"Sein an sich" und "Sein für ein anderes" in der Einleitung zu Hegels "Phänomenologie des Geistes"


Ausarbeitung, 2017

9 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung: Hegels Phänomenologie des Geistes

1. Das Bewusstsein und sein Gegenstand

2. Wahrheit und Wissen

3. Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung: Hegels Phänomenologie des Geistes

In seiner 1807 erschienen Phänomenologie des Geistes beschreibt Hegel den „Weg des natürlichen Bewusstseins, das zum wahren Wissen dringt“1 in Form einer „Darstellung des erscheinenden Wissens“2, wobei sich das Wissen zur Wissenschaft in einem Prozess des Werdens entwickelt. Grundsätzlich ist es so, dass wir, die Leser und Hegel, einem Bewusstsein dabei zusehen, wie es sich im Laufe des Werkes bildet; von einem einfachen Wissen gelangt es zu absolutem Wissen. Dabei durchläuft das Bewusstsein verschiedene Stufen, innerhalb derer es erst meint, die Wahrheit erkennen zu können, sich dann aber Probleme bzw. Widersprüche ergeben, was letztlich zu einem „Aufheben“ führt. Aufheben im Sinne Hegels hat drei Bedeutungen: 1. in die Höhe heben, 2. bewahren und 3. wegnehmen, abschaffen. Eine erste These wird negiert, woraus sich ein Widerspruch (Antithese) ergibt. Eine zweite Negation (Negation der Negation) führt zur Aufhebung des Widerspruchs und es entsteht die Synthese, welche die These zwar enthält, aber auf einer höheren, wahreren Ebene.3 S o gelangt das natürliche Bewusstsein von einer Stufe auf die nächste, in der es wieder von dem eigenen Erkennen des Wahren überzeugt ist bis sich der nächste Widerspruch ergibt usw. Nach einer nachträglich verfassten Vorrede und der Einleitung, in der die Methode und das Ziel der Phänomenologie näher beschrieben werden, beginnt das natürliche Bewusstsein in Gestalt der sinnlichen Gewissheit, die sich zur Wahrnehmung entwickelt und anschließend zum Verstand. Im nächsten Teil wird sich das Bewusstsein seiner selbst bewusst, wird also zum Selbstbewusstsein. Auf die sich anschließende Vernunft folgen der Geist, die Religion und, zuletzt, das absolute Wissen. Das absolute Wissen ist von Beginn an als telos, als Ziel zu verstehen, das durch Erfahrungen erreicht werden muss. Wie Werner Marx bemerkt, möchte Hegel dem zeitgenössischen Bewusstsein zeigen, „daß es sich hier um ein Ziel […] handelte, auf das hin sich jedes natürliche Bewußtsein entwickeln könnte – wenn es nur die rechte Einsicht in sein Wesen hätte.“4 Di e Phänomenologie des Geistes zeichnet diesen Weg, diese Geschichte der Bildung des Bewusstseins zur Wissenschaft und lässt uns als Leser/Zuschauer teilhaben.

Wenn sich ein Bewusstsein, egal auf welcher Stufe, mit etwas beschäftigt, ist dieses Etwas sein Gegenstand. Der Gedanke an ein erkennendes Subjekt und ein zu erkennendes Objekt liegt hier nahe. Diese Trennung ist aber nicht so einfach vorzunehmen, wie es zunächst scheinen mag. Ein Gegenstand ist an sich, d.h. er ist außerhalb einer Beziehung zu etwas Anderem. Aber, sobald dieser Gegenstand das Objekt eines Subjekts wird, er also zum Gegenstand eines Bewusstseins wird, ist er nicht mehr nur an sich, sondern auch für dieses Bewusstsein. Wie sich dies genauer verhält und was das in weiterer Konsequenz auch für Bewusstsein und Gegenstand bedeutet, soll Thema dieser Ausarbeitung sein. Nun soll es aber näher um Bewusstsein und Gegenstand gehen.

1. Das Bewusstsein und sein Gegenstand

Das Erkennen dessen, was in Wahrheit ist, ist für Hegel, das worum es letztlich geht. Mit dieser Thematik beginnt die Einleitung und es wird schnell deutlich, dass Hegel nicht die Ansicht teilt, es gebe, strikt voneinander getrennt, auf der einen Seite das Absolute, das Wahre, und auf der anderen Seite das Erkennen, etwa als Werkzeug oder Medium, mithilfe dessen oder durch das man das Absolute zu erkennen vermag. Weil für Hegel das Absolute das Wahre ist, und das Wahre das Absolute, kann ein Erkennen außerhalb des Absoluten nicht wahr sein. Oft würden Voraussetzungen gemacht, auch in der Wissenschaft, die erst selbst auf ihre Wahrheit zu prüfen seien. Hierzu gehöre etwa die Vorstellung der eben beschriebenen Trennung.1 Bestimmte Begriffe als allgemein bekannt vorauszusetzen und direkt diese Trennung zu behaupten, behüte denjenigen, der dies behauptet, lediglich davor selbst diese Begriffe erläutern zu müssen.2 Diese Vorstellungen „machen nur eine leere Erscheinung des Wissens aus, welche vor der auftretenden Wissenschaft unmittelbar verschwindet.“3 A uch Hegel gibt zu, dass die Wissenschaft, indem sie auftritt, selbst ein Erscheinung ist; von ihrem Schein aber muss sie sich befreien, indem sie sich gegen ihn wendet. Das erscheinende Wissen selbst muss dargestellt werden und das passiert in der Phänomenologie; diese Darstellung ist „der Weg des natürlichen Bewußtseins, das zum wahren Wissen dringt“. 4 Was zeichnet dieses „natürliche Bewusstsein“ aus? Ein Bewusstsein „bedeutet für Hegel immer wissenden Bezug eines Selbst auf Gegenständlichkeit.“5 Als Gegenstände sind hier allerdings nicht nur materielle Dinge zu verstehen, sondern vielmehr abstrakte (Denk-)Gegenstände, die Hegel auch als Begriffe bezeichnet. Beispiele sind etwa: Freiheit und Gerechtigkeit. Das Metzler Lexikon Philosophie versteht Gegenstand „als Sammelbegriff […], um das zu kennzeichnen, worauf sich das Interesse oder die Beobachtung richtet“ und schreibt weiter: „Dabei geht Hegel zunächst davon aus, dass die Welt (für ein Subjekt) als G. des Wissens nur begrifflich gegeben ist. Was Objekte in Wahrheit sind, ist ihr Begriff, wobei unter »Begriff« eine bestimmte Konstellation von Denkbestimmungen zu verstehen ist.“1 Was ist nun mit „natürlichem“ Bewusstsein gemeint? Dabei geht es nicht um ein Bewusstsein als ein Mensch im Naturzustand o.ä. sondern mit Natur ist „für Hegel schlechthin das Bindende und Bestimmende […], also alle das Bewußtsein bestimmenden Umstände der Gesamtsituation, in der es sich befindet“2 gem eint. Dieses Bewusstsein gehört zu dieser Gesamtsituation, sie bilden eine Einheit, die in der Phänomenologie als „Gestalt“ bezeichnet wird. In Form verschiedener Gestalten tritt das natürliche Bewusstsein in dem Werk auf und wir beobachten seine Entwicklung und Bildung.

Das Bewusstsein ist sich zu Beginn jeder Gestalt, wie in der Einleitung beschrieben, sicher, das Wahre zu erkennen. Durch die sich auf jeder Stufe ergebenden Widersprüche gelangt das Bewusstsein auf den Weg der Verzweiflung und dieser „ist die bewußte Einsicht in die Unwahrheit des erscheinenden Wissens, dem dasjenige das Reellste ist, was in Wahrheit nur der nichtrealisierte Begriff ist.“3 Hierbei spielt der Skeptizismus eine wichtige Rolle, aus dem Hegel mehr zieht als die Skeptiker selbst. Übrig bleibt nicht lediglich ein leeres Nichts, sondern ein „Nichts dessen […], woraus es resultiert. […] es ist hiemit selbst ein bestimmtes und hat einen Inhalt.“4 Die skeptische Haltung des Bewusstseins, die es dazu bringt alles ihm bewusste zu bezweifeln, deckt die in jeder Gestalt sich ergebenden Widersprüche auf, baut dadurch seine „Natürlichkeit“, seine Bindung an die Umstände ab und macht „den Geist erst geschickt zu prüfen, was Wahrheit ist“5. Diese Negation des Erkannten ist also als bestimmte Negation zu verstehen, wodurch das Bewusstsein auf seinem Weg weiterkommt.6 Dieses Weiterkommen, die Bildung des Bewusstseins, geschieht durch diese „dialektische Bewegung“, wie Hegel sie nennt, die letztlich das ist was bei Hegel mit Erfahrung gemeint ist.7

Die Beziehung, in der Bewusstsein und Gegenstand stehen soll im Folgenden näher erläutert werden. Es ist wörtlich eine Beziehung: Das Bewusstsein bezieht sich auf seinen Gegenstand. Was sind Bewusstsein und Gegenstand aber außerhalb dieser Beziehung?

[...]


1 HEGEL, G.W.F. 1988: Phänomenologie des Geistes (PdG). Beruhend auf dem Text der kritischen Edition G.W.F.Hegel, Gesammelte Werke, Band 9, hrsg. von Wolfgang Bonsiepen und Reinhard Heede, Hamburg 1980, Felix Meiner Verlag GmbH Hamburg, S. 60

2 ebd.

3 PRECHTL, Peter, BURKHARD, Franz-Peter (Hrsg.) 2008: Metzler Lexikon Philosophie. 3. Auflage, Verlag J. B. Metzler Stuttgart Weimar, S. 109 (Dialektik) und 407 (Negation der Negation)

4 MARX, Werner 2006: Hegels Phänomenologie des Geistes. Die Bestimmung ihrer Idee in „Vorrede“ und „Einleitung“. 3., unveränderte Auflage, Vittorio Klostermann GmbH Frankfurt am Main, S. 45

1 vgl. HEGEL, 1988, S. 58

2 vgl. HEGEL, 1988, S. 59

3 ebd.

4 HEGEL, 1988, S. 60

5 MARX, 2006, S. 22

1 PRECHTL, BURKHARD,, S. 198

2 MARX, 2006, S. 23

3 HEGEL, 1988, S. 61

4 HEGEL, 1988, S. 62

5 HEGEL, 1988, S. 61

6 vgl. KÖHLER, Dietmar, PÖGGELER, Otto (Hrsg.) 1998: G. W. F. Hegel, Phänomenologie des Geistes. Klassiker Auslegen Bd. 16, Akademie Verlag GmbH Berlin, S. 3

7 vgl. SCHNÄDELBACH, Herbert 2013: Georg Wilhelm Friedrich Hegel zur Einführung. 5., unveränderte Auflage, Junius Verlag GmbH Hamburg, S. 56

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
"Sein an sich" und "Sein für ein anderes" in der Einleitung zu Hegels "Phänomenologie des Geistes"
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Philosophisches Seminar)
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
9
Katalognummer
V507240
ISBN (eBook)
9783346071576
ISBN (Buch)
9783346071583
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hegel, Phänomenologie, Phänomenologie des Geistes, Bewusstsein, Geist, Wahrheit, Wissen, Sein an sich, Sein für ein anderes
Arbeit zitieren
Philipp Stein (Autor:in), 2017, "Sein an sich" und "Sein für ein anderes" in der Einleitung zu Hegels "Phänomenologie des Geistes", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/507240

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