Verringerung des CO2-Fußabdrucks. Konzeption eines Informationssystems zur Unterstützung der Konsumenten


Masterarbeit, 2019

92 Seiten, Note: 1,6


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Inhaltsverzeichnis

Prolog

1. Einleitung
1.1. Problemstellung
1.2. Das Ziel der Arbeit
1.3. Der Aufbau der Arbeit

2. Systemgrundlage
2.1. Die Erläuterung der Modellierungssprache
2.2. Die Modellierung des Klima-Kosten-Konsumenten-Systems
2.2.1. Die Konsumfunktion
2.2.2. Die Wirkung des Konsums auf das Klima
2.2.3. Die Kosten der Klimakrise
2.3. Die Analyse der Systemmodells
2.4. Die Ansatzpunkte zur Beeinflussung des Systemmodells

3. Die Definition der Anforderungen an das Informationssystem
3.1. Die Anforderungen aus der Perspektive des Konsumenten
3.2. Die systemfunktionalen Anforderungen
3.2.1. Der Informationsfluss der Produktinformationen bis zur Fertigstellung des konsumierbaren Endproduktes beim Hersteller
3.2.2. Die Informationsweitergabe zum Konsumenten
3.2.3. Die Bewertung der Produkte und des Konsumverhaltens
3.2.4. Die Nachfrage regelt das Angebot
3.2.5. Der überzeugte Souverän

4. Die Technische Umsetzung in ein Informationssystem
4.1. Die Erläuterung des Gesamtsystems und der zu adressierenden Anforderungen
4.2. Die Systemarchitektur der Verbindungen
4.3. Die für Funktionen verwendeten Protokolle und Sprachen
4.4. Die Abbildung architekturkonformer Prozesse
4.5. Die Repräsentation der Daten
4.6. Die Rolle von Legacy-Systemen
4.7. Die Anwendungsschnittstelle zum Konsumenten

5. Diskussion

Literaturverzeichnis

Danksagung

Um den Dank auszudrücken, der meiner Frau Franziska gebührt, fehlen mir die Worte. Ihre Unterstützung über das gesamte Studium hinweg gipfelte darin, mich in der Wahl eines Themas zu bestärken, dessen Inhalt und Stoßrichtung mich schon viele Monate umtrieb, das sich inhaltlich aber grundlegend von dem unterschied, was meine Kommilitonen in ihren Ingenieursdisziplinen vollbrachten. Diesen beispiellosen Glauben an mich und meinen Willen, den meine Frau hier offenbarte, werde ich Ihr nie vergessen.

Außerdem möchte ich meinen Freunden, meiner Familie und meiner Schwiegerfamilie für ihre vielfältige Unterstützung danken. Besonderer Dank geht dabei an Frau Maderflaner für die sachkundige Korrektur.

Mehr als nur Dank gebührt auch meinem betrieblichen Betreuer Dr. Rolf Kittmann, der mit mir das Chaos ordnete, welches dieser Arbeit bis zuletzt innewohnte und womöglich aufgrund der impliziten Verkettungen derart verschiedener Disziplinen und deren ganz eigener Dynamik nie ganz aufgelöst werden konnte.

Als glückliche Fügung für mich erwies sich, dass Herr Prof. Fehling die Leidenschaft erkannte, mit der ich eine solche Arbeit angehen würde, während wir in einem TukTuk durch die Straßen Delhis ‚fuhren‘. Für die Offenheit und seine Bereitschaft meine ungewöhnliche Themenwahl zu akzeptieren, bedanke ich mich ebenso wie für seine Betreuung der Arbeit.

Abstract

Während uns die industrielle Revolution einen unschätzbaren sozialen und ökonomischen Fortschritt brachte, kamen in ihrem Kielwasser Probleme mit, die lange Zeit erfolgreich ignoriert werden konnten. Durch bereits sichtbare Auswirkungen, wie z. B. schmelzende Polkappen, aber auch durch dystopische Szenarien mit ständig zunehmender Eintrittswahrscheinlichkeit und nicht zuletzt durch protestierende Menschen, die eigentlich auch in der Schule sein könnten, lässt sich diese Haltung des Ignorierens und Aufschiebens in der Öffentlichkeit immer weniger beibehalten. Die Diskussion um wirklich greifende Maßnahmen und notwendige Einschnitte zur Bewältigung der Klimakrise rückt immer mehr ins Zentrum des öffentlichen Interesses.

Die vorliegende Arbeit will zeigen, wie Errungenschaften des industriellen Fortschrittsprozesses dazu beitragen können, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, was der alltäglich gewordene Konsum anrichtet, indem die vorhandenen technologischen Möglichkeiten genutzt werden, die es erlauben, Informationen zielgerichtet und in Echtzeit bereit zu stellen. Vielleicht entsteht durch dieses so geschaffene Bewusstsein ein Weg aus der Krise.

Although the industrial revolution has brought us great advancements in social and economic issues, its downside has long been successfully ignored. Due to apparent consequences such as melting polar caps, increasingly imminent and highly probable dystopian scenarios, and, not least, protesting youth, interest is aroused and the public is finally forced to face the challenge to find a remedy: a remedy for actually solving the climate crisis by taking effective action and making the required cuts.

This thesis will show how the achievements of industrial progression can contribute to developing an awareness of everyday consumerism by making use of existing technological possibilities, which allow for providing targeted information in real time. After all, improving the public’s awareness may pave the way out of the climate crisis.

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Systemdynamik

Abb. 2: Entscheidungsregel einer Veränderungsrate

Abb. 3: Grundstruktur eines dynamischen Systems

Abb. 4: Die Konsumfunktion als Systemgraph; Veränderungsrate (Veränderungsrate)

Abb. 5: Graph der Konsumfunktion erweitert (blau) um die Auswirkungen auf das Klima; Veränderungsrate (VR), Treibhausgas (THG)

Abb. 6: Das Klima-Kosten-Konsumenten-System

Abb. 7: Stoff- und Informationsfluss

Abb. 8: Der Produktdatensatz

Abb. 9: Informationssystem als Mensch-Maschinen-System

Abb. 10: Das Informationssystem

Abb. 11; Strukturvergleich Blockchain (l) und Tangle (r)

Abb. 12: Änderungen der atmosphärischen Treibhausgaskonzentrationen

Abb. 13:“Hockey-Schläger-Kurve“

Abb. 14: Das Klima-Kosten-Konsumenten-System

Abb. 15: Das Klima-Kosten-Konsumenten-System

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Prolog

Mit dem Beginn der industriellen Revolution vor nunmehr 250 Jahren1 in den Textilregionen Englands wurden Prozesse angestoßen, in deren Verlauf die menschliche Zivilisation Fortschritte in bis dahin ungekanntem Ausmaß machte. Das Zugreifen auf riesige Mengen kostengünstiger fossiler Energieträger ist nicht nur als Ergebnis des heute dominierenden Wirtschaftssystems zu betrachten, sondern war zunächst vor allem auch dessen Haupttreiber und Schöpfer: Wohlstand und Profit konnten vervielfacht werden.2

Der daraus folgende höheren Lebensstandard, die stetig steigende Lebenserwartung und die Bevölkerungsexplosion resultierten jedoch in einem zunehmenden Druck auf die Ökosysteme des Planeten.3 Eine Übernutzung zivilisatorisch essenzieller Ressourcen ist deshalb kein neues Phänomen: Beispiele finden sich in der Geschichte der Maya, der Khmer und auf den Osterinseln. Keine dieser Zivilisationen konnte ihren auf Fortschritt und Expansion fußenden Wohlstand dauerhaft aufrechterhalten. Der Unterschied zur aktuellen Situation besteht darin, dass die genannten Zivilisationen nur regionale Auswirkungen hatten, heutzutage aber eine Existenzkrise globaler Größenordnung droht.

Das Naturkapital, fossile wie auch erneuerbare Ressourcen, werden ausgebeutet und über ihre Belastungsgrenzen hinaus beansprucht. Das wichtigste Naturkapital ist dabei das Klima, dessen vergleichsweise stabiler Zustand seit der letzten Eiszeit (vor 18.000 Jahren) die Entwicklung der Zivilisation des Homo Sapiens im Zeitalter des Holozän, erst ermöglichte.4 Diese Stabilität aber ist durch den Treibhauseffekt ins Wanken geraten.

Ein Blick zurück in die klimatische Vergangenheit, wie dies z. B. mit arktischen Eisbohrkernen5 möglich ist, verrät, „dass während der Evolution des modernen Menschen die globale Mitteltemperatur niemals höher gelegen hat als etwa 1,5°C über dem Niveau zu Beginn der industriellen Revolution. Es wäre riskant, das Menschheitsprojekt jäh aus seinem natürlichen Entwicklungsraum herauszusteuern. Veranschlagt man noch eine gewisse Klimaelastizität unserer Zivilisation, so kann man diesen Raum noch um eine 0,5°C Marke erweitern, was sich übrigens geringfügiger anhört als es ist.”6 Es ergibt sich damit das Ziel einer maximalen globalen Erwärmung von 2 °C. Wird diese Mauer durchbrochen, so wird eine „Erwärmung zum Ende des 21. Jahrhunderts zu einem hohen bis sehr hohen Risiko schwerwiegender, weitverbreiteter und irreversibler globaler Folgen führen.“7 Der Wirtschaftswissenschaftlicher Thomas Piketty, der einen analytischen Blick auf das Kapital im 21. Jahrhundert wirft, sieht deshalb „in der Tat langfristig keinen größeren Grund zur Beunruhigung, als die globale Erwärmung und allgemein, die Vernichtung von Naturkapital im 21. Jahrhundert.“8

Dabei ist die Zunahme der Treibhausgaskonzentrationen von Kohlenstoffdioxid (CO2), Methan (CH4) und Distickstoffmonoxid (N2O) in der Atmosphäre hauptsächlich auf die Verbrennung von fossilen Energieträgern und die immer stärker industrialisierte Landwirtschaft zurück zu führen und bedroht die Existenz der Menschheit.9

Zweifler am Sachverhalt der Klimakrise führen immer wieder an, dass es schon immer Schwankungen der Treibhausgaszusammensetzung der Atmosphäre und der Temperatur gegeben habe, was natürlich richtig ist. Wahr ist jedoch auch, dass sich Lebenswelten wie im Karbonzeitalter von 300 Millionen Jahren in einem evolutionären Prozess, über sehr lange Zeiträume von Jahrtausenden oder Jahrmillionen, entwickeln konnten. „Beim anthropogenen Klimawandel sprechen wir hingegen von 2 °C oder 4 °C Erwärmung bis zu Jahr 2100 und von 8 °C bis zum Jahr 2300.“10 Die mit einem derart großen und rasanten Anstieg der Temperatur verbundenen Effekte dürften weite Teile der Erde für den Menschen nahezu unbewohnbar machen.

Wird das 2 °C Ziel durch die Emission von Treibhausgasen überschritten, setzen wir die menschlichen Zivilisationen zukünftig klimatischen Bedingungen aus, denen sie in ihrer gesamten Evolution nicht ausgesetzt war und bei denen es fraglich ist, ob und unter welchen Opfern sich die Menschen daran anpassen können. Dies geschieht nur deshalb in dem Umfang, weil es in unserem Wirtschaftssystem möglich ist, die Folgen und Kosten der Übernutzung von fossilen und regenerativen Ressourcen auf andere und in die Zukunft zu verlagern.

Der Treibhauseffekt hat also zu einer durch den Menschen verursachten Klimakrise geführt11, deren Kosten nicht von denjenigen bezahlt werden, welche die Emissionen verursacht haben.12

Dies wird auch als ‚Externalisierung‘ bezeichnet, womit die Verlagerung der Auswirkungen (Kosten) ökonomischer Entscheidungen auf Unbeteiligte, auf die Natur oder eine Verlagerung in die Zukunft gemeint ist. Solche Externalisierungen sind möglich, weil Unternehmen nicht gezwungen sind, alle bei der Herstellung von Gütern verursachten Umweltschäden, wie z. B. die Verschmutzung von Grundwasser, die Rodung von Wäldern oder die Schädigung des Klimas, als Kosten im Preis der Güter zu berücksichtigen.

Die Kosten solcher Externalisierungen, sofern sie kalkulierbar sind, werden ‚externalisierte Kosten‘ genannt.13 Die wahrscheinlich bedeutendste Größe, die externalisiert wurde und wird, ist der Klimawandel. Der ehemalige Chefökonom der Weltbank Nicolas Stern sieht in der Externalität ‚Klimawandel‘ das größte Marktversagen der Geschichte.14

Bereits 2008 forderte ein Sondergutachten des wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung einen ‚Budgetansatz‘, um das Ziel einer maximalen Erwärmung von 2°C im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu erreichen. Der Budgetansatz reduziert die Komplexität und sorgt für Transparenz, indem er das rechnerisch noch verbleibende CO2e, das noch ausgestoßen werden kann, um das 2°C Ziel mit einer Wahrscheinlichkeit von 67% zu erreichen, gerecht verteilt.15

Es muss ein Prozess in Gang gebracht werden, der der „schöpferischen Zerstörung“16 auf die Sprünge hilft und so schnell wie nur irgend möglich das derzeitige, nicht ressourcenschonende Wirtschaftssystem durch eine nachhaltige Wirtschaftsweise ersetzt. Die Erhöhung der Konsumkompetenz könnte einen wesentlichen Beitrag dazu leisten. Darunter wird die Fähigkeit verstanden, den eigenen Konsum kritisch zu reflektieren und auf Nachhaltigkeit hin zu bewerten, sowie die bisherigen Routinen und intuitives Verhalten des Konsums zu durchbrechen. Dazu gehört auch die Fähigkeit der kritischen Bewertung angebotener Informationen und die Identifikation geeigneter und seriöser Informationsquellen.17

Der Mensch ist zweifelsohne dazu in der Lage, überholte oder als gefährlich oder unmoralisch erkannte Konventionen zu durchbrechen, wie z. B. der Kampf gegen die Sklaverei im 19 Jahrhundert gezeigt hat. Sie ist der historische Präzedenzfall für den Sieg der Moral über das wirtschaftliche Gewinnstreben und ein Beleg dafür, dass ein gesellschaftlicher Wandel aus Gründen der Empathie möglich ist.18

Vor einer ungleich größeren Aufgabe stehen wir heute. Die Klimakrise beschränkt sich nicht auf eine Region oder einen Wirtschaftszweig, sie ist global und betrifft alle Lebens- und Wirtschaftsbereiche. Wird das 2°C Ziel verfehlt, drohen globale Klimaveränderung große Bereiche unbewohnbar zu machen, und die bis dato nur vereinzelten und räumlich sehr begrenzten Umweltkatastrophen können flächendeckende Ausmaße annehmen.

Spätestens seit dem Bericht des MIT an den Club of Rome ‚Die Grenzen des Wachstums‘ sind die Tatsachen und Risiken der Umweltzerstörung, des Ressourcenverbrauchs und des Klimawandels bekannt. Sie werden intensiv erforscht und in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft sowie in den Medien wird offen informiert und diskutiert.

Dennoch bleiben auf allen Ebenen die Maßnahmen aus oder sie werden viel zu langsam und zu inkonsequent umgesetzt, als dass den Problemen wirksam und rechtzeitig begegnet werden könnte. Als Ebenen sollen hier nur exemplarisch die Politik, die Wirtschaftsunternehmen, seien sie Produzenten oder Dienstleister, und die Konsumenten genannt werden.

Die Gründe das bestehende Wirtschaftssystem nicht in Frage zu stellen, es nicht anzugreifen, umzubauen oder wie auch immer zu verändern, sind vielfältig. Interessengruppen versuchen die eigenen Vorteile nicht zu gefährden. Die notwendigen, zum Teil kostenintensiven und unpopulären Maßnahmen gefährden den Machterhalt von Politikern und die Konkurrenzfähigkeit von wirtschaftlich agierenden Unternehmen.

Das Risiko von Veränderungen wird nicht eingegangen, obwohl die bekannten und gewinnbringenden Wege keinesfalls weiterhin funktionieren können. So nutzen die Ölfirmen ihr Kapital nicht, um nachhaltige Möglichkeiten zur Energiegewinnung voranzutreiben, sondern sie investieren Millionen19, um das bestehende System des nicht-nachhaltigen Ressourcenverbrauchs zu erhalten, obwohl dessen Ende klar absehbar ist. Für dieses umwelt- und gesellschaftsschädigende Verhalten werden diese Firmen vom deutschen Steuerzahler mit 46 Mrd. Euro pro Jahr subventioniert.20

Politik und die Profiteure des bestehenden, nicht nachhaltigen Wirtschaftssystems überbieten sich förmlich dabei, zukünftige Möglichkeiten der Krisenbewältigung zu skizzieren, einzig um bereits seit langem notwendigen Veränderungen in die Zukunft zu verschieben. Der Wissenschaft, deren Erkenntnisse lange ignoriert wurden, wird die Verantwortung der Problemlösung übertragen, was „sich gut mit der Paradoxie verträgt, dass unsere Gesellschaft inzwischen vollständig auf die Ergebnisse von Wissenschaft und Technologie gegründet ist, sich bei der Interpretation der Wirklichkeit jedoch immer mehr Aberglauben leistet.“21

Einer exponentiellen Veränderung einer Größe, wie sie in den Zeitreihenkurven der CO2-Konzentration und der Temperatur22 zu erkennen sind, kann aber nicht mit abwartenden und zögerlichen Handlungen begegnet werden. Wenn das Haus brennt23 – und das tut es – muss so schnell wie möglich und solange Wasser beigeschafft werden, bis es das nicht mehr tut oder abgebrannt ist. Ein Abwarten, bis Unternehmen die Ausbeutung des Planeten freiwillig einstellen oder global koordinierte, politische Handlungen zu den notwendigen, gravierenden Einschnitten führen, bedeutet zu-zusehen, wie das Haus abgebrennt.

Eine denkbare Alternative zum Abwarten bestünde darin, jeden Bewohner des Hauses mit einem Eimer zu versorgen und so lange Wasser auf das Feuer kippen zu lassen, bis das Haus gelöscht ist: Durch die fortschreitende industrielle Revolution können dem Konsumenten heute nämlich Informationen als Hilfsmittel an die Hand gegeben werden, die es ihm erlauben, sich seiner Auswirkung bewusst zu werden. So können abstrakte Meinungen und Maßnahmen durch konkrete Zahlen, Handlungsalternativen und Entscheidungsgrundlagen ersetzt werden – der Wassereimer, um im Bild zu bleiben.

Was nun folgt, ist die Konzeption eines Informationssystems, das genau diese Konkretisierung erlauben soll. Es kann den Konsumenten dabei unterstützen, den eigenen CO2-Fußabdruck zu reduzieren, und ihn der Möglichkeit berauben, die selbst zu verantwortenden Effekte zu ignorieren.

1. Einleitung

1.1. Problemstellung

Die im Prolog dargelegte Krise, in die das globalisierte Wirtschaftssystem der ihm eigenen Ausbeutung der Ressourcen, die Welt geführt hat, kann nur durch radikale – schnell verlaufende und umfangreiche – Maßnahmen bewältigt werden. Werkzeuge, wie das Internet, Mikrochips und selbstlernende Softwareprogramme als Ergebnis des industriellen Fortschritts, sollten verwendet werden, um Maßnahmen gegen die Klimakrise zu unterstützen.

Bisher bieten sich vor allem verbesserte Simulationsverfahren zur Prognose von Klimaveränderungen und Technologien, wie Photovoltaik oder Windenergie, dafür an, die Bewältigung der Krise zu unterstützen. Während die Nutzung regenerativer Ressourcen eine der Ursachen des Problems angeht, führt der Einsatz von Computersystemen bisher nur zu einem klareren Bild der Krise. Doch die anstehende Digitalisierung vielfältigster Elemente und deren Vernetzung durch das Internet unter dem Schlagwort ‚Internet of Things‘ (IoT) bietet für den Konsumenten, vor allem aber für die Industrie, Entwicklungsmöglichkeiten hin zu einer immer größeren und genaueren Datenbasis. Die Herausforderung besteht darin, diese Daten nicht (nur) für die weitere Profitgenerierung Einzelner zu nutzen, sondern im Sinne der Bewältigungsanstrengungen gegenüber der Klimakrise nutzbar zu machen.

1.2. Das Ziel der Arbeit

Im Rahmen dieser Arbeit wird ein Informationssystem entworfen. Es soll gezeigt werden, wie dieses unter Zuhilfenahme aktuell verfügbarer Technologie dazu beitragen kann, den Konsumenten24 über die Auswirkungen seines Konsumverhaltens aufzuklären.

Die draus zu erwartenden Verhaltensänderungen sollen zu einem ökologischeren Konsum, geringerem Ressourcenverbrauch und zu einer geringeren Klimabelastung führen. Sie können zudem einen Anstoß für die Veränderung unseres Wirtschaftssystems in eine ökologischere Richtung bieten.

1.3. Der Aufbau der Arbeit

Nachdem im Prolog die krisenhafte Zuspitzung der anthropogenen Klimawandels geschildert wurde, wird ein Systemmodell entworfen, welches auf die für diese Arbeit relevanten Elemente reduziert ist. Dies wird mit Hilfe eines System Dynamics Modells durchgeführt und soll die wichtigsten Wirkungszusammenhänge zwischen Konsument und Klimakrise aufzeigen. Das Ergebnis der dritten Kapitels ist ein Modell des ‚Klima-Kosten-Konsumenten-Systems‘.

Aus der Analyse der Angriffspunkte zur Beeinflussung des Systems werden die Anforderungen an ein Informationssystem abgeleitet. Diese werden aus zwei Perspektiven beschrieben: Aus der Sicht des Konsumenten wird beschrieben, welche Anforderungen dieser an das Informationssystem stellt, wenn er durch dieses in die Lage versetzt werden soll, das ‚Klima-Kosten-Konsumenten-System‘ im Sinne der Ökologisierung zu beeinflussen.

Aus einer technischen Perspektive werden die Informationsflüsse beschrieben, die entlang der Supplychain von der Rohstoffgewinnung über die Verwendung des Produktes durch den Konsumenten bis hin zum Recycling stattfinden müssen, um die Anforderungen des Anwenders zu erfüllen.

Anschließend werden einige technische Werkzeuge und deren zielführende Kombination erläutert, die dazu beitragen können, die aus der Spezifikation der Anforderungen deutlich gewordenen Herausforderungen zu bewältigen.

Final werden die Rahmenbedingungen für eine Umsetzung des Informationssystems und die Umsetzungswahrscheinlichkeit diskutiert. Des Weiteren wird das Ergebnis in Form des Informationssystem daraufhin geprüft, ob die Reduzierung der Komplexität in einem sinnvollen Maße stattgefunden hat oder ob eine höhere Komplexität hätte bewältigt werden können.

2. Systemgrundlage

Die im Prolog beschriebene Problematik hat vielfältige und unterschiedlich stark ausgeprägte Ursachen, die sich aus den Themengebieten Technik, Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft herleiten, und wirkt auch auf diese zurück. Damit die diversen Wechselwirkungen zwischen diesen Bereichen und innerhalb ihrer Subsysteme im Rahmen dieser Arbeit systematisiert werden können, wird ein System Dynamics Modell entworfen. Dieses wird sich auf die als relevant betrachteten Elemente der Systeme beschränken und wesentliche Abhängigkeiten und Einflussebenen zwischen diesen darstellen.25

Um ein grundlegendes Verständnis für die Modellierungssprache zu legen, wird diese in Kapitel 2.1 erläutert. Im Anschluss daran wird im Kapitel 2.2 das „Klima-Kosten-Konsumenten-System“ modelliert, dessen Systemverhalten im Kapitel 2.4 herangezogen wird, um Maßnahmen abzuleiten, die sich später in den Spezifikationen der Anforderungen an das Informationssystem wiederfinden werden.

Hierzu werden die im Systemmodell vorhandenen Rückkopplungsschleifen auf ihre Wirkung hin analysiert. Daraus ergeben sich die Angriffspunkte, an denen angesetzt werden kann, um die systemimmanenten Wirkungsketten im Sinne einer Ökologisierung des Konsumverhaltens zu nutzen.

Im letzten Abschnitt wird auch die Rolle des Konsumenten und sein Einflussbereich innerhalb der Wirkungszusammenhänge erläutert, um zu verdeutlichen, weshalb die Fokussierung des Informationssystems auf die Konsumentenaufklärung erfolgt.

2.1. Die Erläuterung der Modellierungssprache

Das dynamische Verhalten von Systemen lässt sich auf zwei Ursachen zurückführen: 1. Einwirkungen aus der Systemumwelt, die als Vorgabegrößen berücksichtigt werden, und 2. Rückkopplungseffekte der Systemzustände,26 (siehe Abb. 1). Die Dynamik des Systems Umwelt kann somit durch Einwirkungen aus anderen Systemen, wie der Wirtschaft oder der Gesellschaft, z. B. in Form von Emissionen erzeugt werden. Gleichzeitig können dämpfende oder verstärkende, durch negative oder positive Rückkopplungen erzeugte Effekte zu einer Stabilisierung oder Destabilisierung des Systems betragen. Ein Paradebeispiel für eine Destabilisierung aufgrund einer positiven Rückkopplung bieten die arktischen Eisschilde, die aufgrund steigender Temperaturen schmelzen. Hierdurch verringert sich der weiße Anteil der Erdoberfläche, es wird weniger Sonnenenergie zurück ins All reflektiert, und der Treibhauseffekt verstärkt sich weiter.27

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Systemdynamik[28]

Damit das Systemmodell seinen Zweck erfüllt, konkrete und leicht zu vermittelnde Zusammenhänge aufzuzeigen, muss darauf geachtet werden, dass die Grenzen zwischen System und Umwelt sinnvoll gezogen werden. Dies muss dort geschehen, wo die Grenze die kleinste Anzahl von Systemelementen umschließt, anhand derer das dynamische Verhalten des Systems mit Hilfe des Modells beschrieben werden kann.29

Die Systemstruktur ist hierarchisch aufgebaut. Das geschlossene System beinhaltet die Struktur der Rückkopplungsschleifen. Diese werden beschrieben aus dem Zusammenwirken von Zustandsgrößen und Veränderungsraten (VR). Die Substruktur der Veränderungsrate setzt sich zusammen aus dem Ziel, dem Zustand, der Abweichung und der Aktion einer solchen Veränderungsrate, siehe Abb. 2. Die Gleichung, die eine solche Rate beschreibt, kann auch als Beschreibung der Entscheidungsregeln zur Veränderung begriffen werden. Ein Systemmodell kann dabei aus einer oder mehreren Rückkopplungsschleifen bestehen, welche aus abwechselnd aufeinander folgenden Zustandsgrößen und Veränderungsraten beschrieben werden.30

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Entscheidungsregel einer Veränderungsrate[31]

Eine Zustandsgröße kann dabei von keiner anderen Zustandsgröße beeinflusst werden. Ihr Wert hängt nur vom vorherigen Wert des Zustands (in der Vorperiode) und einer Veränderungsrate ab. Veränderungsraten wirken nur in Ausnahmefällen auf andere Veränderungsraten ein, üblicherweise nur auf Zustandsgrößen.32

Zustandsgrößen und Veränderungsraten können bei der Modellierung des Systems nicht anhand ihrer Maßeinheiten unterschieden werden. „Bei der Identifikation muß darauf geachtet werden, ob eine Variable durch Integration entstanden ist oder ob sie eine Entscheidungsregel des Systems wiedergibt.“33 Zustandsgrößen sind Akkumulationen ihrer Anfangswerte und von Aktionen in Form der Veränderungsraten, die im Zeitverlauf stattgefunden haben. Findet keine Aktion im System mehr statt, bestehen die Werte der Zustandsgrößen fort und können beobachtet werden. Veränderungsraten hingegen sind die Aktionen im System und bestehen nicht fort, wenn das System zum Stillstand gekommen ist.34

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Grundstruktur eines dynamischen Systems[35]

Um diese Wirkungsbeziehungen zwischen den Systemgrößen übersichtlich darzustellen, wird ein Wirkungsgraph erzeugt, der die einzelnen Elemente und ihre Wirkung aufeinander mit Hilfe von Wirkungspfeilen grafisch darstellt (siehe Abb. 3).

Die Pfeilrichtung gibt dabei die Wirkrichtung an, wobei für Wechselwirkungen zwischen zwei Elementen zwei Pfeile verwendet werden. Um die Art der Wirkung darzustellen, werden positive oder negative Vorzeichen verwendet. Das Vorzeichen [ + ] bedeutet dabei eine gleichsinnige Veränderung der Zielgröße bei Veränderung der Ausgangsgröße (nimmt der Wert der Ausgangsgröße zu, steigt auch jener der Zielgröße und vice versa). Eine gegensinnige Veränderung wird mit dem Vorzeichen [ - ] gekennzeichnet (hierbei nimmt der Wert der Zielgröße ab, wenn sich der Wert der Ausgangsgröße erhöht und vice versa).

Vorgabegrößen und Anfangswerte (beide in Großbuchstaben) unterliegen dabei keiner Veränderung im Zeitverlauf. Die Zustandsgrößen – dargestellt in rechteckigen Kasten – wie auch die Veränderungsraten – dargestellt durch das Ventil-Symbol – sind aber den dynamischen Veränderungen des Systems unterworfen.36

Mit Hilfe dieser Modellierungsregeln und Systemelemente werden im Folgenden die Systembestandteile sowie ihr Zusammen- und Wechselwirken beschrieben. Dies geschieht unter der ‚ceteris paribus‘ Bedingung, die besagt, dass jede Wirkungsbeziehung isoliert betrachtet wird und das übrige System fixiert ist.37

2.2. Die Modellierung des Klima-Kosten-Konsumenten-Systems

Das System, welches im Folgenden konstruiert wird, beinhaltet Dynamiken, die sich über sehr unterschiedliche Zeiträume erstrecken. Der Konsumvorgang selbst verschafft dem Konsumenten idealerweise eine sofortige Bedürfnisbefriedigung. Die mit dem Konsumvorgang direkt und indirekt in Verbindung stehenden Auswirkungen der Emissionen haben hingegen einen ganz anderen Zeithorizont, da Treibhausgase in der Lufthülle teilweise erst nach hunderten von Jahren durch natürliche Prozesse unschädlich gemacht werden.38 Daraus folgt, dass unmittelbaren, ggf. als negativ empfundenen Maßnahmen, wie z.B. ökologischen Aufwänden, zwar durchaus positive Effekte zugeordnet werden können, die erst nach vielen Jahren sichtbar werden.

Der Graph zur Konsumfunktion wird aus dem aktuellen wissenschaftlichen Stand zur Erklärung des Konsumverhaltens hergeleitet. Dieser Graph wird erweitert um die Folgen, die sich aus dem Konsum für das Klima ergeben. In einem finalen Schritt werden die Rückkopplungen hinzugefügt, die sich aufgrund wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Zusammenhänge ergeben.

2.2.1. Die Konsumfunktion

Der gegenwärtige Stand der Forschung geht davon aus, dass der Konsum als Funktion aus den Determinanten gegenwärtiges Einkommen, Vermögen, erwartetes zukünftiges Einkommen und Zinssätze besteht.39 Da die Differenzierung zwischen dem gegenwärtigen Einkommen und dem Vermögen für dieses Modell nicht relevant ist, werden die beiden Größen als Verfügbartes Kapital in einer Zustandsgröße in Abb. 4 zusammengefasst. Das erwartete zukünftige Einkommen unterliegt einigen weiteren, noch zu definierenden Einflüssen und wird daher als Veränderungsrate erfasst. Den größten hier relevanten Einfluss auf das erwartete zukünftige Einkommen hat das Preisniveau.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Die Konsumfunktion als Systemgraph; Veränderungsrate (VR)

Eine Veränderung des Preisniveaus wirkt sich gegensinnig auf das erwartete zukünftige Einkommen aus. Sinken die Preise, steht mehr Kapital für den Konsum zur Verfügung. Die konsumierte Menge steigt bei steigendem verfügbaren Kapital, da sich dieses gleichsinnig auf den Konsum auswirkt. Die konsumierte Menge hat eine gleichsinnige und damit verstärkende Rückkopplung auf sich selbst, da die bereits konsumierte Menge zu immer mehr Konsum führt. Die Zunahme konsumierter Güter erfordert steten, mindestens gleichwertigen, besser noch höherwertigeren Ersatz und führt so zu steter Zunahme der konsumierten Menge. „Keynes vermutete, [..] dass die durchschnittliche Konsumneigung mit steigendem Einkommen sinkt[..]. Untersuchungen von langen Zeitreihen ergaben jedoch keinen Hinweis darauf, dass die durchschnittliche Konsumneigung im Zeitverlauf mit steigendem Einkommen sinkt.“40 Daraus wird geschlossen, dass die konsumierte Menge einer sich selbst verstärkenden Tendenz unterliegt.

Einen den wirtschaftswissenschaftlichen ergänzenden Erklärungsansatz für eine gleichbleibende Konsumneigung bei steigendem verfügbaren Kapital und eine dadurch fortwährende Zunahme des Konsums, liefert Baudrillard mit seiner Beschreibung der ‚Konsumgesellschaft‘ als „einer Kultur, in der Konsum zur Symbolsprache wird, über die soziale Teilhabe und gesellschaftliche Anerkennung, Gruppenzugehörigkeit und Identität vermittelt werden. Kauf und Nutzung von Wirtschaftsgütern steigern (kurzfristig) das Selbstwertgefühl, versprechen Anerkennung und Glück. […] Dieser gesellschaftlichen Werteordnung können einzelne Verbraucherinnen und Verbraucher sich trotz aller gleichzeitig existierenden moralischen Konsumkritik kaum individuell entziehen.“41 Die stete Zunahme des Konsums kann also durch eine soziale Komponente zumindest in Teilen erklärt werden.

Eine weitere sich selbst verstärkende Rückkopplung auf die konsumierte Menge ergibt sich daraus, dass durch die Zunahme der konsumierten Menge die Stückkosten für die Hersteller sinken und dadurch das Preisniveau der angebotenen Produkte sinkt, wodurch mehr verfügbares Kapital vorhanden ist, was sich wiederum gleichsinnig auf den Konsum auswirkt.

Hierbei handelt es sich um eine sehr komprimierte, wenngleich in sich schlüssige Darstellung des Wachstumsstrebens der globalisierten Weltwirtschaft, welche eine nachhaltige Begrenzung des Konsums hemmt.

2.2.2. Die Wirkung des Konsums auf das Klima

Um die Komplexität der menschenverursachten Klimakrise an dieser Stelle sinnvoll reduzieren zu können, wird angenommen, dass diese als Folge der übermäßigen Belastung einer einzigen erneuerbaren Ressource – dem Klima – entsteht. Wohl wissend, wie umfangreich die Zusammenhänge und wie komplex die Wechselwirkungen innerhalb und zwischen den vielfältigen Subsystemen sind, die sich hinter diesem Begriff verbergen, erachte ich die Vereinfachung als notwendig und zielführend.

Um die Wirkung des Wirtschaftssystems auf das Klima darzustellen, wird eine Veränderung der konsumierten Menge als gleichsinnige Auswirkung auf die Veränderungsrate der Treibhausgaskonzentration abgebildet (siehe Abb. 5). Nimmt die konsumierte Menge zu, steigt auch die Konzentration der Treibhausgase (THG).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5: Graph der Konsumfunktion erweitert (blau) um die Auswirkungen auf das Klima; Veränderungsrate (VR), Treibhausgas (THG)

Diese Treibhausgas- Konzentration wirkt sich gleichsinnig auf den Verbrauch der erneuerbaren Ressource Klima aus. Dieses wirkt sich wiederum gegensinnig auf die Veränderungsrate der Konzentration der Treibhausgase in der Atmosphäre aus. Diese Wechselwirkung, eine negative Rückkopplung zwischen den Treibhausgasen und dem Klima ließ Letzteres die vergangenen 18.000 Jahre in hohem Maße stabil bleiben.42 Die hinter dem Begriff: Klima befindlichen Subsysteme des Klimasystems waren in der Lage, die z. B. durch Vulkanausbrüche freigesetzten Treibhausgase wieder zu absorbieren, und das Klimasystem pendelte sich wieder in einem stabilen Zustand ein.

Ein gutes Klima ist demnach zu definieren als eines, in dem sich die Erneuerung und der Verbrauch des Klimas in etwa die Waage halten. Eine Verschlechterung des Klimas zeichnet sich dadurch aus, dass dessen Verbrauch dauerhaft über dessen Reproduktionsrate, der Erneuerung, liegt. Der Zustand des Klimas äußert sich dabei im Treibhauseffekt. Verschlechtert sich das Klima, nimmt der Treibhauseffekt zu, und die Jahresdurchschnittstemperatur steigt.

Diesen Effekt zeigt u.a. die ‚Keeling Kurve‘43 in welcher der atmosphärische CO2 Gehalt der Luft in Parts per Million (ppm) zwischen den Jahren 1960 und heute eingetragen ist. Die Treibhausgase kumulieren in der Atmosphäre, das Klima verschlechtert sich, und der Treibhauseffekt verstärkt sich.44

Um die Auswirkungen der Klimakrise auf den Konsum zu beschreiben, wurde das Element der sozialisierten Kosten eingefügt. Diese wirken sich gegensinnig auf das erwartete zukünftige Einkommen aus. Steigen also die Kosten, die sozialisiert werden, nimmt das für den Konsum freie Kapital des Konsumenten ab. Wie das Klima auf die Höhe der sozialisierten Kosten wirkt, wird im folgenden Unterkapitel (2.2.3) genauer beschrieben.

Die durch den Konsum und die daraus entstehende Klimaveränderung verursachten sozialisierten Kosten beinhalten dabei Kosten, die auf die Gesellschaft oder Teile von dieser abgewälzt werden. Diese können sich augenblicklich oder erst in Zukunft manifestieren. Es kann sich dabei z. B. um zweckgebundene Kosten handeln, die in Form von Steuern erhoben werden, die dazu verwendet werden, negative Umweltauswirkungen zu kompensieren, und damit das erwartete zukünftige Einkommen schmälern. Es kann sich aber auch um externalisierten Kosten handeln, die die Mittel des Konsumenten schmälern, ohne dass dieser einen direkten Bezug zwischen der Verringerung seines erwarteten zukünftigen Einkommens und der Verursachung der externalisierten Kosten durch Dritte herstellen kann.

2.2.3. Die Kosten der Klimakrise

Bei der Betrachtung der Kosten muss zwischen zwei verschiedenen Aufwandsgründen klar differenziert werden: Minderungsbemühungen und Anpassungskosten. Letztere sind Reaktionen auf das Systemverhalten in Form der Klimaschäden, wohingegen Minderungsbemühungen dazu dienen, das Systemverhalten möglichst früh zu beeinflussen und Anpassungskosten im Zeitverlauf gar nicht erst notwendig werden zu lassen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 6: Das Klima-Kosten-Konsumenten-System[45]

In Abb. 6 sind die Wirkungsbeziehungen eingezeichnet, die das durch den Konsum in seiner Reproduktionsfähigkeit negativ beeinflusste Klima auf die Grundlage des Konsums hat.

Das Klima wirkt gegensinnig auf die Veränderungsrate der Klimaschäden: Haben wir ein "gutes Klima", also geringe Klimaveränderungen, so ist die Veränderungsrate der Klimaschäden gering. Wird unser Klima "verbraucht", so steigen die Klimaschäden.

Die Klimaschäden wirken sich wiederum gleichsinnig auf die Veränderungsrate der Anpassungskosten aus. Als Beispiel hierfür kann der sich fortsetzende Trend des ansteigenden Meeresspiegels46 genannt werden. Bedenkt man, dass 2008 rund 41% der EU-Bevölkerung47 in Küstenregionen gelebt haben, dann werden nicht nur Deiche erhöht, sondern ganze Küsten- und Hafeninfrastrukturen angepasst werden müssen. Ein sich verschlechterndes Klima lässt die Klimaschäden steigen, wodurch wiederum die Anpassungskosten zunehmen.

Mit den Anpassungskosten verändert sich auch das Preisniveau im gleichen Sinne, z. B. wenn Preissteigerungen von Unternehmen an den Konsumenten weitergegeben werden, weil Investitionen in Produktionsanlagen aufgrund externer Klimaereignisse getätigt werden müssen.

Die Sozialisierung von Anpassungskosten wird durch eine gleichsinnige Wirkung der Anpassungskosten auf die Veränderungsrate der sozialisierten Kosten dargestellt. Konkret bedeutet dies, dass ein großer Teil der Anpassungskosten durch die Gesellschaft bezahlt werden muss. So werden viele der mit dem Anstieg des Meeresspiegels verbundenen Kosten auf die Gesellschaft umgelegt werden.

Die Auswirkungen des Klimas wirken auch auf die Veränderungsrate der ökologischen Standards in gegensinniger Form ein. Verschlechtert sich das Klima, hat dies den Effekt, dass die ökologischen Standards steigen. Hinter diesem Begriff verbergen sich in dieser Systemmodellierung verschiedene Ausprägungen ökologischer Standards die im Kapitel 2.4 näher erläutert werden.

Der wichtigste Aspekt dieses Begriffs ist der, dass durch die immer stärker zu Tage tretenden negativen Auswirkungen eines sich verschlechternden Klimas, vor allem durch den sich immer weiter verstärkenden Treibhauseffekt, die Wichtigkeit des ‚Klimaschutzes‘ erkannt wird. Der Einzelne kann an anderen Stellen, wie z. B. in der Politik oder beim Hersteller, höhere ökologische Standards einfordern, wenn diese mit den Umsetzungen des Klimaschutzes hinter seinen Anforderungen zurückbleiben. Weitere Aspekte werden im Abschnitt 2.4 genauer erläutert.

Die Veränderungsrate der ökologischen Standards unterliegt dabei einer gleichsinnigen Wirkung des verfügbaren Kapitals. Nimmt dieses zu, so steigt die Akzeptanz der Kosten, die mit zunehmenden ökologischer Standards einhergehen. Verringert sich das verfügbare Kapital, so sinkt auch die Bereitschaft, Kapital für die Einhaltung ökologischer Standards einzusetzen.

Die ökologischen Standards wirken sich gegensinnig auf den Konsum aus und damit gleichzeitig auch gegensinnig auf die Emission von Treibhausgas. Ein Beispiel für diese Wirkungsbeziehung, stellt der aus persönlichen ökologischen Standards resultierende Verzicht auf Fleischprodukte dar, wodurch sich die Emissionen von Methan (aus der Nutztierhaltung) und Distickstoffmonoxid (durch Dünger und Biomasse) erheblich reduzieren ließe. Auch eine durch ökologische Standards getriebene Nutzung des öffentlichen Personennahverkehrs verringert den Konsum von fossilen Energieträgern für Kraftstoff, wenn dabei auf den PKW verzichtet wird.

Die Veränderung ökologischer Standards wirkt sich im gleichen Sinne auf die Minderungsbemühungen aus, welche wiederum gleichsinnig auf das Preisniveau wirken. Eine gesetzlich vorgeschriebene Internalisierung von Kosten in den Produktpreis, bisher externalisierten Kosten, könnte eine solche Maßnahme darstellen, die als Minderungsbemühung ein steigendes Preisniveau sowie einen reduzierten Konsum bewirken würde.

Eine solche Maßnahme hätte gleichermaßen einen gegensinnigen Effekt auf die sozialisierten Kosten, da bisher externalisierte und somit auf die Gesellschaft und/oder in die Zukunft transformierte Kosten von Einzelpersonen oder Institution in Form höherer Produktpreise beglichen werden müssten.

Durch die unterschiedliche Wirkung einer Maßnahme im Rahmen von Minderungsbemühungen auf die Veränderungsraten des Preisniveaus (gleichsinnig) und auf jene der sozialisierten Kosten (gegensinnig) wird deutlich, wie sich die Ökologisierung des Wirtschaftssystems vollziehen würde. Durch steigende ökologische Standards und damit zunehmende Minderungsbemühungen aufgrund einer Internalisierung von Kosten werden ökologischere Produkte konkurrenzfähiger. Deren Preisniveau würde sich durch die Internalisierung längst nicht so sehr erhöhen wie jene unökologischer Alternativen.

Ein weiterer Effekt, der von Minderungsbemühungen ausgehen kann, wirkt gegensinnig auf die Veränderungsrate der Treibhausgas -Konzentration. Darunter fällt z. B. die staatliche Förderung des Ausbaus erneuerbarer Energieerzeugung. Die Erzeugung von Strom aus Sonnen-, Wind- oder Wasserkraft anstelle der Verbrennung von fossilen Energieträgern wirkt sich unmittelbar auf eine geringere Zunahme der Treibhausgase aus. Hierbei tritt zeitgleich der Effekt der Internalisierung von Kosten bei der Erzeugung von Strom auf, da die Folgen der Verbrennung fossiler Energieträger nicht sozialisiert werden müssen. Statt dessen werden die Kosten der Fördermaßnahme im Rahmen des Erneuerbaren Energien Gesetzes48, durch einen Umlage auf den Stromkunden, von diesem bezahlt.

[...]


1 Vgl. Aschenbrenner (S. 22)

2 Vgl. Schellnhuber (2015, S. 705)

3 Vgl. Intergovernmental Panel on Climate Change (2014, S. 4)

4 Vgl. Schellnhuber (2015, S. 249 f.)

5 Siehe Anhang 1.)

6 Schellnhuber (2015, S. 453)

7 Intergovernmental Panel on Climate Change (2014, S. 18)

8 Piketty (2018, S. 779)

9 Siehe dazu Anhang 1

10 Schellnhuber (2015, S. 576 f.)

11 Vgl. Intergovernmental Panel on Climate Change (2014, S. 8)

12 Vgl. Stern (2006, S. 25)

13 Vgl. Mankiw/Taylor (2018, 221ff)

14 Vgl. Stern (2006, viii)

15 Vgl. Wirtschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (2009, S. 8)

16 Vgl. Schumpeter (1942, 81ff)

17 Vgl. Quack (2017, S. 38)

18 Vgl. Schellnhuber (2015, S. 649)

19 Vgl. Aronoff (01.11.2018)

20 Vgl. Zerzawy (2017)

21 Schellnhuber (2015, S. 545 f.)

22 Abb. 13, Anhang 2

23 Thunberg (25.01.2019)

24 Diese Arbeit ist nicht in gegenderter Form verfasst. Konsument* wie auch Konsumentinnen werden aber ebenso als Verantwortliche für die Klimakrise betrachtet wie ihr männliches Pendant, auch wenn die Rolle der männlichen Vertreter unserer Spezies an den Schalthebeln der industriellen Revolution durchaus diskutiert werden sollte. Ebenso wird Konsument* und Konsumentinnen die gleiche Kompetenz zugesprochen, durch ein ökologischeres Handeln der Krise entgegen zu wirken.

25 Der Entwurf des System Dynamics Modells hat dabei nicht den Anspruch, als Simulationsgrundlage zu dienen. Obwohl System Dynamics als Modellierungssprache nach erfolgter Quantifizierung eines Modells durchaus dazu in der Lage wäre, würde dies den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Die Hauptaufgabe des Entwurfs besteht vielmehr darin, vor dem Hintergrund des Leitgedankens als Entscheidungsgrundlage bei der Ableitung beeinflussbarer Wirkungszusammenhänge zu dienen.

26 Vgl. Bossel (2004, S. 41)

27 Vgl. Schellnhuber (2015, S. 44)

28 Bossel (2004, S. 41)

29 Vgl. Forrester (1972, S. 88)

30 Vgl. Forrester (1972, S. 106)

31 Forrester (1972, S. 104)

32 Vgl. Forrester (1972, S. 95)

33 Forrester (1972, S. 96)

34 Vgl. Forrester (1972, S. 96)

35 Angelehnt an Bossel (2004, S. 120)

36 Vgl. Forrester (1972, S. 101)

37 Vgl. Bossel (2004, S. 67)

38 Vgl. Schellnhuber (2015, S. 27)

39 Vgl. Mankiw (2017, S. 604)

40 Mankiw (2017, S. 604)

41 Quack (2017, S. 24)

42 Hierzu eignet sich die Betrachtung der letzten zurückliegende interglazialen Warmperiode in Abb. 12 und der Temperaturanstieg der Abb. 13 seit der Mitte des 18. Jhd.

43 Siehe hierzu den Ausschnitt der Abb. 13, dieser entspricht im groben der nach Charles David Keeling benannten Kurve, gemessen am Mount Mauna Loa auf Hawaii

44 Vgl. Schellnhuber (2015, S. 73)

45 Im Anhang 3 befinden sich 2 identische Darstellungen dieser Abbildung. Dadurch hat der Leser bei Bedarf die Möglichkeit eine Seite davon herauszutrennen, was die Anzahl der Umblättervorgänge erheblich reduzieren dürfte.

46 Intergovernmental Panel on Climate Change (2014, S. 4)

47 eurostat (2012)

48 Bundesnetzagentur (2019)

92 von 92 Seiten

Details

Titel
Verringerung des CO2-Fußabdrucks. Konzeption eines Informationssystems zur Unterstützung der Konsumenten
Hochschule
Duale Hochschule Baden-Württemberg, Ravensburg, früher: Berufsakademie Ravensburg  (Center for Advanced Studies)
Note
1,6
Autor
Jahr
2019
Seiten
92
Katalognummer
V505259
ISBN (Buch)
9783346062253
Sprache
Deutsch
Schlagworte
CO2 Fußabdruck, Industie 4.0, Internet of Things, Distributed Ledger Technology, Supply Chain, System Dynamics, Klimawandel, Klimakrise, Klima-Kosten-Konsumenten-System, Informationssystem, Ressourcen, CO2 Äquivalent, Cyber-Physikalische-Systeme, Enterprise Ressource Planning, IPCC, Global Warming Potential, Treibhausgase, Konsument, Aufklärung, Vierte Industrielle Revolution
Arbeit zitieren
Philipp Kern (Autor), 2019, Verringerung des CO2-Fußabdrucks. Konzeption eines Informationssystems zur Unterstützung der Konsumenten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/505259

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