Diese Seminararbeit untersucht den Begriff der Schuld in Wolfram von Eschenbachs "Parzival". Im Fokus steht dabei die Schuld des Titelhelden und wie diese durch die Charaktere Cundrie und Trevrizent gewertet wird. Dabei wird auch auf den Unterschied zwischen dem Percevalroman von Chrétien und dem Parzival von Wolfram von Eschenbach eingegangen.
So ist der Protagonist Parzival im gleichnamigen Buch von Wolfram von Eschenbach oft im Diskurs, ob er Sünden begangen hat und damit Schuld auf sich geladen hat, oder ob er nicht schuldig ist und ein reines Gewissen haben darf. Im Buch gibt es zwei Charaktere, die besonders schwere Vorwürfe walten lassen und Parzival anklagen: Cundrie und Trevrizent. Diese hierarchisieren die Vergehen Parzivals unterschiedlich. Auch in der Sekundärliteratur zum Parzival gibt es keine eindeutige Antwort, welche Schuld Parzivals am schlimmsten wiegt.
Aus Parzivals Sicht ist die Schuld an Cunneware am verheerendsten, deshalb büßt er auch über den Verlauf des Werkes für diese Tat ihr gegenüber wiederholt ein. Andere Sünden werden Parzival zwar durch die Vorwürfe von Cundrie und Trevrizent bewusst, er muss aber erst über die Schwere seiner Schuld belehrt werden und fühlt sich dadurch nicht subjektiv schuldig. Besonders im Vergleich mit der Vorlage, dem Chrétienwerk fällt die unterschiedliche Behandlung der Taten auf, da diese oft vollkommen andere äußere Umstände haben und so abgeschwächt oder verstärkt werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Schuld und Sünde
2. Definition des Begriffes Schuld
3. Schuld in Parzival
3.1. Aspekte der Schuld nach Cundrie
3.2. Aspekte der Schuld nach Trevrizent
3.3. Aspekte der Schuld nach Parzival
3.3.1. Die Schuld an Cunneware
3.3.2. Die Wiedergutmachung
4. Rache für Cunneware
Zielsetzung & Themen
Diese Seminararbeit untersucht das Konzept der Schuld im höfischen Roman "Parzival" von Wolfram von Eschenbach mit einem Fokus auf die subjektive Wahrnehmung des Protagonisten. Ziel ist es, aufzuzeigen, warum Parzival die Bestrafung der Cunneware als seine schwerste persönliche Schuld empfindet und wie diese im Kontrast zu anderen, von außen zugeschriebenen Sünden steht.
- Analyse der verschiedenen Schuld-Konzeptionen (juristisch, theologisch, existenziell).
- Gegenüberstellung der Schuld-Perspektiven von Cundrie, Trevrizent und Parzival.
- Untersuchung der Bedeutung der Figur Cunneware und ihres prophetischen Lachens.
- Erarbeitung der Wiedergutmachungsstrategien und des ritterlichen Handelns von Parzival.
Auszug aus dem Buch
Die Schuld an Cunneware
Ganz anders als die vorherig genannten Sünden wird die Schuld an Cunneware dargestellt. Sie unterscheidet sich besonders in ihrer Kürze und darin, dass keiner der anderen Charaktere außer Parzival hier eine Sünde sieht. Dies ist also die einzige Handlung, die Parzival sofort und ohne die Erklärung durch eine andere Person bereut und eine Racheaktion ausübt. Zuvor bietet er zwar Sigune für die Ermordung Schianatulanders Rache an, wird von ihr aber auf den falschen Weg geschickt und vergisst sein Vorhaben über den Wunsch, zum Artushof zu gelangen (vgl. Pz. 141 – 143). Darum ist die dreifache Rächung Cunnewares seine einzige Rache. Damit will er die durch ihn ausgelöste Bestrafung Cunnewares wiedergutmachen. In der Forschung wurde an den Schlägen, die Cunneware durch Keye erfahren hat, bisher noch keine Schuld erkannt, dort wurde im Zusammenhang mit Cunneware nur die Funktion ihrer Figur und ihres Verhaltens untersucht. Cunneware ist eine prophetische Figur, denn die enlachte decheinen wîs, sine sæhe in der den hôhsten prîs hete od solt erwerben. si wolt ê sus ersterben. (Pz. 151,13-16) Sie hat also die Funktion, im Voraus den anderen Figuren und dem Leser zu zeigen, dass Parzival bereits vor seinem Werdegang auserwählt ist, Gralskönig zu werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Schuld und Sünde: Das Kapitel führt in die Problematik des vielschichtigen Schuld-Begriffs ein und stellt die verschiedenen Ankläger Cundrie und Trevrizent sowie Parzivals eigene Sichtweise vor.
2. Definition des Begriffes Schuld: Hier wird der Schuld-Begriff theoretisch anhand von juristischen, theologischen und philosophischen Ansätzen beleuchtet, um eine Arbeitsgrundlage für die Seminararbeit zu schaffen.
3. Schuld in Parzival: Dieses Hauptkapitel analysiert detailliert die verschiedenen Sünden Parzivals und wie diese von den zentralen Charakteren sowie dem Protagonisten selbst bewertet werden.
3.1. Aspekte der Schuld nach Cundrie: Untersuchung der harten Anschuldigungen Cundries, die sich insbesondere auf das Frageversäumnis bei Anfortas und die Ermordung Ithers beziehen.
3.2. Aspekte der Schuld nach Trevrizent: Analyse der Sündenlehre Trevrizents, der insbesondere den Gotteshass Parzivals als zentrales moralisches Vergehen fokussiert.
3.3. Aspekte der Schuld nach Parzival: Betrachtung der individuellen, komplexen Schuldempfindungen des Protagonisten, der sich erst durch äußere Belehrung seiner Fehler bewusst wird.
3.3.1. Die Schuld an Cunneware: Analyse der spezifischen Schuld Parzivals an der Bestrafung Cunnewares, die er als einzige Tat unmittelbar und aus eigenem Antrieb bereut.
3.3.2. Die Wiedergutmachung: Darstellung der ritterlichen Taten, mit denen Parzival versucht, seine Schuld an Cunneware durch das Schicken besiegter Ritter als Dienstboten zu sühnen.
4. Rache für Cunneware: Fazit der Arbeit, welches das besondere Gewicht der Cunneware-Episode hervorhebt und Parzivals bewusste Auseinandersetzung mit dieser speziellen Schuld resümiert.
Schlüsselwörter
Parzival, Wolfram von Eschenbach, Schuld, Sünde, Cunneware, Trevrizent, Cundrie, Gral, Wiedergutmachung, ritterliche Tugend, Mittelalter, Literaturwissenschaft, Identitätsentwicklung, Reue, Sühne.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Konzept der Schuld in Wolfram von Eschenbachs "Parzival" und analysiert, wie der Protagonist seine verschiedenen Verfehlungen wahrnimmt und bewertet.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Felder umfassen die Definition von Schuld, die religiöse Dimension von Sünde im Mittelalter sowie die spezifische Rolle der ritterlichen Ethik und der Wiedergutmachung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt danach, warum Parzival die Bestrafung von Cunneware als seine schwerwiegendste Schuld betrachtet und wie sich diese persönliche Einschätzung von den Bewertungen anderer Charaktere abhebt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Literaturanalyse und vergleicht primäre Textstellen aus dem Parzival-Epos mit fachwissenschaftlicher Sekundärliteratur zu Schuldtheorien im höfischen Roman.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die verschiedenen Schuld-Perspektiven der Figuren Cundrie, Trevrizent und Parzival sowie die spezifischen Episoden um Cunneware detailliert interpretiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Schuld, Sünde, Cunneware, Wiedergutmachung, ritterliches Handeln, Identitätsentwicklung und Wolfram von Eschenbach.
Warum spielt die Figur Cunneware eine solch zentrale Rolle für Parzivals Schuldgefühl?
Cunneware dient als Seismograph für Parzivals Status. Weil Parzival als einziger seine Schuld an ihr erkennt und aktiv sühnt, erhält dieses Vergehen in seinem subjektiven Empfinden ein höheres Gewicht als andere, ihm von außen zugeschriebene Sünden.
Wie unterscheidet sich Parzivals Reue bei Cunneware von seinem Umgang mit anderen Sünden?
Bei der Schuld an Cunneware erkennt Parzival das Problem eigenständig und leistet direkte Wiedergutmachung, während er bei anderen Vergehen wie dem Frageversäumnis erst durch die Belehrung Dritter zur Erkenntnis seiner Schuld geführt werden muss.
Welche Bedeutung hat das "Dümmlingsmotiv" in diesem Kontext?
Das Motiv des Lachens der Cunneware verknüpft das Märchenhafte mit der prophetischen Bedeutung von Parzivals künftiger Rolle als Gralskönig, wobei das Lachen eine Unordnung im höfischen Kontext anzeigt, die Parzival später wiedergutzumachen sucht.
- Arbeit zitieren
- Lea Jell (Autor:in), 2019, Schuld in Wolfram von Eschenbachs "Parzival". Warum Cunnewares Bestrafung Parzivals schwerste Schuld ist, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/507588