Frauen zur Zeit der Industrialisierung. Wie sah der Alltag der Fabrikarbeiterinnen im 19. Jahrhundert aus?

Unterrichtssequenz für eine 9. Klasse


Unterrichtsentwurf, 2019

14 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Thema der Unterrichtssequenz und der Unterrichtsstunde

2. Unterrichtsbedingungen

3. Unterrichtsbezogene Sachanalyse

4. Didaktische Konstruktion

5. Kompetenzbezüge

6. Begründung der Lehr- und Lernstruktur

7. Unterrichtsverlauf

8. Arbeitsblatt
8.1 Arbeitsblatt
8.2 Arbeitsblatt

9. Quellenverzeichnis

10. Literaturverzeichnis

1. Thema der Unterrichtssequenz und der Unterrichtsstunde

Die Unterrichtssequenz befasst sich mit der Thematik ,,Frauenbilder im 19. Jahrhundert“ und der dazugehörigen Frage ,,Wie entwickelten sich die Frauenbilder im 19. Jahrhundert?‘‘. Die hier geplante Stunde enthält das Thema „Frauen zur Zeit der Industrialisierung‘‘ mit der zu untersuchenden Frage ,,Wie sah der Alltag der Fabrikarbeiterinnen im 19. Jahrhundert aus?“.

2. Unterrichtsbedingungen

Die Schüler der 9. Klasse einer integrierten Sekundarschule (ISS), in der diese Stunde unterrichtet wird, befinden sich hauptsächlich im leistungsschwachen bis mittelstarken Bereich. Der Anteil an Schülern und Schülerinnen1 ist ausgeglichen. Die SuS kennen die Methode der Diskussion mit festgelegten Positionen und können offen im Plenum eine Frage oder eine Aussage beantworten oder diskutieren.

Die SuS haben innerhalb der Sequenz bereits die gesellschaftlichen Strukturen vor und zu Beginn der Industrialisierung kennengelernt und können die Thematik zeitlich einordnen. Ihnen ist sowohl bekannt was Frauenbilder repräsentieren, als auch dass das Bild der Hausfrau das prominente Frauenbild im 19. Jahrhundert ist. Die SuS haben in der vorherigen Stunde unter der Fragestellung: „Die bürgerliche Frau zur Zeit der Industrialisierung – Wie sah der Alltag der bürgerlichen Frau im 19. Jahrhundert aus?“, die alltäglichen Aufgaben bzw. den Alltag der bürgerlichen Frau kennengelernt. Darauf basierend sollen die SuS in der Stunde nun den Alltag der Arbeiterfrau anhand der Fabrikarbeiterinnen erarbeiten, beziehungsweise kennenlernen. In der darauffolgenden Stunde sollen die SuS die Lebenswelt beider Gruppen vergleichen und die jeweiligen Frauenbilder erarbeiten. Gegebenenfalls kann hierbei eine vergleichende Sicht zur heutigen Situation der Frau hergestellt werden.

Da das Klassenzimmer nur über ein Smartboard verfügt, sind Arbeitsblätter unabdingbar, um die Mitschriften der SuS zu sichern. Somit kann sowohl auf den Arbeitsblättern, als auch auf dem Smartboard eine Ergebnissicherung erfolgen. Zum einen beinhalten die Arbeitsblätter2 die benötigten Quellen zur Bearbeitung dieser Thematik und zum anderen ist genügend Platz vorhanden, um die Aufgaben mitzuschreiben und somit die Ergebnisse sichern zu können.

3. Unterrichtsbezogene Sachanalyse

Während in der vorindustriellen Zeit meist die Männer außer Haus den Tätigkeiten nachgingen und die Frauen sich um den Haushalt und die Kindererziehung kümmerten, kam es nun in der Zeit der Industrialisierung zum Wandel dieser Geschlechterrollen. Mit der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beginnenden Industrialisierung, kam es zur Häufung technischer Neurungen, welche den Frauen neue Arbeitsfelder eröffneten, da den Männern die in Handarbeit ausgeführten Tätigkeiten vorbehalten gewesen waren und neue zahlreiche Arbeitsplätze gefüllt werden mussten. Beispielsweise wurde durch die technische Innovation der ,spinning jenny‘, die Produktivität der Arbeiterinnen gesteigert und weitere Arbeitsplätze für Frauen hergestellt.3

Besonders die Textilindustrie hatte großen Einfluss auf den Frauenarbeitsmarkt und blieb im 19. Jahrhundert ,,ein Synonym für Frauenarbeit‘‘4. Dieser Bereich breitete sich aufgrund der steigenden Nachfrage nach Kleidung, Schuhen und Lederwaren aus. Die Arbeiterinnen, die in der Textilindustrie Beschäftigung fanden, waren überwiegend jung und unverheiratet. Die Tätigkeiten fanden auf unterschiedlichen Qualifikationen statt und wurden dennoch unregelmäßig und schlecht bezahlt. Sowohl der niedrige Lohn war ein Charakteristikum der Frauenarbeit zur Zeit der Industrialisierung, als auch die Festlegung der Frauenarbeit auf bestimmte Branchen. Diese Branchen waren unter anderem die ,,Textil-, Bekleidungs-, Schuh-, Tabak-, Lebensmittel- und Lederindustrie‘‘5. Es entwickelte sich ein geschlechtsspezifischer Arbeitsmarkt, bei dem die Frauenarbeit explizit definiert und der Wert der Arbeiterinnen als gering und minderwertig vorausgesetzt wurde. Besonders in den Industriezweigen, welche nur geringe Qualifikationen voraussetzten, war die Fabrikarbeit unter den Frauen sehr verbreitet. Denn nur wenige Frauen konnten sich eine Lehre leisten, da sie selbst während der Lehrzeit nichts verdienten und sogar noch Lehrgeld zahlen mussten. Während in der Metallindustrie oder in technischen Industriezweigen eine hohe handwerkliche Präzision erwartet wurde, lernten die Frauen in der Textilindustrie innerhalb weniger Wochen ihre Arbeitsanforderungen.6 Aus diesem Grund standen die für die Frauen bestimmten Tätigkeitsfelder auf der Hierarchie der Beschäftigungen an unterster Stelle, weswegen die Löhne oftmals nicht einmal den Lebensunterhalt sichern konnten.7

Aber unter welchen Bedingungen erarbeiteten die Fabrikarbeiterinnen diesen niedrigen Lohn. Die Arbeit in der Textil- und Lederfabrik, in der die meisten Frauen tätig waren, war keine körperlich anstrengende Arbeit. Hier wurden nur wenig körperliche und geistige Voraussetzungen erwartet, weswegen Frauenarbeit genügte. Untersucht man die Arbeitszeiten der Fabrikarbeiterinnen, trifft man auf eine beachtliche Anzahl an Stunden. In der Regel arbeiteten sie 12 bis 13 Stunden, aber auch 14 bis 17 Stunden waren nicht ungewöhnlich. Hinzu kommt, dass die Frauen auch in Schichtarbeit arbeiteten, sodass Nachtschichten ebenfalls zum Alltag gehörten. Darüber hinaus lag die Durchschnittstemperatur in den Fabriken bei 70°F, wodurch die Arbeit zusätzlich erschwert wurde. 8

Darüber hinaus litt auch das Familienleben unter der Fabrikarbeit der Frau. Aufgrund der hohen Arbeitszeiten hatte sie kaum Zeit, um sich um ihre Kinder, ihren Mann und um den Haushalt zu kümmern. Sie brachten ihre Kinder zu alten Frauen in Aufsicht, welche den Kindern oftmals Opium einflößten, um das Schreien zu verhindern. Der Mann wurde ebenfalls unbeabsichtigt vernachlässigt. Kam er von seiner Arbeit nach Hause, fand er oftmals keine Mahlzeit oder nur eine hastig und schlecht gekochte Nahrung vor. Die Frauen hatten nicht nur ihre Fabrikarbeit, sondern zusätzlich die häusliche Arbeit zu verrichten. Dabei arbeiteten sie Tag und Nacht. Otto beschrieb den Tagesablauf einer Fabrikarbeiterin wie folgt: ,,½ Stunde für Anziehen und Stillen des Kindes und Hintragen zur Pflegerin, 1 Stunde für die Haushaltspflichten vor der Fabrikarbeit, ½ Stunde für den Weg zur Fabrik, dann 12 Stunden Arbeit, 1 ½ Stunden für Mahlzeiten, ½ Stunde für die Heimkehr, 1 ½ Stunden für Haushaltspflichten. Im ganzen 17 ½ Stunden Arbeit. Es bleiben nur 6 ½ Stunden für Erholung und Schlaf‘‘9. Der Tagesablauf einer Fabrikarbeiterin war stets durchgetaktet und schweißtreibend gewesen.10

Die Motive und Gründe, weshalb die Frauen der Fabrikarbeit nachgingen und sich ihren Alltag erschwerten, sind ausgesprochen unterschiedlich. Zum einen kam es aufgrund der Industrialisierung und der damit verbundenen technischen Neuerungen zum Verfall der gewerblichen häuslichen Arbeit, zum anderen genügte der Verdienst des Mannes nicht aus, um die Familie zu ernähren. Auch die Urbanisierung führte dazu, dass Nebentätigkeiten auf dem Felde wegfielen und Scheuer-, Putz- und Wascharbeiten schlechter bezahlt wurden als die Fabrikarbeit. Ebenso führten weitere familiäre Probleme, wie beispielsweise das Leben als Witwe, zu Geldnot, sodass die Frauen ebenfalls arbeiten gehen mussten.11

4. Didaktische Konstruktion

Der Berliner Rahmenlehrplan für die Sekundarstufe I stellt den Lehrenden in der Klassenstufe 9/10 sieben verschiedene Wahlmodule zur Verfügung. Die Thematik ,Frauen zur Zeit der Industrialisierung‘ wird im Rahmen des Wahlmoduls ,,Geschlechteridentitäten: Frauenbilder oder Männerbilder oder sexuelle Vielfalt‘‘12 unterrichtet. Aus dem Modul wird der vorgeschriebene Zeitraum des 19. Jahrhunderts mit der Periode der Industrialisierung gewählt. Aufgrund der Vielzahl möglicher Frauenbilder zur Zeit der Industrialisierung, muss hier eine genaue Spezialisierung auf ein bestimmtes Frauenbild erfolgen. Aus diesem Grund wird der Schwerpunkt auf die Fabrikarbeiterinnen gesetzt, da man anhand dieser Frauen den gesellschaftlichen und strukturellen Wandel der Industrialisierung aufgrund ihres Alltags explizit erkennen und veranschaulichen kann. Ziel dieses Schwerpunkts ist es demnach, dass die SuS den neuen Alltag der Arbeiterfrau mittels der Fabrikarbeiterinnen erlernen.

Neben der Entscheidung einer Thematik in Verbindung eines bestimmten Moduls, ist die Festlegung der fachdidaktischen Prinzipien für die Unterrichtsplanung von zentraler Bedeutung. Diese Prinzipien sollen den SuS helfen, ein reflektiertes Geschichtsbewusstsein zu entwickeln. Für die hier dargestellte Unterrichtsstunde werden die Prinzipien ,,Problemorientierung‘‘13 und ,,Personifizierung‘‘14 festgelegt. Bei dem ersten Prinzip werden historische Fragen verwendet, welche mit den Interessen der SuS verbunden sind. Der Effekt der historischen Fragen ist die Korrelation der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, welche die SuS im Unterricht selbstständig erkennen sollen.15 Mandl und Reinmann- Rothmeier beschrieben fünf Leitlinen zur Herstellung von historischen und problemorientierten Fragen16. Zunächst muss auf die Aktualität geachtet werden, sodass die historischen Fragen für die SuS authentisch wirken. Weiterhin sollen die SuS ihr Wissen in Verbindung verschiedener Kontexte erlernen, sodass es nicht zum Sammeln von trägem Wissen kommt. Ein weiteres Kriterium beschreibt die Verwendung von verschiedenen Perspektiven innerhalb eines Themas. Außerdem soll die soziale Handlungsfähigkeit der SuS gestärkt werden, indem vermehrt Gruppenarbeit angewandt wird und die Methodik der Einzelarbeit weniger Nutzen findet. Auch der Lehrende bekommt zentrale Aufgaben, die zur Erfüllung des Ziels der historischen Fragen dienen. Hierbei soll die Lehrkraft auf den Frontalunterricht verzichten und eine unterstützende und anleitende Haltung einnehmen.17 Unter Berücksichtigung dieser Leitlinien wurde die in Kapitel 1 dargestellte Stundenfrage aufgestellt und in die Unterrichtsplanung mit einbezogen. Das zweite fachdidaktische Prinzip der ,,Personifizierung‘‘18 stützt sich auf die Verwendung von namenlosen Personengruppen. Im Gegensatz zur Personalisierung, bei dem nur ein Individuum beziehungsweise eine große Persönlichkeit betrachtet wird, werden hier gesellschaftliche Gruppierungen untersucht. Besonders soziale Aspekte der Personengruppen, wie beispielsweise die Hoffnungen oder das Leid der Menschen, werden im Rahmen dieses Prinzips veranschaulicht. Ein weiterer Vorteil dieser Herangehensweise ist die leichtere Herstellung eines geschichtlichen Zusammenhangs zwischen Ereignisse und Persönlichkeiten für die SuS.19 Aufgrund dieser Stärken des Prinzips, wurde in dieser Unterrichtsstunde die Personengruppe der Fabrikarbeiterinnen behandelt. Die SuS können somit einen leichteren Einblick in den Alltag und die soziale Situation der Fabrikarbeiterinnen gewinnen.

[...]


1 Im Folgenden mit SuS abgekürzt.

2 Im Folgenden mit AB abgekürzt.

3 Vgl. Nonn, Christoph, Das 19. und 20. Jahrhundert. 3. Durchgesehene Auflage, Paderborn 2014, S. 35-39.

4 Scott, Joan W., Die Arbeiterin, in: Duby, Georges / Perrot, Michelle (Hgg.), Geschichte der Frauen. Band 4. 19. Jahrhundert, Frankfurt / New York, S. 451-497, S. 457.

5 Ebd. S. 460.

6 Vgl. Frevert, Ute, Frauen-Geschichte. Zwischen Bürgerlicher Verbesserung und Neuer Weiblichkeit, Frankfurt am Main 1986, S. 81-84.

7 Vgl. Ebd., S. 456-461.

8 Vgl. Otto, Rose, Über FabrikarbeitverheirateterFrauen, Stuttgart und Berlin1910, S. 10-14.

9 Ebd., S 16.

10 Vgl. Ebd., S. 15f.

11 Vgl. Ebd., S. 81.

12 BerlinerRahmenlehrplan Sekundarstufe I. Teil C Geschichte, Berlin 2006, S. 34.

13 Thünemann, Holger, Unterrichtsplanung und Verlaufsformen, in: Günther-Arndt, Hilke/Saskia, Handro (Hrsg.), Geschichts-Methodik. Handbuch für die Sekundarstufe I und II, 5. Überarbeitete Neuauflage, Berlin 2015, S. 257-268, S. 263.

14 Lindner/Balling, Personalisierung und Personifizierung, in: Pädagogische Hochschule Karlsruhe, Prinzipien des GU, 2013, abgerufen von http://geoges.ph- karlsruhe.de/mhwiki/index.php5/Personalisierung_und_Personifizierung [27.06.2019].

15 Vgl. Thünemann 2015, S. 263f.

16 Vgl. Knoll, R., Problemorientierung im Geschichtsunterricht, in: Pädagogische Hochschule Karlsruhe, Prinzipien des GU, abgerufen von http://geoges.ph- karlsruhe.de/mhwiki/index.php5/Problemorientierung_im_Geschichtsunterricht [27.06.2019].

17 Vgl. Ebd.

18 Vgl. Lindner/Balling 2013, abgerufen von http://geoges.ph- karlsruhe.de/mhwiki/index.php5/Personalisierung_und_Personifizierung [27.06.2019].

19 Vgl. Ebd.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Frauen zur Zeit der Industrialisierung. Wie sah der Alltag der Fabrikarbeiterinnen im 19. Jahrhundert aus?
Untertitel
Unterrichtssequenz für eine 9. Klasse
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Geschichtswissenschaften)
Veranstaltung
GS II Planung von Geschichtsunterricht
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
14
Katalognummer
V506121
ISBN (eBook)
9783346063236
ISBN (Buch)
9783346063243
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Industrialisierung, Alltag der Fabrikarbeiterinnen, Fabrikarbeiterinnen, Fabrikarbeiter, 19. Jahrhundert, Frauen im 19. Jahrhundert, Geschichtsunterricht, Unterrichtsstunde Geschichte
Arbeit zitieren
Sophie Schönherr (Autor), 2019, Frauen zur Zeit der Industrialisierung. Wie sah der Alltag der Fabrikarbeiterinnen im 19. Jahrhundert aus?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/506121

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