Melancholie in "Die Leiden des jungen Werther" von Johann Wolfgang von Goethe. Anthropologie des 18. Jahrhunderts


Hausarbeit, 2019
24 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Anthropologie im 18. Jahrhundert und ihre Empfindsamkeit

3. Melancholie
3.1 Begrifflichkeit und zeitgenössisches Wissen über Melancholie
3.2 Melancholie als Element der literarischen Anthropologie und als Moral-Debatte
3.3 Psychopathologisches Wissen

4. Melancholie im Werther
4.1 Werthers Melancholie und Wahrnehmung
4.2 Werthers Innenwelt und die Literatur
4.3 Natur als Spiegel Werthers Innenwelt

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Wir nennen das eine Krankheit zum Tode, wodurch die Natur so angegriffen wird, dass teils ihre Kräfte verzehrt, teils so außer Kraft gesetzt werden, dass sie sich nicht wieder aufzuhelfen, durch keine glückliche Revolution den gewöhnlichen Umlauf des Lebens wieder herzustellen fähig ist.“1

Die Leiden des jungen Werther von Johann Wolfgang Goethe.

Betrachtet man den Titel des Werkes, darf der Leser davon ausgehen, im Roman eine leidende Figur kennenzulernen. Das Vorwort des fiktiven Herausgebers kündigt indes sogar an, dass sich der Leser mit seinem Leid emphatisch identifizieren können wird.2 Vor dem Hintergrund der literarischen Anthropologie im 18. Jahrhundert, in deren Zeit Goethes Werther unbedingt einzuordnen und deren Kern die Innerlichkeit des subjektgewordenen Individuums ist, lohnt es also die Frage zu stellen, woran Werther litt. Zahlreiche Interpretationsansätze der letzten Jahrhunderte versuchen eine Antwort zu geben. Oftmals wird Werthers Motiv für den Freitod mit der tragischen unerwiderten Liebe zu Lotte erklärt, obgleich er erst im Juni mit Lotte Bekanntschaft macht und suizidale Wurzeln bereits zu Anfang des Romans deutlich werden.

Auch die Überlegung, dass Werther sein Leiden als „frustrierter Bürger“ an „den repressiven Verhältnissen in der starren Gesellschaftsordnung des Ancien régime“ durch seinen „empfindsamen und rousseauistischen Rückzug in die einsame Natur [...] und zuletzt durch seinen freiwilligen Gang in den Tod“3 kompensiert ist insofern nicht treffend, als Werther diese vermeintliche Adelskritik nicht betreibt, sondern zum Teil den Ständestaat bejaht.

Weitere Versuche Werthers Scheitern, wie Vaget hervorhebt, auf seinen Dilettantismus zurückzuführen und damit „die letztlich existenzbedrohende Macht seiner künstlerischen Impotenz“4 als Grund heranzuziehen sind unplausibel, denn „am Dilettantismus stirbt man nicht“.5

Auch psychoanalytische Erklärungsansätze die von einem Ödipuskomplex ausgehen, der aus dem frühen Tod des Vaters und der schwierigen Beziehung zur Mutter herrührt und somit sein Leiden in einer schweren Kindheit begründet sehen6, zeigen in welch weitreichenden wissenschaftlichen Diskursen Goethes Briefroman konträr diskutiert wird.

Vor dem Hintergrund der Anthropologie des ausgehenden 18. Jahrhunderts, die die Melancholie als zeitgenössische Modekrankheit und Schwerpunkt zahlreicher moralphilosophischer Debatten deklariert, möchte ich im Rahmen dieser Arbeit den Charakter Werther als Melancholiker eingehend betrachten und darstellen, inwieweit sein Leiden hiermit zusammenhängt.

Für die Arbeit werde ich zunächst erläutern, wie sich die Anthropologie im 18. Jahrhundert, vor allem das Element der Empfindsamkeit darstellen lässt. Anschließend gehe ich auf die Melancholie als Begrifflichkeit und das psychopathologische Wissen ein. Danach werde ich auf Werthers Gefühlswelt, seine Melancholie und Ausdruck seiner Symptome in Literatur und Natur als sich verändernder Prozess bis zum Freitod eingehen und ziehe abschließend mein Fazit inwieweit Werthers Leiden und Scheitern die Melancholie zugrunde liegt.

2. Anthropologie im 18. Jahrhundert und ihre Empfindsamkeit

Wo zuvor der Mensch im Barock noch als ein gefühlloses, unmündiges, bestenfalls diszipliniertes Wesen in gesellschaftlichen Ordnungssystemen zu funktionieren hatte, revolutioniert die Aufklärung mit der Anthropologie radikal den ganzen Menschen. Dieser wird zum Individuum, zum Subjekt erhoben. Er, der Mensch, wird in seiner Ganzheit betrachtet und von immer mehr wissenschaftlichen Disziplinen verstanden. Begrifflich (griechisch anthropos = Mensch, logos = Rede) umfasst die Anthropologie also alles, was der Mensch als Gegenstandsbereich ausmacht. Die „untrennbare Einheit von Empfinden und Erkennen, Leib und Seele, Sinnlichkeit und Vernunft, Natur und Kultur, Determination und Freiheit.“7 Dieser umfassende Aufmerksamkeitsfokus auf alles, was den Menschen definiert, erfordert einen Zusammenhang zwischen bis dato noch isolierten Wissenschaften. Die alte Frage nach dem Leib-Seele Dualismus wird wieder aufgeworfen und hinsichtlich des `ganzen Menschen` neu verhandelt. Körper und Seele in ihren Wechselwirkungen in und auf den Menschen bzw. seine Handlungskonsequenz lassen Anatomie und Physiologie mit Psychologie und Philosophie zusammenfinden.8 Das anthropologische Interesse am Menschen als Mensch schreibt subjektiven Empfindungen und Stimmungen einen hohen Status zu, es kommt zu einer Rehabilitation der Sinnlichkeit gegen die Vernunft9. Die Literatur bleibt davon nicht unberührt und so behandelt sie Lebensbeschreibungen, Fall- und Krankengeschichten einzelner Subjekte mit all ihren Affekten, Trieben und Träumen10, ihren Erinnerungen und Erfahrungen, womit auch Wahn, andere Geisteskrankheiten und Tod thematisch impliziert sind.

Maßgeblich für die Literatur jener Zeit, sind also Themen um den Menschen als leib-seelische Einheit mit literarischen Affinitäten zur introspektiven Ich-Form z. B. in Dialogen, Tagebucheinträgen oder wie im Werther in Briefen. Literaturmoden der Empfindsamkeit und des Sturm und Drang, wie auch Goethes Werther, zeichnen sich durch einen Schreibstil aus, der auf ein Verständnis von psychologischen Kausalitäten und innerer Entwicklungslogik zielt. Was die Seele im Menschen bewirken kann, wird Gegenstand der Literatur und der neue Roman somit „dafür zum Seismographen“.11 Dem Leser wird ermöglicht, so auch im Werther, durch ein identifikatorisches Lesen eine Nachvollziehbarkeit der beschriebenen Innerlichkeit und ihrer Konsequenzen zu erreichen und wie Blanckenburg in Bezug auf den anthropologischen Roman Goethes beschreibt, „indem wir Werthers ganze Denkungs- und Empfindungsart vor unseren Augen gleichsam werden und wachsen sahen.“12

3. Melancholie

3.1 Begrifflichkeit und zeitgenössisches Wissen über Melancholie

Der von der Antike bis ins 18. Jahrhundert allgemein anerkannte medizinische Grundgedanke von der Vier-Säfte-Lehre, die dem griechischen Arzt Hippokrates von Kos zugeschrieben wird13, diente zur Erklärung von Körpervorgängen und Krankheiten. Nach dieser Auffassung wirkten die im Körper enthaltenen vier Säfte: schwarze Galle(melancholia), gelbe Galle(cholera), Blut(sanguis) und Schleim (phlegma) auf den Menschen ein und bestimmten Verhalten und Sein des Individuums. Ein richtiges Mischungsverhältnis erklärte Gesundheit, ein verlorenes Gleichgewicht hingegen Krankheit. Ein Überschuss an schwarzer Galle im Körper, so die Annahme, konnte Symptome wie Traurigkeit, Furcht bis hin zu Wahnsinn verursachen.14 Mit Melancholie (wörtlich: Schwarzgalligkeit) wird also seit der griechischen Antike eine „substantielle traurig-schwermütige Grundstimmung des Weltbildes und des Lebensvollzuges eines Individuums“15 verstanden. Bereits im Umfeld Aristoteles´ kam der Gedanke auf, dass die Melancholie durchaus auch Mehrwert für den Menschen ausmachen konnte, indem ihr eine Veranlagung im Menschen zugeschrieben wurde, die Voraussetzung für „ingeniöse Schöpferkraft und außerordentliche intellektuelle Leistungen“16 darstellte, obgleich vor einer Störung des seelischen Gleichgewichts gewarnt wurde, die von ihr ausgehen kann17 und der Gefährdung „beim Verlust seines inneren Maßes den durchaus verschiedenartigen Seelenzuständen der Krankheit Melancholie zu verfallen.“18 Die pseudo-aristotelische >>Problemata<< aus dem 3. Jahrhundert vor Christus, definierte die Wohltemperiertheit der schwarzen Galle als positiven Effekt auf das Denkvermögen. Beherrscht die schwarze Galle den Menschen jedoch, kommt es unter Anderem zu Symptomen wie Antriebslosigkeit, Furcht, Menschenverachtung, Sehnsucht nach dem Tod und Wahn.19 Im Mittelalter wird die Melancholie durchweg negativ konnotiert, sie gilt als sündhaft, da die mit ihr verbundene Trägheit zu den sieben Todsünden zu zählen war und vor dem Hintergrund des christlichen Glaubens erlöste Menschen keine Traurigkeit empfinden sollten.20 Der Arzt Konstantinus Africanus setzte in seiner Schrift „Melancolia“ die Melancholie als Sammelbegriff für psychopathologische verschiedene Wahnphänomene ein.21 Africanus gibt neben dem „Glauben der Betroffenen an ein Überfallenwerden von nicht-existenten Übeln, andererseits einen der Seele innewohnenden Argwohn, aus dem Furcht und Traurigkeit entstehen“22 als typische Symptome an.

Bis ins 17. Jahrhundert hinein herrschte eine Verknüpfung der Melancholie mit der Theologie vor.23 „Verzweiflung“ war eine Bezeichnung, die den innerlichen Zustand des Gläubigen beschrieb, welcher von jeglicher Hoffnung auf die Auferstehung nach dem Tod abfiel. Auch der Versuch Geisteskrankheiten und sämtliche Begrifflichkeiten differenziert in einschlägigen Enzyklopädien herauszuarbeiten um diffuse Sammelbezeichnungen zu vermeiden, war geprägt von theologischer Terminologie. Im Zusammenhang mit dem Begriff der Melancholie ließ sich der Glauben an „innerliche Anfechtungen“, „Ketzerei“ und „Sünde“ assoziieren, wogegen die Wallfahrt an heilige Orte als sicheres Rezept wirken sollte24 und bei erfolgreicher Genesung in den sogenannten Mirakelbüchern als Bericht niederging.25

Den Melancholiebegriff in seinen ganzen kulturellen Prägungen und historischen Zusammenhängen zu erklären, würde eine eigene Arbeit beanspruchen. Da die Komplexität jeglicher zeitgenössischer Auffassungsdarstellung aus dem historischen wie gesellschaftlichen Kontext resultiert, braucht es ein Wissen des unmittelbaren Zeitgeschehens um die schwankende Einstellung zum Melancholiebegriff nachvollziehen und darstellen zu können, was der Rahmen dieser Arbeit nicht zulässt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Begriff einem tiefgreifenden Normenwandel unterliegt und keineswegs in jeder Kultur und zu jeder Zeit dasselbe bedeutet, wie der obige Exkurs aufzeigt. Jedoch zeigt sich, dass Zeugnisse und Erkundungsinhalte die Melancholie betreffend recht früh eine Differenz in ihrer Ausprägung übermitteln. So steht neben dem „Zustand von Traurigkeit“ der Einschub „mit partieller Verrücktheit“ und antizipiert bald das Paradigma der affektiven Psychose.26

[...]


1 Johann Wolfgang Goethe: Die Leiden des jungen Werther, Reclams Universal-Bibliothek Nr. 67. Stuttgart 2001, S. 56-57.

2 Vgl. ebenda.

3 Thorsten Valk: Melancholie im Werk Goethes: Genese - Symptomatik – Therapie. Tübingen: Niemeyer, 2002, S. 58.

4 Vgl. Vaget in: Goethes Erzählwerk. Interpretationen. Stuttgart: Reclam 1985, S. 46.

5 Thorsten Valk: Melancholie im Werk Goethes. S. 60.

6 Goethes Erzählwerk. Interpretationen. Reclam 1985, S. 57.

7 Alexander Kosenina: Literarische Anthropologie. Die Neuentdeckung des Menschen. Berlin: Akademie 2008, S. 10.

8 Vgl. Ernst Platner: Anthropologie für Aerzte und Weltweise. Leipzig 1772, Nachdruck hg. v. Alexander Kosenina, Hildesheim u.a. 1998, S. XVII.

9 Vgl. Kosenina: Literarische Anthropologie, S. 254.

10 Vgl. Wolfgang Riedel: Anthropologie und Literatur in der deutschen Spätaufklärung. Skizze einer Forschungslandschaft in: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur, Sonderheft 6, 1994, S. 101.

11 Anthropologischer Roman; Innengeschichte in: Alexander Kosenina, S. 70.

12 Friedrich von Blanckenburg: Über Romane. Nachdruck hg. v. Matthias Wehrhahn. Hannover 1997, S. 27f.

13 Vgl. Hellmut Flashar: Melancholie und Melancholiker in den medizinischen Theorien der Antike. Berlin 1966, S. 21.

14 Vgl. Raymond Klibansky, Erwin Panofsky, Fritz Saxl: Saturn und Melancholie. Studien zur Geschichte der Naturphilosophie und Medizin, der Religion und der Kunst. Frankfurt a.M. 1998, S. 39-42, 53f.

15 Rainer Jehl, Wolfgang E.J. Weber: Melancholie. Epochenstimmung-Krankheit-Lebenskunst. Stuttgart/Berlin/Köln: Kohlhammer, 2000.

16 Thorsten Valk: Melancholie im Werk Goethes, S. 2.

17 Vgl. Peter Sillem (Hrsg.): Melancholie oder vom Glück, unglücklich zu sein. Ein Lesebuch. München 1997, S. 21.

18 Michael Schmidt-Degenhard in: Melancholie. Epochenstimmung-Krankheit-Lebenskunst. Stuttgart/Berlin/Köln: Kohlhammer, 2000, S. 121.

19 Vgl. Helmut Flashar: Melancholie und Melancholiker in den medizinischen Theorien der Antike. Berlin 1966.

20 Vgl. Rainer Jehl: Melancholie und Acedia. Ein Beitrag zu Anthropologie und Ethik Bonaventuras. Paderborn 1984, S. 35-50.

21 Vgl. Michael Schmidt-Degenhard in: Melancholie, S. 124.

22 Carmen Stange in: Melancholie -zwischen Attitüde und Diskurs. Konzepte in Mittelalter und Früher Neuzeit. Andrea Sieber,Antje Wittstock( Hrsg.).Göttingen, 2009, S. 60.

23 Vgl. David Lederer in: Melancholie. Epochenstimmung-Krankheit-Lebenskunst. Stuttgart/Berlin/Köln: Kohlhammer 2000, S. 28.

24 Vgl. Erik Berggren: The Psychology of Confession. Leiden 1975, S. 43.

25 Vgl. Gabriela Signori: Aggression und Selbstzerstörung, „Geistesstörungen“ und Selbstmordversuche im Spannungsfeld spätmittelalterlicher Geschlechterstereotypen (15. und beginnendes 16. Jahrhundert), in: Trauer, Verzweiflung und Anfechtungen. Selbstmord und Selbstmordversuche in mittelalterlichen und frühzeitlichen Gesellschaften. Tübingen 1994, S. 113-152.

26 Michael Schmidt-Degenhard in: Melancholie. Epochenstimmung-Krankheit-Lebenskunst. Stuttgart/Berlin/Köln: Kohlhammer, 2000, S. 124.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Melancholie in "Die Leiden des jungen Werther" von Johann Wolfgang von Goethe. Anthropologie des 18. Jahrhunderts
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
24
Katalognummer
V507086
ISBN (eBook)
9783346064677
ISBN (Buch)
9783346064684
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Goethe, Werther, Die Leiden des jungen Werther, Melancholie, Anthropologie, Literatur, Fallbeispiel, Johann Wolfgang Goethe
Arbeit zitieren
Alisa Eichner (Autor), 2019, Melancholie in "Die Leiden des jungen Werther" von Johann Wolfgang von Goethe. Anthropologie des 18. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/507086

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