Das Referat behandelte den sogenannten "Spatial Turn" in der Geschichtsdidaktik und ging dabei auf die gängigen Theorien ein, um einerseits die Thematik zu erklären und andererseits Lösungsansätze zu liefern. Als Einstieg des Referats wurden den Studierenden verschiedene Weltkarten aus der Gegenwart gezeigt. Es handelte sich sowohl um thematische (in diesem Fall politische) als auch um physische Weltkarten. Außerdem waren die Karten unterschiedlich zentriert und demzufolge nicht nur auf Europa ausgerichtet, sondern auch auf Asien und Amerika. Diese Kontrastierung sollte bei den Studierenden eine erste Sensibilisierung hinsichtlich des Konstruktcharakters von Karten wecken und auch die Überrepräsentation von politischen Karten im Geschichtsunterricht problematisieren. Schließlich sind territoriale Grenzen nicht naturgegeben, sondern sie verräumlichen an sich nichtterritoriale Gegebenheiten wie Ethnien, Religionen und Kulturen, was wiederum zur Verfestigung dieser Sichtweisen führen kann.
Im Folgenden wurde dann gezeigt, dass die angesprochenen Probleme innerhalb der letzten zwanzig Jahre im Rahmen des sogenannten "Spatial Turn" wissenschaftlich untersucht und diskutiert worden sind. Oswalt nennt diese Entwicklung treffend "Raumrenaissance". Hierzu erfolgte eine Darlegung der Neuerungen, die sich in diesem Zusammenhang für die historische Kategorie "Raum" ergeben haben. Die wichtigste Neuerung stellt der Übergang von der Vorstellung der "Macht des Raums" hin zur Vorstellung der "Macht der Raumkonzepte" dar. Im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Raum vielfach für deterministische Begründungen insbesondere biogenetischer Art instrumentalisiert, was schließlich im Nationalsozialismus in der Begründung von Krieg und Genozid kulminierte, aber bis heute immer wieder auftaucht. In der neuesten Forschung wird jedoch nicht vom Raum selbst als Determinante ausgegangen, sondern von der zentralen Rolle der Raumkonzepte.
Ebenfalls wurde auf die Verortung des Raums in den Lehrplänen eingegangen, indem zunächst problematische Aspekte und zuletzt mögliche Lösungen aufgezeigt wurden. Generell lässt sich feststellen, dass der Raum in den Lehr- und Bildungsplänen lediglich ein "basales Prinzip der Ein- und Zuordnung" darstellt. Es werden die Raumdimensionen von der Regional- bis zur Weltgeschichte als klar definierbare Größen gesehen, die Ereignisse wie ein Container enthalten, das heißt die zeitliche Dimension wird der räumlichen ausdrücklich vorgezogen.
Inhaltsverzeichnis
1. Verschriftlichung des Referats: Theoretische Grundlagen zum Spatial Turn
1.1 Einleitung
1.2 Der „Spatial Turn“ - Karten als Abbilder und Konstruktion von Mentalitäten
1.3 Raumbezüge im Geschichtsunterricht
1.4 Verortung der Kategorie „Raum“ in den Lehr- und Bildungsplänen
2. Entwurf eines Arbeitsblattes: Die Gründung des deutschen Kaiserreichs 1871 – eine „Revolution von oben“?
2.1 Sachanalyse
2.2 Einbettung in den Lehrplan
2.3 Didaktische Reduktion
2.4 Umsetzung des Arbeitsblatts „Eine Revolution von oben?“
2.5 Einbettung in eine konkrete Unterrichtsstunde-/sequenz
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, theoretische Konzepte des „Spatial Turn“ für den Geschichtsunterricht nutzbar zu machen und diese in einem konkreten Unterrichtsentwurf zur Reichsgründung 1871 praktisch anzuwenden. Dabei steht die kritische Reflexion des Revolutionsbegriffs sowie die methodische Einbettung von räumlichen und historischen Kontexten im Vordergrund.
- Theoretische Grundlagen des „Spatial Turn“ in der Geschichtsdidaktik
- Konstruktionscharakter von Karten und Mentalitätsgeschichte
- Kritische Analyse des Begriffs „Revolution von oben“ für das Kaiserreich 1871
- Didaktische Reduktion und Planung einer Unterrichtseinheit nach Klafki und Sauer
- Multiperspektivität durch den Einsatz von Bild- und Textquellen im Unterricht
Auszug aus dem Buch
1.2 Der „Spatial Turn“ - Karten als Abbilder und Konstruktion von Mentalitäten
Im Folgenden wurde dann gezeigt, dass die angesprochenen Probleme innerhalb der letzten zwanzig Jahre im Rahmen des sogenannten „Spatial Turn“ wissenschaftlich untersucht und diskutiert worden sind. Oswalt nennt diese Entwicklung treffend „Raumrenaissance“. Hierzu erfolgte eine Darlegung der Neuerungen, die sich in diesem Zusammenhang für die historische Kategorie „Raum“ ergeben haben.
Die wichtigste Neuerung stellt der Übergang von der Vorstellung der „Macht des Raums“ hin zur Vorstellung der „Macht der Raumkonzepte“ dar. Im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Raum vielfach für deterministische Begründungen insbesondere biogenetischer Art instrumentalisiert, was schließlich im Nationalsozialismus in der Begründung von Krieg und Genozid kulminierte, aber bis heute immer wieder auftaucht. In der neuesten Forschung wird jedoch nicht vom Raum selbst als Determinante ausgegangen, sondern von der zentralen Rolle der Raumkonzepte.
Das heißt, man hat sich der mentalen Dimension des Raums zugewandt. Daraus ergibt sich der zweifache Konstruktionscharakter von Karten: Jeder Mensch konstruiert in seinem Gehirn individuell stark selektiv kognitive Karten („Mental maps“), um seinen Alltag bewältigen zu können. Diese Karten sind mehrdimensional und konstituieren in der Summe seine Identität mit - auch weil es im Gehirn kein eigenes „Raum-Zentrum“ gibt und der Raum deshalb immer mit verschiedensten anderen Informationen angereichert und verknüpft werden muss.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Verschriftlichung des Referats: Theoretische Grundlagen zum Spatial Turn: Dieses Kapitel erläutert die Bedeutung des „Spatial Turn“ und die zentrale Rolle von Raumkonzepten gegenüber deterministischen Raumbegriffen im Geschichtsunterricht.
2. Entwurf eines Arbeitsblattes: Die Gründung des deutschen Kaiserreichs 1871 – eine „Revolution von oben“?: Hier wird der historische Begriff der „Revolution von oben“ analysiert, didaktisch für die 8. Jahrgangsstufe aufbereitet und in ein konkretes Unterrichtskonzept überführt.
Schlüsselwörter
Spatial Turn, Geschichtsdidaktik, Reichsgründung 1871, Revolution von oben, Mental Maps, Raumkonzepte, Historisches Lernen, Multiperspektivität, Kartenarbeit, Geschichtsunterricht, Klafki, Didaktische Reduktion, Nationalstaatsbewegung, Unterrichtsplanung, historische Sinnbildung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der didaktischen Umsetzung des „Spatial Turn“ im Geschichtsunterricht und erarbeitet anhand des Beispiels der Reichsgründung 1871 eine konkrete Unterrichtseinheit.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen Raumtheorien, Kartenanalyse, die historische Einordnung der Reichsgründung sowie die didaktische Planung und Reduktion für das Gymnasium.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, den „Spatial Turn“ theoretisch zu fundieren und praktisch aufzuzeigen, wie Schülerinnen und Schüler ein historisches Raumbewusstsein entwickeln können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es werden eine fachwissenschaftliche Sachanalyse nach Jeismann sowie eine didaktische Analyse nach Klafki und das AVIVA-Unterrichtsschema angewendet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung in den „Spatial Turn“, eine Sachanalyse zur Reichsgründung und die detaillierte Planung eines Arbeitsblatts samt Unterrichtsverlauf.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen gehören Spatial Turn, Reichsgründung 1871, Mental Maps, Multiperspektivität und Didaktische Reduktion.
Warum wird das Bild von Anton von Werner im Unterricht eingesetzt?
Das Bild dient dazu, die Inszenierung der Reichsgründung zu veranschaulichen, um im weiteren Unterrichtsverlauf die Differenz zwischen offizieller Darstellung und kritischer historischer Realität zu dekonstruieren.
Wie unterscheidet sich die „Revolution von oben“ von einer klassischen Revolution?
Während klassische Revolutionen oft von einer breiten Bevölkerungsschicht getragen werden, impliziert der Begriff „Revolution von oben“, dass die Initiative von den Eliten ausging, auch wenn eine nationale Grundstimmung im Volk die Basis bildete.
- Arbeit zitieren
- Tanja Otto (Autor:in), 2017, Der "Spatial Turn" in der Geschichtsdidaktik. Theoretische Grundlagen und Beispiel einer Unterrichtssequenz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/502944