Emotionsfokussierte Beratung im schulischen Feld. Die Perspektive der Humanistischen Psychologie und Pädagogik


Masterarbeit, 2014

111 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

A Humanistische Psychologie und Pädagogik

A.I Humanistische Psychologie
I.1 Entstehung der Wissenschaft
I. 1. 1 Wurzeln
I. 1. 2 Gesellschaftliche Einflüsse
I. 1. 3 Phänomenologisches und existenzialistisches Denken
I. 1. 4 Bedeutung der Transzendenz
I.2 Menschenbild
I. 2. 1 Bedeutung der historischen Epoche
I. 2. 2 Authentizität des Menschen
I. 2. 3 Ganzheit des Menschen
I. 2. 4 Bewusstheit und Sinnorientierung
I. 2. 5 Freiheit und Bezogenheit
I. 3 Prozessorientierte Ansätze
I. 3. 1 Gesprächstherapie
I. 3. 2 Gestalttherapie
I. 3. 3 Psychodrama
I. 3. 4 Bioenergetik
I. 3. 5 Themenzentrierte Interaktion (TZI)
I. 3. 6 Transaktionsanalyse (TA)

A. II Einflüsse auf die Pädagogik
II. 1 Beziehung zwischen Psychologie und Pädagogik
II. 1. 1 Psychologie
II. 1. 2 Pädagogik
II. 1. 3 Nähe und Distanz der Wissenschaften
II.2 Humanistische Pädagogik
II. 2. 1 Entwicklung
II. 2. 2 Anliegen
II. 2. 3 Überschneidungen in der Praxis

B Beziehungen gestalten und Kontakte knüpfen

B. I Therapie – Beratung – Pädagogik
I.1 Zusammenhang Therapie und Beratung
I. 1. 1 Therapie
I. 1. 2 Beratung
I. 1. 3 Nähe von Therapie und Beratung
I.2 Zusammenhang: Therapie und Pädagogik

B. II In Beziehung gehen
II. 1 Beziehungsaspekte in der Gesprächs- und Gestalttherapie
II. 1. 1 Beziehungen herstellen
II. 2. 2 Kontakte knüpfen
II. 2. 3 Beziehung zwischen Klient und Therapeut
II. 2. 4 Beziehung von Individuum zu seinem Selbst
II. 2. 5 In Kontakt mit dem Bewusstsein
II. 2. 6 Beziehung zwischen Gegenwart und Erfahrung
II. 2. 7 Beziehung zwischen Entwicklung – Wachstum – Veränderung
II. 2. 8 Beziehungsindikator Emotionen
II. 2. 9 Beziehung zwischen Gesprächstherapie und Gestalttherapie
II. 2 Übertragung auf die Emotionsfokussierte Therapie
II. 2. 1 Das Konzept
II. 2. 2 Einflüsse
II. 2. 2. 1 Humanistische Therapien
II. 2. 2. 2 Erlebnisorientierte Theorie
II. 2. 2. 3 Aspekte
II.3 Darüber hinaus
II. 3. 1 Marker
II. 3. 2 Zwei-Stuhl-Technik
II. 3. 3 Wirksamkeit

C Emotionsfokussierte Therapie - Emotionsfokussierte Beratung?

I. Bezug zwischen Pädagogik - psychosozialer Beratung – EF-Beratung

II. Bedarf einer EF-Beratung
II. 1 Stress
II. 2 Angst
II. 3 Depression
II. 4 Auswirkungen auf Lern- und Leistungsprozesse

III. Einbettung in einen pädagogischen Kontext
III. 1 Beratungsangebote an Schulen
III. 2 Emotionsfokussierte Beratung – eine Erweiterung der Schulberatung?
III. 3 Mögliche Ansatzpunkte für die Praxis

IV. Exemplarische Fallbeispiele
IV. 1 Emotionsfokussierte Schüler-Beratung
IV. 2 Emotionsfokussierte Lehrer-Beratung

Fazit

Vorwort

„Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt, wobei letzterer den ersten bestimmt.“1

Durch diese Aussage stellt der Kommunikationswissenschaftler und Psychotherapeut Paul Watzlawick in seinem Modell der 5 Axiome der Kommunikation eine Verbindung zwischen Kommunikation und Beziehungen her. Die Informationsvermittlung verlaufe demnach nicht nur über den weitergegebenen Inhalt, sondern vor allem über die zwischenmenschliche Beziehung beider Kommunikationspartner. Somit kommt eine neue Komponente mit ins Spiel: Emotionen.

Die genannten Aspekte werden in der vorliegenden Arbeit den Leitfaden bestimmen.

Es geht um Kommunikation und Kontakterfahrungen, nicht nur zwischen Personen, sondern auch zwischen Gegenständen, Wissenschaften, Ideen und Ansätzen.

Wiederum werden Beziehungen, welche nach Watzlawick in jedem Kommunikationsprozess vorherrschen, eine besondere Rolle zugetan und in verschiedenen Kontexten betrachtet oder neu hergestellt.

Alle vollzogenen Schritte stehen unter dem Aspekt der Emotionen. Diese werden nicht als Konsequenz von Beziehungen verstanden, sondern zum einen als Basis, dass diese überhaupt entstehen können, zum anderen als Kern jedes menschlichen Handelns.

Die vorliegende Arbeit ist ein Versuch, nach einer theoretischen Auseinandersetzung mit humanistischen Therapieformen, den Ansatz der Emotionsfokussierten Therapie näher zu betrachten und ihn in Form einer Emotionsfokussierten Beratung für das pädagogische Handlungsfeld Schule umzuformulieren.

Die Auseinandersetzung erfolgt anhand drei großer Kapitel.

Das erste Kapitel wird die Beziehung zwischen Humanistischer Psychologie und Humanistischer Pädagogik herausarbeiten, wobei Bezug zur Entstehungsgeschichte und zum Menschenbild des Humanismus genommen wird. Weiterhin werden prozessorientierte Therapieansätze beschrieben, die anschließend aufgegriffen werden, um ihren Einfluss auf die heutige Pädagogik zu zeigen.

Im zweiten Kapitel werden Beziehungen anhand bestimmter Aspekte genauer herausgearbeitet. Nachdem Therapie, Beratung und Pädagogik in Zusammenhang gestellt wurden, liegt der Fokus auf zwei humanistischen Therapien – der Gesprächstherapie nach Carl Rogers und der Gestalttherapie nach Frederick S. Perls.

Diese sind impulsgebend für den Schwerpunkt der anschließt: das Konzept der Emotionsfokussierten Therapie nach Leslie S. Greenberg. Dieser Ansatz wird ausführlich analysiert, um im dritten Kapitel eine Beziehung zur Pädagogik herzustellen.

Beziehungsvermittler zwischen Emotionsfokussierter Therapie und Pädagogik soll die Beratung darstellen. In hypothetischer Ausführung wird ein Konzept beschrieben, wie eine Emotionsfokussierte Beratung an Schulen umsetzbar wäre. Dabei werden unter anderem der Bedarf einer solchen Beratung durch aktuelle psychische Belastungen bei Schülern und Lehrern bestätigt und exemplarische Fallbeispiele aufgezeigt.

Die Arbeit schließt durch ein Fazit, das Ausblick auf weitere Umsetzungsmöglichkeiten und weiterführende Denkanstöße geben soll.

A Humanistische Psychologie und Pädagogik

Der Humanismus beschreibt ein Bildungsideal, welches die Würde des Menschen unter Berücksichtigung seines bewussten Handelns betont. Inwieweit dieser Anspruch von der Psychologie und der Pädagogik aufgegriffen und umgesetzt wurde – und immer noch wird – soll in diesem Kapitel geklärt werden.

Dazu wird zunächst der Fokus auf die Humanistische Psychologie, anschließend auf die Humanistische Pädagogik gelegt, wobei beide Wissenschaften letztlich miteinander verglichen werden.

A.I Humanistische Psychologie

„Humanistische Psychologie will […] aufzeigen, wie sich Menschen der Fremdsteuerung und ausschließlichen Anpassung an vorgegebene gesellschaftliche Bedingungen entziehen können, um zu menschlicheren Verhältnissen und Beziehungen vorzudringen.“ (G. Karmann2 )

I.1 Entstehung der Wissenschaft

Die Annahme, den Menschen in seiner Ganzheit einschließlich seinen anthropologischen Voraussetzungen und als aktives Geschöpf mit der Freiheit der Wahl wahrzunehmen, unterlag unterschiedlichen Einflüssen, die letzten Endes die Perspektive der humanistischen Psychologie (HP) ausmachen.

I. 1. 1 Wurzeln

Ihren Ursprung findet die HP auf den ersten Blick in den USA, wo bereits Ende des 19. Jahrhunderts der Ansatz einer Psychologie aufkam, die sowohl die Ganzheit als auch die Einzigartigkeit eines Individuums zu berücksichtigen versuchte.

Durch die Persönlichkeitspsychologen3, zu denen dieser Zeit unter anderem Abraham Maslow4 gehörte und der als „Vater der Humanistischen Bewegung“5 gilt, verbreitete sich die Idee in Wissenschaft und Forschung in den 1930er Jahren. Etwa 30 Jahre später trat die HP als psychologische Perspektive in die Öffentlichkeit; beispielsweise durch das „Journal of Humanistic Psychology“6, welches 1961 erstmals herausgegeben wurde.

Weiterhin wurde die HP etwa zehn Jahre nach ihrer öffentlichen Erscheinung offiziell akademisch anerkannt, indem sie in den amerikanischen Psychologen-Verband (American Psychological Association7 ) aufgenommen wurde.

Durch die internationale Konferenz in Holland 19708 gelangte die auf das Individuum gerichtete Psychologie nach Europa.

Bei genauerem Hinsehen entstammt der Gedanke einer ganzheitlichen Psychologie jedoch nicht in erster Linie aus amerikanischen Vorstellungen, sondern ist auf jüdische Wurzeln zurückzuführen.

Nicht nur die Eltern Maslows waren jüdisch-ukrainische Immigranten, sondern auch der bedeutende Sozialpsychologen und Philosoph Erich Fromm stammte aus einer religiös jüdischen Familie. Aus Annahmen dieses Glaubens festigte er zu Beginn des 20. Jahrhunderts die HP und galt als Vertreter des humanistischen Sozialismus.

Die Annahmen, welche Fromm vertrat, zog er aus der konservativen jüdischen Orthodoxie, der ganzheitlich gelebten Religion, deren Traditionen er auf die Menschheit zu übertragen versuchte. Gemäß der Vorstellung eines verwurzelten, wachsenden Lebensbaums war Fromms Erkenntnis auf die Entfaltung des Menschen und seinen Potenzialen gerichtet. Von dieser erkenntnisleitenden Perspektive, die Ansprüche religiöser Erfahrungen vertritt, ohne einen Gott oder eine Kirche zu fordern, ließen sich seinerzeit viele Philosophen und Psychologen inspirieren.

I. 1. 2 Gesellschaftliche Einflüsse

Damit eine neue Auffassung des Menschen und dessen Verhalten Aufmerksamkeit und Akzeptanz in der Gesellschaft erfahren kann, müssen in dieser passende Umstände und Meinungen vorherrschen. Somit waren es nicht zuletzt gesellschaftliche Einflüsse, die zu der Ausbreitung und praktischen Anwendung der HP führten.

Indem humanistische Psychologen bei der Analyse menschlichen Verhaltens sowohl die Lebensgeschichte des Klienten, als auch das gegenwärtige Befinden miteinbezogen, setzten sie sich damit von den bis dorthin geltenden Modellen der Psychodynamik und des Behaviorismus ab. Die Vertreter der humanistischen Perspektive wandten sich einerseits von der These Freuds ab, der Mensch würde durchweg durch seine innenwohnenden Triebe und Instinkte angeführt werden, andererseits auch von der Annahme, dass jedes menschliche Handeln durch äußere Einflüsse manipuliert werden könne.

Durch den positiven Blick auf den aktiven und unabhängigen Menschen bildete die HP eine Alternative zu den parallel existierenden Perspektiven und fand rasch Anklang in der Bevölkerung.

Weiterhin vertrat die HP Grundüberzeugungen der politisch-sozialen Bewegung „Human Potential Movement“9, was die Nähe zwischen der Psychologie als Wissenschaft und der Akzeptanz in der Gesellschaft begünstigte.

Zu den angesprochenen Einstellungen zählten neben der Ablehnung eines „role-taking“-Verhaltens10 zudem die Forderung der Bewusstseinserweiterung durch Einbezug der Sinne und des Körpers. Ziel war die persönliche Entwicklung des Menschen, welche auch in der HP Priorität erfuhr.

I. 1. 3 Phänomenologisches und existenzialistisches Denken

Neben gesellschaftlichen Voraussetzungen und Ansichten zählen zudem philosophische Grundlagen in die Entstehung einer neuen psychologischen Wissenschaft.

Dafür soll hinsichtlich der HP auf die Denkweise der Phänomenologie und des Existenzialismus eingegangen werden, die zwar in den Annahmen als Basis gewertet werden kann, die Entwicklung von Philosophie und Psychologie jedoch weitgehend unabhängig voneinander verliefen.

Dementsprechend können beide philosophischen Denkweisen zwar nicht als Ursache der HP aufgezeigt werden, können aber in ihren Grundannahmen zu einem besseren Verständnis der Psychologie und ihren führen.

Die „Lehre vom wesensschauenden Bewusstsein“, wie die Phänomenologie von Schischkoff betitelt wird11, werde dann zur Psychologie, wenn sie selbst die „Einsicht, also Verständnis für das Seelen- und Geistesleben“12 liefere. Psychischen Prozessen gehen demnach Annahmen über das Wesen des Menschen voraus, wobei sich die bedeutsame Rolle der Innensicht sowohl in der Phänomenologie, als auch in der HP zeigt.

Maslow zeigt eine weitere Gemeinsamkeit auf, indem er die Methode der Phänomenologen zwar als „qualvoll genau und langwierig“13 beschreibt, jedoch anschließt, dass es der „beste Weg zum Verständnis eines anderen menschlichen Wesens“14 ist, in dessen Weltanschauung eindringen zu können um die Außenwelt aus dessen Perspektive zu sehen.

Demnach überschneiden sich Philosophie und Psychologie hier darin, dass das Subjekt in seiner Individualität hervorgehoben wird15.

Neben dem Einfluss der Phänomenologie auf die HP kann eine weitere Beziehung zwischen HP und Existenzialismus hergestellt werden.

„Alles wesentlich Wirkliche ist für mich nur dadurch, dass ich selbst bin“ - ein Ausspruch des dänischen Philosophen Kierkegaards16 fasst den Hauptgedanken dieser philosophischen Strömung zusammen und bildet zudem eine Parallele der humanistischen Grundhaltung.

Weitere Aspekte, welche sowohl die existenzielle Denkweise mit der HP verbinden, zusätzlich auch die Phänomenologie in Beziehung zu ihnen setzt, sind beispielsweise die Abwendung von Wissenschaften und Religionen als äußere Wertquellen für konkretes menschliches Handeln. Ihnen gegenüber stehen individuelle und bewusste Entscheidungen des Subjekts.

Der „unmittelbare[n] Erfahrung“17 wird ein hoher Stellenwert zugemessen, da das Subjekt durch diese ihre Realität bildet und in Frage stellt; diese Erfahrungen seien jedoch nie festgelegt, sondern unterlägen einer ständigen Entwicklung; Schemata werden geöffnet und erweitert18.

Anknüpfend an der Erfahrung konnte auch die Anthropologie eines Menschen in psychologischen Kontexten nicht mehr ignoriert werden. Vielmehr sah die HP, wie auch der Existenzialismus, konkret in der Lebensgeschichte des Individuums Begründungen für dessen Verhalten und Denken.

Die Annahme des Existenzialismus, der Mensch habe durch seine Existenz eine Willens- und Entscheidungsfreiheit im Umgang mit dem eigenen Selbst, für die es selbst Verantwortlichkeit übernehmen muss19, spiegelt sich auch in Haltungen der HP wider. Diese betont das selbstbestimmte menschliche Handeln, die Stärkung der eigenen Person und die Rolle des Mutes. Zwar würden grundlegende Bedingungen wie Geschlecht und Rasse der Existenz und dem Handeln des Menschen Grenzen setzen, könnten beides aber nicht völlig bestimmen20.

Möchte man nun die Beziehung zwischen den drei aufgeführten Größen darstellen, kann zunächst der Existenzialismus als „Anwendung der Phänomenologie“21 in bestimmten Bereichen gesehen werden.

Diese Bereiche bilden die Brücke zu der humanistischen Perspektive, indem sie, angelehnt an den vorher aufgezählten Gemeinsamkeiten, auf die Aspekte reduziert werden, die den Menschen und sein Handeln beschreiben: die Persönlichkeit, die Motivation des Handelns und die Orientierung am Prozess.

I. 1. 4 Bedeutung der Transzendenz

Als transzendent gilt etwas, das außerhalb der möglichen Erfahrung liegt und nicht durch die fünf definierten Sinne wahrnehmbar ist. Dementsprechend erfasst die Transzendenz Dinge und Prozesse, die im Bereich der Vorstellung liegen; eine Grenze zwischen Erfahrung und dem Überirdischen wird überschritten.

Diese Einbeziehung dieser religiösen Annahme in die HP erfordert eine „sehr umsichtige Vorgehensweise“22: Die HP schließt in ihrem Ansatz etwas übersinnlich Wahrnehmbares nicht von Grund auf aus und ist auch in ihren Methoden für eine spirituelle Richtung offen. Trotzdem kann die HP nicht mit der Transpersonalen Psychologie gleichgesetzt werden: Mystische Erfahrungen, die einmalig passieren, aber nicht nachvollziehbar sind, gehören nicht zu den Vorstellungen der HP. Stattdessen integriert sie, als Wissenschaft, Phänomene, die allgemein gültig und allen Menschen zugänglich sind23.

I.2 Menschenbild

„Das Menschenbild der HP ist eine Abstraktion, die zunächst hilft, es gegenüber anderen Vorstellungen vom Mensch-Sein abzugrenzen“24.

Nach einer kurzen Darstellung der Rolle der geistigen Strömung des Humanismus in der Renaissance werden Grundannahmen, die das Menschenbild der HP formen, aufgezeigt25.

I. 2. 1 Bedeutung der historischen Epoche

Der Blick auf den Menschen in der HP kann als holistisch, ganzheitlich, beschrieben werden, welcher auf das Ziel zurückgeht, ein Verständnis über die Person als Ganzes zu erlangen.

Diese Betrachtung resultiert nicht zuletzt aus den Vorstellungen der geistigen Strömung des Humanismus im 14. bis 16. Jahrhundert, welche in Anlehnung an die Antike auf ein Idealbild des Menschen abzielte. Ein, für Martin Luther, „neuer Mensch“26, der seine Persönlichkeit sowohl in theoretischer als auch moralischer Hinsicht frei entfalten könne. Ein Mensch, der „sich als eigenverantwortlich denkende[s] und handelnde[s] Individuum begreift, ohne jedoch ihren Platz innerhalb der sozialen Ordnung und deren Ethik aus dem Blick zu verlieren“27.

Die Orientierung der HP an der historischen Epoche ist augenscheinlich, obwohl Erstgenanntes erst Jahrhunderte später praktiziert wurde.

I. 2. 2 Authentizität des Menschen

"In meinen Beziehungen zu Menschen habe ich herausgefunden, dass es auf lange Zeit nicht hilft, so zu tun, als wäre ich jemand, der ich nicht bin [...]. Mir scheint, ich erreiche mehr, wenn ich mir selbst zustimmend zuhören kann, wenn ich ganz ich selbst sein kann"28.

Ist es das Ziel des Menschen, authentisch zu leben, ist er sich zudem gleichzeitig über ein Nicht-Sein bewusst, dessen Lebensform er verneint. Trotz „existenzieller Unsicherheit“29 und dem Bewusstsein über einen unvermeidbaren Tod, fällt er Entscheidungen und steht für sie ein.

Das Selbst steht im Zentrum, genauso wie die Erfahrungen, die es erlebt.

Diese können nicht von einem Außenstehenden beurteilt werden, genauso wenig wie die Bewertung, ob das Subjekt seine Authentizität erreicht hat – nur das Subjekt selbst kann dies in dem gegenwärtigen Augenblick seiner Existenz erleben30.

I. 2. 3 Ganzheit des Menschen

Um den Menschen umfassend wahrnehmen zu können, muss die ganze Person in der Situation erfasst werden.

Die Ganzheit des Menschen umschließe „die wechselseitige Bezogenheit aller psychischen Prozesse aufeinander und die Einheit des Menschen mit seiner für ihn bedeutungsvollen Umgebung“31.

Demnach gehört die Berücksichtigung der Beziehungen zwischen Emotion-Kognition-Körper mit in das Menschenbild der HP.

I. 2. 4 Bewusstheit und Sinnorientierung

Der Begriff der Bewusstheit soll hier in Beziehung mit Intentionalität gebracht werden, der definiert wird, als dass es keine rein zufälligen psychischen Ereignisse gebe32.

Ist von einem bewussten Handeln die Rede, bedeutet das nicht, dass sich der Mensch schon im Voraus über desselben bewusst ist; sein Handeln kann ihm während des Prozesses oder im Nachhinein bewusst werden. Dieser Prozess der Bewusstmachung soll in der HP und den an ihr anknüpfenden Therapien besonders gefördert werden.

Weiterhin strebe der Mensch nach Annahmen der HP danach, seinem Handeln Sinn zu verleihen – ein Streben nach Verwirklichung seiner gestellten Aufgaben und damit im besten Fall nach Selbstverwirklichung33.

Die Suche nach dem Sinnhaften und dessen anschließende Verwirklichung über die eigene Existenz hinaus, kann in der HP als Merkmal der Motivation gewertet werden.

I. 2. 5 Freiheit und Bezogenheit

Die Bedeutung der Freiheit bezieht sich im Kontext der HP auf die Wahlmöglichkeiten und die Freiheit der Entscheidung. Nach Sartre kann der Mensch „Ja“ oder „Nein“ zu seinem Leben sagen34. So vertritt die HP die Auffassung, dass das handelnde Subjekt danach strebt, sich und seine Umwelt aktiv zu gestalten35.

Wieder bedingt sich diese Bestrebung mit den anderen Annahmen, wie der Verantwortlichkeit, dem sich der Mensch in seinem Handeln nicht entziehen kann. Weiterhin ist die gefallene Entscheidung Folge von Bewusstheit und Sinnorientierung.

Die Freiheit kann jedoch nicht ohne Umwelt-Bezogenheit gelebt werden, welche jede Entscheidungen des Individuums mit beeinflusst und eine reine Freiheit wiederum begrenzt.

Im humanistischen Sinne ist es, nicht nur die eigene Freiheit, sondern auch die der Umwelt, die aus weiteren aktiv handelnden Individuen besteht, zu akzeptieren

Zusammenfassend zum wirkenden Menschenbild in der HP kann festgestellt werden, dass sich alle Annahmen gegenseitig beeinflussen und bedingen.

Grob kann als Kerngedanke formuliert werden, dass die Hauptaufgabe des Menschen im Streben nach positiver Entwicklung bestehe36.

Wie diese sich speziell auf die charakterisierenden Ansätze der HP auswirkt, soll im nächsten Punkt beschrieben werden.

I. 3 Prozessorientierte Ansätze

Humanistische Ansätze, die auch heute noch praktiziert werden, gleichen sich in der Betonung der Integrität der persönlichen und bewussten Erfahrung und der Realisierung der persönlich enthaltenden Potentiale einer Person. Durch das Ziel der Selbstverwirklichung, das nach Meinungen verschiedener Persönlichkeitstheoretikern wie unter anderem Carl Rogers und Abraham Maslow die einzige Motivation zu aktivem Handeln darstellt, wird die Prozesshaftigkeit erkennbar.

Im Folgenden sollen die prägendsten Therapieformen der HP kurz umrissen werden.

I. 3. 1 Gesprächstherapie

Die Gesprächstherapie, für die Carl Rogers mit seinem Leitprinzip der unbedingten positiven Wertschätzung als Hauptvertreter gilt, wird in der Wissenschaft auch mit einer non-direktiven und klientenzentrierten Therapie gleichgesetzt.

Von allen Therapieansätzen steht sie den Annahmen des Existenzialismus‘ am nähesten. Sie kann zu den Typen der Beziehungstherapien eingeordnet werden und hat als Ziele die Echtheit der Kommunikation37 sowie die Selbstempathie und -wertschätzung. Durch seine Sprache und den Ausdruck von Gefühlen und Wahrnehmungen stellt der Klient dem Therapeuten sein Innenleben dar. Die Reaktion des Therapeuten zeichnet sich durch Spiegeln und aktives Zuhören aus.

Das Prozesshafte liegt in der dyadischen „face-to-face“- Interaktion selbst, durch die der Klient an Erkenntnis gewinnen soll. Durch sein nicht-direktives Verhalten und dem Ausschluss persönlicher Wertung führt ihn der Therapeut zu dieser hin, ohne dem Klienten selbst einen Weg vorzugeben. In diesem Sinne erreicht der Klient die Selbststeuerung, erkennt das Sinnhafte und ist damit der Verwirklichung seiner selbst nähergekommen.

I. 3. 2 Gestalttherapie

Die Therapieform der Gestalttherapie vertritt die Annahme, dass der Erkenntnisgewinn des Klienten durch die phänomenologische Betrachtung der Gegenwart stattfinde. Die Integration des Selbst sowie bewusstes und zielgerichtetes Handeln im „Hier und Jetzt“ gelten als Leitziele.

Neben der inhaltlichen Seite der Sprache werden in diesem Verfahren auch sprachliche Symbole und der Körperausdruck berücksichtigt.

Ähnlichkeiten zur Gesprächstherapie zeigt die Gestalttherapie insofern, als dass sie auch prozessorientiert und der Klient selbstexplorierend vorgeht. Trotzdem kann diese Interventionstechnik hier ergänzend auch strukturorientiert sein, außerdem direktiv-eingreifend statt non-direktiv.

Inspiriert durch das Psychodrama, das anschließend als weiterer Ansatz vorgestellt wird, bedient sich die Gestalttherapie Hilfsmitteln und Inszenierungen38, um ihren Zielen näherzukommen.

I. 3. 3 Psychodrama

In den 30er Jahren erregte Jacob Levy Moreno mit einem Konzept der Gruppentherapie, das auf Forschungen mit Ehepaaren zurückging, große Aufmerksamkeit. Durch die erstmalige Annahme des „Therapeut[en] als Vermittler im therapeutischen Prozess“39 stieß es zusätzlich auf Widerstand.

Ergänzend zur Psychoanalyse zeichnet sich das Psychodrama, auch als Gruppenpsychotherapie bekannt, darin aus, dass nicht nur eine Bezugsperson Muster und Verhaltensweisen eines Kindes präge, sondern dass „der Charakter […] von mehreren interagierenden Beziehungen der (Familien-)Gruppe“ beeinflusst werde40.

Die Therapie findet in einem kreativen, theaterähnlichen Setting statt und verfolgt verschiedene Handlungsschritte41.

Grundlage des Konzepts war Morenos Annahme, dass menschliches Tun primär die Ausübung von Rollen sei, wodurch sich das Selbst durch diese aktive Handlung weiterentwickeln würde. Orientiert am Menschenbild der HP sieht auch das Psychodrama den Menschen als Subjekt, das Verantwortung für sein eigenes Verhalten übernimmt, jedoch auch eine große Mitverantwortung für die Handlung gesellschaftlicher Systeme und Gruppen, beispielsweise die Familie, trägt.

Im inszenierten Rollenspiel sollen zwischenmenschliche Beziehungen geklärt, Kommunikationsstörungen behoben und mögliche neue Verhaltensweisen erlernt werden, welches zu einem Verständnis und einer Bewusstseinserweiterung des Klienten führen soll. Er selbst ist Protagonist, die Gruppe fungiert als „Hilfs-Iche“42 in Form von Mitspielern oder Publikum, während der Therapeut die Leitung übernimmt.

Die therapeutische Arbeit ist damit, wie die anderen prozessorientierten Ansätze, geprägt durch Dynamik und Veränderung und zielt durch die Methode des dramatischen Spiels auf Ganzheitlichkeit. Im Gegensatz zur Gesprächstherapie, die ihren Fokus rein auf das Gespräch an sich legt, bedient sich das Psychodrama an Hilfsmitteln wie Stühlen und anderen Requisiten, die von der Gestalttherapie aufgegriffen wurden.

I. 3. 4 Bioenergetik

Wie bereits angemerkt fand in der HP durch ihre ganzheitliche Wahrnehmung des Menschen auch die Beziehung zwischen Emotion-Kognition-Körper mehr Beachtung, was sich unter anderem in dem therapeutischen Ansatz der Bioenergetik, entwickelt durch Amerikaner Alexander Lowen Mitte des 20. Jahrhunderts, zeigt.

Durch gezielten Einsatz des Körpers, beispielsweise bestimmter Atemtechniken, sollen noch nicht erkannte oder verlorene Potentiale der Persönlichkeit entdeckt und entfaltet, des Weiteren unterdrückte Emotionen aufgedeckt werden43. Das Psychische wird durch Körperausdruck, Bewegung und den Ausdruck der vorherrschenden Emotionen repräsentiert.

Der Therapeut hat die Aufgabe, den Körper des Klienten, wie Körperhaltung, Gesichtsausdruck und dessen Energieniveau zu analysieren und in Beziehung mit der Lebensgeschichte und den aktuellen Gefühlen desselben zu bringen; sowohl verbale Aufarbeitung als auch körperliche Berührungen machen dieses Konzept aus44.

Im Vergleich zu den anderen Ansätzen ist bei dem der Bioenergetik zwar auch die Prozessarbeit im Zentrum, setzt sich durch die Vergangenheitsorientierung und der starken Präsenz des Therapeuten von ihnen ab und bleibt der Psychoanalyse sehr nahe.

I. 3. 5 Themenzentrierte Interaktion (TZI)

Inspiriert durch die Gestalt- und Gesprächstherapie entwickelte sich vor dem theoretischen Hintergrund der HP, Psychoanalyse und Gruppenanalyse ein neues Verfahren. Ziel sollte die Gesundheit und das Wohlbefinden des Menschen darstellen und verbindet dabei „individuelle, zwischenmenschliche und sachliche Aspekte“45 zu einem Konzept.

Begründerin dieser Methodik war Ruth Cohn, Kind einer jüdischen Familie und ab Mitte des 20. Jahrhunderts in den USA praktizierende Psychotherapeutin46.

Sie hatte den Anspruch, den Zusammenhang von „Verstand, Emotion, Körperwahrnehmung und Beziehung“47 in diesem Konzept für ihre Klienten erfahrbar zu machen. Ziel war weniger die Intervention als die Prävention, nämlich wie es gelingen könnte, die Gesundheit eines ursprünglich gesunden Menschen aufrechtzuerhalten.

Die TZI stützt sich auf drei Axiome, dem existenziell-anthropologischen, dem ethisch-sozialen und dem pragmatisch-politischen48. Zusammengefasst können diese Axiome die Leitlinien der TZI folgendermaßen wiedergeben:

Der Wille des Menschen beeinflusst ihn in seinem Handeln; alles ist machbar, wenn er es will. Weiterhin ist es auch der aktive Mensch, der für das Entstehen oder Vermeiden von Situationen zuständig ist. Die erfahrbaren Situationen finden dabei in der Gegenwart statt. Des Weiteren sollten auch schmerzhafte Emotionen und Erlebnisse akzeptiert werden. Eine Bewältigung dieser ist möglich, sollte jedoch nicht durch Verdrängung geschehen. Zudem wird der Körper miteinbezogen, indem seelische Vorgänge als Aspekt körperlicher Vorgänge betrachtet werden49.

Wie sich später zeigen wird, wird die TZI nicht nur in psychologischen, sondern auch pädagogischen Kontexten angewendet.

I. 3. 6 Transaktionsanalyse (TA)

„Die TA ist eine Theorie der menschlichen Persönlichkeit und zugleich eine Richtung der Psychotherapie, die darauf abzielt, sowohl die Entwicklung wie auch Veränderungen der Persönlichkeit zu fördern.“50

Begründet durch den amerikanischen Psychiater Eric Berne basiert das Konzept der TA auf Annahmen der HP mit Ansätzen der Psychoanalyse. Neben der Persönlichkeit des Menschen und zwischenmenschlicher Kommunikation spielt auch die Psychopathologie und Intuition51 eine besondere Rolle.

Die Grundannahmen können nach Ian Stewart52 in drei zusammengefasst werden:

1. Die Akzeptanz des Menschen als gleichwertiges Gegenüber, so auch in der Klient-Therapeut-Beziehung.
2. Jeder Mensch hat die Fähigkeit, zu denken, wenn diese nicht durch körperliche Schäden beeinträchtigt ist.
3. Der Mensch entscheidet selbst über sein Schicksal, wobei auch die Veränderung der Entscheidungen möglich ist.

Diese Aspekte weisen eine starke Nähe zum phänomenologischen und existenzialistischen Denken auf und vertreten damit die Ideen der HP.

A. II Einflüsse auf die Pädagogik

„Humanistische Pädagogik ist eine Einstellung und Praxis in der Erziehung und Erwachsenenpädagogik, die den Aspekten der Freiheit, der Wertschätzung der Würde und der Integrität von Personen ein großes Gewicht beimisst.“53

In der vorliegenden Arbeit wurde die Humanistische Psychologie, ihre Entstehung mitsamt Thesen, Überzeugungen und der Wahrnehmung des Menschen aufgeführt. Konkretisiert wurde dies durch bekannte Therapieansätze, die noch heute aktuell angewendet werden.

Um dem Thema der Arbeit gerecht zu werden, sollen im Folgenden die Einflüsse der HP auf die Pädagogik skizziert werden.

Dabei liegt der Fokus zuerst auf begrifflichen Differenzierungen und weitet sich bis dahin, wo die aufgeführten Ansätze aus der (Psycho-)Therapie auf die Pädagogik bezogen werden.

II. 1 Beziehung zwischen Psychologie und Pädagogik

Anhand von Definitionen, sowohl von der Psychologie als auch von der Pädagogik, sollen beide Wissenschaften näher betrachtet werden. Diese differenzierte Darstellung macht es im nächsten Schritt möglich, Ähnlichkeiten und Überschneidungen, aber auch Unterschiede und Grenzen aufzuzeigen.

II. 1. 1 Psychologie

Die Psychologie kann formal definiert werden als die „wissenschaftliche Untersuchung des Verhaltens von Individuen und ihren mentalen Prozessen“54, wobei unter Verhalten das Mittel gemeint ist, durch welches sich das Individuum seiner Umwelt anpasst55.

Ziele der Lehre der Seele, wie man die Wissenschaft wörtlich aus dem Griechischen übersetzen kann, sind es, dieses Verhalten beschreiben, erklären, vorherzusagen und kontrollieren zu können.

Außerdem besteht ein weiteres Anliegen der praktischen Anwendung der Psychologie darin, die Lebensqualität des Klienten verbessern zu wollen56.

II. 1. 2 Pädagogik

Die Pädagogik oder auch Erziehungswissenschaft ist „die Wissenschaft, die Prozesse der Erziehung, Bildung, des Lernens und der Sozialisation wissenschaftlich beobachtet, interpretiert, erklärt und die Auswirkungen dieser Prozesse vorhersagt“57. Dadurch werde allen beteiligten Personen der pädagogischen Praxis Handlungswissen zur Verfügung gestellt.

Orientiert an der Begrifflichkeit geht die Pädagogik auf den altgriechischen Begriff paideia zurück, der mit Erziehung oder Bildung übersetzt werden kann. Padeia wiederum setzt sich aus den altgriechischen Wortstämmen für Kind (pais) und führen (agein) zusammen. Dementsprechend kann die Pädagogik als die Wissenschaft der Führung des Kindes in verschiedenen Bereichen bezeichnet werden.

II. 1. 3 Nähe und Distanz der Wissenschaften

Wie stehen nun die Lehre der Seele und die Führung des Kindes in Zusammenhang?

Können beide Anwendungen in der Praxis überhaupt voneinander getrennt werden?

Die große Gemeinsamkeit beider Wissenschaften sind die Ziele der Beobachtung, Erklärung und Vorhersage verschiedener Aspekte.

Stützt sich die Psychologie auf das konkrete Verhalten von Individuen, spielen in der Pädagogik Erziehungsstile von Einflussgrößen wie Eltern oder Erziehungseinrichtungen auf das Individuum eine bedeutende Rolle. Das Individuum bleibt in der Pädagogik, basierend auf der Wortbedeutung, das Kind, mit der Konsequenz, dass sich auch das Setting der Pädagogik zu dem der Psychologie unterscheidet. Wiederum wirken die angesprochenen Erziehungsstile auf das Kind und sein Verhalten ein, dessen Analyse in das Gebiet der Psychologie fallen würde.

Eine Psychologie, die sich mit der Beschreibung, Erklärung und Voraussage von Erziehungs-, Unterrichts-, und Sozialisationsprozessen beschäftigt, ist das Teilgebiet der Pädagogischen Psychologie, die im Rahmen dieser Arbeit jedoch nicht im Fokus stehen soll. Stattdessen soll die Darstellung beider Gebiete den Zusammenhang zwischen der Humanistischen Psychologie und der Humanistischen Pädagogik nachvollziehbar machen, welcher im folgenden Punkt näher erläutert wird.

Zusammenfassend ist festzustellen, dass, obwohl beide Wissenschaften nicht miteinander gleichgesetzt werden können, die Führung eines Kindes oder Heranwachsenden nur dann möglich ist, wenn man die „Seele“ desgleichen, seine Emotionen und Innenleben, weitgehend erfassen kann.

II.2 Humanistische Pädagogik

Die Humanistische Psychologie wurde bereits in ihrer Theorie und Praxis ausführlich dargestellt. Eine solche wissenschaftliche Strömung, die nicht nur das damalige Menschenbild, sondern damit auch die Gründe verschiedener Handlungen in Frage stellte, konnte auch für pädagogische Zwecke weder unerkannt bleiben noch ignoriert werden. Viel mehr versuchte auch die Pädagogik, sich die Erkenntnisse zu Nutzen zu machen.

Nachdem im Folgenden zunächst die Entwicklung der Humanistischen Pädagogik skizziert wird, sollen ihre Anliegen und Bestrebungen geklärt werden.

Abschließend zum ersten großen Kapitel folgt eine Darstellung der Überschneidungen zwischen Humanistischer Psychologie und Humanistischer Pädagogik.

II. 2. 1 Entwicklung

Einfluss auf die Entwicklung der Humanistischen Pädagogik hatte eine ihr vorausgehende Orientierung, die Reformpädagogik, welche die Annahme eines ganzheitlichen Verständnisses auf das Kind vertrat58. Dies wurde schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts deutlich, welches die Schriftstellerin Ellen Key als das „Jahrhundert des Kindes“ ausrief und damit die Implikation, Kinder nicht als (kleine) Erwachsene, sondern als eigenständige Persönlichkeiten wahrzunehmen. Dieser Ansatz integriert sowohl humanistische als auch psychoanalytische und demokratische Aspekte.

Nach dem Ende des 2. Weltkrieges, in welchem viele deutsche und jüdische Vertreter dieser Denkweise vertrieben oder ermordet wurden, kamen nur wenige von ihnen nach Deutschland zurück; die meisten reisten in die USA, in denen sie ihre Gedanken praktisch umsetzen konnten. Dennoch gingen von ihnen starke Impulse des bereits erwähnten „Human Potential Movement“ aus.

Die Ideen und Ansätze der vertriebenen deutschen Vertretern der Humanistischen Psychologie oder Begründern psychotherapeutischen Schulen, wie unter anderem Jacob L. Moreno, bekamen erst in den 70er und 80er Jahren über ihre Schüler bzw. „deutschen „‘Amerikareisenden‘“59 ihre Aufmerksamkeit. Durch die Studentenbewegung erlebte die psychoanalytische Pädagogik neuen Aufschwung, was zur Gründung sog. Freier Schulen führte. Ganzheitlich orientierte Ansätze wurden mit Blick auf die Gründung von Schulen jedoch ausgegrenzt – zu „faschistisch“ galten diese Denkweisen in einem durch den Krieg gezeichneten Deutschland60.

Der erneute Erfolg der Psychoanalyse, welche in den 70er und 80er Jahren auch in akademischen Bereichen Anerkennung erfuhr, führte weiterhin dazu, dass andere therapeutische und pädagogische Konzepte kaum Fuß fassen konnten. Ausschließlich die non-direktive Gesprächstherapie und –pädagogik wurde akademisch anerkannt61.

Erst Mitte der 90er Jahre konnte die Humanistische Psychologie auch in pädagogischen Kontexten Aufmerksamkeit gewinnen, als sich humanistisch-ganzheitliche Pädagogen, darunter auch Heinrich Dauber, zu einer ‚Arbeitsgruppe auf Zeit‘ innerhalb des akademischen Berufsverbandes der Pädagogen62 zusammenschloßen.

Eine weitere Schwierigkeit, das neue Konzept der Pädagogik anzuerkennen, lag in der Tatsache, dass der humanistisch-ganzheitliche Ansatz aus Amerika nach Deutschland kam, was Verunsicherung und Misstrauen dieses „eher pragmatisch als theoretisch begründet[em]“63 Verfahren in der deutschen Gesellschaft weckte.

II. 2. 2 Anliegen

An den Prinzipien der Reformpädagogik können Übereinstimmungen zur Humanistischen Pädagogik gefunden werden.

So haben beide Ansätze gemeinsam, dass kindliche Bedürfnisse prinzipiell positiv eingeschätzt werden, weshalb eine altersgemäße Erziehung und Bildungsvermittlung in jeder Entwicklungsphase angestrebt wird.

Auch die schon in der Humanistischen Psychologie betonte Prozessorientierung wird in der Pädagogik deutlich, da die Annahme, nie ausgelernt zu haben, vertreten ist.

Wie im Menschenbild des Humanismus bereits beschrieben, steht in der pädagogischen Arbeit, sowohl der Reformpädagogik als auch in der humanistisch-ganzheitlichen, die Selbstständigkeit und Kreativität des eigenen Handelns im Vordergrund.

An diesen Gemeinsamkeiten wird deutlich, dass die Reformpädagogik noch starke Auswirkungen in die heutige Gestaltung von pädagogischen Settings hat.

In der davon zwar beeinflussten Humanistischen Pädagogik liegt der Schwerpunkt seit dem Ende der 90er Jahren jedoch vor allem im Integrativen Lernen (und Lehren) als „Bewusstwerdung und Gestaltung nicht entfremdeter […] Beziehungen“64.

Die Beziehungen bestehen nach Dauber zwischen den Menschen in der einen Welt, zu ihrer natürlichen Umwelt und in ihrem Verhältnis untereinander65.

Somit müsse die praktische Umsetzung sowohl Entwicklung und Förderung von Imagination und Erfahrungsfähigkeit mit einschließen, als auch das persönlich bedeutsame Lernen fördern. Unter das persönlich bedeutsame Lernen fallen dabei die Aspekte der Humanistischen Psychologie der Bewusstheit und Sinnorientierung wie auch der Freiheit und Bezogenheit auf: Um einen Lernerfolg zu erzielen, sollte das lernende Subjekt einen Sinn im zu lernenden Stoff erkennen und seinen Lernprozess weitgehend selbstverantwortlich gestalten.

Trotz dieses Ansatzes, der das Kind in seiner Ganzheit, sowohl der anthropologischen Grundvoraussetzungen, als auch in seinem zu entfaltendem Potential wahrnimmt, war und ist nach Dauber das „akademische Klima […] bis heute nicht gestaltfreundlich“66. Dagegen werden andere Stimmen laut, die der Meinung sind, dass die heutige pädagogische Literatur zunehmend die therapeutischen oder therapieverwandten Ansätze der Humanistischen Psychologie würdigen67. Darin würde sich das Bemühen zeigen, sich durch „Anknüpfung an ältere pädagogische Denker und durch Systematisierung der humanistisch-psychologischen Verfahren“ zwar an den Leitgedanken der Humanistischen Psychologie zu orientieren, aus den Erfahrungen mit ihr jedoch zu einer eigenständigen pädagogischen Sicht von Erziehungsprozessen zu gelangen.

II. 2. 3 Überschneidungen in der Praxis

Mittlerweile existieren nach Angaben des „Handbuches der Psychotherapie“68 über 70 unterschiedliche therapeutische und beraterische Ansätze, von denen sich auch einige zu den humanistisch orientierten zählen lassen.

Diese bereits teilweise aufgeführten Therapieansätze wirken noch heute in die Pädagogik ein bzw. lassen sich aktuelle pädagogische Ansätze anhand ihrer Bezeichnungen auf Verfahren der Humanistischen Psychologie zurückführen.

Um Gemeinsamkeiten und Überschneidungen zu verdeutlichen, bietet sich eine theoretische Skizzierung in Form einer Abbildung69 an:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 : Einflüsse Humanistischer Psychologie auf die Pädagogik

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass sich psychologische und pädagogische Ansätze gegenseitig inspirieren.

So führt eine Gruppendynamik zur Gruppenpädagogik und bildet den Schnittpunkt mit der Gestaltpädagogik, welche aus der Gestalttherapie resultiert, in der TZI, welche wiederum Nähe zu psychoanalytischen Verfahren aufweist.

Weiterhin orientiert sich die Gestaltpädagogik in Richtung personenzentrierter Pädagogik, welche durch non-direktive Therapie- und Beratungsverfahren beeinflusst wurde. Sie bedienen sich Methoden und Ideen der Körper- und Bewegungstherapie sowie dem Psychodrama und enden in einer „Integrativen Agogik“.

Über die Abbildung hinaus können weitere Schlüsse gezogen werden, beispielsweise, dass das Psychodrama sich wiederum mit gruppendynamischen Prozessen überschneidet, weshalb sie zusätzlich Einfluss auf die Integrative Agogik nehmen.

Es ist augenscheinlich, dass weitere Verbindungen und Beziehungen aufgezeigt werden können, vor allem hinsichtlich weiterer Entwicklungen der Ansätze.

Einerseits verdeutlicht die Abbildung die Nähe zwischen Psychologie und Pädagogik, andererseits partiell von Therapie und Beratung. Außerdem werden Gemeinsamkeiten zwischen Gestalttherapie und non-direktiver klar.

Auf beide Bereiche wird nun konkret Bezug genommen und Nähe und Abgrenzungen aufgezeigt.

B Beziehungen gestalten und Kontakte knüpfen

„Jede Begegnung, sei es zwischen Erwachsenen und Kindern oder Jugendlichen, zwischen Lehrern und ihren Schülern oder auch Therapeuten und Klienten, ist ein Neuanfang einer Beziehung, bietet in sich die Chance einer Verwandlung.“ (Dauber70 )

B. I Therapie – Beratung – Pädagogik

Bevor der Fokus auf die Beziehungsarbeit zwischen verschiedenen Aspekten humanistischer Therapien gelegt wird, sollen im Folgenden kurz die Begriffe der Therapie, Beratung und Pädagogik sowie ihr Zusammenhang dargestellt werden.

I.1 Zusammenhang Therapie und Beratung

Zunächst wird die Therapie in ihren Absichten und verschiedenen Umsetzungsformen skizziert und anschließend mit der Beratung und deren differenzierten Anwendungsmöglichkeiten in Verbindung gebracht.

I. 1. 1 Therapie

Ist von einer Therapie die Sprache, wird diese als Methode betrachtet, eine psychische Störung behandeln zu können. Wie die unzählig verschiedenen und vielschichtigen Störungen gibt es auch ein umfassendes Repertoire an Therapieverfahren und Ansätzen, um den Klienten bestmöglich unterstützen zu können, und ihm eine ihn persönlich ansprechende Möglichkeit zu bieten. Mit Blick auf die Heterogenität von Menschen erscheint dieser Pool an therapeutischen Richtungen nachvollziehbar.

Trotzdem haben alle Therapieformen die gleichen Absichten, die Gerrig und Zimbardo folgendermaßen gliedern71:

1) Das Finden einer Diagnose, wenn möglich unter Einbezug einer zutreffenden psychiatrischen Benennung oder Klassifikation (bspw. durch DSM-IV-TR).
2) Die Erkennung der Ätiologie mit Erfassung der speziellen Symptome.
3) Das Stellen einer Prognose, womit die Einschätzung des Problemverlaufs gemeint ist.
4) Die Durchführung der Behandlung, in diesem Fall die geeignete Therapie für die Störung, um sowohl Symptome als auch bestenfalls die Ursache zu beseitigen.

Die bekanntesten Therapierichtungen, zu denen psychodynamische Therapien, Verhaltenstherapien, kognitive Therapien sowie Gruppentherapieformen und humanistische gezählt werden, sollen nun kurz erläutert werden:

Psychodynamische Therapien:

Auf Grundlage Sigmund Freuds Psychoanalyse wird davon ausgegangen, dass psychische Störungen äußere Symptome ungelöster Traumata sind, die oft schon in der längeren Vergangenheit erlebt wurden. Diese Therapien sehen die Ursache der Beschwerden in dem Klienten selbst und wollen durch Gesprächsmethoden diesen Kern erfassen. Ziel ist es, dass der Therapeut Einblicke in die sichtbaren Symptome bekommt, um den dahinterliegenden Konflikt im Inneren des Klienten zu erkennen.

Verhaltenstherapien:

Anders als die psychodynamische Orientierung gehen Verhaltenstherapeuten davon aus, dass nicht der Klient die Ursache in sich trägt, sondern das Verhalten selbst als zu verändernde Größe gilt. So seien unangemessene Verhaltensweisen, in diesem Fall die Störung, ebenso wie vornehmliches Verhalten durch einen Lernprozess erworben und könne daher wieder verändert werden.

Die Veränderung kann beispielsweise durch Gegenkonditionierung oder der Modellierung effektiver Problemlösestrategien erfolgen.

Kognitive Therapien:

Kognitive Therapien beabsichtigen, problematische Gedankengänge des Klienten umzustrukturieren, indem sie die Denkweise und Attribution desgleichen zu beeinflussen versuchen. Diese Umstrukturierung von Kognitionen soll bei der Problembewältigung helfen. Basis dieses Ansatzes liegt darin, dass die Ursache emotionaler Belastungen in den kognitiven Prozessen und Wahrnehmungen liege. Dementsprechend soll ‚ein anderer Blick‘ auf Geschehenes Erleichterung bringen.

Die bekanntesten Umsetzungsformen sind hier die Änderung falscher Überzeugungssysteme und kognitive Verhaltensmodifikation72.

Gruppentherapien:

Waren die anderen vorgestellten Therapien primär auf die Beziehung zwischen einem einzelnen Klienten und dessen Therapeuten konzipiert, stehen hier Systeme und Gruppendynamik im Fokus, die wiederum dem Einzelnen bei einer persönlichen Stressbewältigung helfen können. So sind soziale Rahmenbedingungen oft hilfreich um zu lernen, welche Wirkung man auf andere hat und wie man sich von dem unterscheidet, was man glaubt, zu vermitteln. Andererseits können Gruppenmitglieder auch Bestätigung bringen, beispielsweise bei der Versicherung, dass die Symptome, die der Klient beschreibt, nicht ein Einzelphänomen sind, sondern recht häufig auch bei anderen Personen auftreten können.

Therapieformen wie die Paar- und Familientherapie fallen unter diesen Überbegriff der Gruppentherapien.

Humanistische Therapien:

Mit Blick auf das Thema dieser Arbeit soll diese Art der Therapie besonders in den Vordergrund gestellt werden, weshalb unter Punkt B2. II.1 die berühmtesten praktizierten Verfahren detailliert aufgeführt und verglichen werden sollen. Hierzu zählen die klientenzentrierte Therapie nach Rogers und die Gestalttherapie nach Perls, welche bereits im Zusammenhang mit der Humanistischen Psychologie angesprochen wurden.

Die Grundannahme, welche die humanistische Therapie vertritt, ist „das Konzept der Person als Gesamtheit in einem kontinuierlichen Prozess der Veränderung und des Werdens“73. Wie bereits in der Sichtweise auf den Menschen wird die Wahlfreiheit des Klienten betont, die er, obgleich determiniert durch Umwelt und Vererbung, er in sich trägt.

Angst und Verzweiflung sowie Schuldgefühle würden dann entstehen, wenn man sein gesamtes Potential nicht ausgeschöpft hätte, um optimal handeln zu können.

Die humanistische Therapie, die auf Selbstverwirklichung und die Entwicklung dieses Potentials einerseits, sowie zwischenmenschlicher Beziehungen andererseits, zielt, möchte dem Klienten dabei helfen, die „eigene Freiheit zu finden, eigene Erfahrungen und den Reichtum des Augenblicks zu schätzen“74.

Orientiert an der existenziellen Denkweise, die im Kontext der Humanistischen Psychologie vorgestellt wurde, werden auch die psychischen Schwierigkeiten in diesem Sinne aufgefasst: In der humanistischen Therapie geht es um existenzielle Krisen, die es zu bewältigen gilt.

Dank des Human Potential Movement konnte die Therapie soweit ausgeweitet werden, dass sie seitdem auch von psychisch gesunden Menschen in Anspruch genommen wird, um dem Ziel, ein ausgeglichenes, selbstwirksames Leben zu führen, einen Schritt näher zu kommen.

I. 1. 2 Beratung

Die Beratung ist zunächst, wie auch die meisten vorgestellten Therapieformen, eine freiwillige Interaktion zwischen zwei Beteiligten, einer beratenden Person und einer ratsuchenden. Die Interaktion ist dabei jedoch „kurzfristig, oft nur situativ“75. Ziel der Beratung ist es, bezüglich einer Frage oder eines aktuellen Problems mehr „Wissen, Orientierung oder Lösekompetenz“76 zu gewinnen. Die Problemlösung kann dabei sowohl kognitiv als auch emotional oder praktisch sein. Durch die Vermittlung der Einsicht zur eigenen Entscheidung hebt sich die Beratung von einem alltäglichen Rat ab.

Häufiger als in der Therapie findet die Beratung nicht nur am Klienten, sondern auch in Klientensystemen wie Familien oder Organisationen statt.

Die Klärung lebenspraktischer Fragen und psychosoziale Schwierigkeiten bilden den Inhalt einer Beratung. Da diese jedoch meist nicht durch reine soziale Arbeit bis zuletzt lösbar seien, müsse sich die Beratung darauf beschränken, „Menschen dabei zu unterstützen, sich mit Folgen von Problemen besser arrangieren und damit leben zu können“77.

Demzufolge zielt die Beratung auf Förderung und Wiederherstellung der Bewältigungskompetenz eines Ratsuchenden, statt rezeptähnliche Anweisungen und Ratschläge für ein Handeln zu erteilen.

Bei der Beratung kann zwischen verschiedenen Handlungsfeldern unterschieden werden, Sickendiek unterscheidet drei Formalisierungsgrade: die informelle alltägliche Beratung, die halbformalisierte Beratung und die stark formalisierte78.

Die alltägliche Beratung findet im Freundeskreis oder zwischen Angehörigen statt, die sich freundschaftlich und kollegial durch einen Austausch über bestimmte Themen unterstützen.

Die halbformalisierte Beratung zeichnet sich durch unterschiedliche sozialpädagogische und psychosoziale Berufe aus, weiterhin auch durch medizinische und juristische Beratung.

Stark formalisierte Beratung findet dann statt, wenn professionelle Berater mit ausgewiesener Beratungskompetenz in anerkannten Beratungsstellen arbeiten, beispielsweise in dem Verbund von Beratungsstellen für Sexualpädagogik „pro familia“, wo sowohl ärztliche als auch psychologische und soziale Beratung zu Partnerschaften angeboten werden.

So wie es verschiedene Therapieformen gibt, können auch unterschiedliche Disziplinen hinsichtlich professioneller Beratung festgestellt werden:

Im engeren Sinne wird nun kurz auf psychologische, soziale und (sozial-) pädagogische Beratung eingegangen. Etwas ausführlicher wird anschließend die psychosoziale Beratung skizziert, da diese im Zusammenhang mit dem Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit eine bedeutende Rolle zukommt.

Psychologische Beratung

Zur psychologischen Beratung gehört nicht nur die Betreuung von Klienten bei emotionalen Schwierigkeiten, sondern auch im Kontext mit der Eignung für einen bestimmten Beruf.

Auch der Störungsaspekt an sich bleibt hier im Hintergrund, während „präventive und Wachstumsorientierung ins Zentrum gerückt“ werden79.

Soziale Beratung

Zu dieser Beratungsrichtung zählen sämtliche beraterische Hilfen, die sich auf Schwierigkeiten von einzelnen Personen oder Gruppen innerhalb ihrer sozialen Umgebung beziehen. Im Vergleich zur psychologischen geht die soziale Beratung über diese hinaus und hat das Ziel, die alltäglichen Schwierigkeiten, mit denen sich der Klient in seiner Lebenswelt konfrontiert sieht, zu bewältigen.

[...]


1 http://www.paulwatzlawick.de/axiome.html, zur detaillierteren Ausführung bspw. Watzlawick, Paul: Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien, Huber, 2011, Bern, S. 61 ff.

2 Karmann, Gerhard: Humanistische Psychologie und Pädagogik. Psychotherapeutische und therapieverwandte Ansätze; Perspektiven für eine integrative Agogik, Klinkhardt, 1987, Bad Heilbrunn, S. 23.

3 Die Angabe der männlichen Wortform dient lediglich dem Zweck der Lesbarkeit und wird auch im Folgenden das weibliche Geschlecht miteinbeziehen.

4 Abraham Maslow, *1908 – †1970.

5 Mehrgardt, Michael, Eva-Maria: Selbst und Selbstlosigkeit. Ost und West im Spiegel ihrer Selbsttheorien, Edition Humanistische Psychologie, 2001, Köln, S. 38 ff.

6 „Journal of Humanistic Psychology“, gegründet von A. Maslow und A. Sutich.

7 Gründung 1892, mittlerweile ca. 150 000 Mitglieder, Sitz in Washington, D. C.

8 International Conference on Humanistic Psychology.

9 In den 1960er primär von Kalifornien ausgehend, erreichte die Bewegung Deutschland nach der 68er-Bewegung zu Beginn der 1970er. Impulsgeber waren vor allem A. Maslow und C. Rogers.

10 Mit role-taking ist die (passive) Übernahme einer Rolle in einer Interaktionssituation bzw. Gruppe gemeint, vgl. Psychologie-Lexikon, http://www.psychology48.com/deu/d/role-taking/role-taking.htm.

11 Husserl, Edmund: Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie, Nijhoff, 1950, Den Haag, S. 45.

12 Ebd., S. 45.

13 Maslow, Abraham H.: Psychologie des Seins. Ein Entwurf, Kindler, 1973, München, S. 31.

14 Ebd., S. 31.

15 Für weiterführende Informationen, deren Ausführungen jedoch der Umfang dieser Arbeit nicht zulässt, vgl. Husserl: Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie.

16 Søren Aabye Kierkegaard, 5. Mai 1813 – 11. November 1855, in Jaspers, Karl: Existenzphilosophie, De Gruyter, 1964, München, S. 1.

17 Karmann, S. 48.

18 Auch in dieser Annahme unterschied sich die aufkommende HP von anderen (psychologischen) Wissenschaften, die den Bereich der Erfahrung weitgehend ausgrenzten.

19 Karmann, S. 47.

20 Karmann, S. 51.

21 Karmann, S. 50.

22 Karmann, S. 21.

23 sog. „peak-experiences“, für mehr Informationen vgl. Maslow, A.: Religions, Values, and Peak-Experiences, Penguin Books, 1970, New York.

24 Karmann, S. 57.

25 Orientiert an Karmann, S. 57 ff.

26 Vgl. Bayer, Oswald: Der neue Mensch, in: Schwarze, Michael: Der neue Mensch, Perspektiven der Renaissance, Pustet, 2000, Regensburg.

27 Ebd., Klappentext.

28 Rogers, Carl: Die nicht-direktive Beratung, Counselling and Psychotherapy, 1942, Boston (Kindler, 1972, München), S. 32 f.

29 Vgl. Karmann, S. 57.

30 Hierbei erkennt man die Verknüpfung mit dem existenziellen Denken.

31 Völker, Ulrich: Humanistische Psychologie, Beltz, 1980, Weinheim, S. 20.

32 Karmann, S. 71.

33 Mit dieser Annahme unterscheidet sich die HP von den behavioristischen und psychodynamischen Ansätzen, welche eine reine Selbsterhaltung als ausreichend für die Befriedigung der menschlichen Grundbedürfnisse sehen.

34 Vgl. Sartre, Jean-Paul: Das Sein und das Nichts. Versuch einer phänomenologischen Ontologie, Rowohlt, 1976, Reinbek.

35 Karmann, S. 62.

36 Vgl. Gerrig, Richard J., Zimbardo, Philip G.: Psychologie. Pearson Studium, 2008, München, S. 12.

37 Nach Rogers auch unter dem Begriff Selbstkongruenz genannt, vgl. bspw. Rogers, C.: Der neue Mensch, Klett-Cotta, 1981, Stuttgart, S. 173 ff.

38 Bspw. Verfahren der Stuhl-Technik, Rollenspiele, Verwendung von Metaphern und Bildern.

39 Farmer, Chris: Psychodrama und systemische Therapie: Ein integrativer Ansatz, Klett-Cotta, 1995, Stuttgart, S. 9.

40 Ebd., S. 10.

41 Für mehr Informationen vgl. Homepage des Berufsverbands deutscher Psychologen und Psychologinnen, Glossar, http://www.bdp-verband.de/psychologie/glossar/psychodrama.shtml.

42 Karmann, S. 73.

43 Karmann, S. 73.

44 Für ausführliche Informationen vgl. bspw. Lowen, Alexander: Körperausdruck und Persönlichkeit, Grundlagen und Praxis der Bioenergetik, Kösel Verlag, 1981, München.

45 S. 19.

46 Wie bereits des Öfteren fallen auch an dieser Stelle die jüdischen Wurzeln der HP auf.

47 Ebd. S. 19.

48 Für ausführliche Informationen vgl. ebd. S. 43 ff.

49 Langmaack, S. 48.

50 Eric Berne bzw. Definition nach der International Analysis Association.

51 Das Interesse der Psychopathologie ist auf Lebensereignisse in Bernes Zeit als Armee-Psychiater zurückzuführen.

52 Stewart, Ian: Transaktionanalyse in der Beratung: Grundlagen und Praxis transaktionsanalytischer Beratungsarbeit, Junfermann, 1991, Paderborn, S. 17 ff.

53 Definition der Humanistischen Pädagogik in http://www.uni-protokolle.de/Lexikon/Humanistische_P%E4dagogik.html.

54 Gerrig, Zimbardo: Psychologie, S. 2.

55 Vgl. ebd., S. 2.

56 Vgl. ebd., S. 4.

57 Stein, Margit: Allgemeine Pädagogik, Reinhardt Verlag, 2013, München, S. 12.

58 Sowohl bei der Entwicklung der Reformpädagogik als auch der Humanistischen Pädagogik muss die historische Entwicklung und die Unterdrückung demokratischer Traditionen durch die Nazis angemerkt werden.

Für mehr Informationen vgl. Dauber, Heinrich: Grundlagen humanistischer Pädagogik. Integrative Ansätze zwischen Therapie und Politik, Klinkhardt, 1997, Bad Heilbrunn S. 147 ff.

59 Vgl. Dauber, S. 154.

60 Vgl. ebd., S. 155.

61 Obwohl eine nicht-direktive Pädagogik nach Dauber im damals autoritären Adenauer-Staat eindeutig unerwünscht war, vgl. S. 156.

62 Die Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) ist eine Vereinigung der in Forschung und Lehre tätigen ErziehungswissenschaftlerInnen. Sie wurde 1964 gegründet und hat derzeit ca. 3.000 Mitglieder. Zweck ist die Förderung von Wissenschaft und Forschung, Bildung und Erziehung auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Pädagogik.

Für weitere Informationen vgl. die Homepage des Berufsverbandes: http://www.dgfe.de/wir-ueber-uns.html.

63 Dauber, S. 157.

64 Ebd., S. 182.

65 Vgl. ebd., S. 182.

66 Ebd., S. 155.

67 Vgl. Karmann, S. 182.

68 Corsini, Raymond J.: Handbuch der Psychotherapie, Beltz Psychologie-Verlag, Weinheim, 1994.

69 Karmann, S. 184.

70 Dauber: Grundlagen humanistischer Pädagogik, 1997, S. 191.

71 Gerrig, Zimbardo: Psychologie, S. 596.

72 Für mehr Informationen, die über den Schwerpunkt dieser Arbeit hinausgehen würden, vgl. Gerrig, Zimbardo, S. 613 ff.

73 Ebd., S. 617.

74 Ebd., S. 617.

75 Weidenmann, Krapp: Pädagogische Psychologie – ein Lehrbuch, Urban und Schwarzenberg, 1986, München, S. 643.

76 Sickendiek, Ursel (u.a.): Beratung – Eine Einführung in sozialpädagogische und psychosoziale Beratungsansätze, Juventa Verlag, 2008, Weinheim/München, S. 13.

77 Ebd., S. 13.

78 Ebd., S. 23.

79 Ebd., S. 17.

Ende der Leseprobe aus 111 Seiten

Details

Titel
Emotionsfokussierte Beratung im schulischen Feld. Die Perspektive der Humanistischen Psychologie und Pädagogik
Hochschule
Universität Augsburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
111
Katalognummer
V506945
ISBN (eBook)
9783346054296
ISBN (Buch)
9783346054302
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Humanistische Psychologie, Humanistische Pädagogik, Emotionsfokussierte Therapie, Beratung, Beratung in Schulen
Arbeit zitieren
Anuschka Fertig (Autor), 2014, Emotionsfokussierte Beratung im schulischen Feld. Die Perspektive der Humanistischen Psychologie und Pädagogik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/506945

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