Das Schriftstellerpaar Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann auf dem "Bitterfelder Weg" (1958-1964)

Kulturgeschichte der DDR


Hausarbeit, 2015

38 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Auf dem „Bitterfelder Weg“ zum Neuen Menschen?
1.1 Kulturpolitische Richtlinien: I. und II. Bitterfelderkonferenz 1959/1964
1.2 Junger Autor in der Produktion: Siegfried Pitschmann. Erziehung eines Helden

2 Die Koproduzenten Reimann/Pitschmann: Leben, lieben, arbeiten in der Planstadt Hoyerswerda (1960 – 1963)
2.1 Das Sujet „Schwarze Pumpe“: Die Hörspiele Ein Mann steht vor Tür und Sieben Scheffel Salz
2.2 Künstlerische Produktion mit dem und für das Volk: „Zirkel schreibender Arbeiter“ im Kombinat
2.3 Genese einer Ankunftsliteratur: Ankunft im Alltag und Wunderliche Verlobung eines Karrenmannes
2.4 Das Autorenpaar in der Öffentlichkeit und ihr Verhältnis zu den Medien

3 Am Ende des „Abenteuers Schwarze Pumpe“: Getrennte Wege ab 1964
3.1 Die „Praktikerin“ Brigitte Reimann. Franziska Linkerhand.
3.2 Der „Theoretiker“ Siegfried Pitschmann. Ein Mann namens Salbenblatt

Resümee

Anhang

Literaturverzeichnis

Einleitung

Brigitte Reimann (1933-1973) und Siegfried Pitschmann (1930-2002) zogen 1960 als Ehepaar in die zweite ostdeutsche Planstadt Hoyerswerda und gingen als arbeitendes Schriftstellerpaar in die Produktion des damals größten entstehenden Braunkohlewerk Europas - „Schwarze Pumpe“. Sie schlugen damit den von der DDR-Partei- und Staatsführung initiierten Bitterfelder Weg (BW) ein. Hoffnungsvoll, talentiert und sehr ambitioniert, auch zweifelnd, standen sie beide am Beginn ihrer Karrieren im DDR-Literaturbetrieb, in dem sie sich als freie Autoren einen festen Platz erträumten bzw. erarbeiten wollten. In dieser Arbeit versuche ich darzustellen, wie sie während ihrer gemeinsamen Arbeits- und Lebensphase in Hoyerswerda als Koproduzenten und auch als Solisten sozialistische Gegenwartsliteratur schufen und dabei ein neues Literaturkonzept hervorbrachten - die Ankunftsliteratur.

Diese Forschungsarbeit ist kulturgeschichtlich motiviert und zielt allgemein auf einen Erkenntnisgewinn zur Kulturgeschichte der DDR der 50iger/60iger Jahre ab. Sie wurde angeregt durch meine Teilnahme an der Exkursion „Neue Menschen in neuen Städten – Social Engineering in der „Ära Ulbricht“ des Instituts für Geschichte und Biographie der FernUniversität in Hagen im Juni 2015 und der Ambition, mich im Rahmen des Studiengangs Europäische Moderne – Geschichte und Literatur mit dem Leben und Werk Reimanns und Pitschmanns zu befassen und Erkenntnisse über ihr Verhältnis zum Bitterfelder Weg zu erlangen. Der zeitliche Rahmen entspricht der gemeinsamen siebenjährigen Lebens- und Arbeitsspanne vom Frühjahr 1958 bis zum Frühjahr 1964, die die beiden Künstler als Liebes-, Ehe- und Schriftstellerpaar in Burg, Petzow, Hoyerswerda und Berlin mehr oder weniger miteinander verbracht und Literatur produziert haben. Diese Zeitspanne markiert zufällig die kulturpolitische Phase zwischen den beiden Bitterfelder Konferenzen (BKen) 1959 und 1964. Es geht weniger um Feststellungen zur offiziellen Kulturpolitik oder institutionalisierten Kulturarbeit als vielmehr um die kulturelle Praxis des Autorenpaares, eingebettet in ihre spezifischen Arbeits- und Lebensbedingungen und ihr Selbstverständnis als Schriftsteller, junge Intellektuelle und - um den damaligen Sprachgebrauch Rechnung zu tragen - als junge „Kulturschaffende“. Meine Fragestellungen lauten: Warum und wie haben das Schriftstellerpaar Reimann/Pitschmann auf dem BW Literatur produziert? Was macht ihr spezifisch gemeinsames schriftstellerisches Werk und künstlerisches und persönliches Engagement in Hoyerswerda aus? Welche Wirkungen hatte der Gang auf dem BW auf ihre Autorenkarrieren und ihr weiteres Leben? Und wie lässt sich ihre literarische und kulturelle Produktion in den Kultur- und hier insbesondere den Literaturbetrieb der DDR als Teil einer Kulturgeschichte der DDR bzw. einer kulturellen Identität der Ostdeutschen einordnen[1] ?

Im ersten Teil der Arbeit skizziere ich zunächst die kulturpolitischen Richtlinien der beiden BKen unter Verweis auf das ideologische Leitbild der „Ära Ulbricht“ vom Neuen Menschen. Im Hauptteil steht die gemeinsame literarische und kulturelle Produktion Reimanns und Pitschmanns in Hoyerswerda und ihre Wirkungen im Privaten und in der Öffentlichkeit im Vordergrund. Dabei versuche ich, nicht werkzentriert vorzugehen, d.h. mich nicht darauf zu beschränken wie das Schriftstellerpaar sozialistische Wirklichkeit der „Ära Ulbricht“ in ihren Erzählungen, Hörspielen, Drehbuch- und Romanprojekten darstellte, sondern hebe ihre individuellen, kreativen Strategien zur Umsetzung der kulturpolitischen Vorgaben des BW vor. Im Mittelpunkt des zweiten Teils steht auch die Frage, inwiefern der BW Identifikationspotential für Reimann/Pitschmann besaß und wie ihr Verhältnis zur ihrem Heimatland und den darin lebenden Menschen aussah. Im dritten und letzten Teil blicke ich auf das gemeinsame „Abenteuer Schwarze Pumpe“ unter der Prämisse, ob dieses für Reimann/Pitschmann als gescheitert anzusehen ist, als sie sich 1964 trennten.

Methodisch stützt sich diese Arbeit auf autobiographische Angaben des Paares, was Pitschmanns Erinnerungen angeht auch auf das Feld der Oral History. Gegenstand dieser Arbeit sind - mit Hinblick auf einen weiten Kulturbegriff in der kulturgeschichtlichen Forschung[2] - sozial-, literatur- und medien- und mentalitätsgeschichtliche Betrachtungen. So basiert sie auf Forschungsergebnisse der Brigitte Reimann Gesellschaft e.V., die sowohl das Brigitte-Reimann- und als auch das Siegfried-Pitschmann-Archiv führt sowie auf erfahrungsgeschichtliche Quellen wie den Briefwechsel zwischen dem Schriftstellerpaar, Tagebuchaufzeichnungen und Interviews Reimanns und Pitschmanns, den Zeitzeugengesprächen mit dem Freundeskreis Kultur in Hoyerswerda e.V. und meinen persönlichen Notizen zu den Eindrücken vom Exkursionstag in Hoyerswerda am 26.06.2015. Diese Arbeit „lebt“ aber auch von den literarischen Primärtexten beider Schriftsteller und deren Rezeptionsgeschichte, wobei die Material- und Quellenlage zu Brigitte Reimann (BR) eindeutig umfangreicher und der Forschungsstand dazu besser aufgearbeitet war als zu Siegfried Pitschmann (SP). Dies hat in erster Linie mit der Aufnahme von BRs Werk in den Kanon der DDR-Literatur zu tun. Demgegenüber blieb SPs Werk wegen seines geringen Umfangs randständig. Wertvoll für diese Arbeit waren die Quellen, die Stella Kristina herausgegeben hat: der Briefwechsels des Paares zwischen 1958 und 1971 (2013) sowie SPs Roman Erziehung eines Helden einschließlich biographischer sowie editorischer Anmerkungen (2015). Darüber hinaus erschien eine Reimann-Bibliographie (bislang Band I und II), in der auch auf die Koproduktionen mit Pitschmann eingegangen wird. Durch diese jüngsten Veröffentlichungen haben sich die Materialien aus den Archiven der beiden Autoren beim Literaturhaus Neubrandenburg e.V. erschließen lassen. Eine wesentliche Quelle sind auch die Erinnerungen, die eine Freundin SPs, die Theologin Marie-Elisabeth Lüdde, im Oktober 2001, knapp ein Jahr vor dem Tod des Schriftstellers,aufzeichnete.

Was bislang fehlt, ist eine „gleichwertige“ Betrachtung von BR und SP Leben und Schaffen auf dem Bitterfelder Weg, auch deswegen diese Arbeit.

1 Auf dem „Bitterfelder Weg“ zum Neuen Menschen?

Das kulturpolitische Schlagwort des BW, das am ehesten noch bei Literaturwissenschaftlern Assoziationen zu einer Literaturströmung der DDR in den 60iger, der Ankunftsliteratur [3] , hervorruft, ist in den letzten Jahren in Vergessenheit geraten und daher kaum Gegenstand wissenschaftlicher Forschung geworden. Unter dem Begriff BW lassen sich sowohl die Kulturpolitik der DDR zwischen 1959 und 1964 als auch die dadurch geprägte kulturelle Praxis der Künstler und Arbeiter subsumieren. Zu deren Skizzierung lassen sich drei Forschungsbeiträge verschiedener Wissenschaftsdisziplinen heranziehen - ein literaturgeschichtlicher und kulturpolitischer Aufsatz Therese Hörnigks (1979), ein kultur- und sozialhistorische Dissertation von Jonas Beyer (1991) und eine schwerpunktmäßig literaturwissenschaftliche Monographie von Manfred Schäfer (1994). Alle genannten Autoren charakterisieren den BW übereinstimmend als eine „von oben“ initiierte kulturpolitische Kampagne der SED-Partei- und Staatsführung, die letztlich ihre Massenwirksamkeit verfehlte. Die SED beschloss aus ihrem ideologischen Selbstverständnis heraus als „führende Partei der Arbeiterklasse“ auf ihrem V. Parteitag im Juli 1958 eine „neue, didaktische Funktionsbestimmung von Kunst und Kultur“, der zwei wesentliche Thesen zugrunde lagen: die „sozialistischen Erziehung der Menschen“ und die „Überwindung der Kluft zwischen Kunst und Leben“.[4] Hierzu sei „eine große Erziehungsarbeit, ein politischer, geistiger, moralischer und sittlicher Reifeprozess der Werktätigen“ im gesamten gemeinsamen Leben nötig, denn „neue, sozialistische Beziehungen zwischen den Menschen (würden) nicht im Selbstlauf entstehen.[5] Tatsächlich sollte dieser „Kulturkonzeption“ zur Bewusstseinsbildung im Sinne der marxistisch-leninistischen Theorie bei der künstlerischen Intelligenz – allen voran bei den Schriftstellern - beitragen. Es wurde die Entwicklung einer sozialistischen Nationalkultur in der DDR angestrebt und zwar ähnlich wie in der Sowjetunion auf Grundlage der Förderung des Volkskunstschaffens. Es ging auch darum, „das Bild des guten Deutschen“ international zu vermitteln.[6] Adressaten der von der SED behaupteten erforderlichen kulturellen Umstrukturierung[7] waren also nicht nur die Schriftsteller - wie schon beim Aufruf zur Entwicklung einer „Aufbauliteratur“ Anfang der 50iger Jahre – neu war, dass die Arbeiter (und Bauern), die „Höhen der Kultur“ erstürmen sollten. Die Forschung stimmt überein, dass der BW einen gesellschaftspolitischen sowie politökonomischen Hintergrund hatte und an sozialpolitische Maßnahmen gekoppelt war: Das von der SED behauptete „Zurückbleiben der Kultur“ beim Aufbau des Sozialismus sollte überwunden werden, denn nur durch eine massenwirksame Bewusstseinsbildung konnte sich die sozialistischen Produktionsverhältnisse dauerhaft durchsetzen und letztlich der „Sieg des Sozialismus“ schneller erreicht werden. Die Künstler, vor allem die Schriftsteller, sollten dabei helfen und es wurde klargestellt, sofern sie dies nicht tun, würde sich die Entwicklung des Sieges verlangsamen.[8]

1.1 Kulturpolitische Richtlinien: I. und II. Bitterfelderkonferenz 1959/1964

Die I. Bitterfelder Konferenz (I. BK) fand vom 24. bis 29. April 1959 im Kulturpalast des Elektrochemischen Kombinat Bitterfeld statt. Teilnehmende waren ca. 300 schreibende Arbeiter, 150 Berufsschriftstellern, Partei- und Regierungsmitglieder, Vertreter von, Hochschulen, Universitäten, der Presse, Verlage , der Akademie der Künste, des DSV und des FDGBs vermitteln.[9] Sie war ursprünglich als Autorenkonferenz des Mitteldeutschen Verlages Halle zur Auswertung des Literaturpreisausschreiben geplant worden, dass anlässlich der Verabschiedung des Siebenjahresplans der Leuna Chemiewerke im November 1958 im Zuge sozialistischen Wettbewerbs unter den Brigaden ausgerufen worden war. Zwei Losungen prägten die Konferenz:

„Greif zur Feder Kumpel – die sozialistische Nationalkultur braucht dich jetzt!“ und „Schriftsteller an die Basis “.[10] Diese Aufforderungen machten lt. Hörigk deutlich, „dass eine unmittelbare Wirkungsmöglichkeit von Literatur auf das gesellschaftliche Bewusstsein angenommen wurde“[11] Die „Kluft“ zwischen Kulturschaffenden und Werktätigen sollte durch enge Wechselbeziehungen überwunden werden, wobei die Künstler - Schriftsteller und bildende Künstler - Musiker wurden erst im Verlaufe der 60iger Jahre einbezogen- eine Angleichung ihrer Lebensweisen und künstlerischen Produktion vollziehen sollten, indem sie in die Lebens- und Arbeitswelt der Werktätigen in der sozialistischen Produktion eintauchen und die „Entfaltung der künstlerischen Selbstbetätigung der Arbeiterklasse“ fördern sollten wie es der Kulturminister Alfred Kurella in seinem für den Erfahrungstausch richtungweisenden Referat nannte.[12] Damit war die Eigenständigkeit des künstlerischen Schaffens nicht anerkannt worden. Die Künstler sollten sich „enger mit den Problemen der Produktion vertraut machen können“ – es ging um konkrete Praxisbezüge in der Diskussion. Einige Schriftsteller wie Bräuning, Grabner, Strittmatter u.a., bekannten sich zur neuen Anforderung der „ideologische Klarheit“, d.h. der Widerspiegelung der marxistisch-leninistischen Theorie in den Kunstwerken. Dies entsprach der Erwartung der SED an die Literatur. Sie nannten aber auch ideologische und organisatorischen Hindernisse. Strittmatter, gerade Vorsitzender des Deutschen Schriftstellerverbandes (DSV) sprach von lediglich 20 Autoren die bislang dem Aufruf des V. Parteitages „Künstler in die Betriebe““ gefolgt seien und über die Zunahme der „harten Schreibweise“[13] Soziale Aspekte aus Sicht der Künstler, warf Zimmering, Direktor des J.R. Becher Instituts Leipzig, auf – es ging um die Sicherung des Existenzminimums der Künstler in den Betriebsverbindungen[14]

Auf der I. BK ging es vor allem um die Aufhebung der Unterschiede zwischen Arbeitern und Künstlern, auf der II. Bitterfelder Konferenz (II. BK) am 24./25. April 1964 ging es dagegen um die Einnahme des politischen Standpunktes der SED-Führung durch die Künstler, künstlerische Qualität im Sinne des sozialistischen Realismus, aktive Teilnahme der Künstler am gesellschaftlichen Leben und die Qualifizierung der Laienkünstler sowie die“ Entwicklung eines reichen geistig-kulturellen Lebens der ganzen Gesellschaft“ ging. Darüber hinaus forderte Ulbricht die Zentralisierung der Kulturarbeit in staatlichen Organen.[15] n Im Übrigen seien die Beschlüsse der I. BK erfüllt, die Prinzipien aber sollten gültig blieben. Es wurde eine „neue Etappe „des Reifens der sozialistischen Kunst“ ausgerufen; „die Kluft sei überwunden“. Von der nach Meinung der SED „neu entstandene Künstlergeneration“ wird gefordert die „Position des Leiters und Planers einzunehmen“ – nunmehr wurde die Eigenständigkeit der künstlerischen Arbeit anerkannt. In Vorbereitung der II. BK erschien eine Briefsammlung, basierend auf einer „Meinungsumfrage“ des Ministers für Kultur, H. Bentzien. 18 Schriftstellern legten ihren bisher zurückgelegten Weg dar. Hörnigk schrieb von einem „durchgehenden Tenor der grundsätzlichen Übereinstimmung mit der Kulturpolitik, aber auch Unzufriedenheit mit Maßnahmen und Art, wie Beschlüsse in Praxis umgesetzt worden waren.[16] Am eindruckvollsten ist der Brief von Franz Fühmann, der auf die Grenzen des BW aufmerksam macht. Er verweist auf das Erfordernis sich „frei im Stoff (zu) bewegen und „souverän (zu) komponieren und zu gestalten“ bei der Darstellung der Arbeitswelt und das dies der BW nicht leisten könne. Er könne den „großen Betriebsroman“ daher nicht schreiben. Darüber hinaus plädierte er für „Qualität und Internationalität der Literatur“. [17] Fühmanns Ablehnung wurde polemisiert und scharf kritisiert. SP und BR äußerten sich nicht in einem solch offenen Brief.

1.2 Junger Autor in der Produktion: Siegfried Pitschmann. Erziehung eines Helden

„Da hängt er nun am Seil, gleich wird er das Dach erreichen, unser Neuling, unser Held, oder vielmehr das, was einmal ein Held werden soll, und wir, mit viel Hoffnung für ihn, lassen ihn vorläufig allein.“ [18]

Der erste Umzug Pitschmanns von seinem damaligen Wohnort, dem thüringischen Mühlhausen in die zweite sozialistische Planstadt Hoyerswerda im August 1957, lag dem Willen zugrunde, sein Leben umfassend zu ändern. Der Gang als Bauhilfsarbeiter auf die Großbaustelle Schwarze Pumpe, wo in der Lausitz das größte Braunkohleveredlungswerk Europas entstehen sollte bedeutete für SP … hinein in die „harte Lebenspraxis“ und näher heran an die Orte des wirklichen Geschehens. Nach meiner Vorstellung geschahen dort große Dinge, wurden die Grundlagen für die Zukunft gebaut“. [19] Er schont sich nicht, lebt eine „richtiges Bauarbeiterleben“ - 7 Kerle in einer 3-Raumwohnung und fühlt sich zugehörig. Für sein Auftreten in „Bauarbeitermanier“ erfand er ein schönes Wort - „baustellenstark“.[20] Er fühlt sich nun nicht mehr als Intellektueller, sondern zur „Arbeiterklasse zugehörig“, wobei er dem Klassenbegriff skeptisch gegenüber stand – für ihn gab es keine Arbeiterklasse, „…. höchstens als Schicht. Er bezeichnete seine Kollegen als ..“ lauter Kleinbürger, die versuchten, mit dem Rücken an die Wand zu kommen, und ein Leben in Behäbigkeit zu führen.“ [21] Seine körperliche Konstitution war nicht geschaffen für ein Leben als Arbeiter. Im Februar 1958 verließ er auf ärztlichen Rat das Kombinat und die Lausitz. Sein persönliche Erfahrungen und Erlebnisse verarbeitet er in dem Romanerstling „Erziehung eines Helden“. Günter Caspar, späterer Cheflektor des Aufbau Verlages, fand SP Unternehmung großartig..“.– alle Welt schreit nach Geschichten von den Baustellen! . [22] “Ihn überzeugte Pitschmanns Konzeption von „ … einer großen Erzählung über die Abenteuer eines jungen Mannes auf einer Großbaustelle…Und das Leben rüttelt ihn dort erst einmal zurecht.“ [23] Er ermutigt ihn, den Roman so bald als möglich fertig zustellen und organisierte zusammen mit dem DSV ab Anfang März 1958 einen Aufenthalt im Schriftstellerheim Friedrich Wolf am Schwielowsee in Petzow, nebst Schreibmaschine und Stipendium. Er hatte SPs Prosa-Talent erkannt. SP: „ Und das ganze sollte heißen „Erziehung eines Helden“, was natürlich ironisch gemeint war. Denn in der öffentlichen Kulturpolitikdiskussion wurde ja ständig gefragt: „ Wo sind die Helden von heute?“. Das wollte ich ironisch aufgreifen und unterlaufen, weil das Leben anders ist, als man theoretisch vorgab.“ gebaut“. [24] Gleichzeitig wird in der DDR eine scharfe Formalismusdebatte über die „harte Schreibweise“ geführt. Durch die Rede Erwin Strittmatters (ES) auf der I. Bitterfelder Konferenz und einem Artikel im Neuen Deutschland geraten Werk und Autor – obwohl nicht konkret benannt - derart ins Visier der Öffentlichkeit, das BR von einer „Intrige“ sprach.[25] Die Aussprache beim Verband am 03.07.1959, zu der BR SP begleitete, verlief verheerend. Der Roman durfte wegen seines Stils – der bürgerlich-dekadenten „harten Schreibweise“ nicht erscheinen. Dieses „entsetzliche Abschlachten, Strafgericht“ [26] wie es SP beschrieb, hat sein ganzes zukünftiges Schaffen geprägt. SP schrieb nach dem Verriss „angepasst“ und um des Schreiben Willens, eine der Lebens- und Arbeitsbeziehung des Paares nicht förderliche Einstellung (These). Seine Verzweiflung gipfelt im Sommer 1959 in einem Selbstmordversuch, von dem ihn BR rettete und anschließend ES um Hilfe bat. Dieser versprach, die Umsiedlung nach Hoyerswerda energisch zu unterstützen, was er auch tat: “Die drückendsten Sorgen sind wir los“. [27]

BR und SP – sie damals 25 und er 28 Jahre alt – lernten sich Ende März 1958 im o.g. Schriftstellerheim kennen. Sie finden schnell zueinander und heiraten am 10.02.1959 ebenda.[28] SP erinnert sich an die Zeit des intensiven Kennen lernens: …“und wir fingen an herumzuträumen… Wir wollten Literatur machen und die Menschen damit fesseln. Wir wollten große Werke schreiben. Und wir waren überzeugt, dass unsere Geschichten gebraucht werden, ja dass die Menschen nach Literatur schreien.“.. und damit meinte er nicht „... diese so genannte Produktions- oder Betriebsliteratur“, die er als „grässlich“ bezeichnete.[29]

Die Widmung, die SP seiner Frischvermählten in sein Hochzeitsgeschenk, einer Ausgabe von Boccacios Decamaron schrieb, gibt einen Ausblick auf das innige, enge Verhältnis der beiden jungen Eheleute und Freude und Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft: „Meiner liebsten, treuen Gefährtin und Kollegin zur Eröffnung des neuen, gemeinsamen Zeitalters. Petzow, 10. Febr. 1959 Daniel“ [30] Die beiden ersten Jahre 1958/59 ihrer Beziehung waren eine schwere berufliche und private Zeit und von sozialen Entbehrungen und künstlerischem Misserfolg gekennzeichnet – die Scheidungen, keine Veröffentlichungen. Sie hungerten, lebten von „…Brot, Margarine statt Butter, Suppenwürfel, Tee….Es war beschwerlich, aber es hat uns nicht fertig gemacht. Wir haben es in Kauf genommen..“, „Das war schon eigenartig, diese Art Lebensgefühl in der DDR. Irgendjemand wird sich schon um uns kümmern, haben wir gedacht.“ [31] BR schrieb „(an diesen Zustand permanenter Armut gewöhnt man sich), w as viel schlimmer war die Ablehnung zweier Romane: „ Wir fragen uns nach dem Sinn unserer Arbeit in

einer Zeit, die anscheinend von Literatur (was wir unter Literatur verstehen) nichts mehr wissen will. Wir können nur auf einen, neuen, gemäßigteren Kurs hoffen.[32] Die bis dato erschienen Reportagen aus der Produktion von Kollegen fanden sie „entsetzlich oberflächlich“.Sie wollten es besser machen. Diese Äußerungen zeigen, dass beide ihren literarischen Weg unabhängig von der ideologischen Idee des „Bitterfelder Weges“ suchten sowohl inhaltlich und als auch ästhetisch. In ihrer ersten gemeinsamen Bleibe in Brigittes Zimmer im Erdgeschoss ihres Elternhauses in Burg herrschen keine optimalen Lebens- und Arbeitsbedingungen. Sie suchen neue Arbeits- und Wohnmöglichkeit. SP schlägt BR vor, das „behütete“ Leben in der Kleinstadt hinter sich zulassen und sich ein gemeinsames Leben in der Lausitz aufzubauen. „ Aber wir sind eben nicht auf Grund der Erfindung des BW später nach H. gegangen, sondern es war meine Idee, einmal um mir neue Lebensbereiche zu erschließen….damit sie sich nicht in ihrem engen Lebenskreis festschreibt…Die kulturpolitische Entwicklung kam uns da entgegen.“ gedacht.“ [33] Ein anderer Grund war der Ärger, den BR mit der Magdeburger Staatssicherheit hatte, die zu einer „unsäglichen Aussprache“ mit dem Vorstand des DSV führte. Sie wollten alles hinter sich lassen und im Bezirk Cottbus neu anfangen.[34] SP begeistert seine junge Frau für ein Leben in der ihm vertrauten Stadt und dem ihm vertrauten Betrieb. Brigitte notiert am 12.9.1959: .., wir gehen einem „schönen, aufregenden und produktiven Abenteuer“ entgegen, …dass ich feige bin und vor allem, allem schreckliche Angst habe(...). Daniel ist glücklich. Ist das nichts?“ [35]

[...]


[1] Mühlenberg, Dietrich: Überlegungen zu einer Kulturgeschichte der DDR In: Kaelble, Hartmut/ Kocka, Jürgen/Zwahr, Hartmut (Hg.): Sozialgeschichte der DDR, Klett Cotta Stuttgart 1994, S. 84f.

[2] Mühlenberg, S. 85

[3] Jäger, Andrea: In: Metzler Lexikon DDR-Literatur. Autoren – Institutionen – Debatten. Herausgegeben von Michael Opitz und Michael Hofmann unter Mitarbeit von Julian Kanning, Metzler Stuttgart, Weimar 2009, S. 3ff.

[4] Beyer, Jonas: Die Kulturarbeit des FDGB im Zeichen der Bitterfelder Konferenzen (1959 – Mitte der 60er Jahre) – die Illusion von der „Überwindung der Kluft Kunst – Leben“, Leipzig, Karl-Marx-Universität, Diss., 1991, S. 11f. Jäger, Manfred: Kultur und Politik in der DDR. 1945-1990. Herausgegeben von Ilse Spittmann-Rühle u. Gisela Helwig, Köln 1994, S. 86f. Hörnigk, Therese: Die erste Bitterfelder Konferenz. Programm und Praxis der sozialistischen Kulturrevolution am Ende der Übergangsperiode In: literarisches Leben in der DDR 1945 bis 1960. Literaturkonzepte und Leseprogramme, Akademie-Verlag DDR Berlin, 1979, S. 201f. ; Jäger, Andrea In: Metzlers, ebd.

[5] siehe Fn. 4, ebenda.

[6] Hörnigk, S. 243

[7] Die SED beabsichtigte dies seit 1949, siehe hierzu auch die Kulturkonferenz 1957. Der V. Parteitag stützte sich auf die Beschlüsse des XX. KPdSU Parteitagtag 1956 , der die „Tauwetter“-Periode“ einleitete- Bezeichnung für Vorgänge gegen herrschende ideologische und künstlerische Dogmen der regierenden kommunistischen Parteien.

[8] Hörnigk, S. 243; Beyer S. 41 u. 46, Jäger, Manfred, S. 87f.

[9] Hörnigk, S. 203f. Der Tagungsort war Ausgangspunkt der sozialistischen Brigadebewegung im Januar 1959 gewesen.

[10] Jäger, Manfred, ebd.

[11] Hörnigk, S. 240

[12] Hörnigk, S. 213ff;

[13] Beyer, S. 13; Jäger, Manfred, S. 90 Nach dem XX: Parteitag der KPdSU 1956 war in der DDR eine heftige Formalismusdebatte über das Verhältnis von moderner bürgerlicher und proletarisch-revolutionärer bzw. sozialistischer Literatur entbrannt, S. 13; ,. Strittmatter moniert, dass schlecht über die Werktätigen von Schwarze Pumpe geschrieben wird S. 90

[14] Beyer S.6., Hörnigk ebd.; Anm. d. Verf.: Nach der 1. BK gab es kampagnenartige Abschlüsse von Betriebsverträgen hauptsächlich mit volkseigenen Kombinaten, die sich aufgrund der Panerfüllung diese Verträge finanzieren konnten. Träger Kulturarbeit und verantwortlich für die Betriebsverträge, später für das Auftragswesen und die Kunstpreisdiskussionen, war der FDGB als „Massenorganisation der Arbeiterklasse“.

[15] Beyer S. 57-59.

[16] Hörnigk, S. 234f.

[17] Brief Franz Fühmanns vom 01.03.1964 In: Kohn, Erwin (Hg.) In eigener Sache. Briefe von Künstlern und Schriftstellern, Mitteldeutscher Verlag Halle (Saale) 1964, S. 40ff.

[18] Pitschmann, Siegfried: Erziehung eines Helden, hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Kristina Stella, Aisthesis Verlag Bielefeld 2015, S. 66.

[19] Ders.: Verlustanzeige. Erinnerungen. Aufgezeichnet und bearbeitet von Marie-Elisabeth Lüdde, Ed. Muschelkalk der Literarischen Gesellschaft Thüringen e.V. 2004, S. 42.

[20] Ders: Unten in Bitterfeld. In: Männer mit Frauen. Aufbau Verlag Berlin und Weimar (1973), 1. Auflage 1974, S. 187.

[21] Siegfried Pitschmann: Verlustanzeige, S. 50

[22] Ebenda, S. 54

[23] Ebd.

[24] Ebd. S. 54f.

[25] Reimann, Brigitte: Ich bedaure nichts. Tagebücher 1959-1963. Hrsg. von Angela Drescher Aufbau Taschenbuch Berlin (1997), 4. Aufl. 2004, S. 117f.

[26] Siegfried Pitschmann: Verlustanzeige, S. 78.

[27] Reimann, Brigitte: Ich bedaure nichts .S. 119.

[28] Bircken, Margrid/Hampel, Heide (Hg.). Brigitte Reimann. Eine Biographie in Bildern. Aufbau Verlag, Berlin 2004, S. 79.

[29] Siegfried Pitschmann: Verlustanzeige, S. 59

[30] Bircken, Margrid/Hampel, Heide ebenda.

[31] Siegfried Pitschmann: Verlustanzeige, S. 70

[32] Reimann, Brigitte: Ich bedaure nichts , S. 116. Anm. d. Verf. „Amerikanismus“ à la Hemingway und Mailor , Autoren, die das Paar glühend verehrt, S. 62

[33] Siegfried Pitschmann: Verlustanzeige, S. 76.

[34] Ders. S. 80

[35] Reimann, Brigitte: Ich bedaure nichts , S. 121.

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Das Schriftstellerpaar Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann auf dem "Bitterfelder Weg" (1958-1964)
Untertitel
Kulturgeschichte der DDR
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Institut für Geschichte und Biographie)
Veranstaltung
Modul 5 G: Politische Gestaltung: Revolution, Staat und Verfassung
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
38
Katalognummer
V508319
ISBN (eBook)
9783346092687
ISBN (Buch)
9783346092694
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kommentar des Betreuers: In zusammenfassender Betrachtung handelt es sich bei vorliegender Hausarbeit um eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema "kulturelle Praxis" respektive des Versuchs der kritischen Aneignung des Bitterfelder Wegs durch zwei bedeutende Protagonisten.
Schlagworte
Der Neue Mensch, Bitterfelder Weg, Ulbricht-Ära, Die zehn Gebote, Ankunftsliteratur, Siegfried Pitschmann, Brigitte Reimann, Planstadt Hoyerswerda, DDR 1958-1964, Schwarze Pumpe, Bitterfelder Konferenz, Autorenpaar, kulturelle Praxis, Ankunft im Alltag, Erziehung eines Helden, kulturpolitische Richtlinie, DDR Literaturbetrieb, SED Kulturpolitik der 50iger und 60iger Jahre, Ein Mann steht vor der Tür, Sieben Scheffel Salz, sozialistischer Betrieb, Hörspiele der DDR, Schriftstellerpaar, Oral History, Zeitzeugen, Kluft zwischen Kunst und Leben, Social Engineering, Freundeskreis Kultur in Hoyerswerder e.V., Hoy, Das Netz
Arbeit zitieren
Antje Pauer (Autor), 2015, Das Schriftstellerpaar Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann auf dem "Bitterfelder Weg" (1958-1964), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/508319

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