte (Odyssee 6, 4-10) wird nicht geschildert, wie Kolonisten auf Beschluss ihrer „Heimatgemeinde“ eine Apoikia gründen. Die Dichter erzählen vielmehr eine (fiktive) Umsiedlung eines gesamten Demos unter der Leitung ihres ersten Mannes, der als ranghöchster Anführer („basileus“) charakterisiert wird. Die Epen skizzieren Voraussetzungen und Rahmenbedingungen der Anfänge der Großen Kolonisation der Griechen. In dieser noch „vorstaatlichen“ Welt orientieren sich die Gründer („Oikisten“) neuer Siedlungen an ihren jeweiligen Zielen und den Verhältnissen, die sie vorfanden[7].

[...]


[1] Zu dieser Problematik siehe den hervorragenden Aufsatz von Henrichs 1997.

[2] Friedell 2002, S. 229.

[3] Wenn nicht anders gekennzeichnet, beziehen sich die angegebenen Jahreszahlen auf die Zeit vor Christus.

[4] Welwei 2002, S. 44.

[5] Ebenda, S. 45.

[6] Ebenda, S. 45.

[7] Ebenda, S. 46.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Große Griechische Kolonisation: Einflüsse und Bedeutung von Religion und Kult
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Geschichte)
Veranstaltung
Hauptseminar
Note
1,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
16
Katalognummer
V50052
ISBN (eBook)
9783638463560
Dateigröße
593 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Große, Griechische, Kolonisation, Einflüsse, Bedeutung, Religion, Kult, Hauptseminar
Arbeit zitieren
Katja Schröder (Autor), 2002, Die Große Griechische Kolonisation: Einflüsse und Bedeutung von Religion und Kult, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/50052

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