Albert Speer. Vom Mythos zur Wahrheit


Bachelorarbeit, 2017
50 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Vorbemerkung
1.1. Der Prozess

2. Kurzbiographie: Albert Speer

3. Albert Speer und die Partei
3.1. Der „ Unpolitische“
3.2. Partei und Kommerz
3.3. Der Aufstieg
3.4. Hitlers Architekt

4. Albert Speer und die Juden
4.1. Der „ganz gewöhnliche Antisemitismus“
4.2. Die“ Entmietung“ der Berliner Juden

5. Albert Speer: die Rüstung und die Zwangsarbeiter
5.1. Der Minister ( 1942-1945)
5.2. Zwangsarbeiter und KZ: Komplizenschaft mit Himmler und Sauckel
5.3. Die Entwicklung der Rüstungsproduktion unter Speer
5.4. Die „Endlösung der Judenfrage“

6. Albert Speer im Urteil der Historiker

7. Schlussbetrachtung

8. Literaturverzeichnis

1. Vorbemerkung

Diese Arbeit befasst sich mit Albert Speer, einem Mann, der zum engsten Kreis um Adolf Hitler gehörte, sich am Beginn seiner Parteikarriere als Architekt der Partei und des Führers profilierte und mit der Übernahme der Verantwortlichkeit für die Rüstung des Dritten Reiches während des zweiten. Weltkrieges zu einem der mächtigsten Männer des Regimes aufstieg. Sie soll die Widersprüche seiner Eigendarstellung im Verhältnis zur heutigen Aktenlage herausarbeiten und seiner wirklichen Rolle im Gefüge der Macht und der Partei (NSDAP) nahe kommen. Seine Planungs-und Bautätigkeit als Architekt für Führer und Partei soll hier keine zentrale Rolle spielen, da sie ja nur zum kleinsten Teil verwirklicht wurde und nur in Bauplänen für die „Nachwelt“ erhalten blieb. Sie spielt aber insofern eine Rolle, als dass sie in dem Kapitel „Albert Speer und die Partei“, die Aussage Speers, er sei eher ein unpolitischer Mensch gewesen, widerlegen wird. Allerdings wird Speers Tätigkeit als „Baumeister“ auch in den anderen Kapiteln aufscheinen, wenn auch in anderer Form.

Zu Albert Speer hat es neben seinen eigenen Publikationen, die eine Art Zeitzeugnis darstellen und hier auch zur Auswertung kommen, eine Flut von Bucherscheinungen, Artikeln, Kommentaren, Filmen und Ausstellungen gegeben, die sich mit der Person und seiner besonderen Rolle auseinander setzen und damit das Interesse an seiner Person, Funktion und Aussage bis in die heutige Zeit bestätigen. Dass dies kontrovers geschieht, liegt in der Natur der Sache und in der fortschreitenden Forschung seit Ende der Nürnberger Prozesse sowie in den unterschiedlichen Herangehensweisen und Fragestellungen.

1.1. Der Prozess

Auf der Grundlage des Londoner Viermächteabkommens vom August 1945 fand zwischen November 1945 und Oktober 1946 in Nürnberg vor dem internationalen Militärgerichtshof der Prozess gegen die Hauptkriegs-Verbrecher statt. Angeklagt waren 24 führende nationalsozialistische Politiker und Militärs, unter ihnen Albert Speer. Richter und Ankläger stellten die vier Siegermächte: USA, Frankreich, Großbritannien und die Sowjetunion. Anklagepunkte waren:

1. gemeinsamer Plan und Verschwörung
2. Verbrechen gegen den Frieden
3. Kriegsverbrechen
4. Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Die meisten Angeklagten beurteilten zwar im Verlauf des Prozesses das NS-Regime als verbrecherisch, sie betonten jedoch, selbst keine Kenntnis von den Verbrechen gehabt oder bloß Befehle ausgeführt zu haben. Im Übrigen stellten die meisten Angeklagten die Rechtmäßigkeit des Nürnberger Tribunals in Frage. Einer der häufigsten Einwände gegen den Nürnberger Prozess lautete , dass er einen Verstoß gegen das Rückwirkungsverbot dargestellt habe, da die angeklagten Nationalsozialisten von den Siegern des Krieges zumindest teilweise auf der Grundlage von retroaktiven Gesetzen verurteilt wurden. Dagegen wurde argumentiert, dass dieser Vorwurf bei solch beispiellosen Verbrechen nicht greife. So schrieb Hannah Ahrendt in „Eichmann in Jerusalem“: „ Wenn plötzlich ein bis dahin unbekanntes Verbrechen wie Völkermord geschieht, verlangt gerade die Gerechtigkeit ein Urteil, das einem neuen Gesetz folgt.“1

Albert Speer verfolgte im Gegensatz zu den anderen Angeklagten eine andere Verteidigungsstrategie, nämlich die Mischung aus genereller Schuldanerkenntnis, Leugnung und vorgeblichem Nichtwissen. So notierte Gustave M. Gilbert, ein amerikanischer Gefängnispsychologe, über ein Gespräch mit Speer: „ Er erkenne, dass die Geschichte in Anbetracht der Ungeheuerlichkeit der begangenen Verbrechen einen derartigen Prozess verlangt, und hält ihn im allgemeinen für sinnvoll. Es habe keinen Zweck über Einzelschicksale zu jammern, obwohl seine eigene Schuld ihm genauso fraglich scheint wie den übrigen. Von den in der Anklageschrift aufgeführten Verbrechen behauptet er, keine Ahnung gehabt zu haben, da er 1942 ohne jegliche vorherige Erfahrung zum Vorsitzenden des Rüstungsrates ernannt worden war. Über die Konzentrationslager wusste er nicht mehr als irgendein anderer Minister, etwa über die V-2.“

Vier Aspekte zeichneten die Verteidigungsstrategie Albert Speers und seines Anwalts Hans Flächsner aus: Erstens habe Speer vorrangig als Fachmann agiert, zunächst als Architekt, dann als Organisator der deutschen Rüstungsindustrie. Speers Anwalt betonte in seiner Verteidigung, Speer hätte im In- und Ausland den Ruf eines unpolitischen Fachmanns genossen. Zum einen versuchte er sich also von der NS-Ideologie zu distanzieren, zum anderen wollte er deutlich machen, dass er sich auf seinen Bereich beschränkt hätte und deshalb auch nicht in die Vernichtungspolitik involviert gewesen sei. Zweitens hätte er im letzten Kriegsjahr in verschiedener Weise gegen Hitler und seine Politik opponiert. Er hätte gegen den, später als „Nero-Befehl“ bezeichneten Vernichtungsbefehl Hitlers, der eine „verbrannte Erde“ der deutschen Versorgungs- und Industrieanlagen vorsah, gehandelt und Denkschriften an Hitler verfasst, in denen er auf die aussichtslose Kriegslage hinwies. Der dritte, nicht unbedeutende Aspekt seiner Verteidigung war, dass er Fritz Sauckel, dem Generalbevollmächtigten für Arbeitseinsätze, die Hauptverantwortung am Zwangsarbeiterprogramm anlastete, obwohl Sauckel sein „Zuarbeiter“ bei der Beschaffung von Arbeitskräften in der Rüstung war und auf seine „Anforderungen“ reagieren musste. Viertens stach Speer unter den Angeklagten dadurch hervor, dass er das NS-Regime nicht nur als verbrecherisch verurteilte, sondern als Teil seiner Führung eine „Gesamtverantwortung“ übernahm, eine persönliche Schuld jedoch bestritt. Vom Judenmord wollte er überhaupt nichts gewusst haben. Dann verstieg er sich auch noch in die Behauptung, ein Attentat auf Hitler erwogen zu haben, ohne jedoch einen Beweis antreten zu können.

In seiner Einvernahme, in seiner Verteidigung und in seiner Schlusserklärung unterschied sich sein Verhalten von dem, der anderen Angeklagten. Das brachte ihm schon während des Verfahrens und dann später in der Spandauer Haft die Isolierung seiner Person im Kreise der Mitangeklagten und späteren Mitgefangenen ein. Zitate seiner Schlusserklärung vor dem Gericht vor der Urteilsverkündung:

„Dieser Krieg hat eine unvorstellbare Katastrophe über das deutsche Volk gebracht und eine Weltkatastrophe ausgelöst.(…). Ich als ein wichtiges Mitglied der Führung des Reiches trage daher mit an der Gesamt-Verantwortung von 1942 an.“

Als sein Anwalt ihn fragte, ob er die Verantwortung für die Geschehnisse innerhalb seines umfangreichen Aufgabengebietes übernehme, bekannte sich Speer dazu „ soweit dies nach den allgemein geltenden Grundsätzen überhaupt nur möglich ist und soweit nach seinen Anweisungen gehandelt worden sei“. Auf eine weitere Frage nach der Verantwortung sprach er ein weiteres Mal von einer „ Gesamtverantwortung“ der „ nächsten Mitarbeiter um ein Staatsoberhaupt herum“. Er stimmte auf Nachfrage zu, dass damit die „g roßen Linien der Politik“ gemeint seien, „ nicht die einzelnen Geschehnisse bei der Durchführung der Maßnahmen“. Andererseits war er während der Befragungen immer wieder darum bemüht, seine Unwissenheit herauszustellen. Zeugenaussagen und Dokumente zur Situation der Zwangsarbeiter in den Lagern konnten seiner Ansicht nach nicht verallgemeinert werden oder waren unzutreffend. Er formulierte oft vage, verwies auf Erinnerungslücken oder mangelnde Detailkenntnisse. Im Unterschied zu anderen Mitangeklagten wirkte Speer verantwortungs- bewusst und einsichtig. Er trat mit dem Habitus eines gebildeten Großbürgers auf und setzte sich damit von manchem Mitangeklagten „wohltuend“ ab. Er sprach nicht von einer „Siegerjustiz“, stellte den Prozess nicht infrage und distanzierte sich von den anderen Angeklagten.

Albert Speer wurde schließlich von den Richtern in zwei Punkten, wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit für schuldig befunden und zu 20 Jahren Haft verurteilt. Von vielen Seiten wurde das Urteil als zu milde eingeschätzt. Er hatte es während seines Prozesses wie kein anderer verstanden, sich aus aussichtsloser Position in der Gunst der Richter nach vorne zu arbeiten und sie so vom Todesurteil abzubringen.

Speer selbst hatte nach eigener Aussage mit der Todesstrafe gerechnet.

Am Ende des Prozesses wurden elf der 24 Angeklagten zum Tode und sieben zu einer langjährigen oder lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Für drei von Ihnen endete der Prozess mit einem Freispruch. Robert Ley hatte zuvor Suizid begangen, Martin Bormann wurde in Abwesenheit verurteilt und das Verfahren gegen Gustav Krupp von Bohlen und Halbach wurde aus gesundheitlichen Gründen eingestellt. Speer gab sich mit dem Urteil zufrieden und kommentierte:

„Nun das ist gerecht genug. Ich kann mich nicht beklagen“.2

Mit diesem Prozess begann der Aufbau der eigenen Legende Albert Speers.

2. Kurzbiographie-Albert Speer (1905-1981)

19. März 1905: Albert Speer wird als Sohn des Architekten Albert Speer und dessen Frau in Mannheim geboren.

1923-1927 : Architekturstudium an den Technischen Hochschulen in Karlsruhe, München und Berlin.

1928: Nach der Diplomprüfung wird Speer Universitäts-Assistent bei Professor Tessenow an der Berliner Hochschule.

1930: An der Berliner Universität hört Speer erstmals eine Rede Adolf Hitlers. Er ist beeindruckt von dessen Persönlichkeit und seiner Vision eines zukünftigen Deutschlands.

Januar 1931: Speer tritt in die NSDAP, sowie in deren Sturmabteilung (SA) ein. Niederlassung als selbständiger Architekt in Mannheim.

1932: Erste Bauaufträge von der NSDAP.

März 1933: Nach der Machtübernahme der NSDAP erhält er den Auftrag zum Umbau des Propagandaministeriums. Hitler bestimmt Speer zum technischen Assistenten des Architekten Paul Ludwig Troost (1878-1934) und beauftragt ihn mit dem Umbau der Reichskanzlei. Speer übernimmt außerdem Planung und Gestaltung von Großkundgebungen der NSDAP.

1934: Nach Troosts Tod wird Speer Hitlers bevorzugter Architekt. In der „Deutschen Arbeitsfront“ (DAF) leitet er das Amt: “ Schönheit der Arbeit“.

1937: Für die Weltausstellung in Paris entwirft er den Deutschen Pavillon. Speer erhält dort den „Grand Prix“ für die Gestaltung der Nürnberger Reichsparteitage und die Goldmedaille für den Deutschen Pavillon in Paris. Hitler ernennt Speer zum Generalbauinspekteur für die Neugestaltung der Reichshauptstadt Berlin und anderer deutscher Städte.

1938: Berufung in den Preußischen Staatsrat und Auszeichnung mit dem Goldenen Parteiabzeichen der NSDAP.

1938/39: Speer entwickelt den Generalplan für den Umbau Berlins zur Welthauptstadt „Germania“. Er gestaltet eine neue Reichskanzlei und entwirft Modelle für zahlreiche weitere Monumentalbauten und NS-Kultstätten. Hitler bietet Speer unbegrenzten finanziellen Spielraum.

1941: Er wird als Vertreter des Wahlbezirks Berlin-West in den Reichstag gewählt.

9. Februar 1942: Speer wird Reichsminister für Bewaffnung und Munition, Generalinspekteur für das Straßenwesen sowie Generalinspekteur für Wasser und Energie. Bis 1945 bleibt er „autoritärer Dirigent des großdeutschen Rüstungskonzerts“ (M. Schmidt: Albert Speer- Das Ende eines Mythos), dass durch den Einsatz unzähliger Zwangsarbeiter aus Konzentrationslagern erst möglich wird. Zur Rekrutierung der Häftlinge kooperiert Speer eng mit Heinrich Himmler und der SS.

1944: Speer erkrankt schwer und kann über das Frühjahr sein Amt nicht ausüben. Aufgrund des zunehmenden Mangels an Rohstoffen und Arbeitskräften zeichnet sich der Zusammenbruch der Kriegswirtschaft ab. Obwohl Speer für eine Beendigung des Krieges plädiert, kann ihn Hitler überzeugen, im Amt zu bleiben .

Juli 1944: Nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli tauchen Dokumente von Widerstandskämpfern auf, in denen er als Minister für eine neue Regierung vorgeschlagen wird. Speer versichert, keine Kontakte zu den Attentätern gehabt zu haben.

1945: Speer widersetzt sich Hitlers „Politik der verbrannten Erde“. Er sabotiert Befehle, die auf die Zerstörung der deutschen Industrie und Landwirtschaft zielen.

23. Mai 1945: Nach Kriegsende wird Speer verhaftet und in das alliierte Kriegsgefängnis in Nürnberg überführt.

Im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess wird gegen ihn Anklage erhoben.

1. Oktober 1946: Speer wird vor dem internationalen Gerichtshof in Nürnberg wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 20 Jahren Haft verurteilt. Er wird mit sechs weiteren „Hauptkriegsverbrechern“ in das ehemalige Militärgefängnis Berlin-Spandau überführt .

30. September 1966: Entlassung aus der Haft.

1969: Speer veröffentlicht seine „Erinnerungen“ die er während der Haft verfasst hat. Speers Buch wird zu einem der größten Memoirenerfolge der Bundesrepublik.

1975: Seine Aufzeichnungen aus der Haft, die „Spandauer Tagebücher“ erscheinen.

1981: Speer veröffentlicht die Studie „Der Sklavenstaat“, die eine Analyse der Strukturen des NS-Regimes aus der Sicht eines Beteiligten bietet.

1. September 1981: Albert Speer stirbt während eines Besuches in London.3]

3. Albert Speer und die Partei.

3.1. Der „ Unpolitische“

Mit der NSDAP dürfte Speer spätestens im Jahr 1928 nähere Bekanntschaft gemacht haben. 1927 erlangte er das Diplom an der Berliner Hochschule und bereits ein halbes Jahr später wurde er Professor Tessenows Assistent.4 Jetzt konnte er endlich seine Jugendliebe Margarete Weber heiraten. Die Hochzeit fand am 28. August 1928 in der Berliner Gedächtniskirche statt. Als Assistent Tessenows befand sich Speer an einer Hochschule, an der politische Meinungsverschiedenheiten zu dieser Zeit häufig in tumultartigen Auseinandersetzungen ausarteten. Baldur von Schirach, 1928 zum Leiter des „Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes“ (NSDStb) avanciert, blies 1929 „zum Sturm auf die Hochschulen“, um die jungen Intellektuellen für die Nationalsozialistische Idee zu gewinnen. Mit verbaler Argumentation war es nicht getan und so gerieten die politischen Kontroversen an den Hochschulen mehr und mehr zu handfesten Scharmützeln. In Berlin kam es seit November 1930 zu derart zahlreichen Schlägereien zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten, dass die Universität im Juni 1931 für einige Zeit geschlossen werden musste. Dies dürfte auch Albert Speer nicht entgangen sein. Die Stimmengewinne des NSDStb bei den AStA- Wahlen5 waren rasant und die Technische Hochschule Berlin, an der Assistent Speer tätig war, lag an der Spitze. Verharmlosend bemerkt der Autobiograph Speer nach dem Krieg “Unsere Technische Hochschule war inzwischen zu einem Zentrum nationalsozialistischer Bestrebungen geworden.“ Anlässlich der Berliner Hochschulwahlen kam es zur ersten Begegnung Speers mit Hitler im Saal der „Neuen Welt“ in der Neuköllner Hasenheide. Der Saal wurde wegen Überfüllung gesperrt. Hitler, von den jungen Leuten mit orkanartigem Applaus begrüßt, bot seinen Zuhörern einen braun-philosophischen Exkurs über Nation, Ehre und Heldentum. Hitler: „Wenn Völker sich von den alt überlieferten, oder wie sie glauben, überalterten Ideen der Ehre, des Heldentums…..trennen, dann hat das zur Folge eine langsame Schwächung der Nation….(…) Eine heroische Idee sammelt die heroischen Elemente, eine feige Idee, sammelt die Feigen.“ Abschließend appellierte er an die Studenten: „ Prüfen Sie die Zeit, prüfen Sie, was dieser Zeit Schwung und Leben gibt. Wählen Sie dann und entscheiden Sie sich. Sie müssen dann den Weg finden, der Sie eingliedert in das Leben und die Zukunft der Nation.“ Tosender Applaus der Anwesenden! Auch Speer war beeindruckt! Danach hatte er das Bedürfnis allein zu sein. Speer: „ Aufgewühlt fuhr ich mit meinem Wagen durch die Nacht, hielt in einem Kiefernforst der Havellandschaft und wanderte lange.“6

Die Rede Hitlers traf die jungen Zuhörer mitten ins Herz. In Zeiten von Wirtschaftsmisere, Arbeitslosigkeit und chaotischen politischen Zuständen prangerte sie zudem das Scheitern der etablierten politischen Parteien an. Neue „Ideale“ wurden angeboten und eine Volksbewegung beschworen, die „zermalmend“ über all die Verwesungsprodukte eines morschen, zusammenbrechenden Systems hinwegging. Einige Wochen später hörte Speer noch eine Rede des Berliner Gauleiters Josef Goebbels, die ihn aber eher abstieß. Die Wirkung der Hitlerischen Rede vermochte sie jedoch nicht zu zerstören. Die Initialzündung war da und es erfolgte der Parteieintritt Speers am 1. März 1931 mit der Mitgliedsnummer 474481. Es war der Eintritt in eine politische Partei und somit eine politische Entscheidung; heute wie damals! Auf die Frage hin, warum er in die Partei eingetreten sei, antwortete Speer: „ Weil ich nicht wollte, dass Deutschland kommunistisch wird.“ Als sicher kann gelten, dass der Parteieintritt 1931 weniger spontan erfolgte, als es Speer 1945 glauben machen wollte. Seine Mitgliedschaft im NSAK/NSKK (Nationalsozialistisches Automobilkorps ab 1931 Nationalsozialistisches Kraftfahrkorps) stellte er als bedeutungslose Begleiterscheinung des Parteieintritts dar. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass sie diesem sogar vorausging.7 Die Beiläufigkeit, mit der Speer sein Engagement für die NSDAP oder eine ihrer Gliederungen darstellt, ist in jedem Fall irreführend. Speer ging in seinen 1969er „ Erinnerungen“ auffallend flüchtig darauf ein, als einziger Autobesitzer der NSAK/NSKK-Sektion Berlin-Wannsee, deren Chef geworden zu sein. Im Zusammenhang mit Speers NSKK-Aktivitäten stand seine Mitgliedschaft in der SS bzw. der Motor SS in Mannheim.8 Offensichtlich war, dass er sich durchaus mit Engagement beteiligte und sein Auto für den Parteidienst zur Verfügung stellte. Speer ließ es in seinen Erinnerungen so erscheinen, dass es in Mannheim keine Sektion des NSKK gegeben habe, sodass er deswegen in die Motor SS übernommen wurde. Das „Archiv für publizistische Arbeit“ berichtete, Speer habe vor seinem Parteieintritt am 1.März 1931 schon einige Zeit mit der Partei in Verbindung gestanden.9]

Berichte, die auf die Motive des Parteieintritts Speers schließen ließen gab es nur aus seiner Feder oder aus Briefen an ihn. Demnach sei es ihm unter anderem um eine Erneuerung der seiner Meinung nach überholten, in sich erstarrten Kunstausrichtung der NSDAP gegangen. Eine den Entschluss zum Beitritt unterstützende Gruppendynamik konnte für das Seminar Tessenows konstatiert werden. Es wurde berichtet, dass sich dort um den Assistenten Speer ein Freundeskreis gebildet habe. Es sei ein nationalsozialistischer Kreis entstanden, aus dem heraus Speer immer wieder angegriffen worden sei, weil er sich nicht festlegen lassen wollte. Wortführer war dort ein gewisser Klinke, den er nach dessen Tod in einer Trauerrede als politisches Leitbild bezeichnete und ihn als solches direkt ansprach: „ (…) und durch Dich gingen wir damals in Versammlungen des Führers und des Gauleiters. Bald war unser Studentenkreis eine aktive nationalsozialistische Zelle, der beim illegalen Studentenbund der Hochschule eine führende Rolle zufiel. Du hast also meinem politischen Leben die entscheidende Wende gegeben.“

So viel zum unpolitischen Speer .10]

3.2. Partei und Kommerz

Mit seinem Eintritt in die Partei verfolgte Speer sicherlich nicht nur politische Ziele, sondern suchte wie andere auch, den Einstieg in eine berufliche Karriere. Aber Opportunismus konnte man ihm zu dieser Zeit nicht vorwerfen, denn die Nazis waren noch nicht an der Macht und es war nicht abzusehen, ob sie es jemals schaffen würden. Speer hatte eigentlich für seine Selbständigkeit als Architekt eine schlechte Zeit gewählt und so war die Assistentenstelle bei Tessenow sicherlich ein Karrieresprungbrett, wenn auch ein mäßig bezahltes. Inzwischen hatte er geheiratet und konnte in Berlin ein bescheidenes Leben führen. Tessenows architektonische Stilrichtung war bei den Nazis nicht wohlgelitten und wurde in einer Unterorganisation der Partei, dem „Kampfbund Deutscher Kultur“ stark angegriffen. Sein Architekturstil tendierte zur Einfachheit und zum Regionalismus. In dieser Zeit erhielt Speer immer hin einige kleinere Aufträge als selbständiger Architekt in Heidelberg und Berlin. Weitere Kleinaufträge in ganz Deutschland folgten (Innengestaltungen, Umbauten, Renovierungen, Anbauten). Er lebte mehr „schlecht als recht“ von seinen Einkünften.

So fügte es sich gut, dass er über den NSKK die Bekanntschaft von Karl Hanke machte, der ihm in dieser Organisation übergeordnet war (Speer war Leiter der Sektion Wannsee).11 Er bekam von Hanke den Auftrag, das künftige Quartier der Kreis-Organisation Grunewald, eine angemietete Villa, umzugestalten. Das war Albert Speers erste Arbeit für die NSDAP. Als Freiwilliger bekam er nicht einmal ein Honorar für die vollständige innenarchitektonische Gestaltung. Für Speers Beziehungen zur Partei war Hanke in der Anfangszeit eine wichtige Kontaktperson. Hanke sollte ihm im Verlauf der Jahre bis zum Ende des Krieges ein enger Freund werden und mit und durch ihn den Parteiaufstieg schaffen. Zwischenzeitlich hatte er bei Tessenow die Assistentenstelle wegen einer Lohnkürzung aus wirtschaftlichen Gründen gekündigt, und das Ehepaar pendelte nun zwischen Heidelberg und Berlin. Im Juli 1932 schaltete sich Speer in den Reichstagswahlkampf ein, in dem er unter anderem der Partei seinen PKW zur Verfügung stellte. Die NSDAP ging aus dieser Wahl mit 270 Sitzen (von 584) im Reichstag erstmals als stärkste Partei hervor. Sie besaß damit beinahe die Mehrheit der Mandate und damit das Recht vom Reichspräsidenten mit der Regierungsbildung beauftragt zu werden. Dazu kam es vorerst nicht. Aber Karl Hanke, inzwischen Organisationsleiter des Gaues Berlin unter Goebbels und Reichstagsabgeordneter, bat Speer dringend um Kontaktaufnahme. Das neue Gau-Haus in der Berliner Voßstraße sollte umgebaut und renoviert werden und Speer bekam den bezahlten Auftrag. Diesen Auftrag bezeichnete Speer später als den großen Wendepunkt seiner Laufbahn. Hitler hatte sich lobend über das Ergebnis geäußert, ohne dabei auf Speer zu treffen. Sein Ansehen in der Partei stiegen von nun an.12 Speer verdiente im „Bau- und Veranstaltungsgeschäft“ mit der Partei in der Folgezeit Millionen.

3.3 Der Aufstieg

Am 30. Januar 1933 war es dann soweit: Nachdem die Regierung General Schleichers gescheitert war, gab Reichspräsident Hindenburg auf Drängen seiner Berater nach und ernannte Adolf Hitler zum Reichskanzler und beauftragte ihn mit der Regierungsbildung.

Das Kapitel des Dritten Reiches und damit der unaufhaltsame Aufstieg des Albert Speer begann.

Freund Karl Hanke rief Speer, eine Woche nach dem Wahlsieg vom 5. März 1933, zum wiederholten Mal nach Berlin. Hier traf er auf Josef Goebbels, der ihn mit dem Umbau des Propagandaministeriums beauftragte.13]

[...]


1 Hannah Arendt (1906-1975) war eine jüdische, deutsch-amerikanische politische Theoretikerin und Publizistin. Sie emigrierte 1933 aus Deutschland und wurde 1937 ausgebürgert.

2 Trommer, Isabell: Rechtfertigung und Entlastung, Campus Verlag, Frankfurt a.M. 2016, Seite 32-38.

3 Quelle: www.dhm.de (letzter Internetzugriff: 09. August 2017).

4 Tessenow, Heinrich, Architekt (1876-1950). Von 1926-1941 Professor an der TU-Berlin, . Vertreter der deutschen Reformarchitektur.

5 Wahlen zum Studierenden-Parlament.

6 Schmidt, Matthias: Albert Speer- Das Ende eines Mythos, Scherz Verlag, München 1982, Seite 39-43.

7 Breloer/Zimmer: Die Akte eines Kriegsverbrechers, Propyläen-Verlag, Berlin 2006, Seite 33, dort auch weiterführende Belege.

8 Die Schutzstaffel (SS) war eine nationalsozialistische Organisation in der Weimarer Republik und der Zeit des Nationalsozialismus, die der NSDAP und Adolf Hitler als Herrschafts- und Unterdrückungsinstrument diente. In ihren Verantwortungsbereich fielen ab 1934 Betrieb und Verwaltung von Konzentrations-, ab 1941 auch von Vernichtungslagern, sie war sowohl an der Planung wie an der Durchführung des Holocausts und anderer Völkermorde herausragend beteiligt.

9 BA R58/8031, Archiv für publizistische Arbeit, Bd. ME-SO, 23.4.42, S. 7179.

10 Tesch, Sebastian: Albert Speer (1905-1981), Böhlau-Verlag, Wien 2016, Seite 46-48.

11 Karl August Hanke (* 24. August 1903 in Lauban; † wahrscheinlich 8. Juni 1945 in Neudorf an der Popelka) war ein Funktionär der NSDAP während der Zeit des Nationalsozialismus. Karl Hanke war Gauleiter von Schlesien und der letzte Reichsführer SS.

12 Van der Vat, Dan: Der gute Nazi-Leben und Lügen des Albert Speer, Henschel, Berlin 1997, Seite 64-71.

13 Paul Joseph Goebbels (* 29. Oktober 1897 in Rheydt; † 1. Mai 1945 in Berlin) war einer der einflussreichsten Politiker während der Zeit des Nationalsozialismus und einer der engsten Vertrauten Adolf Hitlers. Als Gauleiter von Berlin ab 1926 und als Reichspropagandaleiter ab 1930 hatte er wesentlichen Anteil am Aufstieg der NSDAP in der Schlussphase der Weimarer Republik. Als Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda und Präsident der Reichskulturkammer hatte Goebbels von 1933 bis 1945 in Deutschland zwei entscheidende Positionen für die Lenkung von Presse, Rundfunk und Film sowie des sonstigen Kulturschaffens inne.

Ende der Leseprobe aus 50 Seiten

Details

Titel
Albert Speer. Vom Mythos zur Wahrheit
Hochschule
Technische Universität Chemnitz  (Europäische Geschichte)
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
50
Katalognummer
V508612
ISBN (eBook)
9783346068194
ISBN (Buch)
9783346068200
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Speer und die Partei; Speer und die Juden; Speer: die Rüstung und die Zwangsarbeiter
Schlagworte
Partei, Juden, Zwangsarbeiter, Minister
Arbeit zitieren
Ullrich Michael Rasche (Autor), 2017, Albert Speer. Vom Mythos zur Wahrheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/508612

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