Rassismus ohne "Rasse"? Inszenierungsstrategien der AfD auf Facebook


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018

25 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Naturalisierung des Rassenbegriffs als Legitimationsgrundlage

3. Formen von Rassismus in der heutigen Gesellschaft

4. Das Internet als Raum für Rechtsextremismus
4.1 Online-Propaganda
4.2 Fake News im Social Web als Online-Strategie
4.3 Rezipient*innen - Politische Teilhabe in Sozialen Netzwerken

5. Analyseteil - Strategien der AfD im Internet
5.1 Abstand zwischen Selbst- und Fremdgruppe
5.2 Kulturelle Abwertung
5.3 Täter-Opfer-Umkehr
5.4 Inszenierung als Sprachrohr der Mehrheit
5.5 MerkmalevonFake News
5.6 Die AfD und ihr Einsatz von digitalen Tools

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In den jüngsten Formen rassistischer, nationalistischer, xenophober, rechtspopulistischer und neofaschistischer Rhetorik und Praxis taucht das Wort 'Rasse' kaum noch auf. Stattdessen ist von Kulturen, Gesellschaften, Völkern, Identitäten, Lebensformen und Lebensarten die Rede, die es durch die Bekämpfung des anderen und Fremden um jeden Preis zu schützen gelte (Geulen 2018,31).

Was Christian Geulen hier beschreibt ist eine Entwicklung unseres heutigen Diskurses, in der das Wort 'Rasse' zwar explizit durch seine Tabuisierung kaum noch auftritt, von rechten Parteien wie der Alternativen für Deutschland (AfD) jedoch in ihrer Rhetorik und ihren Denkweisen in „semantischen Varianten des Rassenbegriffs“ (31) weiterhin besteht. Dem diffusen Phänomen 'Rassismus', dem eine eindeutige Definition oder gar empirische Entsprechung der zugrundeliegenden 'Rasse' fehlt, stehen konkrete Formen von Rechtsradikalismus und Nationalismus in Deutschland gegenüber (Foroutan et. al 2018).

Die vermeintlich natürliche Determiniertheit des Rassenbegriffs gibt eigentlich politischen, kulturellen und sozialen Unterscheidungen eine pseudonatürliche Grundlage und Legitimation (Geulen 2018). Die AfD 'recycelt' rassistische Diskurse mit neuen Schlagworten, in deren Zentrum vor allem die sogenannte 'Flüchtlingskrise' steht. Mit Migration verbundene Ängste werden durch verschiedene Strategien wie einer Anti-Islam-Rhetorik, konstruierter Selbst- und Fremdgruppen oder einer Täter-Opfer­Umkehr (Shooman 2018) geschürt und zu Bedrohungsszenarien verdichtet (Tanner 2018).

Das größte Hilfsmittel und Austragungsort dieser Strategien ist für Parteien wie der AfD in erster Linie das Internet mit seinen zahlreichen technischen Möglichkeiten. Fremdenfeindliche und rechtsextreme Parteien weisen eine hohe Social-Media-Affinität auf (Tanner 2018). Würde man die aktuell stärkste politische Partei Deutschlands nicht an den Ergebnissen der Bundestagswahl messen, sondern an ihrer Popularität - sprich der Anzahl ihrer 'Likes' - auf der Social Media Plattform Facebook, so wäre die Alternative für Deutschland mit ihren rund 415.000 Likes (AfD 2018) Spitzenreiter der politischen Parteien Deutschlands. Verglichen mit den tatsächlich führenden Parteien wie der CDU mit rund 182.000 Likes (CDU 2018) und der SPD mit rund 186.000 Likes (SPD 2018) hat die AfD somit mehr als doppelt so viele Anhänger auf Facebook. Dass die in der Bundestagswahl 2017 mit 12,6 % der Stimmen gewählte Partei offenbar eine derart große Reichweite im Sozialen Netzwerk besitzt und auf einer Plattform wie Facebook im medialen Mainstream agiert, macht eine nähere Betrachtung ihrer inhaltlichen Argumentationsstrategien ebenso wie ihrer digitalen Strategien notwendig. In dieser Hausarbeit sollen die mit dem Internet verbundenen Aktivitäten der AfD unter zwei Gesichtspunkten beleuchtet werden. Zum einen werden die Inhalte verschiedener Posts auf ihrer Facebook-Seite unter dem theoretischen Hintergrund zum Konzept 'Rasse' hin untersucht. Der Schwerpunkt soll hierbei auf Posts liegen, die Migration und Geflüchtete thematisieren. Welche neuen Begrifflichkeiten ersetzen den ehemaligen Rassenbegriff? Welche Rhetorik und Muster lassen sich festmachen? Wie werden die Posts inszeniert?

Zum anderen beschäftigt sich die vorliegende Arbeit mit dem Begriff und den Strategien von 'Online-Propaganda'. Durch die Vielzahl an digitalen Möglichkeiten und inhaltlichen Freiheiten bildet das Internet idealen Nährboden für extremistische Ideologien und menschenfeindliche Botschaften (Schmitt et. al 2017). Tools wie Social Bots, Algorithmen in Sozialen Netzwerken und Phänomene wie 'Filter Bubbles' und 'Fake News' sind Entwicklungen, die mit der digitalen Revolution einhergehen und der schon lange zuvor bestehenden Propaganda neue Dimensionen ermöglichen.

2. Naturalisierung des Rassenbegriffs als Legitimationsgrundlage

Der Begriff 'Rasse' existiert bereits etwa fünfhundert Jahre. Der bis vor wenigen Jahrzehnten noch unbefangen genutzte Begriff wird heute bewusst gemieden und ist zunehmend tabuisiert (Geulen 2018). Das dahinterstehende Konzept ist im heutigen Diskurs jedoch keineswegs verloren gegangen. Stattdessen findet er immer abstraktere Verwendungsformen bis hin zur grundsätzlichen Bedrohung des Eigenen durch das Fremde. Er wird ersetzt durch Worte wie „biogeografischer Herkunft“ (Foroutan et. al 2018, 10), „Kultur, Volk, Identität oder Lebensform“ (13) oder eben durch Denkweisen „um eine allgemeine Gefährdung der eigenen Kultur, Gesellschaft und Zivilisation durch das Fremde“ (10).

Eine genaue und einheitliche Definition des Begriffs gibt es nicht, was die Komplexität und Pluralität des Phänomens widerspiegelt (Foroutan et. al 2008). Gefährlich macht ihn, dass er immer eine ideologische Funktion hat: er rechtfertigte die gewalttätige Ausgrenzung bestimmter Menschengruppen und wird heute noch als Legitimation verwendet, um Menschen voneinander abzugrenzen. Mit seinem Anspruch auf etwas Natürlich-Objektives, hat er sich in viele Begrifflichkeiten der Moderne eingeschrieben, die Partikularität innerhalb der Idee einer universalen Menschscheit verkörpern wie zum Beispiel Nation, Volk, Kultur, Gesellschaft oder Geschlecht (Geulen 2018, 23).

'Rasse' ist zudem immer mit der Hierarchisierung einer Menschheitsordnung verbunden, an dessen Spitze sich spätestens mit der Einteilung der Menschen in fünf Rassen (weiße, gelbe, rote, braune und schwarze 'Rassen') im 18. Jahrhundert der weiße Europäer gestellt hat (Geulen 2018, 27). Dieser Eurozentrismus prägt bis heute unser Weltverständnis. Nach Quijano habe „die erfolgreiche Verwandlung Westeuropas zum Zentrum des modernen Weltsystems“ (Quijano 2000, 44) den Ethnozentrismus des Europäers entstehen lassen. In seiner Theorie zur Kolonialität der Macht beschreibt er die eurozentrische Version der Moderne. Das eurozentrische Weltbild sei in Dichotomien geteilt, die dazu dienen das Andere vom Europäischen zu unterscheiden. Raza ist auch für Quijanos Ansatz dabei eine entscheidende Kategorie. Es findet eine Naturalisierung der kulturellen Unterschiede mit der Kodifizierung durch raza statt (70). Der koloniale Ethnozentrismus wirkt zusammen mit der universellen rassialisierten Klassifizierung der Weltbevölkerung und ist die Grundlage der Europäer für ihren Überlegenheitsstatus (44).

3. Formen von Rassismus in der heutigen Gesellschaft

Foroutan setzt für unsere heutige 'postmigrantische Gesellschaft'1 ein Rassismus­Konzept voraus, das „die Pluralitätsabwehr zum Ausgangspunkt hat“ (Foroutan 2018, 170). Das heißt die Rassismen einzelner Gruppen wie der anti-muslimische Rassismus rechtspopulistischer Parteien richtet sich gegen alles was ihre Homogenitäts­vorstellungen bedroht. In diesem Anti-Pluralismus eingeschlossen ist neben dem muslimischen oder jüdischen Glauben, auch die Ablehung Europas und der Eliten (170). Die Rassifizierung von Religionszugehörigkeit verdeutlicht, dass Kultur und Religion zu ähnlich determinierten Begriffen wie der biologisierte Rassenbegriff werden (Shooman 2018, 176).

Ein zentraler Aspekt der Rassismen unserer Gesellschaft seien Vorstellungen von Reinheit - homogen bedeutet also in erster Linie Reinheit der Nation, aber auch Reinheit von anderen Konzepten wie die Reinheit von Geschlecht oder Kultur (170).

Tanner sieht als Gemeinsamkeit aller rechten Bewegungen in Europa die komplementäre Gegenüberstellung des bedrohlichen Fremden mit der homogenen Nation. Der Rassendiskurs und Nationalismus hängen also immer noch zusammen, obwohl 'Rasse' kein zwingender Bestandsteil der Ideologie mehr ist (Tanner 2018, 43). Der noch um das 19. Jahrhundert „sozialtopografische vertikale Klassenkampf ‘ (Tanner 2018, 41), um soziale Besserstellung, entspricht heute eher einer „territorialtopografisch horizontale[n] Abwehr von Fremden“ (41). Feinbildkonstruktionen verschieben sich vom in welcher Form auch immer gefassten Kapital zum Bild des Fremden, des Flüchtlings oder der 'Flut von Menschen', die alle 'zu uns' wollen. Rechte nutzen Identität, die imaginierte Homogenität eines Volkes, wird zum Gegenprinzip der Zuwanderung (41). Migration wird von Rechten mit einer spezifischen Semantik der Bedrohung geladen, die sich in Metaphern wie 'Flüchtlingswelle', 'Überflutetwerden', 'Eindringling' oder 'Überfremdung' äußert (40).

Wenn in unserer heutigen Gesellschaft sowohl Anti-Rassist*innen als auch Rechte bewusst auf den Gebrauch des Rassenbegriff verzichten, scheint es umso wichtiger, sich trotzdem mit ihm zu beschäftigen. Rassismus kommt heute scheinbar auch ohne 'Rasse' aus. Deswegen muss der Terminus genauer untersucht werden, um zu erkennen, wo seine Unsichtbarmachung betrieben wird und ähnliche Denkweisen gemeint sind.

4. Das Internet als Raum für Rechtsextremismus

Die digitale Medienrevolution ermöglicht neue Kommunikationspraktiken. Neben Differenzierungs- und Individualisierungsprozessen erzeugen sie auch Konformitätstrends und bieten eine Plattform für die Verbreitung von Hassbotschaften gegen bestimmte Menschengruppen. Fremdenfeindliche und rechtsextreme Parteien weisen eine hohe Social-Media-Affinität auf und nutzen die neuen Medien im Kampf gegen Eliten und 'Lügenpresse' (Tanner 2018, 42).

4.1 Online-Propaganda

Ein Phänomen, das mit dieser Entwicklung einhergeht ist die sogenannte Online­Propaganda, mit sich der Zywietz und Sachs-Hombach in ihrem Sammelband zu 'Neuen Methoden populistischer Propaganda' (2018) ausführlich auseinandersetzen. Die beiden Begriffe 'Propaganda' und 'Populismus' spielen dabei eine zentrale Rolle. Propaganda definieren sie zunächst als: [...] diejenige Form strategischer Kommunikation, der es um die (in der Regel manipulative und oft verschleierte) systematische Einwirkung auf öffentliche Überzeugungen geht. Propaganda tritt vor allem in politischen, besonders weltanschaulichen Zusammenhängen auf und wird üblicherweise durch technische Medien vermittelt (Zywietz und Sachs-Hombach 2018, 2).

Der Begriff steht hier nicht nur für die abstrakte Kommunikation, sondern auch für konkrete mediale Texte wie Tweets, Posts, Videos und ähnliches. Ziel der Propaganda könne es sein, relevante Kollektivstimmungen zu erzeugen oder zu verändern (3).

[...]


1 Unter 'postmigrantischer Gesellschaft' versteht Foroutan die Nachwirkungen von Migrationserleben auf die Gesellschaft, auf die migrantischen und nichtmigrantischen Akteure und auf die Politik. Das Präfix 'post' stehe für keinen beendeten Vorgang, sondern drücke vielmehr eine Kontinuität des Prozesses aus (Foroutan 2018, 163).

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Rassismus ohne "Rasse"? Inszenierungsstrategien der AfD auf Facebook
Hochschule
Universität zu Köln  (Medienkultur und Theater)
Veranstaltung
Digitalität und race - Von der digitalen Diaspora zum bioinformatischen Rassismus
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
25
Katalognummer
V505888
ISBN (eBook)
9783346068378
ISBN (Buch)
9783346068385
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rasse, Rassismus, Alternative für Deutschland, Facebook, Online-Propaganda, Inszenierungsstrategien
Arbeit zitieren
Alexandra Vavelidou (Autor), 2018, Rassismus ohne "Rasse"? Inszenierungsstrategien der AfD auf Facebook, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/505888

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