Reflexion zu Lecture-Performances. Dient eine Lecture-Performance der Kunstvermittlung?


Ausarbeitung, 2018

13 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Definitionen
Performance
Cultural Performance
Lecture
Lecture Performance

Kunstvermittlung
Wir alle spielen Theater
Die Position „von Kunst aus“ in 9 Punkten dargelegt

Lecture Performance Walter Benjamin
„Lecture“ und „Performance“ der Performance „Walter Benjamin“
Die Kunstvermittlung der Lecture Performance „Walter Benjamin“
Nach dem Verständnis von Erving Goffman
Nach dem Verständnis von Eva Sturm

Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Wo ist die Schnittstelle zwischen Lecture und Performance? Wie wirkt sich eine Lecture Performance auf die Zuschauer aus und kann die Lecture Performance als geeignetes Mittel die Kunstvermittlung fördern? Nach Karl-Josef Pazzini und Manuel Zahn könne keine Lehre als reine Wissensvermittlung gelten, denn jeder Vortrag vermittle mehr als nur Lerninhalte. Welche Vermittlung ließe sich nur nachträglich erschließen. In einer Lecture Performance würden auch notwendige Imaginationen/Affirmationen wachgerufen werden, da sonst kein Verstehen der Wissensvermittlung möglich sei. Es würden außerdem zusätzlich „Kräfte“ durch eine Inszenierung wirksam werden1.

Kunststudenten, die Teilnehmer der Übung „Kunstvermittlung als Inszenierung“ an der Carl-von-Ossietzky Universität Oldenburg haben diese Fragen unter die Lupe genommen. Zum Verständnis haben die Seminarteilnehmer am 29.06.2018 selbst Lecture Performances in Gruppen von 6 Personen bei der Veranstaltung „Showtime“ an der Uni Oldenburg aufgeführt. Zur Beantwortung der oben genannten Fragen dient nun eine der aufgeführten Lecture Performances, welcher auf einen Textausschnitt des Werkes Walter Benjamins: „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“, basiert, als erläuterndes Beispiel.

Definitionen

Da der Begriff Lecture Performance die Wörter „Lecture“ und „Performance“ beinhalten, ist es naheliegend, als erstes die Begriffsdefinitionen derer einzeln zu erläutern. Die Definitionen sind keine Allgemeingültigkeiten, sondern verstehen sich nur als Provisorium. Für die Analyse, ob eine Lecture Performance Kunst vermittelt, wird auch der Begriff der „Kunstvermittlung“ später charakterisiert.

Performance

Performance (engl. Performance: Aufführung, Leistung; to perform: vollziehen, handeln, tun) hat verschiedene Übersetzungen. In Deutschland wird der Begriff mit einer Aufführung in der Aktionskunst in Verbindung gebracht. Eine Performance stellt kulturelle Praktiken in Frage oder reflektiert diese, welche sich durch einen Handlungs- oder Aufführungscharakter auszeichnen oder das Selbstverständnis einer bestimmten Gruppe von Menschen darstellen. Eine Performance ist also situativ bedingt und die Akteure der Performance gliedern sich bewusst automatisch in eine Rolle ein. Eine Performance unterscheidet sich von Alltagssituationen nicht durch den Rahmen in der sie stattfindet (beispielsweise im Theater, in der Schule etc.), sondern dadurch, dass diese eine bewusst inszeniert sind, denn der Begriff Inszenierung schließt wiederum auch unterbewusste Situationen mit ein. Performances existieren im Gegensatz zu Texten, Bildern, etc. ausschließlich als einzigartige Geschehnisse, das heißt, dass Unplanbarkeit und Kontingenz trotz des Bewusstseins mit ihnen einhergeht 2 .

Cultural Performance

Bezogen auf die Lecture Performance des Seminares, kann man diese in die Kategorie der cultural Performances eingliedern, da diese Art von Performance sich nicht nur auf Aufführungen in der Performance-Kunst bezieht, sondern auch auf Feste; Rituale etc. jeglicher Art3.

„[…] Eine kulturelle Struktur [einer Performance] ist gekennzeichnet durch eine klar definierte Zeitspanne, einen Anfang und ein Ende, ein organisiertes Programm von Aktivitäten, eine Anzahl von Akteuren, ein Publikum, einen Ort und einen Anlass.“4

Lecture

Der Begriff Lecture kann im englischen als ein Referat oder eine Vorlesung übersetzt werden, umgangssprachlich aber auch Belehrung bedeuten. Die gängigste Übersetzung ist jedoch, Lecture als „Vortrag“ zu bezeichnen.

Ein Vortrag im Sinne der Rhetorik ist nicht mit der Performance identisch. Eine Performance soll, wie bereits erwähnt, kulturelle Praktiken in Frage stellen oder diese reflektieren, während ein Vortrag den Zuschauern eine unmittelbare und vollständige Einsicht über ein Thema liefern soll. Ein gut gelungener Vortrag sollte nicht nur alle Formen der Wissensproduktion über ein Thema vermitteln, sondern auch überzeugen5.

Lecture Performance

Eine bewusste Inszenierung innerhalb einer Institution der Vermittlung kann also als Lecture-Performance bezeichnet werden.

Der Lehrer inszeniert eine Rolle, indem er einen vorgegebenen Platz der Institution einnimmt. Auch Schüler nehmen durch den Besuch des Unterrichts eine Rolle ein.

Eine Inszenierung ist der Vorgang, die Planung, die Erprobung einer Strategie, die performt wird. Ereignisse in einer Situation werden vergegenwärtigt und auch Ungeplantes wird innerhalb dieser Inszenierung ins Spiel gebracht.6 Das bedeutet auch, dass Darstellungsfehler der Akteure und äußere Umstände zusätzlich zu der Strategie mit einbezogen werden7. „Inszenierung lässt sich also als der Prozess beschreiben, in dem allmählich die Strategien entwickelt und erprobt werden, nach denen was, wann, wie lange, wo und wie vor den Zuschauern in Erscheinung treten soll.“8

Kunstvermittlung

Wissen und Vermittlung von Kunst ist immer auch veränderlich und kritsierbar. Daher werden hier nur die Standpunkte von Erving Goffman „Wir alle spielen Theater“ und Eva Sturm: „Die Position „von Kunst aus“ in 9 Punkten dargelegt“ dargestellt.

Wir alle spielen Theater

Nach Goffman versuchen Einzelne durch Interaktionen soziale, wirtschaftliche und glaubenswürdige Informationen zu erlangen um praktische Nutzen daraus zu ziehen. Das kann unterschiedliche Beweggründe haben. Zum einen wollen Einzelne versuchen Situationen besser verstehen zu können und zum anderen Reaktionen anderer durch bestimmte Handlungen steuern. Diese Informationen können je nach sozialer Gruppe und Umgebung unterschiedlich sein, jedoch beabsichtigt jeder Einzelne im Allgemeinen die psychologischen Zügen Anderer zu gewinnen9. Wenn jedoch nur wenig Informationen, welche das Verhalten der Gruppe bestimmen, gegeben sind, werden, ohne eine Fassade aufrechtzuerhalten, die echten Überzeugungen der Einzelnen deutlich, unabhängig davon ob diese absichtlich oder unabsichtlich ihre Charakterzüge offenlegen. Dies könnte jedoch reflektierend erkannt werden.10 Einzelne könnten nämlich sowohl ehrlich als auch unehrlich, irreführend, berechnend und betrügerisch sein und Motive für ihr Verhalten besitzen (Beispiele: Überwinden von Peinlichkeiten; Ängsten; Gewinnung von Anerkennung etc.) und werden immer so behandelt, wie diese von der Gesellschaft eingeschätzt werden (Eigenes Beispiel: Kontrast zwischen Harz 4 Empfänger und Chefarzt)11. „Es ist wohl kein historischer Zufall, dass das Wort Person in seiner ursprünglichen Bedeutung eine Maske bezeichnet.“12 Handlungen der Einzelnen können immer auch die Meinungen von Anderen über eine Situation beeinflussen13, das Interesse des Anderen zügeln und unbewusst neue Situationen auslösen14. Jeder Einzelne besäße nach Goffman eine Fassade, die der Einzelne bewusst oder unterbewusst in der Inszenierung darstellt. Daher ist das Vermitteln von Informationen ein endloser Kreislauf inklusiver Verheimlichungen, falscher Enthüllungen und Wiederentdeckungen15. Reflektierende Techniken seien daher für die Wissensvermittlung besser, als manipulative16.

Die Position „von Kunst aus“ in 9 Punkten dargelegt

Nach Eva Sturm wird das erste Wissen von Kunst nicht durch das Vermitteln, sondern durch das eigenständige Einarbeiten herbeigeführt. Es wird also von einem selbst angeeigneten Vorwissen ausgegangen und mit diesem weitergearbeitet. Jede Zielgruppe (Studenten; Grundschüler; etc.) besäße also bereits verschiedene Formen und Ausprägungen des Vorwissens und benötige daher eine differenzierte Form von Pädagogik und Psychologie. Ohne Pädagogik und Psychologie sei keine Form der Vermittlung möglich, jede pädagogische und psychologische Vermittlung würde aber auch etwas Subjektives in sich tragen17. Jeder Lehrer definiere den Kunstbegriff anders und zeige den Schülern ihr eigenes, subjektives Verständnis darüber. Objektivität sei in der direkten Kunstvermittlung unmöglich, es würde immer eine Übertragung18 stattfinden. Diese Übertragung sei, nach Eva Sturm, die Grundlage jeder Vermittlung19. Um eine Übertragung stattfinden zu lassen muss der Lehrer also den eigenen Kunstbegriff verdeutlichen und diesen erweitern20. Der Kunstbegriff des Lehrers wird zum Mittelpunkt zwischen Lehrer und Schüler. Sturm stellt hier drei Formen von Wissensvermittlung auf. Das erste sei das Unterweisungswissen, das zweite das Rede- oder Körperwissen und das dritte das Reflexionswissen.

Das Unterweisungswissen vermittelte das, nach Meinung des Lehrers, Wissenswerte, Bekannte und Katalogisierbare.

Das Rede- und Körperwissen könne nur teilweise, durch Aufmerksamkeit, gesteuert werden. Das Vermitteln des eigenen Sprachjargon, das Erzählen von Anekdoten etc. passiere oft unterbewusst.21 Bildungseffekte seien entweder ungewollt oder vorhersehbar.

Das Reflexionswissen setzte an dem, schon erwähnten, Standpunkt an, dass das erste Einsetzen von Kunstvermittlung durch eigenes Erlernen vermittelt wird und durch sich selbst entsteht. Das Reflexionswissen vermittelt diese dekonstruktiven Züge der Kunst.22

Lecture Performance Walter Benjamin

„Lecture“ und „Performance“ der Performance „Walter Benjamin“

Die Lecture Performance des Seminares kann man in eine cultural Performance kategorisieren, da diese unter Vorbereitung bewusst inszeniert wurde. Die definierte Zeitspanne der Performance wird dadurch gegeben, dass diese vorher angekündigt wurde. Dies geschieht zum einen durch die Ankündigung der Veranstaltung Showtime und zum anderen durch eine direkte Ansage. Die Performance findet in einem Seminarraum statt, welches für eine cultural Performance kein Ausschlusskriterium für eine Performance darstellt. Das Bühnenbild des rechteckigen Seminarraum ist so aufgebaut, dass, wenn man den rechteckigen Seminarraum betritt, sich auf der rechten und linken Seite zwei schmale gegenüberliegende Wände, hinter und vor einem zwei längliche Wände, befinden. Die Gruppenmitglieder befinden sich in der Mitte des Raumes und sind dem, auf der linken Seite sitzendem Publikum zugewandt, während das Publikum auf Stühlen sitzt, die nach rechts ausgerichtet sind. Dies zeichnet einen Aufführungscharakter aus und bezeichnet ein Publikum. Das übrige Publikum, welches keinen Platz gefunden hat, steht auf der rechten Seite. Das Publikum ist Teil des Bühnenbildes und der Performance23. Die Unplanbarkeit der Performance wird dadurch charakterisiert, dass auch das unvorbereitete Publikum teilnimmt. Die Gruppe hat für die Performance vorher einen Handlungsablauf einstudiert, dieser kann und wird jedoch schnell gestört. Auch wenn die einführende Ankündigung der Kursteilnehmers Bela Behnsen „Für unsere Performance brauchen wir Ordnung und möchten euch bitten, alle Stühle an den Rand zu stellen und da vorne drei Reihen mit jeweils 6 Stühlen hinzustellen.“, eine Performance einleitet, haben die meisten Zuschauer diese Aussage nicht als direkten Beginn aufgefasst, sondern noch als Vorbereitung angesehen. Die darauf folgenden Anweisungen der Gruppe an das Publikum (Lücke in der Mitte der Stuhlreihen bilden; Zuschauer sollen gerade sitzen; Zuschauer sollen mit Sitzenden oder Stehenden den Platz tauschen; Frauen sollen links, Männer rechts sitzen) wirken improvisiert, sind aber bewusst inszeniert. Die ebenfalls bewusst inszenierte Zwischenfrage vom Gruppenmitglied Keno Smit „Warum soll ich mich jetzt hier hinsetzen?“ könnte auch vom Publikum stammen. Das Publikum könnte zum Beispiel Fragen reinrufen, könnte sich weigern Stühle hinzustellen oder die Geschlechtertrennung könnte nicht erfolgen, da keine Männer und nur Frauen (oder andersherum) an der Performance teilnehmen. Eine Einzigartigkeit ist schon allein durch das Aufstehen und Stühlerücken gegeben, da jedes Stühlerücken bei einer Wiederholung der Performance anders, beispielsweise durch andere Teilnehmer, anderes Engagement, andere Bewegungen, andere Kleidung, sein würde. An dieser Lecture Performance ist besonders der unerwartete Beginn auffällig. Nur die im weiteren Verlauf bewusst inszenierende Haltung der Akteure lässt die Zuschauer nach und nach darauf schließen, dass sie direkt an einer Performance teilnehmen und diese als bewusste Inszenierung bewerten.

[...]


1 Vgl. Pazzini, K. J., Zahn, M. Lehrperformances: filmische Inszenierungen des Lernens, 1. Aufl. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2011, S.9f.

2 Vgl. Fischer-Lichte, E., Koelesch, D., Warstat, M. (Hrsg.). Metzler Lexikon Theatertheorie, 2. Aufl. Metzler Verlag,2014 S.248f.

3 Vgl. Ebd. S.250.

4 Ebd. S.250.

5 Vgl. Peters, S., Der Vortrag als Performance 1. Aufl. Bielefeld: Transcriptverlag., 2014. S.29.

6 Vgl. Fischer-Lichte, E., Koelesch, D., Warstat, M. (Hrsg.). Metzler Lexikon Theatertheorie, 2. Aufl. Metzler Verlag,2014. S.146.

7 Vgl. Ebd. S.146;148.

8 Ebd. S.148.

9 Vgl. Goffman, E. Wir alle spielen Theater: Selbstdarstellung im Alltag, 12. Aufl., München: Piper, 2013.S.5.

10 Vgl. Ebd. S.6.

11 Vgl. Ebd. S.7;16.

12 Ebd.S.21.

13 Vgl. Ebd. S.9.

14 Vgl. Ebd. S.10.

15 Ebd. S. 23.

16 Vgl. Ebd. S.12.

17 Vgl. Sturm, E. Die Position "von Kunst" aus in 9 Punkten dargelegt., 2012, abgerufen am 07. 09 2018 von publikation.kulturagenten-programm.de

18 Übertragung definiert Eva Sturm hier als die Übertragung eines nicht faktischen, personellen Wissens des Lehrenden, welches die Lernenden erwerben möchten.

19 Vgl. Ebd. S.2.

20 Vgl. Ebd. S.3.

21 Vgl. Ebd. S.4.

22 Vgl. Ebd. S.6.

23 Siehe Abbildung 1 Bühnenbild

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Reflexion zu Lecture-Performances. Dient eine Lecture-Performance der Kunstvermittlung?
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Kulturwissenschaften)
Veranstaltung
Kunstvermittlung als Inszenierung
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
13
Katalognummer
V505231
ISBN (eBook)
9783346060624
ISBN (Buch)
9783346060631
Sprache
Deutsch
Schlagworte
reflexion, lecture-performances, dient, lecture-performance, kunstvermittlung
Arbeit zitieren
Lara Bösking (Autor), 2018, Reflexion zu Lecture-Performances. Dient eine Lecture-Performance der Kunstvermittlung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/505231

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